Phantastischer Montag: Friedhof der Verschwundenen

Die letzte Nacht vor unserem Aufbruch schliefen wir auf unseren Gräbern. Wir alle hatten Lurin mit den Grabsteinen geholfen. Noch heute werden sie an den Kopfseiten unserer leeren Gräber stehen, auf jedem Stein ein Name und ein Datum. Ein Ort. Wo wir geboren wurden. Von wo wir aufbrachen. Das Datum unserer Geburt.

Noch einmal hatten wir Lichter auf die Gräber der Gestorbenen gestellt. Sie leuchteten heller als die Sterne. Sie brannten still, denn in jener Nacht schwieg sogar der Wind. Wir lauschten, hofften auf ein letztes Wispern der Toten, die wir verlassen mussten. Als wir die Stille nicht länger aushielten, flüsterten wir miteinander, erzählten die alten Geschichten. Von dem Meerbaum, den Nary vor zweihundertfünfzig Jahren in der Mitte des Ortes, der damals gerade aus fünf Hütten bestand, gepflanzt hatte und in dem wir alle unsere ersten Klettererfahrungen gemacht hatten. Von dessen Krone aus der Blick in eine Richtung bis zu den Bergen reichte und in eine andere bis zum fernen Meer. Schlossen wir die Augen, klang der Wind in den Blättern wie das Rauschen von Wellen. Das hatten uns die Älteren erzählt, die schon einmal dort gewesen waren. Wir leckten an den Blättern und schmeckten das Salz des Meeres.

Wir erzählten uns von dem Jahr, in dem wir alle unsere Häuser blau strichen, weil das die einzige verfügbare Farbe war. Als spazierten wir durch den Himmel, sagten die ganz Alten in jenem Jahr. Als lebten wir im Meer, sagten die etwas Jüngeren, während Sonne und Wetter die Farbe vom ewig gleichen Blau der Hauswände je nach Standort in Abstufungen ausbleichte, verdunkelte, abblättern ließ.

Von den langen Tagen, in denen alles im Ort nach Feuerflachs roch, weil wir ernteten. Sogar das Wasser, mit dem wir uns spät am Abend wuschen, duftete danach. Das Rascheln der geschnittenen Halme, wenn sie zu Boden fielen, geleitete uns in jenen Nächten in unsere Träume, ihr erdig-rauer Geruch umhüllte unseren Schlaf.

Der Geruch von Asche und Staub begleitete uns lang, als wir am frühen Morgen aufbrachen. Die Flammen der Kerzen auf den Gräbern waren bleich, nur noch als Flackern zu sehen im früh-harschen Licht. Wir trugen kaum etwas mit uns. Ein paar Samen von Feuerflachs, die wir vor den Flammen gerettet hatten. Wir hüllten uns in unsere Erzählungen, dort wo unsere Kleider uns nicht mehr wärmten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rani, Nurin, Flux, Linnis und Yaella kannten nur die alten Erzählungen, als sie zum ersten Mal in den Ort kamen. Die Zerstörung und das Morden waren längst weitergezogen. Sie gingen an dem Friedhof entlang, der sich vor den Ruinen des Ortes ausbreitete. Die Gräber besuchen wir später, sagten sie einander. Der Wind strich durch verlassene Räume, die nackt unter der Sonne lagen. Doch sie hielten die Blicke auf die blauen Ziegel gerichtet, die aus einigen Schutthaufen hervorblitzten. Schau, sagten sie, die müssen aus den Jahren stammen, als sie im Himmel wohnten und durchs Meer spazierten.

Sie suchten sich einen Pfad durch verloren gegangene Wege, durch Asche und Schutt und die Ranken der Pflanzen, die sich dazwischen hervorschoben, dem Grau weitere Farbtupfer liehen. Durch die Lücken zwischen den Ruinen sahen sie wild wuchernden Feuerflachs, wo früher die Felder gewesen sein mussten. Die tiefsten Wurzeln hatten überlebt und jetzt stand der leuchtend rot-orange Flachs höher als die Reste der Hauswände. Es stimmt, sagten sie einander, hier sind seine Farben kräftiger. Und sie erahnten schon die Gerüche der Ernte, die hier auch kräftiger sein würden, sehnten sich schon jetzt nach den mit frischem Feuerflachs gestopften Matratzen, nach dem erdig-rauen Geruch, der sie in ihren Schlaf geleiten und ihre Träume umhüllen würde.

Sie fanden den Stumpf des Meerbaums, der den Jüngsten unter ihnen bis zu Schultern und den Älteren bis zu den Hüften reichte. Sie legten ihre Hände auf die von Flammen zerfressene Rinde. Sie strichen über die zarten Blätter der Triebe, die sich aus dem Stumpf emporstreckten. Als sie die Augen schlossen, meinten sie das Rauschen von Wellen zu hören. Vielleicht haben die Alten recht gehabt, sagten sie einander, vielleicht reichen seine Wurzeln bis zum Meer. Ihre Fingerspitzen schmeckten ganz leicht nach Salz.

Sie sammelten die blauen Ziegel auf und trugen sie zum Friedhof. In das Blau ritzten sie all die Namen der Orte, in die sie damals gegangen waren, sowie die Namen der Orte, aus denen sie heute kamen, und sie betteten die Steine in die Erde neben dem Tor. Die Grabsteine, auf denen die Namen der Verschwundenen standen, ließen sie unberührt. Ihre Gräber blieben leer. Nur ihre Erzählungen kehrten zurück.

 

(Im April lassen wir uns von dem Song „Old Churchyard“ von Wailin‘ Jennys inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im April könnt ihr bei Carola Wolff First Date, C. A. Raaven Bevor ich schlafen kann und Alexa Pukall Am Kirchhof lesen.)

Phantastischer Montag: Auf dem Heimweg

Sie muss daran glauben, dass Nala da ist, wenn sie heimkommt. Alles andere macht keinen Sinn. Oder: Anders macht alles keinen Sinn. Sie wird den Weg zwischen den alten Kastanienbäumen entlanggehen, wenn die weiß-rosa Blüten im Mondlicht glänzen. Der Wind wird sanft sein und doch einige der Blüten von den Zweigen pflücken, sie durch die Luft wirbeln, bis er sie der Schwerkraft nicht länger entreißen kann. Die Blüten werden zu Boden tanzen und ihr Duft wird sie auf dem Heimweg begleiten.

Noch umgibt sie der Geruch von Erschöpfung, lärmen Gelächter und müde-erleichterte Stimmen in ihren Ohren, während Bierkrüge aneinander klirren – wieder und wieder. Der erdige Geruch des Biers legt sich über den metallischen des trocknenden Blutes, den sauren Schweiß des zu langen Kampfs.

Sie haben überlebt. Aber nur gerade so. Sie streicht sich über die glatte Kopfhaut. Wie ungewohnt diese Form noch immer ist. Ein wenig länger noch. Geduld, Geduld, Geduld. Doch die fällt schwer, wenn zu Hause so nahe liegt.

Kira ihr gegenüber hebt den Bierkrug. „Auf unsere Käpt’n, die im Kampf nie müde wird und jetzt aussieht, als würde sie mit offenen Augen schlafen!“ Gutmütiges Gelächter mischt sich in das Klirren der Krüge. Auch sie hebt ihren, zwingt die Mundwinkel nach oben.

