{"id":1256,"date":"2023-04-24T23:06:25","date_gmt":"2023-04-24T21:06:25","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1256"},"modified":"2023-04-24T23:06:25","modified_gmt":"2023-04-24T21:06:25","slug":"phantastischer-montag-das-raetsel-um-die-verschwundenen-knochen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1256","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Das R\u00e4tsel um die verschwundenen Knochen"},"content":{"rendered":"\n<p>(<em>2023 widmen wir uns den unterschiedlichsten Genres der Phantastik, im April ist es Paranormal Cosy Crime)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es roch nach Geist. Milenka r\u00fcmpfte die Nase und sprang von der Heizung. L\u00e4stig. Es war gerade so gem\u00fctlich gewesen &#8211; die W\u00e4rme der Heizung, das Regengeprassel \u00fcber ihr am Fenster, w\u00e4hrend sie sich in Sicherheit davor wusste, in der trockenen W\u00e4rme vor sich hin schnurren konnte. Aber damit war es jetzt vorbei. Milenka dehnte und streckte sich, dann folgte sie dem Geruch nach Bittermandel und feuchtem Laub. Hoffentlich hatte der Geist genug Anstand, sich bei diesem Wetter drinnen aufzuhalten! Garantien gab es daf\u00fcr in diesem alten Gem\u00e4uer nicht, in dem es durch zu viele Ritzen und Spr\u00fcnge im Mauerwerk zog.<\/p>\n\n\n\n<p>Leise maunzte und keckerte sie vor sich hin, w\u00e4hrend sie der Geruchsspur nacheilte. Es w\u00e4re so viel leichter, wenn sie die verdammten Wesen sehen k\u00f6nnte! Einmal &#8211; in ihren ganz jungen Jahren &#8211; war sie im Aufsp\u00fcr-Eifer mitten durch einen Geist hindurch gerannt. Ein ganz und gar widerliches Gef\u00fchl. Kalt-nass-schwer. Ihr hatten sich alle Haare gestr\u00e4ubt und sie war davon gesprungen, so schnell es nur ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche gaben immerhin ein Zeichen von sich, wenn sie ihnen nahe kam. Aber l\u00e4ngst nicht alle. Milenka umrundete ein Tischbein, dr\u00fcckte sich eng an den Boden, um der Spur unter dem Ohrensessel hindurch zu folgen. Als sie vor dem B\u00fccherregal wieder unter dem Sessel hervorkam, ert\u00f6nte ein R\u00e4uspern, zu dem sie keinen K\u00f6rper sah. Obwohl Milenka den Geist erwartet hatte, zuckte sie bei dem k\u00f6rperlosen Laut zusammen. Sie fuhr herum und starrte am B\u00fccherregal entlang Richtung Fenster. Nat\u00fcrlich sah sie nichts. Aber der Geruch war hier so stark, dass sie die Nase kr\u00e4uselte und ihre Schnurrhaare zitterten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKannst du mich sehen?\u201c, fragte die k\u00f6rperlose Stimme leise.<br>Milenka setzte sich abrupt auf die Hinterpfoten. Gerade noch konnte sie den Reflex unterdr\u00fccken, sich eine Vorderpfote zu lecken. Verflixte \u00dcbersprungshandlungen! Sie dr\u00fcckte die Vorderpfoten fester auf die Dielen. \u201eNein. Nur riechen.\u201c H\u00f6ren f\u00fcgte sie nicht hinzu, das war schlie\u00dflich offensichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAh. Deswegen.\u201c Auch der Geist schien nicht viel von Worten zu halten. \u201eDu starrst auf meine Knie. Ich meine, es sind h\u00fcbsche Knie, wenn ich das so sagen darf, durchaus einer intensiven Betrachtung wert, ich war nur verwirrt, weil mich so lange niemand gesehen hat und dachte, vielleicht haben sich die gesellschaftlichen Regeln inzwischen ge\u00e4ndert und \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka korrigierte stumm ihre erste Einsch\u00e4tzung. Der Geist war ein Plappermaul. Na herzlichen Gl\u00fcckwunsch. \u201eWas machst du hier?\u201c, fragte sie mitten den Redefluss hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie korrekte Frage w\u00e4re: Was macht ihr hier? Ich meine, gut, du kannst nichts f\u00fcr das, was deine Menschen so anstellen, aber kannst du mir bitte trotzdem mal erkl\u00e4ren, was dieses Herausrei\u00dfen von W\u00e4nden soll?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das konnte Milenka nicht. Es war komplett sinnlos. Und der Grund, warum sie sich seit Wochen nicht mehr aus der Bibliothek heraus bewegte. Da drau\u00dfen war zu viel Unruhe und Ver\u00e4nderung. Ihr schauderte angesichts der Vorstellung, wie viel Ver\u00e4nderung! Als w\u00e4re der Umzug vor ein paar Monaten nicht schlimm genug gewesen. Und jetzt, kaum dass sie sich an ihr neues Revier gew\u00f6hnt hatte, fingen ihre Menschen damit an, alles zu zerst\u00f6ren. Milenka sch\u00fcttelte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerstehe, verstehe\u201c, murmelte der Geist. \u201eIch begreife die Lebendigen auch nicht. Entschuldige, dich meine ich damit nat\u00fcrlich nicht, ich will dich ja nicht beleidigen, wirklich nicht. Du hast ja keine Ahnung, wie lange ich mich nicht mehr unterhalten habe. Die meisten Lebendigen, nun sagen wir, die Lebendigen meiner Art, haben einfach keinen Sinn f\u00fcr Geister. Ich habe also die meiste Zeit oben auf dem Dachboden verbracht. Da l\u00e4sst sich einiges beobachten, viele L\u00f6cher, durch die sich sp\u00e4hen l\u00e4sst, wenn du verstehst. Ehrlich, ich war ganz zufrieden mit meinem Dasein.