{"id":1316,"date":"2023-07-24T14:59:06","date_gmt":"2023-07-24T12:59:06","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1316"},"modified":"2023-08-01T01:00:55","modified_gmt":"2023-07-31T23:00:55","slug":"phantastischer-montag-schwuere-und-wagnisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1316","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Schw\u00fcre und Wagnisse"},"content":{"rendered":"\n<p>(<em>Im Juli widmen wir uns dem Genre &#8222;Dark Academia&#8220; &#8211; und es gibt mal wieder f\u00fcnf Montage in diesem Monat, d.h. ihr k\u00f6nnt euch in einer Woche gleich auf drei Geschichten freuen!<\/em> <em>Den ersten Teil der heutigen Geschichte findet ihr hier: <a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1296\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Portalh\u00fcterin<\/a><\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Portal schwang lautlos auf. Porthea erlaubte sich einen letzten Moment des Zweifels. Hinter sich wusste sie alles, was Sicherheit versprach: ihren Tisch mit der Teekanne, die, einmal am Morgen aufgebr\u00fcht, erst am Abend leer wurde und ihr damit bedeutete, dass es an der Zeit war, ins Bett zu gehen. Die Dienstagstasse, die immer noch neben der Kanne stand, das Portalbuch in ausreichendem Abstand dazu, geschlossen jetzt. Und nur wenige Meter vom Tisch entfernt, ihre H\u00fctte. Porthea musste sich nicht umdrehen, um all dies deutlich zu sehen. Sie musste auch nicht die Augen schlie\u00dfen, um Draks vor sich zu haben.<br>\u201eDieses verdammte Drachenwesen\u201c, murmelte sie und trat durch das Portal. Die Entscheidung, ob sie ihr folgen wollte oder nicht, \u00fcberlie\u00df sie Ilana, sagte nichts, aber nat\u00fcrlich sp\u00fcrte sie die Gestaltwandlerin sogleich viel zu dicht in ihrem R\u00fccken. Das Portal knarrte, als es zuschlug. Porthea straffte sich. Das kalte Rieseln auf ihrer Haut konnte sie damit nicht vertreiben. Sie sollte nicht hier sein. Sie geh\u00f6rte auf die andere Seite des Portals. Ilana dr\u00e4ngte sich an ihr vorbei und marschierte schnurstracks drauflos.<br>\u201eHe! Was tust du da?\u201c Porthea eilte ihr hinterher und packte sie mit einer Hand an der Schulter, dr\u00fcckte alle ihre f\u00fcnfzehn Finger in die weiche Mulde des Schl\u00fcsselbeins.<br>\u201eZu Draks gehen!\u201c Ilana wand sich unter ihrem Griff. \u201eIch habe doch gesagt, ich kann sp\u00fcren, wo-\u201c Sie keuchte auf, als Porthea fester zudr\u00fcckte. \u201eAu!\u201c<br>\u201eWo?\u201c, fragte Porthea unger\u00fchrt. Sie hatte keine Zeit f\u00fcr H\u00f6flichkeiten. Draks finden und so schnell wie m\u00f6glich verschwinden &#8211; das war der Plan. Nichts anderes. Trotzdem konnten sie es sich nicht leisten, unbedacht in eine der tausend Bibliotheken zu st\u00fcrmen! Erstens gew\u00e4hrte nicht jede von ihnen einfach so Einlass (manche forderten das L\u00f6sen von R\u00e4tseln, andere lie\u00dfen sich nur durch ein Labyrinth betreten, w\u00e4hrend f\u00fcr wieder andere ein Passwort ben\u00f6tigt wurde; manche verlangten gar eine Pr\u00fcfung, die auch t\u00f6dlich ausgehen konnte). Zweitens wollte Porthea nicht unvorbereitet ein Geb\u00e4ude betreten, in dem unbekannte Gefahren lauerten.