Auf ein langes Ausschlafen!“ Sie prostet Kira zu, stößt mit allen an und wünscht sich, sie könnte jetzt endlich, endlich gehen. Aber sie muss bleiben, bis die Letzten sich zum Aufbruch entschließen. So gehört sich das als Käpt’n. So erwarten sie es von ihr. So wie sie auch diese Gestalt von ihr erwarten. Diese Gestalt, die ihr nach all den Tagen und Nächten längst zu eng ist, unter der alles juckt und kribbelt und hinausdrängt, hinaus, hinaus, hinaus.

Aber noch entschließt sich niemand zum Aufbruch. Nur Sinej schwankt leicht vor und zurück. Sorgsam stellt er seinen Bierkrug ab, als bräuchte er dafür seine volle Konzentration. Er löst die Hand vom Krug und sinkt langsam vornüber. Gerade noch kann er die Arme auf dem Tisch verschränken, den Kopf abfedern, der sonst auf die Holzplatte geknallt wäre. Schon heben und senken sich seine Schultern in tiefen Atemzügen. Xia neben ihm schüttelt den Kopf, aber sie macht keinen Versuch, den Schläfer zu wecken.

Und so untermalt Sinejs leises Schnarchen ihren Umtrunk, von dem sich noch immer niemand verabschieden will. Wenn dieses Kribbeln und Jucken, diese Unruhe nicht in ihr wären, würde sie die Gesellschaft sogar genießen. Wenn, wenn, wenn. Wenn du nicht mehr kannst, dann renn, haben sie ihnen als Kindern eingeprägt. Sie reibt sich über die bloßen Unterarme. Die feinen Härchen, die glatte Haut so irritierend wie zuvor. Die Geste bringt keine Beruhigung.

 

Das Zimmer fühlt sich fremd an ohne Wellis. Das Mondlicht streichelt über das Bett mit der nachtblauen Decke, fällt auf den grün-türkisen Flickenteppich davor. Das Bett mag sie ohne Wellis darin nicht berühren. Die Luft im Zimmer schmeckt still. Staubig. Das ganze, an den Berg geschmiegte Haus schweigt ohne sie.

Nala öffnet die Glastüren weit und hebt ihr Gesicht dem Mond entgegen. Sie schließt die Augen und wünscht sich, sie könnte Wellis entgegen fliegen. Aber Wellis wird in ihrer anderen Gestalt hier ankommen. Also verharrt auch sie in ihr. Sie haben sich bei Wellis’ Aufbruch gemeinsam gewandelt und werden sich bei ihrer Rückkehr gemeinsam wandeln. Das ist ihr Versprechen.

Also wird sie auch zurückkommen. Nala setzt sich in die offenen Glastüren und beobachtet, wie der Wind mit den Blüten der Kastanien spielt. Sie glänzen im Mondlicht.

 

Sie träumt sich ein paar Stunden weiter. Dahin, wo der Mondschein sie hält und die Stille zweier atmender Körper ist. Ein schweres Gewicht legt sich um ihre Schultern und die Stille ist fort. Zine hat ihren muskulösen Arm um sie gelegt und Ulle tut links neben ihr das Gleiche.

Na los, Käpt’n, sing mit!“

Offenbar singen sie schon eine Weile, denn sie sind bereits bei der fünften Strophe. Alle haben die Arme umeinander geschlungen, alle wiegen sich im Takt – sogar Sinej ist wieder wach und stimmt lauthals den Refrain an:

Droht dir Gefahr in der Nacht,
Ruf die Dunkle Wacht,
Denn wir sind wild wie der Wind,
Und wir schützen jedes Kind.

Sie liebt diese Zeilen, seit sie die Worte zum ersten Mal gehört hat. Jedes Kind. Doch heute ist sie älter und weiß es besser. Trotzdem singt sie mit. Auch wenn ihr Mund nach Asche schmeckt. Die nächste Strophe zwingt sie durch die staubig-raue Trockenheit und ist froh, als die Wirtin plötzlich ein Tablett mit vollen Bierkrügen auf den Tisch knallt.

Letzte Runde“, verkündet sie in den verstummenden Gesang. „Ich bin froh, dass ihr meinen Gasthof von den Dämonen befreit habt, aber irgendwann muss ich auch mal schlafen. Und ihr seht auch nicht mehr frisch aus.“

Sie nehmen das Bier, ohne zu murren. Schließlich hat die Wirtin recht. Der Kampf hat länger gedauert, als er sollte. Sie waren auf einen letzten gemeinsamen Abend eingestellt gewesen, bevor sie alle ihrer getrennten Wege zogen — nicht auf noch einen Kampf. Sie sollte längst zu Hause sein. Sie kratzt sich die Handgelenke, was nicht hilft. Also zwingt sie die Finger um den Henkel des Bierkrugs. Nur noch ein paar Schluck, dann werden die Ersten aufbrechen. Nicht mehr lang jetzt, nicht mehr lang.

Es ist viel zu still um sie herum. Wellis blickt auf.

Nur Sinej erwidert ihren Blick. „Wir wissen, dass —“

Kira stößt ihm einen Ellbogen in die Seite. „Wir müssen etwas mit dir besprechen, Käpt’n.“ Sie schiebt ihren Stuhl zurück. „Draußen.“

Plötzlich ist der ganze Raum erfüllt von Stuhlbeinen, die über Holzdielen scharren. Alle stehen — nur sie sitzt, klammert sich so fest an ihren Bierkrug, dass ihre Finger schmerzen. Wie hat sie sich verraten? Die Frage hat keinen Sinn. Nicht jetzt. Jetzt muss sie rennen. Nur dass das auch keinen Sinn hat. Wellis zwingt sich, die Finger von dem Bierkrug zu lösen. Zwingt sich, ganz ruhig aufzustehen. Ihr ist kalt wie einem in Eisenketten gelegten Dämon. Aber sie zittert nicht. Sie ist kein Dämon. Auch wenn die Welt das anders sieht. Auch wenn die Wacht das anders sieht.

Wellis sieht sie schaut an, als sie, von ihnen umringt, auf die Tür zugeht. Wenige Stunden zuvor haben sie Seite an Seite mit ihr gekämpft. Sie hat Ulle das Leben gerettet und Zine davor bewahrt, einen Fuß zu verlieren. Kira hat einen der Dämonen getötet, bevor der sich in ihren Arm verbeißen konnte. Sinej und Xia haben mit ihr die magische Barriere aufgebaut, die sie alle vor dem letzten Fluch des letzten Dämons bewahrt hat.

Renn! Flieh! Flieg!, überschreit ein ganzer Chor ihre Gedanken, schreit gegen ihre langsamen Schritte an, mit denen sie sich der Tür nähert. Vielleicht hat sie draußen eine Chance. Wenn es ihr gelingt zu entkommen, darf sie nicht aufhören zu rennen. Sie muss alles hinter sich lassen. Das an den Berg geschmiegte Haus mit der Höhle dahinter, die weit in den Fels reicht. Nala. Wellis hebt den Kopf ein wenig höher. Sie kann Nala nur schützen, wenn sie ohne Abschied flieht. Nala und alle, die in der Höhle hinter dem Haus ihre Zuflucht gefunden haben.

Wellis geht an Kira vorbei, die die Tür aufhält. Das Mondlicht fällt auf die Pfützen vor dem Gasthof, lässt das dunkle Wasser glitzern. Der Wind knarrt und rauscht durch die Zweige der Bäume. Sonst ist es still. Alle haben sich längst in ihre Häuser zurückgezogen und die Lichter gelöscht. Die Tür des Gasthofs klickt leise ins Schloss. Der Schlüssel klackert darin, wird zwei Mal herumgedreht. Kiras Stiefel knallen auf die Pflastersteine.

