{"id":1174,"date":"2023-01-24T13:20:38","date_gmt":"2023-01-24T11:20:38","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1174"},"modified":"2023-02-06T18:08:46","modified_gmt":"2023-02-06T16:08:46","slug":"phantastischer-montag-das-geschenk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1174","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Das Geschenk"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(2023 widmen wir uns verschiedensten Genres der Phantastik und beginnen im Januar mit einem Klassiker: M\u00e4rchen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal, in Zeiten, die l\u00e4ngst nur noch Geschichten sind, eine Seefahrerin, die Kapit\u00e4nin der Sheldrake. Wenn du magst, mach es dir gem\u00fctlich und ich erz\u00e4hle dir eine Geschichte von ihr:<\/p>\n\n\n\n<p>Kea lachte, als die Gischt \u00fcber den Bug spritzte, ihr mitten ins Gesicht. Komm her, Nirne, sieh dir das an! Wie immer, wenn ihre Tante, die Kapit\u00e4nin der Sheldrake, sie rief, flitzte Nirne \u00fcber das Deck. Auch jetzt, w\u00e4hrend es schlingerte und schaukelte und unter dem Ansturm der Wellen bebte und \u00e4chzte. Kea schlang die Arme um sie, dr\u00fcckte sie fest an sich, sodass Nirne auf das Meer schauen konnte. Siehst du das?<br>Nat\u00fcrlich sah Nirne das tosende, sch\u00e4umende Meer, Wellen, die sich zu Bergen erhoben, bis sie mit dem dunklen Horizont verschmolzen. Die Drachen haben ihren Spa\u00df! Kea schrie gegen das Br\u00fcllen der Wellen an. Sie tanzen am Meeresgrund, und das Meer tanzt mit!<br>Und als das Meer irgendwann in der Nacht genug getanzt hatte, als hoch \u00fcber ihnen die Sterne gl\u00e4nzten, der Wind nur noch fl\u00fcsterte, da sagte Kea: Wir sehen das Meer unter uns, aber die Drachen blicken von noch weiter unten hinauf, f\u00fcr sie ist diese Weite der Himmel.<br>Kea hatte ihr von den Drachen erz\u00e4hlt, seit Nirne, kaum dass sie laufen konnte, zu ihr auf die Sheldrake gekommen war. Vor langen, langen Zeiten, so erz\u00e4hlte es Kea, haben die Menschen sich die Erde mit den Drachen geteilt \u2013 oder eher: Die Drachen haben sich die Erde mit den Menschen geteilt. Doch die Menschen wurden neidisch auf diese m\u00fchelos lebenden, fliegenden Wesen. Und so verbreiteten sie L\u00fcgen \u00fcber sie, jagten sie. T\u00f6teten sie.<br>Die Drachen h\u00e4tten sich wehren k\u00f6nnen. Aber sie wollten nicht t\u00f6ten. Und so zogen sie sich zur\u00fcck \u2013 weit zur\u00fcck, bis auf den Meeresgrund. Und manchmal, wenn sie sich an ihr Leben hier oben bei uns erinnern oder ihren Nachgeborenen von l\u00e4ngst vergangenen Zeiten erz\u00e4hlen, dann vertreiben sie die Traurigkeit mit einem wildem Fest. Sie tanzen und das Meer tanzt mit.<br>So erz\u00e4hlte es Kea. Und Nirne hatte keinen Grund, an den Worten ihrer Tante und Kapit\u00e4nin zu zweifeln. Wer wei\u00df, dachte sie und starrte in den Nachthimmel, vielleicht ist das dort oben auch nur f\u00fcr uns ein Himmel und f\u00fcr andere ihre See. Vielleicht sind Wolken die Schiffe ganz anderer Wesen, und was wir Sterne nennen, sind die Lichter noch fernerer Schiffe.<br>So wuchs Nirne auf der Sheldrake heran, lauschte den Geschichten ihrer Tante, dem Kr\u00e4chzen des Raben Braxas oben im Ausguck, dem Klappern von Ein-Ohr-Jettes Kocht\u00f6pfen in der Komb\u00fcse, den Liedern von Nils, wenn er einen seiner drei R\u00f6cke flickte, dem Knarren der Masten, dem Fluchen von Marthe, der Steuerfrau, wenn die Drachen zu wild tanzten. Die schwarze Katze Flink rollte sich abends in der Koje neben ihr zusammen und schnurrte sie in den Schlaf.<br>Sie segelten \u00fcber die Meere, pl\u00fcnderten reiche Schiffe, behielten, was sie brauchten, verschenkten, was andere n\u00f6tiger hatten und sich nicht leisten konnten. Ausgleichende Gerechtigkeit, nannte Kea das. Wir erf\u00fcllen W\u00fcnsche, wie der Weihnachtsmann, nur eben dringendere und das ganze Jahr \u00fcber.