<br>\u2026 wenn Ilana zu dir kommt, ist mir etwas zugesto\u00dfen, hatte Draks geschrieben. Nur sie kann mich retten. Und wenn Draks Rettung brauchte, musste die Gefahr eine gro\u00dfe sein. Drachen waren nicht leicht zu \u00fcberw\u00e4ltigen oder gar gefangenzuhalten. An weitere M\u00f6glichkeiten wollte Porthea nicht denken. Wortlos schob sie Ilana vor sich her auf den gro\u00dfen Turm zu, an dem alle um Einlass bitten mussten, die in eine der Bibliotheken wollten. Gro\u00df und grau erhob er sich inmitten des einzigen Weges, der sich bald hinter dem Turm in das Wirrwarr der Geb\u00e4ude verzweigte. Von hier aus wirkte es, als w\u00fcrden die Bibliotheken sich \u00fcbereinander stapeln. Br\u00fccken, die aus der Ferne wie geschwungene, d\u00fcnne Striche wirkten, verbanden manche von ihnen, andere zogen sich an Bergh\u00e4ngen empor, einsam und mit dicken Mauern, die sowohl K\u00e4lte wie Hitze trotzten.<br>Ilana stolperte vor ihr her und schwieg. Porthea hoffte immer noch, dass die Gestaltwandlerin mehr mitbrachte, als ihre verwandtschaftliche Verbindung mit Draks, die sie sp\u00fcren lie\u00df, wo Draks steckte. Was sie zu ihrer Frage zur\u00fcckbrachte. \u201eZu welcher der Bibliotheken m\u00fcssen wir?\u201c<br>Ilana deutete links am Turm vorbei, mitten hinein in das Wirrwarr von Geb\u00e4uden. \u201eIrgendwo dort.\u201c<br>Irgendwo? IRGENDWO? Was war das bitte f\u00fcr eine Aussage? Wie sollte das helfen? Porthea stoppte und gab Ilana frei. \u201eGeht das etwas genauer?\u201c, grummelte Porthea. Immerhin h\u00e4tte sie sagen k\u00f6nnen, die aus den helleren Steinen dort dr\u00fcben. Oder die mit den vielen T\u00fcrmen, die mit dem hohen Eisengitter, die mit den bunten Glasfenstern, die mit dem riesigen Steindrachen, dessen Fl\u00fcgel das Dach bildeten &#8211; es gab buchst\u00e4blich tausend M\u00f6glichkeiten. Ilana rieb sich die Schulter, die Porthea eben noch umklammert hatte. Sie dr\u00fcckte ihr schlechtes Gewissen weg. \u201eWir m\u00fcssen eine Bibliothek nennen, sonst schicken sie uns gleich am Turm zur\u00fcck.\u201c<br>\u201eKannst du nicht einfach irgendeine Bibliothek in der Gegend benennen? Ich muss n\u00e4her ran, um zu wissen, welche es ist.\u201c<br>Porthea schloss die Augen und z\u00e4hlte stumm vor sich hin. Bei 27 ging ihr auf, dass es vielleicht sogar geschickt w\u00e4re, wenn sie eine Bibliothek nannten, die nicht ihr Ziel war. Schlie\u00dflich wussten sie nicht, wer Draks bedrohte. Am Ende waren die Turmwachen darin verwickelt! Wenn sie allerdings Pech hatte, w\u00fcrde sie in dem Fall ausgerechnet die Bibliothek nennen, in der Draks tats\u00e4chlich war. Porthea musste bis 39 weiterz\u00e4hlen, bevor sie sprechen konnte. \u201eGeht es ein wenig genauer, als irgendwo dort links?\u201c<br>Ilana seufzte und sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDaf\u00fcr muss ich n\u00e4her ran.