Phantastischer Montag: Wagnisse und rätselhafte Wesen

Es war die dritte einsame Nacht. Andra hatte sich einen Ort gesucht, an dem sie nie zuvor mit Elyf gewesen war. Der Wind brachte die Metallstreben zum Singen, abgerissene Planen schlugen dazu einen wilden Rhythmus. Irgendwann einmal mussten die Planen die Kuppel über ihr geschlossen haben. Das seltsame Gebilde stand auf einem Hügel – Berg, nannten sie den hier. Andra schnaubte. Die hatten doch keine Ahnung von Bergen!

Aber lauschen ließ es sich von hier oben perfekt. Und Andra lauschte. Sicher, es war eine aus Verzweiflung geborene Idee, aber wenigstens war es eine Idee. Ganz offenbar gab es Töne in dieser Welt, die nur Drachen hören konnten. Wie den Gesang der Bäume. Vielleicht hatte auch die Magie einen Klang. Vielleicht musste sie nur lange genug lauschen.

Und so lag sie da und lauschte. Lauschte sich durch die Klangschichten der Stadt. Die nie verstummenden Motoren. Das Rattern und Quietschen der Bahnen, wenn sie sich in Kurven legten, beschleunigten, abbremsten. Sie lauschte dem Stimmgewebe der Menschen, die nie alle zugleich schliefen. Immer waren welche wach, redeten, atmeten, lachten, riefen, sangen, weinten, wüteten, flüsterten, fluchten, stöhnten, wimmerten. Und ab und an verstummte ein Atem im Gewebe für immer.

Andra reckte sich. Für einen Drachen war sie immer noch klein, in Drachengestalt nicht länger als in Menschenform. Trotzdem zog sie sich aus dem Lauschen zurück, vergewisserte sich, dass sie allein hier oben war, kein Mensch sich in ihre Nähe verirrte oder auch nur nah genug kam, um sie zu erspähen. Ihren Drachenaugen machte die Dunkelheit nichts aus. Und sie war nach wie vor allein in dieser verfallenen Kuppel. Auf diesem – Hügel. Sie seufzte und hatte keine Eile, in ihr Lauschen zurückzukehren.

Jedes Geräusch erinnerte sie an Elyf. Und sobald sie an Elyf dachte, wurde sie unruhig. Die Erinnerung an Elyfs Lachen – hell und ein ganz klein wenig rau – ließ sie die Flügel anheben, sie ausstrecken, als könnte sie den Ton einfangen, ihm quer durch die Stadt folgen, durch das offene Fenster hinein zu Elyf schlüpfen, sich neben sie legen, als wäre sie nie von dort geflüchtet. Als könnte sie einfach so zurück. Ohne jede Erklärung.

Unmöglich, mahnte Andra sich. Sie war hier, weil sie eine Aufgabe hatte, nicht wegen irgendwelcher Verliebtheiten. Einfacher gedacht, als sich selbst davon überzeugt. Andra schnaubte und erlaubte sich eine kleine Flamme. Doch nicht einmal die stillte die Unruhe in ihr. Sie schloss die Augen. Und so wenig es ihr gefiel, immer wieder tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf: S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen. X marks the spot

Das hatte auf dem Brückenpfeiler gestanden. Nun, in einer Notlage war sie ganz gewiss. Auch wenn sie sich nicht damit anfreunden konnte, in dieser Welt ein Phantasiewesen zu sein – was kümmerte es sie, ob halb oder ganz. Diese Definitionsbesessenheit war nur ein weiterer Punkt auf der Liste, warum sie diese Welt nicht besonders mochte.

Sofort drängte sich Elyf in ihre Gedanken. Sie war definitiv ein Pluspunkt für diese Welt. Andra schnaubte. Nicht ablenken lassen. Sie kniff die Augen noch fester zusammen. X marks the spot. Eindeutig der Hinweis darauf, wo sie diese Sozietät finden konnte. Aber erwarteten die ernsthaft, dass phantastische Halbwesen in Notlagen sich erst auf eine Suche kreuz und quer durch die Stadt machten, nach einem X?

Vielleicht dachte sie auch zu kompliziert. Wer so eine Nachricht hinterließ, wollte schließlich, dass sie von Wesen in Notlagen verstanden wurde. Ein Tropfen traf ihre Schnauze. Noch einer. Ein Grollen in der Ferne. Ein grelles Zucken, das sie selbst durch ihre geschlossenen Lider wahrnahm. Ein erneutes Krachen. Näher dieses Mal. Regen schlug auf ihre Schuppen. Andra machte mit ihrem Grollen dem Donner Konkurrenz. Sie hasste Regen. Er war ein Verführer und schuld an ihrer Verbannung. (Die hast du dir selbst zuzuschreiben, merkte eine kleine Stimme an, die sie schnell zum Verstummen brachte.)

Andra blinzelte. Die Gewitterwolken hatten die Sterne ausgelöscht. Blitze zerrissen die Dunkelheit, ließen sie nach ihrem Aufflammen noch tiefer zurück. Der Regen fiel, als wollte er nie wieder aufhören. Er prasselte gegen die Metallstreben, schlug neben ihr auf den Steinboden, prallte an ihren Schuppen ab – und weit und breit keine Höhle in Sicht, die ihr Schutz vor diesem elenden Wasserangriff bieten konnte. Andra sehnte sich nach Feuer, nach wenigstens einer kleinen Flamme. Aber sie wagte es nicht. Regen mit ihrem Feuer mischen, das hatte sie überhaupt erst in ihre Notlage gebracht. Sie schüttelte sich. Der Regen drang zwar nicht durch ihre Schuppen, aber die Rinnsale, die sich zwischen ihnen bildeten, kitzelten. Elend, elend, elend, grollte Andra vor sich hin. Sie grub die Krallen in den Stein unter ihr, kratzte Spuren in den Boden.

Markierte ihn. Andra stockte. Konnte es so einfach sein? Sie fuhr hoch. Der Regen war vergessen, Donner und Blitze nur noch Hintergrundrauschen. Sie entfernte sich ein paar Schritte von den Spuren, die sie bereits in den Stein gekratzt hatte, suchte sich eine unberührte Fläche. Mit den Krallen einer Tatze zog sie erst eine, dann eine zweite lange Linie, die die erste kreuzte, in den harten Boden. Ein perfektes X. Ihr Herz pochte lauter als jedes Donnergrollen. Ihr Feuer brannte in ihr, heller als jeder Blitz. Ihr Atem strich über die Kratzspuren, stieg wie feiner Rauch darüber auf. Der Stein selbst wisperte ihr zu, lockte sie. Andra trat zögerlich einen Schritt vor. Noch einen. Schritt um Schritt näherte sie sich der Stelle, an der die Linien sich kreuzten. Ein Schritt noch.

Sie berührte den Kreuzungspunkt und hatte gerade den kürzesten aller Momente Zeit, sich lächerlich vorzukommen, wie sie darauf stand und vor sich hinstarrte. Dann kippte die Welt. Oder sie. Das Donnern, die Blitze, der Regen – alles blieb hinter ihr zurück. Andra wirbelte herum und herum. Ihr schwindelte. Sie wusste nicht, ob sie die Augen geschlossen hatte oder sie offenhielt, wusste nicht, ob es so grell-hell oder so dunkel war, dass sie nichts sah. Fiel sie? Zerfiel die Welt um sie herum? Ihr Herz raste, als sie wieder festen Boden unter ihren Krallen spürte. Sie grub sie hinein. Langsam ließ der Schwindel nach.

Wärme umgab sie. Das Gewitter mit seiner Nässe war fort. Andra atmete ein, atmete aus. Ihre Augen waren eindeutig geschlossen. Sie öffnete sie.

Ich hoffe, du kannst diese Kratzer auch wieder aus meinem Marmorboden entfernen“, begrüßte sie eine indignierte Stimme. Sie gehörte zu einem Wesen, auf den der Begriff Halbwesen nun wirklich zutraf, befand Andra. Ein menschlicher Kopf, der auf einem Löwenkörper thronte. Ein Funkeln aus grünen Augen, als könnten die Feuer speien.

