Phantastischer Montag: Wagnisse und rätselhafte Wesen

Es war die dritte einsame Nacht. Andra hatte sich einen Ort gesucht, an dem sie nie zuvor mit Elyf gewesen war. Der Wind brachte die Metallstreben zum Singen, abgerissene Planen schlugen dazu einen wilden Rhythmus. Irgendwann einmal mussten die Planen die Kuppel über ihr geschlossen haben. Das seltsame Gebilde stand auf einem Hügel – Berg, nannten sie den hier. Andra schnaubte. Die hatten doch keine Ahnung von Bergen!

Aber lauschen ließ es sich von hier oben perfekt. Und Andra lauschte. Sicher, es war eine aus Verzweiflung geborene Idee, aber wenigstens war es eine Idee. Ganz offenbar gab es Töne in dieser Welt, die nur Drachen hören konnten. Wie den Gesang der Bäume. Vielleicht hatte auch die Magie einen Klang. Vielleicht musste sie nur lange genug lauschen.

Und so lag sie da und lauschte. Lauschte sich durch die Klangschichten der Stadt. Die nie verstummenden Motoren. Das Rattern und Quietschen der Bahnen, wenn sie sich in Kurven legten, beschleunigten, abbremsten. Sie lauschte dem Stimmgewebe der Menschen, die nie alle zugleich schliefen. Immer waren welche wach, redeten, atmeten, lachten, riefen, sangen, weinten, wüteten, flüsterten, fluchten, stöhnten, wimmerten. Und ab und an verstummte ein Atem im Gewebe für immer.

Andra reckte sich. Für einen Drachen war sie immer noch klein, in Drachengestalt nicht länger als in Menschenform. Trotzdem zog sie sich aus dem Lauschen zurück, vergewisserte sich, dass sie allein hier oben war, kein Mensch sich in ihre Nähe verirrte oder auch nur nah genug kam, um sie zu erspähen. Ihren Drachenaugen machte die Dunkelheit nichts aus. Und sie war nach wie vor allein in dieser verfallenen Kuppel. Auf diesem – Hügel. Sie seufzte und hatte keine Eile, in ihr Lauschen zurückzukehren.

Jedes Geräusch erinnerte sie an Elyf. Und sobald sie an Elyf dachte, wurde sie unruhig. Die Erinnerung an Elyfs Lachen – hell und ein ganz klein wenig rau – ließ sie die Flügel anheben, sie ausstrecken, als könnte sie den Ton einfangen, ihm quer durch die Stadt folgen, durch das offene Fenster hinein zu Elyf schlüpfen, sich neben sie legen, als wäre sie nie von dort geflüchtet. Als könnte sie einfach so zurück. Ohne jede Erklärung.

Unmöglich, mahnte Andra sich. Sie war hier, weil sie eine Aufgabe hatte, nicht wegen irgendwelcher Verliebtheiten. Einfacher gedacht, als sich selbst davon überzeugt. Andra schnaubte und erlaubte sich eine kleine Flamme. Doch nicht einmal die stillte die Unruhe in ihr. Sie schloss die Augen. Und so wenig es ihr gefiel, immer wieder tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf: S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen. X marks the spot

Das hatte auf dem Brückenpfeiler gestanden. Nun, in einer Notlage war sie ganz gewiss. Auch wenn sie sich nicht damit anfreunden konnte, in dieser Welt ein Phantasiewesen zu sein – was kümmerte es sie, ob halb oder ganz. Diese Definitionsbesessenheit war nur ein weiterer Punkt auf der Liste, warum sie diese Welt nicht besonders mochte.

Sofort drängte sich Elyf in ihre Gedanken. Sie war definitiv ein Pluspunkt für diese Welt. Andra schnaubte. Nicht ablenken lassen. Sie kniff die Augen noch fester zusammen. X marks the spot. Eindeutig der Hinweis darauf, wo sie diese Sozietät finden konnte. Aber erwarteten die ernsthaft, dass phantastische Halbwesen in Notlagen sich erst auf eine Suche kreuz und quer durch die Stadt machten, nach einem X?

Vielleicht dachte sie auch zu kompliziert. Wer so eine Nachricht hinterließ, wollte schließlich, dass sie von Wesen in Notlagen verstanden wurde. Ein Tropfen traf ihre Schnauze. Noch einer. Ein Grollen in der Ferne. Ein grelles Zucken, das sie selbst durch ihre geschlossenen Lider wahrnahm. Ein erneutes Krachen. Näher dieses Mal. Regen schlug auf ihre Schuppen. Andra machte mit ihrem Grollen dem Donner Konkurrenz. Sie hasste Regen. Er war ein Verführer und schuld an ihrer Verbannung. (Die hast du dir selbst zuzuschreiben, merkte eine kleine Stimme an, die sie schnell zum Verstummen brachte.)

Andra blinzelte. Die Gewitterwolken hatten die Sterne ausgelöscht. Blitze zerrissen die Dunkelheit, ließen sie nach ihrem Aufflammen noch tiefer zurück. Der Regen fiel, als wollte er nie wieder aufhören. Er prasselte gegen die Metallstreben, schlug neben ihr auf den Steinboden, prallte an ihren Schuppen ab – und weit und breit keine Höhle in Sicht, die ihr Schutz vor diesem elenden Wasserangriff bieten konnte. Andra sehnte sich nach Feuer, nach wenigstens einer kleinen Flamme. Aber sie wagte es nicht. Regen mit ihrem Feuer mischen, das hatte sie überhaupt erst in ihre Notlage gebracht. Sie schüttelte sich. Der Regen drang zwar nicht durch ihre Schuppen, aber die Rinnsale, die sich zwischen ihnen bildeten, kitzelten. Elend, elend, elend, grollte Andra vor sich hin. Sie grub die Krallen in den Stein unter ihr, kratzte Spuren in den Boden.

Markierte ihn. Andra stockte. Konnte es so einfach sein? Sie fuhr hoch. Der Regen war vergessen, Donner und Blitze nur noch Hintergrundrauschen. Sie entfernte sich ein paar Schritte von den Spuren, die sie bereits in den Stein gekratzt hatte, suchte sich eine unberührte Fläche. Mit den Krallen einer Tatze zog sie erst eine, dann eine zweite lange Linie, die die erste kreuzte, in den harten Boden. Ein perfektes X. Ihr Herz pochte lauter als jedes Donnergrollen. Ihr Feuer brannte in ihr, heller als jeder Blitz. Ihr Atem strich über die Kratzspuren, stieg wie feiner Rauch darüber auf. Der Stein selbst wisperte ihr zu, lockte sie. Andra trat zögerlich einen Schritt vor. Noch einen. Schritt um Schritt näherte sie sich der Stelle, an der die Linien sich kreuzten. Ein Schritt noch.

Sie berührte den Kreuzungspunkt und hatte gerade den kürzesten aller Momente Zeit, sich lächerlich vorzukommen, wie sie darauf stand und vor sich hinstarrte. Dann kippte die Welt. Oder sie. Das Donnern, die Blitze, der Regen – alles blieb hinter ihr zurück. Andra wirbelte herum und herum. Ihr schwindelte. Sie wusste nicht, ob sie die Augen geschlossen hatte oder sie offenhielt, wusste nicht, ob es so grell-hell oder so dunkel war, dass sie nichts sah. Fiel sie? Zerfiel die Welt um sie herum? Ihr Herz raste, als sie wieder festen Boden unter ihren Krallen spürte. Sie grub sie hinein. Langsam ließ der Schwindel nach.

Wärme umgab sie. Das Gewitter mit seiner Nässe war fort. Andra atmete ein, atmete aus. Ihre Augen waren eindeutig geschlossen. Sie öffnete sie.

Ich hoffe, du kannst diese Kratzer auch wieder aus meinem Marmorboden entfernen“, begrüßte sie eine indignierte Stimme. Sie gehörte zu einem Wesen, auf den der Begriff Halbwesen nun wirklich zutraf, befand Andra. Ein menschlicher Kopf, der auf einem Löwenkörper thronte. Ein Funkeln aus grünen Augen, als könnten die Feuer speien.

