{"id":1326,"date":"2023-08-01T00:58:36","date_gmt":"2023-07-31T22:58:36","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1326"},"modified":"2023-08-01T00:58:36","modified_gmt":"2023-07-31T22:58:36","slug":"phantastischer-montag-die-magie-von-portalen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1326","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Die Magie von Portalen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Da der Juli f\u00fcnf Montage hat, kommt hier schon der letzte Teil der Portal-Trilogie. Juli ist immer noch der Monat von &#8222;Dark Academia&#8220;, an diesem f\u00fcnften Montag mit dem Zusatz: Das magische Klassenzimmer.<\/em><br><em>Wer zuerst die anderen beiden Teile lesen m\u00f6chte, startet hier: <a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1296\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Portalh\u00fcterin<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Umbl\u00e4ttern einer Seite \u00fcbert\u00f6nte das Fl\u00fcstern der B\u00fccher. Porthea zuckte zusammen. Gleichzeitig wisperte Ilana ihr zu: \u201eH\u00f6rst du das auch?\u201c<br>Porthea schluckte und nickte. Ja, sie h\u00f6rte, wie die B\u00fccher um Hilfe baten. Wie konnte das sein? Und warum blieben alle, die links von ihnen an den Tischen sa\u00dfen und in die B\u00fccher vertieft waren, so v\u00f6llig unbeeindruckt davon? Porthea lauschte &#8211; die B\u00fccher auf den Tischen waren still. Aber aus den Regalen wisperte es weiter: \u201eHelft uns, bitte, helft uns.\u201c Vielleicht versteckten sich da welche? Nur, weil sie dort ausschlie\u00dflich B\u00fccher sah, musste das ja nicht hei\u00dfen, dass sich niemand sonst dort verbarg. Sie kniff die Augen zusammen und musterte die scheinbar unendlichen Reihen von B\u00fcchern, zuckte zusammen, als sie ein Zupfen am \u00c4rmel sp\u00fcrte. Ilana. Die hatte sie kurz ganz vergessen.<br>Ilana deutete mit dem Kinn auf eine der tiefen Regalschluchten. \u201eIrgendwo dort sp\u00fcre ich Draks.\u201c<br>Nun, da blieb ihnen wohl nichts anderes \u00fcbrig, als sich zwischen die Regale zu begeben. Obwohl sich alles in ihr dagegen str\u00e4ubte, ging Porthea einen Schritt in die Richtung, in die Ilana gedeutet hatte. Irgendwo hinter ihr quietschte eine T\u00fcr. Porthea machte einen Satz zwischen die Regale &#8211; entdeckt werden wollte sie hier ganz sicher nicht! Dieser Ort gruselte sie derart, dass ihre Schuppen sich anf\u00fchlten, als w\u00e4ren sie mit kleinen Eiskristallen bespickt. Sie sch\u00fcttelte sich und stie\u00df leicht gegen Ilana, die sich hinter ihr an das Regal presste. Da war sie mit ihrem Gef\u00fchl wohl nicht allein. Vorsichtig sp\u00e4hte Porthea in den Raum mit den Tischen.<br>Vor denen stand jetzt eine Gestalt mit menschlichen Proportionen, in einen langen dunkelblauen Mantel geh\u00fcllt. Geschwungene Linien aus einem noch dunkleren Blau bildeten wilde Muster auf dem Stoff, formten immer neue Verbindungen, drehten und wanden sich, wirbelten herum, fuhren wie Blitze \u00fcber die \u00c4rmel, verschwanden \u00fcber die Schultern. Das Gesicht blieb unter der weiten Kapuze verborgen.<br>\u201eHatten Sie alle Zeit, die Nutzungsbedingungen der Bibliothek gr\u00fcndlich zu studieren?\u201c, fragte die Gestalt mit heller Stimme, die ohne laut zu werden bis tief in die Regalreihen drang. Das Fl\u00fcstern darin war verstummt, wie Porthea erst jetzt bemerkte.<br>Alle, die an den Tischen sa\u00dfen, nickten.