{"id":802,"date":"2020-11-16T16:53:29","date_gmt":"2020-11-16T14:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=802"},"modified":"2020-11-16T16:53:29","modified_gmt":"2020-11-16T14:53:29","slug":"phantastischer-montag-blaue-stunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=802","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Blaue Stunde"},"content":{"rendered":"<p>Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der D\u00e4mmerung auf der Br\u00fccke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, z\u00f6gerte, leuchtete. Die n\u00e4chste in der Reihe schloss sich an und die n\u00e4chste, die gesamte Br\u00fccke entlang, bis sie alle ihren Schein unter dem samtenen Abenddunkel ausbreiteten und auf dem Wasser schaukeln lie\u00dfen. Die Luft war feucht-k\u00fchl und roch nach trocknendem Laub.<br \/>\nAbend f\u00fcr Abend beobachtete sie das Lichterschauspiel. \u201eGenau so musst du es machen\u201c, hatte Kalana gesagt. \u201eKonzentriere dich auf einen Schritt nach dem anderen, dann l\u00e4uft es wie von selbst.\u201c<\/p>\n<p>Kalana hatte leicht reden. Sie hatte jahrelange \u00dcbung in diesen Gedanken. Eine der Laternen blinkte. Aus. An. Aus. An. Aus &#8211; und wenn das passierte, wenn nur an einem Punkt die Konzentration nachlie\u00df, die Energie schwankte, w\u00fcrde sie verl\u00f6schen. Lixa schauderte. Die Laterne blinkte erneut. An. Jetzt zitterte ihr Licht nur noch auf dem Wasser. \u201eDu musst einfach anfangen\u201c, hatte Kalana gesagt. Und: \u201eDanach wirst du mich wiedersehen.\u201c Lixa sp\u00fcrte den Kuss noch auf der Wange, die H\u00e4nde auf den Schultern. Warm und dann fort, fl\u00fcchtig wie ein Windhauch.<\/p>\n<p>An den R\u00e4ndern des Laternenlichts schien das Wasser dunkler als der Himmel. Alle Ger\u00e4usche der Stadt klangen ged\u00e4mpft, fern wie eine andere Welt. Als formte das Licht einen transparenten Schild um die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Als k\u00f6nnte sie hinaussehen aber niemand hinein.<\/p>\n<p>\u201eTu es nur, wenn du dir ganz sicher bist.\u201c Das waren Kalanas letzte Worte zu ihr gewesen. Lixa sah einer Atemwolke nach, die sich \u00fcber das gusseiserne Gel\u00e4nder stahl, zerfledderte. Wenn sie lange genug wartete, w\u00fcrde der Mond den Laternen Konkurrenz machen, das Wasser des Flusses versilbern. Wenn sie lange genug wartete, w\u00fcrde sie die Entscheidung wieder um eine Nacht verschieben. Wenn sie lange genug wartete, konnte sie vielleicht vergessen.<\/p>\n<p>Leises Lachen durchzog die Nacht. Nat\u00fcrlich. Sie wusste ja auch, wie unm\u00f6glich das war. Sie hatte hingeschaut. Und das einmal Gesehene lie\u00df sich nicht wieder ungesehen machen. Da spielte es keine Rolle, ob sie den Mut fand, daran zu glauben. Oder nicht.<\/p>\n<p>Schritt eins. Tief durchatmen. Wieder und wieder. Bis die tiefen Atemz\u00fcge so nat\u00fcrlich waren, dass sie nicht mehr an sie denken musste. Und das war auch schon Problem eins: wenn sie an etwas nicht denken sollte, dachte sie best\u00e4ndig daran. Atmen. Lixa sog die k\u00fchle Luft in sich, ein belebend-k\u00fchler Schock bis hinab in die Zehenspitzen. Beim Ausatmen str\u00f6mte sie warm aus ihr hinaus. Atmen.