{"id":1362,"date":"2023-11-28T01:13:51","date_gmt":"2023-11-27T23:13:51","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1362"},"modified":"2023-11-28T01:13:51","modified_gmt":"2023-11-27T23:13:51","slug":"phantastischer-montag-das-versprechen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1362","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Das Versprechen"},"content":{"rendered":"\n<p>(Beim phantastischen Montag nehmen wir uns im November dem Genre <em>Steampunk <\/em>an. Hier ist meine Geschichte dazu.)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Seit sich die Menschheit vor 50 Jahren Drachenfeuer als Energiequelle nutzbar machen konnte, wurden fossile Brennstoffe \u00fcberfl\u00fcssig. Drei Drachen, die im Schichtsystem eingesetzt werden, liefern mit ihrem Feuer genug Energie, um eine ganze Stadt zu versorgen. Sie leben ewig, brauchen nicht viel Futter, einzig der viele Platz, den sie ob ihrer Gr\u00f6\u00dfe ben\u00f6tigen, ist ein ernsthafter Kostenfaktor. Er wird jedoch mehr als ausgeglichen durch die pro Drache hervorgebrachte Leistung. So ist nicht nur das Problem der Endlichkeit fossiler Brennstoffe \u00fcberwunden, sondern auch die fortschreitende Klimakatastrophe abgewendet.<\/em><br>Mena schob das Buch von sich. Dachte eigentlich niemand dar\u00fcber nach, dass Drachen auch Lebewesen waren? G\u00fcnstig erzeugte Energie konnte doch nicht alles sein! Sie seufzte aber nur so leise, dass ihr Seufzer in den allgemeinen Ger\u00e4uschen der Klasse unterging und vor allem so leise, dass sie Herrn Wohlrath nicht \u00fcbert\u00f6nte, der weiter und weiter aus dem Lehrbuch vortrug. Der Trick bestand darin, seine Stimme auszublenden, ohne dar\u00fcber den Moment zu verpassen, in dem er aufh\u00f6rte und eine Frage stellte.<br>Diese Kunst hatte Mena l\u00e4ngst perfektioniert. Sie schlug ihr Heft auf, tauchte die Feder ins Tintenf\u00e4sschen. Mit schnellen Strichen vertiefte sie sich erneut in die noch unfertige Zeichnung. Selbst auf dem Papier widerstrebte es ihr, die Ketten anzuschauen, die den Drachen an seinen Platz im Dampfmaschinen-Ensemble fesselten. Schlimmer war das nur in der Realit\u00e4t gewesen beim obligatorischen Klassenausflug dorthin. Sobald ihr Blick auf die gezeichnete Version der Ketten fiel, h\u00f6rte sie das schleifende Ger\u00e4usch. F\u00fcr sie war es lauter gewesen als das Br\u00fcllen der Flammen, lauter als das Zischen der Dampfmaschinen, lauter als die Stimme von Herrn Wohlrath, die sich \u00fcber all den L\u00e4rm gelegt hatte, um ihnen das Wunder der ewigen Energie zu erkl\u00e4ren.<br>\u201eUnd kein Mensch muss mehr in Kohleminen schuften. Ru\u00df und Kohlenstaub in den Lungen der Menschen geh\u00f6ren der Vergangenheit an! Selbst die Luft, die wir heute atmen, ist reiner als noch vor wenigen Jahrzehnten. Ihr Nachgeborenen k\u00f6nnt euch gar nicht vorstellen, wie das hier fr\u00fcher aussah, besonders im Winter, wenn alle mit Kohle heizen mussten. Oft war die Luft so grau, dass man keine zwei Meter weit blicken konnte! Und das Atmen wurde zur Qual.\u201c<br>Er verlor kein Wort \u00fcber die Qual der Drachen. Und auch \u00fcber etwas anderes nicht, wie Mena jetzt auffiel, w\u00e4hrend sie Strich um Strich die Drachenschuppen vervollst\u00e4ndigte, versuchte den Glanz des Feuers auf ihnen einzufangen. Des Feuers, das Dampfmaschinen ebenso belebte wie die Hoch\u00f6fen, in denen Metalle schmolzen. Mena stockte der Stift. Metalle schmolzen. Leise, leise legte sie den Stift neben das Heft. Bl\u00e4tterte die Seite um. Dann hob sie eine Hand.<br>\u201eAh, eine Frage!\u201c Herr Wohlrath strahlte sie an. \u201eMena, bitte.\u201c<br>\u201eWie werden die Drachen gef\u00fcgig gehalten? Ich meine, ihr Feuer schmilzt Metall, da d\u00fcrften die Ketten allein sie doch nicht \u2026\u201c Sie verstummte, als Herr Wohlraths Gesicht sich mehr und mehr verfinsterte. Sie senkte den Kopf.<br>\u201eNeugier ist des Drachen Tod.\u201c Mehr als ein Fl\u00fcstern war es nicht.<br>Mena schluckte und blickte vorsichtig auf. Herr Wohlrath verzog die Lippen zu einem L\u00e4cheln, bei dem es ihr schauderte. Wenige Sekunden lang fixierte er sie, dann wandte er sich abrupt um. \u201eWo war ich stehengeblieben? Richtig. Unsere Befreiung.