{"id":1367,"date":"2023-12-25T07:28:00","date_gmt":"2023-12-25T05:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1367"},"modified":"2023-12-23T19:37:43","modified_gmt":"2023-12-23T17:37:43","slug":"phantastischer-montag-winterwaerme","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1367","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Winterw\u00e4rme"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Im Dezember ist unser Genre High Fantasy und ich nehme euch mit in eine Welt, in der es bestimmt noch mehr zu erz\u00e4hlen gibt, aber dies ist die erste Geschichte daraus, eine Wintergeschichte.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Treiben auf dem Marktplatz war ebenso dicht wie das Schneegest\u00f6ber. Das Flackern der \u00d6llampen und Kerzen schuf kaum genug Licht, die ausgestellten Waren zu betrachten. Nur gelegentlich funkelte ein Schmuckst\u00fcck auf oder buntes Kristallglas glitzerte im Flammenschein. Das Fest der Wintersonnenwende. L\u00e4nger werdende Tage, k\u00fcrzere N\u00e4chte &#8211; nat\u00fcrlich mussten Menschen ein Fest daraus machen. Niyara kniff die Augen zusammen und zog die Schultern hoch, wappnete sich innerlich f\u00fcr weitere Stunden im dichten Gedr\u00e4nge. Alle anderen aus ihrer Truppe hockten jetzt um den bollernden Holzofen in Mikoschs Wagen und schl\u00fcrften Tee, w\u00e4hrend Mila aus dem neuen Theaterst\u00fcck vorlas. Bestimmt gab es dazu auch Daras Fr\u00fcchtebrot.<br>Der Wind trieb Niyara den Schnee ins Gesicht. Sie drehte sich um und schlug den Kragen hoch, damit ihr das kalte Zeugs nicht in den Nacken fiel. Ganz egal, was der n\u00e4chste Stand anbot, sie war fest entschlossen, dort f\u00fcr alle passende Geschenke zu erstehen. Du schaffst das, h\u00f6rte sie Milas Stimme in ihrem Kopf. Den Wind im R\u00fccken stapfte Niyara los. Sie w\u00fcrde etwas f\u00fcr Mila finden und f\u00fcr Mikosch und f\u00fcr Dara, f\u00fcr Lyk und auch f\u00fcr den kleinen Snot.<br>Doch der n\u00e4chste Stand bot nur hei\u00dfen Wein an. Auf den metallisch glasierten Bechern funkelte das Kerzenlicht und Niyara konnte nicht widerstehen. Der hei\u00dfe Wein w\u00fcrde gegen die K\u00e4lte helfen. Doch sobald sie den Becher ber\u00fchrte und der H\u00e4ndler nach dem Wechselgeld kramte, \u00fcberlegte sie bereits, wie sie das Gef\u00e4\u00df unauff\u00e4llig verschwinden lassen und behalten k\u00f6nnte. Dabei wollte sie dieses Mal wirklich nichts borgen, sondern ehrbar Geschenke erwerben. So viel dazu, dass sie nun ausgewachsen war. Niyaras Seufzer brachte die Schneeflocken vor ihrem Gesicht zum Schmelzen.<br>Mit \u00fcbertriebener Sorgfalt platzierte der Weinh\u00e4ndler eine sonnig gl\u00e4nzende M\u00fcnze auf seiner Handfl\u00e4che und streckte sie Niyara hin. Kaum ber\u00fchrte sie die M\u00fcnze, ert\u00f6nte ein Fauchen. Niyara zuckte von der Hand weg, konnte gerade noch ein Antwortfauchen unterdr\u00fccken. Ein wenig hei\u00dfer Wein schwappte \u00fcber ihre Finger. Der H\u00e4ndler reichte ihr ein Tuch. \u201eKeine Sorge, solange Sie ihn nicht von der M\u00fcnze trennen, bei\u00dft der auch nicht.\u201c<br>Niyara starrte auf die Handfl\u00e4che. Auf die M\u00fcnze. Auf den kleinen Drachen, der sich mit seinen winzigen Krallen an die M\u00fcnze klammerte. Der goldene Schimmer der M\u00fcnze spiegelte sich in seinen Augen. Seine Schuppen funkelten smaragdgr\u00fcn, als fielen trotz des Schneetreibens Sonnenstrahlen darauf.<br>Der H\u00e4ndler und beugte sich n\u00e4her zu Niyara. \u201eNehmen Sie ihn. Aber geben Sie ihn bald wieder weg. Der kleine Kerl wird ungehalten, wenn er l\u00e4nger an einem Ort ist. Ich hab ihn gerade mal drei Tage, und er hat mir heute schon vier Becher zertr\u00fcmmert.\u201c<br>Der kleine Kerl stellte die Fl\u00fcgel auf und schlug mit dem Schwanz. Das mit den vier Bechern war angesichts seiner Gr\u00f6\u00dfe wirklich eine beeindruckende Leistung. Bestimmt hatte er mit den gl\u00e4nzenden Scherben seinen Hort erweitern wollen. Niyara wischte sich den versch\u00fctteten Wein von den Fingern. Der kleine Drache nahm die M\u00fcnze zwischen die Z\u00e4hne und schob sich auf der Handfl\u00e4che nach vorn. Dabei blickte er Niyara ununterbrochen an. Wenn sie ihm ihre Hand bot, g\u00e4be es kein Zur\u00fcck mehr. Sie h\u00e4tte die volle Verantwortung f\u00fcr den kleinen Kerl. Dabei war sie selbst kaum ausgewachsen. Sicher, sie konnte sich inzwischen wandeln und in Menschengestalt verweilen, so lange sie wollte. Aber Niyaras Hort drohte bald ihren Wagen zu sprengen. Darin fanden sich genug Geschenke f\u00fcr hunderte von Wintersonnenwenden. Doch sich trennen? Absurd. Niyara sch\u00fcttelte den Kopf.