<br>\u201eGibt es Fragen?\u201c<br>Z\u00f6gernd hob eine Rankenfrau eine Hand, wobei die sie umgebenden Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten sanft raschelten. \u201eSp\u00fcren die verwandelten Wesen, wenn sie gelesen werden?\u201c<br>Der Sandmann neben ihr lie\u00df Schlafsand von einer Hand in die andere rieseln und blickte unter langen Wimpern hervor verstohlen zu der Gestalt im langen dunkelblauen Mantel. Die sch\u00fcttelte den Kopf und beobachtete ihrerseits den hin und her rieselnden Sand. \u201eEs ist, als ob sie schliefen. Sehr tief. Nichts kann sie wecken.\u201c<br>\u201eL\u00fcgen, L\u00fcgen, L\u00fcgen\u201c, wisperte es aus den Regalreihen rechts und links von Porthea. Sie schluckte. Kamen die Stimmen doch aus den B\u00fcchern? Und warum h\u00f6rten die dort an den Tischen offenbar nichts davon? Porthea klappte die transparente Schutzhaut vor ihre Augen. Sofort sah sie ein blass-blaues Schimmern, das den Ort mit den Tischen wie ein Vorhang von allen Seiten umgab. Ein Schutzschild, das keinerlei Ger\u00e4usche hineinlie\u00df.<br>Die dunkelblaue Gestalt ging mit langsamen Schritten auf die ersten Tische zu. \u201eSobald Sie die Nutzungsbedingungen unterschrieben haben, steht es Ihnen frei, die Bibliothek zu erkunden und alles \u00fcber die hier gesammelten Wesenheiten zu erfahren, wonach Ihnen der Sinn steht.\u201c<br>Porthea schluckte und schluckte und schluckte. Was sie da h\u00f6rte, lie\u00df nur einen Schluss zu. Aber der war zu ungeheurlich, um wirklich, wirklich wahr zu sein. W\u00e4hrend die dunkelblaue Gestalt weiterredete, wandte Porthea sehr, sehr langsam ihren Kopf den B\u00fcchern auf dem Regal zu, an das sie sich dr\u00fcckte. Sie wollte ihren Gedanken nicht best\u00e4tigt sehen.<br>Aber als sie die B\u00fccher ansah, konnte sie den Blick nicht l\u00e4nger vor der Wahrheit verschlie\u00dfen: In der Lebendigen Bibliothek wurden Lebewesen in B\u00fccher verwandelt. Und sie schliefen nicht. Sie waren eindeutig bei Bewusstsein. \u201eHilf uns\u201c, wisperten sie, \u201ebitte, bitte, hilf uns.\u201c Und \u00fcberall um sich herum konnte Porthea sie jetzt sehen: Elfen, Nymphen, Geistwesen, Sylphen, Irrlichter, Vampire, Greife, Zentauren, Harpyien, Undinen, Lindw\u00fcrmer, Trolle, Chim\u00e4ren &#8211; alles Z\u00e4hlen half nicht. Porthea klammerte sich an die Kante eines Regalbretts. Atmen, befahl sie sich, atmen! Sie klappte ihre Augenlider zu, sperrte ihre magische Sicht ebenso wie ihre Weltsicht aus.<br>\u201eWas ist?\u201c, dr\u00e4ngte Ilana hinter ihr.<br>\u201eDie B\u00fccher\u201c, wisperte Porthea. \u201eJedes Buch ist lebendig &#8211; jedes Buch ist ein Wesen wie du und ich.\u201c Sie schluckte und atmete und schluckte. \u201eJedes einzelne von ihnen wurde bei lebendigem Leib in ein Buch verwandelt &#8211; und ist jetzt darin gefangen. Bei vollem Bewusstsein. H\u00f6rst du ihre Stimmen?\u201c Sie \u00f6ffnete die Augen, blickte nicht zu den B\u00fcchern, sondern drehte sich mit gesenktem Kopf zu Ilana um. \u201eWenn auch Draks \u2026\u201c, stie\u00df sie schlie\u00dflich ihre schlimmste Bef\u00fcrchtung hervor. Sie wollte sich wirklich nicht ausmalen, was Draks hatte durchstehen m\u00fcssen, wenn &#8211; Porthea brach den Gedanken ab. \u201eWo sp\u00fcrst du Draks?\u201c Sie hob den Kopf und blickte Ilana an.<br>Die stand starr und steif da, die Augen weit aufgerissen, den Blick auf die B\u00fccher gerichtet. \u201eSie &#8211; sie sind wirklich &#8211; lebendig?