Andra duckte sich. Die Kratzer im Marmor waren wirklich tief. Aber ihr war eben auch sehr schwindelig gewesen! Da etwas Feuer sie beruhigen würde, fachte Andra ihre innere Flamme an und ließ sie über den harten Stein streichen, sah zu, wie er schmolz, wie die Ränder der Risse aufeinander zuflossen, neue dunkle Linien im hellen Stein bildeten, wo ihr kühler Atem die erhitzen Stellen wieder erkalten ließ. „Bitte sehr“, grummelte sie und blickte zu der Gestalt, die auf dem obersten Absatz einer Marmortreppe saß und mit einem unergründlichen Lächeln zu ihr hinunterblickte. Andra richtete sich auf und breitete die Flügel aus. „Bin ich hier bei S.P.H.I.N.X?“

Das Lächeln der Gestalt vertiefte sich. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass du dich in einer Notlage befindest?“

Wäre ich sonst hier?, wollte Andra zurückgeben und schluckte gegen die Worte an. Es war sicherlich nicht hilfreich, dieses rätselhafte Wesen gegen sich aufzubringen. „Ja.“ Sie faltete die Flügel wieder an ihre Seiten, ärgerte sich zugleich, dass sie sich unter diesem spöttischen Blick so klein wie möglich machen wollte.

Die Gestalt nickte und schlug gemächlich mit ihrem Schwanz. Hin und her, hin und her – Andra senkte ihren Blick schnell auf den Marmorboden, bevor sie in eine Trance fallen konnte.

Du hast uns gefunden“, klang die Stimme zu ihr hinab. „Aber bevor ich dir Einlass gestatte, musst du eins meiner Rätsel lösen. Nur dann gewährt dir die Sozietät ihre Hilfe. Was sie dafür verlangen, kann ich dir nicht verraten.“

War ja klar. Andra seufzte so leise, wie sie nur konnte. Natürlich war nur der erste Schritt leicht gewesen. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Wesen ganz genau wusste, welchen Preis die Sozietät von ihr verlangen würde. Sehr vermutlich einen, der ihr nicht gefiel. Andra schob ihre zweifelnden Gedanken fort. Da war etwas, das im Moment wichtiger schien. „Was passiert, wenn ich dein Rätsel nicht lösen kann?“

Ah, eine sehr intelligente Frage!“ Die Stimme von oben klang sehr zufrieden. Andra blinzelte vorsichtig hoch. Sie mochte dieses unergründliche Lächeln gar nicht. Die Antwort noch weniger. „Du stirbst.“ Nein, das war so gar keine gute Antwort. Andra spürte nervöse, kleine Flammen um ihre Mundwinkel zucken.

Und wenn ich einfach wieder gehe?“ Sie leckte die Flammen fort, ließ sich von dem Rauchgeschmack auf ihrer Zunge ein wenig beruhigen. Der Tod schien ihr ein sehr hohes Risiko dafür, dass sie nicht einmal wusste, ob diese Sozietät ihr wirklich helfen konnte.

Das Wesen oben auf der Treppe kreuzte die samtigen Vorderpfoten. Bestimmt verbargen sich darunter Krallen! Andra spannte alle Muskeln an, wollte sich in die Luft schwingen und hielt beim Anblick der kuppelartigen Steindecke weit über ihr still.

Jetzt, wo du endlich hergefunden hast, solltest du bleiben.“ Auch die Stimme klang täuschend weich. Aber so sehr sie an ihr zweifelte, konnte Andra sich ihrem Zauber nicht entziehen, spürte, wie ihre Muskeln sich unter dem Klang entspannten. „Sicherlich sind Rätsel für Drachen kein Problem.“

Schmeichlerin, dachte Andra und streckte sich auf dem Marmorboden aus. Irgendetwas hatte sie eben noch misstrauisch gemacht. Aber was? Das Wesen dort oben schlug mit dem Schwanz gelassen hin und her, hin und her, hin und her, dehnte die Pfoten, Krallen blitzten auf, verschwanden, blitzten auf, verschwanden, und ein schnurrendes Geräusch hüllte Andra ein. Sie bettete den Kopf auf ihre Vorderpfoten, spürte, wie ihre Lider sich träge senkten. „Darf ich dir eine Frage stellen?“, murmelte sie mit schwerer Stimme.

Erst musst du mein Rätsel lösen“, klang die Antwort wie auf Wattewolken schwebend zu ihr vor.

Richtig, ein Rätsel. Da war etwas, das sie zurückhalten sollte. Doch was das war, fiel ihr nicht mehr ein. Ein Rätsel konnte sie nicht schrecken. Schließlich war sie ein Drache. Andra ließ eine Flamme um ihre Lippen zucken. „Lass hören.“

 

… Fortsetzung folgt im Juli! Im Juni haben wir uns als Thema für die Geschichten zum phantastischen Montag ein Zitat von Cornelia Funke vorgenommen: Wir sind alle Lügner, wenn es uns nützt. (Tintenherz)
Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Ihr Freund Fred
C.A. Raaven Scrabble für Fortgeschrittene
Das „rätselhafte Wesen“ ist bei mir zum ersten Mal im Januar aufgetaucht: Des Rätsels Lösung

Phantastischer Montag: Der Gesang der Bäume

Der Gesang stockte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aber jetzt, da sie das Stocken vernommen hatte, konnte sie es nicht länger ignorieren.

Oder doch?

Es war eine furchtbare Idee, die sich wunderbar anfühlte. Wenn sie sich für den Rest aller Zeit in dieser Idee verkriechen könnte, sich an sie schmiegen wie an Elyfs Körper und alles um sie beide herum vergessen, wie sie es seit diesem ersten Kuss getan hatten, dann könnte sie die Zeit selbst ignorieren und alles, wozu sie drängte. Es war verlockend. Und ein wenig Zeit blieb ihnen sicher noch. Andra drückte ihr Gesicht an Elyfs Halsbeuge. Einfach die Augen schließen und alle Gedanken verscheuchen.

Doch das war leichter gedacht als getan, jetzt, wo sie angefangen hatte, wieder etwas vom Außen zu spüren. Und das, was sie spürte, sagte deutlich: Wenn du dir zu viel Zeit lässt, stirbst du. Und mit dir diese Welt. Und mit dieser Welt stirbt Elyf.

Durch das offene Fenster drang der Gesang der Bäume, ein beruhigendes Summen, das zu dieser Welt gehörte, wie Flügel, Schuppen und Krallen zu Andras Drachengestalt. Ebenso vertraut wie unersetzlich. Andra drückte sich mit der vollen Länge ihrer Menschengestalt an Elyf, meinte die Krähenfedern unter Elyfs Haut zu spüren, weich und stark zugleich.

Sie hätte sich nicht auf sie einlassen dürfen. Jetzt lag ihr etwas an dieser Welt. In der Dunkelheit von Elyfs Halsbeuge erlaubte Andra sich ein leises Seufzen. Nur ein wenig länger noch hier verharren.

Das nächsten Stocken des Gesangs ließ sie frösteln, als ginge ein feiner Eisregen auf ihre von Drachenschuppen ungeschützte Haut nieder. In diesem stummen Bruchteil einer Sekunde sah sie es deutlich vor sich: Alle Bäume erstarrten. Kein Ast rührte sich im Wind, kein Blatt zitterte, und auch die Vögel verstummten. Zu kurz für die menschliche Wahrnehmung und schmerzhaft deutlich für ihre Drachensinne.

Die Bäume setzten ihren Gesang fort und gleichzeitig hob Elyf den Kopf. „Was ist?“ Sie strich mit federleichten Händen über Andras Schultern.

