Phantastischer Montag: Drachenwende

„Wir müssen feiern!“
Ich beachtete weder die aufgeregt hervorgestoßenen Worte noch die hektisch flatternden Drachenflügel des kleinen Unholds, der meinen Kopf umschwirrte. Dabei sollte ich schon nach diesen wenigen Wochen mit meinem neuen Mitbewohner wissen, dass diese Strategie bei einem Drachen nutzlos war (der im Übrigen mich als die neue Mitbewohnerin betrachtete, aber das war nur sein Standpunkt). Ich beugte den Kopf etwas tiefer über den Schreibtisch und außerhalb der Drachen-Fluglinie, ganz nah über die Fotos. T. hätte gewusst, in welche chronologische Reihenfolge sie gehörten. So viel Lachen darauf. So viel Leben. Winzige Krallen bohrten sich durch mein Hemd in meine linke Schulter.
„Hörst du mir überhaupt zu?“ Er packte mein Ohrläppchen und zog daran.
„Au! Lass das! Ohrläppchen sind nicht zum -“
„Hast du schon oft genug gesagt.“ Er gab das schmerzende Teil frei, und ich schielte – mit hoffentlich verärgertem Blick – zu ihm hinunter. Der kleine Drache hatte die Vorderpfoten verschränkt. „Aber wenn ich nur so deine Aufmerksamkeit bekomme, kannst du nicht erwarten, dass ich damit aufhöre.“
Drachenlogik. Ich stöhnte. Aber nur innerlich, so viel hatte ich bereits gelernt. „Mir ist nicht nach feiern.“
„Tja, blöd für dich. Aber die Sonnenwende richtet sich nicht nach deinen Launen.“
„Ist mir egal.“ Ich schob die Fotos auf meinem Schreibtisch herum, arrangierte sie neu und fing wieder von vorne an. Aber es spielte keine Rolle. Egal, wie ich sie hinlegte, sie würden doch kein vollständiges Bild ergeben. Ein leichter Schlag auf meinen Hinterkopf – ein Flügelschlag – riss mich aus meiner Versunkenheit. „Hey!“
„Hast du mir überhaupt zugehört? Du hast mir nicht zugehört!“ Ein empörter blau-grüner Drache flatterte vor meinem Gesicht herum. „Ich erzähle dir die gesamte Geschichte, die Legende, das geheime Wissen der Drachen um die Sommersonnenwende, und du hörst mir nicht einmal zu!“ Er flatterte so wild mit den Flügeln, dass ich den Wind an meinen Wangen spürte. „Menschen!“ Eine kleine Flamme, die sich schnell vergrößerte, ließ mich zurückzucken. Na gut, sie war nicht größer als die Flamme eines Feuerzeugs (nicht auf maximalem Volumen eingestellt), aber trotzdem schien mir der Rückzug angebracht. „Pah!“ Die Flamme erlosch, und der kleine Drache sauste durch die Luft, drehte Pirouetten, schraubte sich höher und höher hinauf, kam im Sturzflug wieder hinunter – mir schwindelte schon vom Zusehen. Den Kleinen schien das nichts auszumachen. Er raste über die Fotos hinweg, wirbelte sie auf.
„Hey!“ Ich griff nach ihm, aber er war zu schnell. Einen Moment lang wirkte es, als würden die Bilder nicht fallen, sondern still in der Luft hängen, während ein blau-grüner Blitz zwischen ihnen umher schwirrte. „Stopp!“ Ich umklammerte die Sitzfläche meines Stuhls, weil ich nicht zwischen den Bildern herumfuchteln und sie beschädigen wollte. Oder den verdammten Drachen verletzen. Der landete auf der Oberkante meines ausgeschalteten Bildschirms und sah zu, wie die Fotos zurück auf den Schreibtisch sanken. Alle mit der Rückseite nach oben, als wären sie beleidigt.