Jetzt muss sie rennen. Doch Wellis kann sich nicht rühren. Sie steht da, umrundet von ihrer Truppe, festgefroren in der Stille, die auf Kiras letzten Schritt folgt.

 

Es dauert zu lang. Nala geht zwischen den offenen Türen auf und ab. Warten, warten, warten — sie hasst warten. Ihr ist, als würde der Mond sie verlachen. Was weiß der schon! Nala bleibt stehen und starrt den Weg zwischen den Kastanienbäumen entlang, als könnte ihr Starren allein die vertraute Gestalt dort auftauchen lassen. Stumm verflucht sie Wellis und ihre Sturheit, mit der sie an der Dunklen Wacht festhält.

Es ist unser Land, genauso wie ihres, Nala. Wir haben ein Recht, es zu schützen. Gemeinsam.
Nur, dass sie dich töten werden, wenn sie wissen, wer du bist. Wer wir sind.
Wir sind keine Dämonen, Nala. Irgendwann werden sie das begreifen.

Das ist der Punkt, an dem Nala den Streit jedes Mal aufgibt. Sie wird Wellis nicht von ihrem Irrtum überzeugen können. Genauso wenig wie Wellis sie von ihrer Hoffnung überzeugen kann. Nala wischt sich über die Augen, die vom Starren tränen. Doch sie starrt weiter. Der Mond kann lachen, so viel er will, in der Luft hat sich etwas verändert. Der Wind reißt an den Zweigen, als wollte er sie zum Schreien bringen.

 

Es ist Kira, die es ausspricht. Leise. Als fürchte selbst sie sich vor den Worten. „Wir wissen es, Wellis.“

Wellis. Nicht Käpt’n. Ihr eigener Name trifft sie wie ein Schlag mit der Eisenkette. Aber sie hält sich aufrecht. Noch hat niemand eine Waffe gezogen. Oder gefordert, dass sie ihre ablegt. Wellis lauscht auf den stärker werdenden Wind. Vielleicht. Unter ihrer Haut brodelt es jetzt. Wenn sie sich schnell genug wandelt, kann sie hoch oben am Himmel sein, außer Reichweite für jede Waffe, jede Magie, sich dem Wind anvertrauen, der sie forttragen wird, sie ihnen entreißen, bevor —

Wenn, wenn, wenn. Sie weiß genau, wie schnell sie sind. Hat sie trainiert, herausgefordert, Seite an Seite mit ihnen gekämpft. Flucht ist nur ein Traum. Wie Hoffnung. Nala hat recht gehabt. Verzeih mir. Der Wind reißt ihre Gedanken mit sich.

Sie will noch immer nicht gegen sie kämpfen. Wie kann sie diejenigen töten, mit denen sie so lange alles geteilt hat? Fast alles, flüstert Nalas Stimme in ihrem Inneren. Und das Flüstern durchbricht Wellis’ Starre. Wenn das ihre letzten Augenblicke sind, wird sie ihnen wenigstens in ihrer wahren Gestalt begegnen. Wellis schließt die Augen und lässt ihr inneres Brodeln in Flammen umschlagen.

Gebt ihr mehr Raum“, hört sie Kira durch das Brüllen des Feuers. Doch der Wandel ergreift von ihr Besitz, sie hat keine Zeit, sich über die Worte zu wundern. Sie streckt sich, schmiedet ihre Schuppen neu in der Hitze der Flammen, formt ihre Flügel aus dem Wind, trinkt das Mondlicht und den Glanz der Sterne, genießt die kühle Luft auf ihren nachtblauen Flanken. Ein tiefer Atemzug. Wellis schlägt die Augen auf.

Sie haben sich alle hinter Kira zurückgezogen. Die steht hoch aufgerichtet da. Hat noch immer keine Waffe in der Hand. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Und darin liegt — keine Furcht. Aber auch keine Verachtung. Der Wind ist nur noch ein Wispern. Sie könnte ihn mit wenigen Flügelschlägen neu entfachen. Die Flucht wenigstens versuchen. Wellis streckt zögernd die Flügel. Und stoppt. Vor ihr sinkt Kira auf die Knie. Und hinter ihr folgen die anderen. Ihre Waffen klirren leise, als Metall auf Pflasterstein trifft.

Kira wendet ihre leeren Handflächen nach oben. „Verzeih, Wellis. Käpt’n. Ich hätte das anders anfangen müssen. Wir wissen, dass du kein Dämon bist. Du bist eine von uns.“

Wellis ist, als schwanke die Welt. Ist das eine List? Sollen die Worte sie in Sicherheit wiegen, während sie von anderen umstellt wird? Haben sie das alles geplant? Haben sie drinnen mit ihr getrunken, während hier draußen längst die Verstärkung im Hinterhalt gelauert hat? Aber sie spürt keine anderen Wesen in ihrer Nähe, bis auf die, die vor ihr knien.

Bitte.“ Sinej senkt den Kopf. „Lass uns weiter an deiner Seite sein. Lass uns mit dir kämpfen, bis alle verstehen, was wir längst wissen.“

Xia lehnt sich vor, so langsam, dass Wellis darüber lachen würde, wenn die Vorsicht ihr nicht noch immer die Kehle verschlösse. „Käpt’n.“ Xias Stimme klingt laut und sicher durch die Nacht. „Wir brauchen dich.“

Ulle und Zine, die beide nie viele Worte machen, nicken. Zine stößt Ulle an, und Ulle stößt zurück. Zine gibt sich nicht geschlagen und wäre alles wie sonst, würde Wellis jetzt dazwischen gehen, die beiden Geschwister auf Abstand halten, sie schelten, weil das hier kein Spiel ist sondern Ernst. Aber sie weiß noch immer nicht, wem sie glauben darf — den Worten oder der Furcht. Ulle packt Zines Arm. „Stopp mal.“

Zine verdreht die Augen. Aber stoppt. Ulle seufzt so tief, als müsse sie den Atem dafür vom Grund ihrer Seele holen. „Niemand von uns will dich töten, Käpt’n. Weder dich noch andere wie dich. Wir wollen nur, dass du weißt, dass wir wissen, wer du bist und an deiner Seite sein wollen.“ Ulle gestikuliert so wild, dass Zine ins Schwanken gerät. „Ich meine, wir wissen es schon eine Weile und niemand ist schreiend weggerannt.“

Oder hat dich verraten.“ Zine befreit ihren Arm aus Ulles Griff. „Wir stehen an deiner Seite, Käpt’n.“ Sie verzieht den Mund. „Das heißt, wenn wir jetzt wieder aufstehen dürfen?“

Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann.“ Ulle stützt einen Arm ins Kreuz und stöhnt.

Kira grinst. „Wer hat euch denn Plapperwasser ins Bier gekippt?“ Sie blickt zu Wellis. „Käpt’n? Sagst du auch was?“

Die Hoffnung zupft an dem Seil um ihre Kehle. Wellis setzt eine Tatze nach vorn. Niemand von ihrer Truppe weicht zurück. Sie geht langsam auf sie zu. Der Wind streichelt über ihre Flügel. Sie streckt sie unter den sanften Berührungen weit aus. Noch immer knien sie still vor ihr. Kira, Sinej, Xia, Ulle, Zine. Wellis umspannt sie mit ihren Flügeln. „Hoch mit euch“, sagt sie leise und blinzelt ihnen zu, als sie vor ihr stehen. „Aber glaubt jetzt bloß nicht, dass ich euch nach Hause fliege. Ich bin eure Käpt’n, nicht euer fliegender Untersatz.“

Kira lacht als Erste los und steckt sie alle an. Wie immer. Wellis öffnet die Flügel und entlässt ihr frohes Gelächter in die Nacht.

