{"id":785,"date":"2020-10-19T20:27:45","date_gmt":"2020-10-19T18:27:45","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=785"},"modified":"2020-12-18T17:09:33","modified_gmt":"2020-12-18T15:09:33","slug":"phantastischer-montag-die-geister-die-ich-rief","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=785","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Die Geister, die ich rief"},"content":{"rendered":"<p><em>Halloween in Ostberlin<\/em>, dr\u00f6hnten mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich \u00fcber den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly lie\u00df sich immer h\u00f6ren. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, w\u00e4hrend ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. Aber manche Musik brauchte eben Lautst\u00e4rke.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die hier nahm mit jedem Treppenabsatz zu. Und mit jedem weiteren, den ich erklomm, wuchs in mir eine bestimmte Bef\u00fcrchtung. Als ich die letzten Stufen erreichte, fand sie Best\u00e4tigung. Mein Nachbar h\u00e4mmerte mit den F\u00e4usten auf meine Wohnungst\u00fcr ein und schrie ununterbrochen: \u201eAufmachen! L\u00e4rmbel\u00e4stigung! Aufmachen! Sofort!\u201c Er war schon ziemlich heiser. Da er mir den R\u00fccken zuwandte, hatte er mich noch nicht bemerkt.<\/p>\n<p>Tamara Danz sang lauthals von schwoofenden Gespenstern. Ich presste hinter meiner Maske die Lippen aufeinander, um nicht mitzusingen, und r\u00e4usperte mich. Mein Nachbar h\u00f6rte mich erst beim f\u00fcnften Mal. Er fuhr herum, riss sich die eigene Maske vors Gesicht.<br \/>\n\u201eSie!\u201c Er starrte mich an, die F\u00e4uste noch erhoben, als w\u00e4re ich die T\u00fcr, auf die er gleich wieder einschlagen wollte. Ich trat vorsichtig einen Schritt zur\u00fcck. Er lie\u00df die F\u00e4uste sinken und \u00fcberwand seine kurzzeitige Sprachlosigkeit. \u201eSie, das geht aber nicht, dieser L\u00e4rm! Seit drei Stunden. Derselbe Song. Das ist &#8211; das ist \u2026\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDas ist eine Zumutung.\u201c<\/p>\n<p>Ich bem\u00fchte mich, Mitgef\u00fchl und Verst\u00e4ndnis in meinen Blick zu legen. \u201eEntschuldigen Sie. Mein Besuch ist etwas \u2026\u201c Wie bezeichnete man einen kleinen Drachen, der alles um sich herum verga\u00df, wenn ihn etwas begeisterte? \u201eR\u00fccksichtslos\u201c, schloss ich lahm.<br \/>\n\u201eAllerdings\u201c, ereiferte sich mein Nachbar. Und obwohl ich von seinem Gesicht nur Augen und Stirn sah, merkte ich ihm an, dass er jetzt am liebsten gewusst h\u00e4tte, warum ich in diesen Zeiten \u00fcberhaupt Besuch bekam, wer das war, wie lange diese r\u00fccksichtslose Person bleiben w\u00fcrde, womit man noch zu rechnen h\u00e4tte, aber &#8211; er hielt sich zur\u00fcck. \u201eUnternehmen Sie was! Sofort!\u201c, blaffte er mich stattdessen an und verschwand in seiner eigenen Wohnung, knallte die T\u00fcr hinter sich zu. Ich schloss meine auf. In Erwartung von Chaos und einem aufgedreht herumflatternden Drachen schob ich die T\u00fcr nur gerade so weit auf, dass ich mich hineinschmuggeln konnte, ohne dem Nachbarn an seinem T\u00fcrspion einen Blick nach drinnen zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Doch bis auf die laute Musik herrschte Ruhe. Kein Drache kam im Sturzflug auf mich zu. Nichts brannte. Nicht mal ein Fitzelchen Papier lag auf dem Boden oder irgendwo sonst, wo es nicht hingeh\u00f6rte. Kein Luftzug, kein offenes Fenster, kein Scheppern in der K\u00fcche. Halloween, setzte der Refrain wieder ein, und ich war mit wenigen Schritten vor meiner Stereoanlage (ja, ich bin so altmodisch) und dr\u00fcckte auf Stopp.<\/p>\n<p>In der Stille hallte mir immer noch der Refrain durch den Kopf, auch wenn ihn jetzt niemand mehr sang. So still war es hier nicht mehr gewesen seit \u2026 seit Mai. Seit ich Ti\u2019run in der Sockenschublade (pardon, seiner H\u00f6hle) entdeckt hatte. Ich sp\u00e4hte zur Kommode hin\u00fcber. Die Schublade war geschlossen. Kein Laut drang hinaus.