Phantastischer Montag im Juli

Auch der Juli war voller phantastischer Montage. Unser Thema war „Freundschaft“ und welche Geschichten dabei entstanden sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Des Rätsels Lösung

C.A. Raaven: Where no man has gone before

Maike Stein: Bis wir uns wiedersehen

Alexa Pukall: Lass uns zu den Sternen reisen

Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Phantastischer Montag im Juni

Im Juni haben wir uns für unser Projekt #phantastischermontag als Thema „Sommersonnenwende“ ausgesucht. Welche Geschichten dabei herausgekommen sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Kleine Teufelei

C.A. Raaven: Wendepunkt

Maike Stein: Drachenwende

Alexa Pukall: Weiße Nacht

… und da der Juni auch einen fünften Montag hatte, gab es dieses Mal auch einen Gastbeitrag und zwar von Christina Löw: Eine Fee auf Menschenbesuch

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Bis wir uns wiedersehen

Liebe B.,

über mir flirren die Blätter unseres Olivenbaums silbrig-grün im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schließe, meine ich, Deine Stimme zu hören. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. Wenn ich in den Nachthimmel schaue, versuche ich, mir die Sterne hinter den Sternen vorzustellen, die Du von Deinem Planeten aus siehst. Ich gestehe, es gelingt mir nicht. Irgendwann …
Gestern habe ich ein Buch aus der Zeit des Aufbruchs gefunden. Wie anders damals alles war! Kaum zu fassen, dass das alles gerade einmal fünfzig Jahre her ist. Vielleicht liegt das an meinem Alter, aber wenn ich die Augen schließe, ist mir, als hätten wir uns gerade erst gestern verabschiedet. Wie untröstlich wir waren! Zwei Zwölfjährige unter einem Olivenbaum, der damals schon achtmal so alt war wie sie. Weißt Du noch? Wir haben das Losverfahren verflucht, das Deine Familie hinauf und hinter die Sterne schicken würde und meine hier an die alte Erde band. Keine von uns dachte, dass diejenigen, die zurückbleiben mussten, eine Chance hatten.
Vergib mir, heute bin ich noch nostalgischer als sonst. Ich wette, das sind die Hormone. Verdammte Wechseljahre! Was wirst Du nur von mir denken, wenn Du in ein paar Monaten diesen Brief liest? Wenn ich ihn noch rechtzeitig vor dem Ende meiner Mittagspause zur nächsten Kapsel bringen will, muss ich mich sputen. Ich verspreche, der nächste Brief wird fröhlicher. Halte mich nicht für traurig – heute sind nur die Erinnerungen besonders stark.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

manchmal – oft – frage ich mich, was uns hier so fern der alten Heimat hält, wo doch bei euch alles wieder gut zu laufen scheint. Aber natürlich kann ich das nicht laut fragen, weil hier ja alles so viel besser ist. Offiziell. Wir, aus der ersten Generation, sehnen uns alle zurück. Da bin ich mir sicher. Für die dritte und vierte Generation ist die alte Heimat nur noch eine Erzählung – so unwirklich wie ein Leben unter einem offenen Himmel. Oder ein Olivenbaum. Meine Nichten und Neffen halten mich für verrückt, wenn ich versuche, ihn zu beschreiben. Sie sagen das nicht, aber ich sehe doch, wie sie die Augen verdrehen und ihren Kindern bedeuten, die Alte nicht auszulachen. Immerhin, so viel Respekt haben sie noch.
Hier ist eine wilde Vermutung: Ich glaube, es schmuggeln mehr Menschen persönliche Briefe in den offiziellen Kapseln hin und her als nur wir beide. Ja, manchmal denke ich, das tun alle der ersten Generation. Nicht, dass irgendwer von uns darüber redet! Aber manchmal meine ich etwas in einem Blick zu sehen, eine wilde, hartnäckige Hoffnung, eine neue Zuversicht. Und dann wächst auch meine wieder.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