Andra duckte sich. Die Kratzer im Marmor waren wirklich tief. Aber ihr war eben auch sehr schwindelig gewesen! Da etwas Feuer sie beruhigen würde, fachte Andra ihre innere Flamme an und ließ sie über den harten Stein streichen, sah zu, wie er schmolz, wie die Ränder der Risse aufeinander zuflossen, neue dunkle Linien im hellen Stein bildeten, wo ihr kühler Atem die erhitzen Stellen wieder erkalten ließ. „Bitte sehr“, grummelte sie und blickte zu der Gestalt, die auf dem obersten Absatz einer Marmortreppe saß und mit einem unergründlichen Lächeln zu ihr hinunterblickte. Andra richtete sich auf und breitete die Flügel aus. „Bin ich hier bei S.P.H.I.N.X?“

Das Lächeln der Gestalt vertiefte sich. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass du dich in einer Notlage befindest?“

Wäre ich sonst hier?, wollte Andra zurückgeben und schluckte gegen die Worte an. Es war sicherlich nicht hilfreich, dieses rätselhafte Wesen gegen sich aufzubringen. „Ja.“ Sie faltete die Flügel wieder an ihre Seiten, ärgerte sich zugleich, dass sie sich unter diesem spöttischen Blick so klein wie möglich machen wollte.

Die Gestalt nickte und schlug gemächlich mit ihrem Schwanz. Hin und her, hin und her – Andra senkte ihren Blick schnell auf den Marmorboden, bevor sie in eine Trance fallen konnte.

Du hast uns gefunden“, klang die Stimme zu ihr hinab. „Aber bevor ich dir Einlass gestatte, musst du eins meiner Rätsel lösen. Nur dann gewährt dir die Sozietät ihre Hilfe. Was sie dafür verlangen, kann ich dir nicht verraten.“

War ja klar. Andra seufzte so leise, wie sie nur konnte. Natürlich war nur der erste Schritt leicht gewesen. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Wesen ganz genau wusste, welchen Preis die Sozietät von ihr verlangen würde. Sehr vermutlich einen, der ihr nicht gefiel. Andra schob ihre zweifelnden Gedanken fort. Da war etwas, das im Moment wichtiger schien. „Was passiert, wenn ich dein Rätsel nicht lösen kann?“

Ah, eine sehr intelligente Frage!“ Die Stimme von oben klang sehr zufrieden. Andra blinzelte vorsichtig hoch. Sie mochte dieses unergründliche Lächeln gar nicht. Die Antwort noch weniger. „Du stirbst.“ Nein, das war so gar keine gute Antwort. Andra spürte nervöse, kleine Flammen um ihre Mundwinkel zucken.

Und wenn ich einfach wieder gehe?“ Sie leckte die Flammen fort, ließ sich von dem Rauchgeschmack auf ihrer Zunge ein wenig beruhigen. Der Tod schien ihr ein sehr hohes Risiko dafür, dass sie nicht einmal wusste, ob diese Sozietät ihr wirklich helfen konnte.

Das Wesen oben auf der Treppe kreuzte die samtigen Vorderpfoten. Bestimmt verbargen sich darunter Krallen! Andra spannte alle Muskeln an, wollte sich in die Luft schwingen und hielt beim Anblick der kuppelartigen Steindecke weit über ihr still.

Jetzt, wo du endlich hergefunden hast, solltest du bleiben.“ Auch die Stimme klang täuschend weich. Aber so sehr sie an ihr zweifelte, konnte Andra sich ihrem Zauber nicht entziehen, spürte, wie ihre Muskeln sich unter dem Klang entspannten. „Sicherlich sind Rätsel für Drachen kein Problem.“

Schmeichlerin, dachte Andra und streckte sich auf dem Marmorboden aus. Irgendetwas hatte sie eben noch misstrauisch gemacht. Aber was? Das Wesen dort oben schlug mit dem Schwanz gelassen hin und her, hin und her, hin und her, dehnte die Pfoten, Krallen blitzten auf, verschwanden, blitzten auf, verschwanden, und ein schnurrendes Geräusch hüllte Andra ein. Sie bettete den Kopf auf ihre Vorderpfoten, spürte, wie ihre Lider sich träge senkten. „Darf ich dir eine Frage stellen?“, murmelte sie mit schwerer Stimme.

Erst musst du mein Rätsel lösen“, klang die Antwort wie auf Wattewolken schwebend zu ihr vor.

Richtig, ein Rätsel. Da war etwas, das sie zurückhalten sollte. Doch was das war, fiel ihr nicht mehr ein. Ein Rätsel konnte sie nicht schrecken. Schließlich war sie ein Drache. Andra ließ eine Flamme um ihre Lippen zucken. „Lass hören.“

 

… Fortsetzung folgt im Juli! Im Juni haben wir uns als Thema für die Geschichten zum phantastischen Montag ein Zitat von Cornelia Funke vorgenommen: Wir sind alle Lügner, wenn es uns nützt. (Tintenherz)
Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Ihr Freund Fred
C.A. Raaven Scrabble für Fortgeschrittene
Das „rätselhafte Wesen“ ist bei mir zum ersten Mal im Januar aufgetaucht: Des Rätsels Lösung

Phantastischer Montag: Der Gesang der Bäume

Der Gesang stockte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aber jetzt, da sie das Stocken vernommen hatte, konnte sie es nicht länger ignorieren.

Oder doch?

Es war eine furchtbare Idee, die sich wunderbar anfühlte. Wenn sie sich für den Rest aller Zeit in dieser Idee verkriechen könnte, sich an sie schmiegen wie an Elyfs Körper und alles um sie beide herum vergessen, wie sie es seit diesem ersten Kuss getan hatten, dann könnte sie die Zeit selbst ignorieren und alles, wozu sie drängte. Es war verlockend. Und ein wenig Zeit blieb ihnen sicher noch. Andra drückte ihr Gesicht an Elyfs Halsbeuge. Einfach die Augen schließen und alle Gedanken verscheuchen.

Doch das war leichter gedacht als getan, jetzt, wo sie angefangen hatte, wieder etwas vom Außen zu spüren. Und das, was sie spürte, sagte deutlich: Wenn du dir zu viel Zeit lässt, stirbst du. Und mit dir diese Welt. Und mit dieser Welt stirbt Elyf.

Durch das offene Fenster drang der Gesang der Bäume, ein beruhigendes Summen, das zu dieser Welt gehörte, wie Flügel, Schuppen und Krallen zu Andras Drachengestalt. Ebenso vertraut wie unersetzlich. Andra drückte sich mit der vollen Länge ihrer Menschengestalt an Elyf, meinte die Krähenfedern unter Elyfs Haut zu spüren, weich und stark zugleich.

Sie hätte sich nicht auf sie einlassen dürfen. Jetzt lag ihr etwas an dieser Welt. In der Dunkelheit von Elyfs Halsbeuge erlaubte Andra sich ein leises Seufzen. Nur ein wenig länger noch hier verharren.

Das nächsten Stocken des Gesangs ließ sie frösteln, als ginge ein feiner Eisregen auf ihre von Drachenschuppen ungeschützte Haut nieder. In diesem stummen Bruchteil einer Sekunde sah sie es deutlich vor sich: Alle Bäume erstarrten. Kein Ast rührte sich im Wind, kein Blatt zitterte, und auch die Vögel verstummten. Zu kurz für die menschliche Wahrnehmung und schmerzhaft deutlich für ihre Drachensinne.

Die Bäume setzten ihren Gesang fort und gleichzeitig hob Elyf den Kopf. „Was ist?“ Sie strich mit federleichten Händen über Andras Schultern.

Nichts, hätte Andra zu gern geantwortet. Vielleicht wäre das sogar die beste Antwort. Sie war mit ihrer Suche nach der Magie kein Stück vorangekommen, die Welt würde also ohnehin sterben. Und das nicht einmal sofort. Sicher, nach Drachenmaßstäben schon, aber Drachen lebten so viel länger als – nein, auch daran wollte sie nicht denken. Sie zwang sich zu einem Lächeln und strich Elyf über die kurzen dunklen Haare. Doch die schlang ihre Finger um Andras Handgelenk, stoppte ihre Bewegung.