\u201c<br>Wie gro\u00df war die Chance, dass alles zusammentraf &#8211; die richtige Bibliothek, eine Verschw\u00f6rung der Turmwachen gegen Draks? Porthea gab sowohl das Z\u00e4hlen als auch das Rechnen auf. Je l\u00e4nger sie nachdachte, desto mehr m\u00f6gliche Faktoren fielen ihr ein. Und am Ende bliebe ihr doch nichts anderes, als das Risiko einzugehen, ganz egal wie die Wahrscheinlichkeiten auss\u00e4hen. \u201eGehen wir\u201c, grummelte sie. \u201eUnd halt blo\u00df den Mund, lass mich mit den Turmwachen reden.\u201c Sie stupste Ilana an, bedeutete ihr weiterzugehen. Die Gestaltwandlerin nickte stumm, offenbar entschlossen, ihren Worten ab sofort nachzukommen. P0rthea beschwerte sich nicht. Schweigend liefen sie nebeneinander her.<br>Das Tor des Turms schwang auf, als sie f\u00fcnf Schritte davon entfernt waren. Porthea strich sich mit allen drei\u00dfig Fingern \u00fcber die Schuppen auf ihrem Kopf. Dann legte sie schnell die letzten f\u00fcnf Schritte zur\u00fcck und betrat den Turm. Das Licht eines hellgrauen Wolkentages f\u00fcllte die runde Kammer am Fu\u00df des Turmes, ohne dass sie eine Lichtquelle ausmachen konnte. Die Turmwachen &#8211; sieben an der Zahl &#8211; standen grau und hoch vor den sieben T\u00fcren, die wieder aus dem Turm hinaus zu den Bibliotheken f\u00fchrten. Die langen grauen Gew\u00e4nder verbargen ihre Gestalt, die gro\u00dfen grauen Kapuzen h\u00fcllten ihre Gesichter in Schatten. Aus einem der Schatten ert\u00f6nte eine schleifende Stimme. \u201eWohin des Wegs, Reisende?\u201c<br>Drei, zwei, eins. Porthea z\u00e4hlte schnell noch aufw\u00e4rts bis sieben, hoffte, ihre Stimme k\u00e4me ruhig und unbeschwert heraus. \u201eZur Steindrachen-Bibliothek.\u201c Fest klang ihre Stimme immerhin.<br>\u201eWas ist euer Begehr?\u201c, verlangte eine knarzige Stimme zu wissen.<br>Porthea wandte den Kopf leicht nach rechts. Auch dieses Gesicht lag in tiefen Schatten. \u201eWir wollen unser Wissen vertiefen\u201c, gab sie zur\u00fcck. Die Kapuzengestalt r\u00fchrte sich nicht. Schweigen f\u00fcllte die Turmkammer. Porthea verharrte regungslos. H\u00f6rte Ilanas Atemz\u00fcge hinter sich. Darunter etwas leiser ihre eigenen. Sonst nichts. Sie lauschte und lauschte, aber von den grauen Gestalten kam kein einziger Atemzug. Kein Rascheln von Gew\u00e4ndern. Sie standen starr wie der Turm selbst. Endlich ert\u00f6nte von weit links eine Stimme, die wie brechendes Eis knirschte und dr\u00f6hnte.<br>\u201eEuer Ansinnen gef\u00e4llt der Bibliothek.\u201c<br>\u201eWir gew\u00e4hren euch Einlass\u201c, schallte es ihnen siebenfach entgegen &#8211; schleifend, knirschend, splitternd, dr\u00f6hnend, rau, sopran-hoch wie bass-tief.<br>\u201eWir danken euch\u201c, quetschte Porthea heraus. Vielleicht war es viel gef\u00e4hrlicher, die falsche Bibliothek zu benennen als die richtige. Ihre drei Herzen schlugen miteinander um die Wette. Sie schluckte und schluckte und z\u00e4hlte, doch nichts konnte ihre Gedanken aufhalten. Wenn die Turmwachen irgendwie telepathisch mit den Bibliotheken kommunizierten, w\u00fcrden sie erfahren, welche Bibliothek sie betraten. Was, wenn das nicht die Steindrachen-Bibliothek war? Die T\u00fcr hinter der Turmwache mit der Eissplitter-Stimme stand pl\u00f6tzlich offen, und die Turmwache war zur Seite gewichen. Porthea hatte weder die eine noch die andere Bewegung bemerkt. Mit Schritten, die hoffentlich entschieden wirkten, verlie\u00df sie den Turm, sp\u00fcrte Ilana dicht hinter sich.