Phantastischer Montag: Blaue Stunde

Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der Dämmerung auf der Brücke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, zögerte, leuchtete. Die nächste in der Reihe schloss sich an und die nächste, die gesamte Brücke entlang, bis sie alle ihren Schein unter dem samtenen Abenddunkel ausbreiteten und auf dem Wasser schaukeln ließen. Die Luft war feucht-kühl und roch nach trocknendem Laub.
Abend für Abend beobachtete sie das Lichterschauspiel. „Genau so musst du es machen“, hatte Kalana gesagt. „Konzentriere dich auf einen Schritt nach dem anderen, dann läuft es wie von selbst.“

Kalana hatte leicht reden. Sie hatte jahrelange Übung in diesen Gedanken. Eine der Laternen blinkte. Aus. An. Aus. An. Aus – und wenn das passierte, wenn nur an einem Punkt die Konzentration nachließ, die Energie schwankte, würde sie verlöschen. Lixa schauderte. Die Laterne blinkte erneut. An. Jetzt zitterte ihr Licht nur noch auf dem Wasser. „Du musst einfach anfangen“, hatte Kalana gesagt. Und: „Danach wirst du mich wiedersehen.“ Lixa spürte den Kuss noch auf der Wange, die Hände auf den Schultern. Warm und dann fort, flüchtig wie ein Windhauch.

An den Rändern des Laternenlichts schien das Wasser dunkler als der Himmel. Alle Geräusche der Stadt klangen gedämpft, fern wie eine andere Welt. Als formte das Licht einen transparenten Schild um die Fußgängerbrücke. Als könnte sie hinaussehen aber niemand hinein.

„Tu es nur, wenn du dir ganz sicher bist.“ Das waren Kalanas letzte Worte zu ihr gewesen. Lixa sah einer Atemwolke nach, die sich über das gusseiserne Geländer stahl, zerfledderte. Wenn sie lange genug wartete, würde der Mond den Laternen Konkurrenz machen, das Wasser des Flusses versilbern. Wenn sie lange genug wartete, würde sie die Entscheidung wieder um eine Nacht verschieben. Wenn sie lange genug wartete, konnte sie vielleicht vergessen.

Leises Lachen durchzog die Nacht. Natürlich. Sie wusste ja auch, wie unmöglich das war. Sie hatte hingeschaut. Und das einmal Gesehene ließ sich nicht wieder ungesehen machen. Da spielte es keine Rolle, ob sie den Mut fand, daran zu glauben. Oder nicht.

Schritt eins. Tief durchatmen. Wieder und wieder. Bis die tiefen Atemzüge so natürlich waren, dass sie nicht mehr an sie denken musste. Und das war auch schon Problem eins: wenn sie an etwas nicht denken sollte, dachte sie beständig daran. Atmen. Lixa sog die kühle Luft in sich, ein belebend-kühler Schock bis hinab in die Zehenspitzen. Beim Ausatmen strömte sie warm aus ihr hinaus. Atmen.

Schritt zwei. Stillstehen. Sie spürte den festen Grund unter ihren Füßen. Fest und sich spannte er sich durch die Luft, spannte sich über das glucksende, dunkel dahineilende Wasser. Ein leichter Wind strich über ihre Wangen, floss um sie herum, eilte davon in alle Winkel der Stadt, trug jeden ihrer Atemzüge mit sich fort. Fügte sie dem Pulsieren der Stadt hinzu, einem Pulsieren aus tausenden von Atemzügen, die sich aus Fenstern stahlen, an Häuserwänden emporstiegen, durch Straßenschluchten glitten, im Laub der Bäume raschelten, Gelächter und Stimmen Kraft gaben, auf den weiten Plätzen tanzten, mühelos jeden Graben überwanden.

Schritt drei. Stillstehen, bis stillstehen unmöglich wurde.

Schritt vier. Losrennen. Mit weit geöffneten Augen und noch weiter ausgestreckten Armen. Lixa rannte und jedes Auftreffen ihrer Schritte klang laut durch die Nacht. Sie rannte, bis ihre Schritte zu Sprüngen wurden. Hoch und höher.

Schritt fünf. Mit einem Sprung aufs Brückengeländer. Mit einem Fuß balancierte sie auf dem eisernen Geländer, spürte, wie es sich mit den Steinen der Brücke verband, mit dem Ufer zu beiden Seiten, spürte die Leere vor sich, den Wind, dem sich ihr Körper entgegenreckte.

Schritt sechs. Vertrauen. Springen.

Lixa riss die Augen noch weiter auf. Sie streckte ihren Körper, bis sie mit jedem Atemzug das Pulsieren der Stadt einatmete, mit jedem Ausatmen den Rhythmus formte. Bis sie das Strömen der Luft spürte.
Sie sprang.