Der kleine blau-grüne Drache balancierte auf der Bildschirmkante und spähte zu ihnen hinunter. „Was ist so verdammt interessant an denen?“
„Geht dich nichts an.“ Ich ertrug den Anblick der nackten Rückseiten nicht und funkelte stattdessen den Drachen an. „Wie heißt du überhaupt? Du schwirrst seit Wochen hier in der Wohnung herum (die Formulierung ‘in meiner Wohnung’ hatte ich zu meiden gelernt), und ich kenne nicht einmal deinen Namen! Soll ich dich ewig kleiner Drache nennen?“
Der kleine Drache (!) richtete sich auf, hielt mit den gespreizten Flügeln mühelos sein Gleichgewicht, und musterte mich. Dabei vermittelte er ebenso mühelos das Gefühl, mindestens das 100fache seiner eigentlichen Größe zu haben. „Du hast bisher nicht gefragt“, sagte er schließlich.
Er hatte recht. (Was ich unter keinen Umständen laut aussprechen würde.) „Ich dachte, ihr Drachen habt da so ein Ding mit euren Namen. Also, dass ihr, ähm, es heißt doch, dass ihr eure Namen nicht verratet – also, sie Menschen nicht verratet.“ Ja, ich fand mich auch nicht sonderlich eloquent. Der kleine Drache legte den Kopf zur Seite und schwieg. „Ich wollte höflich sein“, setzte ich nach und machte es damit kein Stück besser.
„Du glaubst also dem, was Menschen sich über Drachen ausdenken, aber wenn dir ein echter, ein leibhaftiger Drache grundlegende Wahrheiten über Drachen erzählt, dann hörst du nicht zu?“ Der kleine Drache, der immer noch viel größer wirkte, als er war (sehr verwirrend, zumal er mit der scheinbaren Größe meinen Bildschirm schlicht zerquetscht hätte), seufzte lange und ausführlich.
Ich ließ den Kopf hängen. „Ich war abgelenkt.“
„Ich weiß.“ Und dann hüllten blau-grüne Flügel mich ganz und gar ein und hielten mich, und mir war egal, wie der kleine Drache das fertigbrachte. Es fühlte sich einfach nur gut an. Als wäre ich an einem Ort fern von allem. Warmer Drachenatem strich an meinem Ohr entlang. „Es ist okay, sie zu vermissen.“
„Das geht nie wieder weg“, flüsterte ich. Und ich war nicht bereit für noch eines dieser Löcher in meinem Leben.
„Ich weiß.“ Die Flügel hielten mich noch ein wenig fester. In dieser Umarmung konnte ich zittern, ohne zu fallen. „Ich weiß.“ Vielleicht sagte er das ein Mal, vielleicht hunderte Male. Und irgendwann sagte er: „Erzähl mir von ihr.“ Zeit ballte sich zusammen und dehnte sich aus. Irgendwann kamen die ersten Worte. Vermutlich ergab nichts von dem, was ich erzählte, viel Sinn. Die Erinnerungen kamen aus mir hervor wie ungeordnete Fotos, deren Zusammenhang nur Eingeweihte verstanden. Ich redete und verstummte und redete weiter. Bis die Worte aufgebraucht waren. Bis die Stille gut tat.
Eine feuchte Schnauze stupste mich an. „Genau deswegen müssen wir feiern. Für die Erinnerungen. Und weil es schwer ist. Und weil es schöner ist, sich gemeinsam zu erinnern.“
Ich nickte und vertraute darauf, dass er diese Bestätigung auch ohne Worte verstand. Ich schluckte einige Male, bis ich mir meiner Stimme wieder sicher war. „Ich weiß immer noch nicht, wie du heißt.“
Ein leises Kichern ließ den Raum zwischen seinen Flügeln sanft beben. „Ich heiße Ti’run – mit einer Pause zwischen den Silben, lang genug für eine kurze Flamme.“

Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.

Phantastischer Montag: Wintersonnenwende

(Eigentlich hatte ich für das Thema „Wald“ eine andere Geschichte angedacht – aber so nach den Entwicklungen der letzten Wochen und Tagen wollte ich doch lieber eine Geschichte, die etwas optimistischer ist … Hier also ein Einblick in das Leben einiger Waldwesen. Viel Vergnügen beim Lesen!)

Es durfte heute nicht regnen. Faunia presste die Augenlider fest zu. Dieses Rauschen musste noch zu ihrem Traum gehören. Sie würde einfach weiterschlafen, bis das Geräusch verschwand. Doch so sehr sie sich den Schlaf zurücksehnte, er verweigerte sich. Faunia stöhnte missmutig. Also gut, also gut. Sie klemmte die Felldecke unter dem Kinn ein und stützte sich auf die Ellbogen.
Erst dann öffnete sie die Augen. Der Boden ihrer Felshöhle hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt. Von dem Felsvorsprung, auf dem ihr Bett war, starrte sie hinab in das schäumende Nass.
Nee. Also wirklich nicht. Nicht heute.“ Das Echo ihrer Stimme hallte frostig von den Höhlenwänden wieder. Dort, wo sich das Wasser am rauen Fels verfing, wuchsen Eisranken in die Höhe.
Kälte stahl sich unter ihre warme Decke, legte sich auf Faunias Haut, drang ihr bis auf die Knochen. Wenn Knochen eine Gänsehaut bekommen könnten, würden deren Spitzen sich von innen gegen ihre Haut drücken. Faunia schüttelte sich. Vielleicht war es an der Zeit, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und das Unvermeidliche hinzunehmen. Alles ging einmal zu Ende. Und lieber nahm sie ihr Ende im Warmen hin als in der eisigen Luft.
Langsam sank sie zurück auf ihr Bett aus Moos und Federn. Schon besser. Nur ließen sich jetzt, da sie einmal aufgewacht war, die Gedanken nicht aufhalten. Sie wanderten und hüpften, als wäre längst Frühling, neckten sie mit Ideen und tollten umher wie sie selbst in jungen Jahren auf einer Sommerwiese.
Ich bin aber nicht mehr jung“, sagte Faunia laut und hoffte, der Klang ihrer knarzigen, alten Stimme möge die Gedanken zur Vernunft bringen. Die tollten unbeeindruckt weiter.
Faunia rollte sich auf die Seite. Blinzelte in das schäumende Wasser hinab. Blickte die Eisranken empor, die im dämmrigen Morgenlicht träge glitzerten, das durch den Vorhang aus Farn am Höhleneingang fiel.
Damit wollt ihr mich wohl beeindrucken“, murmelte sie. „Klappt aber nicht.“ Von den Eisranken kam keine Antwort. Die mussten auch gar nichts sagen, schließlich war klar, dass sie am Ende gewinnen würden, wenn Faunia hier liegen blieb. Irgendwann würden sie bis zu ihr hinauf gewandert sein und über ihre Decke kriechen. Sie einschließen. Ein kaltes Grab. Faunia fröstelte und ihre Gedanken schreckten zusammen.
Sie könnte wenigstens versuchen, sich noch ein Mal aufzusetzen. Bis auf die Ellbogen hatte sie es schließlich schon geschafft gehabt, von dort wäre es dann nur ein kleiner Schritt weiter.
Der Frost küsste sie auf den Nacken. Jeder Wirbel in ihrem Rücken knackte. Faunia streckte sich im Sitzen und zog ihren Wollumhang von dem Haken an der Felswand. Sie schlug den Umhang kräftig gegen den Fels, mehrere Male, um ein wenig von der Kälte aus dem Kleidungsstück zu vertreiben. Dann legte sie ihn sich um die Schultern.
Jetzt, wo sie schon saß, konnte sie auch eine Kleinigkeit essen, beschloss Faunia. In der Schüssel neben dem Bett fanden sich noch ein paar Nüsse. Während sie eine nach der anderen kaute, hakte sie die Schüssel in den Krummstab ein und tauchte sie in den Bach unter ihr. Auch ein Schluck Wasser konnte nicht schaden.
Die Kälte des eisigen Nass fuhr ihr von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der die Eisranken zum Klirren und Splittern brachte. Faunia lachte. Der dunkle, tiefe Klang hellte ihre Stimmung auf. Sie schob die Decke von sich. Sofort griff die Kälte nach ihren Knien.
Das hättest du wohl gern, das ich jetzt wieder aufgebe“, murrte sie ihr zu und zwang sich auf die Füße. „Pech gehabt.“
Der Wollumhang kitzelte ihre Zehen, ließ sie kichern, auch wenn der Blick zum Höhleneingang eine von Eis überzogene Kletterpartie versprach. Ihre Gedanken hüpften voraus, zeigten ihr den Weg über Felsvorsprünge und entlang schmaler Absätze. Einige Stellen waren sogar frei von Eis. Faunia machte einen Schritt vom Bett und den nächsten von ihrem Schlafpodest hinüber auf die erste Stufe der in den Fels gehauenen Treppe. Doch anstatt wie sonst hinunterzugehen, setzte sie den Fuß auf einen kleinen Felsabsatz, den die Eisranken noch nicht erreicht hatten. Von dort tastete sie sich weiter voran.
Ein Sonnenstrahl fiel durch den Farnvorhang herein. Er schickte Tausende glitzernder Boote über den Bach. Sie tanzten auf seinen Schaumkronen, schienen die Wildheit des Wassers zu verlachen. „Leicht für euch“, brummelte Faunia und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg. Das Eis drang selbst durch ihre von Wind und Wetter gegerbten Fußsohlen, wollte sich frostig in ihr festsetzen. Doch Faunia blieb nicht stehen. Solange sie sich bewegte, konnte das Eis keinen Halt in ihr finden.
Endlich erreichte sie den Farnvorhang. Die Ranken aus blassem Wintergrün raschelten, als sie sie behutsam zur Seite strich. Der Morgen draußen war nicht viel wärmer als ihre Höhle. Aber die Sonne schien. Kein Regen. Sie legte die Ranken über einen kleinen Vorsprung neben der Öffnung, damit das Licht bis in den letzten Winkel der Höhle fallen konnte. Dann trat sie hinaus.
Neben dem Eingang lehnte Friss und grinste sie an. „Dachte schon, du würdest heute nie aufstehen.“
Bah, ich doch nicht.“ Faunia versetzte dem kleinen Troll einen Stoß gegen die Schulter. Dazu musste sie sich mächtig strecken. Ihr war, als führen Luft und Sonnenlicht zwischen ihre Knochen und vertrieben die letzten Reste der Wintermüdigkeit. „Gehen wir Holz sammeln, oder was? Wir haben eine Feier vorzubereiten!“
Und das hatten sie wirklich. Der kürzeste Tag stand bevor, es galt, das zurückkehrende Licht zu begrüßen, daher musste vieles hineinpassen in diesen kurzen Tag, wenn sie die Nacht mit ihren Feuern erleuchten und mit allen aus dem Wald feiern wollten.