<br>Sobald sie beide drau\u00dfen standen, krachte die T\u00fcr hinter ihnen zu. Doch als Porthea herumfuhr, war sie bereits mit dem Mauerwerk des Turms verschmolzen. Allein ein h\u00f6lzerner Kl\u00f6ppel zeigte an, wie sich die Turmwachen aufmerksam machen lie\u00dfen, wollte eine von dieser Seite wieder den Turm passieren. Porthea g\u00f6nnte sich einen tiefen Atemzug. Und noch einen. \u201eDann mal los\u201c, sagte sie und musste feststellen, dass Ilana ihr bereits weit voraus war. Fluchend eilte sie ihr hinterher. \u201eHast du eine Ahnung, wie schnell wir uns in diesem Gewirr aus den Augen verlieren k\u00f6nnen?\u201c, schimpfte sie los, sobald sie in H\u00f6rweite kam. Die ersten Abzweigungen waren nur noch wenige Meter entfernt.<br>\u201eTut mir leid.\u201c Ilana verlangsamte ihre Schritte. \u201eEs ist nur &#8211; ich sp\u00fcre Draks immer deutlicher, und es ist schwer nicht loszurennen.\u201c<br>Porthea packte Ilana am Handgelenk. \u201eKein Gerenne\u201c, grummelte sie. Wirklich, die Gestaltwandlerin sollte es allm\u00e4hlich begriffen haben. \u201eWir k\u00f6nnen Draks nicht helfen, wenn wir uns selbst kopf\u00fcber in unbekannte Gefahren st\u00fcrzen\u201c, setzte sie etwas sanfter hinzu, als sie das Zittern von Ilanas Muskeln sp\u00fcrte. Offenbar tat die wirklich alles, um sich zur\u00fcckzuhalten. Gemeinsam gingen sie weiter, folgten den verzweigten Wegen an den steinernen Geb\u00e4uden entlang, Ilana immer einen halben Schritt voraus. Eine Weile lang schien es Porthea, als hielten sie tats\u00e4chlich auf die Steindrachen-Bibliothek zu, doch als sie am Fu\u00df von deren gro\u00dfer Treppe ankamen, sch\u00fcttelte Ilana den Kopf.<br>\u201eDraks war hier\u201c, murmelte sie, \u201eaber jetzt ist Draks woanders.\u201c<br>Porthea biss sich auf die Lippe, damit ihr nicht wieder angstvolle Fl\u00fcche entfuhren. Der Schmerz lenkte sie ein wenig ab, und so fiel ihr erst versp\u00e4tet auf, dass Ilana nicht weiterging. \u201eWas ist?\u201c Sie zupfte an Ilanas Handgelenk. \u201eWohin jetzt?\u201c<br>Ilana schloss die Augen. \u201eDraks war hier.\u201c Sie wandte den Kopf in verschiedene Richtungen. \u201eAber jetzt ist Draks nicht mehr hier.\u201c Wieder und wieder murmelte sie diese zwei S\u00e4tze vor sich hin. Schlie\u00dflich hatte Porthea genug. Sie legte die H\u00e4nde um Ilanas Wangen.<br>\u201eWo ist Draks jetzt?\u201c, fragte sie, so ruhig sie konnte.<br>Ilana senkte den Kopf. \u201eIch wei\u00df es nicht.\u201c Sie stampfte mit dem Fu\u00df auf. \u201eGenau hier verliere ich Draks Spur.\u201c Sie machte keinerlei Anstalten, Portheas H\u00e4nde abzusch\u00fctteln, starrte sie nur an, als erwarte sie alle Antworten von ihr. Noch einmal biss sich Porthea auf die Lippe. Fester dieses Mal. Es half nicht wirklich. Sie gab Ilana frei und schaute sich um. Links von ihr stieg die Treppe zur Steindrachen-Bibliothek steil in die H\u00f6he. Die hellgrauen mit Silber durchwirkten Stufen glitzerten dort, wo die Sonne sie ber\u00fchrte. Die steinernen Fl\u00fcgel des Drachen neigten sich vom Dach des Geb\u00e4udes hinab und umschlossen die Treppe zu beiden Seiten, warfen lange Schatten \u00fcber die Stufen.