{"id":1181,"date":"2023-01-30T09:00:00","date_gmt":"2023-01-30T07:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1181"},"modified":"2023-02-06T18:07:14","modified_gmt":"2023-02-06T16:07:14","slug":"phantastischer-montag-trolle-tanzen-tango","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1181","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Trolle tanzen Tango"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Da der Januar f\u00fcnf Montage hat, gibt es f\u00fcr den phantastischen Montag heute eine Besonderheit: drei Geschichten auf einmal! Passend zum Januar-Genre &#8222;M\u00e4rchen&#8220; begeben wir uns in den &#8222;M\u00e4rchenwald&#8220;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor langen, langen Zeiten, als die W\u00e4lder noch weit und tief und voller Geheimnisse waren, da lebten dort auch die Trolle. Wer sich in den Rauhn\u00e4chten nach Dunkelheit in den Wald wagte und sich vorsichtig einer der Lichtungen n\u00e4herte, auf denen die Trolle sich in jenen N\u00e4chten versammelten, konnte ein ganz besonderes Ritual beobachten. In meiner Familie ist eine Geschichte aus diesen Zeiten \u00fcberliefert. Wir wissen l\u00e4ngst nicht mehr, wer das Geschehen in jener l\u00e4ngst vergangenen Rauhnacht beobachtet hat, aber das ist die Geschichte von tanzenden Trollen und wie sie erz\u00e4hlt wird:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Tango muss getanzt werden.\u201c<br>N\u00e4 n\u00e4 n\u00e4 n\u00e4 n\u00e4 n\u00e4 \u2026 Jonna sagte es nicht laut, aber in ihrem Kopf hallte der Trotz wider. N\u00c4 N\u00c4 N\u00c4 N\u00c4 N\u00c4 N\u00c4. Sie verschr\u00e4nkte die Arme vor der Brust und stampfte mit dem Fu\u00df auf. Nicht, dass das besonders wirkungsvoll gewesen w\u00e4re. Der Schnee d\u00e4mpfte, was ein nachhaltiger Knall hatte werden sollen. Nicht, dass der ihre Mutter beeindruckt h\u00e4tte.<br>Schnee st\u00e4ubte unter ihrem Fu\u00df auf, wirbelte empor, und sie musste niesen.<br>Ihre Mutter lachte. Tr\u00e4nen liefen ihr aus dem Auge und an der dicken Knollnase hinab, und sie hielt sich ihren dicken Bauch, aus dem das tiefe Gel\u00e4chter hinaufstieg.<br>\u201eAch Tr\u00f6llchen.\u201c Ihre Mutter wischte sich mit dem Handr\u00fccken \u00fcber das Auge.<br>Wie sie das hasste! Wenn sie wenigstens einen Spitznamen h\u00e4tte, der von ihrem Namen stammte \u2013 aber nein, nicht einmal das brachte ihre Mutter fertig! Tr\u00f6llchen. Als w\u00fcsste sie nicht, dass sie ein Troll war, als m\u00fcsste sie st\u00e4ndig daran erinnert werden. Pah.<br>Sie stie\u00df den Fu\u00df erneut in den Schnee, so dass er wieder vom Waldboden aufst\u00e4ubte, dieses Mal allerdings in Richtung ihrer Mutter. Doch die trat einfach nur einen Schritt zur Seite, und der Schnee flog auf und tanzte in tausend Kristallen wieder zu Boden.<br>Die, ja, die konnten tanzen! Schwerelos, zart, funkelnd \u2013 so, wie sie es nie hinbekommen w\u00fcrde.<br>\u201eUnd mit wem soll ich tanzen?\u201c<br>\u201eMit mir zum Beispiel.\u201c<br>\u201eDu schaust doch eh nur Papa an.\u201c<br>\u201eDann halt mit deinem Bruder.\u201c<br>\u201eDer hat jetzt Freda.\u201c<br>\u201eAch Tr\u00f6llch-\u201c<br>\u201eNenn mich nicht so!\u201c<br>Jetzt kreuzte auch ihre Mutter die Arme vor der Brust, und ihr eines Auge funkelte gef\u00e4hrlich. \u201eFrollein.\u201c Hinter ihrem R\u00fccken hervor zuckte ihr Schwanz, peitschte den Schnee rechts und links von ihr auf.