Die Dunkelheit zwischen den Sternen

in Erinnerung an Carola Wolff #phantastischerMontag

Ich werde bei dir sein. Dieses Versprechen hatte Großmutter nicht halten können. Kwyna presste ihre Flügel an den Rücken. Starrte ihre verschrammten Schuhkappen an. Alle anderen Feen hatten sich mit schillernden Gewändern herausgeputzt, besonders die jungen, die wie sie zum ersten Mal dabei waren. Kwyna kniff die Augen gegen das Gefunkele zusammen. Sie zupfte an ihrem dunklen Hemd, strich über einen Riss in ihrer schwarzen Hose. Sie musste wirken wie die Leere zwischen den Sternen.

Unfug, hörte sie die Rüge in Großmutters Stimme in ihrem Kopf. Ungebetenerweise. Aber das hatte Großmutter auch zu Lebzeiten nie gekümmert. Du weißt doch: Zwischen den Sternen leben die Drachen. Wir können sie nicht sehen, weil sie so gut an das Dunkel angepasst sind. Nur wenn du ganz genau hinschaust, siehst du manchmal einen Flügelschlag.

Wenn Großmutter von den Drachen erzählt hatte, war Kwyna das leichtgefallen.
Wenn sie gemeinsam in den Nachthimmel schauten, glaubte sie, die Bewegungen zwischen den Sternen zu sehen.
Wenn Großmutter leise lachte und sagte: Hast du gesehen? Da war einer!, hatte Kwyna genickt.

Jetzt war da nichts außer Sternen und Dunkelheit. Und das Stimmengewirr um sie herum auf dem Versammlungsplatz.

„Ich will einen aufregenden Wunsch!“
„Einen Liebeswunsch!“
„Ihhh, nee, was Abenteuerliches!“
„Was Gefährliches!“
„Nee, was leicht zu Erfüllendes, bitte und danke!“
„Langweilig! Ich will einen, der mich auf eine laaaaaaaaaaaange Reise führt!“

Alle lachten und gestikulierten und flatterten mit den Flügeln, und alle vermieden den Blick in ihre Richtung. Kwyna zog die Schultern hoch. Als der Rat der Ältesten herankam, schloss sie die Augen. Ihre Ohren konnte sie nicht verschließen. Und so musste sie sich die Geschichte anhören, wie Menschen der Feenkönigin das Leben gerettet hatten. In jedem Wort klang Großmutters fehlende Stimme mit.

„… und als sie die alte Königin zu ihrer letzten Ruhe betteten, legten sie ihr wie geheißen eine Buchecker auf die Brust. Die Jahre vergingen und auf dem Grab der Königin wuchs eine Buche, deren Wurzeln ihr Herz umschlossen. Wie sie den Menschen versprochen hatte, erfüllten sich die Wünsche, die sie an die Äste des Baumes knüpften. In jeder Wintersonnennacht begeben wir uns dorthin und sammeln die Wünsche der Menschen ein. Wie die Königin einst versprach, erfüllen wir sie, solange die Wunschbuche lebt.“

Was ging sie das Versprechen einer vor Jahrhunderten gestorbenen Königin an? Was war mit den Wünschen von Feen? Ihren Träumen? Kwyna krümmte die Schultern, als könnte sie damit die Kälte von sich weghalten. Konnte sie nicht. Sie zitterte und blickte sich um. Alle, die wie sie das erste Mal zur Wunschbuche aufbrachen, hatten jemanden an der Seite. Eine Tante, ältere Geschwister, Eltern, Cousinen, Onkel, Großmütter. Nur Kwyna stand allein.

Schneeflocken tanzten dort, wo das Feenreich endete und das der Menschen begann. Sie flogen mitten hinein. Die Schneeflocken glitzerten im Licht der Straßenlaternen, und die funkelnden Gewänder der Feen passten sich an, verbargen sie vor allen Blicken.

Vielleicht hätte sie heute ihre Trauerkleidung ablegen sollen. Aber das wäre ihr wie Verrat vorgekommen – als würde sie mit einem Wechsel der Kleidung Großmutters Tod verleugnen. Kwyna wischte sich über die Augen. Nein. Sie würde wie die Drachen sein, eine kaum wahrnehmbare Bewegung in der Dunkelheit zwischen den Schneeflocken. Eine Bewegung, die nur sah, wer an Feen glaubte.

