{"id":1284,"date":"2023-05-30T11:47:05","date_gmt":"2023-05-30T09:47:05","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1284"},"modified":"2023-05-30T11:47:05","modified_gmt":"2023-05-30T09:47:05","slug":"phantastischer-montag-die-uhrgeister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1284","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Die Uhrgeister"},"content":{"rendered":"\n<p>(<em>Im Mai gab es wieder f\u00fcnf Montage und somit am f\u00fcnften Montag von uns allen eine Geschichte zu magischen Geb\u00e4uden.<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>Es schlug Mitternacht. Wie jede Nacht lauschten viele Menschen den Kl\u00e4ngen, wie jede Nacht hatten sie keine Ahnung, was in diesem speziellen Glockenturm zur Mitternacht geschah. Denn alles, was sie sahen, waren die gro\u00dfen, schwingenden Glocken, alles, was sie h\u00f6rten, waren die tiefen und die hohen Kl\u00e4nge, die weit durch ihr Viertel hallten. Manche Menschen standen sogar direkt vor dem Turm, blickten zu der Uhr ihren Zeigern aus dunklem Metall empor und sahen nur, wie der gro\u00dfe Zeiger \u00fcber den kleinen r\u00fcckte, die Nacht zerteilte.<br>Was sie nicht sahen: Wie mit jedem Glockenschlag ein Geist aus der Uhr flog. Der erste aus der Elf, der zweite aus der Zehn und immer so weiter, bis der zw\u00f6lfte Geist aus der Zw\u00f6lf hervorkam, sich den anderen anschloss, die geduldig vor der Uhr herumschwebten und warteten, bis sie vollz\u00e4hlig versammelt waren.<br><br>Sie kreisten um den Turm, der ihnen ein Zuhause bot, seit sie in den St\u00e4tten der Lebenden keines mehr hatten. Da war Fili, von der niemand wusste, wie lange sie schon im Turm hauste. Sie war klein und wendig und geschwind und meistens fr\u00f6hlich. Nur auf ihren Tod war sie nicht gut zu sprechen, weswegen ihr niemand mehr als ein einziges Mal dazu Fragen stellte. Sie war stets die Erste, die aus der Uhr kam und hatte einen Plan f\u00fcr die verbleibenden Stunden der Nacht, wenn sich alle schlie\u00dflich versammelt hatten.<br><br>Lung kam immer als Letzter. Er verlie\u00df den Turm ungern und war auch noch nicht lange dabei. Der Tod ging ihm noch nahe. Nur Fili konnte ihn aufmuntern. Die anderen lie\u00dfen ihm respektvoll seine Ruhe und seine Schwermut.<br><br>Diese Nacht jedoch war anders, das sp\u00fcrten sie alle. Und so blickten sie auf Fili, schweigend, mit gro\u00dfen Augen. So hatte sich noch keine Nacht angef\u00fchlt, sogar Lung verga\u00df seine Schwermut \u00fcber der Verwunderung.<br><br>Mirx sp\u00fcrte in alle Richtungen, so die Nachtluft tief ein. Die roch so ganz anders als sonst. Sicher, da waren alle Ger\u00fcche der Stadt, von aufgeheiztem Asphalt, der selbst jetzt noch warm unter ihnen lag, bis zu einem zarten Zitronenduft von einem Balkon, irgendwo in den Stra\u00dfenschluchten. Aber etwas fehlte.<br><br>Fili flitzte einmal um den Turm, als wollte sie den Geruch in allen Richtungen pr\u00fcfen, schoss hoch sein Dach hinaus, als br\u00e4uchte sie den Blick \u00fcber die ganze Stadt, um sich zu vergewissern, dass es so war, wie sie es alle sp\u00fcrten.<br><br>Rena sprach es aus, weil sie diejenige war, die immer aussprach, was sie sich alle fragten: \u201eWie ist das m\u00f6glich?\u201c<br><br>Ohne eine Antwort auf die Frage, kehrte Fili zu den anderen zur\u00fcck. \u201eIch wei\u00df es nicht. Aber heute ist ganz offensichtlich niemand gestorben.\u201c Ihre Worte klangen hell durch die Nacht und verfingen sich darin, h\u00f6rbar nur f\u00fcr Geisterohren. <em>Niemand gestorben. Niemand ist gestorben, gestorben, gestorben. Niemand.