<br>Einer davon streckte sich sogar bis zu Ilanas Fu\u00dfspitzen. Porthea starrte auf die scharfumrandete Schattenzeichnung am Boden. War das wirklich ein Schatten &#8211; oder \u2026? Sie kniete sich auf den Weg. Ganz vorsichtig strich sie mit einer Fingerspitze \u00fcber die Linie des Umrisses. Schluckte trocken. Strich noch einmal dar\u00fcber. Kein Irrtum m\u00f6glich. Da war eine feiner Spalt im Boden. Ein Spalt von einer T\u00fcr. Einer schmalen und nicht sehr gro\u00dfen T\u00fcr, die in den Boden eingelassen war. Aber definitiv eine T\u00fcr, da war sich Porthea sicher. Mit T\u00fcren kannte sie sich schlie\u00dflich aus. Nur den \u00d6ffnungsmechanismus von dieser konnte sie nicht entdecken. Noch nicht.<br>Porthea stemmte sich hoch und folgte der L\u00e4ngsseite der T\u00fcr bis zur Fl\u00fcgelspitze des Drachen, die sich an der untersten Stufe leicht nach oben bog. Und die Spitze war keine Spitze sondern \u2026 \u201eein Knauf.\u201c Porthea winkte Ilana zu sich, dann verschr\u00e4nkte sie eilig die Finger miteinander, um nicht voreilig den Knauf zu ber\u00fchren, w\u00e4hrend Ilana \u00fcber die T\u00fcr im Boden lief. Sobald die Gestaltwandlerin sicher neben ihr stand, zeigte Porthea ihr, was sie entdeckt hatte. \u201eVielleicht ist Draks dort hinein.\u201c Als sie es aussprach, kam es ihr selbst schon unwahrscheinlicher vor als noch vor wenigen Augenblicken. Und trotzdem. \u201eMeinst du, wenn wir hineingehen, kannst du die Spur wieder aufnehmen? Vorausgesetzt \u2026\u201c Den Satz lie\u00df sie offen. Es half niemandem, wenn sie sich jetzt in Wahrscheinlichkeiten verlor.<br>\u201eM\u00f6glich.\u201c Ilana starrte die Umrisse auf dem Boden an.<br>M\u00f6glich gen\u00fcgte Porthea f\u00fcr diesen Moment. Sie legte eine Hand um den Knauf. Drehte daran. Nach links lie\u00df er sich bewegen. Eine halbe Umdrehung, dann stockte er. Am Boden r\u00fchrte sich nichts. Daf\u00fcr ert\u00f6nte von oben, vom Dach her, ein knirschendes Ger\u00e4usch &#8211; ganz so, als schabte Stein \u00fcber Stein. Porthea hob z\u00f6gerlich den Kopf. Der Steindrache hatte seinen gesenkt, blickte sie beide aus dunklen Augen an. Das Knirschen verstummte. Porthea wagte nur sehr, sehr leise zu atmen. Ilana dr\u00fcckte sich an sie. Aber auch sie schwieg und atmete ganz, ganz leise. Sekunden vergingen.<br>Minuten. Dann \u00f6ffnete der Drache knirschend sein Maul. Ilana klammerte sich an Portheas Arm. Porthea konnte sich nicht r\u00fchren. Schon sah sie vor sich, wie der Drache sich weiter und weiter hinabbeugte, sie beide knirschend verschlang, krachend zerkaute. Doch der Drache \u00f6ffnete nur weiter sein Maul, kam ihnen nicht n\u00e4her. Schlie\u00dflich ert\u00f6nte ein Husten wie ein Donner aus seiner Kehle &#8211; und gleich darauf segelte ein Zettel vom Dach hinab. Das wei\u00df-gelbe St\u00fcckchen Papier schwebte durch die Luft, wehte mal nach links, mal nach rechts, sank gem\u00e4chlich tiefer und immer tiefer. Irgendwann schwebte es vor Portheas Gesicht. Dann vor ihrem Brustkorb. Vor ihrem Bauch. Ber\u00fchrte ihren rechten Handr\u00fccken. Da erst griff sie zu. Das Maul des Drachen hing noch immer weit ge\u00f6ffnet hoch \u00fcber ihnen. Porthea zwang sich, davon wegzuschauen.