\u201c<br>Milenkas Schwanz zuckte hin und her. Sie glaubte dem Geist kein Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber jetzt &#8211; jetzt haben sie die Wand eingerissen. DIE Wand! Verstehst du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das pl\u00f6tzliche Schweigen verlangte eine Antwort von ihr. \u201eNein\u201c, gab Milenka aufrichtig zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist seufzte. \u201eDie Wand, in der mein Skelett gesteckt hat. Das ist eine Ka-tas-tro-phe! Ich meine, ja, als ich eingemauert wurde, fand ich das alles andere als witzig, versteh mich nicht falsch &#8211; und sterben war auch kein Spaziergang. Aber das ist Jahrhunderte her. Und als Geist hier zu leben, das, nun, das ist einfach \u2026 das Beste!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eingemauert? Lebendig? Menschen konnten so b\u00f6sartig sein. Milenka lie\u00df ihren Schwanz von rechts nach links schnellen, hin und her, schneller und schneller. Das war eindeutig schlimmer als W\u00e4nde einrei\u00dfen. Was sie zur\u00fcck zum Thema brachte. \u201eWas k\u00fcmmert dich dein Skelett?\u201c Mehr als Knochen konnten nach einigen Jahrhunderten schlie\u00dflich nicht \u00fcbrig sein. Milenka schnappte sich ihre Schwanzspitze, stellte eine Pfote darauf. Die Frage danach, wer da gemordet hatte, musste sie sich f\u00fcr sp\u00e4ter merken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie werden mich woanders hinbringen, diese Verbrecher\u201c, jammerte der Geist. \u201eSie werden denken, dass so alte Knochen auf einen Friedhof geh\u00f6ren &#8211; oder in ein Labor, eine Forschungseinrichtung, ganz egal, sie werden mich umquartieren!\u201c Ein lauter Seufzer hallte durch die Bibliothek. \u201eIch kann doch nur dort leben, wo meine Knochen lagern. Und wenn sie die von hier fortbringen \u2026 was soll ich denn woanders?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem konnte Milenka bestens nachvollziehen. Sicher, sie hatte mit dem erzwungenen Umzug Gl\u00fcck gehabt. Ja, die alte Burg war zugig &#8211; aber eben auch verwinkelt und bot noch viele unerforschte Orte (den Dachboden zum Beispiel, und das Kellergew\u00f6lbe, dem hatte sie sich auch noch nicht gewidmet). Ja, ihre Menschen stellten gerade v\u00f6llig absurde Dinge an und ver\u00e4nderten viel zu viel &#8211; aber sie lie\u00dfen ihr auch die bereits gem\u00fctlich ausgebaute Bibliothek als R\u00fcckzugsort. Sogar ihr Essen brachten sie ihr hierher. Ja, der Rest der Burg verwandelte sich immer mehr in eine Baustelle &#8211; schauderlich. Milenka zuckte mit den Ohren. Aber auch das w\u00fcrde vor\u00fcbergehen. Irgendwann (hoffentlich bald). Die Aussichten des Geistes hingegen schienen permanent schlecht. Da blieb wohl nur eines. Milenka seufzte leise. \u201eWie kann ich helfen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas w\u00fcrdest du tun?\u201c Die Stimme des Geistes war nur noch ein Hauch, daf\u00fcr kam der Geruch von Bittermandel und feuchtem Laub immer n\u00e4her. Milenka zog den Kopf zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eW\u00fcrde ich sonst fragen?\u201c Was dachte dieser Geist? Dass sie sinnlos vor sich hin plapperte? Sie musste doch sehr bitten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa g\u00e4be es tats\u00e4chlich etwas.\u201c In der Stimme lag jetzt eine ganz neue Nuance. Milenka richtete die Ohren nach vorn. Ja, das war Hoffnung. \u201eDu m\u00fcsstest dazu allerdings &#8211; also, ich meine, ich hoffe, das ist dir nicht unangenehm \u2026 ich meine, ich kann nichts anfassen, so ohne K\u00f6rper und so \u2026\u201c Der Geist r\u00e4usperte sich. \u201eDaher m\u00fcsstest du &#8211; also, du m\u00fcsstest meine Knochen an einen anderen Ort bringen. Heute Nacht noch. Ich habe die Lebendigen vorhin telefonieren h\u00f6ren. Morgen kommt jemand, um sich meine \u00dcberreste anzuschauen. Bis dahin m\u00fcssten sie in Sicherheit gebracht sein. Meinst du \u2026?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka schluckte. Aber letzten Endes waren Knochen einfach nur das: Knochen. Auch wenn sie sich gerade mit dem ehemaligen Besitzer des Skeletts unterhielt. Sie presste die linke Pfote fester auf ihre Schwanzspitze, die rechte auf die Dielen. \u201eWohin?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas &#8211; das kann ich dir zeigen!