Elyf zog Andras Hand an ihre Lippen und küsste ihre Finger, einen nach dem anderen. Nach jedem Kuss sah sie ihrer Drachenfreundin in die Augen, lauerte auf den abwesenden Ausdruck darin, der so schnell kam und ging, dass Elyf unsicher war, ob sie ihn gesehen oder sich eingebildet hatte. Sie wand ihre Finger um Andras und legte ihre beiden Hände auf ihre Brust, wandte den Blick keinen Moment lang von ihr ab. Rede mit mir, dachte sie stumm. Denn dass es nichts brachte, einen Drachen zu drängen, hatte sie längst gelernt. Andra konnte länger schweigen als jedes andere Wesen, das sie kannte.

Auch jetzt sagte sie kein Wort, löste nur langsam ihre Finger von Elyfs, schloss die grün-glitzernden Augen. Obwohl sie noch dicht neben ihr lag, schien Andra weit, weit fort, und die Entfernung zwischen ihnen breitete sich schneller aus als ein Donnerhall. Ein schweigender Donner, der sich wie eine steinschwere Decke auf sie legte. So sehr Elyf sich danach sehnte, die Starre abzustreifen, sie konnte nicht einmal einen ihrer kleinen Finger bewegen.

Andra hingegen hob langsam den Kopf, drehte sich von ihr fort, ihre Hände schon geschuppte Tatzen, ihre Wandlung zum Drachen vollendet, als sie ihre Drehung vollendete. Ihre Drachengestalt funkelte wie Sterne in tiefdunkler Nacht. Elyf wollte die Hände nach ihr ausstrecken, doch die Stille lastete noch immer auf ihr, hinderte sie an jeder Bewegung. Drachenatem strich über ihre Schläfen wie sanfte Küsse. Andra blickte sie aus ihren Drachenaugen an – auch sie waren grün: zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtend.

Wieder strich der Drachenatem über ihre Schläfen – kühl wie die letzte Nacht des Sommers vor dem Herbst. Elyf wollte den Kopf schütteln, ihre Handflächen den Drachenkrallen anbieten, wollte spüren, wie sie sich in ihre weiche Haut gruben – alles wäre besser als dieses Gefühl von Abschied. Sie wollte aufspringen, Andras Flügel umschlingen, sie fest an Andras Körper pressen, damit sie sie nicht ausbreiten konnte. Doch noch immer deckte das Schweigen Elyf steinschwer zu. Und Andra wandte ihren zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtenden Blick von ihr ab, drehte erst ihren Kopf, dann ihren ganzen Körper von ihr fort, sprang vom Bett zum Fenster, blickte sich nicht noch einmal um, drückte sich mit den Tatzen vom Fensterbrett ab, sprang, sprang und breitete die Flügel weit aus, sprang und flog, schwang sich hinauf in den Nachthimmel, verschmolz mit Sternen und Dunkelheit.

Nur das Schweigen ließ sie zurück. Und Elyf lag in der Steinschwere, bis die Nacht noch tiefer wurde, bis die Vögel aufhörten zu singen, bis das erste Licht heraufdämmerte und die Stimmen der Vögel erwachten, bis die Sonne das letzte Grau vertrieb und sich auch zum Fenster hereinstahl, die Steinschwere hinwegwärmte. Elyf blinzelte. Sie zuckte und schüttelte sich. Das Morgenlicht stach ihr in den Augen. Sie setzte sich auf und starrte in das helle Blau.

Irgendwo dort draußen war ihre Drachenfreundin. Elyf berührte das Tattoo an ihrem Handgelenk. Schon griff der Wandel nach ihr, wirbelte sie herum, bog und formte sie neu, ließ ihre Federn sprießen. Sie hockte auf dem Fensterbrett, krächzte das helle Blau an, spreizte ihre Flügel. Irgendwo hier draußen war ihre Drachenfreundin, und sie würde sie finden. Elyf stieß sich ab, flog dem Blau entgegen.

Unter ihr rauschten die Bäume, ein grünes Blättermeer im Wind. Fast schon ein Gesang, dachte Elyf, während sie höher und höher flog und der Gesang leiser und leiser wurde.

 

… ist unser Zitat für die phantastischen Geschichten im Mai. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier lesen:

Wonderland 2.0 von Carola Wolff
Bevor es zu spät ist von C. A. Raaven

Phantastischer Montag: Die Sozietät und andere glitzernde Verlockungen

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Andra starrte das Grafitti auf dem Brückenpfeiler an. Die Schrift glitzerte silbern im Sonnenlicht. Das Glitzern hatte sie überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht. Glitzerdinge waren nun einmal unwiderstehlich – und in dieser Stadt gab es entschieden zu viele davon. Andra schüttelte den Kopf über sich selbst. Nicht das Glitzern war der Punkt, sondern die Worte. Sie war lange genug in dieser Welt, um zu wissen, dass sie hier als phantastisches Halbwesen gelten würde, wenn Menschen von ihrer Drachenseite wüssten.

Und in einer Notlage war sie ohne Zweifel. Wie ihr dieses Grafitti allerdings weiterhelfen sollte, blieb ihr ein Rätsel. Andra umrundete den Brückenpfeiler, aber mehr stand nicht darauf. Sie kehrte zu dem Grafitti zurück. Vielleicht – sie legte eine Hand auf das X. Nichts geschah. Andra lachte leise auf. „Wäre ja auch zu einfach“, murmelte sie und klopfte mit einer Faust an den Brückenpfeiler wie an eine Tür.

Auch das brachte nichts. Wer bitte ließ einen Hinweis auf eine helfende Organisation zurück, ohne eine Kontaktmöglichkeit anzugeben? Das war doch sinnfrei! Andra kniff die Augen zusammen, was natürlich auch keine neuen Erkenntnisse brachte.

Aus ihren Nachforschungen auf der Suche nach Magie hatte sie die Legenden und Erzählungen dieser Welt studiert. Sphinx – soweit sie sich erinnerte ein Wesen mit Löwenkörper und Menschenkopf, manchmal mit, manchmal ohne Flügel. Bewachte Türen und stellte Rätsel. Tötete diejenigen, die ihre Rätsel nicht lösen konnten. Nicht sehr freundlich.

Hinter ihr schnatterten ein paar Enten auf der Spree, Krähen kreuzten den Fluss und unterhielten sich lautstark. Andra drehte sich um, doch keine von ihnen war Elyf. Vermutlich war das besser so. Sie sollte Elyf nicht in ihren Schlamassel hineinziehen. Ha – Elyf würde nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, wenn sie von ihrem Schlamassel wüsste! Weltenzerstörerin, hatten sie sie zuhause genannt. Zuhause würden sie sie nur wieder aufnehmen, wenn sie auch eine Weltenheilerin sein konnte.

Andra starrte wieder auf die glitzernde Schrift. Seit ihrer Verbannung hasste sie die Anziehungskraft, die alles Glitzernde auf sie ausübte.

 

Elyf hatte ein schlechtes Gewissen. Aber das hielt sie nicht davon ab, Andra weiter zu beobachten. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihr. Den einen Moment war ihre Drachenfreundin ausgelassen und offen, im nächsten zog sie sich zurück, geradeso als wären sie einander vollkommen fremd. Elyf hatte noch nie einem Geheimnis widerstehen können, und Andra war eines.

Also war sie ihr gefolgt. In Krähengestalt war das leicht. Bei den vielen Krähen, die sich in der Stadt herumtrieben – einige davon Krähenschwestern so wie sie, andere schlicht Vögel, die die Vorteile des Stadtlebens genossen -, konnte sie sich mühelos in der Menge verbergen.

Scheinbar ziellos lief Andra durch die Straßen, bog von den großen in die Seitengassen ab, blieb kurz stehen, als sie schließlich ans Spreeufer kam, lehnte sich mit dem Oberkörper ans Geländer. Elyf hätte sich fast von dem Sonnenglitzern auf dem Wasser ablenken lassen, den Sonnenflecken, die auf kleinen Wellen schaukelten wie winzige, aus der Nacht in den Tag gefallene Sterne. Doch als Andra schnaubte und sich vom Wasser abwandte, schüttelte sie ihre Faszination ab und folgte ihr weiter das Flussufer entlang.

