{"id":753,"date":"2020-07-20T09:00:21","date_gmt":"2020-07-20T07:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=753"},"modified":"2020-07-19T18:04:23","modified_gmt":"2020-07-19T16:04:23","slug":"phantastischer-montag-bis-wir-uns-wiedersehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=753","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Bis wir uns wiedersehen"},"content":{"rendered":"<p>Liebe B.,<\/p>\n<p>\u00fcber mir flirren die Bl\u00e4tter unseres Olivenbaums silbrig-gr\u00fcn im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schlie\u00dfe, meine ich, Deine Stimme zu h\u00f6ren. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. Wenn ich in den Nachthimmel schaue, versuche ich, mir die Sterne hinter den Sternen vorzustellen, die Du von Deinem Planeten aus siehst. Ich gestehe, es gelingt mir nicht. Irgendwann \u2026<br \/>\nGestern habe ich ein Buch aus der Zeit des Aufbruchs gefunden. Wie anders damals alles war! Kaum zu fassen, dass das alles gerade einmal f\u00fcnfzig Jahre her ist. Vielleicht liegt das an meinem Alter, aber wenn ich die Augen schlie\u00dfe, ist mir, als h\u00e4tten wir uns gerade erst gestern verabschiedet. Wie untr\u00f6stlich wir waren! Zwei Zw\u00f6lfj\u00e4hrige unter einem Olivenbaum, der damals schon achtmal so alt war wie sie. Wei\u00dft Du noch? Wir haben das Losverfahren verflucht, das Deine Familie hinauf und hinter die Sterne schicken w\u00fcrde und meine hier an die alte Erde band. Keine von uns dachte, dass diejenigen, die zur\u00fcckbleiben mussten, eine Chance hatten.<br \/>\nVergib mir, heute bin ich noch nostalgischer als sonst. Ich wette, das sind die Hormone. Verdammte Wechseljahre! Was wirst Du nur von mir denken, wenn Du in ein paar Monaten diesen Brief liest? Wenn ich ihn noch rechtzeitig vor dem Ende meiner Mittagspause zur n\u00e4chsten Kapsel bringen will, muss ich mich sputen. Ich verspreche, der n\u00e4chste Brief wird fr\u00f6hlicher. Halte mich nicht f\u00fcr traurig &#8211; heute sind nur die Erinnerungen besonders stark.<\/p>\n<p>Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,<br \/>\nDeine X.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Liebe X.,<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">manchmal &#8211; oft &#8211; frage ich mich, was uns hier so fern der alten Heimat h\u00e4lt, wo doch bei euch alles wieder gut zu laufen scheint. Aber nat\u00fcrlich kann ich das nicht laut fragen, weil hier ja alles so viel besser ist. Offiziell. Wir, aus der ersten Generation, sehnen uns alle zur\u00fcck. Da bin ich mir sicher. F\u00fcr die dritte und vierte Generation ist die alte Heimat nur noch eine Erz\u00e4hlung &#8211; so unwirklich wie ein Leben unter einem offenen Himmel. Oder ein Olivenbaum. Meine Nichten und Neffen halten mich f\u00fcr verr\u00fcckt, wenn ich versuche, ihn zu beschreiben. Sie sagen das nicht, aber ich sehe doch, wie sie die Augen verdrehen und ihren Kindern bedeuten, die Alte nicht auszulachen. Immerhin, so viel Respekt haben sie noch.<br \/>\nHier ist eine wilde Vermutung: Ich glaube, es schmuggeln mehr Menschen pers\u00f6nliche Briefe in den offiziellen Kapseln hin und her als nur wir beide. Ja, manchmal denke ich, das tun alle der ersten Generation. Nicht, dass irgendwer von uns dar\u00fcber redet! Aber manchmal meine ich etwas in einem Blick zu sehen, eine wilde, hartn\u00e4ckige Hoffnung, eine neue Zuversicht. Und dann w\u00e4chst auch meine wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,<br \/>\nDeine B.