{"id":912,"date":"2021-08-16T19:00:05","date_gmt":"2021-08-16T17:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=912"},"modified":"2021-08-25T16:59:53","modified_gmt":"2021-08-25T14:59:53","slug":"phantastischer-montag-die-troesterei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=912","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Die Tr\u00f6sterei"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie war tats<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chlich schon unz\u00e4hlige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entz\u00fcndeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Es ist ein Zauber, hatte Drew erkl<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4rt. Er schl\u00e4gt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tats<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinw<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4nden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Geb\u00e4uden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Da, wo er am st<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4rksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugef\u00fcgt: Du wirst schon sehen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zw<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6lfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der k\u00f6stliche, verr\u00e4terische Duft frisch ger\u00f6steter Kaffeebohnen legt sich wie ein w\u00e4rmender Mantel um sie. Tr\u00fcgerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tr\u00f6stereien zum Verh\u00e4ngnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen St\u00f6rung der Totenruhe verhaftet. Die Tr\u00f6sterin wanderte f\u00fcr mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorr\u00e4te wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Tr\u00f6sterei f\u00fcr immer versiegelt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In solchen F<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4llen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und n\u00e4chtelang \u00fcber der Stadt, drang durch alle T\u00fcr- und Fensterritzen in die H\u00e4user. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zur\u00fcck. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Tr\u00f6sterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du h\u00e4ttest wirklich etwas pr\u00e4ziser sein k\u00f6nnen, Drew, n\u00f6rgelte sie und w\u00fcnschte sich zugleich Drew w\u00fcrde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ihre Fl<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcgel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie m\u00f6glich nach hinten aus, sch\u00fcttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-r\u00f6stig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann &#8211; Aja blinzelte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine T<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4uschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem best\u00e4ndigen Gl\u00fchen aus tausenden von Lichtf\u00e4den entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja l\u00e4chelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den F\u00fc\u00dfen auf den Kopf gestellt und wieder auf die F\u00fc\u00dfe.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz sa<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00df. Nat\u00fcrlich tat es das. Der willkommene Duft der Tr\u00f6sterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Gl\u00fchf\u00e4den tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen K\u00f6rper, strich \u00fcber H\u00e4nde, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine ru<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00dfgeschw\u00e4rzte Pfanne \u00fcber die Flammen, in der r\u00f6stende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu sp\u00e4t. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Tr\u00f6sterin zuschauen konnte, lie\u00df sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Tr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6sterin blickte sie \u00fcber das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne n\u00e4her zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf t\u00f6nte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Ger\u00e4usch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die L<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4nge. Fast h\u00e4tte sie die Augen wieder ge\u00f6ffnet. Aber die Tr\u00f6sterin w\u00fcrde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemz\u00fcgen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Irgendwann ber<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchrten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie lie\u00df zu, dass die Tr\u00f6sterin ihre Hand f\u00fchrte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie sp\u00fcrte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-hei<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00df \u00fcber ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begr\u00fc\u00dfung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr \u00fcber Wangen und Augenlider.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren t<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als m\u00fcsste sie sich erst einmal davon \u00fcberzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Tara blinzelte noch einmal, dann l<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als w\u00fcrde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter K\u00f6rper davon erf\u00fcllt war. Tara breitete Arme und Fl\u00fcgel aus und Aja st\u00fcrzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, ber\u00fchrten sich, dr\u00fcckten Arme wie Fl\u00fcgel umeinander, h\u00fcllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem R\u00fccken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Aja dr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcckte sich an Tara, h\u00fcllte sie in ihre Fl\u00fcgel, sog das Gl\u00fchen ihres K\u00f6rpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit fl\u00fcsterten sie miteinander, erz\u00e4hlten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Fl\u00fcstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen &#8211; bis Ajas Fl\u00fcgel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. \u201eIch komme wieder\u201c, wisperte sie in die Stille.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Unsere Geschichten f\u00fcr den phantastischen Montag sind im August von dem Song &#8222;Still&#8220; von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, k\u00f6nnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/das-internet-der-dinge\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Internet der Dinge<\/a> von Carola Wolff, <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/still02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Karmukation<\/a> von C.A. Raabe, <a href=\"http:\/\/alexapukall.com\/august-himmelsblau\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Himmelsblau<\/a> von Alexa Pukall. Sch\u00f6nes Lesen!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war tats\u00e4chlich schon unz\u00e4hlige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entz\u00fcndeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. 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