{"id":1458,"date":"2024-12-24T16:52:06","date_gmt":"2024-12-24T14:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1458"},"modified":"2024-12-24T16:52:06","modified_gmt":"2024-12-24T14:52:06","slug":"die-dunkelheit-zwischen-den-sternen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=1458","title":{"rendered":"Die Dunkelheit zwischen den Sternen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>in Erinnerung an Carola Wolff #phantastischerMontag<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich werde bei dir sein<\/em>. Dieses Versprechen hatte Gro\u00dfmutter nicht halten k\u00f6nnen. Kwyna presste ihre Fl\u00fcgel an den R\u00fccken. Starrte ihre verschrammten Schuhkappen an. Alle anderen Feen hatten sich mit schillernden Gew\u00e4ndern herausgeputzt, besonders die jungen, die wie sie zum ersten Mal dabei waren. Kwyna kniff die Augen gegen das Gefunkele zusammen. Sie zupfte an ihrem dunklen Hemd, strich \u00fcber einen Riss in ihrer schwarzen Hose. Sie musste wirken wie die Leere zwischen den Sternen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unfug<\/em>, h\u00f6rte sie die R\u00fcge in Gro\u00dfmutters Stimme in ihrem Kopf. Ungebetenerweise. Aber das hatte Gro\u00dfmutter auch zu Lebzeiten nie gek\u00fcmmert. <em>Du wei<\/em><em>\u00dft doch:<\/em> Z<em>wischen den Sternen leben die Drachen. Wir k<\/em><em>\u00f6nnen sie nicht sehen, weil sie so gut an das Dunkel angepasst sind. Nur wenn du ganz genau hinschaust, siehst du manchmal einen Fl\u00fcgelschlag.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Gro\u00dfmutter von den Drachen erz\u00e4hlt hatte, war Kwyna das leichtgefallen.<br>Wenn sie gemeinsam in den Nachthimmel schauten, glaubte sie, die Bewegungen zwischen den Sternen zu sehen.<br>Wenn Gro\u00dfmutter leise lachte und sagte: <em>Hast du gesehen? Da war einer!, <\/em>hatte Kwyna genickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt war da nichts au\u00dfer Sternen und Dunkelheit. Und das Stimmengewirr um sie herum auf dem Versammlungsplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will einen aufregenden Wunsch!\u201c<br>\u201eEinen Liebeswunsch!\u201c<br>\u201eIhhh, nee, was Abenteuerliches!\u201c<br>\u201eWas Gef\u00e4hrliches!\u201c<br>\u201eNee, was leicht zu Erf\u00fcllendes, bitte und danke!\u201c<br>\u201eLangweilig! Ich will einen, der mich auf eine laaaaaaaaaaaange Reise f\u00fchrt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alle lachten und gestikulierten und flatterten mit den Fl\u00fcgeln, und alle vermieden den Blick in ihre Richtung. Kwyna zog die Schultern hoch. Als der Rat der \u00c4ltesten herankam, schloss sie die Augen. Ihre Ohren konnte sie nicht verschlie\u00dfen. Und so musste sie sich die Geschichte anh\u00f6ren, wie Menschen der Feenk\u00f6nigin das Leben gerettet hatten. In jedem Wort klang Gro\u00dfmutters fehlende Stimme mit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026 und als sie die alte K\u00f6nigin zu ihrer letzten Ruhe betteten, legten sie ihr wie gehei\u00dfen eine Buchecker auf die Brust. Die Jahre vergingen und auf dem Grab der K\u00f6nigin wuchs eine Buche, deren Wurzeln ihr Herz umschlossen. Wie sie den Menschen versprochen hatte, erf\u00fcllten sich die W\u00fcnsche, die sie an die \u00c4ste des Baumes kn\u00fcpften. In jeder Wintersonnennacht begeben wir uns dorthin und sammeln die W\u00fcnsche der Menschen ein. Wie die K\u00f6nigin einst versprach, erf\u00fcllen wir sie, solange die Wunschbuche lebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was ging sie das Versprechen einer vor Jahrhunderten gestorbenen K\u00f6nigin an? Was war mit den W\u00fcnschen von Feen? Ihren Tr\u00e4umen? Kwyna kr\u00fcmmte die Schultern, als k\u00f6nnte sie damit die K\u00e4lte von sich weghalten. Konnte sie nicht. Sie zitterte und blickte sich um. Alle, die wie sie das erste Mal zur Wunschbuche aufbrachen, hatten jemanden an der Seite. Eine Tante, \u00e4ltere Geschwister, Eltern, Cousinen, Onkel, Gro\u00dfm\u00fctter. Nur Kwyna stand allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneeflocken tanzten dort, wo das Feenreich endete und das der Menschen begann. Sie flogen mitten hinein. Die Schneeflocken glitzerten im Licht der Stra\u00dfenlaternen, und die funkelnden Gew\u00e4nder der Feen passten sich an, verbargen sie vor allen Blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht h\u00e4tte sie heute ihre Trauerkleidung ablegen sollen. Aber das w\u00e4re ihr wie Verrat vorgekommen &#8211; als w\u00fcrde sie mit einem Wechsel der Kleidung Gro\u00dfmutters Tod verleugnen. Kwyna wischte sich \u00fcber die Augen. Nein. Sie w\u00fcrde wie die Drachen sein, eine kaum wahrnehmbare Bewegung in der Dunkelheit zwischen den Schneeflocken. Eine Bewegung, die nur sah, wer an Feen glaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald kam die Wunschbuche in Sicht. Sie streckte ihre kahlen Winter\u00e4ste weit in die Nacht. Schneeflocken sammelten sich noch auf den d\u00fcnnsten Zweigen und dazwischen flatterten die bunten B\u00e4nder mit den W\u00fcnschen der Menschen. Je n\u00e4her sie kamen, desto stiller wurden die Feen. Schweigend verteilten sie sich im Ge\u00e4st.