<br>\u201eDu wirst tanzen! Wie es Tradition ist!\u201c<br>Ihr eigener Schwanz fegte \u00fcber den Boden. Sie stemmte die H\u00e4nde in die H\u00fcften und hob das Kinn.<br>\u201eIch hei\u00dfe Jonna!\u201c<br>\u201eEs sind die Rauhn\u00e4chte. Und da tanzen Trolle Tango!\u201c Mit dem rechten Fu\u00df donnerte ihre Mutter auf den Waldboden, dass die Baumkronen ringsum erzitterten und ihre wei\u00dfe Pracht sich auf sie beide ergoss.<br>Jonna sch\u00fcttelte sich und riss den linken Fu\u00df nach vorn, kniff ihre Augen zusammen.<br>\u201eHa!\u201c Ihre Mutter wich einen Schritt zur Seite.<br>Doch sie folgte ihr, Spiegelbild der Bewegung \u2013 so leicht entkam sie ihr nicht! Dicht stand sie nun vor ihrer Mutter, starrte ihr ins Auge, und ihre Mutter starrte zur\u00fcck.<br>\u201eWarum k\u00f6nnen wir nicht einfach Weihnachten feiern wie alle anderen auch?\u201c<br>\u201eWeihnachten!\u201c Mit einem gro\u00dfen Schritt st\u00fcrmte ihre Mutter auf sie zu, und sie wich zur\u00fcck.<br>\u201eWeihnachten!\u201c<br>Noch ein Schritt r\u00fcckw\u00e4rts, dem Vorw\u00e4rtsdrall ihrer Mutter geschuldet.<br>\u201eNur Menschen feiern Weihnachten.\u201c<br>W\u00fctend funkelte ihre Mutter sie an, als w\u00e4re schon die Frage ein Verrat an der Trollheit im Allgemeinen und ihrer Familie im Besonderen.<br>Leise sandte sie einen Seufzer in den winterlichen Wald und versuchte es mit einer neuen Taktik. Sie kreuzte die Beine und schlug die Wimpern nieder.<br>\u201eAber \u2013 aber die Kerzen \u2013 die haben ein so sch\u00f6nes Licht \u2013 und die Kekse, die sehen so lecker aus \u2026\u201c<br>\u201eAh \u2013 und die Geschenke, nicht wahr?\u201c<br>Ein weiterer entschiedener Schritt ihrer Mutter nach vorn trieb sie weiter zur\u00fcck.<br>Klar, die Geschenke waren auch nicht zu verachten.<br>\u201eAch, die sind nicht so wichtig.\u201c<br>Dieses Mal sp\u00fcrte sie die Bewegung ihrer Mutter, noch bevor sie den Seitw\u00e4rtsschritt sah, und blickte sie triumphierend an, w\u00e4hrend sie dem Schritt folgte. So leicht lie\u00df sie sich nicht absch\u00fctteln!<br>Da legte ihre Mutter den Kopf zur\u00fcck und lachte, dass die \u00c4ste der Birken erzitterten.<br>\u201eNun hast du doch mit mir getanzt!\u201c<br>Und schon schlang ihre Mutter den rechten Arm um sie und streckte die linke Hand nach ihrer Hand aus. Immer noch lachte sie und klang dabei so \u2013 heiter, so zuversichtlich, so absto\u00dfend fr\u00f6hlich.<\/p>\n\n\n\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1279\" height=\"523\" class=\"wp-image-1185\" style=\"width: 800px;\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/sense-85412_1280.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/sense-85412_1280.jpg 1279w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/sense-85412_1280-300x123.jpg 300w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/sense-85412_1280-1024x419.jpg 1024w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/sense-85412_1280-768x314.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1279px) 100vw, 1279px\" \/><br>Sie warf einen Blick auf die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen hatten. Tangoschritte. Da gab es kein Leugnen. Jonna seufzte. Und da entschl\u00fcpften ihr die Worte, die sie f\u00fcr sich hatte behalten wollen.<br>\u201eAber ich kann doch gar nicht tanzen.\u201c<br>Das Lachen verstummte.<br>\u201eUnd wie nennst du dann das, was wir gerade getan haben?