{"id":883,"date":"2021-05-17T09:00:42","date_gmt":"2021-05-17T07:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=883"},"modified":"2021-05-27T11:14:46","modified_gmt":"2021-05-27T09:14:46","slug":"phantastischer-montag-vielleicht-noch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=883","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Vielleicht noch nicht"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Nasra breitete ihre Fl\u00fcgel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten gr\u00fcn-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Bl\u00e4ttern klang wie sch\u00e4umende Wellen beim \u00dcberschlag. Nasra lie\u00df die Fl\u00fcgel sinken, schmiegte sie an ihren R\u00fccken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Rot schimmerte zwischen den Bl\u00e4ttern hervor, wenn der Wind sie auseinanderriss. Dunkles, leuchtendes Rot, das sie samtig auf ihren Wangen sp\u00fcrte. K\u00fcsse wie Bl\u00fctenbl\u00e4tter. Wie Rizas leises Lachen, das mit dem Regen auf sie hinabgetropft war. Das Lachen und die K\u00fcsse hatten sie beide vor allem gesch\u00fctzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Sie hatten sich betrunken an strahlend blauen Himmeln und den Wolken hinterher gestarrt, sich geschworen, ihnen zu folgen. Eines Tages, hatten sie einander zugefl\u00fcstert, irgendeines Tages. Manche Tage hatten sie nichts anderes getan, als hinter den Rosenb\u00fcschen im Gras zu liegen, zu beobachten, wie der Tag in die Nacht verschwand, hatten der Dunkelheit gelauscht, die ihre Schwingen ausbreitete und den Mond entbl\u00f6\u00dfte, alles weich machte und silbrig-grau. Und wenn der Mond den Himmel den Sternen \u00fcberlie\u00df, hatten sie in das Dunkel zwischen den Lichtfunken geblickt, tiefer und weiter als jedes Meer.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-885\" src=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"349\" srcset=\"http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond.jpg 840w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond-300x125.jpg 300w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond-768x319.jpg 768w, http:\/\/mkstein.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kraniche_Mond-500x208.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Riza malte Regenb\u00f6gen auf H\u00e4userw\u00e4nde, zog sie \u00fcber rissigen Asphalt und tr\u00fcbe Mauern. Sie spiegelten sich in den Pf\u00fctzen, nachdem sie vom Himmel schon lange wieder verschwunden waren. Und Riza tupfte Farbkleckse auf jede Haut, machte sie alle bunt. Und manche l\u00e4chelten. Andere wischten die Farbe eilig ab. Manchen malte sie bunte Fl\u00fcgel auf den R\u00fccken, wenn sie geduldig genug daf\u00fcr waren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Manche, wenige, lernten zu fliegen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Manchmal, oft, wollten andere ihnen die Fl\u00fcgel ausrei\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Und wenn die Angst zu gro\u00df wurde, dachte Nasra an ihre Heimat. Irgendwo hinter den Wolken, wo die Schwingen der Nacht sich \u00fcber den Tag ausbreiteten. Wohin nur sie gehen konnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\">Nasra breitete die Fl\u00fcgel aus. Aber sie flog nicht den Wolken hinterher oder in die Dunkelheit zwischen den Sternen. Sie flog \u00fcber die Wipfel des Meerwaldes, folgte den roten Tupfen im Gr\u00fcn, folgte den Regenb\u00f6gen auf dem grauen Asphalt und wusste genau, wen sie an ihrem Ende finden w\u00fcrde. Denn noch war kein Ende, noch konnten K\u00fcsse wie Bl\u00fctenbl\u00e4tter, wie Regen, sie sch\u00fctzen, und noch konnte sie ein wenig l\u00e4nger bleiben. Vielleicht auch lang.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Im Mai lassen wir uns von dem Song &#8222;What a Wonderful World&#8220; in der Version von Louis Armstrong inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im Mai findet ihr bei: Carola Wolff mit <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/wonderful-world\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wonderful World<\/a>, C. A. Raaven mit <a href=\"https:\/\/www.c-a-raaven.de\/phantastischermontag\/wonderful02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wahltag<\/a> und Alexa Pukall mit <a href=\"http:\/\/alexapukall.com\/mai-der-schneckenbandiger\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Schneckenb\u00e4ndiger<\/a>. Viel Spa\u00df beim Lesen!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nasra breitete ihre Fl\u00fcgel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten gr\u00fcn-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Bl\u00e4ttern klang wie sch\u00e4umende Wellen beim \u00dcberschlag. 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