{"id":1059,"date":"2022-07-18T11:09:50","date_gmt":"2022-07-18T09:09:50","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1059"},"modified":"2022-07-18T11:09:50","modified_gmt":"2022-07-18T09:09:50","slug":"phantastischer-montag-zwischen-den-welten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1059","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Zwischen den Welten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1021\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"243\" \/><\/a><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra lie<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00df zur Beruhigung eine kleine Flamme in sich entstehen, klein genug, dass sie nicht aufsteigen w\u00fcrde, gro\u00df genug, dass sie ihr Zuversicht schenkte. Sie begl\u00fcckw\u00fcnschte sich dazu, in ihrer Drachengestalt hier zu sein und nicht in ihrer menschlichen Form. Die stetige Flamme in ihrem Inneren verbreitete wohlige W\u00e4rme. Sie blickte die Treppe hinauf zu dem geheimnisvollen Wesen, das die T\u00fcr zur <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Soziet<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>\u00e4t f\u00fcr phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot)<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> bewachte. In der Stille unter dem hohen Kuppeldach meinte Andra, ihre eigene innere Flamme knistern zu h<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6ren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin verzog die Lippen ihres menschlichen Anlitzes zu einem L\u00e4cheln. Allerdings zu einem, von dem keinerlei W\u00e4rme ausging. Andra unterdr\u00fcckte ein Schaudern. Sie w\u00fcrde vor dieser W\u00e4chterin mit L\u00f6wenk\u00f6rper und Menschenkopf keine Schw\u00e4che zeigen! Sie w\u00fcrde ruhig bleiben, das R\u00e4tsel l\u00f6sen, wie kompliziert auch immer es sein mochte. Sterben war keine Option. Andra grub die Vorderkrallen in den Marmorfu\u00dfboden. Das knirschig-kratzende Ger\u00e4usch durchbrach die Stille, und das L\u00e4cheln der W\u00e4chterin vertiefte sich.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">H\u00f6r mir gut zu\u201c, hallte ihre Stimme durch die weite Kuppelhalle. \u201eHier ist mein R\u00e4tsel f\u00fcr dich. Ich bin, was du mitnimmst, nicht, was du zur\u00fcckl\u00e4sst. Was bin ich?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nicht einmal ihre in den Steinfu<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00dfboden gegrabenen Krallen boten Andra noch Halt. Was bitte sollte das sein? Ihr Schwanz zuckte, ihre Fl\u00fcgelspitzen zitterten. Das konnte alles sein! Die Flamme in ihrem Inneren flackerte, zischte, erlosch. So also w\u00fcrde es enden. Mit einer Fremden, die mit hochgezogenen Augenbrauen auf sie herabl\u00e4chelte, den pelzigen Schwanz \u00fcber die Vorderpfoten drapiert &#8211; alle Muskeln unter dem t\u00e4uschend weichen Fell angespannt, bereit zum Sprung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrde allein sterben und eine ganze Welt mit in den Tod rei\u00dfen. Elyfs Welt. Elyf. Andra starrte auf den Marmor vor ihren Tatzen, starrte auf die grau-schwarzen Linien im Wei\u00df und konnte nicht verhindern, dass sie sich in ihrem Kopf zu einer Nebelkr\u00e4he formten. Einer Nebelkr\u00e4he, die sie aus dunklen Augen anblitzte, mit ihr durch den Nachthimmel flog, zwischen den Sternen hindurchtauchte, sich hinabst\u00fcrzte, auf die Baumkronen weit unter ihnen zusauste, sich abfing, sicher zwischen den B\u00e4umen auf weichem Gras landete, kr\u00e4chzend lachte, sich drehte, sich wandelte, die Arme um sie schloss, w\u00e4hrend sie beide in Menschengestalt auf das Gras sanken, wispernd, weich, einander wiegend.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und doch hatte sie Elyf eines immer verschwiegen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra zog mit ihren Krallen tiefe Rillen in den Marmor. Sie schuldete Elyf wenigstens einen Versuch. Den schuldete sie dieser ganzen Welt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Oh. Die ganze Welt.