Die Strömung fing sie auf, verfing sich in ihren Flügeln, trug. Ihre Flügel reichten weit über ihre Fingerspitzen hinaus, schwangen sich über ihren Rücken. Schuppen schützten ihre Haut, hielten sie sicher und warm, während sie sich höher und höher hinauf schraubte, während sie das Maul aufriss und einen Feuerstrahl über den Himmel schickte, der heller strahlte als jede Laterne und begleitet von ihrem tief rumpelnden Lachen im Fluss verglühte.

Aus den Tiefen der Nacht löste sich ein Schatten, flog ihr entgegen, flog an ihre Seite. Im grün-goldenen Schimmern der vertrauten Augen sah Lixa ihre neue Gestalt zum ersten Mal. Sie streckte ihre Flügel, wollte die ganze Stadt umarmen. Die ganze Welt. Kalana blinzelte ihr zu.
Unter ihnen leuchtete der Fluss silbrig im Mondlicht.

Die Erben der Nacht – Sendetermine

Das Buch zur Serie ist bereits im Buchhandel eures Vertrauens erhältlich – und auch die erste Staffel der Serie, auf der das Buch basiert, könnt ihr bereits schauen!

Seit dem 23.10.2020 schon komplett in der ARD Mediathek!

Wer nicht gerne streamt und die Serie auf anderen Kanälen live sehen möchte, wird hier fündig:

Das Erste: Sonnabend, 31. Oktober („Halloween“), 13.00 Uhr, Folge 1 bis 4 als 90-minütiger Film; Sonntag, 1. November, 14.00 Uhr, Folge 5 bis 7 als 90-minütiger Film

Beim KiKA: Montag, 2. November 2020 (um 20.10 Uhr), bis Mittwoch, 19. November

In ONE: Ab Freitag, 27. November 2020

Viel Vergnügen mit den Vampiren!

Phantastischer Montag im Oktober

#phantastischermontag
Für den Oktober hatten wir uns mal wieder für zwei Themen entschieden:
Halloween
(Tag der) Seifenblasen

Herausgekommen sind vier sehr unterschiedliche Geschichten, die uns beim Schreiben Kopfzerbrechen und Vergnügen bereitet haben – euch beim Lesen hoffentlich nur Letzteres bescheren. 😉

Nachlesen könnt ihr die phantastischen Stories zum Wochenanfang hier (in Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Langfinger
C. A. Raaven: Anima amoris
Maike Stein: Die Geister, die ich rief
Alexa Pukall: Samhain

Viel Spaß beim Lesen! (Wir sitzen inzwischen schon an den Novembergeschichten – Thema: Gestaltwandler*innen)

Phantastischer Montag: Die Geister, die ich rief

Halloween in Ostberlin, dröhnte es mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich über den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly ließ sich immer hören. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, während ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. Aber manche Musik brauchte eben Lautstärke.

Die hier nahm mit jedem Treppenabsatz zu. Und mit jedem weiteren, den ich erklomm, wuchs in mir eine bestimmte Befürchtung. Als ich die letzten Stufen erreichte, fand sie Bestätigung. Mein Nachbar hämmerte mit den Fäusten auf meine Wohnungstür ein und schrie ununterbrochen: „Aufmachen! Lärmbelästigung! Aufmachen! Sofort!“ Er war schon ziemlich heiser. Da er mir den Rücken zuwandte, hatte er mich noch nicht bemerkt.

Halloween in Ostberlin
Hier schwoofen die Gespenster,

dröhnte es aus meiner Wohnung. Ich presste hinter meiner Maske die Lippen aufeinander, um nicht mitzusingen, und räusperte mich. Mein Nachbar hörte mich erst beim fünften Mal. Er fuhr herum, riss sich die eigene Maske vors Gesicht.
„Sie!“ Er starrte mich an, die Fäuste noch erhoben, als wäre ich die Tür, auf die er gleich wieder einschlagen wollte. Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Er ließ die Fäuste sinken und überwand seine kurzzeitige Sprachlosigkeit. „Sie, das geht aber nicht, dieser Lärm! Seit drei Stunden. Derselbe Song. Das ist – das ist …“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist eine Zumutung.“