<br>Vor langen, langen Zeiten, erz\u00e4hlte ihr Kea in stillen N\u00e4chten, haben Menschen und Drachen einander ein Geschenk gemacht. Die Drachen haben die Toten der Menschen so bestattet wie die ihren. Sie betteten die Gestorbenen auf einen Felsen, dann versammelten sie sich in einem geb\u00fchrenden Abstand um sie herum. Alle Drachen richteten ihre Flammen auf die Gestorbenen, und in dieser Hitze verbrannten sie zu feinster Asche. Der Wind sammelte sie auf, trug sie weit \u00fcber Land und Meer. Die Drachen aber atmeten den Rauch der Seelen ein, in dem alle ihre Geschichten bewahrt sind. Und deswegen bestatten wir unsere Toten auf See, damit sie und ihre Geschichten zu den Drachen finden.<br>Aber wie k\u00f6nnen Drachen unter Wasser Feuer spucken? Das hatte Nirne gefragt, als sie noch so klein war, dass sie Kea gerade mal bis zum Bauchnabel reichte. Die t\u00e4tschelte ihr den Kopf. Keine Sorge, Krabbe, das sind Drachen. Die k\u00f6nnen das.<br>Und so erhielten alle auf der Sheldrake nach ihrem Tod ein Seebegr\u00e4bnis. Oder Drachenbegr\u00e4bnis, wie Kea es nannte. Vielleicht glaubte nur sie an die Drachen, aber niemand er Besatzung widersprach je ihren Geschichten (sie waren ja nicht lebensm\u00fcde).<br>Ein-Ohr-Jette war in Nirnes Leben die erste, die starb. Sie fiel eines Tages einfach in der Komb\u00fcse um und stand nicht mehr auf. Hinter ihrem einen Ohr klemmte noch der Stift, mit dem sie sich \u00fcberall, mit dem sie sich bei jedem Landgang neue Rezepte notiert hatte. Nirne erbte den Stift \u2013 und die Arbeit als K\u00f6chin.<br>Bei Ein-Ohr-Jettes Bestattung stand sie neben Kea an Deck, der sie inzwischen bis zu den breiten Schultern reichte. Kea hob eine Flasche Whisky. Jette hat mich auf die Sheldrake geholt, da war ich j\u00fcnger als die Krabbe hier. Sie stupste Nirne an. Ich war klein und flink und furchtlos, also steckten sie mich meistens in den Ausguck. Jette geh\u00f6rte damals zu den ersten, die sich auf ein geentertes Schiff schwangen. Sie hat jeden Dienst auf der Sheldrake mal gemacht \u2013 nur Kapit\u00e4nin wollte sie nie werden. Aus dem Stoff bin ich nicht, hat sie gesagt. Aber in ihrem Leben hat sie viele Geschichten f\u00fcr die Drachen angesammelt. Kea hob die Flasche. Auf Jette!<br>Sie goss einen ordentlichen Schluck Whisky auf die Brust der Toten, die auf einer Planke aufgebahrt an Deck lag. Auf Jette!, riefen alle von der Besatzung.<br>Auf die Sheldrake!, erwiderte Kea. Ein Schluck Whisky landete auf dem Deck, w\u00e4hrend sie alle riefen: Auf die Sheldrake!<br>Kea goss den dritten und bislang gr\u00f6\u00dften Schluck ins Meer. Auf die See! Und auf die Drachen! M\u00f6gen sie unsere Jette finden und ihre Geschichten bewahren.<br>Sie wiederholten auch diese Worte, manche br\u00fcllten, manche weinten (auch Nirne), manche fl\u00fcsterten und hofften \u2013 und mit dem letzten Wort hoben sie Jette auf der Planke an, hievten sie \u00fcber die Reling und lie\u00dfen sie ins Wasser gleiten. Die Wellen klatschten \u00fcber ihr zusammen \u2013 und dann war sie fort. (Sp\u00e4ter lernte Nirne, dass diejenigen, die den Verstorbenen am n\u00e4chsten standen, ihre Taschen mit Steinen f\u00fcllten, damit die Toten hinabsanken.)<br>Braxas, der Rabe, kr\u00e4chzte laut auf der Spitze des h\u00f6chsten Mastes, und Nirne erinnerte sich, wie er auf Ein-Ohr-Jettes Schulter gehockt hatte (auf der Seite mit Ohr), scheinbar tief ins Gespr\u00e4ch mit ihr versunken. Die Besatzung leerte den Rest der Whiskyflasche (und so manche folgte), erz\u00e4hlte Geschichten von Ein-Ohr-Jette (manche wahr, manche nicht so ganz), und sogar Braxas nippte am Whisky. Nirne wusste am n\u00e4chsten Morgen nicht, ob es wirklich geschehen war oder nur eine Alkoholerinnerung, aber sie hatte sich lange mit Braxas unterhalten.