\u201c Herr Wohlrath redete weiter, aber Mena h\u00f6rte nicht l\u00e4nger zu. Sie krampfte die Finger um ihren Stift, beugte sie sich zu ihrer Tischnachbarin.<br>\u201eWas war das denn?\u201c, wisperte sie und wagte nicht, den Blick von Herrn Wohlraths R\u00fccken zu l\u00f6sen, der Formeln an die Tafel schrieb und weiter und weiter redete.<br>\u201eWas?\u201c, fl\u00fcsterte Lore.<br>\u201eHast du ihn nicht geh\u00f6rt?\u201c Ein leises Knacken lie\u00df sie zusammenzucken. Gleich darauf sp\u00fcrte sie einen spitzen Schmerz an ihrer Handfl\u00e4che. \u201eAutsch\u201c, fluchte sie. Zu laut. Mena presste die Lippen zusammen und \u00f6ffnete ihre Faust. Der Holzgriff ihres Federhalters war zerbrochen.<br>\u201eRuhe bitte!\u201c Herr Wohlrath drehte sich nicht einmal um. \u201eNehmt eure Hefte heraus und notiert euch die Aufgaben von der Tafel. Sie sollten euch den Rest der Stunde besch\u00e4ftigt halten.\u201c<br>Ein leises St\u00f6hnen ging durch die Klasse. Doch es war leiser als das Rascheln von Papier und das eifrige Kratzen von Federn. Mena rieb sich die Handfl\u00e4che &#8211; keine Splitter, immerhin. Sie kramte in ihrer Mappe und fand ein St\u00fcck Schnur, das sie um die gesplitterte Stelle wickelte. Der Griff war zwar viel zu kurz, aber wenigstens nicht mehr scharfkantig. Sie steckte das andere St\u00fcck davon in ihre Mappe. Vielleicht konnte sie die beiden Teile sp\u00e4ter in der Werkstatt ihrer Mutter wieder zusammenflicken. Jetzt konzentrierte sie sich besser auf die Formeln und Rechenaufgaben. Doch so sehr sie sich bem\u00fchte, dabei zu bleiben, sie bl\u00e4tterte schon nach wenigen Augenblicken zu ihrer Zeichnung zur\u00fcck. <em>Neugier ist des Drachen Tod.<\/em><br>Hatte Herr Wohlrath das wirklich gesagt oder hatte sie sich das eingebildet? Das Fl\u00fcstern klang ihr noch immer deutlich in den Ohren. Aber wieso hatte Lore das nicht geh\u00f6rt? Mena strich mit der Feder \u00fcber die gezeichneten Drachenschuppen, f\u00fcgte neue hinzu. Je l\u00e4nger sie ihn zeichnete, desto absurder schien es ihr, dass Ketten allein irgendeinen Drachen halten sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch als sie am Nachmittag endlich das Schulgeb\u00e4ude hinter sich lie\u00df, ging ihr der Drache nicht aus dem Kopf. Die elektrische Stra\u00dfenbahn rumpelte an ihr vor\u00fcber und fuhr wegen seines Feuers. Die Laternen trieben die hereinbrechende Dunkelheit zur\u00fcck und leuchteten wegen seines Feuers. Gondeln der Seilbahn, die kreuz und quer \u00fcber den H\u00e4userd\u00e4chern verlief, schaukelten ihre G\u00e4ste dank seines Feuers ans Ziel. Schaufenster, L\u00e4den, Theater, Lichtspiels\u00e4le, Caf\u00e9s, Restaurants &#8211; alles Licht, alle W\u00e4rme, all die Betriebsamkeit, jede Werkstatt, jede Fabrik, jedes Haus, nichts davon w\u00fcrde ohne Drachenfeuer existieren. Aber rechtfertigte die Lebensweise der Menschen die Ausbeutung anderer Wesen?<br>Ein feiner Eisregen setzte ein, und Mena streifte sich die Kapuze ihres Wollmantels \u00fcber den Kopf. Produziert auf einem elektrisch angetriebenen Webstuhl. Die K\u00e4lte drang langsam aber unaufhaltbar durch den Mantel. Mena zog die Schultern hoch, was weder die K\u00e4lte abhielt, noch all die Fragen aus ihrem Kopf vertrieb. Die Menschheit hatte Millionen von Jahren ohne Elektrizit\u00e4t gelebt. Trotzdem schien ein Leben ohne sie heute unvorstellbar. Und wie k\u00f6nnte sie als Einzelne \u00fcber das Leben aller Menschen entscheiden?<br>Wie konnte sie vor der Qual eines einzelnen Wesens die Augen verschlie\u00dfen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist passiert?\u201c Ihre Mutter lehnte sich neben ihr an die Werkbank, wo Mena den einen Teil ihres Federhalters in einer Schraubzwinge eingeklemmt hatte und gerade beide Teile an den Bruchstellen mit Knochenleim bestrich. Jetzt musste es schnell gehen. Sie setzte die Holzteile an der gesplitterten Stelle zusammen und presste sie aneinander. Sie f\u00fcgten sich perfekt. Nur noch lange genug festhalten &#8211; verdammt. Sie sa\u00df hier fest.<br>\u201eIst mir zerbrochen.\u201c Mena schloss die Augen.<br>\u201eDas sehe ich. Und wie hast du das hinbekommen?\u201c<br>\u201eIch &#8211; ich war in Gedanken.