Ich bemühte mich, Mitgefühl und Verständnis in meinen Blick zu legen. „Entschuldigen Sie. Mein Besuch ist etwas …“ Wie bezeichnete man einen kleinen Drachen, der alles um sich herum vergaß, wenn ihn etwas begeisterte? „Rücksichtslos“, schloss ich lahm.
„Allerdings“, ereiferte sich mein Nachbar. Und obwohl ich von seinem Gesicht nur Augen und Stirn sah, merkte ich ihm an, dass er jetzt am liebsten gewusst hätte, warum ich in diesen Zeiten überhaupt Besuch bekam, wer das war, wie lange diese rücksichtslose Person bleiben würde, womit man noch zu rechnen hätte, aber – er hielt sich zurück. „Unternehmen Sie was! Sofort!“, blaffte er mich stattdessen an und verschwand in seiner eigenen Wohnung, knallte die Tür hinter sich zu. Ich schloss meine auf. In Erwartung von Chaos und einem aufgedreht herumflatternden Drachen schob ich die Tür nur gerade so weit auf, dass ich mich hineinschmuggeln konnte, ohne dem Nachbarn an seinem Türspion einen Blick nach drinnen zu gewähren.

Doch bis auf die laute Musik herrschte Ruhe. Kein Drache kam im Sturzflug auf mich zu. Nichts brannte. Nicht mal ein Fitzelchen Papier lag auf dem Boden oder irgendwo sonst, wo es nicht hingehörte. Kein Luftzug, kein offenes Fenster, kein Scheppern in der Küche. Halloween, setzte der Refrain wieder ein, und ich war mit wenigen Schritten vor meiner Stereoanlage (ja, ich bin so altmodisch) und drückte auf Stopp.

In der Stille hallte mir immer noch der Refrain durch den Kopf, auch wenn ihn jetzt niemand mehr sang. So still war es hier nicht mehr gewesen seit … seit Mai. Seit ich Ti’run in der Sockenschublade (pardon, seiner Höhle) entdeckt hatte. Ich spähte zur Kommode hinüber. Die Schublade war geschlossen. Kein Laut drang hinaus.
Die Stille drängte sich von allen Seiten an mich. So still, dass ich schon die Hand nach dem Play-Knopf ausstreckte, nur damit die Musik die wispernden Stimmen in meinem Kopf übertönen würde.

Niemand hier außer dir.
Ein Drache – du hast wirklich geglaubt, da wäre ein Drache in deiner Kommode.
Du bist verrückt geworden. Durchgedreht.
Zu viel Einsamkeit kann Wahnvorstellungen auslösen.
Bestimmt hast du einfach vergessen, die Musik auszuschalten, als du vorhin gegangen bist. Wäre ja typisch. So verloren in Gedanken.
Verrückt und verloren, verrückt und verloren. Niemand hier außer dir. Verloren.

Sie kicherten und wisperten und höhnten. Ich drehte mich langsam um mich selbst, spähte in jede Zimmerecke, wünschte mir, ich könnte die Stimmen so leicht abschalten wie die Musik. Sie blieben.

Niemand hier außer dir, raunten sie mir zu, umwehten mich wie Gespenster. Ich konnte ihnen nicht einmal ausweichen, denn meine Füße fühlten sich tonnenschwer an, ließen sich keinen Millimeter heben. Ich ließ mich zu Boden sinken. Schloss die Augen. Doch den Gespensterstimmen entkam ich nicht. Sie streiften meine Haare, meine Wangen. Kühl und … feucht?

Ich blinzelte. Eine bunt schillernde, leicht zitternde Kugel, ein hauchdünnes, durchsichtiges Gebilde schwebte neben mir vorbei, sank langsam immer tiefer und zerplatzte wenige Zentimeter über dem Boden. Eine nächste folgte. Und noch eine. „Seifenblasen?“ Meine Stimme zitterte genauso wie die glänzende Kugel, die vor meiner Nase zerbarst. Ich wischte mit die kühlen Tropfen von der Nasenspitze.
„Du hast ihre Flugbahn gestört!“, empörte sich eine Stimme von hoch oben und hinter mir. Keine Gespensterstimme sondern eine, die ich in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt hatte. Ich sprang auf und fuhr herum.
„Ti’run!“

„Wer sonst?“ Er hockte auf dem Lautsprecher, der ganz oben auf dem Regal thronte, umkrallte mit einer Pfote das Fläschchen mit der Seifenblasenflüssigkeit und mit einer anderen das Teil, das wie ein zu klein geratener Tennisschläger ohne Bespannung aussieht und in die Seifenblasenflüssigkeit getaucht wird. Verträumt blickte er der nächsten Seifenblase hinterher, der ich nun nicht mehr in der Flugbahn hockte.

„Warst du die ganze Zeit über da?“, fragte ich vorsichtig und konnte die Furcht nicht abschütteln, der kleine blau-grüne Drache würde genau wie die Seifenblasen zerplatzen und verschwinden, wenn ich nur ein falsches Wort sagte (ohne dass ich wusste, was das falsche Wort sein könnte).