Bis Andra unter dieser Brücke stoppte. Elyf landete auf einer Strebe des metallenen Unterbaus, trippelte darauf entlang, bis sie sehen konnte, was Andra so gebannt anstarrte.

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Elyf duckte sich auf ihrer Metallstrebe. Natürlich kannte sie die Sozietät. Aber wenn Andra Hilfe brauchte, warum vertraute sie sich dann nicht ihr an? Die Hilfe der Sozietät hatte immer einen Preis. Oh, sie forderten nie Geld, stets nur „einen kleinen Gefallen“, einzulösen bei Bedarf. Elyf schauderte. Sie hatte schon zu viele Geschichten darüber gehört, wie diese Gefallen aussahen. Diebstahl, Spionage, Entführungen, sogar Mord – nur wer wirklich verzweifelt war, wandte sich an die Sozietät.

Oder wer sie nicht kannte.

Elyf neigte den Kopf zur Seite und spähte zu Andra hinab. Sie sollte sie warnen. Allerdings würde sie dann zugeben müssen, ihr gefolgt zu sein. Nicht sehr vertrauensförderlich. Elyf rieb ihre Flügel übereinander.

 

Ich muss hier einmal kurz unterbrechen. Sie erinnern sich sicherlich noch an mich? Die Sphinx, die bei S.P.H.I.N.X Hilfe suchte – und sie auch bekam. Ich weiß, ich weiß, ich habe Sie da etwas im Ungewissen gelassen, als Sie das letzte Mal von mir gehört haben. Aber die Sozietät ist nun wirklich keine gemeine Bande von Verbrecherinnen oder gar Mördern, das kann ich so nicht stehenlassen.

Mir zum Beispiel haben sie einen ganz hervorragenden Deal angeboten: Alle, die bei der Sozietät um Hilfe ersuchen wollen, müssen nun zuerst eines meiner Rätsel lösen, bevor sie Zugang zu S.P.H.I.N.X bekommen. So filtere ich die Unwürdigen heraus und lasse die wirklich der Hilfe Würdigen durch. Ein Gewinn für alle. Nun ja – fast alle.

Entscheidend ist: Ich habe endlich wieder ein Aufgabe. Denn natürlich müssen zunächst alle elektronischen Geräte abgegeben werden. Keine technischen Hilfsmittel mehr bei der Suche nach den richtigen Antworten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Antworten, Plural. Denn es gibt immer mehr als eine Lösung für ein Rätsel. Seien Sie kreativ! Denken Sie nach! Mehr verlange ich nicht.

Was die Sozietät dann im Gegenzug für ihre Hilfe verlangt, das geht mich nichts an. Aber Magie wird nie leichtfertig verschenkt. Das sollte allen klar sein, die hier eintreten wollen.

Das soweit von mir. Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie es da draußen weitergeht. Ich auch, nebenbei bemerkt.

 

Andra runzelte die Stirn und hätte zu gern mit ihrem Schwanz über den Boden gewischt. Das verscheuchte immer etwas von ihrer Unruhe. Und gerade jetzt sagte ihr das Prickeln zwischen ihren Schultern, dass sie beobachtet wurde. In ihrer Drachenform wäre sie herumgewirbelt und hätte die Konfrontation gesucht. In Menschengestalt fühlte sie sich zu verwundbar.

Andra?“

Bei der vertrauten Stimme fuhr sie doch herum. Elyf grinste sie an und kam auf sie zu geschlendert.

Was machst du auf meinem Lieblingsspazierweg?“ Elyf blieb wenige Schritte vor ihr stehen.

Es dauerte ein paar Momente, bis Andra sich soweit gefasst hatte, dass sie antworten konnte. „Reiner Zufall.“ Ihre Stimme klang wackliger als ihr lieb war. Das Grafitti brannte hinter ihrem Rücken. Sie wünschte sich, sie wäre groß genug, es ganz zu verbergen. Sie wollte ganz sicher keine Fragen dazu beantworten müssen.

Ein schöner Zufall.“ Elyf kam näher. Ihr Grinsen wandelte sich zu einem Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht überzog. Ihre dunklen Augen glitzerten.

Andra konnte den Blick nicht von ihr abwenden, konnte sich nicht rühren. Elyfs Atem strich warm über ihr Gesicht. Ihr sonnenwarmer Geruch hüllte sie ein. Ihre Lippen berührten Andras Mund, ganz leicht, Frage und Einladung. Andra stieß den leisesten aller Seufzer aus – sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich hier einließ, aber dieser Einladung konnte sie nicht widerstehen. Sie schloss Elyf in ihre Arme und zog sie an sich.

 

Perfektes Ablenkungsmanöver, das ich muss ich den beiden lassen. Und über die Feinheiten davon, wer da jetzt wen abgelenkt hat – oder beide sich gegenseitig, darüber werde ich die nächste Zeit trefflich nachsinnen können. Immerhin. Aber auch schade, ich hatte schon das perfekte Rätsel für sie.

Nun ja, vielleicht ein anderes Mal.

So lautet unser Zitat für die Geschichten im April. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff

C.A. Raabe

 

Phantastischer Montag: Atmen und hoffen

Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer über der Krähenbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich über ihr Fenster, machte den Abend dämmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. Genauso lang wie sie versuchte, die Erinnerung auf Distanz zu halten, hartnäckig wie das Klopfen selbst.

Atmen. Vergessen, befahl sie sich sich. Atmen. Vergessen. Atmen. Vergessen.

Unmöglich. Denn selbst ihre Gedanken folgten dem Rhythmus der Tropfen, und ihre Augen weigerten sich, von dem Glitzern und Funkeln wegzuschauen. Sternenlicht gefangen in Regentropfen – genau wie in jener Nacht. So fern. Andra legte eine Hand an die kühle Fensterscheibe. Kühl aber trocken. Die Tropfen durch das Glas so unerreichbar wie ihre Heimat.

Ihre Finger nahmen den Rhythmus der Tropfen auf, tappten gegen die Scheibe. Atmen. Vergessen.

Sie atmete tief ein und meinte, den Regen, kühl und schwer, erdig und metallisch zu riechen, zu schmecken – als flöge sie wieder zwischen diesem Funkeln hindurch wie in jener Nacht. Sie hatte den Geruch tief in sich eingesogen, hatte ihn auf der Zunge geschmeckt, noch bevor sie den Mund weit aufgerissen hatte, um den Regen und sein Glitzern in sich aufzunehmen. Das Sternenlicht prickelte an ihrem Gaumen, als die Tropfen daran zerplatzten. Es tanzte ihre Kehle hinab und weckte die Funken in ihrem Bauch.

Hatte sie auch nur einen Moment an die Warnungen gedacht? Oder hatte das Glitzern und Funkeln jede Vernunft in ihr ausgelöscht? Sie war jung gewesen, und das Sternenlicht tanzte in ihr – welcher Drache konnte dem schon widerstehen?

Ihr Feuer floss aus ihr heraus, ihre Flammen leuchteten mit den glitzernden Tropfen um die Wette, strahlten hell und immer heller, befreiten das Sternenlicht aus seinem kühl-nassen Gefängnis. Tropfen zerbarsten, zerstoben zu feinstem Staub. Das Sternenlicht aber ballte sich zusammen, brannte heller als ihr Feuer, dehnte sich aus und vertrieb die Nacht. Für einen goldenen Moment war sie ganz in Feuer und Glitzern und Funkeln getaucht – es leuchtete, strahlte, pulsierte, zog sich zusammen, breitete sich aus, zog sich zusammen – und verschwand.

Dunkelheit umgab sie. Regen prasselte auf ihre Schuppen. Schlug auf sie ein. Und die Dunkelheit war so tief, dass sie jedes Feuer erstickte.

Und dann hatte das Klagen der anderen Drachen eingesetzt. Da erst begriff Andra, was sie getan hatte. Sie hatte Feuer und Wasser gemischt und so das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben. Fortan waren die Nächte dunkler als die tiefste Einsamkeit und selbst wenn die Drachen sich noch so eng aneinanderschmiegten, blieb die Weite um sie her unendlich.