\u201c, kr\u00e4chzte sie.<br>Die Fassungslosigkeit ihrer Begleiterin r\u00fcttelte Porthea endg\u00fcltig aus ihrem eigenen Schock wach. Sie mussten jetzt als allererstes Draks finden. Dann konnten sie sich um alle anderen k\u00fcmmern. Und sie durfte nicht dar\u00fcber nachdenken, wie viele andere das waren. Porthea atmete noch einmal tief durch. Noch ein zweites Mal. Und ein drittes, viertes, f\u00fcnftes. Sie legte die H\u00e4nde auf Ilanas Schultern, wartete, bis die Gestaltwandlerin aus ihrer Schockstarre kam. \u201eWo sp\u00fcrst du Draks?\u201c, wiederholte sie leise. Ilana neigte den Kopf zur Seite, als w\u00fcrde sie lauschen. Schlie\u00dflich drehte sie sich wortlos um und ging weiter zwischen den Regalen entlang. Porthea folgte ihr.<br>Hoffentlich waren die zuk\u00fcnftigen Bibliotheksnutzenden noch lange mit den Formalit\u00e4ten besch\u00e4ftigt.<br>Hoffentlich hatten sie noch viele Fragen, die die Gestalt im dunkelblauen Mantel davon abhielten, die Bibliothek nach unerw\u00fcnschten Eindringlingen abzusuchen.<br>Hoffentlich fanden sie Draks bald.<br>Hoffentlich in Gestalt eines Drachen.<br>Porthea stie\u00df gegen Ilana, die vor ihr stehengeblieben war. Sie deutete mit dem Kopf auf das Regal zu ihrer linken Seite, w\u00e4hrend sie weiter geradeaus starrte. Porthea h\u00e4tte es ihr am liebsten gleichgetan. Aber eine von ihnen musste hinsehen. Stumm z\u00e4hlte sie bis zehn, dann klappte sie die transparente Schutzhaut vor ihre Augen. Dann wandte sie den Kopf nach links. Draks stand auf dem f\u00fcnften Regalbrett von unten zwischen einer Nymphe und einem Gargoyle. Porthea weigerte sich, sie als B\u00fccher zu bezeichnen. Ebenso wie sie den Gedanken verweigerte, was Draks und all die anderen empfinden mussten. Immerhin ging es bei Draks nur um Tage &#8211; viele der anderen mussten Jahre hier sein. Jahrzehnte. Jahr-, Porthea kniff Ilana unsanft in den Arm. Einerseits, um sie aus ihrer Starre zu rei\u00dfen, andererseits um ihre eigenen Gedanken abzuschneiden.<br>\u201eEs ist Draks\u201c, sagte sie knapp.<br>\u201eWas machen wir jetzt?\u201c, fl\u00fcsterte Ilana. \u201eStehlen wir Draks?\u201c<br>Das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit. Die einfachste L\u00f6sung. Porthea sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eWir befreien Draks &#8211; und alle anderen.\u201c<br>\u201eAlle? Aber \u2026 wie?\u201c<br>Porthea seufzte. Hier in dieser grausigen Bibliothek konnte sie nicht w\u00fctend auf Draks sein. Nicht, solange das Drachenwesen diese Form hatte. Aber sie w\u00fcrde w\u00fctend werden. Sobald sie zur\u00fcck waren. \u201eDraks hatte recht.\u201c Sie fuhr sich \u00fcber die Schuppen auf ihrem Kopf. Das beruhigte sie ein wenig. \u201eIn dem Brief. Mit der Behauptung, dass nur du Draks retten kannst.\u201c Und Draks hatte genau das geschrieben, was sie dazu bringen w\u00fcrde, Ilana zu begleiten. Sie w\u00fcrde sich nie wieder mit Reisenden einlassen, schwor sich Porthea. Denn wovon Draks keine Ahnung hatte, war der Preis dieser Magie. Sie wandte dem Regal den R\u00fccken zu. \u201eNun ja, fast recht &#8211; nur wir zusammen k\u00f6nnen Draks retten. Und ich denke, auch das hat Draks ganz genau gewusst. Ich wette, nur deswegen hat Draks sich \u00fcberhaupt hierher gewagt &#8211; damit wir folgen und verflucht nochmal alle befreien.\u201c<br>\u201eWorauf warten wir?