{"id":781,"date":"2020-09-21T09:00:54","date_gmt":"2020-09-21T07:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=781"},"modified":"2020-09-20T20:11:49","modified_gmt":"2020-09-20T18:11:49","slug":"phantastischer-montag-warum-oder-die-schriftstellerin-und-der-drache-und-viele-fragen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=781","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: &#8230; warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen."},"content":{"rendered":"<p>\u201eNein.\u201c Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und sch\u00fcttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine K\u00f6rper dabei bebte.<\/p>\n<p>Ich seufzte und lehnte mich auf meinem Stuhl zur\u00fcck (heftiger Ablehnung konnte bald eine Flamme folgen, auch das hatte ich inzwischen gelernt). \u201eWas hast du gegen das Meer?\u201c, fragte ich Ti\u2019run wider besseres Wissen. Schon z\u00fcngelte es orange-rot im Drachenmaul. Die Streichholz-gro\u00dfe Flamme zuckte gef\u00e4hrlich nah \u00fcber die Schreibtischplatte, brannte dieses Mal aber nichts an.<\/p>\n<p>\u201eWasser\u201c, zischte Ti\u2019run der Flamme hinterher, sobald diese erlosch. \u201eTonnen und Tonnen von Wasser. Unmengen!\u201c Er starrte mich aus seinen nachtblauen Augen an. \u201eFeuerfeind\u201c, knurrte er und seine in allen Blau- und Gr\u00fcnt\u00f6nen chargierenden Schuppen glitzerten im Licht der Schreibtischlampe. Meine Vision von einem Urlaub am Meer hingegen verdunkelte sich.<\/p>\n<p>\u201eEs ist ja nicht der Atlantik\u201c, versuchte ich es, \u201enur die Ostsee. Und ich geh h\u00f6chstens mit den F\u00fc\u00dfen rein.\u201c (Ja, ich bin eine Mimose, was Wassertemperaturen betrifft.)<br \/>\nTi\u2019run schnaubte und Rauchkringel stiegen aus seinen N\u00fcstern auf. Er starrte dem Rauch hinterher, bis die Kringel auseinanderflossen, dann verschr\u00e4nkte er die Vorderbeine und lie\u00df sich mit einem schweren Seufzer auf die Schreibtischplatte sinken. \u201eBleiben wir doch einfach hier.\u201c Er schmiegte den Kopf an die verschr\u00e4nkten Pfoten und schloss die Augen, als w\u00e4re damit alles gekl\u00e4rt. Selbst seine Augenlider gaben eine ganze Palette von Meeresfarbt\u00f6nen zum Besten. Da war das silbrige Leuchten von Mondlicht auf dunklem Wasser, das strahlende T\u00fcrkis s\u00fcdlicher Gefilde unter der Mittagssonne, das Dunkelblau tiefer, kalter Stellen, blitzartig aufzuckendes Gewittergr\u00fcn, das \u00fcber die L\u00e4nge seines R\u00fcckens lief, um es sich zwischen all den anderen Blaut\u00f6nen dort gem\u00fctlich zu machen. Z\u00e4hne und Krallen leuchteten wei\u00df wie Schaumkronen &#8211; jeder noch so fl\u00fcchtige Blick auf den kleinen Drachen weckte Meeressehnsucht.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte ich ohne ihn fahren. Sofort hob mein schlechtes Gewissen sein h\u00e4ssliches Haupt, kreischte etwas von Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Misstrauen schaltete sich dazu und malte mir ausf\u00fchrliche Bilder davon, was so ein kleiner, allein gelassener, rachs\u00fcchtiger Drache alles anstellen mochte. Viel zu viel Brennbares. Ich erschauerte.<\/p>\n<p>\u201eDenk nicht so laut\u201c, murmelte Ti\u2019run. \u201eIch versuche hier zu schlafen.\u201c Er hob ein Augenlid halb hoch. Ich gab mir M\u00fche, nicht so schuldig auszusehen, wie ich mich f\u00fchlte. Vermutlich misslang es.<\/p>\n<p>\u201eTu nicht so, als k\u00f6nntest du Gedanken h\u00f6ren\u201c, gab ich zur\u00fcck und hoffte, dass das stimmte. Ich wusste noch immer entschieden zu wenig \u00fcber Drachen.<\/p>\n<p>\u201eAber ich kann sie sp\u00fcren\u201c, grummelte Ti\u2019run. \u201eWas immer du denkst, die Stille wird ganz schwer davon.\u201c Er hob auch das zweite Augenlid halb in die H\u00f6he. \u201eUnd das belastet mich.\u201c<\/p>\n<p>Wir starrten uns durch die schwere Stille hinweg an, und ich verstand, warum er darin nicht einschlafen konnte. Sie machte nerv\u00f6s und weckte das Verlangen herumzuzappeln, w\u00e4hrend sie gleichzeitig alle Glieder l\u00e4hmte. \u201eKannst du dem Meer nicht wenigstens eine Chance geben?\u201c, fragte ich schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>Eine kleine Flamme knisterte an Ti\u2019runs Maul, doch er l\u00f6schte sie sogleich wieder mit der Zunge. Wieder ein Knistern. Wieder Stille. Knistern. Stille. Knistern &#8211;<br \/>\n\u201eWarum kannst du nicht ans Meer?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum, warum, warum! Was anderes f\u00e4llt euch Schriftstellerinnen auch nicht ein, was?