\u201c Der Geist-Geruch wirbelte in einer wilden Wolke umher, unter der Milenka sich eilig duckte. \u201eHier, dieses Buch, in dem ist ein Plan der Burg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann dich nicht sehen\u201c, fauchte Milenka. \u201eSchon vergessen?\u201c<br>\u201eEntschuldige &#8211; ich, also, du musst links am Regal entlang gehen, bis du zur Sektion Architektur kommst, da auf dem obersten Brett, das siebte Buch von rechts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich stand das Buch auf dem obersten Brett, was hie\u00df: kurz unter der Decke. Das wiederum bedeutete eine elende Kletterei. Allerdings &#8211; Milenka blickte sich um. Ha! Da hing die Leiter. Zwar in der falschen Richtung, aber oben hinter den B\u00fcchern entlang spazieren war leichter, als am Regal hinaufzuklettern. Unter dem heftigen Protest des Geistes (\u201eLinks! Nach links hab ich gesagt! Was tust du denn da?\u201c) machte sie sich auf Richtung Leiter. So schnell sie konnte huschte sie hinauf, da endlich kapierte der Geist und die Panik-Tirade verstummte.<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka quetschte sich zwischen Buchkanten und Zimmerdecke hindurch, nieste angesichts des dahinter versteckten Staubs und tapste im schmalen Gang zwischen B\u00fcchern und Wand Richtung Architektur-Sektion. Immer wieder wirbelten ihre Pfoten die dicke Staubschicht auf, der Staub stob auf, kitzelte in ihrer Nase, brachte sie zum Niesen, was noch mehr Staub aufwirbelte, was wiederum \u2026 Milenkas K\u00f6rper bebte unter all der Nieserei. Endlich kam sie in der Architektur an. \u201eSag mir, wenn ich das richtige erwische\u201c, wie sie den Geist an und schob vorsichtig ein Buch nach dem anderen nach vorn. Die Dinger waren verdammt schwer. Milenka stemmte den R\u00fccken gegen die Wand und die Pfoten gegen die gro\u00dfen W\u00e4lzer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, nein, nein, nein, \u2026\u201c, t\u00f6nte es in einem fort von vor dem Regal. Dann: \u201eHalt! Stopp! Das ist es!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erleichtert gab Milenka dem Buch einen kr\u00e4ftigen Schubs, sodass es aus dem Regal fiel. Mit einem m\u00e4chtigen Krachen landete es auf dem Boden. Milenka erstarrte. Lauschte. Stand ganz still da, fixierte das Buch auf den Dielen. Lauschte weiter. Nichts. Keine Schritte. Keine knarrende T\u00fcr. Dieses dicke Mauerwerk hatte wirklich einiges f\u00fcr sich. Niesend suchte sie sich ihren Weg zur\u00fcck, verfluchte Leitern in allen Sprachen, die sie kannte (wirklich, f\u00fcr den Weg nach unten sollte es eine Treppe geben, das hier war einfach katzenunw\u00fcrdig). Leitern, ehrlich, sowas konnten sich nur Menschen ausdenken!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dielen wieder unter den Pfoten zu haben, f\u00fchlte sich gut an. Milenka flitzte zum Buch, das trotz der gro\u00dfen Sturzh\u00f6he keinen Schaden genommen hatte. \u201eSag mir, wenn ich auf der richtigen Seite bin.\u201c Milenka nutzte Krallen und Z\u00e4hne, um durch die unz\u00e4hligen Pl\u00e4ne der Burg zu bl\u00e4ttern. Wie oft konnte man so einen riesigen Kasten umbauen? Kein Wunder, dass sie noch nicht alle Winkel kannte! So oft, wie hier angebaut, eingerissen, neu geplant worden war.Nat\u00fcrlich sah sie das. Milenka verdrehte die Augen. War ja kein Geisterplan. Sie nickte und starrte weiter auf die Zeichnung. Faszinierend, wie viele zugemauerte T\u00fcren und Fenster es dort gab &#8211; und das dort? Milenka neigte den Kopf zur Seite, ging mit der Nase dichter an den Plan. Das sah aus wie ein Geheimgang! Sie musste definitiv das Kellergew\u00f6lbe als n\u00e4chstes erkunden.Die Dielen wieder unter den Pfoten zu haben, f\u00fchlte sich gut an. Milenka flitzte zum Buch, das trotz der gro\u00dfen Sturzh\u00f6he keinen Schaden genommen hatte. \u201eSag mir, wenn ich auf der richtigen Seite bin.\u201c Milenka nutzte Krallen und Z\u00e4hne, um durch die unz\u00e4hligen Pl\u00e4ne der Burg zu bl\u00e4ttern. Wie oft konnte man so einen riesigen Kasten umbauen? Kein Wunder, dass sie noch nicht alle Winkel kannte! So oft, wie hier angebaut, eingerissen, neu geplant worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier! Hier! Hier!\u201c, rief es pl\u00f6tzlich viel zu nah an ihren Ohren. Milenka str\u00e4ubte das Fell und fauchte. \u201eTut mir leid, tut mir leid\u201c, beeilte sich der Geist zu versichern. \u201eDas ist der richtige Plan. Siehst du das Kellergew\u00f6lbe?