{"id":817,"date":"2020-12-21T15:35:19","date_gmt":"2020-12-21T13:35:19","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=817"},"modified":"2020-12-21T15:40:30","modified_gmt":"2020-12-21T13:40:30","slug":"phantastischer-montag-wenn-der-winter-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=817","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Wenn der Winter beginnt"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIch hasse Weihnachten\u201c, murmelte ich vor mich hin. Nat\u00fcrlich nicht leise genug f\u00fcr Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. \u201eKannst du damit mal aufh\u00f6ren?\u201c, fragte ich &#8211; etwas lauter und ohne gro\u00dfe Hoffnung, dass es Wirkung zeigen w\u00fcrde. Zu meiner \u00dcberraschung landete der kleine blaue Drache, den ich vor einigen Monaten in meiner Sockenschublade (<em>meiner Wohnh\u00f6hle, meinst du<\/em>) entdeckt hatte, vor mir auf dem Schreibtisch. Genauer gesagt: meiner Tastatur. Was mich effektiv am Weiterarbeiten hinderte. Ti\u2019run interessierte sich nicht f\u00fcr Deadlines. (<em>Pausen sind wichtig. Du solltest mehr Pausen machen. Wei\u00dft du selbst<\/em>.) Der kleine Drache machte es sich auf der Tastatur bequem. Ich konnte gerade noch Strg-S dr\u00fccken, bevor Ti&#8217;run meine Finger sanft aus dem Weg schob.<br \/>\n\u201eWas ist das mit diesem Weihnachten?&#8220;<\/p>\n<p>\u201eReligi\u00f6se Feiertage, die mit kapitalistischem Konsumterror einhergehen, der sp\u00e4testens im Oktober startet und mit den Wochen immer nervt\u00f6tender wird.\u201c<br \/>\n\u201eAha.\u201c Ti\u2019run strich mit einer Fl\u00fcgelspitze \u00fcber die Tasten. yyyxxfffffffnnnnnnnnnnnnnn &#8211; ich stoppte ihn mit einem Finger. Statt mit der \u00fcblichen Emp\u00f6rung zu reagieren, wickelte Ti\u2019run den Fl\u00fcgel um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest. F\u00fcr so einen kleinen Drachen hatte er ganz sch\u00f6n Kraft. \u201eIch habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon du sprichst\u201c, sagte er, \u201eaber es klingt, als k\u00f6nntest du eine Auszeit brauchen.\u201c<\/p>\n<p>Manchmal ist es schwer, kleinen Drachen zu widersprechen. Ich seufzte. Eine Auszeit klang zu verlockend. Vorsichtig hob ich meine Hand. Ti\u2019run gab meinen Finger nicht frei und baumelte daran, schaukelte hin und her. F\u00fcr so einen kleinen Drachen hatte er ganz sch\u00f6n Gewicht. \u201eDu solltest mal weniger Feuersteine essen\u201c, sagte ich zu dem vor meinem Gesicht hin und her schwingenden Drachen.<\/p>\n<p>\u201eGanz und gar nicht!\u201c Da war sie, die Emp\u00f6rung. \u201eDann w\u00fcrde ich ja auch weniger Feuer spucken!\u201c<\/p>\n<p>Ich betrachtete die angesengten Enden meiner Bleistifte, die schwarzen L\u00f6cher auf der Schreibtischplatte. So schlimm w\u00e4re das gar nicht. Aber das sagte ich nicht laut \u2014 daf\u00fcr war Ti\u2019run zu nah an meinen Haaren. Und mir gefielen auch die Blicke nicht, mit denen er die \u00fcberall verstreut herumliegenden Papiere musterte. Rechnungen, Vertr\u00e4ge, Bankausz\u00fcge, Manuskriptanf\u00e4nge, halb geschriebene Briefe, Notizen zu noch mehr Geschichten als ich angefangene wie fertige Manuskripte hatte, Ideen, die einfach keine Ruhe geben wollten und mich genauso vorwurfsvoll anblickten wie die Mahnung f\u00fcr die GEZ-Geb\u00fchr. \u201eJa, ja\u201c, murrte ich, \u201eihr kommt alle noch dran. Geduld.