„Im Gegensatz zu dir.“ Ti’run blickte auf mich hinab und legte den Kopf zur Seite. „Du hättest wenigstens die Musik ausmachen können, bevor du gegangen bist. Oder mir verraten, wie man diese Technik bedient. Ich meine, es ist ein toller Song – aber auch der verliert nach zu vielen Wiederholungen an Tollheit.“

Ich widersprach nicht, obwohl ich entschieden anderer Meinung war.

Phantastischer Montag: … warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen.

„Nein.“ Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und schüttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine Körper dabei bebte.

Ich seufzte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück (heftiger Ablehnung konnte bald eine Flamme folgen, auch das hatte ich inzwischen gelernt). „Was hast du gegen das Meer?“, fragte ich Ti’run wider besseres Wissen. Schon züngelte es orange-rot im Drachenmaul. Die Streichholz-große Flamme zuckte gefährlich nah über die Schreibtischplatte, brannte dieses Mal aber nichts an.

„Wasser“, zischte Ti’run der Flamme hinterher, sobald diese erlosch. „Tonnen und Tonnen von Wasser. Unmengen!“ Er starrte mich aus seinen nachtblauen Augen an. „Feuerfeind“, knurrte er und seine in allen Blau- und Grüntönen chargierenden Schuppen glitzerten im Licht der Schreibtischlampe. Meine Vision von einem Urlaub am Meer hingegen verdunkelte sich.

„Es ist ja nicht der Atlantik“, versuchte ich es, „nur die Ostsee. Und ich geh höchstens mit den Füßen rein.“ (Ja, ich bin eine Mimose, was Wassertemperaturen betrifft.)
Ti’run schnaubte und Rauchkringel stiegen aus seinen Nüstern auf. Er starrte dem Rauch hinterher, bis die Kringel auseinanderflossen, dann verschränkte er die Vorderbeine und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf die Schreibtischplatte sinken. „Bleiben wir doch einfach hier.“ Er schmiegte den Kopf an die verschränkten Pfoten und schloss die Augen, als wäre damit alles geklärt. Selbst seine Augenlider gaben eine ganze Palette von Meeresfarbtönen zum Besten. Da war das silbrige Leuchten von Mondlicht auf dunklem Wasser, das strahlende Türkis südlicher Gefilde unter der Mittagssonne, das Dunkelblau tiefer, kalter Stellen, blitzartig aufzuckendes Gewittergrün, das über die Länge seines Rückens lief, um es sich zwischen all den anderen Blautönen dort gemütlich zu machen. Zähne und Krallen leuchteten weiß wie Schaumkronen – jeder noch so flüchtige Blick auf den kleinen Drachen weckte Meeressehnsucht.

Vielleicht sollte ich ohne ihn fahren. Sofort hob mein schlechtes Gewissen sein hässliches Haupt, kreischte etwas von Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Misstrauen schaltete sich dazu und malte mir ausführliche Bilder davon, was so ein kleiner, allein gelassener, rachsüchtiger Drache alles anstellen mochte. Viel zu viel Brennbares. Ich erschauerte.

„Denk nicht so laut“, murmelte Ti’run. „Ich versuche hier zu schlafen.“ Er hob ein Augenlid halb hoch. Ich gab mir Mühe, nicht so schuldig auszusehen, wie ich mich fühlte. Vermutlich misslang es.

„Tu nicht so, als könntest du Gedanken hören“, gab ich zurück und hoffte, dass das stimmte. Ich wusste noch immer entschieden zu wenig über Drachen.

„Aber ich kann sie spüren“, grummelte Ti’run. „Was immer du denkst, die Stille wird ganz schwer davon.“ Er hob auch das zweite Augenlid halb in die Höhe. „Und das belastet mich.“

Wir starrten uns durch die schwere Stille hinweg an, und ich verstand, warum er darin nicht einschlafen konnte. Sie machte nervös und weckte das Verlangen herumzuzappeln, während sie gleichzeitig alle Glieder lähmte. „Kannst du dem Meer nicht wenigstens eine Chance geben?“, fragte ich schließlich.

Eine kleine Flamme knisterte an Ti’runs Maul, doch er löschte sie sogleich wieder mit der Zunge. Wieder ein Knistern. Wieder Stille. Knistern. Stille. Knistern –
„Warum kannst du nicht ans Meer?“

„Warum, warum, warum! Was anderes fällt euch Schriftstellerinnen auch nicht ein, was?“, schnaufte Ti’run. Aber er sah mich dabei nicht an, starrte auf seine Pfoten, kratzte auf der Tischplatte herum. Ich wollte schon etwas sagen (vorsichtig anmerken, dass ich dieses Holz wirklich sehr mochte), da sprang der kleine Drache auf. „Meine Mutter lebt dort!“ Er schlug mit den Flügeln und drehte mehrere Runden um den großen Bildschirm. Dabei warf er mir bei jeder Kehre Blicke zu, die deutlich sagten: Da bitte, da hast du’s! Zufrieden?