<\/p>\n<p>Schritt zwei. Stillstehen. Sie sp\u00fcrte den festen Grund unter ihren F\u00fc\u00dfen. Fest und sich spannte er sich durch die Luft, spannte sich \u00fcber das glucksende, dunkel dahineilende Wasser. Ein leichter Wind strich \u00fcber ihre Wangen, floss um sie herum, eilte davon in alle Winkel der Stadt, trug jeden ihrer Atemz\u00fcge mit sich fort. F\u00fcgte sie dem Pulsieren der Stadt hinzu, einem Pulsieren aus tausenden von Atemz\u00fcgen, die sich aus Fenstern stahlen, an H\u00e4userw\u00e4nden emporstiegen, durch Stra\u00dfenschluchten glitten, im Laub der B\u00e4ume raschelten, Gel\u00e4chter und Stimmen Kraft gaben, auf den weiten Pl\u00e4tzen tanzten, m\u00fchelos jeden Graben \u00fcberwanden.<\/p>\n<p>Schritt drei. Stillstehen, bis stillstehen unm\u00f6glich wurde.<\/p>\n<p>Schritt vier. Losrennen. Mit weit ge\u00f6ffneten Augen und noch weiter ausgestreckten Armen. Lixa rannte und jedes Auftreffen ihrer Schritte klang laut durch die Nacht. Sie rannte, bis ihre Schritte zu Spr\u00fcngen wurden. Hoch und h\u00f6her.<\/p>\n<p>Schritt f\u00fcnf. Mit einem Sprung aufs Br\u00fcckengel\u00e4nder. Mit einem Fu\u00df balancierte sie auf dem eisernen Gel\u00e4nder, sp\u00fcrte, wie es sich mit den Steinen der Br\u00fccke verband, mit dem Ufer zu beiden Seiten, sp\u00fcrte die Leere vor sich, den Wind, dem sich ihr K\u00f6rper entgegenreckte.<\/p>\n<p>Schritt sechs. Vertrauen. Springen.<\/p>\n<p>Lixa riss die Augen noch weiter auf. Sie streckte ihren K\u00f6rper, bis sie mit jedem Atemzug das Pulsieren der Stadt einatmete, mit jedem Ausatmen den Rhythmus formte. Bis sie das Str\u00f6men der Luft sp\u00fcrte.<br \/>\nSie sprang.<\/p>\n<p>Die Str\u00f6mung fing sie auf, verfing sich in ihren Fl\u00fcgeln, trug. Ihre Fl\u00fcgel reichten weit \u00fcber ihre Fingerspitzen hinaus, schwangen sich \u00fcber ihren R\u00fccken. Schuppen sch\u00fctzten ihre Haut, hielten sie sicher und warm, w\u00e4hrend sie sich h\u00f6her und h\u00f6her hinauf schraubte, w\u00e4hrend sie das Maul aufriss und einen Feuerstrahl \u00fcber den Himmel schickte, der heller strahlte als jede Laterne und begleitet von ihrem tief rumpelnden Lachen im Fluss vergl\u00fchte.<\/p>\n<p>Aus den Tiefen der Nacht l\u00f6ste sich ein Schatten, flog ihr entgegen, flog an ihre Seite. Im gr\u00fcn-goldenen Schimmern der vertrauten Augen sah Lixa ihre neue Gestalt zum ersten Mal. Sie streckte ihre Fl\u00fcgel, wollte die ganze Stadt umarmen. Die ganze Welt. Kalana blinzelte ihr zu.<br \/>\nUnter ihnen leuchtete der Fluss silbrig im Mondlicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/blaue-stunde.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-803\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/blaue-stunde.jpg\" alt=\"\" width=\"666\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/blaue-stunde.jpg 666w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/blaue-stunde-300x169.jpg 300w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/blaue-stunde-500x282.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der D\u00e4mmerung auf der Br\u00fccke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, z\u00f6gerte, leuchtete. 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