Phantastischer Montag: Unvorstellbar

Stell es dir vor, und es wird passieren. Von wegen! Wenn Magie wirklich so einfach wäre, würden alle sie beherrschen. Eins war klar, sie würde das mit der Magie niemals hinbekommen. Und deswegen hockte sie auf immer hier fest in dieser verfluchten Welt. Aufgabe verbockt. Heimweg versagt.

Andra starrte auf die Stadt unter ihr. Die Lichter der Straßenlaternen brachten die Regentropfen zum Funkeln und ließen das Gold der Statue glänzen, auf deren linkem Flügel sie saß und mit den Beinen baumelte. Die Höhe machte ihr nichts aus, und der Regen passte zu ihrer Stimmung.

Der Rat hätte sie auch einfach nur verbannen können. Eine Zeitspanne festsetzen und sie fortschicken. Selbst hundert Jahre wären leichter als das hier. Dann hätte ihre Sehnsucht ein konkretes Ende gehabt. Aber nein, sie mussten sie mit einer doppelten Strafe belegen, Verbannung gepaart mit einer Aufgabe. Einer Aufgabe, die ihr Hoffnung gegeben hatte. Denn sicher würde der Rat sie nicht mit etwas Unlösbarem wegschicken. Rette die andere Welt und dir ist vergeben. Rette die andere Welt und du darfst zurückkehren.

Zurückkehren. Das Wort allein hatte sie durch die ersten zehn Jahre in dieser fremden Welt gebracht. Jetzt, nach ein paar weiteren Jahrzehnten, brachte es sie nur noch zur Verzweiflung. Das raue Krächzen einiger Krähen unterstrich ihre trüben Gedanken. Andra kniff die Augen zusammen und blickte den grau-schwarzen Vögeln hinterher, die über den Bäumen des Parks kreisten und krächzten. Sie würde nicht hier sitzen und im Regen heulen. Das war zu pathetisch. Andra zog die Füße hoch auf die schmale obere Kante des Flügels und stand auf, streckte die Arme weit zu beiden Seiten aus. Legte den Kopf zurück. Sog die regenfeuchte Luft ein. Schon besser.

Sicher, sie konnte mit jedem Atemzug das Sterben dieser Welt spüren. Aber da war auch der Regen, der auf ihrer Haut kitzelte, das zufriedene Summen der Bäume, die das Nass aufsaugten, ihren Gesang über das Rauschen des Verkehrs legten. Zumindest für ihre Ohren. Andra streckte sich und blinzelte nach unten, überlegte, ob sie es wagen konnte, sich zu wandeln.

Hallo? Bitte, ich will Sie nicht erschrecken“, klang eine Stimme leise zu ihr hinauf. „Bitte, springen Sie nicht.“

Andra seufzte. Wer kam außer ihr mitten in der Nacht hierher? Der Zugang unten war doch sicherlich versperrt. „Keine Sorge, hab ich nicht vor“, erwiderte sie. Und selbst wenn – sie würde nicht fallen. Das war der Vorteil davon, in Drachengestalt Flügel zu haben. Aber das konnte sie nicht sagen. Andra setzte sich wieder hin – langsam, um wen auch immer da unten nicht weiter zu verschrecken.

Wie sind Sie da überhaupt hoch gekommen?“

Jetzt konnte Andra eine Gestalt auf der Aussichtsplattform erkennen. Sie hielt mit einer Hand die Kapuze eines langen dunklen Mantels fest, während sie zu ihr hinauf sah. Andra fluchte still vor sich hin. Sie hatte einfach nur im Regen hocken und melancholisch über die Stadt starren wollen. Zu ihrer Vorstellung dieser Nacht gehörten weder eine Zufallsbegegnung noch unangenehme Fragen. Sie zwang sich zu einem Lachen. „Würden Sie mir glauben, wenn ich sage, mich hat ein Hubschrauber hier abgesetzt?“

Die Gestalt unten zuckte mit den Schultern. „Holt der Sie auch wieder ab?“

Andra blinzelte in den Nachthimmel. „Sieht nicht so aus.“ Ihr musste dringend etwas einfallen, um diese Person loszuwerden. Sie betrachtete das faltenreiche Gewand der goldenen Statue. „Ich bin ganz gut im Klettern.“ Zumindest wenn sie ihre Krallen ausfuhr. Würde allerdings Spuren im Gold hinterlassen.

Soll ich nicht doch lieber Hilfe holen?“

Das fehlte gerade noch! Menschen neigten zu übertriebener Aufregung in solchen Situationen. Rettungswagen, Polizei, unerträglich laute Sirenen. Womöglich bestünden sie darauf, sie zu untersuchen – Andra schauderte schon bei der Vorstellung. Sie wollte gar nicht erfahren, was Menschen mit ihren Methoden alles über sie herausfinden konnten und vor allem nicht, was sie nach diesen Erkenntnissen mit ihr tun würden. „Ich fühl mich hier oben sehr wohl“, rief sie nach unten und hoffte, ihr Lächeln wirkte überzeugend.

Die Gestalt unter ihr rührte sich nicht vom Fleck. Sah still zu ihr hinauf. In ihrem gemeinsamen Schweigen klang der Regen lauter als zuvor. Andra versuchte, sich die Gestalt auf der Aussichtsplattform weg-vorzustellen. Stell es dir vor, und es wird passieren. Sie biss die Zähne zusammen, fixierte die Gestalt in ihrem dunklen Mantel. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier, wiederholte sie stetig in Gedanken. Natürlich löste die Gestalt sich nicht in Luft auf. Stattdessen räusperte sie sich, schlug die Kapuze zurück und strich sich über stoppelkurze schwarze Haare.

Ich kann Sie nicht einfach so allein lassen.“

War ja klar, dass sie ausgerechnet jetzt einem mitfühlenden Menschen begegnen musste. Andra schloss die Augen. In ihrer Zeit hier hatte sie gleichgültige Menschen erlebt, wütende, abweisende, überhebliche, missmutige – kurz alles, was sie erwartet hatte in einer Welt, die vor sich hinstarb. Aber jetzt stand hier eine offensichtlich mitfühlende Seele und zerrte an ihren Nerven.

Hören Sie, können Sie mir etwas versprechen?“, übertönte die Stimme von unten den Regen.

Widerwillig öffnete Andra die Augen. „Kommt ganz darauf an, was“, grummelte sie. Bei allen Himmeln, das entwickelte sich zu dem längsten Gespräch, das sie je mit einem Menschen geführt hatte.