\u201c<\/p>\n<p>Ti\u2019run stie\u00df einen Seufzer aus &#8211; ohne Feuer &#8211; und gab meinen Finger frei. Ich starrte wieder auf den Bildschirm, versuchte nicht zu sehen, wie Ti\u2019run auf dem gef\u00e4hrlich schwankenden Stapel Notizb\u00fccher neben meinem Laptop landete. Ich tippte vor mich hin, w\u00e4hrend er mit ausgestreckten Fl\u00fcgeln auf dem Notizbuchturm balancierte, bis der stillstand. Immerhin. Das war nochmal gutgegangen.<\/p>\n<p>Ich tippte.<br \/>\nEs war verd\u00e4chtig ruhig neben mir.<br \/>\nIch tippte.<\/p>\n<p>Immer noch kein Mucks. Ich tippte weiter und schielte kurz zur Seite. Keine Flammen. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Bildschirm zu. Wenn ich diese Stelle richtig hinbekam, konnte ich f\u00fcr heute beruhigt Schluss machen.<br \/>\nIch tippte. Z\u00f6gerte. L\u00f6schte. Fing von vorn an. Tippte. Besser. Etwas zumindest. Vielleicht. Na ja, oder &#8211;<\/p>\n<p>Ein Windhauch streifte mein Ohr. \u201eSo kannst du das nicht schreiben.\u201c<br \/>\nToll. Ein Drache, der meiner inneren kritischen Stimme recht gab. Genau, was ich brauchte. Ti\u2019run stie\u00df sich von dem Notizbuchstapel ab, die Notizb\u00fccher ergossen sich \u00fcber die Tastatur. Ti\u2019run landete auf meiner Schulter.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df einfach da, die Finger unter Notizb\u00fcchern begraben und fragte mich, ob ich mir ein B\u00fcro leisten konnte. Oder wenigstens eine Wohnung mit einem abschlie\u00dfbaren Arbeitszimmer.<\/p>\n<p>\u201eSo f\u00fchlt sich das nicht an\u201c, schnaufte Ti\u2019run an meinem Ohr.<br \/>\nIch verschr\u00e4nkte die Arme. \u201eUnd wie f\u00fchlt es sich dann an?\u201c<br \/>\n\u201eUnbeschreiblich.\u201c Ti\u2019run hob und senkte die Fl\u00fcgel. \u201eDas musst du selbst erleben.\u201c<br \/>\nIch gab keine Antwort. Schlie\u00dflich machte es keinen Sinn, sich das Unm\u00f6gliche zu w\u00fcnschen. Ich konnte allerdings auch nicht stillschweigen. Immerhin hatte ich hier ein Wesen auf meiner Schulter, das aus eigener Erfahrung wusste, wie sich das anf\u00fchlte. \u201eVersuch es doch wenigstens mal, ja?\u201c Ich kraulte Ti\u2019run am Hals, dort, wo der einen Knick machte. &#8222;Beschreib es mir.&#8220;<\/p>\n<p>Der kleine Drache reckte den Hals und seufzte wohlig. Schnurrte. Und sch\u00fcttelte dann meine Finger ab. R\u00e4usperte sich. \u201eIch kann es dir nur zeigen.\u201c Ti\u2019run flog von meiner Schulter zur\u00fcck auf den Schreibtisch, begann mit der Schnauze die Notizb\u00fccher von der Tastatur zu schubsen. Hastig r\u00e4umte ich sie au\u00dfer Reichweite von potentiellen Drachenflammen. \u201eDu hast n\u00e4mlich Gl\u00fcck\u201c, fuhr Ti\u2019run unbeeindruckt fort. \u201eHeute beginnen die Rauhn\u00e4chte.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df.\u201c<\/p>\n<p>Der kleine Drache musterte mich mit schr\u00e4g gelegtem Kopf. \u201eDas bezweifle ich.\u201c Ti\u2019run kratzte sich mit einer Kralle die Schuppen \u00fcber den Augen. \u201eKannst du ein Geheimnis bewahren?\u201c<\/p>\n<p>Ernsthaft? Ich bewahrte seit Monaten die Existenz eines kleinen Drachens in meiner Wohnung &#8211; wobei besagter Drache nicht gerade half (ich sage nur: <a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=785\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Halloween<\/a>). Und dann kam diese Frage?<\/p>\n<p>Ich atmete tief durch und nickte. Ti\u2019run starrte mich aus dunklen Augen an, bis die Stille mich zappelig machte. Kam jetzt die Ank\u00fcndigung des Weltuntergangs? Nach diesem Jahr hielt ich das nicht einmal f\u00fcr absurd.