 

Nala runzelt die Stirn und saugt die Luft tief in sich ein. Etwas hat sich verändert. Es ist der Wind. Er klingt — froh.

 

(Für den März lassen wir uns beim phantastischen Montag von dem Song „Come To My Window“ von Melissa Etheridge inspirieren. Den Anfang hat Carola Wolff gemacht mit Love Fantastic. C. A. Raaven folgte mit Was es ist. Am dritten Montag habe wie immer ich die Ehre, siehe oben. Und am vierten Montag vom März folgt Alexa Pukall mit Das Haus des Magiers. Gutes Lesevergnügen!)

Phantastischer Montag: Vom Suchen und vom Finden

(Wenn du dir die Geschichte lieber vorlesen lässt, einfach ganz nach unten scrollen, da gibt es sie zum Anhören. Viel Vergnügen – ob beim Lesen oder Hören!)

 

Es ist vielleicht ein Märchen. Oder auch eine wahre Geschichte. Vielleicht ist es beides. Das entscheidest du.

Es begann mit Verzweiflung, wird sie sagen, solltest du ihr jemals begegnen. Und wenn du dich dann verwundert umschaust und dich fragst, wie irgendwer an diesem Ort verzweifelt sein kann, wird sie sagen: Ich war ja damals nicht von hier. Und bevor du dich jetzt fragst, wie das sein kann, lass mich von vorn anfangen. Keine Fragen mehr. Keine Unterbrechungen. Hör mir einfach zu.

Und du wirst ihr zuhören. Natürlich. Wie könntest du auch anders?

Ich habe das Rezept gefunden. Ich meine, ich wünschte manchmal immer noch, ich könnte sagen, es wäre ein altes Familienrezept. Aber die Art von Familie waren wir nicht. Also nicht in meiner Ursprungsfamilie. Das Rezept lag in einer Truhe eines Drachenhorts. Ich hatte davon gehört. Und es gehört so weit ins Reich des Raunens und Wisperns, dass es nicht einmal in Märchen und Legenden aufgeschrieben war.

Ich meine, über Drachen gibt es immerhin Erzählungen, ganze Bücher. Auch wenn nur noch wenige von uns an ihre Wahrheit glauben. Ich konnte nicht einmal herausbekommen, welches Gericht dieses Rezept beschrieb. Mal hieß es schlicht eine Süßspeise, dann wieder eine Art fruchtiges Brot — oder auch etwas vollkommen anderes. Nur in der Wirkung waren sich all die gewisperten Gerüchte einig. Und deswegen machte ich mich auf die Suche danach, als ich flüchten musste.

Ich wusste ja ohnehin nicht wohin. Nichts wartete auf mich. Keine Person. Keine Aufgabe. Aber da ich irgendwohin musste, konnte ich auch auf die Suche gehen, sagte ich mir. Was passt schließlich besser zu einer Verstoßenen als eine obskure Suche?

Ich dachte mir, wenn ich auf Fragen nach meiner Herkunft und den Grund meines Umherziehens mit dieser Suche antwortete, werden mir keine weiteren Fragen gestellt. Wer spricht schon gern mit Verrückten? Und ich hatte recht. So musste ich nie meine Geschichte erzählen. So blieb ich für mich.

Nun ja, zumindest eine lange Zeit. Als ich genug Gerüchte, halb gemurmelte Wahrheiten, ausschließlich mündlich bewahrte Erinnerungen gesammelt hatte, um wenigstens eine Idee davon zu haben, in welcher Gegend ich nach dem Rezept suchen musste, änderte sich etwas. Ich begriff zunächst nicht wie. Oder warum.

Aber eines späten Abends irrte ich immer noch auf der Suche nach einem Gasthof mit einem freien Zimmer durch einen Ort, da schloss sich eine Katze mir an. Mal lief sie neben mir her, mal verschwand sie auf ein Dach, dann war sie wieder vor mir und fauchte, wenn ich ihrem eingeschlagenen Weg nicht folgte. Also folgte ich ihr.

Irgendwann bog sie in eine Gasse ein, in der nicht einmal mehr Laternen leuchteten. Alle Fenster waren dunkel. Der Wind schlug uns entgegen, als wollte er uns warnen. Die Katze kümmerte das alles nicht. Sie blieb vor einer Tür stehen. Dem einzigen Haus, an dem ein Licht brannte. Das gelbliche Licht der Laterne fiel auf ein Schild, das sachte im nachlassenden Wind quietschte, während es vor und zurück schaukelte. LA CERISE.

Die Katze blickte zu mir hoch, dann kratzte sie an der Tür. Und ich dachte nur, wo ich schon mal hier bin, kann ich auch nach einem Bett fragen.

Chérie!, rief die Wirtin, als wir eintraten. Die Katze rieb sich an ihren Beinen, schnurrte laut, dann lief sie den Tresen entlang zu einem Teller, der offenbar für sie bereitstand. Ich war ebenso abgeschrieben wie die Wirtin.

Sie hatte ein Zimmer frei. Auf ihre Fragen erzählte ich meine übliche Geschichte in Erwartung eines ungestörten Abends. Aber kaum war ich fertig, sagte sie, da müssen Sie mit Leana sprechen. Sie zeigte auf eine einsame Gestalt am Kamin. Bevor ich ablehnen konnte, schob sie mich auch sogleich dorthin, stellte mich neben dem Kamin ab. Hier ist noch so eine wie du, Leana, sagte sie. Und damit ließ sie uns allein.

Sonst wären wir wohl nie miteinander ins Gespräch geraten. Sonst hätten wir am nächsten Morgen niemals diese Suche gemeinsam fortgesetzt.

Und so erlebte ich, dass eine Suche nicht zwingend einsam machen muss. Als hätte dieser erste Zusammenschluss einen Bann gebrochen, schlossen sich uns bald andere an.

Es war eine schleichende Entwicklung. Ich glaube, wir merkten es anfangs alle nicht. Aber wir begannen, unsere Einsamkeit aufzugeben. Eines Tages merkten wir, dass wir einander vertrauten. Wir vertrauten uns Dinge an. Nicht sofort alles — gerade ich brauchte lange, bis ich von meiner größten Scham erzählte. Dem Grund für meine Suche.

Wenn ich kreierte, was dieses Rezept beschrieb, wenn ich mit meiner Familie davon aß, würde ich vielleicht liebenswert für sie. Vielleicht nähmen sie mich zurück.

Niemand von uns Suchenden verlachte mich deswegen. Wir hatten alle unsere Gründe, waren Verstoßene, Verlassene, Vereinsamte. Wir hatten alle eine Hoffnung. Als wir schließlich gemeinsam dem Drachen Eirèhc gegenübertraten, hatten wir alle unsere Gründe geteilt.