Versprechen Sie mir nur, nicht vor Schreck runterzufallen, egal, was Sie gleich sehen.“

Solange keine Sirenen, Polizei oder Rettungswagen involviert sind?“

Versprochen.“

Also gut, ich verspreche es.“ Andra ließ die Unbekannte nicht aus den Augen. Sie war sich inzwischen ziemlich sicher, dass sie eine Frau war. „Legen Sie los.“ Vielleicht würde sie danach endlich verschwinden. Jedenfalls würde nichts, was die Unbekannte tat, sie von ihrem Platz hier oben weglocken.

Die schob einen Ärmel ihres Mantels zurück und umfasste ihr Handgelenk. Im nächsten Moment löste sie sich zu einem wirbelnden Nebel auf. Andra starrte. Sie beugte sich vor, bis sie fast die Balance verlor. Sie hieb ihre Krallen in den Goldflügel und fing sich. War das – hatte sie – hatte sie gerade Magie gewirkt? War die Unbekannte wirklich verschwunden? Andra riss den Mund auf, weil sie nicht genug Luft bekam. Sie verschluckte sich. Hustete. Sie flog ohne zu fliegen. Sie klammerte sich an dem metallenen Flügel fest. Sie blinzelte. Der Nebel war fort.

Ein Flattern ließ sie zusammenschrecken. War die Statue lebendig geworden? Aber der Flügel, auf dem sie saß, war immer noch starr und fest. Vorsichtig blickte Andra zur Seite. Neben ihr landete eine Krähe, hüpfte ein paar Mal auf und ab, flatterte noch einmal mit den Flügeln. Krächzte. Andra grinste sie an. Wollte ihr von dem Wunder erzählen, das sich gerade ereignet hatte, brachte aber nicht als ein Krächzen heraus. Ein heiseres Lachen schüttelte sie.

Und dann kam der Nebel zurück, hüllte die Krähe ein, drehte und wand sich, wirbelte in grau-weiß-schwarzen Schwaden herum, bis Andra ganz schwindelig davon wurde. Sie klammerte sich an den goldenen Flügel. Machte die Magie sich selbständig? Musste sie ab sofort aufpassen, was oder wen sie anschaute? War ihr Blick magisch geworden?

Wie zuvor verschwand der Nebel genauso plötzlich, wie er gekommen war. Anstelle der Krähe saß die Unbekannte in ihrem dunklen Mantel neben ihr.

Wirklich eine schöne Aussicht von hier oben“, sagte sie. „Hätte ich schon längst mal machen sollen.“ Sie ließ die Beine neben Andras baumeln. „Ich bin übrigens Elyf.“

Andra.“ Ihre Stimme klang heiser. Sie saß zwar immer noch, aber innerlich fiel sie. Stürzte. Zitterte wie ihre Stimme. „Dann war das nicht meine Magie.“

Nein, das war meine.“ Elyf zwinkerte ihr zu. „Aber das scheint dich irgendwie zu enttäuschen? Ich meine, ich habe Schock erwartet, aber …“

Andra verkrampfte die Hände zu Fäusten. „Gestaltwandlung ist nicht gerade Magie.“

Nicht? Ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber in meinen Kreisen nennen wir das Magie.“ Elyf zuckte mit den Schultern.

Dann kommst du auch nicht von hier?“ Die Worte waren heraus, bevor Andra sich zusammenreißen und sie hinunterschlucken konnte.

Auch nicht?“

Andra verfluchte sich. Sie hatte sich von der Hoffnung völlig den Verstand und jede Kontrolle rauben lassen. „Vergiss es“, murmelte sie und versank wieder in Schweigen.

Elyf stieß sie leicht an. „Du musst mir deine Geheimnisse nicht verraten. Ehrlich. Ich würde dich nur bitten, meins für dich zu behalten. Ich meine, nicht dass irgendein Mensch dir glauben würde. Eher würden sie dich für verrückt halten. Und das könnte dich in jede Menge Schwierigkeiten bringen. Und wer braucht das schon?“

Ich nicht.“ Andras Kopf fühlte sich zu schwer an, um ihn zu heben. Elyf redete schon wieder weiter, aber sie hörte ihr nicht länger zu. Irgendetwas hatte sie gesagt, etwas wie – „In deinen Kreisen? Heißt das, du bist nicht – nicht allein?“

Ich wohne in einem ganzen Haus voll mit meinen Schwestern.“ Elyf lächelte. „Ich könnte dich dahin mitnehmen. Aber dafür müssten wir hier runter.“

Sind sie dort alle wie du?“

Elyf nickte. „Ein Haus voller Krähen.“

Und -“ Andra schluckte, weil sie nicht hoffen wollte. „Und kennt ihr euch mit Magie aus?“

Dieses Mal brauchte Elyf länger für eine Antwort. Sie knabberte an ihrer Unterlippe, kratzte sich an der linken Augenbraue. „Ich weiß es nicht. Ich bin noch nicht solange dabei. Also, vielleicht?“

Das war genug, beschloss Andra. Für den Moment war das genug. „Dann los!“ Sie sprang auf und warf sich ohne jedes Zögern in die Luft. Hinter ihr ertönte ein Schrei, der abrupt verstummte, als Andra ihre Drachenflügel ausbreitete und sich hoch hinauf in den Nachthimmel schwang. Gleich darauf flog eine Krähe neben ihr. Vielleicht. Andra erlaubte sich einen Anflug von Hoffnung.

(Auch 2022 geht es weiter mit dem phantastischen Montag! Dieses Jahr lassen wir uns von Zitaten aus dem phantastischen Genre inspirieren – im Janaur von N.K. Jemisin mit „If you can imagine something, it will be.“ Die weiteren Geschichten findet ihr bei Carola Wolff Imagine und C.A. Raaven Schönheitswettbewerb. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Drachenrose

Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, roten Splittern überall auf dem hellen, fast schneeweißen Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das rote Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

(Die Dezembergeschichten des phantastischen Montags sind inspiriert von dem Song „White Winter Hymnal“ der Fleet Foxes. Wieder könnt ihr vier Geschichten dazu lesen – diese hier auf meinem Blog und die weiteren hier: Carola Wolff Mikki, C.A. Raaven Destination und Alexa Pukall Gute Freunde)

Phantastischer Montag: Krähenschwestern

Sie waren seltener geworden diese Nächte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Geräusch lauschte. Und obwohl sie in diesen selten gewordenen Nächten wusste, dass sie hier sicher war, dass hier kein Geräusch eine Gefahr bedeutete, so hockte Elyf in jenen Nächten doch starr im Bett, bewegungsunfähig, bis endlich der Morgen die Nacht vertrieb, sie einen Finger heben konnte, einen zweiten, eine ganze Hand, die andere, sich schließlich ausstreckte und die Augen im heller werdenden Morgen schloss, einschlief.