War ich natürlich nicht. Wie auch? Natürlich konnte ich mir für das Warum alles mögliche ausmalen. Vielleicht fraßen Drachen ihren Nachwuchs, wenn der bis zu einem bestimmten Alter nicht verschwunden war, vielleicht hatte Ti’run seine Mutter tödlich beleidigt, vielleicht war ein Feuerdrache als Nachwuchs für einen Seedrachen – Moment mal, ich wusste doch gar nicht …

„Ich kann dich schon wieder denken hören.“ Ti’run balancierte auf dem schmalen, oberen Rand des Bildschirms, die Krallen sorgsam darum gebogen, die Flügel ausgestreckt. Ich sagte nichts wegen der Krallen, seufzte nur: „Erklärst du’s mir?“
„Du gibst ja doch keine Ruhe sonst“, grummelte Ti’run. „Meine Mutter lebt am Grunde der Meere“, hob er an.

„Welcher Meere?“

„Aller – Meere – klar? Sie ist groß. Und jetzt unterbrich mich nicht mehr, sonst höre ich auf zu reden und spreche nie wieder davon.“

Ich legte mir eine Hand vor den Mund. Ti’run verdrehte die Augen. Ich ließ die Hand, wo sie war, als Erinnerung für mich, nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zu sagen.

„Also. Meine Mutter lebt am Grunde der Meere.“ Ti’run funkelte mich an. Ich presste hinter der Hand die Lippen aufeinander. „Sie hat sich dorthin zurückgezogen, als ihr Menschen zu aufdringlich geworden seid. Ich meine, ihr seid einfach überall! Für einen großen Drachen, der seine Ruhe haben will, ist es schwer, da noch Raum zu finden. Sie lebt also seit mehreren Jahrhunderten am Meeresgrund und will von der Welt oben nichts mehr wissen.“ Ti’run kippelte auf dem Bildschirmrand vor und zurück. Ich gab keinen Laut von mir.

„Sie will nicht mal sagen, seit wie vielen Jahrhunderten. Jedenfalls sind seitdem einige Generationen von Drachen geschlüpft. Und die meisten sind mit dem Unterwasserleben sehr einverstanden. Nur ein paar von uns eben nicht.“ Ti’run legte eine Pause ein und beobachtete mich unablässig.

Meine Lippen brannten vor ungefragter Fragen (sag nichts, sag nichts, sag nichts).

„Ich bin der Jüngste der Rebellen, die an Land gegangen sind. Solange wir noch klein sind, können wir unbemerkt bleiben. Dir bin ich ja auch ewig nicht aufgefallen.“ Er ließ eine Flamme aufzüngeln. Tanzen. Ich biss die Zähne zusammen. Ti’run fing die Flamme wieder ein. „Sie ist nicht sehr begeistert von rebellischen Drachen. Und wenn wir dem Meer nahe kommen, spürt sie unsere Gegenwart. Dann hebt sie eine Pfote. Oder einen Flügel. Den Schwanz. Oder den Kopf. Und das Meer hebt sich mit ihr. Fängt uns wieder ein. Ist Sidun passiert, meiner Schwester. Ich habe sie seit dreiundneunzig Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich lässt Mutter sie keine Sekunde aus dem Blick. Oder hat sie tief in den Gesteinsschichten unter dem Meer vergraben.“ Ti’run nickte mehrmals. „Die Küste ist damals eingestürzt. Mit allen Orten und Menschen und Tieren im Meer ertrunken. Du siehst also, wenn ich ans Meer gehe, würde eine Katastrophe folgen.“ Er stieß sich vom Bildschirm ab, der leicht schwankte, schoss hoch zur Decke, zog eine Runde um den Lampenschirm. „Nie. Ans. Meer. Verstanden?“

Langsam ließ ich die Hand sinken, den Kopf voller riesiger Drachen, die sich in den Weltmeeren herumtrieben. Ich nickte. Ti’run zwinkerte mir zu und zischte davon. In mir flackerte ein neuer Gedanke auf. Hatte der kleine Drache sich diese Geschichte vielleicht nur ausgedacht? Aber warum? Nur, um nicht ans Meer zu müssen?
Warum?

