Schreibimpuls am Mittwoch – Erinnerungsort

Kreatives Schreiben fordert ja vor allem den Einsatz der eigenen Fantasie. Aber worauf gründet die eigentlich? Woraus entstehen unsere Ideen? Auch wenn wir uns beim Schreiben z.B. eines Fantasyromans vieles auszudenken scheinen, so findet sich doch oft ein Fünkchen einer eigenen Erinnerung darin. Das kann eine Erinnerung an eine Person sein, an ein Erlebnis, ein Gefühl, einen Ort – und irgendetwas davon findet den Weg in die Geschichte, die wir erzählen.

Heute geht es darum, sich mal ganz bewusst eine solche Erinnerung vorzunehmen: die Erinnerung an einen Ort, der nur noch in der eigenen Erinnerung besteht. Ein Ort, an den man sich zurücksehnt, aber an den man nicht mehr zurückkehren kann. Vielleicht, weil er sich so verändert hat, dass es die Erinnerung zerstören würde, wenn man wieder hinginge. Vielleicht, weil es den Ort tatsächlich nicht mehr gibt.

Welcher Ort ist das für dich? Woran denkst du als Erstes, wenn du dich an ihn erinnerst? Wie hat es dort gerochen? Mit wem warst du dort? Was kannst du sehen, wenn du ihn für dich heraufbeschwörst? Wie hat er sich angefühlt? Welche Farben gab es? Welchen Geschmack verbindest du mit dem Ort? Wenn du ihn jemandem beschreiben solltest, der/die noch nie dort war, womit würdest du anfangen?

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Nimm dir Stift und Papier und fange mit diesem letzten Detail an, dem, was dir als Erstes einfällt, wenn du an diesen Ort denkst – und dann erzähle weiter.

Wenn du magst, erzähle etwas über deinen Erinnerungsort hier in den Kommentaren. Ich bin gespannt.

„fette fee“, ein Roman von Claudia Brendler

Ich hab mich sehr gefreut, den Roman zusammen mit der Leserunde bei leserunden.de zu lesen! Die „fette fee“ ist eine berührende Geschichte über drei verletzte Seelen, die lernen, einander Halt zu geben.

Schnell wachsen sie beim Lesen ans Herz: Die Komikerin Jill, die heimlich ganz ernsthafte Gedichte schreibt. Die beim Vater abgeladene Tochter Feli, von Selbstzweifeln zerfressen und nur glücklich in Xo, ihrem Fanstasieland, in dem sie eine zarte Elfe und mächtige Magierin ist, statt der dicken, schüchternen Schülerin des realen Lebens. Und schließlich Armin, Jills Ex und Felis Vater, der sich lieber in Rezensionen moderner Musik und Gedichtlektoraten verkriecht, statt sich um die Probleme seiner Tochter zu kümmern, sich dem Leben zu stellen.

Wie diese Drei vom Leben zusammengewürfelt werden und schließlich auch zueinander finden, davon erzählt Claudia Brendler in ihrem wunderbaren Roman „fette fee“. Jill, eigentlich am Ende, sucht in jeder Situation verzweifelt nach dem genialen Gag, der ihre neue Show vorwärts und sie wieder auf die Füße bringen soll. Als sie Unterschlupf bei ihrem Ex Armin sucht, hat sie nicht erwartet, plötzlich auch Ersatzmutter für das Ergebnis von Armins ehemaligen One-Night-Stand zu werden. Aber Armin, mehr als nur ein wenig überfordert davon, sich auf einmal um eine Teenagerin kümmern zu sollen, die von der Mutter bei ihm abgesetzt wurde, damit die eine Karrierechance in Frankreich nutzen kann, überlässt Jill nur zu gern die Führung, wenn es darum geht, mit Feli zu reden oder sich mit deren Lehrern auseinanderzusetzen. Feli betrachtet alles und jeden mit Misstrauen und glaubt nicht daran, dass sie liebenswert sein könnte. Sie weiß genau, sie ist zu fett, zu unattraktiv, zu verrückt, um für irgendwen interessant zu sein. Nur in ihrem Fantasieland Xo ist sie etwas wert und wird geliebt.

Claudia Brendler erzählt mit atemloser und wunderbar bildreicher Sprache davon, wie diese Drei es nach einigen Umwegen wagen, sich trotz ihrer Verletzungen aufeinander einzulassen. Dieses Wagnis macht die Geschichte so berührend. Und was immer die Drei auch anstellen, man geht stets mit ihnen mit und wünscht ihnen einen Weg aus diesem unausweichlich scheinenden Chaos, in dem sie es immer wieder schaffen, sich gegenseitig zu verletzen. Sie stolpern, stehen wieder auf, tasten sich weiter voran. Am Ende gelingt es Claudia Brendler, in allen Dreien etwas Vertrauen wachsen zu lassen – und dafür braucht sie keinerlei Kitsch sondern nur Momente wie das Leben selbst, eine Mischung aus Chaos und Schönheit und dem Mut, sich darauf einzulassen.

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte!

„fette fee“ von Claudia Brendler ist erschienen bei: dtv (München, 2015)