{"id":763,"date":"2020-08-17T19:00:01","date_gmt":"2020-08-17T17:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=763"},"modified":"2020-08-17T19:00:26","modified_gmt":"2020-08-17T17:00:26","slug":"phantastischer-montag-nachtlauf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=763","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Nachtlauf"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht rannte sie \u00fcber die D\u00e4cher. Den Sternen n\u00e4her als dem Boden (auch wenn das nicht stimmte, es f\u00fchlte sich wenigstens so an). Solange sie sich nicht erwischen lie\u00df, konnte sie sich Freiheit einbilden. Diese Momente halfen beim Erinnern.<br \/>\nSie rannte \u00fcber die D\u00e4cher. Ihre Arme und Beine schnitten durch den Wind, der gegen ihre Brust dr\u00fcckte, an ihre Stirn schlug, in ihren Ohren rauschte, ihr den Kopf f\u00fcllte und den ganzen K\u00f6rper. Bis sie meinte, sich wieder dem Wind entgegen werfen zu k\u00f6nnen, die Fl\u00fcgel zu spannen, getragen zu werden, hoch hinauf zwischen die Sterne. Fort und fort und fort und fort.<br \/>\n<em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.<\/em><\/p>\n<p>Wenn sie die Fl\u00fcgel aufspannen wollte, war es vorbei. Alles stoppte.<br \/>\nNur der Wind blieb und rief. Und sie fl\u00fcchtete wieder durch einen der Luftsch\u00e4chte hinab und zwischen die Mauern, die sie von ihm abschnitten. Dann kr\u00fcmmte sie sich auf der viel zu kleinen Matratze zusammen, zog die kratzige Decke \u00fcber sich und schloss die Augen vor der Dunkelheit. Es roch noch immer nach dem hei\u00dfen \u00d6l der Maschinen, nach gl\u00fchendem Eisen und Kohlefeuer. Die \u00d6fen strahlten auch in der Nacht ihre Hitze ab, die nicht genug war. Falsch war. Trotz der hohen Schlote hing der Rauch best\u00e4ndig zwischen den Mauern, verschwand der zischend aufsteigende Wasserdampf nie aus diesen Hallen, setzte sich in jedem St\u00fcck Stoff fest, brachte die Steine zum Schwitzen. In der Nacht standen die gro\u00dfen Maschinen still, aber ihr Stampfen dr\u00f6hnte weiter durch ihren Kopf. Nur im Wind, auf den D\u00e4chern, verschwand es.<br \/>\n<em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.<\/em><\/p>\n<p>Sie w\u00fcrde nicht zulassen, dass sie aus ihrem Ged\u00e4chtnis verschwanden. Sie w\u00fcrde nicht werden wie die mit den leeren Augen. Die nicht mehr \u00fcber die D\u00e4cher rannten. Zu ihnen w\u00fcrde sie nie geh\u00f6ren. Daf\u00fcr w\u00fcrde sie nicht lange genug hier sein.<br \/>\n<em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.<\/em><\/p>\n<p>Sie suchten nach ihr. Daran hielt sie sich fest. Irgendwo dort drau\u00dfen zwischen den Sternen waren sie und w\u00fcrden nie aufgeben, w\u00fcrden sie niemals aufgeben.<br \/>\nVor jeder Schicht gelang es ihr, etwas von dem Serum auszuspucken, das ihnen allen verabreicht wurde. Es bet\u00e4ubte ihre Fl\u00fcgel. T\u00f6tete ihr Feuer. <em>Solange du nie die volle Dosis schluckst, hast du eine Chance<\/em>, hatte die alte Vida gesagt, und: <em>H\u00f6r nie auf zu rennen.