Nichts, hätte Andra zu gern geantwortet. Vielleicht wäre das sogar die beste Antwort. Sie war mit ihrer Suche nach der Magie kein Stück vorangekommen, die Welt würde also ohnehin sterben. Und das nicht einmal sofort. Sicher, nach Drachenmaßstäben schon, aber Drachen lebten so viel länger als – nein, auch daran wollte sie nicht denken. Sie zwang sich zu einem Lächeln und strich Elyf über die kurzen dunklen Haare. Doch die schlang ihre Finger um Andras Handgelenk, stoppte ihre Bewegung.

Elyf zog Andras Hand an ihre Lippen und küsste ihre Finger, einen nach dem anderen. Nach jedem Kuss sah sie ihrer Drachenfreundin in die Augen, lauerte auf den abwesenden Ausdruck darin, der so schnell kam und ging, dass Elyf unsicher war, ob sie ihn gesehen oder sich eingebildet hatte. Sie wand ihre Finger um Andras und legte ihre beiden Hände auf ihre Brust, wandte den Blick keinen Moment lang von ihr ab. Rede mit mir, dachte sie stumm. Denn dass es nichts brachte, einen Drachen zu drängen, hatte sie längst gelernt. Andra konnte länger schweigen als jedes andere Wesen, das sie kannte.

Auch jetzt sagte sie kein Wort, löste nur langsam ihre Finger von Elyfs, schloss die grün-glitzernden Augen. Obwohl sie noch dicht neben ihr lag, schien Andra weit, weit fort, und die Entfernung zwischen ihnen breitete sich schneller aus als ein Donnerhall. Ein schweigender Donner, der sich wie eine steinschwere Decke auf sie legte. So sehr Elyf sich danach sehnte, die Starre abzustreifen, sie konnte nicht einmal einen ihrer kleinen Finger bewegen.

Andra hingegen hob langsam den Kopf, drehte sich von ihr fort, ihre Hände schon geschuppte Tatzen, ihre Wandlung zum Drachen vollendet, als sie ihre Drehung vollendete. Ihre Drachengestalt funkelte wie Sterne in tiefdunkler Nacht. Elyf wollte die Hände nach ihr ausstrecken, doch die Stille lastete noch immer auf ihr, hinderte sie an jeder Bewegung. Drachenatem strich über ihre Schläfen wie sanfte Küsse. Andra blickte sie aus ihren Drachenaugen an – auch sie waren grün: zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtend.

Wieder strich der Drachenatem über ihre Schläfen – kühl wie die letzte Nacht des Sommers vor dem Herbst. Elyf wollte den Kopf schütteln, ihre Handflächen den Drachenkrallen anbieten, wollte spüren, wie sie sich in ihre weiche Haut gruben – alles wäre besser als dieses Gefühl von Abschied. Sie wollte aufspringen, Andras Flügel umschlingen, sie fest an Andras Körper pressen, damit sie sie nicht ausbreiten konnte. Doch noch immer deckte das Schweigen Elyf steinschwer zu. Und Andra wandte ihren zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtenden Blick von ihr ab, drehte erst ihren Kopf, dann ihren ganzen Körper von ihr fort, sprang vom Bett zum Fenster, blickte sich nicht noch einmal um, drückte sich mit den Tatzen vom Fensterbrett ab, sprang, sprang und breitete die Flügel weit aus, sprang und flog, schwang sich hinauf in den Nachthimmel, verschmolz mit Sternen und Dunkelheit.

Nur das Schweigen ließ sie zurück. Und Elyf lag in der Steinschwere, bis die Nacht noch tiefer wurde, bis die Vögel aufhörten zu singen, bis das erste Licht heraufdämmerte und die Stimmen der Vögel erwachten, bis die Sonne das letzte Grau vertrieb und sich auch zum Fenster hereinstahl, die Steinschwere hinwegwärmte. Elyf blinzelte. Sie zuckte und schüttelte sich. Das Morgenlicht stach ihr in den Augen. Sie setzte sich auf und starrte in das helle Blau.

Irgendwo dort draußen war ihre Drachenfreundin. Elyf berührte das Tattoo an ihrem Handgelenk. Schon griff der Wandel nach ihr, wirbelte sie herum, bog und formte sie neu, ließ ihre Federn sprießen. Sie hockte auf dem Fensterbrett, krächzte das helle Blau an, spreizte ihre Flügel. Irgendwo hier draußen war ihre Drachenfreundin, und sie würde sie finden. Elyf stieß sich ab, flog dem Blau entgegen.

Unter ihr rauschten die Bäume, ein grünes Blättermeer im Wind. Fast schon ein Gesang, dachte Elyf, während sie höher und höher flog und der Gesang leiser und leiser wurde.

 

… ist unser Zitat für die phantastischen Geschichten im Mai. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier lesen:

Wonderland 2.0 von Carola Wolff
Bevor es zu spät ist von C. A. Raaven

Phantastischer Montag: Die Sozietät und andere glitzernde Verlockungen

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Andra starrte das Grafitti auf dem Brückenpfeiler an. Die Schrift glitzerte silbern im Sonnenlicht. Das Glitzern hatte sie überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht. Glitzerdinge waren nun einmal unwiderstehlich – und in dieser Stadt gab es entschieden zu viele davon. Andra schüttelte den Kopf über sich selbst. Nicht das Glitzern war der Punkt, sondern die Worte. Sie war lange genug in dieser Welt, um zu wissen, dass sie hier als phantastisches Halbwesen gelten würde, wenn Menschen von ihrer Drachenseite wüssten.

Und in einer Notlage war sie ohne Zweifel. Wie ihr dieses Grafitti allerdings weiterhelfen sollte, blieb ihr ein Rätsel. Andra umrundete den Brückenpfeiler, aber mehr stand nicht darauf. Sie kehrte zu dem Grafitti zurück. Vielleicht – sie legte eine Hand auf das X. Nichts geschah. Andra lachte leise auf. „Wäre ja auch zu einfach“, murmelte sie und klopfte mit einer Faust an den Brückenpfeiler wie an eine Tür.

Auch das brachte nichts. Wer bitte ließ einen Hinweis auf eine helfende Organisation zurück, ohne eine Kontaktmöglichkeit anzugeben? Das war doch sinnfrei! Andra kniff die Augen zusammen, was natürlich auch keine neuen Erkenntnisse brachte.

Aus ihren Nachforschungen auf der Suche nach Magie hatte sie die Legenden und Erzählungen dieser Welt studiert. Sphinx – soweit sie sich erinnerte ein Wesen mit Löwenkörper und Menschenkopf, manchmal mit, manchmal ohne Flügel. Bewachte Türen und stellte Rätsel. Tötete diejenigen, die ihre Rätsel nicht lösen konnten. Nicht sehr freundlich.

Hinter ihr schnatterten ein paar Enten auf der Spree, Krähen kreuzten den Fluss und unterhielten sich lautstark. Andra drehte sich um, doch keine von ihnen war Elyf. Vermutlich war das besser so. Sie sollte Elyf nicht in ihren Schlamassel hineinziehen. Ha – Elyf würde nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, wenn sie von ihrem Schlamassel wüsste! Weltenzerstörerin, hatten sie sie zuhause genannt. Zuhause würden sie sie nur wieder aufnehmen, wenn sie auch eine Weltenheilerin sein konnte.

Andra starrte wieder auf die glitzernde Schrift. Seit ihrer Verbannung hasste sie die Anziehungskraft, die alles Glitzernde auf sie ausübte.

 

Elyf hatte ein schlechtes Gewissen. Aber das hielt sie nicht davon ab, Andra weiter zu beobachten. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihr. Den einen Moment war ihre Drachenfreundin ausgelassen und offen, im nächsten zog sie sich zurück, geradeso als wären sie einander vollkommen fremd. Elyf hatte noch nie einem Geheimnis widerstehen können, und Andra war eines.

Also war sie ihr gefolgt. In Krähengestalt war das leicht. Bei den vielen Krähen, die sich in der Stadt herumtrieben – einige davon Krähenschwestern so wie sie, andere schlicht Vögel, die die Vorteile des Stadtlebens genossen -, konnte sie sich mühelos in der Menge verbergen.