<br>Der Zettel war weich wie Stoff. Porthea r\u00e4usperte sich und ruckte an ihrem linken Arm, den Ilana immer noch umklammerte. Sie musste sich noch einmal r\u00e4uspern und stumm bis elf z\u00e4hlen, dann kam auch in Ilana Bewegung und sie gab Portheas Arm frei. \u201eTut mir leid\u201c, wisperte sie, schielte hoch in das aufgerissene Drachenmaul, sah schnell wieder weg. Porthea legte den Zettel auf ihre linke Handfl\u00e4che, strich ihn glatt. Nur wenige Zeilen standen darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Wenn Sie Einlass begehren,<br>werden wir Ihnen diesen nicht verwehren.<br>Nur eines m\u00fcssen Sie versprechen<br>(denn jeden Verrat wird der Steindrachen r\u00e4chen):<br>Schw\u00f6ren Sie, nie ein Wort \u00fcber das zu sagen,<br>was wir in der Lebendigen Bibliothek zu verwahren wagen!<br>Schw\u00f6ren Sie\u2018s bei Ihrem h\u00f6chsten Eid &#8211;<br>und die T\u00fcr ist f\u00fcr Sie bereit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Porthea lie\u00df die Hand mit dem Zettel sinken. Gleichzeitig blickten sie hinauf in das Maul mit den spitzen Z\u00e4hnen. Nur zu gut lie\u00df sich da erahnen, wie die Rache des Steindrachen aussehen w\u00fcrde. Porthea schloss die Hand zur Faust. \u201eBereit?\u201c, fl\u00fcsterte sie, ohne von den Z\u00e4hnen wegzuschauen. Genau wie die Steinstufen hier unten blitzten sie silbern auf, dort, wo Sonnenstrahlen sie trafen. War sie denn bereit? Bereit, eine Bibliothek zu betreten, die mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit verbotenes und oder gef\u00e4hrliches verwahrte &#8211; wor\u00fcber sie nie w\u00fcrde reden d\u00fcrfen &#8211; nur auf die kleine Chance hin, Draks darin zu finden? Was, wenn Draks nicht dort unten war? Was, wenn Draks dort war? Dieses R\u00e4tsel w\u00fcrde sie nur l\u00f6sen, wenn sie durch die T\u00fcr ging. Ihre Sehnsucht nach Draks forderte sie auf, das Versprechen zu geben. Alle ihre Vorsicht, all ihre Vernunft rieten Porthea davon ab. Dringend.<br>\u201eBereit\u201c, wisperte Ilana. Sie trat einen Schritt vor. \u201eIch gebe mein Versprechen und schw\u00f6re bei meiner Gabe der Gestaltwandlung, nie \u00fcber das zu reden, was in der Lebendigen Bibliothek verwahrt wird. Sollte ich mein Wort brechen, werde ich auf ewig in einer einzigen Gestalt verharren.\u201c Ilana \u00fcberkreuzte ihre Arme vor der Brust, ber\u00fchrte mit den Fingerspitzen ihr Schl\u00fcsselbein. Als sie sich verneigte, sah Porthea, wie sie zitterte. Jetzt blieb ihr wohl nichts anderes \u00fcbrig, als es der Gestaltwandlerin gleich zu tun. Porthea trat neben sie.<br>\u201eIch gebe mein Versprechen und schw\u00f6re bei allem, was ich \u00fcber die Welten hinter dem Portal wei\u00df, dass ich nie \u00fcber das reden werde, was in der Lebendigen Bibliothek verwahrt wird. Sollte ich mein Wort brechen, werde ich all mein Wissen vergessen, auch das Wissen um das Portal. Auch das Wissen um mich selbst.