Der Tag verflog mit den Vorbereitungen. Sie trugen Essen und Holz zusammen, und alle brachten mit, was ihre Wintervorräte noch hergaben. Sie gruben die Feuerstellen aus dem Schnee frei, schichteten die Äste und Zweige auf. Mit der ersten Dunkelheit loderten die Flammen auf. Knisternd und knackend vertrieben sie auch die letzte Kälte aus Faunias Knochen. Durch die tanzenden Feuerzungen blickte sie zu Friss und den anderen Waldlebewesen und war froh, dass sie am Morgen doch aufgestanden war. Noch war es nicht Zeit für das Ende.

Phantastischer Montag im Februar: Narrenmond

Im Februar war unser Thema: Narrenmond – früher auch ein anderer Name für ebendiesen Monat, in dem die Winterdämonen ausgetrieben, Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt wurden (und was früher einen ganzen Monat dauerte, wurde mit der Christianisierung auf die Fastnacht zusammengeschrumpft).

Die Geschichten zum Februar findet ihr hier:

Carola Wolff: Opfer

C. A. Raaven: Tanz im blassen Mondlicht

Maike Stein: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

Alexa Pukall: Das Ritual

Viel Spaß beim Lesen! Und wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare. 🙂

Phantastischer Montag: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

„Ich habe schon wieder gewonnen.“ Ranka ließ die zwei vorderen Beine ihres Stuhls auf den Boden knallen und legte ihre Karten eine nach der anderen auf den Tisch. Vier Totenköpfe und eine Sonne.

„Das fängt an zu nerven.“ Tara warf ihre Karten dazu. Zwei Wasserspiralen, ein Sturmhimmel, eine Sonne, eine Blumengirlande.

„Fängt an?“ Lore starrte zu Ranka, als wollte sie ihr mit dem nächsten Atemzug Tricksereien unterstellen. „Das ist das 395. Mal! Hast du einen Handel mit Schicksal abgeschlossen oder was?“

„Bin doch nicht verrückt.“ Ranka packte ihre Füße auf den Tisch, rieb an einem unsichtbaren Fleck am linken, türkisen Stiefel. „Außerdem hat die sich ewig nicht mehr blicken lassen.“

„Hmpf.“ Lore ließ ihre Karten fallen. Eine Sonne, zwei Sturmhimmel, zwei Blumengirlanden. „Nicht mal ein Gnaden-Dreier“, murrte sie. „Wir sollten was anderes spielen.“

Sie schwiegen. Draußen heulte der Wind durch die Bäume. Zweige kratzten an der Hausmauer. Fensterläden klapperten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf mit dem Wind um die Wette.