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sah sie das. Milenka verdrehte die Augen. War ja kein Geisterplan. Sie nickte und starrte weiter auf die Zeichnung. Faszinierend, wie viele zugemauerte T\u00fcren und Fenster es dort gab &#8211; und das dort? Milenka neigte den Kopf zur Seite, ging mit der Nase dichter an den Plan. Das sah aus wie ein Geheimgang! Sie musste definitiv das Kellergew\u00f6lbe als n\u00e4chstes erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist an der falschen Seite des Plans\u201c, beschwerte sich der Geist. Richtig. Es gab einen konkreten Grund, aus dem sie diese Zeichnung anschaute. Milenka wanderte um das Buch herum. War das eine T\u00fcr im Boden? Sie tippte mit einer Pfote darauf. \u201eGenau! Dort geht es hinunter in die Krypta.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka beugte sich n\u00e4her \u00fcber das Papier. Schn\u00fcffelte. Aus reiner Gewohnheit. Das \u00e4nderte nat\u00fcrlich nichts. \u201eDa ist aber keine Krypta drunter verzeichnet.\u201c Au\u00dferdem war das ein Keller und keine Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht mehr. Da war mal &#8211; nun ja, zuerst waren da unterirdische Gr\u00e4ber, dann hat irgendwer von meinen Vorfahren, wirklich von den uralten Vorfahren, eine Kirche dar\u00fcber bauen lassen, nur so ein olles Familiending. Aber den Zugang zu den Gr\u00e4bern, den wollten sie erhalten, also gab es in der Kirche einen Weg nach unten.\u201c Das klang, als w\u00fcrde es l\u00e4nger dauern. Milenka rollte sich neben dem Buch zusammen. \u201eEine sp\u00e4tere Vorfahrin, also einige Generationen und so sp\u00e4ter, hatte dann &#8211; wie soll ich sagen? Eine Fehde mit der Kirche? Die wollten sie nicht, also wollte sie die Kirche nicht, also rief sie eines Nachts ihre Schwestern zusammen und gemeinsam rissen sie die Kirche ab. Kein Stein blieb auf dem anderen. Hach\u201c, der Geist seufzte schwelgerisch, \u201ees war wunderbar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka blinzelte. Klang ganz so, als w\u00e4re dieser Geist dabei gewesen. Eine der Schwestern vielleicht? Aber was waren das \u00fcberhaupt f\u00fcr Schwestern? Milenka legte den Kopf wieder auf ihren ausgestreckten Vorderpfoten ab. Nur nicht zu viel Neugier verraten. Da waren Geister eigen. Geh\u00f6rte vielleicht dazu, wenn alles K\u00f6rperliche verlorenging und nur noch die Erinnerung an die eigene Geschichte blieb. Milenka schloss die Augen. Zuh\u00f6ren, nicht einschlafen, befahl sie sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Erde lag wieder unber\u00fchrt da, unbefleckt von Kreuzen.\u201c Es klang, als h\u00e4tte der Geist bei dem letzten Wort am liebsten ausgespuckt. \u201eNat\u00fcrlich blieb das nicht unbemerkt und diese fantastische Nacht hatte dramatische Folgen &#8211; aber nun ja, das tut jetzt hier nichts zur Sache. Immerhin war es den Schwestern gelungen, die Erde so zu sch\u00fctzen, dass keine Kirche mehr darauf gebaut werden konnte. Irgendwer hat dann in sp\u00e4teren Jahrhunderten die Kellergew\u00f6lbe der Burg erweitert. Und da ist heute noch immer diese Fl\u00e4che pure Erde, auf der nichts h\u00e4lt, auch kein Fu\u00dfboden, woraus auch immer der bestehen mag. Diesen blanken Flecken Boden musst du finden. Wenn du die Erde an der Stelle, die auf der Karte verzeichnet ist, aufgr\u00e4bst, findest du den Eingang zu den Gr\u00e4bern. Dorthin musst du meine Knochen bringen &#8211; und dann den Eingang wieder mit der Erde bedecken. Dann sollten sie sicher sein.\u201c Der Geist verstummte.<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka leckte \u00fcber ihre Vorderpfoten und ging das Geh\u00f6rte noch einmal durch. Klang ganz so, als h\u00e4tte sie jede Menge Arbeit vor sich heute Nacht. Sie rappelte sich auf, streckte und dehnte sich. Das Wichtigste zuerst: Sie schloss das Buch und schob es unter einiger Anstrengung zum Regal. Zum Gl\u00fcck passte es in die L\u00fccke zwischen unterstem Regalbrett und Boden. Da schaute nie irgendwer hin. Und falls den Menschen die L\u00fccke in der obersten Buchreihe auffiel, w\u00fcrden sie zwar sie beschuldigen, aber das Buch trotzdem nicht finden. Jetzt musste sie nur noch warten, bis alle ins Bett gegangen waren. Der Geist hatte keinen Sinn f\u00fcr Geduld, murmelte vor sich hin, ging der Geruchbewegung nach vor dem Regal auf und ab. Das brachte den Abend auch nicht schneller herbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ihre Menschen das Essen brachten, lag Milenka lang ausgestreckt auf dem Heizk\u00f6rper unter dem Fenster. Drau\u00dfen regnete es noch immer. Sie \u00f6ffnete nur ein Auge, betrachtete die Menschen kurz, schloss das Auge wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJetzt schau dir das an &#8211; so ein Leben m\u00fcsste man haben\u201c, sagte Mensch eins (r\u00fccksichtsvoll leise).