{"id":192,"date":"2015-02-04T14:39:06","date_gmt":"2015-02-04T12:39:06","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=192"},"modified":"2015-02-04T14:39:06","modified_gmt":"2015-02-04T12:39:06","slug":"stadtmagie-teil-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=192","title":{"rendered":"Stadtmagie &#8211; Teil 4"},"content":{"rendered":"<p>Beim Schneefall gestern musste ich an eine Geschichte denken, die ich 2010 f\u00fcr unser Weihnachtsheft geschrieben hab. Das Weihnachtsheft ist inzwischen eine Tradition von ein paar Kolleg*innen, entstanden aus der Not: Zwei Freiberuflerinnen hockten zusammen, Weihnachten stand an, aber es fehlte das Geld f\u00fcr Geschenke. Also \u00fcberlegten wir uns, was k\u00f6nnen wir \u2026 Geschichten erz\u00e4hlen! Und so finden wir uns nun Jahr um Jahr zusammen, suchen uns als Titel und Thema eine Zeile aus einem Weihnachtslied und schreiben dazu Geschichten mit max. 1000 W\u00f6rtern, was immer wieder eine wunderbare Herausforderung ist.<\/p>\n<p>Als ich also so durch den fallenden Schnee spazierte, sah ich, wie die Flocken nicht nur herabfielen sondern an manchen Stellen auch nach oben tanzten. Klar, da gibt es sicher eine furchtbar logische Erkl\u00e4rung f\u00fcr \u2013 aber mir gef\u00e4llt die, die ich in der folgenden Geschichte gefunden habe, wesentlich besser. \ud83d\ude09<\/p>\n<p><strong>Ankunft in der Wolkenhalle<\/strong><\/p>\n<p><em>Betreten auf eigene Gefahr &#8211; Zutritt nur f\u00fcr Personal<\/em><\/p>\n<p>Neben das Schild hatte jemand das Symbol der Schneeflockenfahrer in die T\u00fcr geritzt, und Lana legte ihre Hand darauf, sp\u00fcrte die Rillen in der ansonsten glatten Oberfl\u00e4che. Ihre Schwester hatte also nicht gelogen, sie hatte wirklich hier gestanden an ihrem ersten Tag der Ausbildung, ein Taschenmesser in der Hand und f\u00fcr ein paar Momente niemand in Sicht, der sie h\u00e4tte zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen. \u00bbIch wollte einfach sichergehen, dass eine Spur von mir dort zur\u00fcckbleibt. Damals hab ich noch Angst gehabt, unsere wutschnaubenden Eltern k\u00f6nnten jeden Augenblick angest\u00fcrmt kommen und mich nach Hause zerren.\u00ab Lenny hatte gel\u00e4chelt. \u00bbUnd ein bisschen hab ich es mir gew\u00fcnscht, hab mir gew\u00fcnscht, dass sie es doch nicht ernst gemeint hatten mit dem \u203adu bist nicht mehr unsere Tochter, wenn du dort hingehst\u2039, aber, na ja, du kennst sie ja.\u00ab Es war das letzte ihrer heimlichen Treffen gewesen. Das N\u00e4chste, was sie von ihrer Schwester gesehen hatte, war die Todesanzeige im<\/p>\n<p>Wolkenkurier gewesen.<\/p>\n<p>Lana ber\u00fchrte kurz die dunkle Brille, die in der Brusttasche ihrer Jacke steckte und wiegte sich in den Stiefeln vor und zur\u00fcck, um das Knarren des neuen Leders zu h\u00f6ren. Sie strich noch einmal \u00fcber die Messerspuren und stie\u00df die T\u00fcr auf.<\/p>\n<p>Die Wolkenhalle war voller Stimmen, ein Wort \u00fcberlagerte das andere, und sie verstand kein Einziges, sie nahm nur das L\u00e4cheln auf all diesen Gesichtern wahr. Frauen und M\u00e4nner gingen<\/p>\n<p>aufeinander zu, H\u00e4nde klopften auf Schultern, K\u00fcsse wurden auf Wangen gedr\u00fcckt, Oberarme ge-t\u00e4tschelt, manche zogen sich spielerisch an den Jackenaufschl\u00e4gen, manche umarmten einander, andere winkten sich quer durch die Halle zu. Lana riss ihre Augen so weit wie m\u00f6glich auf, wollte nichts von diesem ersten Anblick verpassen. Sie stand wirklich hier. Lenny hatte hier gestanden. Hatte diese k\u00fchle Luft an Lippen und Wangen gesp\u00fcrt, das Glitzern der Kristalle durch offen stehende Startluken gesehen.<\/p>\n<p>\u00bbName?\u00ab<\/p>\n<p>Sie fuhr herum. Ein Mann mit einem Klemmbrett in der einen und einem Stift in der anderen Hand blickte sie abwartend an.<\/p>\n<p>\u00bbLana Grey.\u00ab Ihr Herz schlug so schnell, dass es weh tat. Lenny h\u00e4tte hier sein sollen, so war es geplant gewesen, sie h\u00e4tte hier sein und ihr alles erkl\u00e4ren sollen. \u00bbWenn du erst alt genug bist, kommst du zur Wolkenhalle, und ich bringe dir das Flockenfahren bei.\u00ab Worte, in ihr Ohr gewispert, vor zwei Jahren. \u00bbUnd du wirst sie alle kennenlernen, wirst sie m\u00f6gen.