Phantastischer Montag im Februar: Narrenmond

Im Februar war unser Thema: Narrenmond – früher auch ein anderer Name für ebendiesen Monat, in dem die Winterdämonen ausgetrieben, Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt wurden (und was früher einen ganzen Monat dauerte, wurde mit der Christianisierung auf die Fastnacht zusammengeschrumpft).

Die Geschichten zum Februar findet ihr hier:

Carola Wolff: Opfer

C. A. Raaven: Tanz im blassen Mondlicht

Maike Stein: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

Alexa Pukall: Das Ritual

Viel Spaß beim Lesen! Und wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare. 🙂

Phantastischer Montag: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

„Ich habe schon wieder gewonnen.“ Ranka ließ die zwei vorderen Beine ihres Stuhls auf den Boden knallen und legte ihre Karten eine nach der anderen auf den Tisch. Vier Totenköpfe und eine Sonne.

„Das fängt an zu nerven.“ Tara warf ihre Karten dazu. Zwei Wasserspiralen, ein Sturmhimmel, eine Sonne, eine Blumengirlande.

„Fängt an?“ Lore starrte zu Ranka, als wollte sie ihr mit dem nächsten Atemzug Tricksereien unterstellen. „Das ist das 395. Mal! Hast du einen Handel mit Schicksal abgeschlossen oder was?“

„Bin doch nicht verrückt.“ Ranka packte ihre Füße auf den Tisch, rieb an einem unsichtbaren Fleck am linken, türkisen Stiefel. „Außerdem hat die sich ewig nicht mehr blicken lassen.“

„Hmpf.“ Lore ließ ihre Karten fallen. Eine Sonne, zwei Sturmhimmel, zwei Blumengirlanden. „Nicht mal ein Gnaden-Dreier“, murrte sie. „Wir sollten was anderes spielen.“

Sie schwiegen. Draußen heulte der Wind durch die Bäume. Zweige kratzten an der Hausmauer. Fensterläden klapperten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf mit dem Wind um die Wette.

Ranka sammelte die Karten ein, nahm den Reststapel auf. „Das sagst du seit der ersten Runde.“ Sie klopfte mit dem Kartenstapel auf den Tisch und begann zu mischen.

„Vielleicht meine ich es dieses Mal ja ernst.“

„Ha!“ Tara nahm den Kartenstapel von Ranka. „Wann meinst du schon mal was ernst?“ Sie mischte die Karten noch einmal. „Nur um sicherzugehen.“ Sie blinzelte Lore zu. Die verdrehte ihre grün-funkelnden Augen und streckte eine Hand aus.

„Her damit. Ich gebe.“

Keine von ihnen sprach, während Lore die Karten verteilte. Keine sprach, als sie die Karten umdrehten und das Spiel von neuem begannen. Keine sagte ein Wort, als Ranka wieder gewann. Wieder mit demselben Blatt. Nur Taras leuchtend blaue Augen verdunkelten sich, als zöge in ihnen ein Sturm herauf, heftiger als der Wind draußen, während Lore die Karten mischte.

Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachschindeln. „Sollte das nicht schneien oder hageln?“, brummelte Tara, aber keine von ihnen blickte auf, keine von ihnen sagte ein Wort. Sie spielten.

Immer wieder gewann Ranka.

Immer wieder mit vier Totenköpfen und einer Sonne.

Nach der 573. Runde stand Lore auf und holte den Veilchenschnaps aus dem Schrank. In der Stimmung, in der sie war, hätte sie auch gleich aus der Flasche getrunken – aber da waren noch die beiden anderen, da hieß es Anstand wahren. Sie nahm also drei der kleinen Gläser aus dem Schrank und schob die Tür mit einem Fuß zu. Zurück am Tisch schenkte sie die Gläser randvoll. Schweigend leerten sie sie alle auf einen Zug.

Tara stellte ihr Glas leise ab. „Das ist nicht mehr komisch.“

„Allerdings.“ Lore schubste ihr Glas in einem Zickzackmuster über die Tischplatte. Ranka blockierte es mit einer türkisen Stiefelspitze.

