Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.

Phantastischer Montag im März: Wald

 

 

 

Im März hieß das Thema für unsere phantastischen Geschichten „Wald“. Unter den folgenden Links könnt ihr sie alle noch einmal nachlesen:

Carola Wolff: Flötentöne
C.A. Raaven: No One Knows
Maike Stein: Wintersonnenwende
Alexa Pukall: Ein stilles Jahr

Und da der März fünf Montage hat, gibt es am 30.03.2020 noch eine Geschichte, einen Gastbeitrag. Von wem und wo ihr den nachlesen könnt, wird dann hier verraten. 😉

Phantastischer Montag: Wintersonnenwende

(Eigentlich hatte ich für das Thema „Wald“ eine andere Geschichte angedacht – aber so nach den Entwicklungen der letzten Wochen und Tagen wollte ich doch lieber eine Geschichte, die etwas optimistischer ist … Hier also ein Einblick in das Leben einiger Waldwesen. Viel Vergnügen beim Lesen!)

Es durfte heute nicht regnen. Faunia presste die Augenlider fest zu. Dieses Rauschen musste noch zu ihrem Traum gehören. Sie würde einfach weiterschlafen, bis das Geräusch verschwand. Doch so sehr sie sich den Schlaf zurücksehnte, er verweigerte sich. Faunia stöhnte missmutig. Also gut, also gut. Sie klemmte die Felldecke unter dem Kinn ein und stützte sich auf die Ellbogen.
Erst dann öffnete sie die Augen. Der Boden ihrer Felshöhle hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt. Von dem Felsvorsprung, auf dem ihr Bett war, starrte sie hinab in das schäumende Nass.
Nee. Also wirklich nicht. Nicht heute.“ Das Echo ihrer Stimme hallte frostig von den Höhlenwänden wieder. Dort, wo sich das Wasser am rauen Fels verfing, wuchsen Eisranken in die Höhe.
Kälte stahl sich unter ihre warme Decke, legte sich auf Faunias Haut, drang ihr bis auf die Knochen. Wenn Knochen eine Gänsehaut bekommen könnten, würden deren Spitzen sich von innen gegen ihre Haut drücken. Faunia schüttelte sich. Vielleicht war es an der Zeit, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und das Unvermeidliche hinzunehmen. Alles ging einmal zu Ende. Und lieber nahm sie ihr Ende im Warmen hin als in der eisigen Luft.
Langsam sank sie zurück auf ihr Bett aus Moos und Federn. Schon besser. Nur ließen sich jetzt, da sie einmal aufgewacht war, die Gedanken nicht aufhalten. Sie wanderten und hüpften, als wäre längst Frühling, neckten sie mit Ideen und tollten umher wie sie selbst in jungen Jahren auf einer Sommerwiese.
Ich bin aber nicht mehr jung“, sagte Faunia laut und hoffte, der Klang ihrer knarzigen, alten Stimme möge die Gedanken zur Vernunft bringen. Die tollten unbeeindruckt weiter.
Faunia rollte sich auf die Seite. Blinzelte in das schäumende Wasser hinab. Blickte die Eisranken empor, die im dämmrigen Morgenlicht träge glitzerten, das durch den Vorhang aus Farn am Höhleneingang fiel.
Damit wollt ihr mich wohl beeindrucken“, murmelte sie. „Klappt aber nicht.“ Von den Eisranken kam keine Antwort. Die mussten auch gar nichts sagen, schließlich war klar, dass sie am Ende gewinnen würden, wenn Faunia hier liegen blieb. Irgendwann würden sie bis zu ihr hinauf gewandert sein und über ihre Decke kriechen. Sie einschließen. Ein kaltes Grab. Faunia fröstelte und ihre Gedanken schreckten zusammen.
Sie könnte wenigstens versuchen, sich noch ein Mal aufzusetzen. Bis auf die Ellbogen hatte sie es schließlich schon geschafft gehabt, von dort wäre es dann nur ein kleiner Schritt weiter.
Der Frost küsste sie auf den Nacken. Jeder Wirbel in ihrem Rücken knackte. Faunia streckte sich im Sitzen und zog ihren Wollumhang von dem Haken an der Felswand. Sie schlug den Umhang kräftig gegen den Fels, mehrere Male, um ein wenig von der Kälte aus dem Kleidungsstück zu vertreiben. Dann legte sie ihn sich um die Schultern.
Jetzt, wo sie schon saß, konnte sie auch eine Kleinigkeit essen, beschloss Faunia. In der Schüssel neben dem Bett fanden sich noch ein paar Nüsse. Während sie eine nach der anderen kaute, hakte sie die Schüssel in den Krummstab ein und tauchte sie in den Bach unter ihr. Auch ein Schluck Wasser konnte nicht schaden.
Die Kälte des eisigen Nass fuhr ihr von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der die Eisranken zum Klirren und Splittern brachte. Faunia lachte. Der dunkle, tiefe Klang hellte ihre Stimmung auf. Sie schob die Decke von sich. Sofort griff die Kälte nach ihren Knien.
Das hättest du wohl gern, das ich jetzt wieder aufgebe“, murrte sie ihr zu und zwang sich auf die Füße. „Pech gehabt.“
Der Wollumhang kitzelte ihre Zehen, ließ sie kichern, auch wenn der Blick zum Höhleneingang eine von Eis überzogene Kletterpartie versprach. Ihre Gedanken hüpften voraus, zeigten ihr den Weg über Felsvorsprünge und entlang schmaler Absätze. Einige Stellen waren sogar frei von Eis. Faunia machte einen Schritt vom Bett und den nächsten von ihrem Schlafpodest hinüber auf die erste Stufe der in den Fels gehauenen Treppe. Doch anstatt wie sonst hinunterzugehen, setzte sie den Fuß auf einen kleinen Felsabsatz, den die Eisranken noch nicht erreicht hatten. Von dort tastete sie sich weiter voran.
Ein Sonnenstrahl fiel durch den Farnvorhang herein. Er schickte Tausende glitzernder Boote über den Bach. Sie tanzten auf seinen Schaumkronen, schienen die Wildheit des Wassers zu verlachen. „Leicht für euch“, brummelte Faunia und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg. Das Eis drang selbst durch ihre von Wind und Wetter gegerbten Fußsohlen, wollte sich frostig in ihr festsetzen. Doch Faunia blieb nicht stehen. Solange sie sich bewegte, konnte das Eis keinen Halt in ihr finden.
Endlich erreichte sie den Farnvorhang. Die Ranken aus blassem Wintergrün raschelten, als sie sie behutsam zur Seite strich. Der Morgen draußen war nicht viel wärmer als ihre Höhle. Aber die Sonne schien. Kein Regen. Sie legte die Ranken über einen kleinen Vorsprung neben der Öffnung, damit das Licht bis in den letzten Winkel der Höhle fallen konnte. Dann trat sie hinaus.
Neben dem Eingang lehnte Friss und grinste sie an. „Dachte schon, du würdest heute nie aufstehen.“
Bah, ich doch nicht.“ Faunia versetzte dem kleinen Troll einen Stoß gegen die Schulter. Dazu musste sie sich mächtig strecken. Ihr war, als führen Luft und Sonnenlicht zwischen ihre Knochen und vertrieben die letzten Reste der Wintermüdigkeit. „Gehen wir Holz sammeln, oder was? Wir haben eine Feier vorzubereiten!“
Und das hatten sie wirklich. Der kürzeste Tag stand bevor, es galt, das zurückkehrende Licht zu begrüßen, daher musste vieles hineinpassen in diesen kurzen Tag, wenn sie die Nacht mit ihren Feuern erleuchten und mit allen aus dem Wald feiern wollten.