Der Drache war gewaltig. Mit einem Tatzenhieb hätte Eirèhc uns alle zusammen aus seiner Höhle und ins Meer fegen können. Es wäre nicht einmal eine Anstrengung für ihn gewesen. In Eirèhcs Nüstern tanzte Feuerschein. Seine großen Augen glitzerten wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Aber alles, was Eirèhc von uns verlangte, war eine Geschichte.

Eine wahre Geschichte, betonte er. Dann könnten wir uns etwas aus all seinen Schätzen aussuchen.

Also erzählten wir ihm davon, wie wir einsam aufgebrochen waren, wie die Suche uns zusammengeführt hatte und schließlich hierher in seine Höhle.

Der Drache seufzte und blickte uns lange an. Wozu braucht ihr noch das Rezept, fragte er schließlich. Wir schwiegen verblüfft. Der Drache schmunzelte. Oh, ihr müsst mir nicht antworten, und ich stehe zu meinem Wort. Mit einer seiner Hintertatzen stemmte er eine Truhe am fernen Ende der Höhle auf. Es liegt da drin. Nehmt es mit, wenn ihr wollt.

Wir sahen einander an. Wir waren so weit gekommen — warum sollten wir so kurz vor dem Ziel aufgeben? Wir nahmen also das Rezept. Der Drache klappte die Truhe wieder zu. Eins noch, sagte Eirèhc, seid so gut und verratet meine Höhle nicht. Und ein Letztes: Kommt gelegentlich wieder und erzählt mir eine neue Geschichte.

Wir versprachen es.

Wir waren ganz aufgeregt, als wir zu unserem Lagerplatz zurückkehrten. Wir lasen das Rezept, wir prägten es uns alle ein, wir lachten, wir planten, was wir jetzt tun, wohin wir nun wieder gehen würden. Der Abend zog herauf. Wir verstummten nach und nach, saßen schweigend um unser Feuer. Manche hatten die Köpfe aneinander gelehnt, manche hielten sich bei den Händen, manche rückten näher zusammen, bis ihre Schultern oder Beine sich berührten. Und am nächsten Morgen traten wir keine getrennten Wege an. Wir kehrten hierher zurück, zu LA CERISE. Die Kirsche, das passte schließlich zu unserem Rezept.

Wie sich herausstellte, freute die Wirtin sich über helfende Hände. Ebenso über die Bäckerei, die wir neben ihrem Gasthof eröffneten. Wir nannten sie LA TARTE. Aber das hast du ja beim Eintreten gesehen.

Am Ende, wird sie dann sagen, haben wir alle das Rezept nicht gebraucht, aber es hat uns zusammengebracht.

Wenn du durch den Ort gehst, wirst du eine Katze sehen, die sie im Gasthof, in der Bäckerei und in der Buchwerkstatt alle Chérie nennen. Sie fühlt sich dort überall zu Hause. Ihre großen Augen glitzern wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Und wenn du länger dort verweilst, wirst du hören, dass manche aus dem Dorf ab und an einen Drachen besuchen, um ihm eine Geschichte zu erzählen.

In der Bäckerei wird sie fragen, ob du den Kirschkuchen möchtest oder vielleicht doch lieber etwas, wonach du suchen kannst. Das entscheidest du.

 

Hier gibt es dir Geschichte auch zum Anhören (von mir selbst eingesprochen):

 

(Für den Februar lassen wir uns beim phantastischen Montag vom Song „Cherry Pie“ von Katzenjammer inspirieren. Den Auftakt machte Carola Wolff mit Sugar and Spice And All Things Nice. Christian Raaven hat die zweite Geschichte geschrieben: Schicksal à la Marta. Die dritte ist dann die oben von mir. Und den Abschluss macht Alexa Pukall mit: Zuckersüß
Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag im Januar 2021: What’s Up?

Im Januar 2020 haben wir (Alexa Pukall, Carola Wolff, Christian Raaven und ich) mit dem Projekt #phantastischermontag begonnen und hatten so viel Freude daran, dass wir 2021 damit weitermachen. Es gibt also weiterhin jeden Montag eine phantastische Geschichte zum Wochenstart, dieses Mal inspiriert von Songs, die wir mögen. Der Januar hat heute schon seine letzte Geschichte hervorgebracht! Inspiriert hat uns zum Jahresauftakt „What’s Up“ von den 4 Non Blondes. Hier sind die Geschichten (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

Carola Wolff: Die Erfinderin
Christian Raaven: Charme, Schirm und Melone
Maike Stein: Ein Fünkchen Gelassenheit
Alexa Pukall: Der Begleiter

Viel Spaß beim Lesen!
Im Februar geht es weiter mit „Cherry Pie“ von Katzenjammer als Inspiration.

Phantastischer Montag: Ein Fünkchen Gelassenheit

(Wer Geschichten lieber hört, als selber liest, oder ergänzend gerne hört, oder, oder, oder … scrollt einfach schnell zum Ende des Textes: unter dem Bild gibt es die Möglichkeit, sich die Story vorlesen zu lassen. Kleine Warnung: Ich habe keine hochmoderne technische Ausrüstung, kein Studio oder ähnliches – ihr hört die Story einfach so, wie ich sie beim Lesen eingesprochen habe, Versprecher und ähnliches inklusive, wie bei einer Live-Lesung. 😉 Und jetzt wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und / oder Hören!)

 

Sag mal, ich weiß, du bist ein Drache, aber ich weiß nicht, ob du weiblich oder männlich bist …“

Muss ich mich da entscheiden?“

Nö, im Grunde nicht.“

Na prima.“

(Das darauf antwortende, etwas verzweifelte na prima behielt ich für mich und verfluchte meine Muttersprache mit ihrem Beharren auf Artikeln und Pronomen. Wie schrieb ich jetzt bitte über einen Drachen, ohne Gendermarker zu verwenden? Nicht mal diese Frage konnte ich ohne schreiben!)

Ti’run lugte mir über die Schulter und las mit. Natürlich. „Du siehst das zu eng. Nur weil deine Muttersprache darauf beharrt, der Drache zu sagen, muss ich mich ja noch lange nicht dieser Diktatur des Geschlechts unterordnen.“ Damit wandte er sie sich vom Bildschirm ab, schob einige Papiere und Notizbücher zur Seite, bis unter der Schreibtischlampe ein drachengroßer Platz frei war, seufzte und rollte sich im Lichtkreis der Lampe zusammen. Ich strich die zerknitterten Papiere glatt, sortierte sie kommentarlos zurück in die richtige Reihenfolge und fand einen neuen Ort für die Notizbücher.

Du darfst gern der Drache und sie schreiben“, merkte Ti’run an, ohne die Augen zu öffnen. „Das wird zwar manche verwirren, aber mich macht das glücklich.“

Auch eine Lösung, dachte ich und ging schnell die bereits geschriebenen Zeilen durch, um die entsprechenden Korrekturen vorzunehmen – es war nur eine. „Sehr schön“, murmelte ich beim Durchstreichen. Ti’run seufzte nur leise. Sie war eindeutig größer geworden während unseres Ausflugs in den Rauhnächten. Vorsichtig streckte ich meine Hand über dem kleinen Drachen aus.

Geh mir aus der Sonne“, knurrte sie.

Ich maß erst noch zu Ende. Ti’run war mindestens um das Dreifache gewachsen, seit ich sie zum ersten Mal in der Sockenschublade entdeckt hatte. Da hatte sie noch locker auf meine Handfläche gepasst. „Du hattest einen Wachstumsschub.“

Und?“ Ti’run blinzelte träge. „Hast du gedacht, Drachen würden nicht wachsen?“

Hatte ich das? Nicht wirklich. Nur … „Wie oft hast du solche Wachstumsschübe?“ Ich schaute mich in meiner – Entschuldigung: unserer — Wohnung um. Besonders groß war sie nicht.