was für ein Fest das heute war! Wir haben das neue Olivenöl gekostet, und ich habe Deinen Brief erhalten. Jetzt sitze ich auf dem Hügel, von dem aus ich bis aufs Meer blicken kann. Ein voller Mond wirft sein Licht darüber und ist so hell, dass die Bäume hier oben Schatten haben. Bei so einem Anblick sind die Erinnerungen an grau-verpestete Luft und Plastik-verseuchte Landschaften ebenso unwirklich wie ein offener Himmel für Deine Nichten und Neffen. Wie ich mir wünsche, Du wärst hier! Manchmal, wenn ich ganz früh aufwache – in der noch grauen Dämmerung, wenn der Gesang der Nachtigallen in den der Feldlerchen übergeht -, dann ist da dieser Moment, in dem ich davon überzeugt bin, dass all diese Jahre der Traum waren, und ich gleich in der Wirklichkeit die Augen aufschlagen werde, zehn Jahre alt oder auch elf und noch im Nachthemd über den Hügel zum Haus Deiner Familie laufe, um Dich zu wecken, Du Langschläferin. Wir stehlen uns ein Frühstück in Deiner Küche –
und dann werde ich richtig wach und meine verrosteten Knochen erinnern mich an mein wahres Alter. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier inzwischen wieder alle ernähren könnten, wenn tatsächlich die gesamte erste Generation zurückkehren würde … Ich weiß ja nicht einmal, wie ihr das mit einer Rückkehr anstellen würdet …
Für Dich ist immer genug da!
Das Meer schickt eine kühle Brise hinüber. Ich sollte ins Haus gehen. Aber ich werde noch eine Weile hier sitzen bleiben, wo ich das Gefühl habe, meine Wünsche zu Dir schicken zu können, bis Du sie in Deinen alten Knochen spürst.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

Du warst also dieser Schmerz tief in meinen Knochen! Und bitte: Wir sind nicht alt, nur gut gereift. Zumindest habe ich beschlossen, Falten und weiße Haare und gelegentliche Gelenkschmerzen als ein Zeichen von Würde zu betrachten. Ein Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind.
Keine Sorge, der Schmerz war nichts Ernstes, nur etwas Überanstrengung, weil ich beweisen musste, dass ich mindestens noch so fit bin wie diese Jungspunde. Die meinten doch tatsächlich, mir etwas über die Reparatur von den Versorgungsmaschinen erzählen zu können. Ha! Also bin ich durch schmale Schächte gekrochen und habe mehr Störungen behoben als sie alle zusammen. Meine Knochen haben mir das dann übel genommen (wobei mir Deine Erklärung besser gefällt). War aber nach drei Tagen auch wieder vorbei.
Noch mal: Keine Sorge! Alle Maschinen schnurren wieder. Und ich habe ein paar Teile mehr. Weißt Du noch, unsere alten Zeichnungen? Ich habe ein paar Anpassungen gemacht, und ich bin sicher, sie wird funktionieren.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

wage ich zu hoffen? Wer nicht hofft, kann auch nicht enttäuscht werden, hat meine Großmutter immer gesagt. Aber das waren andere Zeiten. Aussichtslose, wie es schien. Und sie hat ja trotzdem immer weiter gekämpft – ich glaube, sie hat gehofft entgegen allen Ängsten. Wie hätte sie sonst weitermachen können? Ich glaube, sie wollte uns Kinder abhärten, weil sie glaubte, dass wir es dann leichter hätten.
Du hast schon recht, es sind Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind, Du in meiner Ferne und ich in Deiner.
Weißt Du, dass Olivenbäume über tausend Jahre alt werden?

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

(Archiv der geheimen Briefe aus der Zeit der großen Trennung. Verfasserinnen sind vermutlich Xila K. und Berit F., erste Rückkehrerin)