Phantastischer Montag im August

Im August konnten wir uns zum ersten Mal nicht auf ein Thema einigen, daher haben wir schlicht die beiden Themen zur Auwahl gestellt, die die meisten gleich vielen Stimmen erhielten. Daher sind Geschichten zu den Themen „Tag der Verschwundenen“ und „Frankenstein“ entstanden:

Carola Wolff: Vicky

C.A. Raaven: Resurrection reloaded

Maike Stein: Nachtlauf

Alexa Pukall: Der Schöpfer aller Dinge

Und da der August wieder fünf Montage hat, gibt es auch in diesem Monat einen Gastbeitrag. Dieses Mal von …

Phantastischer Montag: Nachtlauf

In der Nacht rannte sie über die Dächer. Den Sternen näher als dem Boden (auch wenn das nicht stimmte, es fühlte sich wenigstens so an). Solange sie sich nicht erwischen ließ, konnte sie sich Freiheit einbilden. Diese Momente halfen beim Erinnern.
Sie rannte über die Dächer. Ihre Arme und Beine schnitten durch den Wind, der gegen ihre Brust drückte, an ihre Stirn schlug, in ihren Ohren rauschte, ihr den Kopf füllte und den ganzen Körper. Bis sie meinte, sich wieder dem Wind entgegen werfen zu können, die Flügel zu spannen, getragen zu werden, hoch hinauf zwischen die Sterne. Fort und fort und fort und fort.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Wenn sie die Flügel aufspannen wollte, war es vorbei. Alles stoppte.
Nur der Wind blieb und rief. Und sie flüchtete wieder durch einen der Luftschächte hinab und zwischen die Mauern, die sie von ihm abschnitten. Dann krümmte sie sich auf der viel zu kleinen Matratze zusammen, zog die kratzige Decke über sich und schloss die Augen vor der Dunkelheit. Es roch noch immer nach dem heißen Öl der Maschinen, nach glühendem Eisen und Kohlefeuer. Die Öfen strahlten auch in der Nacht ihre Hitze ab, die nicht genug war. Falsch war. Trotz der hohen Schlote hing der Rauch beständig zwischen den Mauern, verschwand der zischend aufsteigende Wasserdampf nie aus diesen Hallen, setzte sich in jedem Stück Stoff fest, brachte die Steine zum Schwitzen. In der Nacht standen die großen Maschinen still, aber ihr Stampfen dröhnte weiter durch ihren Kopf. Nur im Wind, auf den Dächern, verschwand es.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie würde nicht zulassen, dass sie aus ihrem Gedächtnis verschwanden. Sie würde nicht werden wie die mit den leeren Augen. Die nicht mehr über die Dächer rannten. Zu ihnen würde sie nie gehören. Dafür würde sie nicht lange genug hier sein.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie suchten nach ihr. Daran hielt sie sich fest. Irgendwo dort draußen zwischen den Sternen waren sie und würden nie aufgeben, würden sie niemals aufgeben.
Vor jeder Schicht gelang es ihr, etwas von dem Serum auszuspucken, das ihnen allen verabreicht wurde. Es betäubte ihre Flügel. Tötete ihr Feuer. Solange du nie die volle Dosis schluckst, hast du eine Chance, hatte die alte Vida gesagt, und: Hör nie auf zu rennen.

Das war ganz zu Anfang gewesen. Sie hatte aufgehört, Tage, Wochen, Nächte zu zählen. Nur ein Mal hatte sie das bedauert. Als die alte Vida gestorben war. Sie würde nie ihr Todesdatum wissen. Aber sie würde sich an sie erinnern. Und die Erinnerung an sie würde sie mitnehmen, wenn sie endlich diesem Ort entkam. Bis dahin würde sie weiter ihrem Rat folgen, spucken und rennen. Die Arbeit erledigen, den Kopf gebeugt halten, nicht auffallen. Spucken und rennen.

Unter der kratzigen Decke murmelte sie die Namen ihres Clans vor sich hin, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis sie einschlief, träumte sie, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis am Morgen die Sirenen schrillten, alle auf die Füße rissen. In die Tage nahm sie sie nicht mit.

Sie formten den Stahl zu unzerreißbaren Ketten, zu Stangen für Käfige, die sich nicht brechen ließen. Am schlimmsten waren die Klingen. Die tödlichen Schneiden und Speerspitzen, stark genug, jeden Schuppenpanzer zu durchdringen. In eine davon hatte sich die alte Vida gestürzt, als sie nicht länger rennen konnte. Ich werde selbst über meinen letzten Weg bestimmen, hatte sie an jenem Morgen unter den kreischenden Sirenen gesagt. Sie hatte erst begriffen, als Vida ihr das Versprechen abnahm, sie nie zu vergessen.Wünsche waren gefährlich. Wünsche weckten Sehnsüchte. Trotzdem hatte sie sich gewünscht zu wissen, wie sie Vida hätte aufhalten können. Wünschte sich, sie hätte mehr als die Erinnerung an ihrer Seite, während sie die Öfen fütterte, die Hitze von Flammen spürte, die nicht von innen kamen.