Bald kam die Wunschbuche in Sicht. Sie streckte ihre kahlen Winteräste weit in die Nacht. Schneeflocken sammelten sich noch auf den dünnsten Zweigen und dazwischen flatterten die bunten Bänder mit den Wünschen der Menschen. Je näher sie kamen, desto stiller wurden die Feen. Schweigend verteilten sie sich im Geäst.
„Nicht ihr wählt den Wunsch, der Wunsch wählt euch“, intonierten die Ältesten. Wie alle anderen streckte Kwyna eine Hand aus. Doch sie griff ins Leere. Sie schloss die ausgestreckte Hand zur Faust.

Als die ersten Töne aufklangen, gesummt von tausenden Feenkehlen, schwieg Kwyna. Das Summen umschmeichelte sie und mitten in dem wogenden Klang legte sich eine Hand um ihre Faust. Finger, deren Berührung ihr nur zu vertraut waren. Kwyna wagte nicht, die Augen zu öffnen. Doch sie stimmte in das Summen ein und ließ sich von der vertrauten Hand leiten.
Gemeinsam summten sie den letzten Ton.

Kwyna löste die Hand aus dem vertrauten Griff und tastete nach einem der flatternden Bänder. Erst als sie ihres sicher in beiden Händen hielt, öffnete sie die Augen. Das Band löste sich vom Zweig, sank vor ihr hinab. Da wandte Kwyna den Kopf. Der Platz neben ihr war leer.

Kwyna strich über das dunkelrote Band. Sie schwang ihre Flügel nach vorn, rief das Feenlicht an ihren Flügelspitzen wach, um die schwarzen Tintenworte darauf lesen zu können.
Ich wünsche mir, dass Tante Hilde jetzt bei den Drachen ist.

Das war doch kein Wunsch! Sie starrte die Worte an. Na gut, schon ein Wunsch, aber keiner, der sich erfüllen ließ. Niemand wusste, was nach dem Leben kam. Die Toten schwiegen.
Nur wer an sie glaubt, sieht sie auch.

„Ich weiß“, seufzte Kwyna und wand das Wunschband so um ihren Körper, wie Großmutter sie gelehrt hatte.

Schneeflocken tanzten vom Nachthimmel. Sterne blitzten in Wolkenlücken auf.

Gerade, als sie den Kopf senkte, sah Kwyna eine Bewegung in der Dunkelheit zwischen Wolken und Sternen. Als würde ein riesiger Vorhang sachte vor und zurück schwingen. Kwyna hielt still. Starrte. Die Bewegung wiederholte sich nicht.

Wieso bist du so sicher?, hatte sie Großmutter gefragt.
Weil ich sie sehe. So wie meine Großmutter vor mir und vor ihr ihre Großmutter und immer so weiter. Schau hin.

Kwyna schaute und schaute, bis ihre Augen schmerzten. Die anderen Feen waren längst aufgebrochen. Nur sie stand im Baum zwischen kahlen Zweigen und fallenden Schneeflocken. Kwyna flog höher, suchte sich den obersten Zweig, der sie gerade noch trug. Er schwankte, als sie sich darauf ausstreckte.
„Schau hin“, flüsterte sie.

Die Wolken drifteten auseinander. Sterne funkelten sie an. Kwyna ließ die Tinte des Wunschbandes in sich einsinken. Sie spürte die Finger, die den Wunsch geschrieben hatten. Etwas jünger als sie, den Stift fest umklammert. Sie sah die gerunzelte Stirn. Dunkle Haut wie ihre eigene. Noch dunklere Augen.
Schau hin.

Kwyna blickte durch das Gesicht hindurch in den Nachthimmel. Keine einzige Schneeflocke. Über ihr nur Sterne und Dunkelheit.

Das leise Lachen ihrer Großmutter hüpfte durch ihren Körper. Kwyna schickte es durch die Tinte zu den unbekannten Fingern. Wie Kwyna hob die Fremde das Gesicht zum Nachthimmel. Wie Kwyna sah sie die Bewegungen in der Dunkelheit zwischen den Sternen. Das Wunschband fiel von Kwyna ab. Sie wusste, dass es hinabsank und sich auflöste, noch bevor es den Boden berühren konnte. Aber sie schaute weiter hinauf in den Himmel, spürte Großmutters Lachen in sich und das Lächeln auf dem Gesicht der Fremden.

© Maike Stein