Scheinbar ziellos lief Andra durch die Straßen, bog von den großen in die Seitengassen ab, blieb kurz stehen, als sie schließlich ans Spreeufer kam, lehnte sich mit dem Oberkörper ans Geländer. Elyf hätte sich fast von dem Sonnenglitzern auf dem Wasser ablenken lassen, den Sonnenflecken, die auf kleinen Wellen schaukelten wie winzige, aus der Nacht in den Tag gefallene Sterne. Doch als Andra schnaubte und sich vom Wasser abwandte, schüttelte sie ihre Faszination ab und folgte ihr weiter das Flussufer entlang.

Bis Andra unter dieser Brücke stoppte. Elyf landete auf einer Strebe des metallenen Unterbaus, trippelte darauf entlang, bis sie sehen konnte, was Andra so gebannt anstarrte.

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Elyf duckte sich auf ihrer Metallstrebe. Natürlich kannte sie die Sozietät. Aber wenn Andra Hilfe brauchte, warum vertraute sie sich dann nicht ihr an? Die Hilfe der Sozietät hatte immer einen Preis. Oh, sie forderten nie Geld, stets nur „einen kleinen Gefallen“, einzulösen bei Bedarf. Elyf schauderte. Sie hatte schon zu viele Geschichten darüber gehört, wie diese Gefallen aussahen. Diebstahl, Spionage, Entführungen, sogar Mord – nur wer wirklich verzweifelt war, wandte sich an die Sozietät.

Oder wer sie nicht kannte.

Elyf neigte den Kopf zur Seite und spähte zu Andra hinab. Sie sollte sie warnen. Allerdings würde sie dann zugeben müssen, ihr gefolgt zu sein. Nicht sehr vertrauensförderlich. Elyf rieb ihre Flügel übereinander.

 

Ich muss hier einmal kurz unterbrechen. Sie erinnern sich sicherlich noch an mich? Die Sphinx, die bei S.P.H.I.N.X Hilfe suchte – und sie auch bekam. Ich weiß, ich weiß, ich habe Sie da etwas im Ungewissen gelassen, als Sie das letzte Mal von mir gehört haben. Aber die Sozietät ist nun wirklich keine gemeine Bande von Verbrecherinnen oder gar Mördern, das kann ich so nicht stehenlassen.

Mir zum Beispiel haben sie einen ganz hervorragenden Deal angeboten: Alle, die bei der Sozietät um Hilfe ersuchen wollen, müssen nun zuerst eines meiner Rätsel lösen, bevor sie Zugang zu S.P.H.I.N.X bekommen. So filtere ich die Unwürdigen heraus und lasse die wirklich der Hilfe Würdigen durch. Ein Gewinn für alle. Nun ja – fast alle.

Entscheidend ist: Ich habe endlich wieder ein Aufgabe. Denn natürlich müssen zunächst alle elektronischen Geräte abgegeben werden. Keine technischen Hilfsmittel mehr bei der Suche nach den richtigen Antworten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Antworten, Plural. Denn es gibt immer mehr als eine Lösung für ein Rätsel. Seien Sie kreativ! Denken Sie nach! Mehr verlange ich nicht.

Was die Sozietät dann im Gegenzug für ihre Hilfe verlangt, das geht mich nichts an. Aber Magie wird nie leichtfertig verschenkt. Das sollte allen klar sein, die hier eintreten wollen.

Das soweit von mir. Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie es da draußen weitergeht. Ich auch, nebenbei bemerkt.

 

Andra runzelte die Stirn und hätte zu gern mit ihrem Schwanz über den Boden gewischt. Das verscheuchte immer etwas von ihrer Unruhe. Und gerade jetzt sagte ihr das Prickeln zwischen ihren Schultern, dass sie beobachtet wurde. In ihrer Drachenform wäre sie herumgewirbelt und hätte die Konfrontation gesucht. In Menschengestalt fühlte sie sich zu verwundbar.

Andra?“

Bei der vertrauten Stimme fuhr sie doch herum. Elyf grinste sie an und kam auf sie zu geschlendert.

Was machst du auf meinem Lieblingsspazierweg?“ Elyf blieb wenige Schritte vor ihr stehen.

Es dauerte ein paar Momente, bis Andra sich soweit gefasst hatte, dass sie antworten konnte. „Reiner Zufall.“ Ihre Stimme klang wackliger als ihr lieb war. Das Grafitti brannte hinter ihrem Rücken. Sie wünschte sich, sie wäre groß genug, es ganz zu verbergen. Sie wollte ganz sicher keine Fragen dazu beantworten müssen.

Ein schöner Zufall.“ Elyf kam näher. Ihr Grinsen wandelte sich zu einem Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht überzog. Ihre dunklen Augen glitzerten.

Andra konnte den Blick nicht von ihr abwenden, konnte sich nicht rühren. Elyfs Atem strich warm über ihr Gesicht. Ihr sonnenwarmer Geruch hüllte sie ein. Ihre Lippen berührten Andras Mund, ganz leicht, Frage und Einladung. Andra stieß den leisesten aller Seufzer aus – sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich hier einließ, aber dieser Einladung konnte sie nicht widerstehen. Sie schloss Elyf in ihre Arme und zog sie an sich.

 

Perfektes Ablenkungsmanöver, das ich muss ich den beiden lassen. Und über die Feinheiten davon, wer da jetzt wen abgelenkt hat – oder beide sich gegenseitig, darüber werde ich die nächste Zeit trefflich nachsinnen können. Immerhin. Aber auch schade, ich hatte schon das perfekte Rätsel für sie.

Nun ja, vielleicht ein anderes Mal.

So lautet unser Zitat für die Geschichten im April. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff

C.A. Raabe

 

Phantastischer Montag: Atmen und hoffen

Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer über der Krähenbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich über ihr Fenster, machte den Abend dämmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. Genauso lang wie sie versuchte, die Erinnerung auf Distanz zu halten, hartnäckig wie das Klopfen selbst.

Atmen. Vergessen, befahl sie sich sich. Atmen. Vergessen. Atmen. Vergessen.

Unmöglich. Denn selbst ihre Gedanken folgten dem Rhythmus der Tropfen, und ihre Augen weigerten sich, von dem Glitzern und Funkeln wegzuschauen. Sternenlicht gefangen in Regentropfen – genau wie in jener Nacht. So fern. Andra legte eine Hand an die kühle Fensterscheibe. Kühl aber trocken. Die Tropfen durch das Glas so unerreichbar wie ihre Heimat.

Ihre Finger nahmen den Rhythmus der Tropfen auf, tappten gegen die Scheibe. Atmen. Vergessen.

Sie atmete tief ein und meinte, den Regen, kühl und schwer, erdig und metallisch zu riechen, zu schmecken – als flöge sie wieder zwischen diesem Funkeln hindurch wie in jener Nacht. Sie hatte den Geruch tief in sich eingesogen, hatte ihn auf der Zunge geschmeckt, noch bevor sie den Mund weit aufgerissen hatte, um den Regen und sein Glitzern in sich aufzunehmen. Das Sternenlicht prickelte an ihrem Gaumen, als die Tropfen daran zerplatzten. Es tanzte ihre Kehle hinab und weckte die Funken in ihrem Bauch.

Hatte sie auch nur einen Moment an die Warnungen gedacht? Oder hatte das Glitzern und Funkeln jede Vernunft in ihr ausgelöscht? Sie war jung gewesen, und das Sternenlicht tanzte in ihr – welcher Drache konnte dem schon widerstehen?

Ihr Feuer floss aus ihr heraus, ihre Flammen leuchteten mit den glitzernden Tropfen um die Wette, strahlten hell und immer heller, befreiten das Sternenlicht aus seinem kühl-nassen Gefängnis. Tropfen zerbarsten, zerstoben zu feinstem Staub. Das Sternenlicht aber ballte sich zusammen, brannte heller als ihr Feuer, dehnte sich aus und vertrieb die Nacht. Für einen goldenen Moment war sie ganz in Feuer und Glitzern und Funkeln getaucht – es leuchtete, strahlte, pulsierte, zog sich zusammen, breitete sich aus, zog sich zusammen – und verschwand.