Doch während es noch Nacht war, schien der Morgen unerreichbar. Auch dieses Mal. Sie presste die Arme um die Knie und starrte in die Dunkelheit. Die war so absolut, dass sie Schatten darin umherhuschen sah, undefinierbare Gestalten. Noch hielten sie Abstand. Doch die Stimmen in Elyfs Kopf waren ganz nah.

Halte still, wisperten sie.

Wenn du ganz still hältst, wenn du nicht einmal zitterst, wenn dein Atem deine Brust weder hebt noch senkt, wenn du nicht blinzelst, wenn du ganz, ganz, wirklich ganz still hältst, dann wird auch die Nacht stillhalten. Nichts wird geschehen, wenn du nur stillhältst.

Und Elyf hielt still. Kein unerwartetes Knacken ließ sie zusammenzucken, keine Stimme auf dem Flur herumfahren. Der Wind rüttelte am Fensterrahmen, strich ihr mit kalten Fingern über den Nacken. Aber es ist nur der Wind, nur der Wind, weil das Fenster nicht dicht ist, redete Elyf sich zu und rührte sich nicht. Der Wind wirbelte die Schattengestalten durcheinander. Elyf wagte nicht, sich noch enger zusammenzukauern, wagte nicht wegzuschauen.

Sie hielt still und mit ihr erstarrte die Nacht. Sie schloss sich eng um Elyf, die Hand eines Riesen, der seine Finger um sie schloss, bis sie sich gar nicht mehr rühren konnte, selbst wenn sie es gewagt hätte. Es waren kalte, schwere Finger.

Neue Stimmen kamen hinzu. Zischend. Wutbebend. Gewaltversprechend. Gedrängt. Gepresst. Hässlich. Kaum noch möglich, ein Zittern zu unterdrücken.

Meine Tochter wird nie zu denen gehören!

Leise, du weckst sie noch.

Ist die Tür abgeschlossen?

Das Rütteln an der Türklinke ließ die gesamte Tür ihres Kinderzimmers beben. Sie schlug gegen den Rahmen, gleich würde es krachen, die Tür zerbersten — still, halt still — Elyf kämpfte gegen den Schrei in ihrer Kehle, kämpfte gegen das Zittern, kämpfte gegen das Verlangen sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass die Tür hielt, dass dies heute und hier eine andere Tür war. Eine Tür, die weder krachte noch barst. Sie hielt still.

Wenn sie nur stillhielt, würde es vorbeigehen. Die Nacht würde irgendwann vorbeigehen. Auch diese. Die Schattengestalten umkreisten sie. Streiften sie. Stillhalten. Sie musste nur stillhalten. Auch wenn die Gestalten aus Dunkelheit ihr über die Haare strichen, über die Arme, über die Schultern, den Rücken — mit Schattenfingern, die wie Feuer brannten.

Irgendwann war es hell geworden. Elyf hatte sich zitternd ausgestreckt, erleichtert, weil sie jetzt schlafen durfte, weil sie die Nacht lang durchgehalten hatte. Auch im Schlaf zuckten ihre Arme und Beine, ihre Finger, sogar ihre Haarspitzen.

 

Später, Elyf wusste nicht, wann sie aufgewacht war, stolperte sie die Treppen hinunter von ihrem Zimmer in die Crow-Bar, in diesen Raum voller freundlicher Gesichter, die zu viel schienen nach dieser Nacht. Elyf eilte durch die Bar, bevor irgendwer sie ansprechen konnte, setzte sich an den Tresen.

Yra, die heute dahinter Dienst tat, blickte sie nur an, sagte nichts, aber schob ihr einen Becher Kaffee zu. Elyf hielt das Gesicht in den tröstenden Dampf, der daraus aufstieg. Sie atmete tief ein und wieder aus.

Eine dieser Nächte, was?“, fragte Yra ruhig.

Elyf fuhr auf. „Woher weißt du …?“

Yra sah sie nicht an, polierte weiter ein Glas mit einem nicht mehr ganz sauberen Handtuch, hielt es gegen das Licht einer Kerzenflamme, runzelte die Stirn und polierte eine Stelle nach. „Wenn eine mittags mit diesem Blick zum Frühstücken kommt …“ Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Ton blieb genauso ruhig wie ihre Hände, als sie das Glas zurück ins Regal stellte und nach dem nächsten griff. „Jede hier hat ihre Geschichte.“ Sie deutete mit dem Kinn in den Raum voller Krähenschwestern. „Und wir alle kennen diese Nächte.“

Wird es besser?“, fragte Elyf, ohne das Gesicht aus dem Kaffeedampf zu heben. „Gehen sie irgendwann ganz weg?“

Vielleicht.“ Yra warf das Handtuch zielsicher in einen Eimer und nahm sich ein frisches. „Ich kann die Angst in solchen Nächten inzwischen vertreiben, wenn es mir gelingt, mich zu wandeln. Hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich das konnte.“ Sie rieb weiter an dem längst funkelnden Glas herum. „Wenn ich mir lange genug zurede, mir immer wieder sage, dass ich in der sicheren Gegenwart bin, dann kann ich irgendwann die Finger aus dieser Starre lösen, kann mein Tattoo berühren, mich wandeln.“ Yra stellte das Glas weg und zog mit einem Finger einen Kreis um das Krähentattoo an der Unterseite ihres Handgelenks. „Jede kleine Bewegung hilft. Versprochen.“ Sie stützte die Hände auf den Tresen, sah Elyf aus ihren dunklen Augen an. „Du wirst das hinbekommen. Gib dir Zeit.“ Yra machte ein Zeichen Richtung Küche. Gleich darauf stand eine Schüssel voll warmer, dicker Suppe vor Elyf. Yra reichte ihr einen Löffel. „Das beste Frühstück nach einer dieser Nächte“, sagte sie nachdrücklich. „Iss.“

Elyf tauchte den Löffel ein. Es kam ihr gar nicht in den Sinn zu widersprechen. Und eine bessere Suppe hatte sie nie zuvor gekostet. Sie schmeckte nach Zuversicht und nach Zuhause.

