{"id":1357,"date":"2023-10-23T23:09:49","date_gmt":"2023-10-23T21:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1357"},"modified":"2023-10-23T23:09:49","modified_gmt":"2023-10-23T21:09:49","slug":"phantastischer-montag-fuerchte-dich-nicht-oder-vielleicht-doch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1357","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: F\u00fcrchte dich nicht (oder vielleicht doch)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Im Oktober widmen wir uns dem Grusel- und Horrorgenre &#8230;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>An jenem Herbstmorgen war Nebel heraufgezogen. Trotzdem waren die beiden Kr\u00e4hen aufgebrochen. Bald verloren ihre Rufe sich im undurchdringlichen Wei\u00df, und sie fanden gerade noch das Dach, auf dem sie verabredet waren. Kaum hockten sie auf dem Giebel, zog sich der Nebel weiter zusammen, lag so dicht \u00fcber der Stadt, dass die beiden Kr\u00e4hen nicht einmal ihre Fl\u00fcgelspitzen sehen konnten. Sie hockten auf dem Giebel, Federn an Federn, und sp\u00fcrten an ihren freien Seiten die Unendlichkeit von Nichts. Sie schmiegten sie sich noch enger aneinander.<br>Das Wei\u00df des Nebels blendete und schmerzte in den Augen. So oft Elyf auch blinzelte, es half nicht. Also wandte sie den Kopf nach links, schaute auf Minks schwarz-graues Gefieder und f\u00fchlte sich sofort etwas besser. Mink rieb den Kopf an ihrem Hals und zog vorsichtig den Fl\u00fcgel zwischen ihren K\u00f6rpern hervor, streckte ihn, breitete ihn \u00fcber Elyfs R\u00fccken aus. \u201eBesser?\u201c, fragte sie. Elyf nickte und lehnte den Kopf an Minks Hals. Ausgerechnet heute mussten sie hier sein. Ausgerechnet heute war so ein Tag, an dem sie ihre Menschengestalt der einer Kr\u00e4he vorgezogen h\u00e4tte. Sie k\u00f6nnte warm und trocken in der Crow-Bar sitzen, einen Kakao schl\u00fcrfen, einer Geschichte von Tante K\u00e4the lauschen und dieses neblig-tr\u00fcb-kalte Drau\u00dfen ignorieren.<br>Stattdessen hockte sie hier, mitten im neblig-tr\u00fcb-kalt-feuchten Drau\u00dfen, und wartete. \u201eMeinst du, sie kommen?\u201c<br>Mink schmiegte den Fl\u00fcgel enger um sie. \u201eBestimmt.\u201c Sie kr\u00e4chzte leise. \u201eEs sei denn, sie verirren sich.\u201c Sie blinzelte. \u201eWas sie nicht tun werden. Bestimmt nicht. Die kennen den Weg. M\u00fcssen sie ja.\u201c Mink sp\u00e4hte umher, als k\u00f6nnte sie mit ihrem Blick den Nebel zum Verschwinden bringen.<br>Konnte sie nicht.<br>Der Nebel roch nach Kohlenfeuer, legte sich grau auf ihre Zunge, kroch ihre Kehle hinab. Elyf kr\u00fcmmte die Krallen und lauschte ihrem Kratzen auf den Dachziegeln. Was wenn es nichts mehr gab auf dieser Welt au\u00dfer ihnen beiden auf diesem Dach? Wenn der Nebel nicht nur alles versteckte, bedeckte, sondern verschlang. Wenn er, ganz langsam, unter dieser tr\u00fcb-feucht-kalten Decke an H\u00e4userw\u00e4nden nagte, sich durch Stein und Beton fra\u00df, langsam und leise sich heranschlich an alle Lebendigen, sie l\u00e4hmte, sie einh\u00fcllte, sich einverleibte. Und auch da noch nicht stoppte. Was, wenn der Nebel nicht nur alle verschlang, die redeten und lachten und weinten und tanzten und sangen und sich umarmten, was, wenn der Nebel auch alles verschlang, was rauschte und sich im Wind wiegte, alles mit Wurzeln und Bl\u00e4ttern und Bl\u00fcten. Was, wenn da schon nichts und niemand mehr war? Wie lange noch, bis der Nebel auch sie beide holte? Oder w\u00fcrde er sie verschonen, sie zwingen, in diesem Nichts zu leben?<br>Es war still. Still, still, still. Mink dr\u00fcckte sich schweigend an sie. Elyf presste den Schnabel fest zusammen, damit der Nebel nicht noch einmal eindringen konnte. Aber atmen musste sie. Und mit der Luft kam auch das kohle-grau-schwere, setzte sich in ihre Kehle, verdichtete sich, kratzte, machte das Atmen schwer und schwerer. Elfy riss den Schnabel auf. W\u00fcrgte. Keuchte. Kr\u00e4chzte. Krampfte. Es sch\u00fcttelte ihren ganzen K\u00f6rper. Sie zitterte. Bebte. Sie kippte, rutschte \u00fcber feucht-kalt-glatte Dachziegel. Ein spitzer Schrei folgte ihr, schrie ihren Namen. Ihre Krallen kratzten nutzlos \u00fcber Stein. Kein Halt, sie fand keinen Halt, rutschte, taumelte, \u00fcberschlug sich, kopf\u00fcber, kopfunter, weiter und weiter und weiter, der Nebel verschluckte den Schrei, sie war