<br>Der H\u00e4ndler streckte seine Hand weiter \u00fcber den Tisch. \u201eNun nehmen Sie ihn schon.\u201c Er riss ihr das weinbefleckte Tuch weg. \u201eSie k\u00f6nnen ihn beim n\u00e4chsten Stand wieder loswerden. Die hatten ihn noch nicht.\u201c<br>Der kleine Drache erreichte die Fingerspitzen des H\u00e4ndlers und kr\u00fcmmte sich dort zusammen, als wollte er sich gleich in die Luft schwingen. Allerdings w\u00fcrde er mit der M\u00fcnze im Maul zu schwer zum Fliegen sein. Z\u00f6gernd streckte Niyara eine Hand aus. Noch war er klein. Irgendwie w\u00fcrde sie Platz f\u00fcr ihn finden. Schlie\u00dflich konnte sie einen Artgenossen nicht bei Menschen lassen, die keine Ahnung davon hatten, was er brauchte. Vorsichtig packte sie ihn mit Daumen und Zeigefinger unter den Fl\u00fcgeln und setzte ihn sich auf den Arm. Sofort kraxelte er an ihrer Jacke empor. Seine Krallen hinterlie\u00dfen winzige L\u00f6cher im dicken Stoff so wie Niyaras damals bei Mila. Er kroch \u00fcber den Kragen und schmiegte sich an ihren Hals. Seine Hitze floss \u00fcber ihre Haut, w\u00e4rmte ihr den Nacken, floss hinab bis zu ihren Zehen- und Fingerspitzen. Niyara unterdr\u00fcckte das Verlangen, laut zu schnurren.<br>Stattdessen nickte sie dem H\u00e4ndler zu, der sie erleichtert anstrahlte. \u201eFr\u00f6hliche Festtage\u201c, w\u00fcnschte er. Niyara stellte den Becher auf seinen Tisch, wo er wieder das Licht der Kerzenflammen einfing, gl\u00e4nzte und schimmerte. Sie schluckte und drehte sich weg. Schritt f\u00fcr Schritt schlenderte sie von dem Stand fort. Noch immer durchdrang sie die W\u00e4rme ihres kleinen Gef\u00e4hrten, machte ihre Schritte leichter. Endlich lie\u00dfen sie das Menschengedr\u00e4nge hinter sich zur\u00fcck, die St\u00e4nde, den Marktplatz.<br>Niyara legte den Kopf in den Nacken, beobachtete, wie die Schneeflocken auf sie zuschwebten. Ja, dieses Mal w\u00fcrde sie es schaffen. Sie w\u00fcrde Lyk das breite Perlmuttarmband schenken, weil er das so mochte, und Mikosch bek\u00e4me die schwere Kette mit den tiefblauen Steinen, die seine Augen so zum Leuchten brachten. Dara hatte nichts f\u00fcr Schmuck \u00fcbrig, w\u00fcrde sich aber \u00fcber das Glasspiel freuen, das Sonnenlicht ebenso einfing wie das Licht der Sterne und jede noch so dunkle Nacht w\u00e4rmte und erhellte. F\u00fcr Snot hatte sie eine silberne Fl\u00f6te. Er w\u00fcrde ihnen allen den letzten Nerv rauben, bis er sie endlich beherrschte, aber niemand w\u00fcrde seinem entz\u00fcckten Lachen bei jedem Klang, den er ihr entlockte, widerstehen k\u00f6nnen. Mila w\u00fcrde sie endlich den goldenen F\u00fcllfederhalter schenken, der seit Jahren in einer Kristallschale auf der Kommode ruhte. Seine Feder w\u00fcrde leicht \u00fcber das Papier gleiten, wenn sie ihre Texte schrieb. Niyara konnte sie schon dabei l\u00e4cheln sehen.<br>Vielleicht, ganz vielleicht, w\u00fcrde sie auch noch ein paar der anderen Funkeldinge verschenken \u2013 oder sie hob sie f\u00fcr die n\u00e4chste Wintersonnenwende auf und die darauf folgende und die wieder folgende und noch etliche mehr. Immer eine nach der anderen. Und in dieser musste Niyara erst einmal nur genug Platz f\u00fcr den Kleinen schaffen. Sie f\u00fchlte sich leicht wie die Schneeflocken und tanzte mit ihnen heim.<\/p>\n\n\n\n<p>(Die Dezembergeschichte von C.A. Raaven findet ihr hier: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/highfantasy02\" target=\"_blank\">Anderwelt<\/a> &#8230; und damit geht unser Reigen der phantastischen Montage erst einmal zu Ende. Wir k\u00f6nnen zur\u00fcckblicken auf vier phantastische Jahre mit einer wilden Mischung an Geschichten und sind gespannt auf alles, was kommt und was wir so als n\u00e4chstes anstellen. Lest mal wieder rein! )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Im Dezember ist unser Genre High Fantasy und ich nehme euch mit in eine Welt, in der es bestimmt noch mehr zu erz\u00e4hlen gibt, aber dies ist die erste Geschichte daraus, eine Wintergeschichte.) Das Treiben auf dem Marktplatz war ebenso dicht wie das Schneegest\u00f6ber. 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