Dunkelheit umgab sie. Regen prasselte auf ihre Schuppen. Schlug auf sie ein. Und die Dunkelheit war so tief, dass sie jedes Feuer erstickte.

Und dann hatte das Klagen der anderen Drachen eingesetzt. Da erst begriff Andra, was sie getan hatte. Sie hatte Feuer und Wasser gemischt und so das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben. Fortan waren die Nächte dunkler als die tiefste Einsamkeit und selbst wenn die Drachen sich noch so eng aneinanderschmiegten, blieb die Weite um sie her unendlich.

Andra lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Sie hatte diese Verbannung mehr als verdient. Sie hatte das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben – und nun war es hier in dieser fremden Welt, verspottete und verlockte sie zu gleichen Teilen, glitzerte und funkelte noch immer, während es sich langsam in die fremde Welt fraß und sie zerstörte. Langsam aber gewiss. Nur mit Magie ließe es sich wieder einfangen. Andra tappte noch immer den Regenrhythmus gegen das Glas. Sie war keine Magierin.

In Nächten wie diesen wünschte sie sich, sie wäre wenigstens eine Geschichtenerzählerin. Dann könnte sie diese ganze Misere aufschreiben, sie wie eines der alten Märchen klingen lassen. Schön und faszinierend und nie geschehen. Worte auf Papier, das sie zerreißen konnte und in eine Feuerschale werfen und anzünden, die Worte von den Flammen auffressen lassen, beobachten, wie sie mit dem Rauch verwehten. Schön und faszinierend und nie geschehen. Und sie würde die Augen schließen und am nächsten Morgen in der ihr vertrauten Welt aufwachen.

Unmöglich.

Andra seufzte. Sie drehte dem Fenster, der Nacht, den funkelnden Regentropfen, ihren Rücken zu. Der Regen schlug weiter gegen das Glas, aber Andra hörte ihm nicht länger zu. Morgen würde sie erneut in dieser fremden Welt aufwachen. Auch morgen würde sie nicht aufgeben. Irgendwo in dieser Welt versteckte sich die Magie, die sie alle retten würde: diese Welt vor dem zerstörerischen Sternenlicht, ihre Drachengeschwister vor der Dunkelheit und sie selbst aus der Verbannung.

Unser Zitat zur Inspiration der Geschichten im März … Was die Kolleg*innen damit gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen: Ungeplant von Carola Wolff und Das Eckige muss ins Runde von C. A. Raaven.

Phantastischer Montag Band 1: Kuriose Kalendertage

 

Es ist da: unser erstes Buch vom Team „Phantastischer Montag“!
Mittlerweile schreiben wir unsere phantastischen Kurzgeschichten zum Wochenstart im dritten Jahr, da wurde es Zeit, die gesammelten Werke des ersten Jahres in Buchform herauszugeben.

2020 haben wir uns für unsere montäglichen Geschichten von mehr oder weniger kuriosen Kalendertagen inspirieren lassen, jeden Monat von einem anderen. Die Geschichten dazu könnt ihr ab sofort im Ebook nachlesen (weitere Bände sind in Planung, ebenso wie die gedruckte Buchversion der Anthologie).

Zu erwerben in jedem Ebook-Shop eurer Wahl. 😉

Phantastischer Montag: Wagnis

Andra drehte das Whiskyglas in ihren Händen. Manche Dinge hatten diese Menschen schon drauf, das musste sie zugeben. Sie nahm noch einen Schluck, genoss den rauchig-scharfen Geschmack in ihrem Mund. Fast so gut wie der nach einer ordentlichen Flamme. Sie leckte sich die Lippen und blickte in den Spiegel hinter dem Tresen. Es war immer wieder ein Schock, sich selbst in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen. Sie schüttelte sich, vermisste dabei das Gefühl von Flügeln an ihrem Rücken, und trank noch einen Schluck.

Hoffnung zu wagen, war verrückt gewesen. Je schneller sie das einsah, desto eher könnte sie damit beginnen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Immerhin gab es Whisky. Sie sah sich selbst zu, wie sie weitertrank, wie sie die Hand mit dem Glas langsam auf den Tresen senkte, das Glas umklammert hielt, als könnte es ihr Trost spenden, während sie allmählich in Starre versank.

Der Spiegel verriet, dass sie die einzige Gestalt in der Crow-Bar war, die stillhielt. Nur wenige Schritte hinter ihr wogte eine tanzende Masse, Hände reckten sich über Köpfe, Hüften schwangen im Beat, es war ein Wirbel aus Körpern und Lauten und so viel Freude, dass Andra sich nur noch mehr versteifte. Sie ließ die Musik, das Gewusel der Körper zu einem Hintergrundrauschen werden und obwohl sie weiterhin in den Spiegel blickte, nahm sie das Bild darin nicht länger wahr.

Dieser Ort half ihr genauso wenig dabei, die nötige Magie zu finden wie jeder andere dieser elenden Welt. Sicher, es tat gut, unter einer Art von Verwandten zu sein. Obwohl die Gestaltwandlerinnen hier Federn statt Schuppen zeigten in ihrer anderen Form. Immerhin konnten sie fliegen. Aber Drachen waren sie nun wirklich nicht. Woher auch! Andra schnaubte leise. Diese Welt war so rückständig, dass Drachen hier nur in Märchen und Legenden vorkamen. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an einen Himmel voller Drachen, an das Spiel von Flügeln und Flammen, an Rauchwirbel, die sich bis zu einem fernen Mond streckten und weiter zu den Sternen wanderten. Sie seufzte und setzte das Glas wieder an die Lippen. Blinzelte sich in die Gegenwart zurück. Zu den Krähenschwestern.

Die tanzten noch immer. Andra wandte sich vom Spiegel ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen. Manche der Tanzenden wandelten sich mitten in der Bewegung in ihre Krähengestalt, flogen hoch über die Köpfe der anderen hinaus, hoch und höher, drehten sich blitzschnell um, legten die Flügel eng an den Körper und schossen im Sturzflug hinab, nur um im letzten Moment, wenige Zentimeter über den lachenden Gesichtern der Tänzerinnen, die Flügel aufzuspannen, sich abzufangen und wieder in die Höhe zu gleiten.

Eine Krähe landete neben ihr auf dem Tresen und dann stand Elyf an ihrer Seite. „Was schaust du so griesgrämig?“

Andra leerte den Whisky und knallte das Glas auf den Tresen. „Eure Welt geht zugrunde, und ihr tanzt!“

Elyf grinste unbeeindruckt. „Sie geht aber nicht an unserem Tanz zugrunde.“

Darauf fiel Andra nichts ein. Die Menge vor ihnen wogte und wirbelte, Krähen schossen zwischen menschlichen Gestalten umher, streiften mal einen Arm, eine Schulter, eine Wange, aber nie stießen sie zusammen, nie stürzten sie zu Boden. Andra betrachtete das Zusammenspiel von Flug und Tanz und versuchte, sich gegen das Lächeln auf ihrem Gesicht zu wehren. Vergeblich.

Sie könnte sich mitten hineinbegeben, tanzen, alles vergessen. Hier konnte sie sich sogar in ihre Drachengestalt wandeln, vor aller Augen – was sie draußen kaum jemals wagte. Nur, wenn die Nacht wirklich dunkel war, fast so tiefdunkelblau wie ihre Schuppen und ihre Flügel, nur, wenn sie sicher sein konnte, dass kein Mensch sie beobachtete.

Zwei Krähen flogen Kreise um die Köpfe zweier Tanzender, ihre krächzenden Stimmen mischten sich unter die Musik, ein Gesang so seltsam und fremd und doch meinte Andra, den Geruch von Asche und Rauch auf der Zunge zu schmecken, während der Tanz den Boden unter ihren Füßen beben ließ und das Wispern der Flügel sie lockte und lockte.