An diesem Ort hatte sie keinen Namen. Sie hatte ihn weder denen verraten, die sie gefangen genommen hatten, noch den Aufsehern, die sie tagsüber zur Arbeit antrieben und deren Geschrei erst verstummte, wenn nachts die schweren Stahltüren hinter ihnen ins Schloss krachten. Nicht einmal Vida hatte sie ihn anvertraut. Ihr Name blieb sicher aufgehoben in ihrem Clan. Sie würden ihn bewahren. Und ihn ihr zurückgeben, wenn sie kamen, um sie zu befreien.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.
Spucken und rennen.

 

Sie sagten ihren Namen jeden Tag. Sie riefen ihn jede Nacht den Sternen zu, wenn sie sich dem Wind entgegenwarfen. Ihre Flügel fingen das Rauschen ein, die Luft strich an ihren Körpern entlang, trug sie weiter und immer weiter. Sie wussten längst nicht mehr, wie fern sie ihrer Heimat waren.
Sie riefen ihren Namen. Sie zählten die Tage und Nächte.
Dreihundertsiebenunddreißig. Und noch einer. Und noch eine.
Sie spuckten ihr Feuer in die Dunkelheit. Ihre Rufe schnitten tiefer in die Nacht als ihre Flammen, eilten ihnen voraus.
„Heute finden wir sie“, sagten sie vor jedem Aufbruch.
„Morgen werden wir sie finden“, sagten sie, wenn sie mit müden Stimmen und Flügeln ihre Suche unterbrechen mussten. Die Hoffnung trieb sie an, hielt sie zusammen.
Ylixanna, hallten ihre Rufe zwischen den Sternen.

Phantastischer Montag im Juli

Auch der Juli war voller phantastischer Montage. Unser Thema war „Freundschaft“ und welche Geschichten dabei entstanden sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Des Rätsels Lösung

C.A. Raaven: Where no man has gone before

Maike Stein: Bis wir uns wiedersehen

Alexa Pukall: Lass uns zu den Sternen reisen

Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Phantastischer Montag im Juni

Im Juni haben wir uns für unser Projekt #phantastischermontag als Thema „Sommersonnenwende“ ausgesucht. Welche Geschichten dabei herausgekommen sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Kleine Teufelei

C.A. Raaven: Wendepunkt

Maike Stein: Drachenwende

Alexa Pukall: Weiße Nacht

… und da der Juni auch einen fünften Montag hatte, gab es dieses Mal auch einen Gastbeitrag und zwar von Christina Löw: Eine Fee auf Menschenbesuch

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Bis wir uns wiedersehen

Liebe B.,

über mir flirren die Blätter unseres Olivenbaums silbrig-grün im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schließe, meine ich, Deine Stimme zu hören. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. Wenn ich in den Nachthimmel schaue, versuche ich, mir die Sterne hinter den Sternen vorzustellen, die Du von Deinem Planeten aus siehst. Ich gestehe, es gelingt mir nicht. Irgendwann …
Gestern habe ich ein Buch aus der Zeit des Aufbruchs gefunden. Wie anders damals alles war! Kaum zu fassen, dass das alles gerade einmal fünfzig Jahre her ist. Vielleicht liegt das an meinem Alter, aber wenn ich die Augen schließe, ist mir, als hätten wir uns gerade erst gestern verabschiedet. Wie untröstlich wir waren! Zwei Zwölfjährige unter einem Olivenbaum, der damals schon achtmal so alt war wie sie. Weißt Du noch? Wir haben das Losverfahren verflucht, das Deine Familie hinauf und hinter die Sterne schicken würde und meine hier an die alte Erde band. Keine von uns dachte, dass diejenigen, die zurückbleiben mussten, eine Chance hatten.
Vergib mir, heute bin ich noch nostalgischer als sonst. Ich wette, das sind die Hormone. Verdammte Wechseljahre! Was wirst Du nur von mir denken, wenn Du in ein paar Monaten diesen Brief liest? Wenn ich ihn noch rechtzeitig vor dem Ende meiner Mittagspause zur nächsten Kapsel bringen will, muss ich mich sputen. Ich verspreche, der nächste Brief wird fröhlicher. Halte mich nicht für traurig – heute sind nur die Erinnerungen besonders stark.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