Andra lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Sie hatte diese Verbannung mehr als verdient. Sie hatte das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben – und nun war es hier in dieser fremden Welt, verspottete und verlockte sie zu gleichen Teilen, glitzerte und funkelte noch immer, während es sich langsam in die fremde Welt fraß und sie zerstörte. Langsam aber gewiss. Nur mit Magie ließe es sich wieder einfangen. Andra tappte noch immer den Regenrhythmus gegen das Glas. Sie war keine Magierin.

In Nächten wie diesen wünschte sie sich, sie wäre wenigstens eine Geschichtenerzählerin. Dann könnte sie diese ganze Misere aufschreiben, sie wie eines der alten Märchen klingen lassen. Schön und faszinierend und nie geschehen. Worte auf Papier, das sie zerreißen konnte und in eine Feuerschale werfen und anzünden, die Worte von den Flammen auffressen lassen, beobachten, wie sie mit dem Rauch verwehten. Schön und faszinierend und nie geschehen. Und sie würde die Augen schließen und am nächsten Morgen in der ihr vertrauten Welt aufwachen.

Unmöglich.

Andra seufzte. Sie drehte dem Fenster, der Nacht, den funkelnden Regentropfen, ihren Rücken zu. Der Regen schlug weiter gegen das Glas, aber Andra hörte ihm nicht länger zu. Morgen würde sie erneut in dieser fremden Welt aufwachen. Auch morgen würde sie nicht aufgeben. Irgendwo in dieser Welt versteckte sich die Magie, die sie alle retten würde: diese Welt vor dem zerstörerischen Sternenlicht, ihre Drachengeschwister vor der Dunkelheit und sie selbst aus der Verbannung.

Unser Zitat zur Inspiration der Geschichten im März … Was die Kolleg*innen damit gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen: Ungeplant von Carola Wolff und Das Eckige muss ins Runde von C. A. Raaven.

Phantastischer Montag: Wagnis

Andra drehte das Whiskyglas in ihren Händen. Manche Dinge hatten diese Menschen schon drauf, das musste sie zugeben. Sie nahm noch einen Schluck, genoss den rauchig-scharfen Geschmack in ihrem Mund. Fast so gut wie der nach einer ordentlichen Flamme. Sie leckte sich die Lippen und blickte in den Spiegel hinter dem Tresen. Es war immer wieder ein Schock, sich selbst in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen. Sie schüttelte sich, vermisste dabei das Gefühl von Flügeln an ihrem Rücken, und trank noch einen Schluck.

Hoffnung zu wagen, war verrückt gewesen. Je schneller sie das einsah, desto eher könnte sie damit beginnen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Immerhin gab es Whisky. Sie sah sich selbst zu, wie sie weitertrank, wie sie die Hand mit dem Glas langsam auf den Tresen senkte, das Glas umklammert hielt, als könnte es ihr Trost spenden, während sie allmählich in Starre versank.

Der Spiegel verriet, dass sie die einzige Gestalt in der Crow-Bar war, die stillhielt. Nur wenige Schritte hinter ihr wogte eine tanzende Masse, Hände reckten sich über Köpfe, Hüften schwangen im Beat, es war ein Wirbel aus Körpern und Lauten und so viel Freude, dass Andra sich nur noch mehr versteifte. Sie ließ die Musik, das Gewusel der Körper zu einem Hintergrundrauschen werden und obwohl sie weiterhin in den Spiegel blickte, nahm sie das Bild darin nicht länger wahr.

Dieser Ort half ihr genauso wenig dabei, die nötige Magie zu finden wie jeder andere dieser elenden Welt. Sicher, es tat gut, unter einer Art von Verwandten zu sein. Obwohl die Gestaltwandlerinnen hier Federn statt Schuppen zeigten in ihrer anderen Form. Immerhin konnten sie fliegen. Aber Drachen waren sie nun wirklich nicht. Woher auch! Andra schnaubte leise. Diese Welt war so rückständig, dass Drachen hier nur in Märchen und Legenden vorkamen. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an einen Himmel voller Drachen, an das Spiel von Flügeln und Flammen, an Rauchwirbel, die sich bis zu einem fernen Mond streckten und weiter zu den Sternen wanderten. Sie seufzte und setzte das Glas wieder an die Lippen. Blinzelte sich in die Gegenwart zurück. Zu den Krähenschwestern.

Die tanzten noch immer. Andra wandte sich vom Spiegel ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen. Manche der Tanzenden wandelten sich mitten in der Bewegung in ihre Krähengestalt, flogen hoch über die Köpfe der anderen hinaus, hoch und höher, drehten sich blitzschnell um, legten die Flügel eng an den Körper und schossen im Sturzflug hinab, nur um im letzten Moment, wenige Zentimeter über den lachenden Gesichtern der Tänzerinnen, die Flügel aufzuspannen, sich abzufangen und wieder in die Höhe zu gleiten.

Eine Krähe landete neben ihr auf dem Tresen und dann stand Elyf an ihrer Seite. „Was schaust du so griesgrämig?“

Andra leerte den Whisky und knallte das Glas auf den Tresen. „Eure Welt geht zugrunde, und ihr tanzt!“

Elyf grinste unbeeindruckt. „Sie geht aber nicht an unserem Tanz zugrunde.“

Darauf fiel Andra nichts ein. Die Menge vor ihnen wogte und wirbelte, Krähen schossen zwischen menschlichen Gestalten umher, streiften mal einen Arm, eine Schulter, eine Wange, aber nie stießen sie zusammen, nie stürzten sie zu Boden. Andra betrachtete das Zusammenspiel von Flug und Tanz und versuchte, sich gegen das Lächeln auf ihrem Gesicht zu wehren. Vergeblich.

Sie könnte sich mitten hineinbegeben, tanzen, alles vergessen. Hier konnte sie sich sogar in ihre Drachengestalt wandeln, vor aller Augen – was sie draußen kaum jemals wagte. Nur, wenn die Nacht wirklich dunkel war, fast so tiefdunkelblau wie ihre Schuppen und ihre Flügel, nur, wenn sie sicher sein konnte, dass kein Mensch sie beobachtete.

Zwei Krähen flogen Kreise um die Köpfe zweier Tanzender, ihre krächzenden Stimmen mischten sich unter die Musik, ein Gesang so seltsam und fremd und doch meinte Andra, den Geruch von Asche und Rauch auf der Zunge zu schmecken, während der Tanz den Boden unter ihren Füßen beben ließ und das Wispern der Flügel sie lockte und lockte.

Nein, an diesem Tanz starb keine Welt. Und so wenig es ihr auch gefiel, sie musste zugeben, dass Elyf recht hatte: Es lag eine gewisse Magie darin. Aber das musste sie ja nicht laut sagen. Andras Lächeln vertiefte sich. Es war nicht die Magie, nach der sie suchte, es war nicht die Magie, die ihr helfen würde, doch was war schon eine weitere nutzlos verbrachte Nacht?

Lass uns tanzen, kleine Krähe“, sagte sie und streckte Elyf eine Hand entgegen. Elyf lachte und packte sie mit beiden Händen, zog sie auf die Tanzfläche.

Sie ließen sich von der Musik tragen, sie stampften den Rhythmus in den Boden, sie streckten ihre Flügel und folgten den Tönen in immer größere Höhen, sanken auf dem warmen Bass wieder hinab, lachten und sangen – und Andra flog hinauf, höher als alle anderen und fügte dem Tanz ihre Flamme hinzu.

Das Licht des Feuers liebkoste ihre Gesichter, ließ ihre Flügel schimmern, fachte ihr Lachen an und ihre krächzenden Stimmen glitten über ihre Schuppen, stärkten ihr Feuer.

Vielleicht, dachte Andra, vielleicht ist es doch nicht ganz und gar verrückt zu hoffen.

 

(Unser Zitat für Februar ist von Lewis Carroll „We’re all mad here“ aus Alice in Wonderland. Die Geschichten meiner Kolleg*innen dazu findet ihr hier: Iss mich, trink mich von Carola Wolff und Umwidmung von C. A. Raaven. Am 28.02.2022 lesen wir euch die Stories wieder live auf twitch vor – um 20 Uhr geht es los!)

