Phantastischer Montag: Ein Fünkchen Gelassenheit

(Wer Geschichten lieber hört, als selber liest, oder ergänzend gerne hört, oder, oder, oder … scrollt einfach schnell zum Ende des Textes: unter dem Bild gibt es die Möglichkeit, sich die Story vorlesen zu lassen. Kleine Warnung: Ich habe keine hochmoderne technische Ausrüstung, kein Studio oder ähnliches – ihr hört die Story einfach so, wie ich sie beim Lesen eingesprochen habe, Versprecher und ähnliches inklusive, wie bei einer Live-Lesung. 😉 Und jetzt wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und / oder Hören!)

 

Sag mal, ich weiß, du bist ein Drache, aber ich weiß nicht, ob du weiblich oder männlich bist …“

Muss ich mich da entscheiden?“

Nö, im Grunde nicht.“

Na prima.“

(Das darauf antwortende, etwas verzweifelte na prima behielt ich für mich und verfluchte meine Muttersprache mit ihrem Beharren auf Artikeln und Pronomen. Wie schrieb ich jetzt bitte über einen Drachen, ohne Gendermarker zu verwenden? Nicht mal diese Frage konnte ich ohne schreiben!)

Ti’run lugte mir über die Schulter und las mit. Natürlich. „Du siehst das zu eng. Nur weil deine Muttersprache darauf beharrt, der Drache zu sagen, muss ich mich ja noch lange nicht dieser Diktatur des Geschlechts unterordnen.“ Damit wandte er sie sich vom Bildschirm ab, schob einige Papiere und Notizbücher zur Seite, bis unter der Schreibtischlampe ein drachengroßer Platz frei war, seufzte und rollte sich im Lichtkreis der Lampe zusammen. Ich strich die zerknitterten Papiere glatt, sortierte sie kommentarlos zurück in die richtige Reihenfolge und fand einen neuen Ort für die Notizbücher.

Du darfst gern der Drache und sie schreiben“, merkte Ti’run an, ohne die Augen zu öffnen. „Das wird zwar manche verwirren, aber mich macht das glücklich.“

Auch eine Lösung, dachte ich und ging schnell die bereits geschriebenen Zeilen durch, um die entsprechenden Korrekturen vorzunehmen – es war nur eine. „Sehr schön“, murmelte ich beim Durchstreichen. Ti’run seufzte nur leise. Sie war eindeutig größer geworden während unseres Ausflugs in den Rauhnächten. Vorsichtig streckte ich meine Hand über dem kleinen Drachen aus.

Geh mir aus der Sonne“, knurrte sie.

Ich maß erst noch zu Ende. Ti’run war mindestens um das Dreifache gewachsen, seit ich sie zum ersten Mal in der Sockenschublade entdeckt hatte. Da hatte sie noch locker auf meine Handfläche gepasst. „Du hattest einen Wachstumsschub.“

Und?“ Ti’run blinzelte träge. „Hast du gedacht, Drachen würden nicht wachsen?“

Hatte ich das? Nicht wirklich. Nur … „Wie oft hast du solche Wachstumsschübe?“ Ich schaute mich in meiner – Entschuldigung: unserer — Wohnung um. Besonders groß war sie nicht.

Der kommt nur alle paar Dekaden.“ Ti’run reckte sich und schob mit den Hinterbeinen die Schreibtischlampe gefährlich nah an die Tischkante. Ich hatte den Lampenhals bereits gepackt, bevor ich auch nur darüber nachdachte — und verspürte nicht einmal den geringsten Groll, während ich die Lampe in Sicherheit brachte. Was war hier los? Ti’run hatte die Augen wieder geschlossen. „Du musst dir keine Sorgen machen, so schnell werde ich nicht zu groß für unsere Höhle.“ Sie ließ eine kleine Flamme vor ihrem Maul tanzen, löschte sie mit der Zunge aus, bevor sie Holz oder Papier oder etwas anderes brennbares erreichen konnte.

Oder auch: bevor ich mich aufregte. Wieso regte mich das nicht auf? Ich wusste genau, dass mich das vor wenigen Wochen noch hätte aufspringen und losschimpfen lassen. Aber jetzt? Jetzt war da nichts. Kein Schrecken. Kein Fünkchen Ärger über die drachische Sorglosigkeit. Keine Spur von Angst um meine Notizen. Letzteres machte mich dann doch — fast — besorgt.

Du tippst gar nicht mehr“, bemerkte Ti’run.

Ich denke.“

Aha.“

In unserem Schweigen klickten Ti’runs Krallen einen geruhsamen Rhythmus aufs Schreibtischholz. Ich tappte dazu mit den Fingerkuppen. Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick, tapp … Draußen schepperten Deckel auf Mülltonnen, ganz und gar unrhythmisch. Mussten die wirklich jetzt — klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick fing mich unser Rhythmus wieder ein. Tapp-tapp, klick, tapp — ich räkelte mich wohlig und erinnerte mich an meine schuppige Haut, die mich in den Rauhnächten vor der Kälte geschützt hatte, während wir zwischen den Sternen durch den dunklen Himmel geglitten waren. Ich war ein Winzling in dieser Weite gewesen und zugleich hatten meine Flügel allen Raum umspannt.

Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp — ich hatte keine Ahnung, wie weit wir geflogen waren. Wir wurden nie müde. Die Sterne raunten uns eine Melodie zu — oder vielleicht war das der Klang unserer Schwingen, der uns da etwas zusang, uns einhüllte, uns trug und beflügelte.

Ich atmete Nacht ein. Und als ich ausatmete, war es Tag.