Der Tag verflog mit den Vorbereitungen. Sie trugen Essen und Holz zusammen, und alle brachten mit, was ihre Wintervorräte noch hergaben. Sie gruben die Feuerstellen aus dem Schnee frei, schichteten die Äste und Zweige auf. Mit der ersten Dunkelheit loderten die Flammen auf. Knisternd und knackend vertrieben sie auch die letzte Kälte aus Faunias Knochen. Durch die tanzenden Feuerzungen blickte sie zu Friss und den anderen Waldlebewesen und war froh, dass sie am Morgen doch aufgestanden war. Noch war es nicht Zeit für das Ende.

Phantastischer Montag im Februar: Narrenmond

Im Februar war unser Thema: Narrenmond – früher auch ein anderer Name für ebendiesen Monat, in dem die Winterdämonen ausgetrieben, Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt wurden (und was früher einen ganzen Monat dauerte, wurde mit der Christianisierung auf die Fastnacht zusammengeschrumpft).

Die Geschichten zum Februar findet ihr hier:

Carola Wolff: Opfer

C. A. Raaven: Tanz im blassen Mondlicht

Maike Stein: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

Alexa Pukall: Das Ritual

Viel Spaß beim Lesen! Und wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare. 🙂

Phantastischer Montag: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

„Ich habe schon wieder gewonnen.“ Ranka ließ die zwei vorderen Beine ihres Stuhls auf den Boden knallen und legte ihre Karten eine nach der anderen auf den Tisch. Vier Totenköpfe und eine Sonne.