<\/p>\n\n\n\n<p>Mensch zwei seufzte. \u201eIch freue mich schon auf ruhigere Tage, wenn wir uns ihr hier anschlie\u00dfen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ha, die hatten ja keine Ahnung! Milenka sp\u00fcrte, wie ihre Schnurrhaare zuckten und streckte sich noch ein klein wenig l\u00e4nger aus. Ah, das tat gut. Sie musste sich schlie\u00dflich gut ausruhen f\u00fcr die anstehenden M\u00fchen der Nacht. Ihre Menschen blieben noch eine Weile (in stummer Bewunderung ihrer Gestalt zweifellos), dann zogen sie behutsam die T\u00fcr hinter sich zu. Den Geist hatten sie nat\u00fcrlich nicht bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Zeitgesp\u00fcr weckte sie zuverl\u00e4ssig, als es dunkel geworden war. Nun gut, vielleicht war es auch der Geist, der laut \u201ewach auf, wach auf, wach auf!\u201c, rief.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin ja wach.\u201c Milenka streckte sich, sprang leichtf\u00fc\u00dfig von der Heizung. \u201eAlso gut, zeig mir den Weg zu deinen Knochen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch dachte, du kannst mich nicht sehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber riechen.\u201c Milenka g\u00e4hnte. Streckte noch einmal den ganzen K\u00f6rper durch, bis alle ihre Sinne munter waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRiechen? Ich rieche nicht!\u201c Der Geist klang emp\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mussten die alle so empfindlich sein? \u201eFrag mich nicht warum, aber ihr riecht alle nach einer Mischung aus Bittermandel und feuchtem Laub. Und jetzt lass uns gehen, bevor die Nacht vorbei ist.\u201c Sie rannte zur T\u00fcr, sprang die Klinke an, sodass die T\u00fcr leicht aufschwang und sie sich durch den Spalt hinaus auf den Flur dr\u00fccken konnte. Der Geist war ihr offenbar vorausgeeilt. Und ganz offenbar vertraute er ihrem Geruchssinn nicht, denn er redete ununterbrochen vor sich hin, sagte jede Ecke an, um die er bog, jede T\u00fcr, durch die er glitt. Milenka schwieg und folgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wusste schon, warum sie die Bibliothek nicht mehr verlie\u00df. Je n\u00e4her sie der Baustelle kamen, desto mehr Schutt lag herum, desto tr\u00fcgerischer wurde der Boden unter ihren Pfoten. Plastikfolien hingen in Durchg\u00e4ngen, raschelten im ewigen Luftzug auf den Fluren. Milenka musste sich sehr zusammenrei\u00dfen, damit sie nicht jedes Mal hochsprang. Nicht, dass sie das laut sagen w\u00fcrde, aber die Stimme des Geistes half ihr dabei, die anderen Ger\u00e4usche zu ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die eingerissene Wand fand sich zum Gl\u00fcck im Erdgeschoss und nicht allzu weit entfernt vom Eingang ins Kellergew\u00f6lbe. Die Knochen lagen in dem schmalen Raum zwischen zwei Mauern. Die hintere war noch intakt, die vordere zeigte ein gewaltiges Loch. Milenka stieg \u00fcber Schutt und Steine, sprang in den Zwischenraum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann gar nicht hinschauen\u201c, klagte der Geist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann tu\u2019s halt nicht, verkniff sich Milenka und n\u00e4herte sich vorsichtig den am Boden liegenden Knochen. Verflucht viele davon hatte so ein menschliches Skelett, stellte sie fest. \u201eDir ist schon klar, dass ich die nicht alle auf einmal in den Keller tragen kann?\u201c, erkundigte sie sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu kannst mich doch nicht auseinanderrei\u00dfen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka senkte den Kopf. Worauf hatte sie sich blo\u00df eingelassen? Sie starrte die Knochen mit zusammengekniffenen Augen an. \u201eHast du ernsthaft gedacht, ich k\u00f6nnte die alle auf einmal in den Keller tragen? Hast du mich mal angesehen?\u201c, knurrte sie den Geist an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch &#8211; nun &#8211; ich wei\u00df nicht, jedenfalls habe ich mir das so nicht vorgestellt. Auf dich mag ich ja k\u00f6rperlos wirken, aber ich mag meine Geistgestalt intakt und daf\u00fcr muss mein Skelett zusammenbleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas h\u00e4ttest du von Anfang an sagen m\u00fcssen.\u201c Milenka schlich um den Knochenhaufen herum. Wie bitte sollte sie das bewerkstelligen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00e4ttest du dich dann darauf eingelassen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka setzte sich abrupt auf ihre Hinterpfoten. H\u00e4tte sie? Aber nun hatte sie und ungel\u00f6ste Aufgaben verursachten ihr auf Dauer nur Kopfschmerzen, also musste sie sich etwas einfallen lassen. \u201eWir brauchen ein St\u00fcck Stoff\u201c, erkl\u00e4rte sie schlie\u00dflich. Und sie wusste schon genau, wo sie das finden konnte. Nie zuvor hatte sie den Weg in die K\u00fcche so schnell zur\u00fcckgelegt. Vor dem Fenster neben der Sp\u00fcle hing das Gew\u00fcnschte: eine helle Gardine. Wer brauchte das schon vor einem K\u00fcchenfenster?