Eine dichte Wolkendecke schirmte uns von der Welt ab. Die Sonne wärmte unsere Schuppen. Mich überkam wieder dieses Gefühl aus meiner Kindheit, als ich das allererste Mal Wolken von oben gesehen hatte (aus einem Flugzeug) und überzeugt war, dass dort Berge aus Zuckerwatte unter mir lägen, über die ich hüpfen könnte, wenn man mich nur ließe (natürlich ließ mich niemand). Vorsichtig streckte ich eine Pfote aus, um an einer Wolke zu kratzen. Sie war kühl — und ganz und gar nicht klebrig, nur ein Gewebe aus Luft und Wasser. Und noch mehr Gesang. Ich blickte auf.

Wir waren nicht mehr allein. Um uns herum war ein grün-golden-rot-blaues-silbrig-schwarz-türkises Funkeln und Blitzen und Glitzern. Flammen tanzten orange-gelb-rot aus Nüstern und Mäulern. Drachen, von kleiner als ein Füller bis groß wie ein Hochhaus umflogen uns, glitten über den Wolken dahin und unsere Flügel und Flammen bildeten ein Orchester. Wir besangen das Licht und sangen die Nacht herbei. Wir schickten den Sternen unsere Lieder und umkreisten den Mond.

Wir glänzten unter der Sonne und tauchten in den Wolken, um mit Eiskristallen und Tautropfen benetzt wieder aufzusteigen und unser Farbenmeer noch intensiver leuchten zu lassen. Ich wollte nie wieder umkehren.

Aber irgendwann erinnerte Ti’run mich sanft an die Schwerkraft, der ich hier oben bestimmt nicht ohne Flügel begegnen wollte. So sangen wir mit allen ein letztes gemeinsames Lied und stoben dann in alle Richtungen davon — aber nicht, ohne uns vorher zu versprechen: nächstes Jahr wieder. Ganz bestimmt.

 

Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, kann das jetzt auch tun, genau hier:

Phantastischer Montag im Dezember

Im Dezember hieß unser Thema: Rauhnächte – und auch die letzten vier phantastischen Stories zum Wochenstart sind wieder so unterschiedlich geworden wie die  beteiligten Autor*innen sind. Nachlesen könnt ihr sie hier (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

 

 

 

 

 

Carola Wolff: Die wilde Jagd
C.A. Raaven: Rauyas erste Nacht
Maike Stein: Wenn der Winter beginnt
Alexa Pukall: Der Leuchtturm am Ende der Welt

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen – und einen guten Start ins neue Jahr! Eins kann ich jetzt schon versprechen: 2021 geht es weiter mit dem phantastischen Montag. 🙂

Phantastischer Montag: Wenn der Winter beginnt

„Ich hasse Weihnachten“, murmelte ich vor mich hin. Natürlich nicht leise genug für Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. „Kannst du damit mal aufhören?“, fragte ich – etwas lauter und ohne große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde. Zu meiner Überraschung landete der kleine blaue Drache, den ich vor einigen Monaten in meiner Sockenschublade (meiner Wohnhöhle, meinst du) entdeckt hatte, vor mir auf dem Schreibtisch. Genauer gesagt: meiner Tastatur. Was mich effektiv am Weiterarbeiten hinderte. Ti’run interessierte sich nicht für Deadlines. (Pausen sind wichtig. Du solltest mehr Pausen machen. Weißt du selbst.) Der kleine Drache machte es sich auf der Tastatur bequem. Ich konnte gerade noch Strg-S drücken, bevor Ti’run meine Finger sanft aus dem Weg schob.
„Was ist das mit diesem Weihnachten?“

„Religiöse Feiertage, die mit kapitalistischem Konsumterror einhergehen, der spätestens im Oktober startet und mit den Wochen immer nervtötender wird.“
„Aha.“ Ti’run strich mit einer Flügelspitze über die Tasten. yyyxxfffffffnnnnnnnnnnnnnn – ich stoppte ihn mit einem Finger. Statt mit der üblichen Empörung zu reagieren, wickelte Ti’run den Flügel um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Kraft. „Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte er, „aber es klingt, als könntest du eine Auszeit brauchen.“

Manchmal ist es schwer, kleinen Drachen zu widersprechen. Ich seufzte. Eine Auszeit klang zu verlockend. Vorsichtig hob ich meine Hand. Ti’run gab meinen Finger nicht frei und baumelte daran, schaukelte hin und her. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Gewicht. „Du solltest mal weniger Feuersteine essen“, sagte ich zu dem vor meinem Gesicht hin und her schwingenden Drachen.

„Ganz und gar nicht!“ Da war sie, die Empörung. „Dann würde ich ja auch weniger Feuer spucken!“

Ich betrachtete die angesengten Enden meiner Bleistifte, die schwarzen Löcher auf der Schreibtischplatte. So schlimm wäre das gar nicht. Aber das sagte ich nicht laut — dafür war Ti’run zu nah an meinen Haaren. Und mir gefielen auch die Blicke nicht, mit denen er die überall verstreut herumliegenden Papiere musterte. Rechnungen, Verträge, Bankauszüge, Manuskriptanfänge, halb geschriebene Briefe, Notizen zu noch mehr Geschichten als ich angefangene wie fertige Manuskripte hatte, Ideen, die einfach keine Ruhe geben wollten und mich genauso vorwurfsvoll anblickten wie die Mahnung für die GEZ-Gebühr. „Ja, ja“, murrte ich, „ihr kommt alle noch dran. Geduld.“

Ti’run stieß einen Seufzer aus – ohne Feuer – und gab meinen Finger frei. Ich starrte wieder auf den Bildschirm, versuchte nicht zu sehen, wie Ti’run auf dem gefährlich schwankenden Stapel Notizbücher neben meinem Laptop landete. Ich tippte vor mich hin, während er mit ausgestreckten Flügeln auf dem Notizbuchturm balancierte, bis der stillstand. Immerhin. Das war nochmal gutgegangen.

Ich tippte.
Es war verdächtig ruhig neben mir.
Ich tippte.