<br \/>\nDie Stille dr\u00e4ngte sich von allen Seiten an mich. So still, dass ich schon die Hand nach dem Play-Knopf ausstreckte, nur damit die Musik die wispernden Stimmen in meinem Kopf \u00fcbert\u00f6nen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><em>Niemand hier au\u00dfer dir.<\/em><br \/>\n<em>Ein Drache &#8211; du hast wirklich geglaubt, da w\u00e4re ein Drache in deiner Kommode.<\/em><br \/>\n<em>Du bist verr\u00fcckt geworden. Durchgedreht.<\/em><br \/>\n<em>Zu viel Einsamkeit kann Wahnvorstellungen ausl\u00f6sen.<\/em><br \/>\n<em>Bestimmt hast du einfach vergessen, die Musik auszuschalten, als du vorhin gegangen bist. W\u00e4re ja typisch. So verloren in Gedanken.<\/em><br \/>\n<em>Verr\u00fcckt und verloren, verr\u00fcckt und verloren. Niemand hier au\u00dfer dir. Verloren.<\/em><\/p>\n<p>Sie kicherten und wisperten und h\u00f6hnten. Ich drehte mich langsam um mich selbst, sp\u00e4hte in jede Zimmerecke, w\u00fcnschte mir, ich k\u00f6nnte die Stimmen so leicht abschalten wie die Musik. Sie blieben.<\/p>\n<p><em>Niemand hier au\u00dfer dir<\/em>, raunten sie mir zu, umwehten mich wie Gespenster. Ich konnte ihnen nicht einmal ausweichen, denn meine F\u00fc\u00dfe f\u00fchlten sich tonnenschwer an, lie\u00dfen sich keinen Millimeter heben. Ich lie\u00df mich zu Boden sinken. Schloss die Augen. Doch den Gespensterstimmen entkam ich nicht. Sie streiften meine Haare, meine Wangen. K\u00fchl und \u2026 feucht?<\/p>\n<p>Ich blinzelte. Eine bunt schillernde, leicht zitternde Kugel, ein hauchd\u00fcnnes, durchsichtiges Gebilde schwebte neben mir vorbei, sank langsam immer tiefer und zerplatzte wenige Zentimeter \u00fcber dem Boden. Eine n\u00e4chste folgte. Und noch eine. \u201eSeifenblasen?\u201c Meine Stimme zitterte genauso wie die gl\u00e4nzende Kugel, die vor meiner Nase zerbarst. Ich wischte mit die k\u00fchlen Tropfen von der Nasenspitze.<br \/>\n\u201eDu hast ihre Flugbahn gest\u00f6rt!\u201c, emp\u00f6rte sich eine Stimme von hoch oben und hinter mir. Keine Gespensterstimme sondern eine, die ich in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt hatte. Ich sprang auf und fuhr herum.<br \/>\n\u201eTi\u2019run!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer sonst?\u201c Er hockte auf dem Lautsprecher, der ganz oben auf dem Regal thronte, umkrallte mit einer Pfote das Fl\u00e4schchen mit der Seifenblasenfl\u00fcssigkeit und mit einer anderen das Teil, das wie ein zu klein geratener Tennisschl\u00e4ger ohne Bespannung aussieht und in die Seifenblasenfl\u00fcssigkeit getaucht wird. Vertr\u00e4umt blickte er der n\u00e4chsten Seifenblase hinterher, der ich nun nicht mehr in der Flugbahn hockte.<\/p>\n<p>\u201eWarst du die ganze Zeit \u00fcber da?\u201c, fragte ich vorsichtig und konnte die Furcht nicht absch\u00fctteln, der kleine blau-gr\u00fcne Drache w\u00fcrde genau wie die Seifenblasen zerplatzen und verschwinden, wenn ich nur ein falsches Wort sagte (ohne dass ich wusste, was das falsche Wort sein k\u00f6nnte).<\/p>\n<p>\u201eIm Gegensatz zu dir.\u201c Ti\u2019run blickte auf mich hinab und legte den Kopf zur Seite. \u201eDu h\u00e4ttest wenigstens die Musik ausmachen k\u00f6nnen, bevor du gegangen bist. Oder mir verraten, wie man diese Technik bedient. Ich meine, es ist ein toller Song &#8211; aber auch der verliert nach zu vielen Wiederholungen an Tollheit.\u201c<\/p>\n<p>Ich widersprach nicht, obwohl ich entschieden anderer Meinung war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Halloween in Ostberlin, dr\u00f6hnten mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich \u00fcber den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly lie\u00df sich immer h\u00f6ren. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, w\u00e4hrend ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. 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