„Das fängt an zu nerven.“ Tara warf ihre Karten dazu. Zwei Wasserspiralen, ein Sturmhimmel, eine Sonne, eine Blumengirlande.

„Fängt an?“ Lore starrte zu Ranka, als wollte sie ihr mit dem nächsten Atemzug Tricksereien unterstellen. „Das ist das 395. Mal! Hast du einen Handel mit Schicksal abgeschlossen oder was?“

„Bin doch nicht verrückt.“ Ranka packte ihre Füße auf den Tisch, rieb an einem unsichtbaren Fleck am linken, türkisen Stiefel. „Außerdem hat die sich ewig nicht mehr blicken lassen.“

„Hmpf.“ Lore ließ ihre Karten fallen. Eine Sonne, zwei Sturmhimmel, zwei Blumengirlanden. „Nicht mal ein Gnaden-Dreier“, murrte sie. „Wir sollten was anderes spielen.“

Sie schwiegen. Draußen heulte der Wind durch die Bäume. Zweige kratzten an der Hausmauer. Fensterläden klapperten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf mit dem Wind um die Wette.

Ranka sammelte die Karten ein, nahm den Reststapel auf. „Das sagst du seit der ersten Runde.“ Sie klopfte mit dem Kartenstapel auf den Tisch und begann zu mischen.

„Vielleicht meine ich es dieses Mal ja ernst.“

„Ha!“ Tara nahm den Kartenstapel von Ranka. „Wann meinst du schon mal was ernst?“ Sie mischte die Karten noch einmal. „Nur um sicherzugehen.“ Sie blinzelte Lore zu. Die verdrehte ihre grün-funkelnden Augen und streckte eine Hand aus.

„Her damit. Ich gebe.“

Keine von ihnen sprach, während Lore die Karten verteilte. Keine sprach, als sie die Karten umdrehten und das Spiel von neuem begannen. Keine sagte ein Wort, als Ranka wieder gewann. Wieder mit demselben Blatt. Nur Taras leuchtend blaue Augen verdunkelten sich, als zöge in ihnen ein Sturm herauf, heftiger als der Wind draußen, während Lore die Karten mischte.

Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachschindeln. „Sollte das nicht schneien oder hageln?“, brummelte Tara, aber keine von ihnen blickte auf, keine von ihnen sagte ein Wort. Sie spielten.

Immer wieder gewann Ranka.

Immer wieder mit vier Totenköpfen und einer Sonne.

Nach der 573. Runde stand Lore auf und holte den Veilchenschnaps aus dem Schrank. In der Stimmung, in der sie war, hätte sie auch gleich aus der Flasche getrunken – aber da waren noch die beiden anderen, da hieß es Anstand wahren. Sie nahm also drei der kleinen Gläser aus dem Schrank und schob die Tür mit einem Fuß zu. Zurück am Tisch schenkte sie die Gläser randvoll. Schweigend leerten sie sie alle auf einen Zug.

Tara stellte ihr Glas leise ab. „Das ist nicht mehr komisch.“

„Allerdings.“ Lore schubste ihr Glas in einem Zickzackmuster über die Tischplatte. Ranka blockierte es mit einer türkisen Stiefelspitze.

„Kommt schon. Ihr gebt dem doch nicht wirklich irgendeine Bedeutung! Es sind nur Karten.“

Lore goss die Gläser erneut voll. „Wir sollten es zumindest in Betracht ziehen.“

Sie tranken und knallten gleichzeitig die leeren Gläser auf den Tisch. Ranka wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Ihr wisst, was passiert, wenn wir sie zu früh wecken.“

„Aber wenn wir zu lange warten …“ Tara klopfte mit dem Glas auf dem Tisch herum. Tok, tok, tok, tok, mischte sich das Geräusch unter den Regen, der immer noch gegen die Fensterscheiben schlug und auf das Dach prasselte. „Hört sich das da draußen für euch nach Winter an?“

Lore starrte zum Fenster. „Könnte auch eine List sein.“ Sie hob fragend die Flasche. Die anderen beiden nickten. Der Schnaps brannte süßlich-scharf in ihren Kehlen. Tara schlenderte zum Fenster hinüber. Die dicken, welligen Scheiben boten einen verzerrten Blick ins Draußen.