„Kommt schon. Ihr gebt dem doch nicht wirklich irgendeine Bedeutung! Es sind nur Karten.“

Lore goss die Gläser erneut voll. „Wir sollten es zumindest in Betracht ziehen.“

Sie tranken und knallten gleichzeitig die leeren Gläser auf den Tisch. Ranka wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Ihr wisst, was passiert, wenn wir sie zu früh wecken.“

„Aber wenn wir zu lange warten …“ Tara klopfte mit dem Glas auf dem Tisch herum. Tok, tok, tok, tok, mischte sich das Geräusch unter den Regen, der immer noch gegen die Fensterscheiben schlug und auf das Dach prasselte. „Hört sich das da draußen für euch nach Winter an?“

Lore starrte zum Fenster. „Könnte auch eine List sein.“ Sie hob fragend die Flasche. Die anderen beiden nickten. Der Schnaps brannte süßlich-scharf in ihren Kehlen. Tara schlenderte zum Fenster hinüber. Die dicken, welligen Scheiben boten einen verzerrten Blick ins Draußen.

„List oder nicht – wir müssen eine Entscheidung treffen.“ Sie fuhr die Bahnen der hinab rinnenden Tropfen nach. Als könnte ihr das dabei helfen. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Eisblumen?“

„Keine Ahnung.“ Lore füllte glucksend die Schnapsgläser auf.

Ranka kippte ihres mit geschlossenen Augen. „Können wir nicht erstmal auf Erkundung gehen?“ Sie schob Lore ihr leeres Glas hin.

„Ranka, Liebes, ich weiß, du bist neu – verhältnismäßig neu“, lenkte Lore ein, nachdem Ranka die Füße in den türkisen Stiefeln auf den Boden knallte, „– aber auch du kennst Regel Nummer eins. Wenn wir da zur Tür hinausgehen, gibt es kein Zurück, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.“

„Und um die Schlacht zu gewinnen“, fuhr Tara fort, die inzwischen die Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt hatte, „müssen wir sie wecken.“ Sie drehte sich zu den beiden anderen um. „Also, wer geht dieses Mal?“

„Ranka hat alle Spiele gewonnen.“ Lore blickte auf das letzte siegreiche Blatt, auf die grinsenden Totenköpfe und die hell glänzende Sonne.

„Wäre es nicht fairer, wenn wir jede eine Karte ziehen und die höchste muss –“

„Was jetzt?“, fuhr Lore dazwischen. „Glaubst du plötzlich doch, die Karten könnten eine Bedeutung haben?“

„Quatsch.“ Sie wischte mit einer türkisen Stiefelspitze über den Boden.

„Du bist die Neue, du gehst.“ Tara kam zum Tisch zurück und leerte ihr Glas, grinste, als wäre damit alles entschieden. „Ab mit dir. Ihre miese Laune beim Aufwachen hat noch keine umgebracht.“

„Und meine Vorgängerin?“

Tara und Lore tauschten einen Blick, den Ranka auch nach ein paar hundert Jahren noch immer nicht zu deuten wusste.

„Sollen wir?“

„Wirklich? Ich meine, wir wollten …“

Sie seufzten synchron und sagten dann ebenso synchron: „… wenigstens bis zu deinem 1000. Dienstjubiläum warten.“ Lore kratzte sich am Hinterkopf. Tara übernahm das Auffüllen der Schnapsgläser. „Auf die Wahrheit.“

„Und die ist?“

„Deine Vorgängerin war“, begann Lore, doch dann schüttelte sie den Kopf, gestikulierte Tara, dass sie fortfahren sollte.

„Eine Deserteurin.“ Tara verzog das Gesicht, als hätte das Wort ihren Mund schlimmer verbrannt als der Schnaps. „Daher die miese Laune der Chefin. Hat nix mit dir persönlich zu tun.“

„Ich dachte, das hier wäre ein Job für die Ewigkeit …?“

Lore zuckte mit den Schultern. „So lautet die Dienstbeschreibung. Deswegen hat uns das ja auch alle so aus dem Gleichgewicht geworfen.“

„Immerhin ging es den anderen drei Garden nicht viel besser.“ Tara schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie sonst längst endgültig unterlegen wären. Von der Wintergarde waren sogar zwei desertiert, in zwei aufeinander folgenden Jahrhunderten. Mit dem Ersatz war allerdings nicht zu spaßen. „Genug davon.“ Sie holte das vierte Glas aus dem Schrank. „Du gehst sie wecken, wir polieren die Schwerter und bereiten die Gesänge vor. Mit Winter sind wir noch immer fertig geworden! Das wäre doch gelacht.“ Sie riss die andere Schranktür auf, warf Lore das erste Schwert zu. Die fing es mit leichter Hand.