Phantastischer Montag: Drachenwende

„Wir müssen feiern!“
Ich beachtete weder die aufgeregt hervorgestoßenen Worte noch die hektisch flatternden Drachenflügel des kleinen Unholds, der meinen Kopf umschwirrte. Dabei sollte ich schon nach diesen wenigen Wochen mit meinem neuen Mitbewohner wissen, dass diese Strategie bei einem Drachen nutzlos war (der im Übrigen mich als die neue Mitbewohnerin betrachtete, aber das war nur sein Standpunkt). Ich beugte den Kopf etwas tiefer über den Schreibtisch und außerhalb der Drachen-Fluglinie, ganz nah über die Fotos. T. hätte gewusst, in welche chronologische Reihenfolge sie gehörten. So viel Lachen darauf. So viel Leben. Winzige Krallen bohrten sich durch mein Hemd in meine linke Schulter.
„Hörst du mir überhaupt zu?“ Er packte mein Ohrläppchen und zog daran.
„Au! Lass das! Ohrläppchen sind nicht zum -“
„Hast du schon oft genug gesagt.“ Er gab das schmerzende Teil frei, und ich schielte – mit hoffentlich verärgertem Blick – zu ihm hinunter. Der kleine Drache hatte die Vorderpfoten verschränkt. „Aber wenn ich nur so deine Aufmerksamkeit bekomme, kannst du nicht erwarten, dass ich damit aufhöre.“
Drachenlogik. Ich stöhnte. Aber nur innerlich, so viel hatte ich bereits gelernt. „Mir ist nicht nach feiern.“
„Tja, blöd für dich. Aber die Sonnenwende richtet sich nicht nach deinen Launen.“
„Ist mir egal.“ Ich schob die Fotos auf meinem Schreibtisch herum, arrangierte sie neu und fing wieder von vorne an. Aber es spielte keine Rolle. Egal, wie ich sie hinlegte, sie würden doch kein vollständiges Bild ergeben. Ein leichter Schlag auf meinen Hinterkopf – ein Flügelschlag – riss mich aus meiner Versunkenheit. „Hey!“
„Hast du mir überhaupt zugehört? Du hast mir nicht zugehört!“ Ein empörter blau-grüner Drache flatterte vor meinem Gesicht herum. „Ich erzähle dir die gesamte Geschichte, die Legende, das geheime Wissen der Drachen um die Sommersonnenwende, und du hörst mir nicht einmal zu!“ Er flatterte so wild mit den Flügeln, dass ich den Wind an meinen Wangen spürte. „Menschen!“ Eine kleine Flamme, die sich schnell vergrößerte, ließ mich zurückzucken. Na gut, sie war nicht größer als die Flamme eines Feuerzeugs (nicht auf maximalem Volumen eingestellt), aber trotzdem schien mir der Rückzug angebracht. „Pah!“ Die Flamme erlosch, und der kleine Drache sauste durch die Luft, drehte Pirouetten, schraubte sich höher und höher hinauf, kam im Sturzflug wieder hinunter – mir schwindelte schon vom Zusehen. Den Kleinen schien das nichts auszumachen. Er raste über die Fotos hinweg, wirbelte sie auf.
„Hey!“ Ich griff nach ihm, aber er war zu schnell. Einen Moment lang wirkte es, als würden die Bilder nicht fallen, sondern still in der Luft hängen, während ein blau-grüner Blitz zwischen ihnen umher schwirrte. „Stopp!“ Ich umklammerte die Sitzfläche meines Stuhls, weil ich nicht zwischen den Bildern herumfuchteln und sie beschädigen wollte. Oder den verdammten Drachen verletzen. Der landete auf der Oberkante meines ausgeschalteten Bildschirms und sah zu, wie die Fotos zurück auf den Schreibtisch sanken. Alle mit der Rückseite nach oben, als wären sie beleidigt.
