{"id":921,"date":"2021-09-20T09:00:34","date_gmt":"2021-09-20T07:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=921"},"modified":"2021-10-06T11:55:01","modified_gmt":"2021-10-06T09:55:01","slug":"phantastischer-montag-tante-kraehe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=921","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Tante Kr\u00e4he"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Wenn du nicht weiter wei<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>\u00dft, folge einer Kr\u00e4he<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, hatte Tante K<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4the gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante K\u00e4the, Tante Kr\u00e4he, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante K\u00e4thes Kr\u00e4uterladen f\u00fchlte sie sich von Anfang an zuhause.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Also war sie jetzt den ganzen Tag lang bis in die Dunkelheit hinein einer Kr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4he gefolgt. Die war nie vor ihr gefl\u00fcchtet, hatte sogar h\u00f6flich gewartet, wenn sie mit ihren Armen und Beinen und eben ohne Fl\u00fcgel D\u00e4cher und Mauern nicht so schnell hinauf kam. Mancher Sprung von einem Dach zu einem anderen war waghalsig gewesen \u2014 aber nie unm\u00f6glich. Auch darauf schien die Kr\u00e4he stets geachtet zu haben. Nun hockte sie auf einer Stange \u00fcber einer Kneipent\u00fcr und blinzelte zu ihr hinunter.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Du willst jetzt aber nicht, dass ich da zu dir hochkomme, oder?\u201c Elyf sah zu dem grau-schwarzen Vogel hinauf. Die Kr\u00e4he sch\u00fcttelte leicht ihre Fl\u00fcgel und senkte den Kopf, als wollte sie mit dem Schnabel auf das Namensschild der Bar deuten, das unter ihr an der Stange baumelte. <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Crow-Bar.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sehr witzig\u201c, murmelte Elyf. Sie zupfte an ihrer Hose, ihrer Lederjacke, ihrem Hemd, die alle etliche Schrammen und Risse aufwiesen von ihrer Kletterei. An ihren Fingerkn\u00f6cheln brannten mehrere Absch\u00fcrfungen. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Die f\u00fchlten sich nicht einmal mehr nach Frisur an. Daran war sie allerdings selbst schuld. Insgesamt sah sie sicherlich eher aus wie nach einer durchzechten Nacht in einer Bar, Kneipenschl\u00e4gerei inklusive, und nicht wie eine, die sich bislang nicht einmal aus ihrem Viertel gewagt hatte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wahrscheinlich sah sie auch nicht aus wie eine, die nach genau dieser Bar gesucht hatte. Elyf trat ein paar Schritte zur<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcck. Die Kr\u00e4he kr\u00e4chzte vorwurfsvoll. Elyf blickte hektisch nach allen Seiten um sich. Aber sie war nach wie vor allein in der Gasse. Zumindest soweit sie das im gelblich-tr\u00fcben Licht der Laternen erkennen konnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Wenn du nicht weiter wei<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>\u00dft, folge einer Kr\u00e4he<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, hatte Tante K<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4the gesagt, die strenggenommen nicht ihre Tante war. Elyfs Eltern hatten sie jedes Mal missmutig aus dem Kr\u00e4uterladen gezerrt, wenn sie das mitbekamen. Sp\u00e4ter verzogen sie zwar immer noch missmutig die Miene, wenn sie den Satz h\u00f6rten, doch Elyf war l\u00e4ngst kein Kind mehr, das sich irgendwo wegzerren lie\u00df. Sie seufzte. Offenbar war sie auch nicht Frau genug, einfach diese Bar zu betreten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und die Kr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4he hockt schlie\u00dflich auch davor und nicht drinnen, argumentierte sie stumm und unter dem heftigen Pochen ihres Herzens.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die T<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcr wurde von innen aufgesto\u00dfen. Mit dem Licht schwappten Gespr\u00e4chsfetzen, Gel\u00e4chter, Gesang, Gl\u00e4serklirren hinaus auf die Gasse, dicht gefolgt von zwei eng umschlungenen Gestalten. Und als h\u00e4tte die Kr\u00e4he das stumme Argument ihrer Angst geh\u00f6rt, flog sie mit einem lauten Kr\u00e4chzen mitten in das Licht und den L\u00e4rm hinein. Hinter ihr schlug die T\u00fcr wieder zu. Die zwei eng umschlungenen Gestalten schlenderten durch Stille und Dunkelheit davon, schickten ab und an ein leises Lachen in die Nacht, das verklang, als sie am Ende der Gasse um eine Ecke verschwanden.