<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> Vielleicht w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrde sie doch keine unm\u00f6glichen R\u00e4tsel l\u00f6sen m\u00fcssen. Oder sterben. Andra hob den Kopf. \u201eIch habe einen anderen Vorschlag. Du tust mir einen Gefallen und l\u00e4sst mich einfach durch diese T\u00fcr, und ich erwidere den Gefallen, indem ich die Welt vor dem sicheren Untergang rette. Sie ist n\u00e4mlich in Gefahr.\u201c Mit jedem Satz wurde ihre Stimme leiser. \u201eEin t\u00f6dliches Gift breitet sich in ihr aus. Noch wei\u00df niemand davon. Au\u00dfer mir.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin betrachtete sie schweigend, immer noch mit diesem halben L\u00e4cheln. Sie strich mit einer Pfote \u00fcber ihren Schwanz und summte dabei vor sich hin. \u201eVon welcher der vielen Welten sprichst du?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra schluckte. Nun gut, wenn es ihre Heimatwelt und die Welt von Elyf gab, dann war die Vorstellung von noch vielen weiteren Welten nicht ganz und gar abwegig, das musste sie zugeben. Sie fachte die kleine Flamme in sich wieder an, damit ihre Stimme zuversichtlich klang. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u201eNun, nat\u00fcrlich von der, auf der wir jetzt sind.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ah.\u201c Die W\u00e4chterin nickte. Sie stand auf, streckte und dehnte sich, dann lie\u00df sie sich mit einem kleinen Seufzer wieder auf allen Vieren nieder. \u201eDa liegt dein Fehler. Du nimmst an, wir w\u00e4ren noch auf der Welt, auf der du dich zuletzt aufgehalten hast. Aber hier sind wir zwischen allen Welten.\u201c Die W\u00e4chterin zuckte mit den Schultern. \u201eDu siehst also, diese Welt, von der du da sprichst, ist uns g\u00e4nzlich gleichg\u00fcltig.\u201c Sie klackte mit ihren Krallen einen langsamen Rhythmus auf dem Marmorboden. \u201eDa du nun schon einmal hier bist und ganz offenbar ein ernstes Anliegen hast, willst du es nicht mit dem R\u00e4tsel versuchen?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Als h<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4tte sie noch eine Wahl! In all der Zeit ihrer Verbannung hatte sie sich noch nie so sehr nach ihrer eigenen Welt gesehnt. Sie verfluchte sich f\u00fcr ihre Neugier, ihren Leichtsinn, sie verfluchte alle glitzernden Verlockungen, die sie dazu verf\u00fchrt hatten, ihr Feuer mit den Regentropfen zu mischen. H\u00e4tte sie der Versuchung doch niemals nachgegeben! Dann k\u00f6nnte sie jetzt zuhause sein, ein Lavabad mit Freundinnen nehmen, Feuerweitspucken veranstalten, die vielf\u00e4ltigen Rauchger\u00fcche der anderen Drachen genie\u00dfen, alle mit ihrer ganz eigenen Mischung, sie k\u00f6nnte sich abends mit ihnen unter dem weitesten aller Sternenhimmel zusammenrollen und den Geschichten der Alten lauschen, sich von den rauen, tiefen Stimmen in den Schlaf tragen lassen, in Tr\u00e4ume voller Sternenlicht. Sie zitterte vor Sehnsucht. \u201eZuhause\u201c, wisperte sie, und das Wort hallte durch die gro\u00dfe Kuppelhalle.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ist das deine Antwort?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Stimme der W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin fuhr k\u00fchl mitten in ihre aufgew\u00fchlten Erinnerungen. Sie musste sich beruhigen! Wenn sie je wieder nach Hause gelangen wollte, musste sie sich zusammenrei\u00dfen, nachdenken, die richtige Antwort finden. \u201eWie war nochmal die Frage?\u201c, gab sie zur\u00fcck, um Zeit zu gewinnen, damit sie ihre kreiselnden Gedanken einfangen konnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin seufzte, als w\u00e4re sie irgendwie entt\u00e4uscht von ihr. Ein Seufzen, an das Andra sich nur zu gut erinnerte. Genauso hatten die Alten geklungen, bevor sie das Urteil ihrer Verbannung aussprachen. In der Stimme der W\u00e4chterin lag allerdings keinerlei Mitgef\u00fchl. \u201eWiederholungen\u201c, murrte sie. \u201eUnertr\u00e4glich.