Phantastischer Montag: Des Rätsels Lösung

S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot)

Mehr stand nicht auf dem Zettel. Und es wurde auch nicht mehr, gleichgültig, was ich tat: ihn anstarren, Zitronensaft darauf träufeln, erhitzen, zerknüllen und wieder glattstreichen, Zaubersprüche aufsagen – nichts verriet mir, was ich mit dieser Nachricht anfangen sollte.

War es eine Beleidigung? Ein schlechter Scherz? Eine Marketing-Aktion für, für, für was weiß denn ich? Oder – oder war es doch echt? Ein ernsthaftes Hilfsangebot, das mir irgendwer in die Manteltasche gesteckt hatte, als ich gerade nicht hinsah? Was auch bedeutete, dass mich jemand erkannt hatte trotz des Mantels und der hohen Stiefel, die ich draußen stets trug. Den Menschen präsentierte ich seit Jahrhunderten nur noch meinen Kopf, denn den konnten sie akzeptieren. Allerdings nur solange sie dazu nicht den Rest meines Körpers erblickten.

Einigermaßen frustriert ließ ich mich auf meinen Ohrensessel fallen, legte die Hintertatzen auf die Steinumrandung des Kamins. Ich starrte in die orange-rot-gelb-grün-blau flackernden Flammen und rieb mir mit eingezogenen Krallen den Kopf. So ungern ich es zugab, ich steckte in einer Notlage. Und das nicht erst seit gestern.

Seit der Erfindung des verfluchten Internets schwand der Respekt der Menschen vor mir. Und heutzutage hatte wirklich niemand mehr auch nur ein Fünkchen Angst vor Rätseln. Kaum stellte ich eines, tippten sie auf ihren vermaledeiten Geräten herum und – zack! – kam die Antwort. Es war zum Heulen. Niemand zitterte vor mir, niemand ließ sich auf ein Wortgefecht ein, bei dem ein Argument klüger war als das andere, bei dem wir um Antworten rangen und uns in höchste Sphären des Wortglücks verstrickten, neue Bedeutungen und unwahrscheinlichste Lösungen fanden, alles um uns herum vergessend, weil nur die nächste Wendung, nur dieses Hin und Her, Vor und Zurück, nur das Gespräch zählte mit dieser köstlichen Note der Anspannung, weil es um Leben und Tod ging.

Für den Menschen, versteht sich, nicht für mich.

Ich schubste den Zettel von der Armlehne. Er segelte elegant zu Boden und landete natürlich mit der Schrift nach oben. Ich knurrte ihn an. Halbwesen! Unverschämtheit! Ich war ein ganzes Wesen! Mein Menschenkopf gehörte zu meinem Löwenkörper und umgekehrt. Nichts an meiner Gestalt machte mich halb. Ich sollte den verdammten Zettel den Flammen übergeben und nicht weiter darüber nachdenken.

Aber genau da lag das Problem. Der Zettel bedeutete ein Rätsel. Und Rätseln konnte ich noch nie widerstehen. Zudem hatte sich jemand erdreistet, meinen Namen als Akronym zu verwenden, ohne mich um Erlaubnis zu bitten, ohne mir auch nur den kleinsten konkreten Hinweis darauf zu geben, wie ich mit dieser Sozietät in Kontakt treten konnte. X (marks the spot) – was sollte das schon heißen? Sollte ich jetzt die Stadt danach absuchen, ob irgendwer irgendwo ein großes X hingemalt hatte? Lächerlich!

Das Knistern der Flammen klang wie zustimmendes Gelächter. Ich dehnte und krümmte die Tatzen, genoss die Wärme. Was sonst blieb einem phantastischen Wesen, das ausgedient hatte? Elende Unsterblichkeit. Ich blieb ich, und die Welt veränderte sich, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Ich legte die Vordertatzen übereinander und stützte das Kinn darauf. Wie sollte so eine Sozietät mir schon helfen? Konnte die das Internet auslöschen? Meiner Existenz wieder Sinn verschaffen? Die Flammen tänzelten und knisterten, und ich wischte dazu im Takt mit dem Schwanz über den Steinboden.

Rätsel aufzustellen war eindeutig vergnüglicher, als Rätsel zu lösen.

Ich seufzte eine Weile vor mich hin, während die Flammen spotteten, als wüssten sie die Antwort längst, würden sie aber um keinen Preis der Welt verraten. Ich streckte ihnen die Zunge raus, aber das beeindruckte sie wenig. Also leckte ich mir über die Lippen, als hätte ich ohnehin nichts anderes beabsichtigt. Ein X. Nun, ein X war auch nichts anderes als ein Symbol, das die Elemente miteinander verband. Die Magie lag in der Mitte. Natürlich! Ich sprang auf.

Feuer hatte ich bereits. Weder Wasser noch Erde stellten mich vor ein Problem. Doch wie ließ sich Luft einfangen? Ich lief vor dem Feuer auf und ab, bis ich auch auf diese Frage eine Antwort gefunden hatte.

Fehlte nur noch das X. Ich tunkte eine Tatze in den Ruß des Kamins und zog eine Linie von Feuer zu Wasser, dann eine zweite von Erde zu Luft. Sie kreuzten sich genau in der Mitte. Ich hockte mich zwischen Erde und Wasser und starrte den Kreuzungspunkt an. Dort tat sich nichts. Ganz und gar nichts.

Vermutlich musste ich mich in eben diese Mitte begeben. Wenn es war, wie ich dachte. Was sollte schon schiefgehen?

Entweder war ich das fehlende magische Element, das die Tür zu dieser Sozietät öffnete – oder es würde schlicht gar nichts passieren. Letzteres wäre mehr als enttäuschend. Niederschmetternd.

Das Ganze könnte natürlich auch eine Falle sein. Aufgestellt von Menschen, die Jagd auf phantastische Wesen machten. Mein Schwanz zuckte, und ich wünschte mir, ich könnte dasselbe mit den Ohren tun. Ich tappte mit den Krallen auf den Steinfußboden.

Wer nicht wagt

Ich knurrte den Kreuzungspunkt an. Spannte die Muskeln. Ließ das Knurren zu einem Grollen anschwellen. Dann sprang ich. Mitten hinein in das X.

Ich landete – tja, das würden Sie jetzt gern wissen, nicht wahr? Also, wo ich landete.

Aber das ist ein Rätsel, das Sie selbst lösen müssen. Wenn Sie denn den Mut dazu haben. Was haben Sie denn gedacht? Dass eine Sphinx ihnen alles verrät?

(Immer wenn ein Monat fünf Montage hat, wie dieser Januar 2022, schreiben wir alle vom Team #phantastischermontag eine Geschichte zu einem phantastischen Wesen. Für den Januar haben wir uns auf die Sphinx geeinigt.)

Phantastischer Montag: Drachenrose

Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, roten Splittern überall auf dem hellen, fast schneeweißen Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das rote Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

(Die Dezembergeschichten des phantastischen Montags sind inspiriert von dem Song „White Winter Hymnal“ der Fleet Foxes. Wieder könnt ihr vier Geschichten dazu lesen – diese hier auf meinem Blog und die weiteren hier: Carola Wolff Mikki, C.A. Raaven Destination und Alexa Pukall Gute Freunde)

Phantastischer Montag: Vielleicht

Elyf öffnete die Tür.

Der erste Blick hinein war eine Enttäuschung. Nur wenige Schritte hinter der Tür versperrte ein schwerer schwarzer Vorhang die Sicht. Obwohl eben noch den zwei eng umschlungenen Gestalten Licht und Gelächter gefolgt waren, als sie die Bar verließen. Jetzt lag da nichts als Dunkelheit. Elyf zögerte.

Vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet. Vielleicht war sie noch immer zu Hause, eingesperrt für die Nacht. Vielleicht lag sie in ihrem Bett — oder versteckte sich darunter — oder hatte sich in ihren Schrank verkrochen. Vielleicht hatte sie ihren Ausbruch nur geträumt.

Vielleicht hatte sie wie immer die Augen so fest zusammengekniffen, bis sie Dinge sah, die nicht da waren. Eine Krähe zum Beispiel. Auf dem Fensterbrett. Als sie den Vorhang beiseite geschoben hatte, weil da dieses klack-klack-klack war, unaufhörlich tönte.