<br>\u201eNicht ihr w\u00e4hlt den Wunsch, der Wunsch w\u00e4hlt euch\u201c, intonierten die \u00c4ltesten. Wie alle anderen streckte Kwyna eine Hand aus. Doch sie griff ins Leere. Sie schloss die ausgestreckte Hand zur Faust.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die ersten T\u00f6ne aufklangen, gesummt von tausenden Feenkehlen, schwieg Kwyna. Das Summen umschmeichelte sie und mitten in dem wogenden Klang legte sich eine Hand um ihre Faust. Finger, deren Ber\u00fchrung ihr nur zu vertraut waren. Kwyna wagte nicht, die Augen zu \u00f6ffnen. Doch sie stimmte in das Summen ein und lie\u00df sich von der vertrauten Hand leiten.<br>Gemeinsam summten sie den letzten Ton.<\/p>\n\n\n\n<p>Kwyna l\u00f6ste die Hand aus dem vertrauten Griff und tastete nach einem der flatternden B\u00e4nder. Erst als sie ihres sicher in beiden H\u00e4nden hielt, \u00f6ffnete sie die Augen. Das Band l\u00f6ste sich vom Zweig, sank vor ihr hinab. Da wandte Kwyna den Kopf. Der Platz neben ihr war leer.<\/p>\n\n\n\n<p>Kwyna strich \u00fcber das dunkelrote Band. Sie schwang ihre Fl\u00fcgel nach vorn, rief das Feenlicht an ihren Fl\u00fcgelspitzen wach, um die schwarzen Tintenworte darauf lesen zu k\u00f6nnen.<br><em>Ich w\u00fcnsche mir, dass Tante Hilde jetzt bei den Drachen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das war doch kein Wunsch! Sie starrte die Worte an. Na gut, schon ein Wunsch, aber keiner, der sich erf\u00fcllen lie\u00df. Niemand wusste, was nach dem Leben kam. Die Toten schwiegen.<br><em>Nur wer an sie glaubt, sieht sie auch<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df\u201c, seufzte Kwyna und wand das Wunschband so um ihren K\u00f6rper, wie Gro\u00dfmutter sie gelehrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schneeflocken tanzten vom Nachthimmel. Sterne blitzten in Wolkenl\u00fccken auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade, als sie den Kopf senkte, sah Kwyna eine Bewegung in der Dunkelheit zwischen Wolken und Sternen. Als w\u00fcrde ein riesiger Vorhang sachte vor und zur\u00fcck schwingen. Kwyna hielt still. Starrte. Die Bewegung wiederholte sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wieso bist du so sicher?<\/em>, hatte sie Gro\u00dfmutter gefragt.<br><em>Weil ich sie sehe. So wie meine Gro\u00dfmutter vor mir und vor ihr ihre Gro\u00dfmutter und immer so weiter. Schau hin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kwyna schaute und schaute, bis ihre Augen schmerzten. Die anderen Feen waren l\u00e4ngst aufgebrochen. Nur sie stand im Baum zwischen kahlen Zweigen und fallenden Schneeflocken. Kwyna flog h\u00f6her, suchte sich den obersten Zweig, der sie gerade noch trug. Er schwankte, als sie sich darauf ausstreckte.<br>\u201eSchau hin\u201c, fl\u00fcsterte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wolken drifteten auseinander. Sterne funkelten sie an. Kwyna lie\u00df die Tinte des Wunschbandes in sich einsinken. Sie sp\u00fcrte die Finger, die den Wunsch geschrieben hatten. Etwas j\u00fcnger als sie, den Stift fest umklammert. Sie sah die gerunzelte Stirn. Dunkle Haut wie ihre eigene. Noch dunklere Augen.<br><em>Schau hin<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Kwyna blickte durch das Gesicht hindurch in den Nachthimmel. Keine einzige Schneeflocke. \u00dcber ihr nur Sterne und Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das leise Lachen ihrer Gro\u00dfmutter h\u00fcpfte durch ihren K\u00f6rper. Kwyna schickte es durch die Tinte zu den unbekannten Fingern. Wie Kwyna hob die Fremde das Gesicht zum Nachthimmel. Wie Kwyna sah sie die Bewegungen in der Dunkelheit zwischen den Sternen. Das Wunschband fiel von Kwyna ab. Sie wusste, dass es hinabsank und sich aufl\u00f6ste, noch bevor es den Boden ber\u00fchren konnte. Aber sie schaute weiter hinauf in den Himmel, sp\u00fcrte Gro\u00dfmutters Lachen in sich und das L\u00e4cheln auf dem Gesicht der Fremden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Maike Stein<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>in Erinnerung an Carola Wolff #phantastischerMontag Ich werde bei dir sein. Dieses Versprechen hatte Gro\u00dfmutter nicht halten k\u00f6nnen. Kwyna presste ihre Fl\u00fcgel an den R\u00fccken. Starrte ihre verschrammten Schuhkappen an. Alle anderen Feen hatten sich mit schillernden Gew\u00e4ndern herausgeputzt, besonders die jungen, die wie sie zum ersten Mal dabei waren. 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