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Sprung landete Milenka auf der Arbeitsfl\u00e4che neben der Sp\u00fcle. Mit einem weiteren hing sie in der Gardine, schwang daran hin und her, riss und ruckelte, bis das Ding sich endlich von der Stange l\u00f6ste, ritsch-ratsch-krach mit ihr hinabfiel. Milenka hatte nicht bedacht, dass der Stoff sich um sie wickeln und im Fallen behindern w\u00fcrde. Beinahe w\u00e4re sie auf dem R\u00fccken statt auf den Pfoten gelandet &#8211; was f\u00fcr ein gemeingef\u00e4hrliches Zeugs so ein Stoff doch war! Sie sch\u00fcttelte ihn ab, pr\u00fcfte hektisch, ob bei ihr noch alles so war, wie es sein sollte. Das fehlte noch, dass sie jetzt zum Geist wurde. Milenka schauderte. Kurz betrachtete sie die Scherben, die zuvor nicht da gewesen waren. Nun, das lie\u00df sich jetzt auch nicht mehr \u00e4ndern. Milenka packte ein Ende des Stoffs mit den Z\u00e4hnen und eilte zur\u00fcck zum Loch in der Wand. Den Stoff legte sie davor auf den Boden, bevor sie wieder hinein zu den Knochen sprang.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine m\u00fchsame Arbeit, einen Knochen nach dem anderen zum Stoff zu tragen. Und die ganze Zeit \u00fcber wimmerte und jammerte der Geist, w\u00e4hrend sie Knochen f\u00fcr Knochen aus dem schmalen Zwischenraum hinaus brachte. Er schien jeden Zentimeter zu sp\u00fcren, den sie sich voneinander entfernten. Milenka dr\u00fcckte die Ohren flach an den Kopf und arbeitete so schnell sie nur konnte. Das letzte leise Wimmern verstummte, als sie auch das letzte Kn\u00f6chelchen auf dem Stoff ablegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka hockte sich auf eine freie Stelle der erjagten Gardine. Erst in der Stille wurde ihr bewusst, was der Geist die ganze Zeit \u00fcber gejammert hatte. <em>Ich habe es den Schwestern versprochen. Ich habe es den Schwestern versprochen<\/em>. Interessant. Sie sprang auf. Sorgf\u00e4ltig h\u00fcllte sie den Stoff um die Knochen, legte die Ecken so eng zusammen, dass keine L\u00fccken mehr blieben und sie das entstandene Stoffkn\u00e4uel zwischen die Z\u00e4hne klemmen konnte. Hochheben konnte sie den Stoffknochenbeutel nicht. Also schleifte sie ihn \u00fcber den Boden neben sich her. Der Geist &#8211; von keinerlei Last beschwert &#8211; eilte ihr voraus, kontrollierte die Flure und Zimmer, die sie durchqueren mussten. Sein Bericht lautete immer gleich: alles leer und sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4tte sie ihm auch sagen k\u00f6nnen. Ihre Menschen schliefen am anderen Ende der Burg, im zweiten Stock. Die h\u00f6rten nichts von dem, was hier passierte &#8211; selbst wenn sie aufwachten und ins Bad gingen, w\u00fcrden sie nichts h\u00f6ren. Aber Milenka musste den Stoff mit den Z\u00e4hnen festhalten, also konnte sie nichts sagen und lie\u00df den Geist tun, was er offenbar tun musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich standen sie vor der T\u00fcr zum Kellergew\u00f6lbe. Die nat\u00fcrlich zu war. Sorgsam legte Milenka den Beutel ab, fuhr sich rasch mit der Zunge \u00fcber Gaumen und Z\u00e4hne. Gardine schmeckte wirklich nicht. Sie versuchte den Trick mit der Klinke. Aber wie sie bef\u00fcrchtet hatte, war die T\u00fcr verschlossen. Durch diesen Eingang kam wohl nur ein Geist ins Kellergew\u00f6lbe. \u201eIdeen?\u201c, fragte sie ihre unsichtbare Begleitung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch schau mich um\u201c, sagte der Geist und gleich darauf konnte Milenka ihn nicht mehr riechen. Sie schob den Stoffknochenbeutel bis an die T\u00fcr und streckte sich davor auf dem Boden aus, behielt den langen Flur im Blick. Vor den sonderbaren Einf\u00e4llen von Menschen war eine nie sicher. Manchmal trieben sie sich mitten in der Nacht in der Burg herum und erschreckten eine Katze auf ihrer \u00fcblichen Nachtrunde halb zu Tode. Milenka spannte alle Muskeln an und spitzte die Ohren. Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur der Geruch von Bittermandel und feuchtem Laub kehrte zur\u00fcck. Sie entspannte sich eilig. Schlie\u00dflich wollte sie den Geist nicht noch nerv\u00f6ser machen. Milenka setzte sich geschmeidig auf. \u201eUnd?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa ist ein Fenster, das geht zum Burghof hinaus, und das Gitter davor ist halb weg &#8211; du m\u00fcsstest nur, \u00e4hm, das Glas kaputt bekommen \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka unterdr\u00fcckte einen Seufzer. Wenn es sonst nichts war. Zum Burghof gab es wenigstens eine unverschlossene T\u00fcr. In der K\u00fcche. Entschlossen packte Milenka den Stoffknochenbeutel und machte sich auf den Weg. Nat\u00fcrlich regnete es drau\u00dfen noch immer. Sie hasste es, wenn ihr Fell nass wurde, wenn das kalte Wasser \u00fcber ihre Haut rann. Au\u00dferdem sog sich der Stoff voll und wurde durch die N\u00e4sse immer schwerer. Milenka zog und zerrte ihn quer \u00fcber den Hof, verlie\u00df sich auf die Stimme des Geistes, die ihr die Richtung wies.