allein, taumelte, rutschte, gleich w\u00fcrde sie st\u00fcrzen, mitten hinein ins Nichts &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; im Nichts w\u00fcrden Fl\u00fcgel nutzlos sein, sie w\u00fcrde st\u00fcrzen, fallen, st\u00fcrzen, aufprallen, zerbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Elyf schrie. Sie schlug mit den Fl\u00fcgeln. Sie fiel, st\u00fcrzte, taumelte, streckte die Fl\u00fcgel, streckte sie noch weiter, schwankte, drehte sich, wo war unten, oben, sie schrie, schlug um sich, flatterte &#8211; und dann war da Auftrieb, dann war da Luft, die trug. Elyf schluchzte kr\u00e4chzend vor Erleichterung. Sie flog. Sie w\u00fcrde nicht abst\u00fcrzen, zerbrechen. Sie flog.<br>Doch die Erleichterung schwand schnell. Noch immer sah sie nichts als Wei\u00df um sich herum, nichts, nichts, nichts &#8211; und sie sah nicht, wohin sie flog. Sie wusste nicht, ob vor ihr eine Hauswand war, ein Laternenpfahl, ein Baum, in dessen \u00c4sten sie sich verfangen w\u00fcrde, ein geschlossenes Fenster, gegen das sie prallen konnte und doch noch st\u00fcrzen, abst\u00fcrzen, fallen, aufprallen, zerbrechen.<br>Sie musste landen. Elyf blinzelte und blinzelte, hoffte entgegen jeder Hoffnung, doch noch etwas zu ersp\u00e4hen, etwas, das ihr einen sicheren Landeplatz versprach. Aber da war nur Wei\u00df. Sie wusste nicht einmal, wie hoch oder niedrig sie flog. Unter ihr konnte ebenso eine Stra\u00dfe sein, wie das Wasser der Spree, wie ein Dach, eine Baumkrone, eine Laterne, ein Mensch, ein Auto &#8211; sie k\u00f6nnte direkt vor einem Auto landen, einem fahrenden Auto und dann &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Elyf hielt die Luft an, lie\u00df sich sinken. Langsam. Sie stie\u00df die Luft aus. Atmete. Kurze, heftige Atemz\u00fcge. Vorsicht. Vorsicht. Sie lauschte. Da war nichts als der Wind.<br>War das gut? Oder verstopfte der Nebel ihr das Geh\u00f6r? Sie sank weiter. Oder vielleicht flog sie auf ewig gleicher H\u00f6he und w\u00fcrde den Boden nie erreichen &#8211; bis ihr die Fl\u00fcgel versagten, und sie sank wie ein Stein, in die Spree geworfen. Nein, nein &#8211; sie war ganz sicher, sie flog hinab. Ganz bestimmt. Sie wusste doch, wo oben und unten war, jetzt, wo sie flog und nicht l\u00e4nger fiel.<br>Es dauerte nur so lange. Was, wenn der Nebel doch alles verschlungen hatte und es l\u00e4ngst keinen Boden, keinen Grund mehr unter ihr gab? Elyf schauderte mitten im Flug, zitterte und geriet ins Taumeln. Fing sich wieder. Vorsichtig streckte sie die Beine aus, streckte die Krallen, ber\u00fchrte nur Luft.<br>Geduld. Sie brauchte nur noch ein wenig Geduld.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder vielleicht w\u00fcrde sie immer so weiterfliegen, immer einsamer werden, sich weiter und weiter verlieren im Nebel, im Nichts. Vor ihr &#8211; nein, hinter ihr &#8211; nein, \u00fcber ihr &#8211; nein &#8211; irgendwo ert\u00f6nten Rufe. Sie kannte diese Rufe. Sie wollte zu ihnen. Aber sie fand die Richtung nicht. Vielleicht waren die Rufe nicht wirklich da, waren nur eine Gespinst ihrer Sehnsucht. Trugstimmen des Nebels, der sie weiter ins Nichts locken wollte. Ihr Hoffnung machte, damit sie weiterflog und immer weiter, bis sie nicht mehr konnte. Schon sp\u00fcrte sie das erste Zittern ihrer Muskeln. Und doch, und doch. Elyf riss den Schnabel auf. Sie kr\u00e4chzte den Rufen entgegen. <em>Hier bin ich. Hier. Findet mich. Hier.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie h\u00f6rte nicht mehr auf. Schrie und kr\u00e4chzte und schluchzte, bis Federn sie ber\u00fchrten, bis Arme sie umschlangen. \u201eElyf. Elyf. Wach auf. Es ist nur ein Traum. Wach auf, alles ist gut.\u201c<br>Sie dr\u00fcckte sich an den K\u00f6rper neben ihr, blinzelte. Da war Licht. Kerzenlicht. Von der Kerze auf ihrem Nachttisch. Elyf kuschelte sich tiefer in die Umarmung, lauschte den Stimmen, die von unten aus der Crow-Bar bis in ihr Zimmer heraufdrangen. Vertraut. Beruhigend. Sie sp\u00e4hte \u00fcber Minks Schulter zum Fenster. Vor der Glasscheibe dr\u00e4ngte sich Nebel zusammen, l\u00f6schte die Welt dahinter aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Im Oktober widmen wir uns dem Grusel- und Horrorgenre &#8230;) An jenem Herbstmorgen war Nebel heraufgezogen. Trotzdem waren die beiden Kr\u00e4hen aufgebrochen. 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