(Im November lassen wir uns bei @phantastischermontag von dem Song „Kid Fears“ der Indigo Girls inspirieren. Die anderen Geschichten könnt ihr nachlesen bei: Carola Wolff Bella Ella, bei C. A. Raaven Kinderspiel, Alexa Pukall Kohlefresser.)

Phantastischer Montag: Vielleicht

Elyf öffnete die Tür.

Der erste Blick hinein war eine Enttäuschung. Nur wenige Schritte hinter der Tür versperrte ein schwerer schwarzer Vorhang die Sicht. Obwohl eben noch den zwei eng umschlungenen Gestalten Licht und Gelächter gefolgt waren, als sie die Bar verließen. Jetzt lag da nichts als Dunkelheit. Elyf zögerte.

Vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet. Vielleicht war sie noch immer zu Hause, eingesperrt für die Nacht. Vielleicht lag sie in ihrem Bett — oder versteckte sich darunter — oder hatte sich in ihren Schrank verkrochen. Vielleicht hatte sie ihren Ausbruch nur geträumt.

Vielleicht hatte sie wie immer die Augen so fest zusammengekniffen, bis sie Dinge sah, die nicht da waren. Eine Krähe zum Beispiel. Auf dem Fensterbrett. Als sie den Vorhang beiseite geschoben hatte, weil da dieses klack-klack-klack war, unaufhörlich tönte.

Und da war die Krähe gewesen, außen an ihrem Fenster, und hatte gegen ihre Scheibe gepickt.

Oder eben auch nicht. Denn sie bildete sich Dinge ein. Sagten ihre Eltern. Dinge, die nicht da waren. Dinge, die nicht sein durften.

Vielleicht hatte sie sich auch Tante Käthe mit ihrem Kräuterladen eingebildet. Vielleicht war sie nie dort gewesen sondern immer nur hier in ihrem Zimmer, in der Dunkelheit. Vielleicht hatte Tante Käthe nie zu ihr gesagt: Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe.

Denn wer sagte so etwas schon. Und wer tat so etwas, einer Krähe folgen.

Vielleicht hatte sie sich also die Krähe eingebildet, war der eingebildeten Krähe nur in Gedanken durch die Stadt gefolgt, denn wer folgte schon einer Krähe, welche Krähe wartete schon höflich, bis ein Mensch ihr auf Dächer hinterherkletterte und über Abgründe zwischen Häusern hinterhersprang.

Vielleicht lag sie also in ihrem Bett und die Fensterscheibe in ihrem Zimmer war nicht gesprungen, nicht zerschlagen, die Haut an ihren Händen nicht aufgerissen, die Krähe ihr nicht vorangeflogen und sie ihr nicht hinterhergeklettert und -gesprungen und -gerannt.

Vielleicht war dieser Luftzug an ihrem Rücken nur einer, der durch die Ritzen neben den Fenstern kroch. Vielleicht schlief sie und träumte. Vielleicht träumte sie und war wach.

Vielleicht

Mach die Tür hinter dir zu, wenn du reinkommen willst“, ertönte eine Stimme vor ihr.

Elyf zog die Tür zu.

Klack. Sie fiel ins Schloss.

Klack. Ein Licht schien vor ihr auf.

In dem Lichtkegel saß eine Frau auf einem Barhocker. Sie saß vor dem schweren schwarzen Vorhang. Haare wie Federn fielen ihr bis auf die Schultern, flossen darüber und verschwanden dahinter.

Klack. Klack. Klack, tappte sie mit einem grau lackierten Fingernagel auf das Holz des Barhockers. „Was willst du hier?“

Wenn sie sprach, tanzten tintenschwarze Federn auf ihren Wangen, auf jeder Seite eine, tief in die Haut geprägt.

Elyf starrte in das Licht, starrte auf die Frau, starrte, während ihre Gedanken sich übereinanderschoben, die Worte sich verhaspelten, bis kein einziges mehr einen Sinn ergab.

Klack. Klack. Klack. „Du bist mir hierher gefolgt. Jemand hat dich also erkannt. Sag einfach, was du willst, und ich lasse dich herein.“ Das Klacken unterlegte ihre Worte und setzte sich in der Stille fort.

Klack. Klack. Klack.

Vielleicht stand sie immer noch in ihrem Zimmer, am Fenster, vielleicht pickte die Krähe immer noch mit ihrem Schnabel gegen die Glasscheibe. Und wenn Elyf lange genug dort stand, würde irgendwann das erste graue Morgenlicht die Dunkelheit vertreiben. Irgendwann würde die Sonne aufgehen, irgendwann würde der Schlüssel im Türschloss quietschend und knackend gedreht, und die Nacht wäre vorbei.

Klack. Klack. Klack.

Die Krähe flöge fort.

Klack. Kla-

Ich will nie wieder zurück!“

Das lässt sich einrichten“, sagte die Krähe.

Wie flatternde Flügel schwang der Vorhang zu beiden Seiten auf. Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren schwappten Elyf entgegen. Der Raum war weit und lag unter der Decke eines hellen Sommerabendhimmels. Links von ihr streckte sich ein langer Tresen, streckte sich und streckte sich und Elyf konnte sein Ende nicht erspähen. Ihre nackten Füße sanken sanft in warmen, weichen Sand. Musik umspülte sie wie leichte Wellen, getragen von Stimmen, rau und nah und fern und vertraut.

Sie wusste, wo sie war, ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein.

Manche tanzten, manche gestikulierten und redeten, manche lachten, manche sahen sich still lächelnd um, manche hüpften in Krähengestalt über den Sand, manche flogen auf, wirbelten herum, schneller und wilder und schneller, bis ihre Gestalt verschwamm, bis ihr Flügelschlagen stoppte und sie taumelnd und lachend in einem Wirbel langer dunkler Federhaare zum Stehen kamen, die Arme wie zur Balance weit ausgestreckt.

Komm.“ Die Krähenfrau, die am Eingang auf sie gewartet hatte, nahm sie bei der Hand. Elyf folgte ihr, wie sie ihr schon durch die ganze Stadt gefolgt war.

Sie blieben erst vor einem hohen, pyramidenförmigen Zelt stehen.