„List oder nicht – wir müssen eine Entscheidung treffen.“ Sie fuhr die Bahnen der hinab rinnenden Tropfen nach. Als könnte ihr das dabei helfen. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Eisblumen?“

„Keine Ahnung.“ Lore füllte glucksend die Schnapsgläser auf.

Ranka kippte ihres mit geschlossenen Augen. „Können wir nicht erstmal auf Erkundung gehen?“ Sie schob Lore ihr leeres Glas hin.

„Ranka, Liebes, ich weiß, du bist neu – verhältnismäßig neu“, lenkte Lore ein, nachdem Ranka die Füße in den türkisen Stiefeln auf den Boden knallte, „– aber auch du kennst Regel Nummer eins. Wenn wir da zur Tür hinausgehen, gibt es kein Zurück, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.“

„Und um die Schlacht zu gewinnen“, fuhr Tara fort, die inzwischen die Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt hatte, „müssen wir sie wecken.“ Sie drehte sich zu den beiden anderen um. „Also, wer geht dieses Mal?“

„Ranka hat alle Spiele gewonnen.“ Lore blickte auf das letzte siegreiche Blatt, auf die grinsenden Totenköpfe und die hell glänzende Sonne.

„Wäre es nicht fairer, wenn wir jede eine Karte ziehen und die höchste muss –“

„Was jetzt?“, fuhr Lore dazwischen. „Glaubst du plötzlich doch, die Karten könnten eine Bedeutung haben?“

„Quatsch.“ Sie wischte mit einer türkisen Stiefelspitze über den Boden.

„Du bist die Neue, du gehst.“ Tara kam zum Tisch zurück und leerte ihr Glas, grinste, als wäre damit alles entschieden. „Ab mit dir. Ihre miese Laune beim Aufwachen hat noch keine umgebracht.“

„Und meine Vorgängerin?“

Tara und Lore tauschten einen Blick, den Ranka auch nach ein paar hundert Jahren noch immer nicht zu deuten wusste.

„Sollen wir?“

„Wirklich? Ich meine, wir wollten …“

Sie seufzten synchron und sagten dann ebenso synchron: „… wenigstens bis zu deinem 1000. Dienstjubiläum warten.“ Lore kratzte sich am Hinterkopf. Tara übernahm das Auffüllen der Schnapsgläser. „Auf die Wahrheit.“

„Und die ist?“

„Deine Vorgängerin war“, begann Lore, doch dann schüttelte sie den Kopf, gestikulierte Tara, dass sie fortfahren sollte.

„Eine Deserteurin.“ Tara verzog das Gesicht, als hätte das Wort ihren Mund schlimmer verbrannt als der Schnaps. „Daher die miese Laune der Chefin. Hat nix mit dir persönlich zu tun.“

„Ich dachte, das hier wäre ein Job für die Ewigkeit …?“

Lore zuckte mit den Schultern. „So lautet die Dienstbeschreibung. Deswegen hat uns das ja auch alle so aus dem Gleichgewicht geworfen.“

„Immerhin ging es den anderen drei Garden nicht viel besser.“ Tara schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie sonst längst endgültig unterlegen wären. Von der Wintergarde waren sogar zwei desertiert, in zwei aufeinander folgenden Jahrhunderten. Mit dem Ersatz war allerdings nicht zu spaßen. „Genug davon.“ Sie holte das vierte Glas aus dem Schrank. „Du gehst sie wecken, wir polieren die Schwerter und bereiten die Gesänge vor. Mit Winter sind wir noch immer fertig geworden! Das wäre doch gelacht.“ Sie riss die andere Schranktür auf, warf Lore das erste Schwert zu. Die fing es mit leichter Hand.

„Ab nach oben mit dir!“ Lore deutete mit der Schwertspitze auf Ranka und zwinkerte ihr zu. „Wirst sehen, in ein paar tausend Jahren schenkt sie dir nach dem Wecken auch ein Lächeln.“

Ranka hatte da so ihre Zweifel, aber sie stürmte ohne weitere Widerworte die Treppe hinauf.

Phantastischer Montag: Opfer

Und wieder ist Montag – phantastischer Montag! Im Februar heißt unser Thema „Narrenmond“, eine alte Bezeichnung für den Monat Februar, wie auch: Hornung, Schmelzmond, Taumond, Rebmond. Vor der Christianisierung wurden im Februar die Dämonen des Winters vertrieben – und das ist natürlich eine wunderbare Inspirationsquelle für ein paar phantastische Stories zum Wochenstart. 😉

Den Anfang macht Carola Wolff mit ihrer Geschichte: Opfer

 

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