{"id":664,"date":"2019-12-30T10:00:14","date_gmt":"2019-12-30T08:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=664"},"modified":"2019-12-29T19:49:12","modified_gmt":"2019-12-29T17:49:12","slug":"drachenrose","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=664","title":{"rendered":"Drachenrose"},"content":{"rendered":"<p><em>(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. Es gibt jedes Mal ein paar wenige Vorgaben: die Zeile eines Weihnachtsliedes als Thema, das sich irgendwie in der Geschichte wiederfinden soll, sowie die Maximalanzahl von 1000 W\u00f6rtern, damit es \u00fcbersichtlich bleibt. Das Thema dieses Jahr hie\u00df: Es ist ein Ros&#8216; entsprungen. Im nachfolgenden meine Geschichte dazu.)<\/em><\/p>\n<p class=\"western\">\u201eIch habe gelogen.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtsz\u00fcge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichg\u00fcltig welchem Glauben sie angeh\u00f6ren. Schweigen \u2013 auch wenn ich gelernt habe, es l\u00e4nger zu ertragen \u2013 hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eMein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Ersch\u00fctterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und L\u00fcge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung l\u00e4ngst gefallen ist. Sonst s\u00e4\u00dfe ich nicht hier.<\/p>\n<p class=\"western\">Aber ich w\u00fcrde zu gern sehen, was meine n\u00e4chsten Worte auf dem Gesicht des Priesters ausl\u00f6sen. Diese Beichtvorrichtung macht das unm\u00f6glich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bed\u00fcrfnis zu reden \u00fcberw\u00e4ltigend ist. Nur dann h\u00e4lt die Erleichterung danach an, tr\u00e4gt mich \u00fcber das n\u00e4chste Jahrhundert.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eIch erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich wei\u00df, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort dr\u00fcben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu h\u00f6ren. Oder ein schnell unterdr\u00fccktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zun\u00e4chst f\u00fcr verr\u00fcckt. Menschen k\u00f6nnen sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die \u00fcber ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erkl\u00e4rten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken k\u00f6nnen, des Unerkl\u00e4rlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht geh\u00f6rt der da dr\u00fcben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichg\u00fcltig, was ich sage. Was entt\u00e4uschend w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Priester r\u00e4uspert sich. Mehr nicht.<\/p>\n<p class=\"western\">Das verdammte R\u00e4uspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre F\u00e4higkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich \u2013 aber was w\u00fcrde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu k\u00f6nnen, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire f\u00fcr bedauernswerte Gesch\u00f6pfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut sp\u00fcren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ern\u00e4hren m\u00fcssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpfl\u00f6cken \u2013 es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.<\/p>\n<p class=\"western\">Immerhin ist das R\u00e4uspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eIch habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen daf\u00fcr angefertigt.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Jetzt muss er begreifen.<\/p>\n<p class=\"western\">Stille.<\/p>\n<p class=\"western\">Nicht einmal mehr ein R\u00e4uspern.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.<\/p>\n<p class=\"western\">Wom\u00f6glich ist er so ignorant, dass er nicht einmal wei\u00df, wie alt das Fenster ist. Schlie\u00dflich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht h\u00e4tte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"western\">Vielleicht h\u00f6rt er mir gar nicht zu, h\u00e4ngt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er \u00fcber die Bu\u00dfe entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Bu\u00dfe. Was ich brauche, ist ein Zuh\u00f6rer. Ich muss etwas finden, das ihn aufr\u00fcttelt, aus seinem Schweigen lockt.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eSie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Endlich, ein leichtes Nicken. Wom\u00f6glich h\u00f6rt er doch zu.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eHaben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?\u201c Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich f\u00fchlte mich rebellisch \u2013 und war noch so jung.<\/p>\n<p class=\"western\">Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes R\u00e4uspern. \u00dcberraschung? Emp\u00f6rung? Oder \u2013 aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite R\u00e4uspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, dr\u00e4ngt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als w\u00e4re nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das R\u00e4uspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das geh\u00f6rt zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so sp\u00fcre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer dr\u00e4ngt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund \u00f6ffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.<\/p>\n<p class=\"western\">Den Namen w\u00fcrde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen w\u00fcrde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen w\u00fcrde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, bunten Splittern \u00fcberall auf dem Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerst\u00f6ren. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art w\u00fcrde ihn aussprechen. Und ich w\u00fcrde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht w\u00fcrde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anf\u00e4nge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu h\u00f6ren. Wenigstens einmal von mir selbst gefl\u00fcstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann \u2013 nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name l\u00e4sst die Botschaft zersplittern.<\/p>\n<p class=\"western\">Also schlie\u00dfe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.<\/p>\n<p class=\"western\">Das n\u00e4chste R\u00e4uspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir \u00fcberlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, fl\u00fcstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und h\u00f6re ihn.<\/p>\n<p class=\"western\">Glas zerbirst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. 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