\u201c Porthea ber\u00fchrte ihre Stirn und dann ihren Brustkorb mit den drei Herzen. Sie sp\u00fcrte das Schaudern, das sie zuvor bei Ilana gesehen hatte. Denn sobald sie ihren Eid zu Ende gesprochen hatte, zeigte ihr eine Vision in ihrem Kopf, was genau geschehen w\u00fcrde, sollte sie ihr Wort brechen: Erst genau das, was sie eben ausgesprochen hatte. Dann w\u00fcrde eine unwiderstehliche Kraft sie genau hierher ziehen. Der Steindrache w\u00fcrde seinen Kopf senken. Er w\u00fcrde sein Maul aufrei\u00dfen. Er w\u00fcrde sich \u00fcber die Dachkante hinabbeugen, tief hinab, so tief, dass er seine spitzen Z\u00e4hne in sie schlagen konnte. Und das w\u00e4re ihr Ende. Ein sehr schmerzhaftes Ende.<br>\u00dcber ihnen schnappte knirschend-krachend das Maul des Steindrachen zu. Gleichzeitig zuckten Porthea und Ilana zusammen. Gleichzeitig tasteten ihre H\u00e4nde nacheinander, f\u00fcnfzehn Finger schlangen sich um f\u00fcnf. Gleichzeitig traten sie auf die T\u00fcr. Etwas wirbelte sie herum, von den F\u00fc\u00dfen auf den Kopf und wieder zur\u00fcck und wieder und wieder und noch einmal. Sie fielen und wirbelten und st\u00fcrzten. Nur ihre miteinander verschr\u00e4nkten Finger gaben ihnen Halt.<br>Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte Porthea festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Ihr schwindelte. Sie schwankte noch von all dem Herumgewirbele und packte Ilanas Hand fester, lie\u00df erst locker, als der Schwindel verebbte. Sie standen in einem weiten, hohen Raum. Links von ihnen reihten sich Tische hintereinander und daran sa\u00dfen die unterschiedlichsten Wesen, beugten sich schweigend \u00fcber die B\u00fccher, die vor ihnen lagen. Rechts von ihnen begannen die Regale. Sie reichten bis zur Decke und die G\u00e4nge zwischen ihnen wirkten wie enge, tiefe Schluchten. Aber all das war es nicht, was Porthea erstarren lie\u00df. Das war das Wispern, das von den B\u00fcchern ausging: \u201eHelft uns, bitte, bitte, helft uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8230; Fortsetzung: <a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1326\">Die Magie von Portalen<\/a><br>Und wer nachlesen m\u00f6chte, was es mit den wispernden B\u00fcchern und der Lebendigen Bibliothek auf sich hat, liest bei einer Geschichte aus 2022 nach <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1071\" target=\"_blank\">Der Preis f\u00fcr Magie<\/a>. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Geschichten der Kolleg*innen zum Genre &#8222;Dark Academia&#8220; findet ihr hier:<br>Carola Wolff: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/carolawolff.de\/gruener-daumen\/\" target=\"_blank\">Gr\u00fcner Daumen<\/a> <br>C.A. Raaven: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/darkacad02\" target=\"_blank\">Unten nach oben<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Im Juli widmen wir uns dem Genre &#8222;Dark Academia&#8220; &#8211; und es gibt mal wieder f\u00fcnf Montage in diesem Monat, d.h. ihr k\u00f6nnt euch in einer Woche gleich auf drei Geschichten freuen! Den ersten Teil der heutigen Geschichte findet ihr hier: Die Portalh\u00fcterin) Das Portal schwang lautlos auf. 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