Wellen liefen über den Strand, leckten an Elyfs Zehen, liefen langsam zurück ins Meer. Aus dem Zelt drang ein leises Klack-klack-klack.

Die Krähenfrau hielt sie an einer Schulter fest. „Letzte Möglichkeit umzukehren“, sagte sie so leise, dass das Rauschen der Wellen sie fast übertönte. „Du kannst eine von uns sein. Oder du schließt die Augen, und ich bringe dich zurück.“

Klack. Klack. Klack.

Elyf bohrte die Zehen in den feuchten Sand. Das Wasser floss kühl-warm über ihre Fußrücken, kitzelte ihre Knöchel. Die Salz-getränkte Luft strich über ihre Wangen, prickelte an ihren aufgeschürften Händen. Haare wie Federn streiften ihre Arme. Sie blinzelte nicht einmal. Sie schloss ihre Augen nicht. Sie schlug die Zeltwände zurück und trat hinein. Der Duft getrockneter Kräuter küsste sie auf die Wangen, legte sich um ihre Schultern.

Endlich“, begrüßte sie Tante Käthe. „Ich habe fast schon befürchtet, wir hätten dich verloren. Setz dich.“ Sie klopfte neben sich auf den Boden.

Elyf ließ sich an ihrer Seite nieder. Vor Tante Käthe stand ein Glasbehälter mit dunkler Tinte. Daran lehnte ein Holzstab mit einer scharf abgeknickten Spitze. Tante Käthe schloss eine Hand um einen glatten, runden Stein. „Du gehörst schon jetzt zu den Krähen“, sagte sie. „Du hast bei uns deinen Platz, solange du bleiben willst.“

Für immer, wollte Elyf antworten, doch Tante Käthe hob ihre freie Hand, bedeutete ihr noch kurz zu schweigen und zuzuhören. „Wenn du auch deine Krähengestalt und deine Flügel möchtest, musst du deine Zeichnung annehmen.“ Sie tippte auf den Holzstab.

Elyf dachte an die wirbelnden Gestalten, dachte an die Krähe, die ihr vorausgeflogen war, dachte an die Dunkelheit in ihrem Zimmer. Ihre Antwort stand längst fest und sie gab sie mit leichter Stimme.

Klack. Klack. Klack. Mit jedem Tropfen Farbe, der unter ihre Haut floss, spürte Elyf ihre Federn wachsen, hörte immer lauter das Rauschen des Windes unter ihren Flügeln.

(Das war die versprochene Fortsetzung zur Geschichte Tante Krähe aus dem letzten Monat. Im Oktober lassen wir uns beim phantastischen Montag inspirieren von dem Song „Alison Hell“ (Annihilator) – und wieder sind dabei ganz unterschiedliche Geschichten entstanden … lest selbst bei: Carola Wolff Untergrund, C. A. Raaven Black Rabbit, Alexa Pukall Dunkel und still)

Phantastischer Montag: Tante Krähe

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante Käthe, Tante Krähe, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante Käthes Kräuterladen fühlte sie sich von Anfang an zuhause.

Also war sie jetzt den ganzen Tag lang bis in die Dunkelheit hinein einer Krähe gefolgt. Die war nie vor ihr geflüchtet, hatte sogar höflich gewartet, wenn sie mit ihren Armen und Beinen und eben ohne Flügel Dächer und Mauern nicht so schnell hinauf kam. Mancher Sprung von einem Dach zu einem anderen war waghalsig gewesen — aber nie unmöglich. Auch darauf schien die Krähe stets geachtet zu haben. Nun hockte sie auf einer Stange über einer Kneipentür und blinzelte zu ihr hinunter.

Du willst jetzt aber nicht, dass ich da zu dir hochkomme, oder?“ Elyf sah zu dem grau-schwarzen Vogel hinauf. Die Krähe schüttelte leicht ihre Flügel und senkte den Kopf, als wollte sie mit dem Schnabel auf das Namensschild der Bar deuten, das unter ihr an der Stange baumelte. Crow-Bar.

Sehr witzig“, murmelte Elyf. Sie zupfte an ihrer Hose, ihrer Lederjacke, ihrem Hemd, die alle etliche Schrammen und Risse aufwiesen von ihrer Kletterei. An ihren Fingerknöcheln brannten mehrere Abschürfungen. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Die fühlten sich nicht einmal mehr nach Frisur an. Daran war sie allerdings selbst schuld. Insgesamt sah sie sicherlich eher aus wie nach einer durchzechten Nacht in einer Bar, Kneipenschlägerei inklusive, und nicht wie eine, die sich bislang nicht einmal aus ihrem Viertel gewagt hatte.

Wahrscheinlich sah sie auch nicht aus wie eine, die nach genau dieser Bar gesucht hatte. Elyf trat ein paar Schritte zurück. Die Krähe krächzte vorwurfsvoll. Elyf blickte hektisch nach allen Seiten um sich. Aber sie war nach wie vor allein in der Gasse. Zumindest soweit sie das im gelblich-trüben Licht der Laternen erkennen konnte.

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt, die strenggenommen nicht ihre Tante war. Elyfs Eltern hatten sie jedes Mal missmutig aus dem Kräuterladen gezerrt, wenn sie das mitbekamen. Später verzogen sie zwar immer noch missmutig die Miene, wenn sie den Satz hörten, doch Elyf war längst kein Kind mehr, das sich irgendwo wegzerren ließ. Sie seufzte. Offenbar war sie auch nicht Frau genug, einfach diese Bar zu betreten.

Und die Krähe hockt schließlich auch davor und nicht drinnen, argumentierte sie stumm und unter dem heftigen Pochen ihres Herzens.

Die Tür wurde von innen aufgestoßen. Mit dem Licht schwappten Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren hinaus auf die Gasse, dicht gefolgt von zwei eng umschlungenen Gestalten. Und als hätte die Krähe das stumme Argument ihrer Angst gehört, flog sie mit einem lauten Krächzen mitten in das Licht und den Lärm hinein. Hinter ihr schlug die Tür wieder zu. Die zwei eng umschlungenen Gestalten schlenderten durch Stille und Dunkelheit davon, schickten ab und an ein leises Lachen in die Nacht, das verklang, als sie am Ende der Gasse um eine Ecke verschwanden.

Elyf zog die Jacke enger um sich. Wärmer wurde ihr davon nicht.