<\/em><br><br>\u201eUnm\u00f6glich\u201c, wisperte Jula. Und die anderen Geister widersprachen nicht. In so einer gro\u00dfen Stadt brachte jede Nacht neue Tote. Und so auch neue Geister. Ihr unverwechselbarer Geruch f\u00fchrte die Zw\u00f6lf stets zu ihnen. Sie begr\u00fc\u00dften sie, halfen ihnen \u00fcber den ersten Schock ihrer neuen Existenz hinweg, beantworteten ihre Fragen, zeigten ihnen die verlassenen, geister-freundlichen Geb\u00e4ude, wenn sie bleiben wollten. Halfen ihnen zu gehen, wenn sie einen endg\u00fcltigen Tod statt einer Geisterexistenz w\u00fcnschten.<br><br>Sie waren die Uhrgeister. Sie waren diejenigen, die nicht gingen. Oder nur sehr, sehr selten. Alt waren sie alle. Selbst Lung, der neueste unter ihnen, der vor 157 Jahren dazu gekommen war. Damals, als Nili nach 791 Jahren Schluss gemacht hatte &#8211; aus der Uhr ausgezogen war, wie sie das hier nannten.<br><br>\u201eWie ist das m\u00f6glich? Unm\u00f6glich!\u201c, hallten die zw\u00f6lf Stimmen durch die Nacht. \u201eSchauen wir uns das n\u00e4her an\u201c, entschied Fili schlie\u00dflich. Und so flogen sie aus. Kreuz und quer und hin und her zogen sie durch die Stadt, keine Stra\u00dfe lie\u00dfen sie aus, sie verga\u00dfen keine einzige Gasse. Sie lauschten allen Menschen, \u00fcber die sie hinwegstreiften. Sie befragten alle Geister, die ihnen begegneten.<br><br>Au\u00dfer ihnen hatte noch niemand die fehlenden, neuen Geister bemerkt. Was erst einmal nicht ungew\u00f6hnlich war, denn nur sie konnten ihren Geruch wahrnehmen. Und Menschen konnten Geister ohnehin weder sehen noch h\u00f6ren, noch riechen, schmecken, sp\u00fcren &#8211; es sei denn, sie legten es darauf an. Also, die Geister. Aber wozu? Die interessanteren Gespr\u00e4che f\u00fchrten sie untereinander. Eine Geisterexistenz begriffen eben nur Geister.<br><br>Die einzigen Menschen, die sich ein wenig wunderten, waren die in Krankenh\u00e4usern und Pflegeheimen, diejenigen, die Sterbenskranken nahe standen &#8211; sie alle wunderten sich, aber sie nahmen dieses Verwunderliche als ein Geschenk an. Und noch war die Nacht auch nicht zu Ende. Noch konnte alles geschehen. So atmeten sie durch und gingen weiter ihren T\u00e4tigkeiten nach, sorgten und pflegten und linderten Schmerzen, wo sie konnten, hielten H\u00e4nde, strichen \u00fcber hei\u00dfe und kalte Stirnen, lauschten schweren Atemz\u00fcgen und leisen Stimmen.<br><br>Ein wenig mehr wunderten sie sich in der Rechtsmedizin. Einen Tag, eine Nacht ohne Tod, das kannten sie hier nicht. Gestorben wurde immer. Und nicht immer eines nat\u00fcrlichen Todes. Hier sahen sie alles, was Menschen anderen Menschen antaten. Und auch wenn so eine Unterbrechung angenehm war, so war sie doch ungew\u00f6hnlich genug, um Fragen aufzuwerfen.<br><br>Die Uhrgeister trafen auf dem \u00e4ltesten Friedhof der Stadt wieder zusammen. \u201eIst das wirklich noch nie vorgekommen?\u201c, fragte Niri, die wie Lung noch nicht allzu lange dabei war. Fili versicherte ihr, dass es das einfach nicht gab. Die Nachtstunden r\u00fcckten bereits dem Morgen entgegen und so zogen sie sich in den Glockenturm zur\u00fcck. Morgen Nacht w\u00fcrde sicherlich alles anders sein, wieder so, wie es sein musste. Doch auch in der folgenden Nacht fanden sie keine neuen Geister. Ebenso wenig in der darauf folgenden oder in der n\u00e4chsten, ja, es verging sogar Nacht um Nacht ohne einen einzigen neuen Geist.<br><br>Auch die Menschen wurden allm\u00e4hlich unruhig. Was war passiert, dass niemand mehr starb? W\u00fcrde das jetzt immer so weitergehen? Hatten sie pl\u00f6tzlich Unsterblichkeit entwickelt? Manche glaubten an ein Wunder, manche sorgten sich bereits, wie es weitergehen sollte, wenn wirklich niemand mehr starb, wie das Leben und die Welt auss\u00e4hen, sollten immer mehr und mehr Menschen immer weiter und weiter und weiter leben. Kommissionen wurden gegr\u00fcndet und Forschungsgruppen, die diesem Ph\u00e4nomen nachgehen sollten. So wunderten und sorgten sich Menschen wie Geister \u00fcber den fehlenden Tod.