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin hatte sie \u00dcbung im Einschlagen von Fensterscheiben. Wichtige \u00dcberlebenskenntnisse f\u00fcr Katzen, die sich in St\u00e4dten herumtrieben, so wie sie fr\u00fcher. St\u00e4ndig lauerte die Gefahr an trockenen Orten eingeschlossen zu werden. Sie legte den Beutel neben dem Fenster ab und machte sich auf die Suche nach einem ausreichend gro\u00dfen Stein. So viel sie den Regen dabei auch anknurrte, er h\u00f6rte nicht auf. Ganz wie fr\u00fcher. Milenka hasste dieses nasse Gef\u00fchl. Sie hasste, hasste, hasste es. Und sie vermisste die Heizung in der Bibliothek.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kombination dieser Gef\u00fchle entfachte ihren Zorn. Voller Wut rollte sie einen gro\u00dfen Stein in Position. Der Schmerz in ihren Pfoten steigerte die Wut nur. Knurrend und fauchend trat Milenka ein paar Schritte zur\u00fcck. Sie fixierte den Stein. Sprang hoch. Schrie und rannte, hetzte auf ihn zu. Fauchend stemmte sie die Vorderpfoten auf das schl\u00fcpfrige Kopfsteinpflaster, lie\u00df ihr Hinterteil herumschnellen, schleuderte die Hinterpfoten mit voller Wucht gegen den Stein. Der hob ab, flog zielgenau auf die Fensterscheibe zu, die unter seinem Aufprall klirrend zerplatzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Na bitte. Gelernt war gelernt. Milenka leckte beruhigend \u00fcber ihre schmerzenden Hinterpfoten. Dann schlenderte sie auf das eingeschlagene Fenster zu. Vorsichtig trat sie noch ein paar verbliebene, spitze Scherbenreste aus dem unteren Fensterrahmen. Obwohl sie es eilig hatte, ins Trockene zu kommen, sp\u00e4hte sie erst einmal hinein. Kurz unter dem Fenster stand ein gro\u00dfes Fass. Jetzt gab es kein Z\u00f6gern mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu kannst ganz sch\u00f6n Furcht einfl\u00f6\u00dfend sein, wei\u00dft du das?\u201c, ert\u00f6nte die Stimme des Geistes neben ihr. \u201eH\u00e4tte ich dir gar nicht zugetraut, du wirkst immer so \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie eine zahme Hauskatze?\u201c, erg\u00e4nzte Milenka die Worte, die der Geist sich wohl nicht auszusprechen traute. Sie schnappte sich den Beutel mit den Knochen und hievte ihn durch das kaputte Fenster auf das Fass, sprang hinterher. Endlich im Trockenen! Sie sch\u00fcttelte sich ausgiebig. \u201eWarum hast du mich dann um Hilfe gebeten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist seit Jahrhunderten die erste, die mich wahrnehmen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig. Hatte sie kurzfristig vergessen. \u201eNur weil ich jetzt mein ruhiges Dasein genie\u00dfe, hei\u00dft das nicht, dass ich ein verw\u00f6hntes, nutzloses Hausk\u00e4tzchen bin.\u201c Milenka r\u00fcmpfte die Nase. Dass sie sich nach ihrem Platz auf der Heizung sehnte, musste sie dem Geist ja nicht verraten. \u201eJetzt verrat mir, wo ich dieses Fleckchen unber\u00fchrte Erde finde.\u201c Sie packte den Beutel erneut, schwor sich, in diesem Leben nie wieder Stoff in den Mund zu nehmen und sprang zu Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war das Kellergew\u00f6lbe riesig &#8211; und das Fenster maximal weit von der gesuchten Stelle entfernt. Milenka zitterte vor Ersch\u00f6pfung, als sie endlich dort ankamen. Aber ausruhen konnte sie sich noch immer nicht. Erst musste sie die Erde zur Seite scharren, dann den verfluchten Hebel umlegen, der nat\u00fcrlich klemmte und rostig quietschte, als sie ihn bewegt bekam. Der Mechanismus, der daraufhin die T\u00fcr im Boden \u00f6ffnete, funktionierte hingegen tadellos. Ihre M\u00fchen waren aber lange nicht vorbei. Sie musste den Stoffknochenbeutel eine steile Treppe hinunter zerren und einen muffigen Gang entlang schleppen. Still dankte sie allen G\u00f6ttinnen f\u00fcr die Nachtsicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Geist trieb sie weiter und weiter, kreuz und quer durch die alten Stollen. Die Gr\u00e4ber steckten hinter T\u00fcren in den W\u00e4nden und Milenka fragte sich, wie verflucht hoch drei sie eine von denen aufbekommen sollten (falls der Geist sich je f\u00fcr eines der Gr\u00e4ber entscheiden w\u00fcrde), als sie wieder um eine Ecke bog und abrupt stehen blieb. Hier lagen Knochen offen in Steinnischen entlang der W\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, genau hier\u201c, verk\u00fcndete der Geist. \u201eGibt es ein besseres Versteck? Ich glaube kaum. Knochen zu Knochen. Da falle ich \u00fcberhaupt nicht auf. Ist das nicht genial?