Folge der Krähe, hörte sie Tante Käthes Stimme in ihrem Kopf. Und es schien ihr schwieriger, als Hauswände hinaufzuklettern und über die Abgründe zwischen Dächern zu springen. Ja, sie würde jetzt lieber diesen gesamten Weg noch einmal auf sich nehmen, statt eine Hand auf den Messinggriff dieser Tür zu legen und sie aufzuziehen. Sie blickte sich sogar nach einer Krähe um. Aber natürlich tat ihr keine den Gefallen, genau jetzt und genau hier zu erscheinen, damit sie ihr anderswohin folgen könnte.

Was wohl die drinnen von der Krähe hielten?

Vielleicht war es für sie gar nicht ungewöhnlich, dass eine Krähe in die Bar flog. Vielleicht war es nur ungewöhnlich, dass die Krähe allein kam. Vielleicht sollte sie ihr endlich folgen und ihr die Peinlichkeit ersparen, ohne Begleitung dort drinnen zu hocken. Elyf strich sich durch die Haare, zog an den Ärmeln ihrer Lederjacke, die immer noch nicht groß genug werden wollte, dass sie sich ganz darin verkriechen könnte.

Sie konnte immer noch umdrehen. Irgendwie würde sie schon einen Weg zurück in bekannte Gefilde der Stadt finden. Sie musste nur lange genug durch die Gassen irren, bis die wieder breiter wurden, bis wieder Droschken und Straßenbahnen fuhren, die sie zurückbringen würden. Zu ihren Eltern. Wo sie das alles vergessen müsste. Die Krähen. Tante Käthe. So tun als ob. Bis als ob alles andere wegdrängte. Tante Käthe. Die Krähen. Sie selbst.

Ihre Kehle fühlte sich wund an und zu eng zum Schlucken. Elyf zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Noch einmal. Und wieder. Und wieder. Elyf legte beide Hände um den Messinggriff. Ihr Herz pochte so laut, als wollte es ihre Ohren von innen sprengen. Atmen, befahl sie sich mit Tante Käthes Stimme. Ihr Brustkorb dehnte sich vor Luft, als könnte ihr ganzer Körper leicht werden und Krähenflügel sie wegtragen. Elyf öffnete die Tür.

… Fortsetzung folgt!

(Im September lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song Crowbar – von Frank Carter & the Rattlesnakes – inspirieren. Was dabei noch entstanden ist, könnt ihr bei Carola Wolff: Braves Mädchen, C.A. Raaven: Future is Now und bei Alexa Pukall: Das Krähennest nachlesen.)

Phantastischer Montag: Die Trösterei

Sie war tatsächlich schon unzählige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entzündeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.

Es ist ein Zauber, hatte Drew erklärt. Er schlägt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.

Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tatsächlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.

Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinwänden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Gebäuden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.

Da, wo er am stärksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugefügt: Du wirst schon sehen.

Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zwölfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der köstliche, verräterische Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen legt sich wie ein wärmender Mantel um sie. Trügerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tröstereien zum Verhängnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen Störung der Totenruhe verhaftet. Die Trösterin wanderte für mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorräte wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Trösterei für immer versiegelt.

In solchen Fällen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und nächtelang über der Stadt, drang durch alle Tür- und Fensterritzen in die Häuser. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zurück. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Trösterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du hättest wirklich etwas präziser sein können, Drew, nörgelte sie und wünschte sich zugleich Drew würde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.

Ihre Flügel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie möglich nach hinten aus, schüttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-röstig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann – Aja blinzelte.

War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine Täuschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem beständigen Glühen aus tausenden von Lichtfäden entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja lächelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den Füßen auf den Kopf gestellt und wieder auf die Füße.

Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz saß. Natürlich tat es das. Der willkommene Duft der Trösterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Glühfäden tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen Körper, strich über Hände, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.

In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine rußgeschwärzte Pfanne über die Flammen, in der röstende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu spät. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Trösterin zuschauen konnte, ließ sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.

Die Trösterin blickte sie über das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne näher zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf tönte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Geräusch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte.

Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die Länge. Fast hätte sie die Augen wieder geöffnet. Aber die Trösterin würde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemzügen.

Irgendwann berührten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie ließ zu, dass die Trösterin ihre Hand führte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie spürte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.

Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-heiß über ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begrüßung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr über Wangen und Augenlider.

Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren türkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als müsste sie sich erst einmal davon überzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Tara blinzelte noch einmal, dann lächelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als würde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter Körper davon erfüllt war. Tara breitete Arme und Flügel aus und Aja stürzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, berührten sich, drückten Arme wie Flügel umeinander, hüllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem Rücken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.

Aja drückte sich an Tara, hüllte sie in ihre Flügel, sog das Glühen ihres Körpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit flüsterten sie miteinander, erzählten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Flüstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen – bis Ajas Flügel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. „Ich komme wieder“, wisperte sie in die Stille.

 

(Unsere Geschichten für den phantastischen Montag sind im August von dem Song „Still“ von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: Das Internet der Dinge von Carola Wolff, Karmukation von C.A. Raabe, Himmelsblau von Alexa Pukall. Schönes Lesen!)

Phantastischer Montag: Die Feuerdrach

Ein lautes Räuspern ließ mich zusammenschrecken. „Was?“, murrte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den üblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also würde ich die Helligkeit da draußen einfach ignorieren.

Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti’run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel — etwas verspätet — auf, dass ich sie mit meiner mürrischen Frage zu einem Gespräch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.

Ti’run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht stärker als ich. Sie räusperte sich erneut und ließ von der Decke ab. „Du bist denen da draußen noch eine Geschichte schuldig.“ Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.

Ich schulde niemandem gar nix.“ Und überhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erzählen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was für Ti’run kein Argument sein würde. Also setzte ich nach: „Wer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.“

Falsch.“ Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. „Ich bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererzählen, dann musst du die Geschichte erzählen.“

Ich beschloss, dass ich mich verhört haben musste. Oder ich träumte das alles. Hier unter der Bettdecke war schließlich alles möglich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht — Ti’runs Stimme blieb hartnäckig.

Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte wäre zu Ende erzählt.“

Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti’run mich jetzt schon bis in meine Träume oder ich war doch wach. Das Ergebnis würde dasselbe bleiben. Sie gäbe keine Ruhe, bis ich die Geschichte erzählte, die sie hören wollte. „Du hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt“, versuchte ich es trotzdem. „Nicht welche Geschichte sich damit verbindet.“

Aber jetzt will ich es wissen.“ Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Knäuel auf meiner Brust lag.

