{"id":750,"date":"2020-06-15T22:18:59","date_gmt":"2020-06-15T20:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=750"},"modified":"2020-06-15T22:18:59","modified_gmt":"2020-06-15T20:18:59","slug":"phantastischer-montag-drachenwende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=750","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Drachenwende"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWir m\u00fcssen feiern!\u201c<br \/>\nIch beachtete weder die aufgeregt hervorgesto\u00dfenen Worte noch die hektisch flatternden Drachenfl\u00fcgel des kleinen Unholds, der meinen Kopf umschwirrte. Dabei sollte ich schon nach diesen wenigen Wochen mit meinem neuen Mitbewohner wissen, dass diese Strategie bei einem Drachen nutzlos war (der im \u00dcbrigen mich als die neue Mitbewohnerin betrachtete, aber das war nur sein Standpunkt). Ich beugte den Kopf etwas tiefer \u00fcber den Schreibtisch und au\u00dferhalb der Drachen-Fluglinie, ganz nah \u00fcber die Fotos. T. h\u00e4tte gewusst, in welche chronologische Reihenfolge sie geh\u00f6rten. So viel Lachen darauf. So viel Leben. Winzige Krallen bohrten sich durch mein Hemd in meine linke Schulter.<br \/>\n\u201eH\u00f6rst du mir \u00fcberhaupt zu?\u201c Er packte mein Ohrl\u00e4ppchen und zog daran.<br \/>\n\u201eAu! Lass das! Ohrl\u00e4ppchen sind nicht zum -\u201c<br \/>\n\u201eHast du schon oft genug gesagt.\u201c Er gab das schmerzende Teil frei, und ich schielte &#8211; mit hoffentlich ver\u00e4rgertem Blick &#8211; zu ihm hinunter. Der kleine Drache hatte die Vorderpfoten verschr\u00e4nkt. \u201eAber wenn ich nur so deine Aufmerksamkeit bekomme, kannst du nicht erwarten, dass ich damit aufh\u00f6re.\u201c<br \/>\nDrachenlogik. Ich st\u00f6hnte. Aber nur innerlich, so viel hatte ich bereits gelernt. \u201eMir ist nicht nach feiern.\u201c<br \/>\n\u201eTja, bl\u00f6d f\u00fcr dich. Aber die Sonnenwende richtet sich nicht nach deinen Launen.\u201c<br \/>\n\u201eIst mir egal.\u201c Ich schob die Fotos auf meinem Schreibtisch herum, arrangierte sie neu und fing wieder von vorne an. Aber es spielte keine Rolle. Egal, wie ich sie hinlegte, sie w\u00fcrden doch kein vollst\u00e4ndiges Bild ergeben. Ein leichter Schlag auf meinen Hinterkopf &#8211; ein Fl\u00fcgelschlag &#8211; riss mich aus meiner Versunkenheit. \u201eHey!\u201c<br \/>\n\u201eHast du mir \u00fcberhaupt zugeh\u00f6rt? Du hast mir nicht zugeh\u00f6rt!\u201c Ein emp\u00f6rter blau-gr\u00fcner Drache flatterte vor meinem Gesicht herum. \u201eIch erz\u00e4hle dir die gesamte Geschichte, die Legende, das geheime Wissen der Drachen um die Sommersonnenwende, und du h\u00f6rst mir nicht einmal zu!\u201c Er flatterte so wild mit den Fl\u00fcgeln, dass ich den Wind an meinen Wangen sp\u00fcrte. \u201eMenschen!\u201c Eine kleine Flamme, die sich schnell vergr\u00f6\u00dferte, lie\u00df mich zur\u00fcckzucken. Na gut, sie war nicht gr\u00f6\u00dfer als die Flamme eines Feuerzeugs (nicht auf maximalem Volumen eingestellt), aber trotzdem schien mir der R\u00fcckzug angebracht. \u201ePah!\u201c Die Flamme erlosch, und der kleine Drache sauste durch die Luft, drehte Pirouetten, schraubte sich h\u00f6her und h\u00f6her hinauf, kam im Sturzflug wieder hinunter &#8211; mir schwindelte schon vom Zusehen. Den Kleinen schien das nichts auszumachen. Er raste \u00fcber die Fotos hinweg, wirbelte sie auf.<br \/>\n\u201eHey!\u201c Ich griff nach ihm, aber er war zu schnell. Einen Moment lang wirkte es, als w\u00fcrden die Bilder nicht fallen, sondern still in der Luft h\u00e4ngen, w\u00e4hrend ein blau-gr\u00fcner Blitz zwischen ihnen umher schwirrte. \u201eStopp!\u201c Ich umklammerte die Sitzfl\u00e4che meines Stuhls, weil ich nicht zwischen den Bildern herumfuchteln und sie besch\u00e4digen wollte. Oder den verdammten Drachen verletzen. Der landete auf der Oberkante meines ausgeschalteten Bildschirms und sah zu, wie die Fotos zur\u00fcck auf den Schreibtisch sanken. Alle mit der R\u00fcckseite nach oben, als w\u00e4ren sie beleidigt.