Der kleine blau-grüne Drache balancierte auf der Bildschirmkante und spähte zu ihnen hinunter. „Was ist so verdammt interessant an denen?“
„Geht dich nichts an.“ Ich ertrug den Anblick der nackten Rückseiten nicht und funkelte stattdessen den Drachen an. „Wie heißt du überhaupt? Du schwirrst seit Wochen hier in der Wohnung herum (die Formulierung ‘in meiner Wohnung’ hatte ich zu meiden gelernt), und ich kenne nicht einmal deinen Namen! Soll ich dich ewig kleiner Drache nennen?“
Der kleine Drache (!) richtete sich auf, hielt mit den gespreizten Flügeln mühelos sein Gleichgewicht, und musterte mich. Dabei vermittelte er ebenso mühelos das Gefühl, mindestens das 100fache seiner eigentlichen Größe zu haben. „Du hast bisher nicht gefragt“, sagte er schließlich.
Er hatte recht. (Was ich unter keinen Umständen laut aussprechen würde.) „Ich dachte, ihr Drachen habt da so ein Ding mit euren Namen. Also, dass ihr, ähm, es heißt doch, dass ihr eure Namen nicht verratet – also, sie Menschen nicht verratet.“ Ja, ich fand mich auch nicht sonderlich eloquent. Der kleine Drache legte den Kopf zur Seite und schwieg. „Ich wollte höflich sein“, setzte ich nach und machte es damit kein Stück besser.
„Du glaubst also dem, was Menschen sich über Drachen ausdenken, aber wenn dir ein echter, ein leibhaftiger Drache grundlegende Wahrheiten über Drachen erzählt, dann hörst du nicht zu?“ Der kleine Drache, der immer noch viel größer wirkte, als er war (sehr verwirrend, zumal er mit der scheinbaren Größe meinen Bildschirm schlicht zerquetscht hätte), seufzte lange und ausführlich.
Ich ließ den Kopf hängen. „Ich war abgelenkt.“
„Ich weiß.“ Und dann hüllten blau-grüne Flügel mich ganz und gar ein und hielten mich, und mir war egal, wie der kleine Drache das fertigbrachte. Es fühlte sich einfach nur gut an. Als wäre ich an einem Ort fern von allem. Warmer Drachenatem strich an meinem Ohr entlang. „Es ist okay, sie zu vermissen.“
„Das geht nie wieder weg“, flüsterte ich. Und ich war nicht bereit für noch eines dieser Löcher in meinem Leben.
„Ich weiß.“ Die Flügel hielten mich noch ein wenig fester. In dieser Umarmung konnte ich zittern, ohne zu fallen. „Ich weiß.“ Vielleicht sagte er das ein Mal, vielleicht hunderte Male. Und irgendwann sagte er: „Erzähl mir von ihr.“ Zeit ballte sich zusammen und dehnte sich aus. Irgendwann kamen die ersten Worte. Vermutlich ergab nichts von dem, was ich erzählte, viel Sinn. Die Erinnerungen kamen aus mir hervor wie ungeordnete Fotos, deren Zusammenhang nur Eingeweihte verstanden. Ich redete und verstummte und redete weiter. Bis die Worte aufgebraucht waren. Bis die Stille gut tat.
Eine feuchte Schnauze stupste mich an. „Genau deswegen müssen wir feiern. Für die Erinnerungen. Und weil es schwer ist. Und weil es schöner ist, sich gemeinsam zu erinnern.“
Ich nickte und vertraute darauf, dass er diese Bestätigung auch ohne Worte verstand. Ich schluckte einige Male, bis ich mir meiner Stimme wieder sicher war. „Ich weiß immer noch nicht, wie du heißt.“
Ein leises Kichern ließ den Raum zwischen seinen Flügeln sanft beben. „Ich heiße Ti’run – mit einer Pause zwischen den Silben, lang genug für eine kurze Flamme.“