„Ab nach oben mit dir!“ Lore deutete mit der Schwertspitze auf Ranka und zwinkerte ihr zu. „Wirst sehen, in ein paar tausend Jahren schenkt sie dir nach dem Wecken auch ein Lächeln.“

Ranka hatte da so ihre Zweifel, aber sie stürmte ohne weitere Widerworte die Treppe hinauf.

Phantastischer Montag: Opfer

Und wieder ist Montag – phantastischer Montag! Im Februar heißt unser Thema „Narrenmond“, eine alte Bezeichnung für den Monat Februar, wie auch: Hornung, Schmelzmond, Taumond, Rebmond. Vor der Christianisierung wurden im Februar die Dämonen des Winters vertrieben – und das ist natürlich eine wunderbare Inspirationsquelle für ein paar phantastische Stories zum Wochenstart. 😉

Den Anfang macht Carola Wolff mit ihrer Geschichte: Opfer

 

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂

Phantastischer Montag: … und danke für den Fisch!

„Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?“

„Nee, es werden wirklich mehr.“

Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). „Die will doch nur wieder schnorren“, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.

„Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …“

Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.

Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.

„Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.“

„Die Arme.“

Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)

„Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.“

Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)

Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hin muss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.

Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.

Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, das sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.

„Na, kommst du mit?“

Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tappsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.

Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen‘.

Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.

Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.

Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.

Phantastischer Montag: Talking to Bastet

 

 

 

Dienstag ist auch noch sowas wie Montag – oder? Falls nicht: Die Zeitreise lohnt sich auf jeden Fall und das Lesen von C.A. Raavens Geschichte „Talking to Bastet“ sowieso! Gestern hat er seine Geschichte zu unserem Thema „Beantworte die Fragen deiner Katze“ veröffentlicht. Also: rüberspringen, lesen, kommentieren. 😉

(Und nächsten Montag ist dann meine Geschichte dran …)

Phantastischer Montag: Beantworte die Fragen deiner Katze

Und es geht los! #phantastischermontag
Heute gibt es die erste Geschichte: „Das Kätzchen der Apokalypse“ von Carola Wolff – und so fängt sie an:

„Ich bin die Macht, die eure sogenannte Zivilisation auslöschen wird“, sagte das Kätzchen. „In zehn Minuten, um genau zu sein. Willst du noch was erledigen, irgendwelche letzten Telefonate oder so? Dann ist jetzt die beste Gelegenheit.“

Zum Weiterlesen einfach hier klicken. 😉

Phantastischer Montag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab dem 06.01.2020 geht es los! Jeden Montag findet ihr dann eine phantastische Geschichte zum Wochenstart. Das Prinzip: Ein Thema, vier Autor*innen, vier phantastische Geschichten. Hier erklärt Carola Wolff das nochmal ausführlicher. Von ihr ist dann auch die erste Geschichte. Das Thema im Januar: Beantworte die Fragen deiner Katze. (Der 22. Januar findet sich als Datum zu diesem kuriosen Feiertag, den wir uns als Januar-Thema ausgesucht haben.)
Am zweiten Montag schreibt dazu dann C. A. Raabe, am dritten Montag übernehme ich und am vierten Montag des Monats gibt es eine Geschichte von Alexa Pukall. Und im Februar geht das Spiel dann – mit einem neuen Thema – von vorne los.

Ich bin schon sehr gespannt und wünsche allen viel Spaß beim Schreiben wie beim Lesen!

Drachenrose

(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. Es gibt jedes Mal ein paar wenige Vorgaben: die Zeile eines Weihnachtsliedes als Thema, das sich irgendwie in der Geschichte wiederfinden soll, sowie die Maximalanzahl von 1000 Wörtern, damit es übersichtlich bleibt. Das Thema dieses Jahr hieß: Es ist ein Ros‘ entsprungen. Im nachfolgenden meine Geschichte dazu.)

„Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

„Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

„Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

„Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

„Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

„Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, bunten Splittern überall auf dem Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

Ein halber Sommer – live im Radio

Wie immer bin ich spät dran mit meinem Hinweis, aber hier kommt er trotzdem für alle, die spontan sind:
Heute um 16 Uhr bin ich live im Radio Alex zu hören. Die Sendung „Auslese“ hat eingeladen, und ich darf dort mein Buch vorstellen, ein paar Auszüge daraus vorlesen … und wenn’s klappt, gibt es auch noch eine kleine Buchverlosung! Viel Spaß beim Zuhören! 🙂

Alex Berlin könnt ihr hier hören.