{"id":1089,"date":"2022-10-24T13:41:28","date_gmt":"2022-10-24T11:41:28","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1089"},"modified":"2022-10-24T13:41:28","modified_gmt":"2022-10-24T11:41:28","slug":"phantastischer-montag-worte-in-den-wind-gefluestert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1089","title":{"rendered":"phantastischer Montag: Worte, in den Wind gefl\u00fcstert"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1021\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Drache03_inFeuer-klein.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"243\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra grub die Krallen tiefer in die Erde. Von weit her konnte sie die Hitze der Lava im Erdinneren sp\u00fcren. Sehr weit her. Sie wollte sich darin vergraben, alle Erinnerungen an ihre Tat, an ihre Verbannung, all die Last dieser Welt von ihren Schuppen brennen lassen &#8211; aber damit w\u00fcrde sie auch Elyf im Stich lassen. Und das hielt sie zur\u00fcck. Andra senkte die Schnauze auf ihre Tatzen, sah aus ihrem Versteck heraus zu, wie die letzten Menschen die kleine Insel verlie\u00dfen, wie sich die Dunkelheit \u00fcber das Wasser senkte. Endlich allein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie streckte sich lang aus. Alles auf Anfang, nur schlimmer, dachte Andra. Ja, sie wusste jetzt, wie sie an das Wissen um die Magie in dieser Welt k\u00e4me. Doch sie wusste auch, dass sie den Preis daf\u00fcr nicht zahlen wollte. Auch wenn die Verlockung noch so gro\u00df war, die R\u00fcckkehr in ihre Welt so nah, sie w\u00fcrde daf\u00fcr weder Elyf noch eine andere Kr\u00e4henschwester opfern. Schauder liefen ihr \u00fcber den R\u00fccken, jedes Mal, wenn sie an die lebendige Bibliothek dachte. All diese Regale voller B\u00fccher, die einmal lebendige Wesen gewesen waren, die immer noch lebten, aber den B\u00fcchern, in die sie gezwungen worden waren, nicht entfliehen konnten. Nein, dazu w\u00fcrde sie niemanden verdammen!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Irgendwo in der Dunkelheit schrie ein Pfau, und Andra w\u00fcnschte sich, sie k\u00f6nnte den Wutschrei, den die Erinnerungen an die Bibliothek entz\u00fcndete, aussto\u00dfen. Doch das w\u00e4re ein Schrei, wie ihn nie zuvor jemand in dieser Welt geh\u00f6rt hatte. Und h\u00f6ren w\u00fcrden sie ihn. Andra presste ihre Schnauze fester auf die Vordertatzen. Sie durfte keine Entdeckung riskieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie brauchte einen neuen Plan. Andra starrte \u00fcber das dunkle Wasser, auf die Lichter der anderen Uferseite, die sich darin spiegelten. Stell es dir vor, und es wird passieren, hallten die Worte des Rats durch ihren Kopf. Andra schloss die Augen. Magie. Wie sollte sie sich Magie vorstellen? Statt brauchbarer Antworten stiegen Erinnerungen in ihr hoch. Feuerberge, die ihre Flammen hoch in den Himmel spuckten, die Nacht mit ihrem rot-gl\u00fchenden Leuchten verzauberten &#8211; N\u00e4chte, die ohne ihr Feuer so dunkel waren, dass die Sterne in ihnen glitzerten wie Sonnenlicht auf Wasser. Stille, so tief wie das Meer, so weit wie der Himmel selbst. Stille, die, wenn man ihr lange genug lauschte, den Gesang der Sterne bis hinab auf die Erde lockte. Andra seufzte so schwer, dass ihr ganzer K\u00f6rper zitterte. Sie biss die Z\u00e4hne zusammen und wandelte ihre Gestalt.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sehnsucht hilft dir auch nicht weiter\u201c, murmelte sie vor sich hin und wischte sich Erde von den H\u00e4nden. Langsam ging sie ans Ufer, starrte zu den Lichtern auf der anderen Seite, auf die Stadt, in der immer irgendwo Menschen wach und gesch\u00e4ftig waren, Tag wie Nacht. Andra wandte sich vom Ufer ab und schlenderte \u00fcber die kleine Insel. Dieses Mal gab sie der Versuchung nach und flog auf einen der T\u00fcrme des wei\u00dfen Schl\u00f6sschens, verwandelte sich nach der Landung schnell wieder in ihre Menschengestalt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hier oben lie\u00df sich der Wind besser sp\u00fcren. Sie konnte weiter blicken. Lauschen. B\u00e4ume knarrten und raschelten. Sie h\u00f6rte nicht auf ihren Gesang, das Stocken darin. Dachte nicht an das Gift. Das Wasser pl\u00e4tscherte leise gegen das Ufer. Sie dachte nicht an das endlose Rauschen von Wellen, das sie in den Schlaf gewiegt hatte, fr\u00fcher.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Kr\u00e4hen kr\u00e4chzten in den B\u00e4umen, und sie dachte nicht an Elyf. Ganz besonders nicht an Elyf. Sie dachte so sehr nicht an Elyf, dass sie meinte, ihr windzerzaustes Haar zu riechen, ihre Hand auf der Schulter zu sp\u00fcren, sogar ihre Stimme zu h\u00f6ren, dunkel und weich. \u201eHast du wirklich geglaubt, ich w\u00fcrde dich nicht finden?