Immer noch kein Mucks. Ich tippte weiter und schielte kurz zur Seite. Keine Flammen. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Bildschirm zu. Wenn ich diese Stelle richtig hinbekam, konnte ich für heute beruhigt Schluss machen.
Ich tippte. Zögerte. Löschte. Fing von vorn an. Tippte. Besser. Etwas zumindest. Vielleicht. Na ja, oder –

Ein Windhauch streifte mein Ohr. „So kannst du das nicht schreiben.“
Toll. Ein Drache, der meiner inneren kritischen Stimme recht gab. Genau, was ich brauchte. Ti’run stieß sich von dem Notizbuchstapel ab, die Notizbücher ergossen sich über die Tastatur. Ti’run landete auf meiner Schulter.

Ich saß einfach da, die Finger unter Notizbüchern begraben und fragte mich, ob ich mir ein Büro leisten konnte. Oder wenigstens eine Wohnung mit einem abschließbaren Arbeitszimmer.

„So fühlt sich das nicht an“, schnaufte Ti’run an meinem Ohr.
Ich verschränkte die Arme. „Und wie fühlt es sich dann an?“
„Unbeschreiblich.“ Ti’run hob und senkte die Flügel. „Das musst du selbst erleben.“
Ich gab keine Antwort. Schließlich machte es keinen Sinn, sich das Unmögliche zu wünschen. Ich konnte allerdings auch nicht stillschweigen. Immerhin hatte ich hier ein Wesen auf meiner Schulter, das aus eigener Erfahrung wusste, wie sich das anfühlte. „Versuch es doch wenigstens mal, ja?“ Ich kraulte Ti’run am Hals, dort, wo der einen Knick machte. „Beschreib es mir.“

Der kleine Drache reckte den Hals und seufzte wohlig. Schnurrte. Und schüttelte dann meine Finger ab. Räusperte sich. „Ich kann es dir nur zeigen.“ Ti’run flog von meiner Schulter zurück auf den Schreibtisch, begann mit der Schnauze die Notizbücher von der Tastatur zu schubsen. Hastig räumte ich sie außer Reichweite von potentiellen Drachenflammen. „Du hast nämlich Glück“, fuhr Ti’run unbeeindruckt fort. „Heute beginnen die Rauhnächte.“
„Ich weiß.“

Der kleine Drache musterte mich mit schräg gelegtem Kopf. „Das bezweifle ich.“ Ti’run kratzte sich mit einer Kralle die Schuppen über den Augen. „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“

Ernsthaft? Ich bewahrte seit Monaten die Existenz eines kleinen Drachens in meiner Wohnung – wobei besagter Drache nicht gerade half (ich sage nur: Halloween). Und dann kam diese Frage?

Ich atmete tief durch und nickte. Ti’run starrte mich aus dunklen Augen an, bis die Stille mich zappelig machte. Kam jetzt die Ankündigung des Weltuntergangs? Nach diesem Jahr hielt ich das nicht einmal für absurd.

„Die Rauhnächte sind Drachennächte“, flüsterte Ti’run. Und schaute mich dann an, als wäre damit alles gesagt. Als müsste ich wissen, was das bedeutete. Ich schaute zurück.

Ein Seufzer, der den ganzen kleinen Drachenkörper erschütterte, hallte über den Schreibtisch. „Hast du ein Glück, dass ich Geduld mit dir habe. Also. Du musst dich für die nächsten zwölf Tage und Nächte bei allen abmelden, die dich womöglich treffen möchten. Dann musst du unsere gesamte Wohnhöhle für unsere Abwesenheit bereit machen. Und -“ Ti’run hob warnend eine Kralle, und ich schloss den Mund, schluckte meine Fragen. „Und du musst ein Fenster öffnen, damit wir hinaus und später wieder hinein kommen.“

„Weißt du, wie weit oben wir sind? Wo wollen wir überhaupt hin? Du weißt schon, dass das mit dem Reisen gerade nicht ange-“

„Wir fliegen“, unterbrach mich Ti’run und breitete die blau glänzenden Flügel aus. „Denn in den Drachennächten können Drachen, die mit Menschen zusammenleben, ihrem Menschen Drachengestalt geben.“

Ich schluckte. Und schluckte noch einmal. Zupfte an den Ärmeln meines Hemds. Schluckte. „Was? … wie?“

„Es klappt nur, wenn der Drache dem Menschen vertraut.“ Ti’run rollte sich neben meiner Tastatur zusammen. „Vorwärts. Du hast eine Menge zu tun.“

Ich musste erst noch ein paar Mal schlucken, bevor ich mich rühren konnte. Ein Autoresponder war schnell eingerichtet (Keine Sorge, wenn ich in den nächsten Tagen nicht antworte, befinde mich bis Anfang Januar im Schreibexil und bin daher offline). Zum ersten Mal überhaupt sprach ich einen Text für meine Mailbox ein (Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren kreativ und bin daher nicht erreichbar. Melde mich ab Januar zurück). Dann schaltete ich das Handy aus und fuhr den Computer hinunter.

Schon kam mir die Wohnung viel ruhiger vor. Ich drehte eine Runde, zog Stecker aus Steckdosen, versicherte mich, dass alle Wasserhähne zugedreht waren. Stellte die Heizung ab. Draußen dunkelte es bereits, aber hier drinnen brauchten wir kein Licht, weil vom S-Bahnhof gegenüber genug Helligkeit in die Wohnung strahlte.

Am Fenster zögerte ich. Wenn ich das jetzt öffnete, dann glaubte ich ernsthaft, dass ich die nächsten zwölf Tage und Nächte als Drache verbringen würde. Herzrasen reichte da als Wort gar nicht. Ich drehte den Fenstergriff und ließ die kühle Luft hinein.

Da draußen wartete die längste Nacht des Jahres auf uns.

