{"id":933,"date":"2021-11-15T19:46:26","date_gmt":"2021-11-15T17:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=933"},"modified":"2021-12-07T11:56:03","modified_gmt":"2021-12-07T09:56:03","slug":"phantastischer-montag-kraehenschwestern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/mkstein.de\/wp\/?p=933","title":{"rendered":"Phantastischer Montag: Kr\u00e4henschwestern"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie waren seltener geworden diese N<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4chte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Ger\u00e4usch lauschte. Und obwohl sie in diesen selten gewordenen N\u00e4chten wusste, dass sie hier sicher war, dass hier kein Ger\u00e4usch eine Gefahr bedeutete, so hockte Elyf in jenen N\u00e4chten doch starr im Bett, bewegungsunf\u00e4hig, bis endlich der Morgen die Nacht vertrieb, sie einen Finger heben konnte, einen zweiten, eine ganze Hand, die andere, sich schlie\u00dflich ausstreckte und die Augen im heller werdenden Morgen schloss, einschlief.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Doch w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4hrend es noch Nacht war, schien der Morgen unerreichbar. Auch dieses Mal. Sie presste die Arme um die Knie und starrte in die Dunkelheit. Die war so absolut, dass sie Schatten darin umherhuschen sah, undefinierbare Gestalten. Noch hielten sie Abstand. Doch die Stimmen in Elyfs Kopf waren ganz nah.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Halte still<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, wisperten sie.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><i>Wenn du ganz still h<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>\u00e4ltst, wenn du nicht einmal zitterst, wenn dein Atem deine Brust weder hebt noch senkt, wenn du nicht blinzelst, wenn du ganz, ganz, wirklich ganz still h\u00e4ltst, dann wird auch die Nacht stillhalten. Nichts wird geschehen, wenn du nur stillh\u00e4ltst.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Und Elyf hielt still. Kein unerwartetes Knacken lie<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00df sie zusammenzucken, keine Stimme auf dem Flur herumfahren. Der Wind r\u00fcttelte am Fensterrahmen, strich ihr mit kalten Fingern \u00fcber den Nacken. <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>Aber es ist nur der Wind, nur der Wind, weil das Fenster nicht dicht ist<\/i><\/span><span style=\"font-size: medium;\">, redete Elyf sich zu und r<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchrte sich nicht. Der Wind wirbelte die Schattengestalten durcheinander. Elyf wagte nicht, sich noch enger zusammenzukauern, wagte nicht wegzuschauen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sie hielt still und mit ihr erstarrte die Nacht. Sie schloss sich eng um Elyf, die Hand eines Riesen, der seine Finger um sie schloss, bis sie sich gar nicht mehr r<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fchren konnte, selbst wenn sie es gewagt h\u00e4tte. Es waren kalte, schwere Finger.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Neue Stimmen kamen hinzu. Zischend. Wutbebend. Gewaltversprechend. Gedr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4ngt. Gepresst. H\u00e4sslich. Kaum noch m\u00f6glich, ein Zittern zu unterdr\u00fccken.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Meine Tochter wird nie zu denen geh<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6ren!<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Leise, du weckst sie noch.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ist die T<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcr abgeschlossen?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Das R<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fctteln an der T\u00fcrklinke lie\u00df die gesamte T\u00fcr ihres Kinderzimmers beben. Sie schlug gegen den Rahmen, gleich w\u00fcrde es krachen, die T\u00fcr zerbersten \u2014 <\/span><span style=\"font-size: medium;\"><i>still, halt still<\/i><\/span> <span style=\"font-size: medium;\">\u2014 Elyf k<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4mpfte gegen den Schrei in ihrer Kehle, k\u00e4mpfte gegen das Zittern, k\u00e4mpfte gegen das Verlangen sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass die T\u00fcr hielt, dass dies heute und hier eine andere T\u00fcr war. Eine T\u00fcr, die weder krachte noch barst. Sie hielt still.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wenn sie nur stillhielt, w<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00fcrde es vorbeigehen. Die Nacht w\u00fcrde irgendwann vorbeigehen. Auch diese. Die Schattengestalten umkreisten sie. Streiften sie. Stillhalten. Sie musste nur stillhalten. Auch wenn die Gestalten aus Dunkelheit ihr \u00fcber die Haare strichen, \u00fcber die Arme, \u00fcber die Schultern, den R\u00fccken \u2014 mit Schattenfingern, die wie Feuer brannten.