<br><br>W\u00e4hrend sich die anderen Geister in wilden Spekulationen \u00fcber die Ursachen verloren, ging Fili etwas nicht aus dem Kopf, das sie Nacht um Nacht bemerkte. Aber sie konnte es selbst kaum glauben, daher suchte sie weiter, bis sie ganz sicher sein konnte, bevor sie den anderen Uhrgeistern ihre Beobachtung verriet. \u201eIst euch aufgefallen\u201c, fragte sie dann eines Nachts, \u201edass es in der ganzen Stadt keine neuen verlassenen Geb\u00e4ude gibt?\u201c In den wenigen alten dr\u00e4ngten sich die Geister immer enger zusammen. Und auch diese St\u00e4tten schienen von Abriss oder Wiederaufbau bedroht. Sicher, bisher war es ab und an vorgekommen, dass Geister umziehen mussten, weil ein Geb\u00e4ude von Menschen wieder repariert und bezogen wurde, aber es hatte nie einen Mangel an neu verlassenen H\u00e4usern in der Stadt gegeben.<br><br>\u201eDu meinst -\u201c Lung riss die Augen weit auf und sackte dann in sich zusammen. \u201eAber das ist ja furchtbar.\u201c<br>Niri blickte irritiert, Mirx fuchtelte mit den Armen, als wollte sie etwas sagen und f\u00e4nde keine Worte. Dara schmiegte sich an Lung, manchmal konnte er ihn damit tr\u00f6sten. Doch heute schien keine dieser N\u00e4chte zu sein. Auch Jula und Rena dr\u00fcckten sich aneinander, w\u00e4hrend die anderen \u00fcber die alten Gr\u00e4ber huschten, durch die Luft flitzten und sich gar nicht beruhigen mochten. Fili winkte sie alle zusammen. \u201eIch meine, dass es keine neuen Wohnst\u00e4tten f\u00fcr Geister mehr gibt. Und die von uns bewohnten sind so voll, dass sie keine neuen mehr aufnehmen k\u00f6nnen.\u201c<br><br>\u201eWir werden alle gehen m\u00fcssen\u201c, schluchzte Lung und Dara schmiegte sich noch fester an ihn. Aber jetzt konnte auch er ein Schaudern nicht mehr unterdr\u00fccken. Es war nun einmal so: Geister konnten nur bleiben, wenn sie eine von Menschen verlassene Wohnst\u00e4tte fanden. Und wenn es die nicht mehr gab \u2026 nein, das mochte er sich nicht vorstellen.<br><br>Fili sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eNiemand muss gehen. Ich habe einen Plan.\u201c<br><br>Und so kam es, dass die Geister begannen zu spuken und ganz neue Legenden \u00fcber sich zu erfinden, die sie in die Erz\u00e4hlungen der Menschen schmuggelten. Die f\u00fcrchteten sich bald noch vor dem harmlosesten Geist und mieden Geb\u00e4ude, von denen es hie\u00df, sie seien verflucht oder eben von Geistern bewohnt. Gruselgeschichten breiteten sich aus. Und die Zeit des fehlenden Todes ging vor\u00fcber. Die Menschen verga\u00dfen sie bald, taten sie als eine \u00fcbertriebene Erz\u00e4hlung leichtgl\u00e4ubiger und naiver Gem\u00fcter ab. Die Geisterh\u00e4user allerdings, die lie\u00dfen sie alle in Ruhe. Nur manchmal kommen dort noch Menschen vorbei, wollen eine Nacht darin verbringen und sich gruseln &#8211; ein Spiel, an dem inzwischen auch so manche Geister ihre Freude gefunden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>(<em>Die anderen Geschichten zum f\u00fcnften Montag im Mai findet ihr hier: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/carolawolff.de\/zartbitterzimt\/\" target=\"_blank\">Zartbitter &amp; Zimt<\/a> von Carola Wolff, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/mageb02\" target=\"_blank\">Immersion<\/a> von C. A. Raaven<\/em>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Im Mai gab es wieder f\u00fcnf Montage und somit am f\u00fcnften Montag von uns allen eine Geschichte zu magischen Geb\u00e4uden.) Es schlug Mitternacht. 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