Und da war die Krähe gewesen, außen an ihrem Fenster, und hatte gegen ihre Scheibe gepickt.

Oder eben auch nicht. Denn sie bildete sich Dinge ein. Sagten ihre Eltern. Dinge, die nicht da waren. Dinge, die nicht sein durften.

Vielleicht hatte sie sich auch Tante Käthe mit ihrem Kräuterladen eingebildet. Vielleicht war sie nie dort gewesen sondern immer nur hier in ihrem Zimmer, in der Dunkelheit. Vielleicht hatte Tante Käthe nie zu ihr gesagt: Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe.

Denn wer sagte so etwas schon. Und wer tat so etwas, einer Krähe folgen.

Vielleicht hatte sie sich also die Krähe eingebildet, war der eingebildeten Krähe nur in Gedanken durch die Stadt gefolgt, denn wer folgte schon einer Krähe, welche Krähe wartete schon höflich, bis ein Mensch ihr auf Dächer hinterherkletterte und über Abgründe zwischen Häusern hinterhersprang.

Vielleicht lag sie also in ihrem Bett und die Fensterscheibe in ihrem Zimmer war nicht gesprungen, nicht zerschlagen, die Haut an ihren Händen nicht aufgerissen, die Krähe ihr nicht vorangeflogen und sie ihr nicht hinterhergeklettert und -gesprungen und -gerannt.

Vielleicht war dieser Luftzug an ihrem Rücken nur einer, der durch die Ritzen neben den Fenstern kroch. Vielleicht schlief sie und träumte. Vielleicht träumte sie und war wach.

Vielleicht

Mach die Tür hinter dir zu, wenn du reinkommen willst“, ertönte eine Stimme vor ihr.

Elyf zog die Tür zu.

Klack. Sie fiel ins Schloss.

Klack. Ein Licht schien vor ihr auf.

In dem Lichtkegel saß eine Frau auf einem Barhocker. Sie saß vor dem schweren schwarzen Vorhang. Haare wie Federn fielen ihr bis auf die Schultern, flossen darüber und verschwanden dahinter.

Klack. Klack. Klack, tappte sie mit einem grau lackierten Fingernagel auf das Holz des Barhockers. „Was willst du hier?“

Wenn sie sprach, tanzten tintenschwarze Federn auf ihren Wangen, auf jeder Seite eine, tief in die Haut geprägt.

Elyf starrte in das Licht, starrte auf die Frau, starrte, während ihre Gedanken sich übereinanderschoben, die Worte sich verhaspelten, bis kein einziges mehr einen Sinn ergab.

Klack. Klack. Klack. „Du bist mir hierher gefolgt. Jemand hat dich also erkannt. Sag einfach, was du willst, und ich lasse dich herein.“ Das Klacken unterlegte ihre Worte und setzte sich in der Stille fort.

Klack. Klack. Klack.

Vielleicht stand sie immer noch in ihrem Zimmer, am Fenster, vielleicht pickte die Krähe immer noch mit ihrem Schnabel gegen die Glasscheibe. Und wenn Elyf lange genug dort stand, würde irgendwann das erste graue Morgenlicht die Dunkelheit vertreiben. Irgendwann würde die Sonne aufgehen, irgendwann würde der Schlüssel im Türschloss quietschend und knackend gedreht, und die Nacht wäre vorbei.

Klack. Klack. Klack.

Die Krähe flöge fort.

Klack. Kla-

Ich will nie wieder zurück!“

Das lässt sich einrichten“, sagte die Krähe.

Wie flatternde Flügel schwang der Vorhang zu beiden Seiten auf. Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren schwappten Elyf entgegen. Der Raum war weit und lag unter der Decke eines hellen Sommerabendhimmels. Links von ihr streckte sich ein langer Tresen, streckte sich und streckte sich und Elyf konnte sein Ende nicht erspähen. Ihre nackten Füße sanken sanft in warmen, weichen Sand. Musik umspülte sie wie leichte Wellen, getragen von Stimmen, rau und nah und fern und vertraut.

Sie wusste, wo sie war, ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein.

Manche tanzten, manche gestikulierten und redeten, manche lachten, manche sahen sich still lächelnd um, manche hüpften in Krähengestalt über den Sand, manche flogen auf, wirbelten herum, schneller und wilder und schneller, bis ihre Gestalt verschwamm, bis ihr Flügelschlagen stoppte und sie taumelnd und lachend in einem Wirbel langer dunkler Federhaare zum Stehen kamen, die Arme wie zur Balance weit ausgestreckt.

Komm.“ Die Krähenfrau, die am Eingang auf sie gewartet hatte, nahm sie bei der Hand. Elyf folgte ihr, wie sie ihr schon durch die ganze Stadt gefolgt war.

Sie blieben erst vor einem hohen, pyramidenförmigen Zelt stehen.

Wellen liefen über den Strand, leckten an Elyfs Zehen, liefen langsam zurück ins Meer. Aus dem Zelt drang ein leises Klack-klack-klack.

Die Krähenfrau hielt sie an einer Schulter fest. „Letzte Möglichkeit umzukehren“, sagte sie so leise, dass das Rauschen der Wellen sie fast übertönte. „Du kannst eine von uns sein. Oder du schließt die Augen, und ich bringe dich zurück.“

Klack. Klack. Klack.

Elyf bohrte die Zehen in den feuchten Sand. Das Wasser floss kühl-warm über ihre Fußrücken, kitzelte ihre Knöchel. Die Salz-getränkte Luft strich über ihre Wangen, prickelte an ihren aufgeschürften Händen. Haare wie Federn streiften ihre Arme. Sie blinzelte nicht einmal. Sie schloss ihre Augen nicht. Sie schlug die Zeltwände zurück und trat hinein. Der Duft getrockneter Kräuter küsste sie auf die Wangen, legte sich um ihre Schultern.

Endlich“, begrüßte sie Tante Käthe. „Ich habe fast schon befürchtet, wir hätten dich verloren. Setz dich.“ Sie klopfte neben sich auf den Boden.

Elyf ließ sich an ihrer Seite nieder. Vor Tante Käthe stand ein Glasbehälter mit dunkler Tinte. Daran lehnte ein Holzstab mit einer scharf abgeknickten Spitze. Tante Käthe schloss eine Hand um einen glatten, runden Stein. „Du gehörst schon jetzt zu den Krähen“, sagte sie. „Du hast bei uns deinen Platz, solange du bleiben willst.“

Für immer, wollte Elyf antworten, doch Tante Käthe hob ihre freie Hand, bedeutete ihr noch kurz zu schweigen und zuzuhören. „Wenn du auch deine Krähengestalt und deine Flügel möchtest, musst du deine Zeichnung annehmen.“ Sie tippte auf den Holzstab.

Elyf dachte an die wirbelnden Gestalten, dachte an die Krähe, die ihr vorausgeflogen war, dachte an die Dunkelheit in ihrem Zimmer. Ihre Antwort stand längst fest und sie gab sie mit leichter Stimme.

Klack. Klack. Klack. Mit jedem Tropfen Farbe, der unter ihre Haut floss, spürte Elyf ihre Federn wachsen, hörte immer lauter das Rauschen des Windes unter ihren Flügeln.

(Das war die versprochene Fortsetzung zur Geschichte Tante Krähe aus dem letzten Monat. Im Oktober lassen wir uns beim phantastischen Montag inspirieren von dem Song „Alison Hell“ (Annihilator) – und wieder sind dabei ganz unterschiedliche Geschichten entstanden … lest selbst bei: Carola Wolff Untergrund, C. A. Raaven Black Rabbit, Alexa Pukall Dunkel und still)

Phantastischer Montag: Tante Krähe

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante Käthe, Tante Krähe, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante Käthes Kräuterladen fühlte sie sich von Anfang an zuhause.