<br>Sie segelten weiter \u00fcber die Weltmeere, pl\u00fcnderten und verschenkten, und Nirne wuchs und wurde \u00e4lter. Neben Jettes Stift hatte sie auch Braxas Freundschaft geerbt, und er lehrte sie seine Sprache. Er war der Beste im Ausguck und kr\u00e4chzte Nirne seine Beobachtungen zu, w\u00e4hrend sie von der K\u00f6chin zur einfachen Matrosin und schlie\u00dflich zur Steuerfrau wurde.<br>Noch immer war Kea die Kapit\u00e4nin der Sheldrake, aber auch sie wurde \u00e4lter und hatte viele Drachenbegr\u00e4bnisse geleitet. Und manchmal, wenn sie nachts mit Nirne auf der Br\u00fccke stand, sie gemeinsam in die Sterne und \u00fcber das dunkle Meer blickten, dann sagte sie: Nicht mehr lange jetzt bis zu meinem Drachenbegr\u00e4bnis. Versprich mir dass du die Tradition wahrst und die Geschichten nicht vergisst.<br>Nirne versprach es. Und als Keas Zeit kam \u2013 viele Jahre nach diesen N\u00e4chten \u2013 da hielt sie ihr Wort.<br>Auf Kea!<br>Ein Schluck Whisky auf ihre Brust.<br>Auf die Sheldrake!<br>Ein Schluck Whisky auf das Deck.<br>Und schlie\u00dflich die schwersten S\u00e4tze. Auf die See! Und auf die Drachen! M\u00f6gen sie unsere Kea, unsere Kapit\u00e4nin, finden und ihre Geschichten bewahren.<br>Die Besatzung wiederholte ihre Worte, manche br\u00fcllten, manche weinten (nein, das taten sie alle), manche fl\u00fcsterten, und sie alle hofften, dass Kea zu den Drachen fand und das Begr\u00e4bnis bekam, von dem sie immer erz\u00e4hlt hatte.<br>Und sie leerten den Whisky und noch so manch weitere Flasche, und sie erz\u00e4hlten sich Geschichten von Kea.<\/p>\n\n\n\n<p>Tief, tief unten im Meer, dort wo nur ganz besondere Augen sehen k\u00f6nnen, versammelten sich die Drachen in einem weiten Kreis um das Geschenk aus dem Himmel. Sie schlugen mit den Fl\u00fcgeln, bis sie alles Wasser aus ihrem Kreis verdr\u00e4ngten. Alle zugleich richteten sie ihre Flammen auf das Himmelsgeschenk, bis es zu feinster Asche verbrannte, die das Wasser mit sich forttrug.<br>Doch zuvor atmeten die Drachen den Rauch der Seele ein.<br>Willkommen, Kapit\u00e4nin Kea, willkommen bei den Drachen. Wir danken dir f\u00fcr deine Geschichten und werden sie bewahren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"648\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-1024x648.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1175\" srcset=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-1024x648.jpeg 1024w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-300x190.jpeg 300w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-768x486.jpeg 768w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-1536x971.jpeg 1536w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland-2000x1265.jpeg 2000w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Caro-Otherland.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Weitere, phantastische Januar-Geschichten zum Genre M\u00e4rchen findet ihr bei: Carola Wolff <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/carolawolff.de\/herzlos\/\" target=\"_blank\">Herzlos<\/a> und bei C. A. Raaven <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/maerchen02\" target=\"_blank\">Siehste<\/a> &#8211; viel Vergn\u00fcngen beim Lesen! Das sch\u00f6ne Drachenbild hat Caro vom Otherland (Phantastik-Buchladen in Berlin) mit Kugelschreiber gezeichnet, es kam als Postkarte mit einer Buchbestellung bei mir an und die Karte h\u00e4ngt seither an der Wand neben meinem Schreibtisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2023 widmen wir uns verschiedensten Genres der Phantastik und beginnen im Januar mit einem Klassiker: M\u00e4rchen.) Es war einmal, in Zeiten, die l\u00e4ngst nur noch Geschichten sind, eine Seefahrerin, die Kapit\u00e4nin der Sheldrake. 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