Lesung aus dem Weihnachtsheft Nr. 12

Alle Jahre wieder schreibe ich mit Kolleg*innen das Weihnachtsheft: ein gemeinsames Thema (Titel oder Liedzeile eines Weihnachtsliedes), zu dem wir Kurzgeschichten verfassen, die nicht länger als 1000 Wörter sind (… sein sollen …). Der Titel des ersten Heftes (2009) „Alle Jahre wieder“ war schon ungeplant prophetisch, denn seitdem haben wir Jahr für Jahr ein neues Heft verfasst, im Copyshop drucken lassen und im Verwandten- und Freund*innen-Kreis verschenkt. Die Autor*innen bestehen aus einem konstanten Kern und immer wieder wechselnden Teilnehmenden, die Coverdesignerin ist uns über all die Jahre treu geblieben.

Dieses Jahr heißt das Heft „Fröhliche Weihnacht überall“ und da wir die ab und an stattfindende Adventslesung aus dem Heft dieses Mal nicht mit einem Treffen verbinden können, findet sie online statt. Wer zuhören möchte, ist herzlich eingeladen:

Sonntag, 13.12.2020

17 Uhr

Weihnachtsheft-Lesung auf Zoom

Wir sehen uns!

 

Phantastischer Montag im November

Im November haben wir uns das Thema Gestaltwandlung gewählt. Es ging um Märchenhaftes, komplizierte Beziehungen, …
Hier findet ihr die Stories dazu (in Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Einfach märchenhaft
C. A. Raaven: Beziehung für Fortgeschrittene
Maike Stein: Blaue Stunde
Alexa Pukall: Wechselbalg

und zum guten Schluss der Gastbeitrag von Lena Knodt: Drachentinte (mit einer kleinen Warnung versehen, weil’s hier gewalttätig und durchaus blutig zugeht)

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Blaue Stunde

Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der Dämmerung auf der Brücke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, zögerte, leuchtete. Die nächste in der Reihe schloss sich an und die nächste, die gesamte Brücke entlang, bis sie alle ihren Schein unter dem samtenen Abenddunkel ausbreiteten und auf dem Wasser schaukeln ließen. Die Luft war feucht-kühl und roch nach trocknendem Laub.
Abend für Abend beobachtete sie das Lichterschauspiel. „Genau so musst du es machen“, hatte Kalana gesagt. „Konzentriere dich auf einen Schritt nach dem anderen, dann läuft es wie von selbst.“

Kalana hatte leicht reden. Sie hatte jahrelange Übung in diesen Gedanken. Eine der Laternen blinkte. Aus. An. Aus. An. Aus – und wenn das passierte, wenn nur an einem Punkt die Konzentration nachließ, die Energie schwankte, würde sie verlöschen. Lixa schauderte. Die Laterne blinkte erneut. An. Jetzt zitterte ihr Licht nur noch auf dem Wasser. „Du musst einfach anfangen“, hatte Kalana gesagt. Und: „Danach wirst du mich wiedersehen.“ Lixa spürte den Kuss noch auf der Wange, die Hände auf den Schultern. Warm und dann fort, flüchtig wie ein Windhauch.

An den Rändern des Laternenlichts schien das Wasser dunkler als der Himmel. Alle Geräusche der Stadt klangen gedämpft, fern wie eine andere Welt. Als formte das Licht einen transparenten Schild um die Fußgängerbrücke. Als könnte sie hinaussehen aber niemand hinein.

„Tu es nur, wenn du dir ganz sicher bist.“ Das waren Kalanas letzte Worte zu ihr gewesen. Lixa sah einer Atemwolke nach, die sich über das gusseiserne Geländer stahl, zerfledderte. Wenn sie lange genug wartete, würde der Mond den Laternen Konkurrenz machen, das Wasser des Flusses versilbern. Wenn sie lange genug wartete, würde sie die Entscheidung wieder um eine Nacht verschieben. Wenn sie lange genug wartete, konnte sie vielleicht vergessen.

Leises Lachen durchzog die Nacht. Natürlich. Sie wusste ja auch, wie unmöglich das war. Sie hatte hingeschaut. Und das einmal Gesehene ließ sich nicht wieder ungesehen machen. Da spielte es keine Rolle, ob sie den Mut fand, daran zu glauben. Oder nicht.

Schritt eins. Tief durchatmen. Wieder und wieder. Bis die tiefen Atemzüge so natürlich waren, dass sie nicht mehr an sie denken musste. Und das war auch schon Problem eins: wenn sie an etwas nicht denken sollte, dachte sie beständig daran. Atmen. Lixa sog die kühle Luft in sich, ein belebend-kühler Schock bis hinab in die Zehenspitzen. Beim Ausatmen strömte sie warm aus ihr hinaus. Atmen.

Schritt zwei. Stillstehen. Sie spürte den festen Grund unter ihren Füßen. Fest und sich spannte er sich durch die Luft, spannte sich über das glucksende, dunkel dahineilende Wasser. Ein leichter Wind strich über ihre Wangen, floss um sie herum, eilte davon in alle Winkel der Stadt, trug jeden ihrer Atemzüge mit sich fort. Fügte sie dem Pulsieren der Stadt hinzu, einem Pulsieren aus tausenden von Atemzügen, die sich aus Fenstern stahlen, an Häuserwänden emporstiegen, durch Straßenschluchten glitten, im Laub der Bäume raschelten, Gelächter und Stimmen Kraft gaben, auf den weiten Plätzen tanzten, mühelos jeden Graben überwanden.

Schritt drei. Stillstehen, bis stillstehen unmöglich wurde.

Schritt vier. Losrennen. Mit weit geöffneten Augen und noch weiter ausgestreckten Armen. Lixa rannte und jedes Auftreffen ihrer Schritte klang laut durch die Nacht. Sie rannte, bis ihre Schritte zu Sprüngen wurden. Hoch und höher.

Schritt fünf. Mit einem Sprung aufs Brückengeländer. Mit einem Fuß balancierte sie auf dem eisernen Geländer, spürte, wie es sich mit den Steinen der Brücke verband, mit dem Ufer zu beiden Seiten, spürte die Leere vor sich, den Wind, dem sich ihr Körper entgegenreckte.