Der kommt nur alle paar Dekaden.“ Ti’run reckte sich und schob mit den Hinterbeinen die Schreibtischlampe gefährlich nah an die Tischkante. Ich hatte den Lampenhals bereits gepackt, bevor ich auch nur darüber nachdachte — und verspürte nicht einmal den geringsten Groll, während ich die Lampe in Sicherheit brachte. Was war hier los? Ti’run hatte die Augen wieder geschlossen. „Du musst dir keine Sorgen machen, so schnell werde ich nicht zu groß für unsere Höhle.“ Sie ließ eine kleine Flamme vor ihrem Maul tanzen, löschte sie mit der Zunge aus, bevor sie Holz oder Papier oder etwas anderes brennbares erreichen konnte.

Oder auch: bevor ich mich aufregte. Wieso regte mich das nicht auf? Ich wusste genau, dass mich das vor wenigen Wochen noch hätte aufspringen und losschimpfen lassen. Aber jetzt? Jetzt war da nichts. Kein Schrecken. Kein Fünkchen Ärger über die drachische Sorglosigkeit. Keine Spur von Angst um meine Notizen. Letzteres machte mich dann doch — fast — besorgt.

Du tippst gar nicht mehr“, bemerkte Ti’run.

Ich denke.“

Aha.“

In unserem Schweigen klickten Ti’runs Krallen einen geruhsamen Rhythmus aufs Schreibtischholz. Ich tappte dazu mit den Fingerkuppen. Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick, tapp … Draußen schepperten Deckel auf Mülltonnen, ganz und gar unrhythmisch. Mussten die wirklich jetzt — klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick fing mich unser Rhythmus wieder ein. Tapp-tapp, klick, tapp — ich räkelte mich wohlig und erinnerte mich an meine schuppige Haut, die mich in den Rauhnächten vor der Kälte geschützt hatte, während wir zwischen den Sternen durch den dunklen Himmel geglitten waren. Ich war ein Winzling in dieser Weite gewesen und zugleich hatten meine Flügel allen Raum umspannt.

Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp — ich hatte keine Ahnung, wie weit wir geflogen waren. Wir wurden nie müde. Die Sterne raunten uns eine Melodie zu — oder vielleicht war das der Klang unserer Schwingen, der uns da etwas zusang, uns einhüllte, uns trug und beflügelte.

Ich atmete Nacht ein. Und als ich ausatmete, war es Tag.

Eine dichte Wolkendecke schirmte uns von der Welt ab. Die Sonne wärmte unsere Schuppen. Mich überkam wieder dieses Gefühl aus meiner Kindheit, als ich das allererste Mal Wolken von oben gesehen hatte (aus einem Flugzeug) und überzeugt war, dass dort Berge aus Zuckerwatte unter mir lägen, über die ich hüpfen könnte, wenn man mich nur ließe (natürlich ließ mich niemand). Vorsichtig streckte ich eine Pfote aus, um an einer Wolke zu kratzen. Sie war kühl — und ganz und gar nicht klebrig, nur ein Gewebe aus Luft und Wasser. Und noch mehr Gesang. Ich blickte auf.

Wir waren nicht mehr allein. Um uns herum war ein grün-golden-rot-blaues-silbrig-schwarz-türkises Funkeln und Blitzen und Glitzern. Flammen tanzten orange-gelb-rot aus Nüstern und Mäulern. Drachen, von kleiner als ein Füller bis groß wie ein Hochhaus umflogen uns, glitten über den Wolken dahin und unsere Flügel und Flammen bildeten ein Orchester. Wir besangen das Licht und sangen die Nacht herbei. Wir schickten den Sternen unsere Lieder und umkreisten den Mond.

Wir glänzten unter der Sonne und tauchten in den Wolken, um mit Eiskristallen und Tautropfen benetzt wieder aufzusteigen und unser Farbenmeer noch intensiver leuchten zu lassen. Ich wollte nie wieder umkehren.

Aber irgendwann erinnerte Ti’run mich sanft an die Schwerkraft, der ich hier oben bestimmt nicht ohne Flügel begegnen wollte. So sangen wir mit allen ein letztes gemeinsames Lied und stoben dann in alle Richtungen davon — aber nicht, ohne uns vorher zu versprechen: nächstes Jahr wieder. Ganz bestimmt.

 

(Im Januar lassen wir uns von dem Song WHAT’S UP von den 4 Non Blondes inspirieren. Die erste Story Die Erfinderin kommt von Carola Wolff, die zweite Schirm, Charme und Melone hat C. A. Raaven geschrieben, die dritte ist von mir, die vierte Story des Januars Der Begleiter stammt aus der Feder von Alexa Pukall.)

Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, kann das jetzt auch tun, genau hier:

Phantastischer Montag im Dezember

Im Dezember hieß unser Thema: Rauhnächte – und auch die letzten vier phantastischen Stories zum Wochenstart sind wieder so unterschiedlich geworden wie die  beteiligten Autor*innen sind. Nachlesen könnt ihr sie hier (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

 

 

 

 

 

Carola Wolff: Die wilde Jagd
C.A. Raaven: Rauyas erste Nacht
Maike Stein: Wenn der Winter beginnt
Alexa Pukall: Der Leuchtturm am Ende der Welt

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen – und einen guten Start ins neue Jahr! Eins kann ich jetzt schon versprechen: 2021 geht es weiter mit dem phantastischen Montag. 🙂

Phantastischer Montag: Wenn der Winter beginnt

„Ich hasse Weihnachten“, murmelte ich vor mich hin. Natürlich nicht leise genug für Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. „Kannst du damit mal aufhören?“, fragte ich – etwas lauter und ohne große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde. Zu meiner Überraschung landete der kleine blaue Drache, den ich vor einigen Monaten in meiner Sockenschublade (meiner Wohnhöhle, meinst du) entdeckt hatte, vor mir auf dem Schreibtisch. Genauer gesagt: meiner Tastatur. Was mich effektiv am Weiterarbeiten hinderte. Ti’run interessierte sich nicht für Deadlines. (Pausen sind wichtig. Du solltest mehr Pausen machen. Weißt du selbst.) Der kleine Drache machte es sich auf der Tastatur bequem. Ich konnte gerade noch Strg-S drücken, bevor Ti’run meine Finger sanft aus dem Weg schob.
„Was ist das mit diesem Weihnachten?“

„Religiöse Feiertage, die mit kapitalistischem Konsumterror einhergehen, der spätestens im Oktober startet und mit den Wochen immer nervtötender wird.“
„Aha.“ Ti’run strich mit einer Flügelspitze über die Tasten. yyyxxfffffffnnnnnnnnnnnnnn – ich stoppte ihn mit einem Finger. Statt mit der üblichen Empörung zu reagieren, wickelte Ti’run den Flügel um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Kraft. „Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte er, „aber es klingt, als könntest du eine Auszeit brauchen.“

Manchmal ist es schwer, kleinen Drachen zu widersprechen. Ich seufzte. Eine Auszeit klang zu verlockend. Vorsichtig hob ich meine Hand. Ti’run gab meinen Finger nicht frei und baumelte daran, schaukelte hin und her. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Gewicht. „Du solltest mal weniger Feuersteine essen“, sagte ich zu dem vor meinem Gesicht hin und her schwingenden Drachen.