<\/em><\/p>\n<p>Das war ganz zu Anfang gewesen. Sie hatte aufgeh\u00f6rt, Tage, Wochen, N\u00e4chte zu z\u00e4hlen. Nur ein Mal hatte sie das bedauert. Als die alte Vida gestorben war. Sie w\u00fcrde nie ihr Todesdatum wissen. Aber sie w\u00fcrde sich an sie erinnern. Und die Erinnerung an sie w\u00fcrde sie mitnehmen, wenn sie endlich diesem Ort entkam. Bis dahin w\u00fcrde sie weiter ihrem Rat folgen, spucken und rennen. Die Arbeit erledigen, den Kopf gebeugt halten, nicht auffallen. Spucken und rennen.<\/p>\n<p>Unter der kratzigen Decke murmelte sie die Namen ihres Clans vor sich hin, <em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna,<\/em> bis sie einschlief, tr\u00e4umte sie, <em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna<\/em>, bis am Morgen die Sirenen schrillten, alle auf die F\u00fc\u00dfe rissen. In die Tage nahm sie sie nicht mit.<\/p>\n<p>Sie formten den Stahl zu unzerrei\u00dfbaren Ketten, zu Stangen f\u00fcr K\u00e4fige, die sich nicht brechen lie\u00dfen. Am schlimmsten waren die Klingen. Die t\u00f6dlichen Schneiden und Speerspitzen, stark genug, jeden Schuppenpanzer zu durchdringen. In eine davon hatte sich die alte Vida gest\u00fcrzt, als sie nicht l\u00e4nger rennen konnte. <em>Ich werde selbst \u00fcber meinen letzten Weg bestimmen<\/em>, hatte sie an jenem Morgen unter den kreischenden Sirenen gesagt. Sie hatte erst begriffen, als Vida ihr das Versprechen abnahm, sie nie zu vergessen.W\u00fcnsche waren gef\u00e4hrlich. W\u00fcnsche weckten Sehns\u00fcchte. Trotzdem hatte sie sich gew\u00fcnscht zu wissen, wie sie Vida h\u00e4tte aufhalten k\u00f6nnen. W\u00fcnschte sich, sie h\u00e4tte mehr als die Erinnerung an ihrer Seite, w\u00e4hrend sie die \u00d6fen f\u00fctterte, die Hitze von Flammen sp\u00fcrte, die nicht von innen kamen.<\/p>\n<p>An diesem Ort hatte sie keinen Namen. Sie hatte ihn weder denen verraten, die sie gefangen genommen hatten, noch den Aufsehern, die sie tags\u00fcber zur Arbeit antrieben und deren Geschrei erst verstummte, wenn nachts die schweren Stahlt\u00fcren hinter ihnen ins Schloss krachten. Nicht einmal Vida hatte sie ihn anvertraut. Ihr Name blieb sicher aufgehoben in ihrem Clan. Sie w\u00fcrden ihn bewahren. Und ihn ihr zur\u00fcckgeben, wenn sie kamen, um sie zu befreien.<br \/>\n<em>Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.<\/em><br \/>\nSpucken und rennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie sagten ihren Namen jeden Tag. Sie riefen ihn jede Nacht den Sternen zu, wenn sie sich dem Wind entgegenwarfen. Ihre Fl\u00fcgel fingen das Rauschen ein, die Luft strich an ihren K\u00f6rpern entlang, trug sie weiter und immer weiter. Sie wussten l\u00e4ngst nicht mehr, wie fern sie ihrer Heimat waren.<br \/>\nSie riefen ihren Namen. Sie z\u00e4hlten die Tage und N\u00e4chte.<br \/>\nDreihundertsiebenunddrei\u00dfig. Und noch einer. Und noch eine.<br \/>\nSie spuckten ihr Feuer in die Dunkelheit. Ihre Rufe schnitten tiefer in die Nacht als ihre Flammen, eilten ihnen voraus.<br \/>\n\u201eHeute finden wir sie\u201c, sagten sie vor jedem Aufbruch.<br \/>\n\u201eMorgen werden wir sie finden\u201c, sagten sie, wenn sie mit m\u00fcden Stimmen und Fl\u00fcgeln ihre Suche unterbrechen mussten. Die Hoffnung trieb sie an, hielt sie zusammen.<br \/>\n<em>Ylixanna<\/em>, hallten ihre Rufe zwischen den Sternen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht rannte sie \u00fcber die D\u00e4cher. 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