Schritt sechs. Vertrauen. Springen.

Lixa riss die Augen noch weiter auf. Sie streckte ihren Körper, bis sie mit jedem Atemzug das Pulsieren der Stadt einatmete, mit jedem Ausatmen den Rhythmus formte. Bis sie das Strömen der Luft spürte.
Sie sprang.

Die Strömung fing sie auf, verfing sich in ihren Flügeln, trug. Ihre Flügel reichten weit über ihre Fingerspitzen hinaus, schwangen sich über ihren Rücken. Schuppen schützten ihre Haut, hielten sie sicher und warm, während sie sich höher und höher hinauf schraubte, während sie das Maul aufriss und einen Feuerstrahl über den Himmel schickte, der heller strahlte als jede Laterne und begleitet von ihrem tief rumpelnden Lachen im Fluss verglühte.

Aus den Tiefen der Nacht löste sich ein Schatten, flog ihr entgegen, flog an ihre Seite. Im grün-goldenen Schimmern der vertrauten Augen sah Lixa ihre neue Gestalt zum ersten Mal. Sie streckte ihre Flügel, wollte die ganze Stadt umarmen. Die ganze Welt. Kalana blinzelte ihr zu.
Unter ihnen leuchtete der Fluss silbrig im Mondlicht.

Phantastischer Montag: Die Geister, die ich rief

Halloween in Ostberlin, dröhnten mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich über den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly ließ sich immer hören. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, während ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. Aber manche Musik brauchte eben Lautstärke.

Die hier nahm mit jedem Treppenabsatz zu. Und mit jedem weiteren, den ich erklomm, wuchs in mir eine bestimmte Befürchtung. Als ich die letzten Stufen erreichte, fand sie Bestätigung. Mein Nachbar hämmerte mit den Fäusten auf meine Wohnungstür ein und schrie ununterbrochen: „Aufmachen! Lärmbelästigung! Aufmachen! Sofort!“ Er war schon ziemlich heiser. Da er mir den Rücken zuwandte, hatte er mich noch nicht bemerkt.

Tamara Danz sang lauthals von schwoofenden Gespenstern. Ich presste hinter meiner Maske die Lippen aufeinander, um nicht mitzusingen, und räusperte mich. Mein Nachbar hörte mich erst beim fünften Mal. Er fuhr herum, riss sich die eigene Maske vors Gesicht.
„Sie!“ Er starrte mich an, die Fäuste noch erhoben, als wäre ich die Tür, auf die er gleich wieder einschlagen wollte. Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Er ließ die Fäuste sinken und überwand seine kurzzeitige Sprachlosigkeit. „Sie, das geht aber nicht, dieser Lärm! Seit drei Stunden. Derselbe Song. Das ist – das ist …“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist eine Zumutung.“

Ich bemühte mich, Mitgefühl und Verständnis in meinen Blick zu legen. „Entschuldigen Sie. Mein Besuch ist etwas …“ Wie bezeichnete man einen kleinen Drachen, der alles um sich herum vergaß, wenn ihn etwas begeisterte? „Rücksichtslos“, schloss ich lahm.
„Allerdings“, ereiferte sich mein Nachbar. Und obwohl ich von seinem Gesicht nur Augen und Stirn sah, merkte ich ihm an, dass er jetzt am liebsten gewusst hätte, warum ich in diesen Zeiten überhaupt Besuch bekam, wer das war, wie lange diese rücksichtslose Person bleiben würde, womit man noch zu rechnen hätte, aber – er hielt sich zurück. „Unternehmen Sie was! Sofort!“, blaffte er mich stattdessen an und verschwand in seiner eigenen Wohnung, knallte die Tür hinter sich zu. Ich schloss meine auf. In Erwartung von Chaos und einem aufgedreht herumflatternden Drachen schob ich die Tür nur gerade so weit auf, dass ich mich hineinschmuggeln konnte, ohne dem Nachbarn an seinem Türspion einen Blick nach drinnen zu gewähren.

Doch bis auf die laute Musik herrschte Ruhe. Kein Drache kam im Sturzflug auf mich zu. Nichts brannte. Nicht mal ein Fitzelchen Papier lag auf dem Boden oder irgendwo sonst, wo es nicht hingehörte. Kein Luftzug, kein offenes Fenster, kein Scheppern in der Küche. Halloween, setzte der Refrain wieder ein, und ich war mit wenigen Schritten vor meiner Stereoanlage (ja, ich bin so altmodisch) und drückte auf Stopp.

In der Stille hallte mir immer noch der Refrain durch den Kopf, auch wenn ihn jetzt niemand mehr sang. So still war es hier nicht mehr gewesen seit … seit Mai. Seit ich Ti’run in der Sockenschublade (pardon, seiner Höhle) entdeckt hatte. Ich spähte zur Kommode hinüber. Die Schublade war geschlossen. Kein Laut drang hinaus.
Die Stille drängte sich von allen Seiten an mich. So still, dass ich schon die Hand nach dem Play-Knopf ausstreckte, nur damit die Musik die wispernden Stimmen in meinem Kopf übertönen würde.

Niemand hier außer dir.
Ein Drache – du hast wirklich geglaubt, da wäre ein Drache in deiner Kommode.
Du bist verrückt geworden. Durchgedreht.
Zu viel Einsamkeit kann Wahnvorstellungen auslösen.
Bestimmt hast du einfach vergessen, die Musik auszuschalten, als du vorhin gegangen bist. Wäre ja typisch. So verloren in Gedanken.
Verrückt und verloren, verrückt und verloren. Niemand hier außer dir. Verloren.

Sie kicherten und wisperten und höhnten. Ich drehte mich langsam um mich selbst, spähte in jede Zimmerecke, wünschte mir, ich könnte die Stimmen so leicht abschalten wie die Musik. Sie blieben.