„Ganz und gar nicht!“ Da war sie, die Empörung. „Dann würde ich ja auch weniger Feuer spucken!“

Ich betrachtete die angesengten Enden meiner Bleistifte, die schwarzen Löcher auf der Schreibtischplatte. So schlimm wäre das gar nicht. Aber das sagte ich nicht laut — dafür war Ti’run zu nah an meinen Haaren. Und mir gefielen auch die Blicke nicht, mit denen er die überall verstreut herumliegenden Papiere musterte. Rechnungen, Verträge, Bankauszüge, Manuskriptanfänge, halb geschriebene Briefe, Notizen zu noch mehr Geschichten als ich angefangene wie fertige Manuskripte hatte, Ideen, die einfach keine Ruhe geben wollten und mich genauso vorwurfsvoll anblickten wie die Mahnung für die GEZ-Gebühr. „Ja, ja“, murrte ich, „ihr kommt alle noch dran. Geduld.“

Ti’run stieß einen Seufzer aus – ohne Feuer – und gab meinen Finger frei. Ich starrte wieder auf den Bildschirm, versuchte nicht zu sehen, wie Ti’run auf dem gefährlich schwankenden Stapel Notizbücher neben meinem Laptop landete. Ich tippte vor mich hin, während er mit ausgestreckten Flügeln auf dem Notizbuchturm balancierte, bis der stillstand. Immerhin. Das war nochmal gutgegangen.

Ich tippte.
Es war verdächtig ruhig neben mir.
Ich tippte.

Immer noch kein Mucks. Ich tippte weiter und schielte kurz zur Seite. Keine Flammen. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Bildschirm zu. Wenn ich diese Stelle richtig hinbekam, konnte ich für heute beruhigt Schluss machen.
Ich tippte. Zögerte. Löschte. Fing von vorn an. Tippte. Besser. Etwas zumindest. Vielleicht. Na ja, oder –

Ein Windhauch streifte mein Ohr. „So kannst du das nicht schreiben.“
Toll. Ein Drache, der meiner inneren kritischen Stimme recht gab. Genau, was ich brauchte. Ti’run stieß sich von dem Notizbuchstapel ab, die Notizbücher ergossen sich über die Tastatur. Ti’run landete auf meiner Schulter.

Ich saß einfach da, die Finger unter Notizbüchern begraben und fragte mich, ob ich mir ein Büro leisten konnte. Oder wenigstens eine Wohnung mit einem abschließbaren Arbeitszimmer.

„So fühlt sich das nicht an“, schnaufte Ti’run an meinem Ohr.
Ich verschränkte die Arme. „Und wie fühlt es sich dann an?“
„Unbeschreiblich.“ Ti’run hob und senkte die Flügel. „Das musst du selbst erleben.“
Ich gab keine Antwort. Schließlich machte es keinen Sinn, sich das Unmögliche zu wünschen. Ich konnte allerdings auch nicht stillschweigen. Immerhin hatte ich hier ein Wesen auf meiner Schulter, das aus eigener Erfahrung wusste, wie sich das anfühlte. „Versuch es doch wenigstens mal, ja?“ Ich kraulte Ti’run am Hals, dort, wo der einen Knick machte. „Beschreib es mir.“

Der kleine Drache reckte den Hals und seufzte wohlig. Schnurrte. Und schüttelte dann meine Finger ab. Räusperte sich. „Ich kann es dir nur zeigen.“ Ti’run flog von meiner Schulter zurück auf den Schreibtisch, begann mit der Schnauze die Notizbücher von der Tastatur zu schubsen. Hastig räumte ich sie außer Reichweite von potentiellen Drachenflammen. „Du hast nämlich Glück“, fuhr Ti’run unbeeindruckt fort. „Heute beginnen die Rauhnächte.“
„Ich weiß.“

Der kleine Drache musterte mich mit schräg gelegtem Kopf. „Das bezweifle ich.“ Ti’run kratzte sich mit einer Kralle die Schuppen über den Augen. „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“

Ernsthaft? Ich bewahrte seit Monaten die Existenz eines kleinen Drachens in meiner Wohnung – wobei besagter Drache nicht gerade half (ich sage nur: Halloween). Und dann kam diese Frage?

Ich atmete tief durch und nickte. Ti’run starrte mich aus dunklen Augen an, bis die Stille mich zappelig machte. Kam jetzt die Ankündigung des Weltuntergangs? Nach diesem Jahr hielt ich das nicht einmal für absurd.

„Die Rauhnächte sind Drachennächte“, flüsterte Ti’run. Und schaute mich dann an, als wäre damit alles gesagt. Als müsste ich wissen, was das bedeutete. Ich schaute zurück.

Ein Seufzer, der den ganzen kleinen Drachenkörper erschütterte, hallte über den Schreibtisch. „Hast du ein Glück, dass ich Geduld mit dir habe. Also. Du musst dich für die nächsten zwölf Tage und Nächte bei allen abmelden, die dich womöglich treffen möchten. Dann musst du unsere gesamte Wohnhöhle für unsere Abwesenheit bereit machen. Und -“ Ti’run hob warnend eine Kralle, und ich schloss den Mund, schluckte meine Fragen. „Und du musst ein Fenster öffnen, damit wir hinaus und später wieder hinein kommen.“

„Weißt du, wie weit oben wir sind? Wo wollen wir überhaupt hin? Du weißt schon, dass das mit dem Reisen gerade nicht ange-“

„Wir fliegen“, unterbrach mich Ti’run und breitete die blau glänzenden Flügel aus. „Denn in den Drachennächten können Drachen, die mit Menschen zusammenleben, ihrem Menschen Drachengestalt geben.“

Ich schluckte. Und schluckte noch einmal. Zupfte an den Ärmeln meines Hemds. Schluckte. „Was? … wie?“

„Es klappt nur, wenn der Drache dem Menschen vertraut.“ Ti’run rollte sich neben meiner Tastatur zusammen. „Vorwärts. Du hast eine Menge zu tun.“

Ich musste erst noch ein paar Mal schlucken, bevor ich mich rühren konnte. Ein Autoresponder war schnell eingerichtet (Keine Sorge, wenn ich in den nächsten Tagen nicht antworte, befinde mich bis Anfang Januar im Schreibexil und bin daher offline). Zum ersten Mal überhaupt sprach ich einen Text für meine Mailbox ein (Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren kreativ und bin daher nicht erreichbar. Melde mich ab Januar zurück). Dann schaltete ich das Handy aus und fuhr den Computer hinunter.

Schon kam mir die Wohnung viel ruhiger vor. Ich drehte eine Runde, zog Stecker aus Steckdosen, versicherte mich, dass alle Wasserhähne zugedreht waren. Stellte die Heizung ab. Draußen dunkelte es bereits, aber hier drinnen brauchten wir kein Licht, weil vom S-Bahnhof gegenüber genug Helligkeit in die Wohnung strahlte.

Am Fenster zögerte ich. Wenn ich das jetzt öffnete, dann glaubte ich ernsthaft, dass ich die nächsten zwölf Tage und Nächte als Drache verbringen würde. Herzrasen reichte da als Wort gar nicht. Ich drehte den Fenstergriff und ließ die kühle Luft hinein.

Da draußen wartete die längste Nacht des Jahres auf uns.