\u201c Sie verzog die Lippen, als h\u00e4tte sie einen besonders bitteren Geschmack im Mund. \u201eH\u00f6r mir gut zu, denn noch einmal werde ich das R\u00e4tsel nicht wiederholen. Hier ist es: Ich bin, was du mitnimmst, nicht, was du zur\u00fcckl\u00e4sst. Was bin ich?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra lie<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00df eine Flamme \u00fcber den Marmor vor ihren Tatzen wandern. Hell genug, dass die im Stein verborgenen Kristalle aufschimmerten, k\u00fchl genug, ihn nicht zu schmelzen. Rauch stieg aus ihren N\u00fcstern und sie so den scharf-warm-aschig-wohligen Geruch tief in sich ein. Ein Hauch von Wildbeeren und der intensive Geschmack von Bittermoos breiteten sich auf ihrer Zunge aus. Wohin sie auch ging, ihr Feuer, diese Ger\u00fcche, diese Geschm\u00e4cker, all diese Erinnerungen trug sie immer bei sich. Sie boten W\u00e4rme und Vertrautheit wie &#8211; ja, wie <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>zuhause<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">. Andra schloss die Augen, um das Gef<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchl noch etwas l\u00e4nger zu genie\u00dfen, in sich zu verankern. Das war ihre Antwort. Da war sie ganz sicher. Nur ob es die richtige Antwort war, da war sie ganz und gar nicht sicher. Und wenn sie falsch lag, wollte sie wenigstens voll in diesem Gef\u00fchl von zuhause aufgehen, damit bis zum Ende gehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zuhause\u201c, wiederholte sie laut und mit fester Stimme. \u201eDas ist meine Antwort.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin erhob sich. Sie neigte den Kopf nach links. Sie neigte den Kopf nach rechts. Sie lie\u00df die Schultern kreisen. \u201eEs ist halt immer ein riskantes Spiel\u201c, sagte sie und blickte Andra aus ihren unergr\u00fcndlichen Augen an. \u201eIch gewinne nat\u00fcrlich immer. Eine richtige Antwort bedeutet, dass ich der Geschichte weiter folgen darf. Eine falsche Antwort bedeutet einen Leckerbissen f\u00fcr mich.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra spannte alle Muskeln an. Sie w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrde kein leichter Leckerbissen werden, nahm sie sich vor.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chterin trat ein paar Schritte zur Seite, gab den Blick auf die T\u00fcr frei. \u201eDieses Mal ist es die richtige Antwort. Gl\u00fcckwunsch, du darfst eintreten.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die T<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcr schwang weit auf.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra sprang in die H<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6he und flog hindurch. Der W\u00e4chterin g\u00f6nnte sie keinen Blick mehr.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&#8230; Fortsetzung folgt im August! Im Juli haben wir uns ein Zitat von N. K. Jemisin als Thema genommen: <em>Home ist what you take with you, not what you leave behind.<\/em> (Broken Earth Trilogy)<br \/>\nWas die Kolleg*innen draus gemacht haben, k\u00f6nnt ihr hier nachlesen:<br \/>\nCarola Wolff <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/heimaterde\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heimaterde<\/a><br \/>\nC. A. Raaven: <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/home02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Subway to Sally<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andra lie\u00df zur Beruhigung eine kleine Flamme in sich entstehen, klein genug, dass sie nicht aufsteigen w\u00fcrde, gro\u00df genug, dass sie ihr Zuversicht schenkte. Sie begl\u00fcckw\u00fcnschte sich dazu, in ihrer Drachengestalt hier zu sein und nicht in ihrer menschlichen Form. Die stetige Flamme in ihrem Inneren verbreitete wohlige W\u00e4rme. 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