Nein, an diesem Tanz starb keine Welt. Und so wenig es ihr auch gefiel, sie musste zugeben, dass Elyf recht hatte: Es lag eine gewisse Magie darin. Aber das musste sie ja nicht laut sagen. Andras Lächeln vertiefte sich. Es war nicht die Magie, nach der sie suchte, es war nicht die Magie, die ihr helfen würde, doch was war schon eine weitere nutzlos verbrachte Nacht?

Lass uns tanzen, kleine Krähe“, sagte sie und streckte Elyf eine Hand entgegen. Elyf lachte und packte sie mit beiden Händen, zog sie auf die Tanzfläche.

Sie ließen sich von der Musik tragen, sie stampften den Rhythmus in den Boden, sie streckten ihre Flügel und folgten den Tönen in immer größere Höhen, sanken auf dem warmen Bass wieder hinab, lachten und sangen – und Andra flog hinauf, höher als alle anderen und fügte dem Tanz ihre Flamme hinzu.

Das Licht des Feuers liebkoste ihre Gesichter, ließ ihre Flügel schimmern, fachte ihr Lachen an und ihre krächzenden Stimmen glitten über ihre Schuppen, stärkten ihr Feuer.

Vielleicht, dachte Andra, vielleicht ist es doch nicht ganz und gar verrückt zu hoffen.

 

(Unser Zitat für Februar ist von Lewis Carroll „We’re all mad here“ aus Alice in Wonderland. Die Geschichten meiner Kolleg*innen dazu findet ihr hier: Iss mich, trink mich von Carola Wolff und Umwidmung von C. A. Raaven. Am 28.02.2022 lesen wir euch die Stories wieder live auf twitch vor – um 20 Uhr geht es los!)

Phantastischer Montag: Des Rätsels Lösung

S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot)

Mehr stand nicht auf dem Zettel. Und es wurde auch nicht mehr, gleichgültig, was ich tat: ihn anstarren, Zitronensaft darauf träufeln, erhitzen, zerknüllen und wieder glattstreichen, Zaubersprüche aufsagen – nichts verriet mir, was ich mit dieser Nachricht anfangen sollte.

War es eine Beleidigung? Ein schlechter Scherz? Eine Marketing-Aktion für, für, für was weiß denn ich? Oder – oder war es doch echt? Ein ernsthaftes Hilfsangebot, das mir irgendwer in die Manteltasche gesteckt hatte, als ich gerade nicht hinsah? Was auch bedeutete, dass mich jemand erkannt hatte trotz des Mantels und der hohen Stiefel, die ich draußen stets trug. Den Menschen präsentierte ich seit Jahrhunderten nur noch meinen Kopf, denn den konnten sie akzeptieren. Allerdings nur solange sie dazu nicht den Rest meines Körpers erblickten.

Einigermaßen frustriert ließ ich mich auf meinen Ohrensessel fallen, legte die Hintertatzen auf die Steinumrandung des Kamins. Ich starrte in die orange-rot-gelb-grün-blau flackernden Flammen und rieb mir mit eingezogenen Krallen den Kopf. So ungern ich es zugab, ich steckte in einer Notlage. Und das nicht erst seit gestern.

Seit der Erfindung des verfluchten Internets schwand der Respekt der Menschen vor mir. Und heutzutage hatte wirklich niemand mehr auch nur ein Fünkchen Angst vor Rätseln. Kaum stellte ich eines, tippten sie auf ihren vermaledeiten Geräten herum und – zack! – kam die Antwort. Es war zum Heulen. Niemand zitterte vor mir, niemand ließ sich auf ein Wortgefecht ein, bei dem ein Argument klüger war als das andere, bei dem wir um Antworten rangen und uns in höchste Sphären des Wortglücks verstrickten, neue Bedeutungen und unwahrscheinlichste Lösungen fanden, alles um uns herum vergessend, weil nur die nächste Wendung, nur dieses Hin und Her, Vor und Zurück, nur das Gespräch zählte mit dieser köstlichen Note der Anspannung, weil es um Leben und Tod ging.

Für den Menschen, versteht sich, nicht für mich.

Ich schubste den Zettel von der Armlehne. Er segelte elegant zu Boden und landete natürlich mit der Schrift nach oben. Ich knurrte ihn an. Halbwesen! Unverschämtheit! Ich war ein ganzes Wesen! Mein Menschenkopf gehörte zu meinem Löwenkörper und umgekehrt. Nichts an meiner Gestalt machte mich halb. Ich sollte den verdammten Zettel den Flammen übergeben und nicht weiter darüber nachdenken.

Aber genau da lag das Problem. Der Zettel bedeutete ein Rätsel. Und Rätseln konnte ich noch nie widerstehen. Zudem hatte sich jemand erdreistet, meinen Namen als Akronym zu verwenden, ohne mich um Erlaubnis zu bitten, ohne mir auch nur den kleinsten konkreten Hinweis darauf zu geben, wie ich mit dieser Sozietät in Kontakt treten konnte. X (marks the spot) – was sollte das schon heißen? Sollte ich jetzt die Stadt danach absuchen, ob irgendwer irgendwo ein großes X hingemalt hatte? Lächerlich!

Das Knistern der Flammen klang wie zustimmendes Gelächter. Ich dehnte und krümmte die Tatzen, genoss die Wärme. Was sonst blieb einem phantastischen Wesen, das ausgedient hatte? Elende Unsterblichkeit. Ich blieb ich, und die Welt veränderte sich, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Ich legte die Vordertatzen übereinander und stützte das Kinn darauf. Wie sollte so eine Sozietät mir schon helfen? Konnte die das Internet auslöschen? Meiner Existenz wieder Sinn verschaffen? Die Flammen tänzelten und knisterten, und ich wischte dazu im Takt mit dem Schwanz über den Steinboden.

Rätsel aufzustellen war eindeutig vergnüglicher, als Rätsel zu lösen.

Ich seufzte eine Weile vor mich hin, während die Flammen spotteten, als wüssten sie die Antwort längst, würden sie aber um keinen Preis der Welt verraten. Ich streckte ihnen die Zunge raus, aber das beeindruckte sie wenig. Also leckte ich mir über die Lippen, als hätte ich ohnehin nichts anderes beabsichtigt. Ein X. Nun, ein X war auch nichts anderes als ein Symbol, das die Elemente miteinander verband. Die Magie lag in der Mitte. Natürlich! Ich sprang auf.

Feuer hatte ich bereits. Weder Wasser noch Erde stellten mich vor ein Problem. Doch wie ließ sich Luft einfangen? Ich lief vor dem Feuer auf und ab, bis ich auch auf diese Frage eine Antwort gefunden hatte.

Fehlte nur noch das X. Ich tunkte eine Tatze in den Ruß des Kamins und zog eine Linie von Feuer zu Wasser, dann eine zweite von Erde zu Luft. Sie kreuzten sich genau in der Mitte. Ich hockte mich zwischen Erde und Wasser und starrte den Kreuzungspunkt an. Dort tat sich nichts. Ganz und gar nichts.

Vermutlich musste ich mich in eben diese Mitte begeben. Wenn es war, wie ich dachte. Was sollte schon schiefgehen?

Entweder war ich das fehlende magische Element, das die Tür zu dieser Sozietät öffnete – oder es würde schlicht gar nichts passieren. Letzteres wäre mehr als enttäuschend. Niederschmetternd.

Das Ganze könnte natürlich auch eine Falle sein. Aufgestellt von Menschen, die Jagd auf phantastische Wesen machten. Mein Schwanz zuckte, und ich wünschte mir, ich könnte dasselbe mit den Ohren tun. Ich tappte mit den Krallen auf den Steinfußboden.

Wer nicht wagt

Ich knurrte den Kreuzungspunkt an. Spannte die Muskeln. Ließ das Knurren zu einem Grollen anschwellen. Dann sprang ich. Mitten hinein in das X.

Ich landete – tja, das würden Sie jetzt gern wissen, nicht wahr? Also, wo ich landete.

Aber das ist ein Rätsel, das Sie selbst lösen müssen. Wenn Sie denn den Mut dazu haben. Was haben Sie denn gedacht? Dass eine Sphinx ihnen alles verrät?