<\/p>\n<p>\u201eDie Rauhn\u00e4chte sind Drachenn\u00e4chte\u201c, fl\u00fcsterte Ti\u2019run. Und schaute mich dann an, als w\u00e4re damit alles gesagt. Als m\u00fcsste ich wissen, was das bedeutete. Ich schaute zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein Seufzer, der den ganzen kleinen Drachenk\u00f6rper ersch\u00fctterte, hallte \u00fcber den Schreibtisch. \u201eHast du ein Gl\u00fcck, dass ich Geduld mit dir habe. Also. Du musst dich f\u00fcr die n\u00e4chsten zw\u00f6lf Tage und N\u00e4chte bei allen abmelden, die dich wom\u00f6glich treffen m\u00f6chten. Dann musst du unsere gesamte Wohnh\u00f6hle f\u00fcr unsere Abwesenheit bereit machen. Und -\u201c Ti\u2019run hob warnend eine Kralle, und ich schloss den Mund, schluckte meine Fragen. \u201eUnd du musst ein Fenster \u00f6ffnen, damit wir hinaus und sp\u00e4ter wieder hinein kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, wie weit oben wir sind? Wo wollen wir \u00fcberhaupt hin? Du wei\u00dft schon, dass das mit dem Reisen gerade nicht ange-\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir fliegen\u201c, unterbrach mich Ti\u2019run und breitete die blau gl\u00e4nzenden Fl\u00fcgel aus. \u201eDenn in den Drachenn\u00e4chten k\u00f6nnen Drachen, die mit Menschen zusammenleben, ihrem Menschen Drachengestalt geben.\u201c<\/p>\n<p>Ich schluckte. Und schluckte noch einmal. Zupfte an den \u00c4rmeln meines Hemds. Schluckte. \u201eWas? \u2026 wie?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs klappt nur, wenn der Drache dem Menschen vertraut.\u201c Ti\u2019run rollte sich neben meiner Tastatur zusammen. \u201eVorw\u00e4rts. Du hast eine Menge zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Ich musste erst noch ein paar Mal schlucken, bevor ich mich r\u00fchren konnte. Ein Autoresponder war schnell eingerichtet (Keine Sorge, wenn ich in den n\u00e4chsten Tagen nicht antworte, befinde mich bis Anfang Januar im Schreibexil und bin daher offline). Zum ersten Mal \u00fcberhaupt sprach ich einen Text f\u00fcr meine Mailbox ein (Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren kreativ und bin daher nicht erreichbar. Melde mich ab Januar zur\u00fcck). Dann schaltete ich das Handy aus und fuhr den Computer hinunter.<\/p>\n<p>Schon kam mir die Wohnung viel ruhiger vor. Ich drehte eine Runde, zog Stecker aus Steckdosen, versicherte mich, dass alle Wasserh\u00e4hne zugedreht waren. Stellte die Heizung ab. Drau\u00dfen dunkelte es bereits, aber hier drinnen brauchten wir kein Licht, weil vom S-Bahnhof gegen\u00fcber genug Helligkeit in die Wohnung strahlte.<\/p>\n<p>Am Fenster z\u00f6gerte ich. Wenn ich das jetzt \u00f6ffnete, dann glaubte ich ernsthaft, dass ich die n\u00e4chsten zw\u00f6lf Tage und N\u00e4chte als Drache verbringen w\u00fcrde. Herzrasen reichte da als Wort gar nicht. Ich drehte den Fenstergriff und lie\u00df die k\u00fchle Luft hinein.<\/p>\n<p>Da drau\u00dfen wartete die l\u00e4ngste Nacht des Jahres auf uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch hasse Weihnachten\u201c, murmelte ich vor mich hin. Nat\u00fcrlich nicht leise genug f\u00fcr Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. \u201eKannst du damit mal aufh\u00f6ren?\u201c, fragte ich &#8211; etwas lauter und ohne gro\u00dfe Hoffnung, dass es Wirkung zeigen w\u00fcrde. 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