{"id":1014,"date":"2022-03-22T02:48:17","date_gmt":"2022-03-22T00:48:17","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1014"},"modified":"2022-03-22T11:55:52","modified_gmt":"2022-03-22T09:55:52","slug":"phantastischer-montag-atmen-und-hoffen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1014","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Atmen und hoffen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1021\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"243\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer <\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcber der Kr\u00e4henbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich \u00fcber ihr Fenster, machte den Abend d\u00e4mmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. Genauso lang wie sie versuchte, die Erinnerung auf Distanz zu halten, hartn\u00e4ckig wie das Klopfen selbst.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Atmen. Vergessen<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, befahl sie sich sich. <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Atmen. Vergessen. Atmen. Vergessen<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Unm<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6glich. Denn selbst ihre Gedanken folgten dem Rhythmus der Tropfen, und ihre Augen weigerten sich, von dem Glitzern und Funkeln wegzuschauen. Sternenlicht gefangen in Regentropfen &#8211; genau wie in jener Nacht. So fern. Andra legte eine Hand an die k\u00fchle Fensterscheibe. K\u00fchl aber trocken. Die Tropfen durch das Glas so unerreichbar wie ihre Heimat.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ihre Finger nahmen den Rhythmus der Tropfen auf, tappten gegen die Scheibe. <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Atmen. Vergessen<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie atmete tief ein und meinte, den Regen, k<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchl und schwer, erdig und metallisch zu riechen, zu schmecken &#8211; als fl\u00f6ge sie wieder zwischen diesem Funkeln hindurch wie in jener Nacht. Sie hatte den Geruch tief in sich eingesogen, hatte ihn auf der Zunge geschmeckt, noch bevor sie den Mund weit aufgerissen hatte, um den Regen und sein Glitzern in sich aufzunehmen. Das Sternenlicht prickelte an ihrem Gaumen, als die Tropfen daran zerplatzten. Es tanzte ihre Kehle hinab und weckte die Funken in ihrem Bauch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hatte sie auch nur einen Moment an die Warnungen gedacht? Oder hatte das Glitzern und Funkeln jede Vernunft in ihr ausgel<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6scht? Sie war jung gewesen, und das Sternenlicht tanzte in ihr &#8211; welcher Drache konnte dem schon widerstehen?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ihr Feuer floss aus ihr heraus, ihre Flammen leuchteten mit den glitzernden Tropfen um die Wette, strahlten hell und immer heller, befreiten das Sternenlicht aus seinem k<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchl-nassen Gef\u00e4ngnis. Tropfen zerbarsten, zerstoben zu feinstem Staub. Das Sternenlicht aber ballte sich zusammen, brannte heller als ihr Feuer, dehnte sich aus und vertrieb die Nacht. F\u00fcr einen goldenen Moment war sie ganz in Feuer und Glitzern und Funkeln getaucht &#8211; es leuchtete, strahlte, pulsierte, zog sich zusammen, breitete sich aus, zog sich zusammen &#8211; und verschwand.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dunkelheit umgab sie. Regen prasselte auf ihre Schuppen. Schlug auf sie ein. Und die Dunkelheit war so tief, dass sie jedes Feuer erstickte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und dann hatte das Klagen der anderen Drachen eingesetzt. Da erst begriff Andra, was sie getan hatte. Sie hatte Feuer und Wasser gemischt und so das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben. Fortan waren die N<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chte dunkler als die tiefste Einsamkeit und selbst wenn die Drachen sich noch so eng aneinanderschmiegten, blieb die Weite um sie her unendlich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Sie hatte diese Verbannung mehr als verdient. Sie hatte das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben &#8211; und nun war es hier in dieser fremden Welt, verspottete und verlockte sie zu gleichen Teilen, glitzerte und funkelte noch immer, w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4hrend es sich langsam in die fremde Welt fra\u00df und sie zerst\u00f6rte. Langsam aber gewiss. Nur mit Magie lie\u00dfe es sich wieder einfangen. Andra tappte noch immer den Regenrhythmus gegen das Glas. Sie war keine Magierin.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In N<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chten wie diesen w\u00fcnschte sie sich, sie w\u00e4re wenigstens eine Geschichtenerz\u00e4hlerin. Dann k\u00f6nnte sie diese ganze Misere aufschreiben, sie wie eines der alten M\u00e4rchen klingen lassen. Sch\u00f6n und faszinierend und nie geschehen. Worte auf Papier, das sie zerrei\u00dfen konnte und in eine Feuerschale werfen und anz\u00fcnden, die Worte von den Flammen auffressen lassen, beobachten, wie sie mit dem Rauch verwehten. Sch\u00f6n und faszinierend und nie geschehen. Und sie w\u00fcrde die Augen schlie\u00dfen und am n\u00e4chsten Morgen in der ihr vertrauten Welt aufwachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Unm<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6glich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra seufzte. Sie drehte dem Fenster, der Nacht, den funkelnden Regentropfen, ihren R<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fccken zu. Der Regen schlug weiter gegen das Glas, aber Andra h\u00f6rte ihm nicht l\u00e4nger zu. Morgen w\u00fcrde sie erneut in dieser fremden Welt aufwachen. Auch morgen w\u00fcrde sie nicht aufgeben. Irgendwo in dieser Welt versteckte sich die Magie, die sie alle retten w\u00fcrde: diese Welt vor dem zerst\u00f6rerischen Sternenlicht, ihre Drachengeschwister vor der Dunkelheit und sie selbst aus der Verbannung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/2022-03_Papierkorb.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1015\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/2022-03_Papierkorb.jpeg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"768\" \/><\/a><\/p>\n<p>Unser Zitat zur Inspiration der Geschichten im M\u00e4rz &#8230; Was die Kolleg*innen damit gemacht haben, k\u00f6nnt ihr hier nachlesen: <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/ungeplant\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ungeplant<\/a> von Carola Wolff und <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/papierkorb02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Eckige muss ins Runde<\/a> von C. A. Raaven.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer \u00fcber der Kr\u00e4henbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich \u00fcber ihr Fenster, machte den Abend d\u00e4mmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. 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