<br \/>\nDer kleine blau-gr\u00fcne Drache balancierte auf der Bildschirmkante und sp\u00e4hte zu ihnen hinunter. \u201eWas ist so verdammt interessant an denen?\u201c<br \/>\n\u201eGeht dich nichts an.\u201c Ich ertrug den Anblick der nackten R\u00fcckseiten nicht und funkelte stattdessen den Drachen an. \u201eWie hei\u00dft du \u00fcberhaupt? Du schwirrst seit Wochen hier in der Wohnung herum (die Formulierung \u2018in meiner Wohnung\u2019 hatte ich zu meiden gelernt), und ich kenne nicht einmal deinen Namen! Soll ich dich ewig kleiner Drache nennen?\u201c<br \/>\nDer kleine Drache (!) richtete sich auf, hielt mit den gespreizten Fl\u00fcgeln m\u00fchelos sein Gleichgewicht, und musterte mich. Dabei vermittelte er ebenso m\u00fchelos das Gef\u00fchl, mindestens das 100fache seiner eigentlichen Gr\u00f6\u00dfe zu haben. \u201eDu hast bisher nicht gefragt\u201c, sagte er schlie\u00dflich.<br \/>\nEr hatte recht. (Was ich unter keinen Umst\u00e4nden laut aussprechen w\u00fcrde.) \u201eIch dachte, ihr Drachen habt da so ein Ding mit euren Namen. Also, dass ihr, \u00e4hm, es hei\u00dft doch, dass ihr eure Namen nicht verratet &#8211; also, sie Menschen nicht verratet.\u201c Ja, ich fand mich auch nicht sonderlich eloquent. Der kleine Drache legte den Kopf zur Seite und schwieg. \u201eIch wollte h\u00f6flich sein\u201c, setzte ich nach und machte es damit kein St\u00fcck besser.<br \/>\n\u201eDu glaubst also dem, was Menschen sich \u00fcber Drachen ausdenken, aber wenn dir ein echter, ein leibhaftiger Drache grundlegende Wahrheiten \u00fcber Drachen erz\u00e4hlt, dann h\u00f6rst du nicht zu?\u201c Der kleine Drache, der immer noch viel gr\u00f6\u00dfer wirkte, als er war (sehr verwirrend, zumal er mit der scheinbaren Gr\u00f6\u00dfe meinen Bildschirm schlicht zerquetscht h\u00e4tte), seufzte lange und ausf\u00fchrlich.<br \/>\nIch lie\u00df den Kopf h\u00e4ngen. \u201eIch war abgelenkt.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df.\u201c Und dann h\u00fcllten blau-gr\u00fcne Fl\u00fcgel mich ganz und gar ein und hielten mich, und mir war egal, wie der kleine Drache das fertigbrachte. Es f\u00fchlte sich einfach nur gut an. Als w\u00e4re ich an einem Ort fern von allem. Warmer Drachenatem strich an meinem Ohr entlang. \u201eEs ist okay, sie zu vermissen.\u201c<br \/>\n\u201eDas geht nie wieder weg\u201c, fl\u00fcsterte ich. Und ich war nicht bereit f\u00fcr noch eines dieser L\u00f6cher in meinem Leben.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df.\u201c Die Fl\u00fcgel hielten mich noch ein wenig fester. In dieser Umarmung konnte ich zittern, ohne zu fallen. \u201eIch wei\u00df.\u201c Vielleicht sagte er das ein Mal, vielleicht hunderte Male. Und irgendwann sagte er: \u201eErz\u00e4hl mir von ihr.\u201c Zeit ballte sich zusammen und dehnte sich aus. Irgendwann kamen die ersten Worte. Vermutlich ergab nichts von dem, was ich erz\u00e4hlte, viel Sinn. Die Erinnerungen kamen aus mir hervor wie ungeordnete Fotos, deren Zusammenhang nur Eingeweihte verstanden. Ich redete und verstummte und redete weiter. Bis die Worte aufgebraucht waren. Bis die Stille gut tat.<br \/>\nEine feuchte Schnauze stupste mich an. \u201eGenau deswegen m\u00fcssen wir feiern. F\u00fcr die Erinnerungen. Und weil es schwer ist. Und weil es sch\u00f6ner ist, sich gemeinsam zu erinnern.\u201c<br \/>\nIch nickte und vertraute darauf, dass er diese Best\u00e4tigung auch ohne Worte verstand. Ich schluckte einige Male, bis ich mir meiner Stimme wieder sicher war. \u201eIch wei\u00df immer noch nicht, wie du hei\u00dft.\u201c<br \/>\nEin leises Kichern lie\u00df den Raum zwischen seinen Fl\u00fcgeln sanft beben. \u201eIch hei\u00dfe Ti\u2019run &#8211; mit einer Pause zwischen den Silben, lang genug f\u00fcr eine kurze Flamme.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir m\u00fcssen feiern!\u201c Ich beachtete weder die aufgeregt hervorgesto\u00dfenen Worte noch die hektisch flatternden Drachenfl\u00fcgel des kleinen Unholds, der meinen Kopf umschwirrte. 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