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka war zu ersch\u00f6pft f\u00fcr Worte. Sie faltete den Stoff auf. Unter dem fortw\u00e4hrenden Geplapper des Geistes trug sie Knochen um Knochen in eine der Steinnischen. Warum hatten Menschen so viele davon? Und hatte sie sich das heute nicht schon einmal gefragt?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 und damit nie wieder eine dieser verdammten christlichen Kirchen auf unserem Gel\u00e4nde errichtet werden kann, musste ein von uns zum Geist werden und fortan \u00fcber die Burg wachen. Nur so wirkt der Zauber.\u201c Ein tiefer Seufzer glitt durch den Gang und jagte Milenka einen Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Nur mit M\u00fche gelang es ihr, den Knochen, den sie gerade trug, nicht fallen zu lassen. \u201eAber zum Geist wird nur, wer ermordet wird. Also musste eine von uns sich freiwillig bereit erkl\u00e4ren \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Milenka sah alles vor sich. Eine Gemeinschaft von Schwestern, die sich anblickten, stumm, z\u00f6gernd, bis eine sprach, w\u00e4hrend alle anderen schwiegen. Sie stellte sich vor, wie sie die Burg betraten, wie sie sich verabschiedeten, letzte Umarmungen, Worte, letzte Blicke, w\u00e4hrend sie die Mauer errichteten, die einen davor, die eine darin. Und sanft, ganz sanft legte Milenka die Knochen einen neben den anderen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch danke dir\u201c, sagte der Geist, als der letzte Knochen an seinem Platz lag. Milenka nickte nur. Dann packte sie den nassen, dreckigen Stofffetzen, der mal eine Gardine gewesen war, klemmte ihn zwischen die Z\u00e4hne und machte sich auf den R\u00fcckweg. Sie schloss die T\u00fcr zum Burghof von au\u00dfen, damit niemand auf die Idee kam, sie w\u00e4re heute Nacht unterwegs gewesen. Die Ex-Gardine vergrub sie in einem Gartenbeet. Dann stieg sie durch die Katzenklappe der Vordert\u00fcr wieder ins Trockene, schlich zur\u00fcck in die Bibliothek. Mit letzter Kraft sprang sie auf den warmen Heizk\u00f6rper und streckte sich lang aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Menschen w\u00fcrden sich wundern, wenn sie am Morgen entdeckten, dass die Knochen verschwunden waren. Aber daran konnte sie nichts \u00e4ndern. Und schlie\u00dflich hatten sie es sich ausgesucht, in eine Burg mit W\u00e4chterin zu ziehen. Da mussten sie sich jetzt eben den Kopf \u00fcber das R\u00e4tsel um die verschwundenen Knochen zerbrechen. Milenka streckte sich so lang aus, wie sie nur konnte. Diese wohlige W\u00e4rme hatte sie sich nach dieser Nacht wahrlich verdient. \u201eHoffentlich finden sie deine Knochen nie wieder\u201c, murmelte sie noch in Richtung des Geruchs von Bittermandel und feuchtem Laub, bevor sie sich einem tiefen Schlummer \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die anderen Geschichten aus dem April findet ihr hier:<\/em><br>Carola Wolff <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/carolawolff.de\/mit-der-nase-eines-wolfs\/\" target=\"_blank\">Mit der Nase eines Wolfs<\/a><br>C. A. Raaven <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/pacocri02\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fallobstfall<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2023 widmen wir uns den unterschiedlichsten Genres der Phantastik, im April ist es Paranormal Cosy Crime) Es roch nach Geist. Milenka r\u00fcmpfte die Nase und sprang von der Heizung. L\u00e4stig. Es war gerade so gem\u00fctlich gewesen &#8211; die W\u00e4rme der Heizung, das Regengeprassel \u00fcber ihr am Fenster, w\u00e4hrend sie sich in Sicherheit davor wusste, in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1256\" class=\"more-link\">Mehr <span class=\"screen-reader-text\">\u00fcber &#8222;Phantastischer Montag: Das R\u00e4tsel um die verschwundenen Knochen&#8220; <\/span>Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1257,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[231,228],"tags":[237,239,67,58],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1256"}],"collection":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1256"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1256\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1259,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1256\/revisions\/1259"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1257"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1256"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1256"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1256"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}