\u201c<br>Auf den Mut, dir die Wahrheit zu sagen. Porthea strich sich drei Mal \u00fcber den Kopf. Vier Mal. \u201eEs ist eine Magie, die wir nur gemeinsam ausf\u00fchren k\u00f6nnen. Und &#8211; sie hat einen Haken.\u201c<br>\u201eWas es auch ist \u2026\u201c Ilana deutete stumm um sich. \u201eWie k\u00f6nnten wir es nicht tun?\u201c<br>Es war nicht fair. Niemand sollte diese Entscheidung unter solch einem Druck f\u00e4llen m\u00fcssen. Porthea blickte auf all die in B\u00fcchern gefangenen Wesen um sie herum und bekam eine Ahnung davon, unter welchem Druck Draks sich entschieden hatte. Manchmal gab es einfach keine guten Wege. \u201eWer ein Portal h\u00fctet, erkl\u00e4rt sich bereit, vor dem Ende des eigenen Lebens, in das Portal zu gehen. Nur so funktionieren die Portale, indem immer wieder lebendige Gesch\u00f6pfe in sie eintreten und ein Teil von ihnen werden. Ein lebendiger Teil.\u201c Porthea hob eine Hand, als sie sah, dass Ilana etwas sagen wollte. \u201eH\u00f6r mich erst zu Ende an. \u201eNur wer die eigene Gestalt wandeln kann, kann auch ein Portal h\u00fcten. Die erste Pr\u00fcfung besteht darin, dass wir selbst zu einem Portal verwandelt werden. Die zweite Pr\u00fcfung besteht darin, dass wir die F\u00e4higkeit abgeben, unsere Gestalt wandeln zu k\u00f6nnen und uns f\u00fcr eine entscheiden. Die dritte Pr\u00fcfung besteht darin, uns an das Portal zu binden, dass wir h\u00fcten und in das wir schlie\u00dflich gehen werden. Und vor all dem steht das Versprechen, all diese Pr\u00fcfungen in dem aufrichtigen Wunsch zu beginnen, sie zu bestehen. Ohne den aufrichtigen Wunsch gelingt es nicht.\u201c Porthea schwieg. Wartete.<br>Warum l\u00e4chelte Ilana sie an? \u201eDas mit dem aufrichtigen Wunsch ist leicht\u201c, sagte sie, und Porthea sp\u00fcrte zum ersten Mal seit sie aufgebrochen waren, so etwas wie Erleichterung.<br>\u201eBist du dir ganz sicher?\u201c, fragte sie trotzdem.<br>Ilana nickte. \u201eGanz sicher.\u201c Sie nickte noch einmal. \u201eAber wie retten wir damit Draks &#8211; und all die anderen?\u201c<br>\u201eDas macht deine erste Pr\u00fcfung extra herausfordernd. Sobald die &#8211; verwandelten Gesch\u00f6pfe durch ein Portal gehen, bekommen sie ihre urspr\u00fcngliche Gestalt zur\u00fcck. Du wirst das Portal sein. Und ich werde auf dich aufpassen.\u201c Porthea stoppte und schwieg wieder, gab Ilana Zeit, sich doch noch anders zu entscheiden. Leider gab ihr das auch die Zeit, sich all das auszumalen, was wom\u00f6glich geschehen konnte. Bestimmt gab es noch mehr dieser dunkelblau gewandeten Gestalten. Bestimmt w\u00fcrden sie die Bibliothek verteidigen wollen. Aber sie war eine voll ausgebildete, erfahrene Portalh\u00fcterin. Gegen sie hatten sie keine Chance. \u201eBereit?\u201c, fragte Porthea.<br>\u201eBereit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8230; und hier endet erst einmal die kurze Trilogie um die Portalh\u00fcterin Porthea Partella. Der phantastische Montag geht nat\u00fcrlich weiter. \ud83d\ude09<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Da der Juli f\u00fcnf Montage hat, kommt hier schon der letzte Teil der Portal-Trilogie. Juli ist immer noch der Monat von &#8222;Dark Academia&#8220;, an diesem f\u00fcnften Montag mit dem Zusatz: Das magische Klassenzimmer.Wer zuerst die anderen beiden Teile lesen m\u00f6chte, startet hier: Die Portalh\u00fcterin) Das Umbl\u00e4ttern einer Seite \u00fcbert\u00f6nte das Fl\u00fcstern der B\u00fccher. 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