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra r\u00fchrte sich nicht. Einen Moment, nur noch einen Moment l\u00e4nger wollte sie sich dieser Illusion hingeben. \u201eDu solltest vor mir fliehen, nicht nach mir suchen\u201c, wisperte sie in die Nacht.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Warum?\u201c, kam es ebenso leise zur\u00fcck. Und da sie mit einer Illusion sprach, erz\u00e4hlte Andra alles. Die Hand auf ihrer Schulter zitterte nicht, zog sich nicht zur\u00fcck, nur der Atem hinter ihr stockte manchmal, als w\u00fcrde der Wind selbst innehalten. Aber sie fl\u00fcsterte ihre Worte weiter hinaus. Erz\u00e4hlte von ihrer gedankenlosen Tat, die das Gift in diese Welt gebracht hatte, an dem die B\u00e4ume starben, unaufhaltsam. Von ihrer Verbannung, ihrer Aufgabe, an der sie scheiterte. Und schlie\u00dflich von der Sphinx, der grausamen Bibliothek und dem Preis f\u00fcr das Wissen um die Magie, die das Gift bannen und sie zur\u00fcck nach Hause bringen w\u00fcrde.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und wenn ich dir all das jemals wirklich erz\u00e4hle, wirst du mich hassen.\u201c Andra zwang sich dazu, sich umzudrehen, wollte die Illusion zerst\u00f6ren. Doch Elyf war keine Illusion. Sie stand ihr gegen\u00fcber, schweigend, blickte sie aus ihren dunklen Augen an, r\u00fchrte sich nicht. Auch Andra konnte sich nicht r\u00fchren. Alles in ihr schrie sie an zu fliehen, so weit und so schnell wie m\u00f6glich. Aber sie verharrte wie festgefroren, keines Wortes mehr f\u00e4hig, keiner Regung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und so konnte sie nur zuschauen, als Elyf langsam die Hand hob, die bei Andras Drehung von ihrer Schulter geglitten war. Sie w\u00fcrde den Schmerz willkommen hei\u00dfen, sollte Elyf sie schlagen. Doch die strich ihr mit den Fingerspitzen \u00fcber die Schl\u00e4fe, glitt mit der Hand durch ihre Haare wie Wind durch Schilf, schmiegte sich an sie, hielt ihren erstarrten K\u00f6rper, wiegte ihn wie endlose Wellen. Und Andra wusste nicht mehr, ob sie sich noch w\u00fcnschte, Elyf w\u00e4re eine Illusion und h\u00e4tte ihre Worte nie geh\u00f6rt &#8211; oder ob sie sich in dieser Wirklichkeit verkriechen und nie daraus erwachen wollte. Sie lehnte den Kopf an Elyfs Schulter, dr\u00fcckte das Gesicht an ihren Hals. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hier wollte sie bleiben. Sie sp\u00fcrte das Vibrieren von Elfys Stimme, als sie schlie\u00dflich sprach. \u201eWenn ich dir also helfe und wir meine Welt retten, dann verliere ich dich?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Andra schluckte. Ein irres Lachen stieg in ihr auf. Bei allem, was sie h\u00e4tte sagen, ihr vorwerfen k\u00f6nnen, fragte sie das? Andra presste ihr Gesicht fester an Elyfs Hals, presste die Lippen zusammen, damit das irre Lachen nicht aus ihr herausbrach. Sie nickte stumm. Schluckte und schluckte und schluckte, bis sie das Lachen tief in sich begraben hatte. Dann erst \u00f6ffnete sie den Mund. \u201eAber ich kann nicht zulassen, dass du mir hilfst\u201c, wisperte sie an gegen Elyfs Hals. \u201eIch werde nicht zulassen, dass du in ein Buch verwandelt wirst, ein lebendiges Buch.\u201c Sie packte Elyfs Arme, hob den Kopf. \u201eDu willst dir nicht einmal vorstellen \u2026\u201c Sie zitterte, verstummte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Elyf schloss die H\u00e4nde um ihre Unterarme, sah sie an. \u201eUnd wenn es einen anderen Weg gibt?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dann w\u00fcrdest du mich immer noch verlieren &#8211; und ich dich. Andra sprach die Worte nicht aus. Vielleicht las Elyf sie in ihren Augen. Vielleicht auch nicht. Sie hielt sie so fest, wie sie es mit H\u00e4nden vermochte. \u201eKennst du denn einen anderen Weg?\u201c Und obwohl sie die Frage aussprach, wusste sie nicht, ob sie die Antwort h\u00f6ren wollte.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&#8230; meine nachgetragene Fortsetzung f\u00fcr den Oktober (gerade noch so im Oktober geschafft &#8211; und sogar an einem Montag!). Im November geht es wieder am gewohnten 3. Montag des Monats weiter. \ud83d\ude09 F\u00fcr den Oktober hatten wir als Thema: &#8222;Flieht, ihr Narren!&#8220; (Tolkien, Gandalf) &#8211; und was die Kolleg:innen daraus gemacht haben, k\u00f6nnt ihr hier nachlesen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/mama\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mama<\/a> von Carola Wolff<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/flieht02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katharsis<\/a> von C. A. Raabe<br \/>\nViel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andra grub die Krallen tiefer in die Erde. Von weit her konnte sie die Hitze der Lava im Erdinneren sp\u00fcren. Sehr weit her. 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