{"id":1162,"date":"2022-12-19T17:05:00","date_gmt":"2022-12-19T15:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1162"},"modified":"2022-12-19T17:05:00","modified_gmt":"2022-12-19T15:05:00","slug":"phantastischer-montag-versprechen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1162","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Versprechen"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Nacht hatte wieder alle Menschen von der kleinen Insel verscheucht. Andra streckte die Fl\u00fcgel und flog von dem Turm hinab. Kaum hatte sie sich von ihrer Drachen- zu ihrer Menschengestalt gewandelt, blickte sie in Elyfs erwartungsvolle Augen. \u201eWas haben sie gesagt?\u201c, platzte die dann auch sogleich heraus. Wie konnte sie dieses Gesicht entt\u00e4uschen? Andra blickte von Elyf fort \u00fcber das dunkle Wasser. Vom anderen Ufer schimmerten Lichter hin\u00fcber, warfen schwankende Leuchtspuren \u00fcber den See. Nichts Hilfreiches, ging Andra durch den Kopf. Doch diese Antwort wollte sie nicht geben. Also blieb nur, was die Harpyien tats\u00e4chlich gesagt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch soll einen anderen Traum wagen.\u201c Andra sch\u00fcttelte den Kopf und wagte nicht, Elyf wieder ins Gesicht zu blicken. Lie\u00df zu, dass die auf dem Wasser schimmernden und schwankenden Lichter ihre Aufmerksamkeit festhielten. \u201eEinen, in dem die Welt nicht zerst\u00f6rt wird, sch\u00e4tze ich mal\u201c, murmelte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist alles?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles, was sie gesagt haben.\u201c Die Lichter wippten auf und ab, zuckten nach rechts und links, machten das Wasser an ihren R\u00e4ndern dunkler als die Nacht. Zuhause w\u00e4ren es Sterne, die sich im Wasser spiegelten. Und ihre Gef\u00e4hrten oben in der wirklich dunklen Nacht w\u00fcrden singen, und die Nacht und das Wasser und die Drachen in den Schlaf wiegen. Hier schwiegen sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAndra?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c Sie blinzelte und fuhr herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Elyf strich ihr \u00fcber den Arm. \u201eIch wollte dich nicht erschrecken. Du hast nur so verloren ausgesehen. Dabei wissen wir doch jetzt, was zu tun ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Andra starrte in Elyfs L\u00e4cheln. Sie wussten \u2026? Nichts wussten sie! Das war ja genau das Problem! Warum verstand Elyf das nicht? Warum l\u00e4chelte sie? Es gab keinen Grund daf\u00fcr. Nur r\u00e4tselhafte, nutzlose Worte, eine sterbende Welt und keinen Weg nachhause. Andra drehte sich von Elyfs Ber\u00fchrung weg. \u201eEs gibt hier keine Magie, begreifst du das nicht? Die Menschen haben alle Sch\u00f6nheit in dieser Welt zerst\u00f6rt &#8211; und mein Gift wird den Rest tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle Sch\u00f6nheit zerst\u00f6rt?\u201c Elyf starrte sie an, als h\u00e4tte sie den Verstand verloren. \u201eHast du dich hier mal umgeschaut?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das hatte sie getan. Andra begriff nicht, warum Elyf so w\u00fctend dreinblickte. Sch\u00f6nheit konnte sie in dieser Welt wirklich nur in diesem Wesen ihr gegen\u00fcber entdecken &#8211; Elyf war sogar als Mensch sch\u00f6n und als Kr\u00e4he noch sch\u00f6ner.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSieh mich nicht so an, wenn ich w\u00fctend bin!\u201c Elyf verschr\u00e4nkte die Arme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie soll ich dich denn nicht ansehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, nicht so &#8211; so verliebt.\u201c Elyf biss sich auf die Unterlippe. \u201eDas lenkt mich ab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Andra l\u00e4chelte ein wenig. \u201eVielleicht das Beste, was wir noch tun k\u00f6nnen, uns ablenken lassen.\u201c Ablenken von einer Welt, die starb, von dem Gedanken, dass Elyf k\u00fcrzer leben w\u00fcrde als sie und dass sie dann allein dieser fremden Welt beim Sterben zusehen musste. Verfluchtes langes Drachenleben! Wenn sie doch nur in der Zeit zur\u00fcckreisen k\u00f6nnte! Dann w\u00fcrde sie ihrem j\u00fcngeren Ich geh\u00f6rig die Schuppen putzen und ganz schnell die Idee austreiben, Drachenfeuer mit Regentropfen zu mischen &#8211; <em>weil, das glitzert so sch<\/em><em>\u00f6n<\/em>. Ehrlich, wie gedankenlos und leichtfertig konnte ein Drache sein? Glitzerndes war zum Genie\u00dfen, zum Anschauen und Genie\u00dfen, aber eben nur das, was schon glitzernd existierte in der Welt. Das lernten alle jungen Drachen. Und wie alle hatte auch sie die Geschichten gekannt und die Warnungen geh\u00f6rt, und trotzdem hatte sie sich verf\u00fchren lassen. Was stimmte nicht mit ihr? \u201eEs tut mir leid\u201c, murmelte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann beweis es! Gib nicht einfach auf.