{"id":903,"date":"2021-07-19T09:00:05","date_gmt":"2021-07-19T07:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=903"},"modified":"2021-07-18T14:24:26","modified_gmt":"2021-07-18T12:24:26","slug":"phantastischer-montag-die-feuerdrach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=903","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Die Feuerdrach"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ein lautes R<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4uspern lie\u00df mich zusammenschrecken. \u201eWas?\u201c, murrte ich und zog mir die Bettdecke \u00fcber den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den \u00fcblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also w\u00fcrde ich die Helligkeit da drau\u00dfen einfach ignorieren.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u2019run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel \u2014 etwas versp\u00e4tet \u2014 auf, dass ich sie mit meiner m\u00fcrrischen Frage zu einem Gespr\u00e4ch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ti<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u2019run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht st\u00e4rker als ich. Sie r\u00e4usperte sich erneut und lie\u00df von der Decke ab. \u201eDu bist denen da drau\u00dfen noch eine Geschichte schuldig.\u201c Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich schulde niemandem gar nix.\u201c Und \u00fcberhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erz\u00e4hlen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was f\u00fcr Ti\u2019run kein Argument sein w\u00fcrde. Also setzte ich nach: \u201eWer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Falsch.\u201c Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. \u201eIch bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererz\u00e4hlen, dann musst du die Geschichte erz\u00e4hlen.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich beschloss, dass ich mich verh<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6rt haben musste. Oder ich tr\u00e4umte das alles. Hier unter der Bettdecke war schlie\u00dflich alles m\u00f6glich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht \u2014 Ti\u2019runs Stimme blieb hartn\u00e4ckig.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte w\u00e4re zu Ende erz\u00e4hlt.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u2019run mich jetzt schon bis in meine Tr\u00e4ume oder ich war doch wach. Das Ergebnis w\u00fcrde dasselbe bleiben. Sie g\u00e4be keine Ruhe, bis ich die Geschichte erz\u00e4hlte, die sie h\u00f6ren wollte. \u201eDu hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt\u201c, versuchte ich es trotzdem. \u201eNicht welche Geschichte sich damit verbindet.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber jetzt will ich es wissen.\u201c Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Kn\u00e4uel auf meiner Brust lag. <\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hast du es bequem?\u201c Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus lie\u00df mich im Stich.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Du doch auch.\u201c Ti\u2019run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein d\u00fcrfte. \u201eUnd jetzt erz\u00e4hl.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erz<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4hlen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond l\u00e4ge \u2014 aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich atmete tief durch und h<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6rte Ti\u2019runs emp\u00f6rtem Protest zu, als sich ihre Liegefl\u00e4che hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erz\u00e4hlen:<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar f<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcr unsere Augen. Nichts h\u00e4lt sie auf, nichts schr\u00e4nkt sie ein.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie gr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fc\u00dfte den Mond. Doch f\u00fcr ihn war ihr Feuer zu hei\u00df.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie gr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fc\u00dfte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Schlie<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00dflich gr\u00fc\u00dfte sie die Erde und fand das fl\u00fcssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie lie\u00df etwas von ihrem Feuer hineinflie\u00dfen. Die brodelnde Hitze str\u00f6mte durch die Schichten der Erde, dr\u00e4ngte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, verspr\u00fchte ihr Feuer weit und fern, floss in rei\u00dfenden Str\u00f6men die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Feuerdrach sp<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrte alles, was ihr Feuer ber\u00fchrte. Wie die H\u00e4nde einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger \u00fcber die Berge, liebkoste ihre H\u00e4nge und T\u00e4ler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Gr\u00fcnen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Erst die Meere k<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert \u00fcber diese nassen, neuen Wesen. W\u00e4hrend sie tiefer und tiefer hineinsank, k\u00fchlte \u00fcber ihr das Land allm\u00e4hlich ab, n\u00e4hrte einen neuen Boden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aber das k<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcmmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese k\u00fchle Fl\u00fcssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erf\u00fcllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die T<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6ne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die T\u00f6ne glucksten, brummten, lachten, kr\u00e4chzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Im Wasser geboren, aus fl<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gew\u00e4rmt, von Sternenstaub gek\u00fcsst.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, sp<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrt auch heute noch alles, was Drachenflammen ber\u00fchren. Und so ist sie nicht l\u00e4nger einsam.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ein tiefer, wohliger Seufzer ert<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6nte auf meiner Brust. \u201eNa bitte\u201c, brummte Ti\u2019run, \u201egeht doch.\u201c Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, w\u00e4hrend ich verwundert weitertr\u00e4umte.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song &#8222;I Am The Fire&#8220; von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, k\u00f6nnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/die-koenigin-der-welt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die K\u00f6nigin der Welt<\/a> , C.A. Raaven <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/fire02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Don&#8217;t<\/a> , Alexa Pukall &#8230; Link folgt n\u00e4chste Woche. Viel Spa\u00df beim St\u00f6bern und Lesen!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lautes R\u00e4uspern lie\u00df mich zusammenschrecken. \u201eWas?\u201c, murrte ich und zog mir die Bettdecke \u00fcber den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den \u00fcblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also w\u00fcrde ich die Helligkeit da drau\u00dfen einfach ignorieren. 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