Phantastischer Montag im Mai

Im Mai haben wir uns den „Tag der verschwundenen Socke“ als Thema vorgenommen – und wieder sind dabei die unterschiedlichsten Geschichten herausgekommen. Nachlesen könnt ihr sie hier (in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Seine letzte Masche

C. A. Raaven: Worst Case Scenario

Maike Stein: Sockenfrieden

Alexa Pukall: Ein passendes Paar

#phantastischermontag: Vier Autor*innen, ein Thema, max. 1000 Wörter pro Geschichte (na ja, manchmal legen wir das sehr großzügig aus), Genre: Phantastik – und jeden Montag wird eine neue Geschichte veröffentlicht.

Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.

Phantastischer Montag im März: Wald

 

 

 

Im März hieß das Thema für unsere phantastischen Geschichten „Wald“. Unter den folgenden Links könnt ihr sie alle noch einmal nachlesen:

Carola Wolff: Flötentöne
C.A. Raaven: No One Knows
Maike Stein: Wintersonnenwende
Alexa Pukall: Ein stilles Jahr

Und da der März fünf Montage hat, gibt es am 30.03.2020 noch eine Geschichte, einen Gastbeitrag. Von wem und wo ihr den nachlesen könnt, wird dann hier verraten. 😉

Phantastischer Montag: Wintersonnenwende

(Eigentlich hatte ich für das Thema „Wald“ eine andere Geschichte angedacht – aber so nach den Entwicklungen der letzten Wochen und Tagen wollte ich doch lieber eine Geschichte, die etwas optimistischer ist … Hier also ein Einblick in das Leben einiger Waldwesen. Viel Vergnügen beim Lesen!)