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe B.,<\/p>\n<p>was f\u00fcr ein Fest das heute war! Wir haben das neue Oliven\u00f6l gekostet, und ich habe Deinen Brief erhalten. Jetzt sitze ich auf dem H\u00fcgel, von dem aus ich bis aufs Meer blicken kann. Ein voller Mond wirft sein Licht dar\u00fcber und ist so hell, dass die B\u00e4ume hier oben Schatten haben. Bei so einem Anblick sind die Erinnerungen an grau-verpestete Luft und Plastik-verseuchte Landschaften ebenso unwirklich wie ein offener Himmel f\u00fcr Deine Nichten und Neffen. Wie ich mir w\u00fcnsche, Du w\u00e4rst hier! Manchmal, wenn ich ganz fr\u00fch aufwache &#8211; in der noch grauen D\u00e4mmerung, wenn der Gesang der Nachtigallen in den der Feldlerchen \u00fcbergeht -, dann ist da dieser Moment, in dem ich davon \u00fcberzeugt bin, dass all diese Jahre der Traum waren, und ich gleich in der Wirklichkeit die Augen aufschlagen werde, zehn Jahre alt oder auch elf und noch im Nachthemd \u00fcber den H\u00fcgel zum Haus Deiner Familie laufe, um Dich zu wecken, Du Langschl\u00e4ferin. Wir stehlen uns ein Fr\u00fchst\u00fcck in Deiner K\u00fcche &#8211;<br \/>\nund dann werde ich richtig wach und meine verrosteten Knochen erinnern mich an mein wahres Alter. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier inzwischen wieder alle ern\u00e4hren k\u00f6nnten, wenn tats\u00e4chlich die gesamte erste Generation zur\u00fcckkehren w\u00fcrde \u2026 Ich wei\u00df ja nicht einmal, wie ihr das mit einer R\u00fcckkehr anstellen w\u00fcrdet \u2026<br \/>\nF\u00fcr Dich ist immer genug da!<br \/>\nDas Meer schickt eine k\u00fchle Brise hin\u00fcber. Ich sollte ins Haus gehen. Aber ich werde noch eine Weile hier sitzen bleiben, wo ich das Gef\u00fchl habe, meine W\u00fcnsche zu Dir schicken zu k\u00f6nnen, bis Du sie in Deinen alten Knochen sp\u00fcrst.<\/p>\n<p>Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,<br \/>\nDeine X.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Liebe X.,<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Du warst also dieser Schmerz tief in meinen Knochen! Und bitte: Wir sind nicht alt, nur gut gereift. Zumindest habe ich beschlossen, Falten und wei\u00dfe Haare und gelegentliche Gelenkschmerzen als ein Zeichen von W\u00fcrde zu betrachten. Ein Ehrenabzeichen daf\u00fcr, dass wir immer noch da sind.<br \/>\nKeine Sorge, der Schmerz war nichts Ernstes, nur etwas \u00dcberanstrengung, weil ich beweisen musste, dass ich mindestens noch so fit bin wie diese Jungspunde. Die meinten doch tats\u00e4chlich, mir etwas \u00fcber die Reparatur von den Versorgungsmaschinen erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Ha! Also bin ich durch schmale Sch\u00e4chte gekrochen und habe mehr St\u00f6rungen behoben als sie alle zusammen. Meine Knochen haben mir das dann \u00fcbel genommen (wobei mir Deine Erkl\u00e4rung besser gef\u00e4llt). War aber nach drei Tagen auch wieder vorbei.<br \/>\nNoch mal: Keine Sorge! Alle Maschinen schnurren wieder. Und ich habe ein paar Teile mehr. Wei\u00dft Du noch, unsere alten Zeichnungen? Ich habe ein paar Anpassungen gemacht, und ich bin sicher, sie wird funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,<br \/>\nDeine B.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe B.,<\/p>\n<p>wage ich zu hoffen? Wer nicht hofft, kann auch nicht entt\u00e4uscht werden, hat meine Gro\u00dfmutter immer gesagt. Aber das waren andere Zeiten. Aussichtslose, wie es schien. Und sie hat ja trotzdem immer weiter gek\u00e4mpft &#8211; ich glaube, sie hat gehofft entgegen allen \u00c4ngsten. Wie h\u00e4tte sie sonst weitermachen k\u00f6nnen? Ich glaube, sie wollte uns Kinder abh\u00e4rten, weil sie glaubte, dass wir es dann leichter h\u00e4tten.<br \/>\nDu hast schon recht, es sind Ehrenabzeichen daf\u00fcr, dass wir immer noch da sind, Du in meiner Ferne und ich in Deiner.<br \/>\nWei\u00dft Du, dass Olivenb\u00e4ume \u00fcber tausend Jahre alt werden?<\/p>\n<p>Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,<br \/>\nDeine X.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Archiv der geheimen Briefe aus der Zeit der gro\u00dfen Trennung. Verfasserinnen sind vermutlich Xila K. und Berit F., erste R\u00fcckkehrerin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe B., \u00fcber mir flirren die Bl\u00e4tter unseres Olivenbaums silbrig-gr\u00fcn im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schlie\u00dfe, meine ich, Deine Stimme zu h\u00f6ren. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. 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