Ranka sammelte die Karten ein, nahm den Reststapel auf. „Das sagst du seit der ersten Runde.“ Sie klopfte mit dem Kartenstapel auf den Tisch und begann zu mischen.

„Vielleicht meine ich es dieses Mal ja ernst.“

„Ha!“ Tara nahm den Kartenstapel von Ranka. „Wann meinst du schon mal was ernst?“ Sie mischte die Karten noch einmal. „Nur um sicherzugehen.“ Sie blinzelte Lore zu. Die verdrehte ihre grün-funkelnden Augen und streckte eine Hand aus.

„Her damit. Ich gebe.“

Keine von ihnen sprach, während Lore die Karten verteilte. Keine sprach, als sie die Karten umdrehten und das Spiel von neuem begannen. Keine sagte ein Wort, als Ranka wieder gewann. Wieder mit demselben Blatt. Nur Taras leuchtend blaue Augen verdunkelten sich, als zöge in ihnen ein Sturm herauf, heftiger als der Wind draußen, während Lore die Karten mischte.

Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachschindeln. „Sollte das nicht schneien oder hageln?“, brummelte Tara, aber keine von ihnen blickte auf, keine von ihnen sagte ein Wort. Sie spielten.

Immer wieder gewann Ranka.

Immer wieder mit vier Totenköpfen und einer Sonne.

Nach der 573. Runde stand Lore auf und holte den Veilchenschnaps aus dem Schrank. In der Stimmung, in der sie war, hätte sie auch gleich aus der Flasche getrunken – aber da waren noch die beiden anderen, da hieß es Anstand wahren. Sie nahm also drei der kleinen Gläser aus dem Schrank und schob die Tür mit einem Fuß zu. Zurück am Tisch schenkte sie die Gläser randvoll. Schweigend leerten sie sie alle auf einen Zug.

Tara stellte ihr Glas leise ab. „Das ist nicht mehr komisch.“

„Allerdings.“ Lore schubste ihr Glas in einem Zickzackmuster über die Tischplatte. Ranka blockierte es mit einer türkisen Stiefelspitze.

„Kommt schon. Ihr gebt dem doch nicht wirklich irgendeine Bedeutung! Es sind nur Karten.“

Lore goss die Gläser erneut voll. „Wir sollten es zumindest in Betracht ziehen.“

Sie tranken und knallten gleichzeitig die leeren Gläser auf den Tisch. Ranka wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Ihr wisst, was passiert, wenn wir sie zu früh wecken.“

„Aber wenn wir zu lange warten …“ Tara klopfte mit dem Glas auf dem Tisch herum. Tok, tok, tok, tok, mischte sich das Geräusch unter den Regen, der immer noch gegen die Fensterscheiben schlug und auf das Dach prasselte. „Hört sich das da draußen für euch nach Winter an?“

Lore starrte zum Fenster. „Könnte auch eine List sein.“ Sie hob fragend die Flasche. Die anderen beiden nickten. Der Schnaps brannte süßlich-scharf in ihren Kehlen. Tara schlenderte zum Fenster hinüber. Die dicken, welligen Scheiben boten einen verzerrten Blick ins Draußen.

„List oder nicht – wir müssen eine Entscheidung treffen.“ Sie fuhr die Bahnen der hinab rinnenden Tropfen nach. Als könnte ihr das dabei helfen. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Eisblumen?“

„Keine Ahnung.“ Lore füllte glucksend die Schnapsgläser auf.

Ranka kippte ihres mit geschlossenen Augen. „Können wir nicht erstmal auf Erkundung gehen?“ Sie schob Lore ihr leeres Glas hin.