Es durfte heute nicht regnen. Faunia presste die Augenlider fest zu. Dieses Rauschen musste noch zu ihrem Traum gehören. Sie würde einfach weiterschlafen, bis das Geräusch verschwand. Doch so sehr sie sich den Schlaf zurücksehnte, er verweigerte sich. Faunia stöhnte missmutig. Also gut, also gut. Sie klemmte die Felldecke unter dem Kinn ein und stützte sich auf die Ellbogen.
Erst dann öffnete sie die Augen. Der Boden ihrer Felshöhle hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt. Von dem Felsvorsprung, auf dem ihr Bett war, starrte sie hinab in das schäumende Nass.
Nee. Also wirklich nicht. Nicht heute.“ Das Echo ihrer Stimme hallte frostig von den Höhlenwänden wieder. Dort, wo sich das Wasser am rauen Fels verfing, wuchsen Eisranken in die Höhe.
Kälte stahl sich unter ihre warme Decke, legte sich auf Faunias Haut, drang ihr bis auf die Knochen. Wenn Knochen eine Gänsehaut bekommen könnten, würden deren Spitzen sich von innen gegen ihre Haut drücken. Faunia schüttelte sich. Vielleicht war es an der Zeit, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und das Unvermeidliche hinzunehmen. Alles ging einmal zu Ende. Und lieber nahm sie ihr Ende im Warmen hin als in der eisigen Luft.
Langsam sank sie zurück auf ihr Bett aus Moos und Federn. Schon besser. Nur ließen sich jetzt, da sie einmal aufgewacht war, die Gedanken nicht aufhalten. Sie wanderten und hüpften, als wäre längst Frühling, neckten sie mit Ideen und tollten umher wie sie selbst in jungen Jahren auf einer Sommerwiese.
Ich bin aber nicht mehr jung“, sagte Faunia laut und hoffte, der Klang ihrer knarzigen, alten Stimme möge die Gedanken zur Vernunft bringen. Die tollten unbeeindruckt weiter.
Faunia rollte sich auf die Seite. Blinzelte in das schäumende Wasser hinab. Blickte die Eisranken empor, die im dämmrigen Morgenlicht träge glitzerten, das durch den Vorhang aus Farn am Höhleneingang fiel.
Damit wollt ihr mich wohl beeindrucken“, murmelte sie. „Klappt aber nicht.“ Von den Eisranken kam keine Antwort. Die mussten auch gar nichts sagen, schließlich war klar, dass sie am Ende gewinnen würden, wenn Faunia hier liegen blieb. Irgendwann würden sie bis zu ihr hinauf gewandert sein und über ihre Decke kriechen. Sie einschließen. Ein kaltes Grab. Faunia fröstelte und ihre Gedanken schreckten zusammen.
Sie könnte wenigstens versuchen, sich noch ein Mal aufzusetzen. Bis auf die Ellbogen hatte sie es schließlich schon geschafft gehabt, von dort wäre es dann nur ein kleiner Schritt weiter.
Der Frost küsste sie auf den Nacken. Jeder Wirbel in ihrem Rücken knackte. Faunia streckte sich im Sitzen und zog ihren Wollumhang von dem Haken an der Felswand. Sie schlug den Umhang kräftig gegen den Fels, mehrere Male, um ein wenig von der Kälte aus dem Kleidungsstück zu vertreiben. Dann legte sie ihn sich um die Schultern.
Jetzt, wo sie schon saß, konnte sie auch eine Kleinigkeit essen, beschloss Faunia. In der Schüssel neben dem Bett fanden sich noch ein paar Nüsse. Während sie eine nach der anderen kaute, hakte sie die Schüssel in den Krummstab ein und tauchte sie in den Bach unter ihr. Auch ein Schluck Wasser konnte nicht schaden.
Die Kälte des eisigen Nass fuhr ihr von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der die Eisranken zum Klirren und Splittern brachte. Faunia lachte. Der dunkle, tiefe Klang hellte ihre Stimmung auf. Sie schob die Decke von sich. Sofort griff die Kälte nach ihren Knien.
Das hättest du wohl gern, das ich jetzt wieder aufgebe“, murrte sie ihr zu und zwang sich auf die Füße. „Pech gehabt.“
Der Wollumhang kitzelte ihre Zehen, ließ sie kichern, auch wenn der Blick zum Höhleneingang eine von Eis überzogene Kletterpartie versprach. Ihre Gedanken hüpften voraus, zeigten ihr den Weg über Felsvorsprünge und entlang schmaler Absätze. Einige Stellen waren sogar frei von Eis. Faunia machte einen Schritt vom Bett und den nächsten von ihrem Schlafpodest hinüber auf die erste Stufe der in den Fels gehauenen Treppe. Doch anstatt wie sonst hinunterzugehen, setzte sie den Fuß auf einen kleinen Felsabsatz, den die Eisranken noch nicht erreicht hatten. Von dort tastete sie sich weiter voran.
Ein Sonnenstrahl fiel durch den Farnvorhang herein. Er schickte Tausende glitzernder Boote über den Bach. Sie tanzten auf seinen Schaumkronen, schienen die Wildheit des Wassers zu verlachen. „Leicht für euch“, brummelte Faunia und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg. Das Eis drang selbst durch ihre von Wind und Wetter gegerbten Fußsohlen, wollte sich frostig in ihr festsetzen. Doch Faunia blieb nicht stehen. Solange sie sich bewegte, konnte das Eis keinen Halt in ihr finden.
Endlich erreichte sie den Farnvorhang. Die Ranken aus blassem Wintergrün raschelten, als sie sie behutsam zur Seite strich. Der Morgen draußen war nicht viel wärmer als ihre Höhle. Aber die Sonne schien. Kein Regen. Sie legte die Ranken über einen kleinen Vorsprung neben der Öffnung, damit das Licht bis in den letzten Winkel der Höhle fallen konnte. Dann trat sie hinaus.
Neben dem Eingang lehnte Friss und grinste sie an. „Dachte schon, du würdest heute nie aufstehen.“
Bah, ich doch nicht.“ Faunia versetzte dem kleinen Troll einen Stoß gegen die Schulter. Dazu musste sie sich mächtig strecken. Ihr war, als führen Luft und Sonnenlicht zwischen ihre Knochen und vertrieben die letzten Reste der Wintermüdigkeit. „Gehen wir Holz sammeln, oder was? Wir haben eine Feier vorzubereiten!“
Und das hatten sie wirklich. Der kürzeste Tag stand bevor, es galt, das zurückkehrende Licht zu begrüßen, daher musste vieles hineinpassen in diesen kurzen Tag, wenn sie die Nacht mit ihren Feuern erleuchten und mit allen aus dem Wald feiern wollten.

Der Tag verflog mit den Vorbereitungen. Sie trugen Essen und Holz zusammen, und alle brachten mit, was ihre Wintervorräte noch hergaben. Sie gruben die Feuerstellen aus dem Schnee frei, schichteten die Äste und Zweige auf. Mit der ersten Dunkelheit loderten die Flammen auf. Knisternd und knackend vertrieben sie auch die letzte Kälte aus Faunias Knochen. Durch die tanzenden Feuerzungen blickte sie zu Friss und den anderen Waldlebewesen und war froh, dass sie am Morgen doch aufgestanden war. Noch war es nicht Zeit für das Ende.