Niemand hier außer dir, raunten sie mir zu, umwehten mich wie Gespenster. Ich konnte ihnen nicht einmal ausweichen, denn meine Füße fühlten sich tonnenschwer an, ließen sich keinen Millimeter heben. Ich ließ mich zu Boden sinken. Schloss die Augen. Doch den Gespensterstimmen entkam ich nicht. Sie streiften meine Haare, meine Wangen. Kühl und … feucht?

Ich blinzelte. Eine bunt schillernde, leicht zitternde Kugel, ein hauchdünnes, durchsichtiges Gebilde schwebte neben mir vorbei, sank langsam immer tiefer und zerplatzte wenige Zentimeter über dem Boden. Eine nächste folgte. Und noch eine. „Seifenblasen?“ Meine Stimme zitterte genauso wie die glänzende Kugel, die vor meiner Nase zerbarst. Ich wischte mit die kühlen Tropfen von der Nasenspitze.
„Du hast ihre Flugbahn gestört!“, empörte sich eine Stimme von hoch oben und hinter mir. Keine Gespensterstimme sondern eine, die ich in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt hatte. Ich sprang auf und fuhr herum.
„Ti’run!“

„Wer sonst?“ Er hockte auf dem Lautsprecher, der ganz oben auf dem Regal thronte, umkrallte mit einer Pfote das Fläschchen mit der Seifenblasenflüssigkeit und mit einer anderen das Teil, das wie ein zu klein geratener Tennisschläger ohne Bespannung aussieht und in die Seifenblasenflüssigkeit getaucht wird. Verträumt blickte er der nächsten Seifenblase hinterher, der ich nun nicht mehr in der Flugbahn hockte.

„Warst du die ganze Zeit über da?“, fragte ich vorsichtig und konnte die Furcht nicht abschütteln, der kleine blau-grüne Drache würde genau wie die Seifenblasen zerplatzen und verschwinden, wenn ich nur ein falsches Wort sagte (ohne dass ich wusste, was das falsche Wort sein könnte).

„Im Gegensatz zu dir.“ Ti’run blickte auf mich hinab und legte den Kopf zur Seite. „Du hättest wenigstens die Musik ausmachen können, bevor du gegangen bist. Oder mir verraten, wie man diese Technik bedient. Ich meine, es ist ein toller Song – aber auch der verliert nach zu vielen Wiederholungen an Tollheit.“

Ich widersprach nicht, obwohl ich entschieden anderer Meinung war.

Phantastischer Montag: … warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen.

„Nein.“ Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und schüttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine Körper dabei bebte.

Ich seufzte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück (heftiger Ablehnung konnte bald eine Flamme folgen, auch das hatte ich inzwischen gelernt). „Was hast du gegen das Meer?“, fragte ich Ti’run wider besseres Wissen. Schon züngelte es orange-rot im Drachenmaul. Die Streichholz-große Flamme zuckte gefährlich nah über die Schreibtischplatte, brannte dieses Mal aber nichts an.

„Wasser“, zischte Ti’run der Flamme hinterher, sobald diese erlosch. „Tonnen und Tonnen von Wasser. Unmengen!“ Er starrte mich aus seinen nachtblauen Augen an. „Feuerfeind“, knurrte er und seine in allen Blau- und Grüntönen chargierenden Schuppen glitzerten im Licht der Schreibtischlampe. Meine Vision von einem Urlaub am Meer hingegen verdunkelte sich.

„Es ist ja nicht der Atlantik“, versuchte ich es, „nur die Ostsee. Und ich geh höchstens mit den Füßen rein.“ (Ja, ich bin eine Mimose, was Wassertemperaturen betrifft.)
Ti’run schnaubte und Rauchkringel stiegen aus seinen Nüstern auf. Er starrte dem Rauch hinterher, bis die Kringel auseinanderflossen, dann verschränkte er die Vorderbeine und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf die Schreibtischplatte sinken. „Bleiben wir doch einfach hier.“ Er schmiegte den Kopf an die verschränkten Pfoten und schloss die Augen, als wäre damit alles geklärt. Selbst seine Augenlider gaben eine ganze Palette von Meeresfarbtönen zum Besten. Da war das silbrige Leuchten von Mondlicht auf dunklem Wasser, das strahlende Türkis südlicher Gefilde unter der Mittagssonne, das Dunkelblau tiefer, kalter Stellen, blitzartig aufzuckendes Gewittergrün, das über die Länge seines Rückens lief, um es sich zwischen all den anderen Blautönen dort gemütlich zu machen. Zähne und Krallen leuchteten weiß wie Schaumkronen – jeder noch so flüchtige Blick auf den kleinen Drachen weckte Meeressehnsucht.

Vielleicht sollte ich ohne ihn fahren. Sofort hob mein schlechtes Gewissen sein hässliches Haupt, kreischte etwas von Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Misstrauen schaltete sich dazu und malte mir ausführliche Bilder davon, was so ein kleiner, allein gelassener, rachsüchtiger Drache alles anstellen mochte. Viel zu viel Brennbares. Ich erschauerte.

„Denk nicht so laut“, murmelte Ti’run. „Ich versuche hier zu schlafen.“ Er hob ein Augenlid halb hoch. Ich gab mir Mühe, nicht so schuldig auszusehen, wie ich mich fühlte. Vermutlich misslang es.

„Tu nicht so, als könntest du Gedanken hören“, gab ich zurück und hoffte, dass das stimmte. Ich wusste noch immer entschieden zu wenig über Drachen.

„Aber ich kann sie spüren“, grummelte Ti’run. „Was immer du denkst, die Stille wird ganz schwer davon.“ Er hob auch das zweite Augenlid halb in die Höhe. „Und das belastet mich.“

Wir starrten uns durch die schwere Stille hinweg an, und ich verstand, warum er darin nicht einschlafen konnte. Sie machte nervös und weckte das Verlangen herumzuzappeln, während sie gleichzeitig alle Glieder lähmte. „Kannst du dem Meer nicht wenigstens eine Chance geben?“, fragte ich schließlich.