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Irgendwann war es hell geworden. Elyf hatte sich zitternd ausgestreckt, erleichtert, weil sie jetzt schlafen durfte, weil sie die Nacht lang durchgehalten hatte. Auch im Schlaf zuckten ihre Arme und Beine, ihre Finger, sogar ihre Haarspitzen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Sp<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00e4ter, Elyf wusste nicht, wann sie aufgewacht war, stolperte sie die Treppen hinunter von ihrem Zimmer in die Crow-Bar, in diesen Raum voller freundlicher Gesichter, die zu viel schienen nach dieser Nacht. Elyf eilte durch die Bar, bevor irgendwer sie ansprechen konnte, setzte sich an den Tresen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Yra, die heute dahinter Dienst tat, blickte sie nur an, sagte nichts, aber schob ihr einen Becher Kaffee zu. Elyf hielt das Gesicht in den tr<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6stenden Dampf, der daraus aufstieg. Sie atmete tief ein und wieder aus.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Eine dieser N\u00e4chte, was?\u201c, fragte Yra ruhig.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Elyf fuhr auf. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u201eWoher wei\u00dft du \u2026?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Yra sah sie nicht an, polierte weiter ein Glas mit einem nicht mehr ganz sauberen Handtuch, hielt es gegen das Licht einer Kerzenflamme, runzelte die Stirn und polierte eine Stelle nach. <\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u201eWenn eine mittags mit diesem Blick zum Fr\u00fchst\u00fccken kommt \u2026\u201c Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Ton blieb genauso ruhig wie ihre H\u00e4nde, als sie das Glas zur\u00fcck ins Regal stellte und nach dem n\u00e4chsten griff. \u201eJede hier hat ihre Geschichte.\u201c Sie deutete mit dem Kinn in den Raum voller Kr\u00e4henschwestern. \u201eUnd wir alle kennen diese N\u00e4chte.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wird es besser?\u201c, fragte Elyf, ohne das Gesicht aus dem Kaffeedampf zu heben. \u201eGehen sie irgendwann ganz weg?\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Vielleicht.\u201c Yra warf das Handtuch zielsicher in einen Eimer und nahm sich ein frisches. \u201eIch kann die Angst in solchen N\u00e4chten inzwischen vertreiben, wenn es mir gelingt, mich zu wandeln. Hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich das konnte.\u201c Sie rieb weiter an dem l\u00e4ngst funkelnden Glas herum. \u201eWenn ich mir lange genug zurede, mir immer wieder sage, dass ich in der sicheren Gegenwart bin, dann kann ich irgendwann die Finger aus dieser Starre l\u00f6sen, kann mein Tattoo ber\u00fchren, mich wandeln.\u201c Yra stellte das Glas weg und zog mit einem Finger einen Kreis um das Kr\u00e4hentattoo an der Unterseite ihres Handgelenks. \u201eJede kleine Bewegung hilft. Versprochen.\u201c Sie st\u00fctzte die H\u00e4nde auf den Tresen, sah Elyf aus ihren dunklen Augen an. \u201eDu wirst das hinbekommen. Gib dir Zeit.\u201c Yra machte ein Zeichen Richtung K\u00fcche. Gleich darauf stand eine Sch\u00fcssel voll warmer, dicker Suppe vor Elyf. Yra reichte ihr einen L\u00f6ffel. \u201eDas beste Fr\u00fchst\u00fcck nach einer dieser N\u00e4chte\u201c, sagte sie nachdr\u00fccklich. \u201eIss.\u201c<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Constantia, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Elyf tauchte den L<\/span><span style=\"font-size: medium;\">\u00f6ffel ein. Es kam ihr gar nicht in den Sinn zu widersprechen. Und eine bessere Suppe hatte sie nie zuvor gekostet. Sie schmeckte nach Zuversicht und nach Zuhause.<\/span><\/span><\/p>\n<p>(Im November lassen wir uns bei @phantastischermontag von dem Song &#8222;Kid Fears&#8220; der Indigo Girls inspirieren. Die anderen Geschichten k\u00f6nnt ihr nachlesen bei: Carola Wolff <a href=\"https:\/\/carolawolff.de\/bella-ella\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bella Ella<\/a>, bei C. A. Raaven <a href=\"https:\/\/www.c-a-raabe.de\/phantastischermontag\/fears02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kinderspiel<\/a>, Alexa Pukall <a href=\"http:\/\/alexapukall.com\/november-kohlefresser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kohlefresser<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie waren seltener geworden diese N\u00e4chte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Ger\u00e4usch lauschte. 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