manchmal – oft – frage ich mich, was uns hier so fern der alten Heimat hält, wo doch bei euch alles wieder gut zu laufen scheint. Aber natürlich kann ich das nicht laut fragen, weil hier ja alles so viel besser ist. Offiziell. Wir, aus der ersten Generation, sehnen uns alle zurück. Da bin ich mir sicher. Für die dritte und vierte Generation ist die alte Heimat nur noch eine Erzählung – so unwirklich wie ein Leben unter einem offenen Himmel. Oder ein Olivenbaum. Meine Nichten und Neffen halten mich für verrückt, wenn ich versuche, ihn zu beschreiben. Sie sagen das nicht, aber ich sehe doch, wie sie die Augen verdrehen und ihren Kindern bedeuten, die Alte nicht auszulachen. Immerhin, so viel Respekt haben sie noch.
Hier ist eine wilde Vermutung: Ich glaube, es schmuggeln mehr Menschen persönliche Briefe in den offiziellen Kapseln hin und her als nur wir beide. Ja, manchmal denke ich, das tun alle der ersten Generation. Nicht, dass irgendwer von uns darüber redet! Aber manchmal meine ich etwas in einem Blick zu sehen, eine wilde, hartnäckige Hoffnung, eine neue Zuversicht. Und dann wächst auch meine wieder.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

was für ein Fest das heute war! Wir haben das neue Olivenöl gekostet, und ich habe Deinen Brief erhalten. Jetzt sitze ich auf dem Hügel, von dem aus ich bis aufs Meer blicken kann. Ein voller Mond wirft sein Licht darüber und ist so hell, dass die Bäume hier oben Schatten haben. Bei so einem Anblick sind die Erinnerungen an grau-verpestete Luft und Plastik-verseuchte Landschaften ebenso unwirklich wie ein offener Himmel für Deine Nichten und Neffen. Wie ich mir wünsche, Du wärst hier! Manchmal, wenn ich ganz früh aufwache – in der noch grauen Dämmerung, wenn der Gesang der Nachtigallen in den der Feldlerchen übergeht -, dann ist da dieser Moment, in dem ich davon überzeugt bin, dass all diese Jahre der Traum waren, und ich gleich in der Wirklichkeit die Augen aufschlagen werde, zehn Jahre alt oder auch elf und noch im Nachthemd über den Hügel zum Haus Deiner Familie laufe, um Dich zu wecken, Du Langschläferin. Wir stehlen uns ein Frühstück in Deiner Küche –
und dann werde ich richtig wach und meine verrosteten Knochen erinnern mich an mein wahres Alter. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier inzwischen wieder alle ernähren könnten, wenn tatsächlich die gesamte erste Generation zurückkehren würde … Ich weiß ja nicht einmal, wie ihr das mit einer Rückkehr anstellen würdet …
Für Dich ist immer genug da!
Das Meer schickt eine kühle Brise hinüber. Ich sollte ins Haus gehen. Aber ich werde noch eine Weile hier sitzen bleiben, wo ich das Gefühl habe, meine Wünsche zu Dir schicken zu können, bis Du sie in Deinen alten Knochen spürst.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

Du warst also dieser Schmerz tief in meinen Knochen! Und bitte: Wir sind nicht alt, nur gut gereift. Zumindest habe ich beschlossen, Falten und weiße Haare und gelegentliche Gelenkschmerzen als ein Zeichen von Würde zu betrachten. Ein Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind.
Keine Sorge, der Schmerz war nichts Ernstes, nur etwas Überanstrengung, weil ich beweisen musste, dass ich mindestens noch so fit bin wie diese Jungspunde. Die meinten doch tatsächlich, mir etwas über die Reparatur von den Versorgungsmaschinen erzählen zu können. Ha! Also bin ich durch schmale Schächte gekrochen und habe mehr Störungen behoben als sie alle zusammen. Meine Knochen haben mir das dann übel genommen (wobei mir Deine Erklärung besser gefällt). War aber nach drei Tagen auch wieder vorbei.
Noch mal: Keine Sorge! Alle Maschinen schnurren wieder. Und ich habe ein paar Teile mehr. Weißt Du noch, unsere alten Zeichnungen? Ich habe ein paar Anpassungen gemacht, und ich bin sicher, sie wird funktionieren.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

wage ich zu hoffen? Wer nicht hofft, kann auch nicht enttäuscht werden, hat meine Großmutter immer gesagt. Aber das waren andere Zeiten. Aussichtslose, wie es schien. Und sie hat ja trotzdem immer weiter gekämpft – ich glaube, sie hat gehofft entgegen allen Ängsten. Wie hätte sie sonst weitermachen können? Ich glaube, sie wollte uns Kinder abhärten, weil sie glaubte, dass wir es dann leichter hätten.
Du hast schon recht, es sind Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind, Du in meiner Ferne und ich in Deiner.
Weißt Du, dass Olivenbäume über tausend Jahre alt werden?

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

(Archiv der geheimen Briefe aus der Zeit der großen Trennung. Verfasserinnen sind vermutlich Xila K. und Berit F., erste Rückkehrerin)