(Immer wenn ein Monat fünf Montage hat, wie dieser Januar 2022, schreiben wir alle vom Team #phantastischermontag eine Geschichte zu einem phantastischen Wesen. Für den Januar haben wir uns auf die Sphinx geeinigt.)

Phantastischer Montag: Unvorstellbar

Stell es dir vor, und es wird passieren. Von wegen! Wenn Magie wirklich so einfach wäre, würden alle sie beherrschen. Eins war klar, sie würde das mit der Magie niemals hinbekommen. Und deswegen hockte sie auf immer hier fest in dieser verfluchten Welt. Aufgabe verbockt. Heimweg versagt.

Andra starrte auf die Stadt unter ihr. Die Lichter der Straßenlaternen brachten die Regentropfen zum Funkeln und ließen das Gold der Statue glänzen, auf deren linkem Flügel sie saß und mit den Beinen baumelte. Die Höhe machte ihr nichts aus, und der Regen passte zu ihrer Stimmung.

Der Rat hätte sie auch einfach nur verbannen können. Eine Zeitspanne festsetzen und sie fortschicken. Selbst hundert Jahre wären leichter als das hier. Dann hätte ihre Sehnsucht ein konkretes Ende gehabt. Aber nein, sie mussten sie mit einer doppelten Strafe belegen, Verbannung gepaart mit einer Aufgabe. Einer Aufgabe, die ihr Hoffnung gegeben hatte. Denn sicher würde der Rat sie nicht mit etwas Unlösbarem wegschicken. Rette die andere Welt und dir ist vergeben. Rette die andere Welt und du darfst zurückkehren.

Zurückkehren. Das Wort allein hatte sie durch die ersten zehn Jahre in dieser fremden Welt gebracht. Jetzt, nach ein paar weiteren Jahrzehnten, brachte es sie nur noch zur Verzweiflung. Das raue Krächzen einiger Krähen unterstrich ihre trüben Gedanken. Andra kniff die Augen zusammen und blickte den grau-schwarzen Vögeln hinterher, die über den Bäumen des Parks kreisten und krächzten. Sie würde nicht hier sitzen und im Regen heulen. Das war zu pathetisch. Andra zog die Füße hoch auf die schmale obere Kante des Flügels und stand auf, streckte die Arme weit zu beiden Seiten aus. Legte den Kopf zurück. Sog die regenfeuchte Luft ein. Schon besser.

Sicher, sie konnte mit jedem Atemzug das Sterben dieser Welt spüren. Aber da war auch der Regen, der auf ihrer Haut kitzelte, das zufriedene Summen der Bäume, die das Nass aufsaugten, ihren Gesang über das Rauschen des Verkehrs legten. Zumindest für ihre Ohren. Andra streckte sich und blinzelte nach unten, überlegte, ob sie es wagen konnte, sich zu wandeln.

Hallo? Bitte, ich will Sie nicht erschrecken“, klang eine Stimme leise zu ihr hinauf. „Bitte, springen Sie nicht.“

Andra seufzte. Wer kam außer ihr mitten in der Nacht hierher? Der Zugang unten war doch sicherlich versperrt. „Keine Sorge, hab ich nicht vor“, erwiderte sie. Und selbst wenn – sie würde nicht fallen. Das war der Vorteil davon, in Drachengestalt Flügel zu haben. Aber das konnte sie nicht sagen. Andra setzte sich wieder hin – langsam, um wen auch immer da unten nicht weiter zu verschrecken.

Wie sind Sie da überhaupt hoch gekommen?“

Jetzt konnte Andra eine Gestalt auf der Aussichtsplattform erkennen. Sie hielt mit einer Hand die Kapuze eines langen dunklen Mantels fest, während sie zu ihr hinauf sah. Andra fluchte still vor sich hin. Sie hatte einfach nur im Regen hocken und melancholisch über die Stadt starren wollen. Zu ihrer Vorstellung dieser Nacht gehörten weder eine Zufallsbegegnung noch unangenehme Fragen. Sie zwang sich zu einem Lachen. „Würden Sie mir glauben, wenn ich sage, mich hat ein Hubschrauber hier abgesetzt?“

Die Gestalt unten zuckte mit den Schultern. „Holt der Sie auch wieder ab?“

Andra blinzelte in den Nachthimmel. „Sieht nicht so aus.“ Ihr musste dringend etwas einfallen, um diese Person loszuwerden. Sie betrachtete das faltenreiche Gewand der goldenen Statue. „Ich bin ganz gut im Klettern.“ Zumindest wenn sie ihre Krallen ausfuhr. Würde allerdings Spuren im Gold hinterlassen.

Soll ich nicht doch lieber Hilfe holen?“

Das fehlte gerade noch! Menschen neigten zu übertriebener Aufregung in solchen Situationen. Rettungswagen, Polizei, unerträglich laute Sirenen. Womöglich bestünden sie darauf, sie zu untersuchen – Andra schauderte schon bei der Vorstellung. Sie wollte gar nicht erfahren, was Menschen mit ihren Methoden alles über sie herausfinden konnten und vor allem nicht, was sie nach diesen Erkenntnissen mit ihr tun würden. „Ich fühl mich hier oben sehr wohl“, rief sie nach unten und hoffte, ihr Lächeln wirkte überzeugend.

Die Gestalt unter ihr rührte sich nicht vom Fleck. Sah still zu ihr hinauf. In ihrem gemeinsamen Schweigen klang der Regen lauter als zuvor. Andra versuchte, sich die Gestalt auf der Aussichtsplattform weg-vorzustellen. Stell es dir vor, und es wird passieren. Sie biss die Zähne zusammen, fixierte die Gestalt in ihrem dunklen Mantel. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier, wiederholte sie stetig in Gedanken. Natürlich löste die Gestalt sich nicht in Luft auf. Stattdessen räusperte sie sich, schlug die Kapuze zurück und strich sich über stoppelkurze schwarze Haare.

Ich kann Sie nicht einfach so allein lassen.“

War ja klar, dass sie ausgerechnet jetzt einem mitfühlenden Menschen begegnen musste. Andra schloss die Augen. In ihrer Zeit hier hatte sie gleichgültige Menschen erlebt, wütende, abweisende, überhebliche, missmutige – kurz alles, was sie erwartet hatte in einer Welt, die vor sich hinstarb. Aber jetzt stand hier eine offensichtlich mitfühlende Seele und zerrte an ihren Nerven.

Hören Sie, können Sie mir etwas versprechen?“, übertönte die Stimme von unten den Regen.

Widerwillig öffnete Andra die Augen. „Kommt ganz darauf an, was“, grummelte sie. Bei allen Himmeln, das entwickelte sich zu dem längsten Gespräch, das sie je mit einem Menschen geführt hatte.

Versprechen Sie mir nur, nicht vor Schreck runterzufallen, egal, was Sie gleich sehen.“

Solange keine Sirenen, Polizei oder Rettungswagen involviert sind?“

Versprochen.“

Also gut, ich verspreche es.“ Andra ließ die Unbekannte nicht aus den Augen. Sie war sich inzwischen ziemlich sicher, dass sie eine Frau war. „Legen Sie los.“ Vielleicht würde sie danach endlich verschwinden. Jedenfalls würde nichts, was die Unbekannte tat, sie von ihrem Platz hier oben weglocken.

Die schob einen Ärmel ihres Mantels zurück und umfasste ihr Handgelenk. Im nächsten Moment löste sie sich zu einem wirbelnden Nebel auf. Andra starrte. Sie beugte sich vor, bis sie fast die Balance verlor. Sie hieb ihre Krallen in den Goldflügel und fing sich. War das – hatte sie – hatte sie gerade Magie gewirkt? War die Unbekannte wirklich verschwunden? Andra riss den Mund auf, weil sie nicht genug Luft bekam. Sie verschluckte sich. Hustete. Sie flog ohne zu fliegen. Sie klammerte sich an dem metallenen Flügel fest. Sie blinzelte. Der Nebel war fort.