Lesung aus dem Weihnachtsheft Nr. 12

Alle Jahre wieder schreibe ich mit Kolleg*innen das Weihnachtsheft: ein gemeinsames Thema (Titel oder Liedzeile eines Weihnachtsliedes), zu dem wir Kurzgeschichten verfassen, die nicht länger als 1000 Wörter sind (… sein sollen …). Der Titel des ersten Heftes (2009) „Alle Jahre wieder“ war schon ungeplant prophetisch, denn seitdem haben wir Jahr für Jahr ein neues Heft verfasst, im Copyshop drucken lassen und im Verwandten- und Freund*innen-Kreis verschenkt. Die Autor*innen bestehen aus einem konstanten Kern und immer wieder wechselnden Teilnehmenden, die Coverdesignerin ist uns über all die Jahre treu geblieben.

Dieses Jahr heißt das Heft „Fröhliche Weihnacht überall“ und da wir die ab und an stattfindende Adventslesung aus dem Heft dieses Mal nicht mit einem Treffen verbinden können, findet sie online statt. Wer zuhören möchte, ist herzlich eingeladen:

Sonntag, 13.12.2020

17 Uhr

Weihnachtsheft-Lesung auf Zoom

Wir sehen uns!

 

Phantastischer Montag im November

Im November haben wir uns das Thema Gestaltwandlung gewählt. Es ging um Märchenhaftes, komplizierte Beziehungen, …
Hier findet ihr die Stories dazu (in Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Einfach märchenhaft
C. A. Raaven: Beziehung für Fortgeschrittene
Maike Stein: Blaue Stunde
Alexa Pukall: Wechselbalg

und zum guten Schluss der Gastbeitrag von Lena Knodt: Drachentinte (mit einer kleinen Warnung versehen, weil’s hier gewalttätig und durchaus blutig zugeht)

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Blaue Stunde

Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der Dämmerung auf der Brücke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, zögerte, leuchtete. Die nächste in der Reihe schloss sich an und die nächste, die gesamte Brücke entlang, bis sie alle ihren Schein unter dem samtenen Abenddunkel ausbreiteten und auf dem Wasser schaukeln ließen. Die Luft war feucht-kühl und roch nach trocknendem Laub.
Abend für Abend beobachtete sie das Lichterschauspiel. „Genau so musst du es machen“, hatte Kalana gesagt. „Konzentriere dich auf einen Schritt nach dem anderen, dann läuft es wie von selbst.“

Kalana hatte leicht reden. Sie hatte jahrelange Übung in diesen Gedanken. Eine der Laternen blinkte. Aus. An. Aus. An. Aus – und wenn das passierte, wenn nur an einem Punkt die Konzentration nachließ, die Energie schwankte, würde sie verlöschen. Lixa schauderte. Die Laterne blinkte erneut. An. Jetzt zitterte ihr Licht nur noch auf dem Wasser. „Du musst einfach anfangen“, hatte Kalana gesagt. Und: „Danach wirst du mich wiedersehen.“ Lixa spürte den Kuss noch auf der Wange, die Hände auf den Schultern. Warm und dann fort, flüchtig wie ein Windhauch.

An den Rändern des Laternenlichts schien das Wasser dunkler als der Himmel. Alle Geräusche der Stadt klangen gedämpft, fern wie eine andere Welt. Als formte das Licht einen transparenten Schild um die Fußgängerbrücke. Als könnte sie hinaussehen aber niemand hinein.

„Tu es nur, wenn du dir ganz sicher bist.“ Das waren Kalanas letzte Worte zu ihr gewesen. Lixa sah einer Atemwolke nach, die sich über das gusseiserne Geländer stahl, zerfledderte. Wenn sie lange genug wartete, würde der Mond den Laternen Konkurrenz machen, das Wasser des Flusses versilbern. Wenn sie lange genug wartete, würde sie die Entscheidung wieder um eine Nacht verschieben. Wenn sie lange genug wartete, konnte sie vielleicht vergessen.

Leises Lachen durchzog die Nacht. Natürlich. Sie wusste ja auch, wie unmöglich das war. Sie hatte hingeschaut. Und das einmal Gesehene ließ sich nicht wieder ungesehen machen. Da spielte es keine Rolle, ob sie den Mut fand, daran zu glauben. Oder nicht.

Schritt eins. Tief durchatmen. Wieder und wieder. Bis die tiefen Atemzüge so natürlich waren, dass sie nicht mehr an sie denken musste. Und das war auch schon Problem eins: wenn sie an etwas nicht denken sollte, dachte sie beständig daran. Atmen. Lixa sog die kühle Luft in sich, ein belebend-kühler Schock bis hinab in die Zehenspitzen. Beim Ausatmen strömte sie warm aus ihr hinaus. Atmen.

Schritt zwei. Stillstehen. Sie spürte den festen Grund unter ihren Füßen. Fest und sich spannte er sich durch die Luft, spannte sich über das glucksende, dunkel dahineilende Wasser. Ein leichter Wind strich über ihre Wangen, floss um sie herum, eilte davon in alle Winkel der Stadt, trug jeden ihrer Atemzüge mit sich fort. Fügte sie dem Pulsieren der Stadt hinzu, einem Pulsieren aus tausenden von Atemzügen, die sich aus Fenstern stahlen, an Häuserwänden emporstiegen, durch Straßenschluchten glitten, im Laub der Bäume raschelten, Gelächter und Stimmen Kraft gaben, auf den weiten Plätzen tanzten, mühelos jeden Graben überwanden.

Schritt drei. Stillstehen, bis stillstehen unmöglich wurde.

Schritt vier. Losrennen. Mit weit geöffneten Augen und noch weiter ausgestreckten Armen. Lixa rannte und jedes Auftreffen ihrer Schritte klang laut durch die Nacht. Sie rannte, bis ihre Schritte zu Sprüngen wurden. Hoch und höher.

Schritt fünf. Mit einem Sprung aufs Brückengeländer. Mit einem Fuß balancierte sie auf dem eisernen Geländer, spürte, wie es sich mit den Steinen der Brücke verband, mit dem Ufer zu beiden Seiten, spürte die Leere vor sich, den Wind, dem sich ihr Körper entgegenreckte.

Schritt sechs. Vertrauen. Springen.

Lixa riss die Augen noch weiter auf. Sie streckte ihren Körper, bis sie mit jedem Atemzug das Pulsieren der Stadt einatmete, mit jedem Ausatmen den Rhythmus formte. Bis sie das Strömen der Luft spürte.
Sie sprang.

Die Strömung fing sie auf, verfing sich in ihren Flügeln, trug. Ihre Flügel reichten weit über ihre Fingerspitzen hinaus, schwangen sich über ihren Rücken. Schuppen schützten ihre Haut, hielten sie sicher und warm, während sie sich höher und höher hinauf schraubte, während sie das Maul aufriss und einen Feuerstrahl über den Himmel schickte, der heller strahlte als jede Laterne und begleitet von ihrem tief rumpelnden Lachen im Fluss verglühte.

Aus den Tiefen der Nacht löste sich ein Schatten, flog ihr entgegen, flog an ihre Seite. Im grün-goldenen Schimmern der vertrauten Augen sah Lixa ihre neue Gestalt zum ersten Mal. Sie streckte ihre Flügel, wollte die ganze Stadt umarmen. Die ganze Welt. Kalana blinzelte ihr zu.
Unter ihnen leuchtete der Fluss silbrig im Mondlicht.