{"id":1120,"date":"2022-11-21T23:37:12","date_gmt":"2022-11-21T21:37:12","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1120"},"modified":"2022-11-22T02:57:57","modified_gmt":"2022-11-22T00:57:57","slug":"phantastischer-montag-frage-und-antwort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1120","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Frage und Antwort"},"content":{"rendered":"\n<p>Elyf hatte sich zur\u00fcckgezogen, bevor Andra ihre Bitte an die Harpyien richtete. Zur Vorsicht. Sie wollte nicht einmal in den Verdacht geraten, sie ein zweites Mal um Hilfe zu bitten, hatte sie gesagt. Als sie Marthes Warnung f\u00fcr Andra wiederholte, lag die Angst nicht nur in ihrer Stimme sondern auch in ihren Augen: <em>Solltest du einen zweiten Versuch machen, eine zweite Bitte aussprechen, werden sie dich f<\/em><em>\u00fcr den Rest deines Lebens Nacht f\u00fcr Nacht heimsuchen und dir Albtr\u00e4ume zufl\u00fcstern. Du wirst dar\u00fcber verr\u00fcckt, aber egal, wohin du fliehst, sie finden dich. <\/em>\u201eDer Wind kommt \u00fcberall hin\u201c, hatte Elyf hinzugef\u00fcgt und Andra zweifelte keinen Augenblick lang an ihren Worten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war auf den kleinen Schlossturm geflogen, wo sie sich vor Blicken verbergen konnte, sollten die Harpyien sich mit ihrer Antwort Zeit lassen. Was gut m\u00f6glich war, hatte Elyf sie gewarnt, denn ihr Zeitverst\u00e4ndnis ist anders als unseres. Andra seufzte und duckte sich hinter die Turmummauerung, so tief sie nur konnte, so tief, dass keine einzige ihrer Schuppen \u00fcber den Rand hinausragte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo finde ich die Magie, mit der ich diese Welt vor dem Drachengift retten kann? Sie sagte sich ihre Bitte immer wieder stumm auf. Erst als sie ganz sicher war, dass sie kein Wort vergessen, keines falsch aussprechen oder die Reihenfolge durcheinander bringen w\u00fcrde, hob sie noch einmal den Kopf, pr\u00fcfte, woher der Wind kam. Es war nur noch eine laue Brise, aber die musste gen\u00fcgen. Andra richtete sich so aus, dass der leise Wind ihre Worte mit sich tragen w\u00fcrde. Ein letztes Mal \u00fcberdachte sie ihre Bitte. Dann schloss sie die Augen und sprach sie aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind ver\u00e4nderte sich nicht. Er strich weiter mit zarten Fingern \u00fcber ihre Schuppen und schwieg. Geduld, redete Andra sich zu. Sie senkte den Kopf auf die Pfoten. Seufzte leise. Blinzelte. Schloss die Augen wieder. Blinzelte. Da war der eine Gedanke, der sich nicht vertreiben lie\u00df. Das eine, was sie Elyf verschwiegen hatte: Die Magie, mit der sie diese Welt vor dem Drachengift retten konnte, w\u00fcrde sie zur\u00fcck in ihre Welt tragen. Fort von Elyf. Andra dr\u00fcckte den Kopf fester auf die Pfoten. So sehr sie sich anfangs nach dieser R\u00fcckkehr gesehnt hatte, so sehr riss die Vorstellung sie jetzt in St\u00fccke. Sie wollte Feuer speien, den Schmerz mit ihren Flammen hinausschreien, doch sie musste ruhig bleiben, sich eng an die Steine pressen, durfte ihre Anwesenheit hier nicht verraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst wenn sie ihre Flammen in den schwindenden Nachthimmel hinaufgeschickt, geschrien h\u00e4tte &#8211; dieser Schmerz in ihr w\u00fcrde sich davon nicht beruhigen lassen. Und so wartete Andra und w\u00fcnschte sich, die Harpyien w\u00fcrden sich beeilen und ewig Zeit lassen. Sie w\u00fcnschte sich, sie k\u00f6nnte sich beim Warten an Elyf schmiegen, mit ihr fl\u00fcstern und schweigen und sie bei sich sp\u00fcren. Doch sie musste allein warten, musste sich mit dem Wissen zufriedengeben, dass Elyf in ihrem Versteck auf sie wartete. Auf sie und ihre Antwort, die ihre Welt retten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nachthimmel ergab sich dem Morgenlicht und bald darauf klangen die Stimmen von Menschen, die der Insel einen Besuch abstatteten zu Andra hinauf. Nur die Stimmen der Harpyien hielten sich weiter fern. Vielleicht war sogar f\u00fcr sie diese Frage nicht zu beantworten. Vielleicht w\u00fcrde sie also f\u00fcr