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Elyf zog die Jacke enger um sich. W<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4rmer wurde ihr davon nicht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Folge der Kr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4he, h\u00f6rte sie Tante K\u00e4thes Stimme in ihrem Kopf. Und es schien ihr schwieriger, als Hausw\u00e4nde hinaufzuklettern und \u00fcber die Abgr\u00fcnde zwischen D\u00e4chern zu springen. Ja, sie w\u00fcrde jetzt lieber diesen gesamten Weg noch einmal auf sich nehmen, statt eine Hand auf den Messinggriff dieser T\u00fcr zu legen und sie aufzuziehen. Sie blickte sich sogar nach einer Kr\u00e4he um. Aber nat\u00fcrlich tat ihr keine den Gefallen, genau jetzt und genau hier zu erscheinen, damit sie ihr anderswohin folgen k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Was wohl die drinnen von der Kr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4he hielten?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Vielleicht war es f<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcr sie gar nicht ungew\u00f6hnlich, dass eine Kr\u00e4he in die Bar flog. Vielleicht war es nur ungew\u00f6hnlich, dass die Kr\u00e4he allein kam. Vielleicht sollte sie ihr endlich folgen und ihr die Peinlichkeit ersparen, ohne Begleitung dort drinnen zu hocken. Elyf strich sich durch die Haare, zog an den \u00c4rmeln ihrer Lederjacke, die immer noch nicht gro\u00df genug werden wollte, dass sie sich ganz darin verkriechen k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie konnte immer noch umdrehen. Irgendwie w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrde sie schon einen Weg zur\u00fcck in bekannte Gefilde der Stadt finden. Sie musste nur lange genug durch die Gassen irren, bis die wieder breiter wurden, bis wieder Droschken und Stra\u00dfenbahnen fuhren, die sie zur\u00fcckbringen w\u00fcrden. Zu ihren Eltern. Wo sie das alles vergessen m\u00fcsste. Die Kr\u00e4hen. Tante K\u00e4the. So tun als ob. Bis <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>als ob<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"> alles andere wegdr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4ngte. Tante K\u00e4the. Die Kr\u00e4hen. Sie selbst.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ihre Kehle f<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchlte sich wund an und zu eng zum Schlucken. Elyf zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Noch einmal. Und wieder. Und wieder. Elyf legte beide H\u00e4nde um den Messinggriff. Ihr Herz pochte so laut, als wollte es ihre Ohren von innen sprengen. Atmen, befahl sie sich mit Tante K\u00e4thes Stimme. Ihr Brustkorb dehnte sich vor Luft, als k\u00f6nnte ihr ganzer K\u00f6rper leicht werden und Kr\u00e4henfl\u00fcgel sie wegtragen. Elyf \u00f6ffnete die T\u00fcr.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&#8230; Fortsetzung folgt!<\/p>\n<p>(Im September lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song <em>Crowbar<\/em> &#8211; von Frank Carter &amp; the Rattlesnakes &#8211; inspirieren. Was dabei noch entstanden ist, k\u00f6nnt ihr bei Carola Wolff: <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/braves-maedchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Braves M\u00e4dchen<\/a>, C.A. Raaven: <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/crowbar02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Future is Now<\/a> und bei Alexa Pukall: <a href=\"http:\/\/alexapukall.com\/september-das-krahennest\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Kr\u00e4hennest<\/a> nachlesen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn du nicht weiter wei\u00dft, folge einer Kr\u00e4he, hatte Tante K\u00e4the gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante K\u00e4the, Tante Kr\u00e4he, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante K\u00e4thes Kr\u00e4uterladen f\u00fchlte sie sich von Anfang an zuhause. 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