\u201c Mena starrte auf die d\u00fcnne Linie der Bruchstelle. Ein wenig Leim war hervorgequollen. Der w\u00fcrde sich sp\u00e4ter entfernen lassen. Ganz leicht. Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter.<br>\u201eM\u00fcssen ja heftige Gedanken gewesen sein.\u201c<br>Mena biss sich auf die Unterlippe. Aber sie kam hier sowieso nicht weg, also war schweigen sinnlos. Au\u00dferdem wollten sie raus, diese Gedanken, Zweifel, Fragen. Anfangs stolperte sie noch \u00fcber W\u00f6rter und S\u00e4tze, dann reihte sich alles aneinander. \u201eHast du den Satz schon mal geh\u00f6rt? Neugier ist des Drachen Tod.\u201c<br>Ihre Mutter bohrte die Finger in Menas Schulter. \u201eWer hat das gesagt?\u201c<br>\u201eAu!\u201c Sie versuchte, sich von der Hand wegzudrehen, ohne dabei ihren Federhalter loszulassen.<br>\u201eMena! Das ist wichtig.\u201c Aber ihre Mutter lockerte ihren Griff. \u201eHast du das vor irgendwem anders wiederholt?\u201c<br>Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eUnd &#8211; keine Ahnung, ob der Wohlrath das gesagt hat. Ich meine, Lore sitzt direkt neben mir und hat nix davon geh\u00f6rt.\u201c Vielleicht hatte sie sich den Satz doch eingebildet. Vielleicht drehte sie durch und h\u00f6rte Stimmen, die es nicht gab. Ihre Mutter zog sich einen Hocker heran, setzte sich und legte einen Arm um ihre Schultern. Seufzte.<br>\u201eIch hab gehofft \u2026\u201c Sie dr\u00fcckte Mena. \u201eNun, es ist, wie es ist. Hast du einen Drachen gezeichnet?\u201c<br>\u201eWas &#8211; wieso? Was hat das mit-\u201c<br>\u201eAlso ja. Den Drachen, den ihr gesehen habt?\u201c<br>Sie nickte. Ihre H\u00e4nde zitterten, bis warme Finger sich um ihre legten.<br>\u201eVorsicht, sonst bricht er wieder.\u201c Ihre Mutter sprach leise, nah an ihrem Ohr. \u201eDu bist nicht verr\u00fcckt. Der Satz ist eine Warnung. Von den Drachen selbst. Sie warnen uns, wenn wir den falschen Menschen zu unvorsichtige Fragen stellen.\u201c Ihr tiefes Atemholen klang \u00fcberm\u00e4\u00dfig laut in der Stille der Werkstatt. \u201eH\u00f6r mir gut zu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie h\u00f6rte zu. H\u00f6rte all die Worte, die sie nie Menschen gegen\u00fcber aussprechen durfte, die Drachen nicht h\u00f6ren konnten. Sie h\u00f6rte vom Plan der Drachen. Sie h\u00f6rte, was sie tun musste, um ihnen zu helfen. Sie h\u00f6rte, was sich alles ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<br>Geduld, Zeit, Verschwiegenheit.<br>\u201eWirst du das hinbekommen?\u201c, fragte ihre Mutter. \u201eUnd bevor du antwortest &#8211; es wird lange dauern. Vielleicht dein ganzes Leben lang. Vielleicht l\u00e4nger.\u201c<br>Mena stellte sich vor, was alles passieren konnte. Sie stellte sich Drachen vor, die nicht an den Boden gekettet waren. Drachen, die ihre Fl\u00fcgel streckten. Flogen.<br>Sie nickte. \u201eIch bin dabei.\u201c Die Worte schienen ihr zu klein f\u00fcr alles, was sie mit ihnen versprach.<br>\u201eGut.\u201c Ihre Mutter gab ihre H\u00e4nde frei und deutete mit dem Kinn auf ihren Federhalter. \u201eIch denke, das h\u00e4lt jetzt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Beim phantastischen Montag nehmen wir uns im November dem Genre Steampunk an. Hier ist meine Geschichte dazu.) Seit sich die Menschheit vor 50 Jahren Drachenfeuer als Energiequelle nutzbar machen konnte, wurden fossile Brennstoffe \u00fcberfl\u00fcssig. Drei Drachen, die im Schichtsystem eingesetzt werden, liefern mit ihrem Feuer genug Energie, um eine ganze Stadt zu versorgen. Sie leben &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1362\" class=\"more-link\">Mehr <span class=\"screen-reader-text\">\u00fcber &#8222;Phantastischer Montag: Das Versprechen&#8220; <\/span>Lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1131,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[231],"tags":[237,229,58,329],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1362"}],"collection":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1362"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1364,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1362\/revisions\/1364"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1131"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}