Eine kleine Flamme knisterte an Ti’runs Maul, doch er löschte sie sogleich wieder mit der Zunge. Wieder ein Knistern. Wieder Stille. Knistern. Stille. Knistern –
„Warum kannst du nicht ans Meer?“

„Warum, warum, warum! Was anderes fällt euch Schriftstellerinnen auch nicht ein, was?“, schnaufte Ti’run. Aber er sah mich dabei nicht an, starrte auf seine Pfoten, kratzte auf der Tischplatte herum. Ich wollte schon etwas sagen (vorsichtig anmerken, dass ich dieses Holz wirklich sehr mochte), da sprang der kleine Drache auf. „Meine Mutter lebt dort!“ Er schlug mit den Flügeln und drehte mehrere Runden um den großen Bildschirm. Dabei warf er mir bei jeder Kehre Blicke zu, die deutlich sagten: Da bitte, da hast du’s! Zufrieden?

War ich natürlich nicht. Wie auch? Natürlich konnte ich mir für das Warum alles mögliche ausmalen. Vielleicht fraßen Drachen ihren Nachwuchs, wenn der bis zu einem bestimmten Alter nicht verschwunden war, vielleicht hatte Ti’run seine Mutter tödlich beleidigt, vielleicht war ein Feuerdrache als Nachwuchs für einen Seedrachen – Moment mal, ich wusste doch gar nicht …

„Ich kann dich schon wieder denken hören.“ Ti’run balancierte auf dem schmalen, oberen Rand des Bildschirms, die Krallen sorgsam darum gebogen, die Flügel ausgestreckt. Ich sagte nichts wegen der Krallen, seufzte nur: „Erklärst du’s mir?“
„Du gibst ja doch keine Ruhe sonst“, grummelte Ti’run. „Meine Mutter lebt am Grunde der Meere“, hob er an.

„Welcher Meere?“

„Aller – Meere – klar? Sie ist groß. Und jetzt unterbrich mich nicht mehr, sonst höre ich auf zu reden und spreche nie wieder davon.“

Ich legte mir eine Hand vor den Mund. Ti’run verdrehte die Augen. Ich ließ die Hand, wo sie war, als Erinnerung für mich, nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zu sagen.

„Also. Meine Mutter lebt am Grunde der Meere.“ Ti’run funkelte mich an. Ich presste hinter der Hand die Lippen aufeinander. „Sie hat sich dorthin zurückgezogen, als ihr Menschen zu aufdringlich geworden seid. Ich meine, ihr seid einfach überall! Für einen großen Drachen, der seine Ruhe haben will, ist es schwer, da noch Raum zu finden. Sie lebt also seit mehreren Jahrhunderten am Meeresgrund und will von der Welt oben nichts mehr wissen.“ Ti’run kippelte auf dem Bildschirmrand vor und zurück. Ich gab keinen Laut von mir.

„Sie will nicht mal sagen, seit wie vielen Jahrhunderten. Jedenfalls sind seitdem einige Generationen von Drachen geschlüpft. Und die meisten sind mit dem Unterwasserleben sehr einverstanden. Nur ein paar von uns eben nicht.“ Ti’run legte eine Pause ein und beobachtete mich unablässig.

Meine Lippen brannten vor ungefragter Fragen (sag nichts, sag nichts, sag nichts).

„Ich bin der Jüngste der Rebellen, die an Land gegangen sind. Solange wir noch klein sind, können wir unbemerkt bleiben. Dir bin ich ja auch ewig nicht aufgefallen.“ Er ließ eine Flamme aufzüngeln. Tanzen. Ich biss die Zähne zusammen. Ti’run fing die Flamme wieder ein. „Sie ist nicht sehr begeistert von rebellischen Drachen. Und wenn wir dem Meer nahe kommen, spürt sie unsere Gegenwart. Dann hebt sie eine Pfote. Oder einen Flügel. Den Schwanz. Oder den Kopf. Und das Meer hebt sich mit ihr. Fängt uns wieder ein. Ist Sidun passiert, meiner Schwester. Ich habe sie seit dreiundneunzig Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich lässt Mutter sie keine Sekunde aus dem Blick. Oder hat sie tief in den Gesteinsschichten unter dem Meer vergraben.“ Ti’run nickte mehrmals. „Die Küste ist damals eingestürzt. Mit allen Orten und Menschen und Tieren im Meer ertrunken. Du siehst also, wenn ich ans Meer gehe, würde eine Katastrophe folgen.“ Er stieß sich vom Bildschirm ab, der leicht schwankte, schoss hoch zur Decke, zog eine Runde um den Lampenschirm. „Nie. Ans. Meer. Verstanden?“

Langsam ließ ich die Hand sinken, den Kopf voller riesiger Drachen, die sich in den Weltmeeren herumtrieben. Ich nickte. Ti’run zwinkerte mir zu und zischte davon. In mir flackerte ein neuer Gedanke auf. Hatte der kleine Drache sich diese Geschichte vielleicht nur ausgedacht? Aber warum? Nur, um nicht ans Meer zu müssen?
Warum?