Hast du es bequem?“ Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus ließ mich im Stich.

Du doch auch.“ Ti’run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein dürfte. „Und jetzt erzähl.“

Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erzählen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond läge — aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte.

Ich atmete tief durch und hörte Ti’runs empörtem Protest zu, als sich ihre Liegefläche hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erzählen:

 

Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar für unsere Augen. Nichts hält sie auf, nichts schränkt sie ein.

Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.

Sie grüßte den Mond. Doch für ihn war ihr Feuer zu heiß.

Sie grüßte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.

Schließlich grüßte sie die Erde und fand das flüssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie ließ etwas von ihrem Feuer hineinfließen. Die brodelnde Hitze strömte durch die Schichten der Erde, drängte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, versprühte ihr Feuer weit und fern, floss in reißenden Strömen die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.

Die Feuerdrach spürte alles, was ihr Feuer berührte. Wie die Hände einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger über die Berge, liebkoste ihre Hänge und Täler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Grünen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.

Erst die Meere kühlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert über diese nassen, neuen Wesen. Während sie tiefer und tiefer hineinsank, kühlte über ihr das Land allmählich ab, nährte einen neuen Boden.

Aber das kümmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese kühle Flüssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erfüllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.

Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die Töne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die Töne glucksten, brummten, lachten, krächzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.

Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.

Im Wasser geboren, aus flüssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gewärmt, von Sternenstaub geküsst.

Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, spürt auch heute noch alles, was Drachenflammen berühren. Und so ist sie nicht länger einsam.

 

Ein tiefer, wohliger Seufzer ertönte auf meiner Brust. „Na bitte“, brummte Ti’run, „geht doch.“ Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, während ich verwundert weiterträumte.

 

(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song „I Am The Fire“ von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff Die Königin der Welt , C.A. Raaven Don’t , Alexa Pukall … Link folgt nächste Woche. Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!)

Phantastischer Montag: Mondverzaubert

Schau mal, der Mond.“

Kleine Flügel fächern mir einen Windhauch zu. Ich öffne die Augen nicht. Den Mond kann ich mir vorstellen und mit geschlossenen Augen dazu auch ein Meer. Und solange ich mich konzentriere, höre ich auch das Meer rauschen und der Windhauch wird zu einer kühlen Brise, die über die Wellen zu mir herangetragen wird, die Tageshitze vertreibt.

Jetzt schau doch mal!“ Drachenkrallen kratzen über meinen nackten Oberarm. Selbst auf dem Balkon ist nachts noch T-Shirt-Wetter. Ich lasse widerwillig von meinen Meeres-Gedanken ab und öffne die Augen. Der Mond hängt dick und rund am dunklen Himmel, leuchtet über Häuserdächer und die dichten Blätterkronen der Bäume.

Und?“, knurre ich, während ich über die feinen Kratzspuren auf meinem Arm fahre. Ja, der Mond ist hübsch. Aber ich kann nichts außergewöhnliches an ihm entdecken. Kein Blutmond, keine Mondfinsternis, nicht einmal ein Supermond oder wenigstens Wolken, die ihn irgendwie geheimnisvoll umranden. Ti’run, silber glitzernd in seinem Licht, hat die Krallen um das Balkongeländer geschlungen — die der Hinterpfoten um die untere Stange, die der Vorderpfoten um die darüber — und starrt das sanft leuchtende Gebilde dort oben an, als gäbe es nichts Faszinierenderes im Universum. Ihre Flügel schwanken leicht in einer nicht vorhandenen Nachtbrise.

Was, meinst du, liegt dahinter?“, fragt sie ungewohnt leise.

Ich krame in meinem Kopf. Aber Sternenkarten sind da nicht abgespeichert. Verläuft die Milchstraße von hier aus gesehen — wenn sie denn zu sehen wäre — hinter dem Mond? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, welcher der Planeten hinter dem Mond liegt. Dabei musste ich die Reihenfolge als Kind mal auswendig lernen. Aber liegen die Planeten überhaupt hinter dem Mond? Da oben steht ja nix still. Meine Gedanken drehen sich, und ich habe schon zu lange geschwiegen. Also zucke ich nur mit den Schultern. „Sterne?“, schlage ich doch noch zögernd vor.

Dieses Mal ist es Ti’run, die knurrt.

Mir reicht’s. „Ich bin keine Astronautin. Oder Sterndeuterin. Oder Astrophysikerin. Oder wer sich sonst mit so Zeug auskennt“, mosere ich.

Aber du bist Autorin.“ Der kleine Drache faltet die Flügel und dreht sich zu mir um, die Augenbrauen eng zusammengezogen. „Also lass dir gefälligst was einfallen.“

Zu warm“, protestiere ich. „Mein Hirn ist Matsch.“

Ti’run seufzt so tief, dass ihr ganzer kleiner Körper von dem Laut bebt. „Du machst es einem Drachen echt nicht leicht.“

Ach ja?“ Wenn mir nicht so warm wäre, würde ich wild gestikulieren vor Empörung. „Du hast es also nicht leicht? Du musst dir die Geschichten nicht ausdenken! Du rennst nicht mit dem Kopf gegen Mauern oder musst zusehen, wie jeder einzelne Einfall unter der Hitze verdampft! Du tust doch nichts als schlafen, fliegen, Dinge in Brand setzen, blöde Bemerkungen machen, wieder schlafen, abhängen, Chaos stiften, faulenzen, nutzlose Fragen stellen.“ Ich stoppe, weil mir als nächstes nur wieder schlafen einfällt und ich Wiederholungen nicht mag.

Ti’run hat den Kopf zur Seite gelegt. „Fertig?“

Für den Moment.“ Ich schaue zum Mond, weil sonst mein Ärger verpuffen würde, weil der kleine Drache an meinem Balkongeländer zu niedlich aussieht. Ein unfairer Vorteil.

Wir schweigen beide. Bestimmt schaut auch Ti’run wieder zum Mond. Ich muss zugeben, er sieht schön aus, wie er da im Dunkeln leuchtet, der Nacht ein sanftes Licht schenkt, in dem Blätter, Äste, Schornsteine und Häuserdächer scharfe Umrisse bekommen. In unserem Schweigen macht sich Ti’runs Frage erneut in meinem Kopf breit. Was, meinst du, liegt dahinter? Vielleicht — nein! Nein, so leicht werde ich es ihr nicht machen und mich verführen lassen, mir eine Antwort zusammenzuphantasieren. Soll sie sich doch selbst was ausdenken. Gibt doch bestimmt Drachenmythen zum Mond und allem, was dahinter liegt.

