Stadtmagie „Eine geheime Mission“, Teil 2

„Hallo, Hallöchen, hier ist der Andi aus Pankow …“

Kjara schloss die Augen und suchte die Stimme im Echonetz der magischen Adern. Sie musste die Wesenheit finden, bevor die Ansage zu Ende ging.

„… euer nächster Halt ist Stadtmitte. Hier könnt ihr umsteigen in die …“

Hab ich dich! Kjara stürzte auf den Punkt im Liniengewirr zu, ließ ihre gesamte Wesensenergie dorthin fließen. Sich durch die Adern fremder Magie zu bewegen, war schmerzhaft. Die andere Macht zerrte an ihr, wollte sie auseinanderreißen und ihre Einzelteile so weit voneinander schleudern, dass sie nie wieder eins werden könnten. Kjara musste sich zusammenhalten und sich auf den Weg zu ihrem Ziel konzentrieren. Zugleich wusste sie immer noch um ihren sichtbaren Körper, der unbeweglich in der Bahn stand, die weiter und weiter durch den dunklen Tunnel jagte.

Doch anders als die miteinander verbundenen Tunnel der Ubahnlinien waren die Adern im Netz der Magie dieser Stadt oft unterbrochen, durch Vernachlässigung verstopft. Kjara musste Umwege in Kauf nehmen und immer wieder geduldig den Schutt der Vernachlässigung beiseite räumen. Um neue Verbindungen zu bauen, fehlte ihr die Zeit.

„… U-Bahnlinie sechs, zur Tram und …“

Da war der leuchtende Punkt. Mit Macht schoss Kjara vorwärts, zwängte sich durch die letzte Barriere aus Schutt zwischen ihr und dem Leuchten, streckte sich. Sie streckte sich, bis sie kaum noch zusammenhielt und reichte doch nicht bis an den leuchtenden Punkt heran. Gleich würde die Stimme die letzten Worte sprechen. Gleich würde der Punkt erlöschen.

Die fremde Magie schlug auf sie ein, dort, wo sie am dünnsten, am verletzlichsten war. Kjara zog sich zusammen. Schlug zurück. Traf nichts. Trotzdem spürte sie ein Zurückweichen der fremden Kraft. Sie schnellte wieder auseinander. Schnellte auf den Punkt zu. Noch leuchtete er.

… Fortsetzung folgt: Mittwoch, 29.04.2015

Stadtmagie „Eine geheime Mission“, Teil 1

Kjara verfluchte sich stumm für den winzigen Augenblick ihres Zögerns. Sie biss die Zähne zusammen und sprang in die U-Bahn. Gerade noch rechtzeitig. Hinter ihr schlugen die Türen zu. Die Bahn fuhr an. Beschleunigte. Kjara fand einen festen Stand in dem ruckelnden Ungeheuer. Nichts anfassen. Nichts sagen. Nichts leichter als das. Sie verzog den Mund zu einem angestrengten Lächeln und spürte, wie sie angestarrt wurde. Man stand nicht in der U-Bahn, ohne sich irgendwo festzuhalten oder anzulehnen. Entweder war es das oder ihre dunkle Haut und der glatt rasierte Kopf – vermutlich alles zusammen. Egal, sie hatte jetzt keine Zeit dafür.

Wer immer auf die Idee gekommen war, die „Leute von der Straße“ dazu zu verführen, der U-Bahn ihre Stimme zu leihen, hatte der Katastrophe Tür und Tor geöffnet. Sie hatte es sofort gerochen und geschmeckt, als sie endlich hinzugezogen wurde und die angeblichen Komapatienten sehen durfte. Nicht mal der Krankenhausgeruch hatte die Magie überdecken können. Sie legte sich auf ihre Zunge und drängte in ihre Nase. Metallisch, dreckig, verbraucht. Diese Menschen lagen nicht im Koma. Sie lagen nur noch als Hüllen dort, weil man ihnen ihre Wesenheiten gestohlen hatte. Kein Wunder, dass sich ihre Zustand medizinisch nicht deuten ließ.

Das hatte sie natürlich nicht sagen können. Aber sie hatte die Spur aufgenommen. Nein, das hier war kein abgedrehter Serienmörder, dem das Morden nicht wirklich gelang, und der Jagd auf all diejenigen machte, die für eine Ansage in der U-Bahn ausgewählt worden waren. Was für eine absurde Theorie! Typisch für diesen Planeten. Die Leute hier nahmen Magie nicht mal wahr, wenn sie ihnen ins Gesicht spuckte. Lieber glaubten sie den größten Schwachsinn.

Kjara verwendete ihre Wut darauf, ihren festen Stand zu stärken. Nur noch wenige Sekunden bis zur Ansage. Sie musste bereit sein. Mehr als einen Atemzug brauchte sie nicht, um all ihre Aufmerksamkeit nach innen zu richten, auf die in ihr verborgenen Schwingen ihrer Magie. Auch wenn sie hier ihre Flügel in sich verstecken musste, spürte sie doch das Prickeln knapp unterhalb der Schultern, wo sie sonst ansetzen würden. Nur sie hörte, wie die Flügel sich mit einem Schlag aufbauschten, nur sie spürte ihren Luftzug und gleich darauf hüllten die unsichtbaren Schwingen ihren Körper ein, hielten ihn sicher.

In ihrem Schutz vollführte sie die Gesten, die alle anderen Fahrgäste in der Bahn erstarren ließen. Sie durfte keine Panik riskieren, falls es zu einem Kampf kommen sollte. Ganz egal, was diese Menschen glaubten oder nicht, Außenstehende durften in magischen Duellen nicht zu Schaden kommen. Als wäre ihr Job nicht ohnehin schon schwer genug! Kjara sammelte ihre schweifenden Gedanken. Später. Später konnte sie über die Ungerechtigkeit aller Welten und der magischen Gesetze brüten, jetzt musste sie sich konzentrieren. Keine Ablenkung. Kein Zögern.

Sicher in ihre Schwingen gehüllt griff sie mit allen Sinnen nach außen, spürte nach den Adern der Magie, die durch die Stadt liefen. Sie vibrierte in den Wänden der Bahn und lief in einem Prickeln über Kjaras Kopfhaut. Sie dirigierte das Echo der Magie weiter über ihren Körper, ließ es eine Karte auf ihre Haut zeichnen, ein Netz aus feinen Linien, die kribbelten, als würden sie mit Strom gespeist. Kjara stand ganz still, auch wenn sie springen und rennen und um sich schlagen, dem beständigen Reiz entkommen wollte. Sie prägte sich die Karte der Magie ein, bis sie das Netz der Linien auswendig kannte. Sie war bereit.

… Fortsetzung folgt: Mittwoch, 22.04.2015