den Rest ihres Lebens in dieser Welt festsitzen. Andra grub die Krallen in den Stein unter ihren Tatzen. Ein Leben mit Elyf. In einer sterbenden Welt. Der Stein knirschte unter ihren Krallen, br\u00f6ckelte. Zum ersten Mal erlaubte Andra sich die Vorstellung, wie es wirklich sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Elyf w\u00fcrde lange vor dieser Welt sterben. W\u00e4hrend sie weiterleben musste. Sie musste weiterleben und zusehen, wie nach und nach alles und alle auf dieser Welt ausstarben. Ihre Flamme w\u00fcrde erst erl\u00f6schen, wenn auch das letzte F\u00fcnkchen Leben der Welt selbst aufgab. Andra zitterte, obwohl die Morgensonne ihre Schuppen w\u00e4rmte. Wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab, breitete sich diese unermessliche Einsamkeit in ihr aus, grub sich in sie ein, riss Furchen in sie wie ihre Krallen in den Stein. Der Wind schmiegte sich an sie wie ein K\u00f6rper aus Federn und Haut, pochte an ihren Schuppen wie stetig-ruhige Herzschl\u00e4ge. Doch auch der Wind w\u00fcrde sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Andra merkte erst, dass sie ihre Augen zugekniffen hielt, als Federn dar\u00fcber strichen. Sehnsuchts-Einbildung, war ihr erster Gedanke, und sie wollte die Augen nicht \u00f6ffnen, wollte nicht sehen, dass sie allein war, so wie sie enden w\u00fcrde. Denn ganz sicher w\u00fcrde sie verzweifeln in solcher Einsamkeit, w\u00fcrde sich vorstellen, w\u00fcrde sp\u00fcren, was nicht mehr war, und wenn sie dann die Augen \u00f6ffnete, w\u00fcrde die Verzweiflung nur wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAndra\u201c, wisperte der Wind und wisperte und wisperte, bis selbst ihre Augenlider zitterten und sich nicht l\u00e4nger geschlossen halten lie\u00dfen. Andra blinzelte, riss die Augen auf. Nicht der Wind schmiegte sich an sie sondern Gestalten, wie sie sie nie zuvor gesehen hatte. K\u00f6rper aus Federn und K\u00f6pfe wie Menschen mit langem, wehenden Haar. Dunkle Augen voller Z\u00e4rtlichkeit. \u201eDu musst einen anderen Traum wagen, Drache\u201c, wisperten die Windstimmen der Harpyien und streichelten Andras Wangen, Andras Tatzen, bis ihr Zittern aufh\u00f6rte, bis ihre Krallen sich entspannten und aus dem Stein zur\u00fcckzogen. Andra hielt ganz still, konzentrierte sich auf die Federn, die \u00fcber ihre Schuppen strichen, auf das Wispern, das ihren Albtraum vertrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast die Magie mit in diese Welt gebracht. Du kannst sie nur in dir finden.\u201c Noch einmal liebkosten die Federn ihren Drachenk\u00f6rper und dann k\u00fcsste nur noch der Wind ihre Schuppen. Andra lauschte und lauschte, doch die Windstimmen waren fort. Und ihre Worte schienen nichts als ein Echo dessen, was der Rat der Drachen ihr kurz vor ihrer Verbannung in diese Welt gesagt hatte. <em>Stell es dir vor, und es wird passieren<\/em>. Andra dr\u00fcckte sich an den Steinboden und wartete auf die Nacht. W\u00fcnschte sich, der Tag w\u00fcrde sich ewig Zeit lassen, damit sie Elyf nicht mit dieser hoffnungslosen Antwort gegen\u00fcbertreten musste. Doch der Tag verging.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; Fortsetzung folgt im n\u00e4chsten Monat!<br>F\u00fcr den November haben wir uns f\u00fcr den phantastischen Montag ein Zitat von Virginia Woolf gew\u00e4hlt: &#8222;Wer uns unserer Tr\u00e4ume beraubt, beraubt uns unseres Lebens.&#8220; Wie immer k\u00f6nnt ihr bei den Kolleg*innen nachlesen, was sie daraus gemacht haben:<br>Carola Wolff: <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/shit-happens\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Shit happens<\/a><br>C. A. Raaven: <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/traum02\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hey now<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elyf hatte sich zur\u00fcckgezogen, bevor Andra ihre Bitte an die Harpyien richtete. Zur Vorsicht. Sie wollte nicht einmal in den Verdacht geraten, sie ein zweites Mal um Hilfe zu bitten, hatte sie gesagt. 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