Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.