\u00ab Lenny hatte sie fest an sich gedr\u00fcckt und ihr von Keena erz\u00e4hlt, die mit nur einem Salto eine ganze Herde Flocken in eine neue Richtung wirbeln konnte, von Red, der w\u00e4hrend der Wartezeiten strickte. Von Raubeins ansteckendem Lachen, \u00bbso tief und glucksend, dass selbst die schlechtesten Witze gut werden\u00ab, von Pen, die jede Schneeflocke, der sie begegnete, zeichnete und noch keins ihrer Bilder glich dem<\/p>\n<p>anderen, von jeder einzelnen Falte auf Jorricks Gesicht. Von Yrma und Yna, den waghalsigen Zwillingen, die ihre Steigschirme immer erst im allerletzten Moment \u00f6ffneten und f\u00fcr das Kitzeln in der Magengrube lebten, das dieser Stunt ausl\u00f6ste. \u00bbAber wei\u00dft du, was wirklich das Beste am<\/p>\n<p>Flockenfahren ist? Zu fliegen, und dabei zu wissen, dass du immer wieder zu all ihnen zur\u00fcckkehren wirst.\u00ab Damals hatte Lenny ihr die Brille geschenkt.<\/p>\n<p>\u00bbGrey, hm?\u00ab Der Mann mit dem Klemmbrett lie\u00df den Stift fallen und steckte zwei Finger in den Mund, stie\u00df einen durchdringenden Pfiff aus. Die Gespr\u00e4che in der Halle verebbten. Lana schluckte, noch nie zuvor hatte sie so viele Blicke gleichzeitig auf sich gesp\u00fcrt.<\/p>\n<p>\u00bbLeute, sie ist hier! Begr\u00fc\u00dft unsere neueste Schneeflockenfahrerin \u2013 Lana Grey!\u00ab Er schob sie ein<\/p>\n<p>St\u00fcck weiter in die Halle hinein.<\/p>\n<p>H\u00e4tte sie doch blo\u00df die Brille aufgesetzt! Der losbrechende Sturm an Willkommensrufen, -pfiffen und -klatschen trieb ihr die Tr\u00e4nen in die Augen. Sie dr\u00fcckte eine Hand gegen die Brust und verbeugte sich, wischte schnell mit dem Handr\u00fccken \u00fcber ihr Gesicht. Eine Hand umfasste ihre Schulter, richtete sie auf.<\/p>\n<p>Der Mann mit dem Klemmbrett blinzelte ihr zu. \u00bbMach dir nichts draus, die meisten heulen, wenn sie zum ersten Mal hier reinkommen. Lenny auch.\u00ab Er grinste. \u00bbUnd ich, aber verrat mich nicht, sonst schmilzt mein Ruf als coolster T\u00fcrsteher der Wolkenhalle schneller als Schnee auf Hawaii.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbMach der Kleinen nichts vor, Jerry, wir wissen alle, dass du Rotz und Wasser geheult hast.\u00ab Eine wei\u00dfhaarige Frau war zu ihnen getreten und l\u00e4chelte ihr zu. \u00bbIch bin Keena und werd dir alles \u00fcbers Flockenfahren beibringen. Du hast dir einen guten Tag f\u00fcr deinen Anfang ausgesucht, der 24. ist der beste.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDas hat Lenny auch gesagt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch wei\u00df.\u00ab Keena zog sie an der Hand mit sich in die Menge.<\/p>\n<p><em>Wenn wir am 24. Schneeflocken runtertreiben<\/em>, hatte Lenny ihr in einem ihrer Brief geschrieben, <em>dann sehen die Menschen sie sich wirklich an \u2013 und ein paar wenige von ihnen bemerken sogar uns, wenn wir unsere Steigschirme \u00f6ffnen und inmitten der Schneewirbel wieder nach oben fliegen. Und dann siehst du das gl\u00fcckliche Staunen in den Augen dieser Riesen,<\/em> <em>und das ist \u2013 bezaubernd.<\/em><\/p>\n<p>Immer wieder wurden sie gestoppt und begr\u00fc\u00dft, Namen und Gesichter prasselten auf Lana ein, und alle hatten sie etwas \u00fcber Lenny zu sagen.<\/p>\n<p>\u00bbIhr habt sie wirklich gemocht, oder?\u00ab<\/p>\n<p>Keena dr\u00fcckte ihre Hand. \u00bbLenny war eine von uns.\u00ab Sie waren an einer Startluke angelangt, und Keena sah sie an. \u00bbAlso, bereit f\u00fcr deinen ersten Flug?\u00ab<\/p>\n<p>Lana nahm die dunkle Brille aus der Brusttasche ihrer Jacke und ber\u00fchrte dabei mit den Fingerkuppen das mit der Zeit samtweich gewordene Papier, das ebenfalls dort steckte.<\/p>\n<p><em>Lenny Grey, hoch gesch\u00e4tzte und geliebte Freundin, Schwester, Tochter, Tante, Nichte, Enkelin, Cousine, Kollegin und verwegenste Fahrerin von allen. Wir vermissen dich.<\/em><\/p>\n<p>\u00bbJa.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Schneefall gestern musste ich an eine Geschichte denken, die ich 2010 f\u00fcr unser Weihnachtsheft geschrieben hab. Das Weihnachtsheft ist inzwischen eine Tradition von ein paar Kolleg*innen, entstanden aus der Not: Zwei Freiberuflerinnen hockten zusammen, Weihnachten stand an, aber es fehlte das Geld f\u00fcr Geschenke. 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