\u201c<br>\u201eDas?\u201c Sie schaute von ihrer Mutter weg auf den verr\u00e4terischen Schnee.<br>\u201eTrollgetrampel.\u201c<br>\u201eDu nennst deine Mutter einen Trampel?\u201c<br>\u201eNein!\u201c Sie nagte an ihrer Unterlippe. Immer schaffte die es, dass alles sich um sie drehte!<br>\u201eDu nennst dich einen Trampel?\u201c<br>Jonna schwieg.<br>Eine Hand schloss sich um ihr Kinn, zwang sie, den Kopf zu drehen, bis sie direkt in das Auge ihrer Mutter sah. Wut glomm darin.<br>Jonna schloss die Augen. Wenn dieser verdammte Waldboden sich doch nur einmal unter ihren F\u00fc\u00dfen auftun k\u00f6nnte! Ein Mal. War das zu viel verlangt? Ein Mal verschwinden k\u00f6nnen. Einfach so.<br>\u201eTr\u00f6llchen. Sieh mich an.\u201c<br>Wieso klang die Stimme ihrer Mutter so sanft? Das war bestimmt ein \u00fcbler Trick. Sie kniff die Augenlider fester aufeinander.<br>Finger strichen \u00fcber ihre Wange. \u201eJonna.\u201c<br>Sollte sie es riskieren? Sie blinzelte \u2013 auf, zu. Hm. Sie riskierte es erneut. Auf, zu, auf, zu \u2013 auf.<br>\u201eJonna. Du bist kein Trampel.\u201c<br>Sicher. Sie starrte hinab auf ihre riesigen F\u00fc\u00dfe. Was bitte sollte man damit anderes sein?<br>\u201eJonna, Kind.\u201c Ihre Mutter sch\u00fcttelte den Kopf, umfasste sie fester und wirbelte sie herum, schritt und sprang mit ihr \u00fcber die Lichtung, deren Schnee im Sternenlicht funkelte, und das Funkeln spiegelte sich im Auge ihrer Mutter. Es war ein ganzer Funkenregen, der dort tanzte, wild und unbek\u00fcmmert und so herrlich, dass ihr gar nichts anderes \u00fcbrig blieb, als zu tanzen und zu lachen und atemlos zu werden und weiter zu tanzen.<br>Das Lachen hallte weit durch den Wald und lockte alle anderen Trolle herbei. Bald war die Lichtung voller tanzender Trolle, die lachten und den Schnee aufstieben lie\u00dfen, so dass er mit ihnen tanzte, sie in glitzernden Funken umh\u00fcllte und ihnen die Augen mit Sternenlicht f\u00fcllte.<br>Erst kurz vor Morgengrauen fand der Tanz ein Ende, und die Trolle verstreuten sich im Wald. Doch ihr Lachen hallte noch immer von einem Winkel des Waldes zum anderen, und am lautesten hallte es auf der Lichtung nach, auf die leise neuer Schnee fiel, der darauf wartete, dass der Tanz der Trolle ihn aufwirbele und zum Funkeln bringe. Und die Trolle sehnten den Anbruch der Dunkelheit herbei und schickten ihr Gel\u00e4chter voraus durch den Wald, und die mit der gr\u00f6\u00dften Ungeduld und dem lautesten Lachen war Jonna.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Auch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/maerchen02-2\" target=\"_blank\">C. A. Raaven<\/a> und <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/carolawolff.de\/daemon-glubschfrosch\/\" target=\"_blank\">Carola Wolff<\/a> waren im M\u00e4rchenwald und haben Geschichten mitgebracht. Viel Spa\u00df mit einem tapferen K\u00e4fer und einem D\u00e4mon!)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Da der Januar f\u00fcnf Montage hat, gibt es f\u00fcr den phantastischen Montag heute eine Besonderheit: drei Geschichten auf einmal! Passend zum Januar-Genre &#8222;M\u00e4rchen&#8220; begeben wir uns in den &#8222;M\u00e4rchenwald&#8220;) Vor langen, langen Zeiten, als die W\u00e4lder noch weit und tief und voller Geheimnisse waren, da lebten dort auch die Trolle. 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