„Ranka, Liebes, ich weiß, du bist neu – verhältnismäßig neu“, lenkte Lore ein, nachdem Ranka die Füße in den türkisen Stiefeln auf den Boden knallte, „– aber auch du kennst Regel Nummer eins. Wenn wir da zur Tür hinausgehen, gibt es kein Zurück, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.“

„Und um die Schlacht zu gewinnen“, fuhr Tara fort, die inzwischen die Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt hatte, „müssen wir sie wecken.“ Sie drehte sich zu den beiden anderen um. „Also, wer geht dieses Mal?“

„Ranka hat alle Spiele gewonnen.“ Lore blickte auf das letzte siegreiche Blatt, auf die grinsenden Totenköpfe und die hell glänzende Sonne.

„Wäre es nicht fairer, wenn wir jede eine Karte ziehen und die höchste muss –“

„Was jetzt?“, fuhr Lore dazwischen. „Glaubst du plötzlich doch, die Karten könnten eine Bedeutung haben?“

„Quatsch.“ Sie wischte mit einer türkisen Stiefelspitze über den Boden.

„Du bist die Neue, du gehst.“ Tara kam zum Tisch zurück und leerte ihr Glas, grinste, als wäre damit alles entschieden. „Ab mit dir. Ihre miese Laune beim Aufwachen hat noch keine umgebracht.“

„Und meine Vorgängerin?“

Tara und Lore tauschten einen Blick, den Ranka auch nach ein paar hundert Jahren noch immer nicht zu deuten wusste.

„Sollen wir?“

„Wirklich? Ich meine, wir wollten …“

Sie seufzten synchron und sagten dann ebenso synchron: „… wenigstens bis zu deinem 1000. Dienstjubiläum warten.“ Lore kratzte sich am Hinterkopf. Tara übernahm das Auffüllen der Schnapsgläser. „Auf die Wahrheit.“

„Und die ist?“

„Deine Vorgängerin war“, begann Lore, doch dann schüttelte sie den Kopf, gestikulierte Tara, dass sie fortfahren sollte.

„Eine Deserteurin.“ Tara verzog das Gesicht, als hätte das Wort ihren Mund schlimmer verbrannt als der Schnaps. „Daher die miese Laune der Chefin. Hat nix mit dir persönlich zu tun.“

„Ich dachte, das hier wäre ein Job für die Ewigkeit …?“

Lore zuckte mit den Schultern. „So lautet die Dienstbeschreibung. Deswegen hat uns das ja auch alle so aus dem Gleichgewicht geworfen.“

„Immerhin ging es den anderen drei Garden nicht viel besser.“ Tara schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie sonst längst endgültig unterlegen wären. Von der Wintergarde waren sogar zwei desertiert, in zwei aufeinander folgenden Jahrhunderten. Mit dem Ersatz war allerdings nicht zu spaßen. „Genug davon.“ Sie holte das vierte Glas aus dem Schrank. „Du gehst sie wecken, wir polieren die Schwerter und bereiten die Gesänge vor. Mit Winter sind wir noch immer fertig geworden! Das wäre doch gelacht.“ Sie riss die andere Schranktür auf, warf Lore das erste Schwert zu. Die fing es mit leichter Hand.

„Ab nach oben mit dir!“ Lore deutete mit der Schwertspitze auf Ranka und zwinkerte ihr zu. „Wirst sehen, in ein paar tausend Jahren schenkt sie dir nach dem Wecken auch ein Lächeln.“

Ranka hatte da so ihre Zweifel, aber sie stürmte ohne weitere Widerworte die Treppe hinauf.

Phantastischer Montag: Opfer

Und wieder ist Montag – phantastischer Montag! Im Februar heißt unser Thema „Narrenmond“, eine alte Bezeichnung für den Monat Februar, wie auch: Hornung, Schmelzmond, Taumond, Rebmond. Vor der Christianisierung wurden im Februar die Dämonen des Winters vertrieben – und das ist natürlich eine wunderbare Inspirationsquelle für ein paar phantastische Stories zum Wochenstart. 😉

Den Anfang macht Carola Wolff mit ihrer Geschichte: Opfer

 

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂

Phantastischer Montag: … und danke für den Fisch!

„Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?“

„Nee, es werden wirklich mehr.“

Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). „Die will doch nur wieder schnorren“, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.

„Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …“

Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.

Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.

„Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.“

„Die Arme.“

Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)

„Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.“

Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)

Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hin muss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.

Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.

Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, das sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.

„Na, kommst du mit?“

Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tappsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.

Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen‘.

Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.

Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.

Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.