Also war sie jetzt den ganzen Tag lang bis in die Dunkelheit hinein einer Krähe gefolgt. Die war nie vor ihr geflüchtet, hatte sogar höflich gewartet, wenn sie mit ihren Armen und Beinen und eben ohne Flügel Dächer und Mauern nicht so schnell hinauf kam. Mancher Sprung von einem Dach zu einem anderen war waghalsig gewesen — aber nie unmöglich. Auch darauf schien die Krähe stets geachtet zu haben. Nun hockte sie auf einer Stange über einer Kneipentür und blinzelte zu ihr hinunter.

Du willst jetzt aber nicht, dass ich da zu dir hochkomme, oder?“ Elyf sah zu dem grau-schwarzen Vogel hinauf. Die Krähe schüttelte leicht ihre Flügel und senkte den Kopf, als wollte sie mit dem Schnabel auf das Namensschild der Bar deuten, das unter ihr an der Stange baumelte. Crow-Bar.

Sehr witzig“, murmelte Elyf. Sie zupfte an ihrer Hose, ihrer Lederjacke, ihrem Hemd, die alle etliche Schrammen und Risse aufwiesen von ihrer Kletterei. An ihren Fingerknöcheln brannten mehrere Abschürfungen. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Die fühlten sich nicht einmal mehr nach Frisur an. Daran war sie allerdings selbst schuld. Insgesamt sah sie sicherlich eher aus wie nach einer durchzechten Nacht in einer Bar, Kneipenschlägerei inklusive, und nicht wie eine, die sich bislang nicht einmal aus ihrem Viertel gewagt hatte.

Wahrscheinlich sah sie auch nicht aus wie eine, die nach genau dieser Bar gesucht hatte. Elyf trat ein paar Schritte zurück. Die Krähe krächzte vorwurfsvoll. Elyf blickte hektisch nach allen Seiten um sich. Aber sie war nach wie vor allein in der Gasse. Zumindest soweit sie das im gelblich-trüben Licht der Laternen erkennen konnte.

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt, die strenggenommen nicht ihre Tante war. Elyfs Eltern hatten sie jedes Mal missmutig aus dem Kräuterladen gezerrt, wenn sie das mitbekamen. Später verzogen sie zwar immer noch missmutig die Miene, wenn sie den Satz hörten, doch Elyf war längst kein Kind mehr, das sich irgendwo wegzerren ließ. Sie seufzte. Offenbar war sie auch nicht Frau genug, einfach diese Bar zu betreten.

Und die Krähe hockt schließlich auch davor und nicht drinnen, argumentierte sie stumm und unter dem heftigen Pochen ihres Herzens.

Die Tür wurde von innen aufgestoßen. Mit dem Licht schwappten Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren hinaus auf die Gasse, dicht gefolgt von zwei eng umschlungenen Gestalten. Und als hätte die Krähe das stumme Argument ihrer Angst gehört, flog sie mit einem lauten Krächzen mitten in das Licht und den Lärm hinein. Hinter ihr schlug die Tür wieder zu. Die zwei eng umschlungenen Gestalten schlenderten durch Stille und Dunkelheit davon, schickten ab und an ein leises Lachen in die Nacht, das verklang, als sie am Ende der Gasse um eine Ecke verschwanden.

Elyf zog die Jacke enger um sich. Wärmer wurde ihr davon nicht.

Folge der Krähe, hörte sie Tante Käthes Stimme in ihrem Kopf. Und es schien ihr schwieriger, als Hauswände hinaufzuklettern und über die Abgründe zwischen Dächern zu springen. Ja, sie würde jetzt lieber diesen gesamten Weg noch einmal auf sich nehmen, statt eine Hand auf den Messinggriff dieser Tür zu legen und sie aufzuziehen. Sie blickte sich sogar nach einer Krähe um. Aber natürlich tat ihr keine den Gefallen, genau jetzt und genau hier zu erscheinen, damit sie ihr anderswohin folgen könnte.

Was wohl die drinnen von der Krähe hielten?

Vielleicht war es für sie gar nicht ungewöhnlich, dass eine Krähe in die Bar flog. Vielleicht war es nur ungewöhnlich, dass die Krähe allein kam. Vielleicht sollte sie ihr endlich folgen und ihr die Peinlichkeit ersparen, ohne Begleitung dort drinnen zu hocken. Elyf strich sich durch die Haare, zog an den Ärmeln ihrer Lederjacke, die immer noch nicht groß genug werden wollte, dass sie sich ganz darin verkriechen könnte.

Sie konnte immer noch umdrehen. Irgendwie würde sie schon einen Weg zurück in bekannte Gefilde der Stadt finden. Sie musste nur lange genug durch die Gassen irren, bis die wieder breiter wurden, bis wieder Droschken und Straßenbahnen fuhren, die sie zurückbringen würden. Zu ihren Eltern. Wo sie das alles vergessen müsste. Die Krähen. Tante Käthe. So tun als ob. Bis als ob alles andere wegdrängte. Tante Käthe. Die Krähen. Sie selbst.

Ihre Kehle fühlte sich wund an und zu eng zum Schlucken. Elyf zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Noch einmal. Und wieder. Und wieder. Elyf legte beide Hände um den Messinggriff. Ihr Herz pochte so laut, als wollte es ihre Ohren von innen sprengen. Atmen, befahl sie sich mit Tante Käthes Stimme. Ihr Brustkorb dehnte sich vor Luft, als könnte ihr ganzer Körper leicht werden und Krähenflügel sie wegtragen. Elyf öffnete die Tür.

… Fortsetzung folgt!

(Im September lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song Crowbar – von Frank Carter & the Rattlesnakes – inspirieren. Was dabei noch entstanden ist, könnt ihr bei Carola Wolff: Braves Mädchen, C.A. Raaven: Future is Now und bei Alexa Pukall: Das Krähennest nachlesen.)

Phantastischer Montag: Die Trösterei

Sie war tatsächlich schon unzählige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entzündeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.

Es ist ein Zauber, hatte Drew erklärt. Er schlägt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.

Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tatsächlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.

Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinwänden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Gebäuden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.

Da, wo er am stärksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugefügt: Du wirst schon sehen.

Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zwölfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der köstliche, verräterische Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen legt sich wie ein wärmender Mantel um sie. Trügerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tröstereien zum Verhängnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen Störung der Totenruhe verhaftet. Die Trösterin wanderte für mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorräte wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Trösterei für immer versiegelt.

In solchen Fällen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und nächtelang über der Stadt, drang durch alle Tür- und Fensterritzen in die Häuser. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zurück. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Trösterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du hättest wirklich etwas präziser sein können, Drew, nörgelte sie und wünschte sich zugleich Drew würde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.

Ihre Flügel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie möglich nach hinten aus, schüttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-röstig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann – Aja blinzelte.

War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine Täuschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem beständigen Glühen aus tausenden von Lichtfäden entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja lächelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den Füßen auf den Kopf gestellt und wieder auf die Füße.

Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz saß. Natürlich tat es das. Der willkommene Duft der Trösterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Glühfäden tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen Körper, strich über Hände, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.

In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine rußgeschwärzte Pfanne über die Flammen, in der röstende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu spät. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Trösterin zuschauen konnte, ließ sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.

Die Trösterin blickte sie über das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne näher zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf tönte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Geräusch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte.

Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die Länge. Fast hätte sie die Augen wieder geöffnet. Aber die Trösterin würde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemzügen.

Irgendwann berührten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie ließ zu, dass die Trösterin ihre Hand führte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie spürte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.

Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-heiß über ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begrüßung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr über Wangen und Augenlider.

Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren türkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als müsste sie sich erst einmal davon überzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Tara blinzelte noch einmal, dann lächelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als würde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter Körper davon erfüllt war. Tara breitete Arme und Flügel aus und Aja stürzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, berührten sich, drückten Arme wie Flügel umeinander, hüllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem Rücken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.

Aja drückte sich an Tara, hüllte sie in ihre Flügel, sog das Glühen ihres Körpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit flüsterten sie miteinander, erzählten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Flüstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen – bis Ajas Flügel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. „Ich komme wieder“, wisperte sie in die Stille.

 

(Unsere Geschichten für den phantastischen Montag sind im August von dem Song „Still“ von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: Das Internet der Dinge von Carola Wolff, Karmukation von C.A. Raabe, Himmelsblau von Alexa Pukall. Schönes Lesen!)