Phantastischer Montag im August

Im August konnten wir uns zum ersten Mal nicht auf ein Thema einigen, daher haben wir schlicht die beiden Themen zur Auwahl gestellt, die die meisten gleich vielen Stimmen erhielten. Daher sind Geschichten zu den Themen „Tag der Verschwundenen“ und „Frankenstein“ entstanden:

Carola Wolff: Vicky

C.A. Raaven: Resurrection reloaded

Maike Stein: Nachtlauf

Alexa Pukall: Der Schöpfer aller Dinge

Und da der August wieder fünf Montage hat, gibt es auch in diesem Monat einen Gastbeitrag. Dieses Mal von …

Phantastischer Montag: Nachtlauf

In der Nacht rannte sie über die Dächer. Den Sternen näher als dem Boden (auch wenn das nicht stimmte, es fühlte sich wenigstens so an). Solange sie sich nicht erwischen ließ, konnte sie sich Freiheit einbilden. Diese Momente halfen beim Erinnern.
Sie rannte über die Dächer. Ihre Arme und Beine schnitten durch den Wind, der gegen ihre Brust drückte, an ihre Stirn schlug, in ihren Ohren rauschte, ihr den Kopf füllte und den ganzen Körper. Bis sie meinte, sich wieder dem Wind entgegen werfen zu können, die Flügel zu spannen, getragen zu werden, hoch hinauf zwischen die Sterne. Fort und fort und fort und fort.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Wenn sie die Flügel aufspannen wollte, war es vorbei. Alles stoppte.
Nur der Wind blieb und rief. Und sie flüchtete wieder durch einen der Luftschächte hinab und zwischen die Mauern, die sie von ihm abschnitten. Dann krümmte sie sich auf der viel zu kleinen Matratze zusammen, zog die kratzige Decke über sich und schloss die Augen vor der Dunkelheit. Es roch noch immer nach dem heißen Öl der Maschinen, nach glühendem Eisen und Kohlefeuer. Die Öfen strahlten auch in der Nacht ihre Hitze ab, die nicht genug war. Falsch war. Trotz der hohen Schlote hing der Rauch beständig zwischen den Mauern, verschwand der zischend aufsteigende Wasserdampf nie aus diesen Hallen, setzte sich in jedem Stück Stoff fest, brachte die Steine zum Schwitzen. In der Nacht standen die großen Maschinen still, aber ihr Stampfen dröhnte weiter durch ihren Kopf. Nur im Wind, auf den Dächern, verschwand es.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie würde nicht zulassen, dass sie aus ihrem Gedächtnis verschwanden. Sie würde nicht werden wie die mit den leeren Augen. Die nicht mehr über die Dächer rannten. Zu ihnen würde sie nie gehören. Dafür würde sie nicht lange genug hier sein.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie suchten nach ihr. Daran hielt sie sich fest. Irgendwo dort draußen zwischen den Sternen waren sie und würden nie aufgeben, würden sie niemals aufgeben.
Vor jeder Schicht gelang es ihr, etwas von dem Serum auszuspucken, das ihnen allen verabreicht wurde. Es betäubte ihre Flügel. Tötete ihr Feuer. Solange du nie die volle Dosis schluckst, hast du eine Chance, hatte die alte Vida gesagt, und: Hör nie auf zu rennen.

Das war ganz zu Anfang gewesen. Sie hatte aufgehört, Tage, Wochen, Nächte zu zählen. Nur ein Mal hatte sie das bedauert. Als die alte Vida gestorben war. Sie würde nie ihr Todesdatum wissen. Aber sie würde sich an sie erinnern. Und die Erinnerung an sie würde sie mitnehmen, wenn sie endlich diesem Ort entkam. Bis dahin würde sie weiter ihrem Rat folgen, spucken und rennen. Die Arbeit erledigen, den Kopf gebeugt halten, nicht auffallen. Spucken und rennen.

Unter der kratzigen Decke murmelte sie die Namen ihres Clans vor sich hin, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis sie einschlief, träumte sie, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis am Morgen die Sirenen schrillten, alle auf die Füße rissen. In die Tage nahm sie sie nicht mit.

Sie formten den Stahl zu unzerreißbaren Ketten, zu Stangen für Käfige, die sich nicht brechen ließen. Am schlimmsten waren die Klingen. Die tödlichen Schneiden und Speerspitzen, stark genug, jeden Schuppenpanzer zu durchdringen. In eine davon hatte sich die alte Vida gestürzt, als sie nicht länger rennen konnte. Ich werde selbst über meinen letzten Weg bestimmen, hatte sie an jenem Morgen unter den kreischenden Sirenen gesagt. Sie hatte erst begriffen, als Vida ihr das Versprechen abnahm, sie nie zu vergessen.Wünsche waren gefährlich. Wünsche weckten Sehnsüchte. Trotzdem hatte sie sich gewünscht zu wissen, wie sie Vida hätte aufhalten können. Wünschte sich, sie hätte mehr als die Erinnerung an ihrer Seite, während sie die Öfen fütterte, die Hitze von Flammen spürte, die nicht von innen kamen.

An diesem Ort hatte sie keinen Namen. Sie hatte ihn weder denen verraten, die sie gefangen genommen hatten, noch den Aufsehern, die sie tagsüber zur Arbeit antrieben und deren Geschrei erst verstummte, wenn nachts die schweren Stahltüren hinter ihnen ins Schloss krachten. Nicht einmal Vida hatte sie ihn anvertraut. Ihr Name blieb sicher aufgehoben in ihrem Clan. Sie würden ihn bewahren. Und ihn ihr zurückgeben, wenn sie kamen, um sie zu befreien.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.
Spucken und rennen.

 

Sie sagten ihren Namen jeden Tag. Sie riefen ihn jede Nacht den Sternen zu, wenn sie sich dem Wind entgegenwarfen. Ihre Flügel fingen das Rauschen ein, die Luft strich an ihren Körpern entlang, trug sie weiter und immer weiter. Sie wussten längst nicht mehr, wie fern sie ihrer Heimat waren.
Sie riefen ihren Namen. Sie zählten die Tage und Nächte.
Dreihundertsiebenunddreißig. Und noch einer. Und noch eine.
Sie spuckten ihr Feuer in die Dunkelheit. Ihre Rufe schnitten tiefer in die Nacht als ihre Flammen, eilten ihnen voraus.
„Heute finden wir sie“, sagten sie vor jedem Aufbruch.
„Morgen werden wir sie finden“, sagten sie, wenn sie mit müden Stimmen und Flügeln ihre Suche unterbrechen mussten. Die Hoffnung trieb sie an, hielt sie zusammen.
Ylixanna, hallten ihre Rufe zwischen den Sternen.