Hörst du das?“, wispert Ti’run.

Ich halte den Atem an. Lausche. Nicht mal ein Blatt raschelt. Die Fenster in den umliegenden Häusern sind zwar weit geöffnet, aber auch aus ihnen dringt kein Laut. Nicht einmal ein Schnarchen. Ich stoße die angehaltene Luft aus, störe die Stille, atme tief ein. Und dann höre ich sie. Ganz leise.

Eine Melodie, aber keine Stimme, kein Instrument, das ich kenne. Ich lausche. Die Melodie wiegt die Nacht wie ein Meer, zieht Silberfäden durch das Wasser, kribbelt kühl auf meiner Haut und ich folge ihr, drehe mich in ihrem Licht, strecke die Arme, wirbele herum, schaukele auf den Tönen, folge dem Auf und Ab der Wellen. Helles Drachenlachen mischt sich unter die Melodie, schmiegt sich in sie ein, so wie Ti’run geschmeidig um mich herum fliegt und flattert und mit mir tanzt und ich mit ihr und wir mit dem Mond.

Ich stehe still, ich sinke zurück auf meinen Stuhl, vielleicht bin ich nie aufgestanden, nur mein Atem, der laut durch mich strömt, behauptet etwas anderes. Ti’run landet auf meinem linken Unterarm. Ich hebe sie an mein Gesicht, neige den Kopf zu ihr, dorthin, wo sich ihre Ohrmuscheln hinter Schuppen verbergen und flüstere: „Hinter dem Mond, da …“ Ich bewege die Lippen an ihren Schuppen, sodass nur sie mich hören kann und beginne zu erzählen.

(Im Juni lassen wir uns beim phantastischen Montag von dem Song „Bella Luna“ von Jason Mraz inspirieren. Wozu das so geführt hat, könnt ihr auch hier nachlesen bei Carola Wolff, C. A. Raaven und nächsten Montag dann auch bei Alexa Pukall – viel Spaß mit dem schönen Mond und der Lektüre!)

Die erste Lesung 2021

Das Theater Morgenstern veranstaltet einen Lesemarathon mit dem Titel „Versteckte Welt gleich nebenan“ – und ich bin dabei! Noch kann ich es kaum glauben, dass es wirklich eine Veranstaltung vor Ort wird und mit Publikum. Ja, ich bin aufgeregt. Die letzte Lesung ist eeeeeeeewig her (Oktober 2020 bei Käpt’n Book in Bonn, das eine Festival, das wundersamer Weise stattfand). Wie das wohl wird? Werden viele da sein? Oder trauen sich erst noch wenige zu Veranstaltungen mit potentiell vielen Menschen? Wie wird es sich anfühlen, wieder dreidimensional zu lesen und nicht vor dem platten Bildschirm? Reaktionen in Echtzeit sehen & hören! (Na gut, das mit dem Sehen wird schwierig, weil ich zum Lesen die Brille absetzen muss.)

Fragen über Fragen!
Jedenfalls freue ich mich sehr darauf, dass die Veranstaltung nun wirklich stattfinden kann, denn bei aller Aufregung: Ich lese gern vor echtem Publikum. Und ich habe es vermisst. In diesem Sinne: bis ganz bald! 🙂

Phantastischer Montag: Vielleicht noch nicht

Nasra breitete ihre Flügel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten grün-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Blättern klang wie schäumende Wellen beim Überschlag. Nasra ließ die Flügel sinken, schmiegte sie an ihren Rücken.

Rot schimmerte zwischen den Blättern hervor, wenn der Wind sie auseinanderriss. Dunkles, leuchtendes Rot, das sie samtig auf ihren Wangen spürte. Küsse wie Blütenblätter. Wie Rizas leises Lachen, das mit dem Regen auf sie hinabgetropft war. Das Lachen und die Küsse hatten sie beide vor allem geschützt.

Sie hatten sich betrunken an strahlend blauen Himmeln und den Wolken hinterher gestarrt, sich geschworen, ihnen zu folgen. Eines Tages, hatten sie einander zugeflüstert, irgendeines Tages. Manche Tage hatten sie nichts anderes getan, als hinter den Rosenbüschen im Gras zu liegen, zu beobachten, wie der Tag in die Nacht verschwand, hatten der Dunkelheit gelauscht, die ihre Schwingen ausbreitete und den Mond entblößte, alles weich machte und silbrig-grau. Und wenn der Mond den Himmel den Sternen überließ, hatten sie in das Dunkel zwischen den Lichtfunken geblickt, tiefer und weiter als jedes Meer.

Riza malte Regenbögen auf Häuserwände, zog sie über rissigen Asphalt und trübe Mauern. Sie spiegelten sich in den Pfützen, nachdem sie vom Himmel schon lange wieder verschwunden waren. Und Riza tupfte Farbkleckse auf jede Haut, machte sie alle bunt. Und manche lächelten. Andere wischten die Farbe eilig ab. Manchen malte sie bunte Flügel auf den Rücken, wenn sie geduldig genug dafür waren.

Manche, wenige, lernten zu fliegen.

Manchmal, oft, wollten andere ihnen die Flügel ausreißen.

Und wenn die Angst zu groß wurde, dachte Nasra an ihre Heimat. Irgendwo hinter den Wolken, wo die Schwingen der Nacht sich über den Tag ausbreiteten. Wohin nur sie gehen konnte.

Nasra breitete die Flügel aus. Aber sie flog nicht den Wolken hinterher oder in die Dunkelheit zwischen den Sternen. Sie flog über die Wipfel des Meerwaldes, folgte den roten Tupfen im Grün, folgte den Regenbögen auf dem grauen Asphalt und wusste genau, wen sie an ihrem Ende finden würde. Denn noch war kein Ende, noch konnten Küsse wie Blütenblätter, wie Regen, sie schützen, und noch konnte sie ein wenig länger bleiben. Vielleicht auch lang.

 

(Im Mai lassen wir uns von dem Song „What a Wonderful World“ in der Version von Louis Armstrong inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im Mai findet ihr bei: Carola Wolff mit Wonderful World, C. A. Raaven mit Wahltag und Alexa Pukall mit Der Schneckenbändiger. Viel Spaß beim Lesen!)