\u201c Elyf funkelte sie an. \u201eOder willst du mir erz\u00e4hlen, dass diese Welt keine Rettung wert ist? Ja, wir Menschen haben hier viel zerst\u00f6rt &#8211; aber wir leben hier nicht allein. Wenn du meinst, wir sind unsere Welt nicht wert, dann rette sie wenigstens f\u00fcr alle anderen! F\u00fcr die Kr\u00e4hen und Spatzen und Stare und Kraniche und M\u00f6wen und Finken und Papageien und St\u00f6rche und Schwalben und \u00fcberhaupt alle V\u00f6gel, alle Tiere. Und was ist mit Blumen? Und Seen? Und Str\u00e4uchern?\u201c Sie gestikulierte und deutete wild um sich. \u201eWas ist mit den B\u00e4umen? Was ist mit deinen geliebten Vulkanen? Und Gebirgen? Und Meeren? Schlie\u00dflich existiert auch all das in dieser Welt! Willst du das alles sterben lassen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nein. Nein, das wollte sie nicht. Ihre Menschenstimme reichte nicht, um das hinauszuschreien. Also sch\u00fcttelte Andra nur stumm den Kopf. Aber auch das gen\u00fcgte nicht. Sie wandelte sich. Sie streckte ihre Fl\u00fcgel und br\u00fcllte ihre Wut, ihre Verzweiflung hinaus, br\u00fcllte sie \u00fcber das Wasser und \u00fcber die Stadt, schrie bis in den Himmel und zu den Sternen hinauf. Alles lag darin. Ihre Wut auf sich selbst und ihre Leichtfertigkeit. Ihre Verzweiflung \u00fcber ihre Verbannung. Die Reue \u00fcber ihre Tat. Ihre Liebe zu Elyf. Ihr Bedauern, dass sie die Sch\u00f6nheit dieser Welt nicht begreifen konnte. Ihr Wunsch, diese Welt zu retten, auch wenn sie sie nie begreifen w\u00fcrde. Ihre Sehnsucht nach ihrer eigenen Welt, nach den Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ihr Schrei wurde bis hinter den Sternen geh\u00f6rt. Die Drachen h\u00f6rten sie und erwiderten ihren Ruf aus tausenden von Kehlen. Ihre Stimmen fanden einander \u00fcber die Welten hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Federn schmiegten sich an die empfindsamen Schuppen an ihrem Hals. \u201eSiehst du das?\u201c, wisperkr\u00e4chzte Elyf. Und Andra schaute. Schaute zu den B\u00e4umen, aus denen sich lange glitzernde F\u00e4den, fein wie Sternenstaub in den Himmel reckten. Sie stiegen hoch, hoch hinauf, bis sie sich im weiten Dunkel der Nacht verloren. Und Andra sp\u00fcrte, wie die Rufe der Drachen auch an ihr zerrten, sie riefen und lockten, verlangten, dass sie die Fl\u00fcgel streckte, sich hinaufschwang und ihnen folgte. Einen Moment noch, nur einen Moment, bat sie und k\u00e4mpfte den Drang nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Andra stupste Elyf vorsichtig an. \u201eIch muss gehen\u201c, wisperte sie. \u201eDie Drachen rufen mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Elyf dr\u00fcckte sich an sie. \u201eIch w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte mit dir kommen\u201c, fl\u00fcsterkr\u00e4chzte sie. \u201eDoch ich will auch hier bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das verstand Andra nur zu gut. Niemals w\u00fcrde sie Elyf aus ihrer Welt rei\u00dfen, fort von ihren Kr\u00e4henschwestern und allem, was ihr vertraut und nah war. Und aus all diesen Gr\u00fcnden musste sie zur\u00fcckgehen. \u201eWir sehen uns wieder\u201c, versprach sie leise, versprach es sich selbst ebenso fest wie Elyf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sehen uns wieder.\u201c Federspitzen strichen \u00fcber ihre Schuppen. Dann flog Elyf zur\u00fcck ins Gras. \u201eSchlie\u00dflich m\u00fcssen wir auch noch all die Wesen aus den B\u00fcchern befreien. Oder hast du die vergessen?\u201c, setzte sie rau hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein. Nein, die vergesse ich gewiss nicht.\u201c Andra breitete ihre Fl\u00fcgel aus. \u201eUnd dich auch nicht. Niemals.\u201c Sie dr\u00fcckte sich vom Boden ab und schwang sich hinauf in den Himmel, folgte den Stimmen der Drachen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; und damit sind wir erst einmal am Ende der Geschichte um Andra und Elyf angelangt. \ud83d\ude09 Der phantastische Montag wird auch im n\u00e4chsten Jahr weitergehen, mit neuen Geschichten und Inspirationen, versprochen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht hatte wieder alle Menschen von der kleinen Insel verscheucht. Andra streckte die Fl\u00fcgel und flog von dem Turm hinab. Kaum hatte sie sich von ihrer Drachen- zu ihrer Menschengestalt gewandelt, blickte sie in Elyfs erwartungsvolle Augen. \u201eWas haben sie gesagt?\u201c, platzte die dann auch sogleich heraus. Wie konnte sie dieses Gesicht entt\u00e4uschen? 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