\u201c, schnaufte Ti\u2019run. Aber er sah mich dabei nicht an, starrte auf seine Pfoten, kratzte auf der Tischplatte herum. Ich wollte schon etwas sagen (vorsichtig anmerken, dass ich dieses Holz wirklich sehr mochte), da sprang der kleine Drache auf. \u201eMeine Mutter lebt dort!\u201c Er schlug mit den Fl\u00fcgeln und drehte mehrere Runden um den gro\u00dfen Bildschirm. Dabei warf er mir bei jeder Kehre Blicke zu, die deutlich sagten: Da bitte, da hast du\u2019s! Zufrieden?<\/p>\n<p>War ich nat\u00fcrlich nicht. Wie auch? Nat\u00fcrlich konnte ich mir f\u00fcr das Warum alles m\u00f6gliche ausmalen. Vielleicht fra\u00dfen Drachen ihren Nachwuchs, wenn der bis zu einem bestimmten Alter nicht verschwunden war, vielleicht hatte Ti\u2019run seine Mutter t\u00f6dlich beleidigt, vielleicht war ein Feuerdrache als Nachwuchs f\u00fcr einen Seedrachen &#8211; Moment mal, ich wusste doch gar nicht \u2026<\/p>\n<p>\u201eIch kann dich schon wieder denken h\u00f6ren.\u201c Ti\u2019run balancierte auf dem schmalen, oberen Rand des Bildschirms, die Krallen sorgsam darum gebogen, die Fl\u00fcgel ausgestreckt. Ich sagte nichts wegen der Krallen, seufzte nur: \u201eErkl\u00e4rst du\u2019s mir?\u201c<br \/>\n\u201eDu gibst ja doch keine Ruhe sonst\u201c, grummelte Ti\u2019run. \u201eMeine Mutter lebt am Grunde der Meere\u201c, hob er an.<\/p>\n<p>\u201eWelcher Meere?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAller &#8211; Meere &#8211; klar? Sie ist gro\u00df. Und jetzt unterbrich mich nicht mehr, sonst h\u00f6re ich auf zu reden und spreche nie wieder davon.\u201c<\/p>\n<p>Ich legte mir eine Hand vor den Mund. Ti\u2019run verdrehte die Augen. Ich lie\u00df die Hand, wo sie war, als Erinnerung f\u00fcr mich, nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zu sagen.<\/p>\n<p>\u201eAlso. Meine Mutter lebt am Grunde der Meere.\u201c Ti\u2019run funkelte mich an. Ich presste hinter der Hand die Lippen aufeinander. \u201eSie hat sich dorthin zur\u00fcckgezogen, als ihr Menschen zu aufdringlich geworden seid. Ich meine, ihr seid einfach \u00fcberall! F\u00fcr einen gro\u00dfen Drachen, der seine Ruhe haben will, ist es schwer, da noch Raum zu finden. Sie lebt also seit mehreren Jahrhunderten am Meeresgrund und will von der Welt oben nichts mehr wissen.\u201c Ti\u2019run kippelte auf dem Bildschirmrand vor und zur\u00fcck. Ich gab keinen Laut von mir.<\/p>\n<p>\u201eSie will nicht mal sagen, seit wie vielen Jahrhunderten. Jedenfalls sind seitdem einige Generationen von Drachen geschl\u00fcpft. Und die meisten sind mit dem Unterwasserleben sehr einverstanden. Nur ein paar von uns eben nicht.\u201c Ti\u2019run legte eine Pause ein und beobachtete mich unabl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Meine Lippen brannten vor ungefragter Fragen (sag nichts, sag nichts, sag nichts).<\/p>\n<p>\u201eIch bin der J\u00fcngste der Rebellen, die an Land gegangen sind. Solange wir noch klein sind, k\u00f6nnen wir unbemerkt bleiben. Dir bin ich ja auch ewig nicht aufgefallen.\u201c Er lie\u00df eine Flamme aufz\u00fcngeln. Tanzen. Ich biss die Z\u00e4hne zusammen. Ti\u2019run fing die Flamme wieder ein. \u201eSie ist nicht sehr begeistert von rebellischen Drachen. Und wenn wir dem Meer nahe kommen, sp\u00fcrt sie unsere Gegenwart. Dann hebt sie eine Pfote. Oder einen Fl\u00fcgel. Den Schwanz. Oder den Kopf. Und das Meer hebt sich mit ihr. F\u00e4ngt uns wieder ein. Ist Sidun passiert, meiner Schwester. Ich habe sie seit dreiundneunzig Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich l\u00e4sst Mutter sie keine Sekunde aus dem Blick. Oder hat sie tief in den Gesteinsschichten unter dem Meer vergraben.\u201c Ti\u2019run nickte mehrmals. \u201eDie K\u00fcste ist damals eingest\u00fcrzt. Mit allen Orten und Menschen und Tieren im Meer ertrunken. Du siehst also, wenn ich ans Meer gehe, w\u00fcrde eine Katastrophe folgen.\u201c Er stie\u00df sich vom Bildschirm ab, der leicht schwankte, schoss hoch zur Decke, zog eine Runde um den Lampenschirm. \u201eNie. Ans. Meer. Verstanden?\u201c<\/p>\n<p>Langsam lie\u00df ich die Hand sinken, den Kopf voller riesiger Drachen, die sich in den Weltmeeren herumtrieben. Ich nickte. Ti\u2019run zwinkerte mir zu und zischte davon. In mir flackerte ein neuer Gedanke auf. Hatte der kleine Drache sich diese Geschichte vielleicht nur ausgedacht? Aber warum? Nur, um nicht ans Meer zu m\u00fcssen?<br \/>\nWarum?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eNein.\u201c Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und sch\u00fcttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine K\u00f6rper dabei bebte. 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