Ein Flattern ließ sie zusammenschrecken. War die Statue lebendig geworden? Aber der Flügel, auf dem sie saß, war immer noch starr und fest. Vorsichtig blickte Andra zur Seite. Neben ihr landete eine Krähe, hüpfte ein paar Mal auf und ab, flatterte noch einmal mit den Flügeln. Krächzte. Andra grinste sie an. Wollte ihr von dem Wunder erzählen, das sich gerade ereignet hatte, brachte aber nicht als ein Krächzen heraus. Ein heiseres Lachen schüttelte sie.

Und dann kam der Nebel zurück, hüllte die Krähe ein, drehte und wand sich, wirbelte in grau-weiß-schwarzen Schwaden herum, bis Andra ganz schwindelig davon wurde. Sie klammerte sich an den goldenen Flügel. Machte die Magie sich selbständig? Musste sie ab sofort aufpassen, was oder wen sie anschaute? War ihr Blick magisch geworden?

Wie zuvor verschwand der Nebel genauso plötzlich, wie er gekommen war. Anstelle der Krähe saß die Unbekannte in ihrem dunklen Mantel neben ihr.

Wirklich eine schöne Aussicht von hier oben“, sagte sie. „Hätte ich schon längst mal machen sollen.“ Sie ließ die Beine neben Andras baumeln. „Ich bin übrigens Elyf.“

Andra.“ Ihre Stimme klang heiser. Sie saß zwar immer noch, aber innerlich fiel sie. Stürzte. Zitterte wie ihre Stimme. „Dann war das nicht meine Magie.“

Nein, das war meine.“ Elyf zwinkerte ihr zu. „Aber das scheint dich irgendwie zu enttäuschen? Ich meine, ich habe Schock erwartet, aber …“

Andra verkrampfte die Hände zu Fäusten. „Gestaltwandlung ist nicht gerade Magie.“

Nicht? Ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber in meinen Kreisen nennen wir das Magie.“ Elyf zuckte mit den Schultern.

Dann kommst du auch nicht von hier?“ Die Worte waren heraus, bevor Andra sich zusammenreißen und sie hinunterschlucken konnte.

Auch nicht?“

Andra verfluchte sich. Sie hatte sich von der Hoffnung völlig den Verstand und jede Kontrolle rauben lassen. „Vergiss es“, murmelte sie und versank wieder in Schweigen.

Elyf stieß sie leicht an. „Du musst mir deine Geheimnisse nicht verraten. Ehrlich. Ich würde dich nur bitten, meins für dich zu behalten. Ich meine, nicht dass irgendein Mensch dir glauben würde. Eher würden sie dich für verrückt halten. Und das könnte dich in jede Menge Schwierigkeiten bringen. Und wer braucht das schon?“

Ich nicht.“ Andras Kopf fühlte sich zu schwer an, um ihn zu heben. Elyf redete schon wieder weiter, aber sie hörte ihr nicht länger zu. Irgendetwas hatte sie gesagt, etwas wie – „In deinen Kreisen? Heißt das, du bist nicht – nicht allein?“

Ich wohne in einem ganzen Haus voll mit meinen Schwestern.“ Elyf lächelte. „Ich könnte dich dahin mitnehmen. Aber dafür müssten wir hier runter.“

Sind sie dort alle wie du?“

Elyf nickte. „Ein Haus voller Krähen.“

Und -“ Andra schluckte, weil sie nicht hoffen wollte. „Und kennt ihr euch mit Magie aus?“

Dieses Mal brauchte Elyf länger für eine Antwort. Sie knabberte an ihrer Unterlippe, kratzte sich an der linken Augenbraue. „Ich weiß es nicht. Ich bin noch nicht solange dabei. Also, vielleicht?“

Das war genug, beschloss Andra. Für den Moment war das genug. „Dann los!“ Sie sprang auf und warf sich ohne jedes Zögern in die Luft. Hinter ihr ertönte ein Schrei, der abrupt verstummte, als Andra ihre Drachenflügel ausbreitete und sich hoch hinauf in den Nachthimmel schwang. Gleich darauf flog eine Krähe neben ihr. Vielleicht. Andra erlaubte sich einen Anflug von Hoffnung.

(Auch 2022 geht es weiter mit dem phantastischen Montag! Dieses Jahr lassen wir uns von Zitaten aus dem phantastischen Genre inspirieren – im Janaur von N.K. Jemisin mit „If you can imagine something, it will be.“ Die weiteren Geschichten findet ihr bei Carola Wolff Imagine und C.A. Raaven Schönheitswettbewerb. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Drachenrose

Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, roten Splittern überall auf dem hellen, fast schneeweißen Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das rote Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

(Die Dezembergeschichten des phantastischen Montags sind inspiriert von dem Song „White Winter Hymnal“ der Fleet Foxes. Wieder könnt ihr vier Geschichten dazu lesen – diese hier auf meinem Blog und die weiteren hier: Carola Wolff Mikki, C.A. Raaven Destination und Alexa Pukall Gute Freunde)

Phantastischer Montag: Krähenschwestern

Sie waren seltener geworden diese Nächte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Geräusch lauschte. Und obwohl sie in diesen selten gewordenen Nächten wusste, dass sie hier sicher war, dass hier kein Geräusch eine Gefahr bedeutete, so hockte Elyf in jenen Nächten doch starr im Bett, bewegungsunfähig, bis endlich der Morgen die Nacht vertrieb, sie einen Finger heben konnte, einen zweiten, eine ganze Hand, die andere, sich schließlich ausstreckte und die Augen im heller werdenden Morgen schloss, einschlief.

Doch während es noch Nacht war, schien der Morgen unerreichbar. Auch dieses Mal. Sie presste die Arme um die Knie und starrte in die Dunkelheit. Die war so absolut, dass sie Schatten darin umherhuschen sah, undefinierbare Gestalten. Noch hielten sie Abstand. Doch die Stimmen in Elyfs Kopf waren ganz nah.

Halte still, wisperten sie.

Wenn du ganz still hältst, wenn du nicht einmal zitterst, wenn dein Atem deine Brust weder hebt noch senkt, wenn du nicht blinzelst, wenn du ganz, ganz, wirklich ganz still hältst, dann wird auch die Nacht stillhalten. Nichts wird geschehen, wenn du nur stillhältst.

Und Elyf hielt still. Kein unerwartetes Knacken ließ sie zusammenzucken, keine Stimme auf dem Flur herumfahren. Der Wind rüttelte am Fensterrahmen, strich ihr mit kalten Fingern über den Nacken. Aber es ist nur der Wind, nur der Wind, weil das Fenster nicht dicht ist, redete Elyf sich zu und rührte sich nicht. Der Wind wirbelte die Schattengestalten durcheinander. Elyf wagte nicht, sich noch enger zusammenzukauern, wagte nicht wegzuschauen.

Sie hielt still und mit ihr erstarrte die Nacht. Sie schloss sich eng um Elyf, die Hand eines Riesen, der seine Finger um sie schloss, bis sie sich gar nicht mehr rühren konnte, selbst wenn sie es gewagt hätte. Es waren kalte, schwere Finger.

Neue Stimmen kamen hinzu. Zischend. Wutbebend. Gewaltversprechend. Gedrängt. Gepresst. Hässlich. Kaum noch möglich, ein Zittern zu unterdrücken.

Meine Tochter wird nie zu denen gehören!

Leise, du weckst sie noch.

Ist die Tür abgeschlossen?

Das Rütteln an der Türklinke ließ die gesamte Tür ihres Kinderzimmers beben. Sie schlug gegen den Rahmen, gleich würde es krachen, die Tür zerbersten — still, halt still — Elyf kämpfte gegen den Schrei in ihrer Kehle, kämpfte gegen das Zittern, kämpfte gegen das Verlangen sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass die Tür hielt, dass dies heute und hier eine andere Tür war. Eine Tür, die weder krachte noch barst. Sie hielt still.

Wenn sie nur stillhielt, würde es vorbeigehen. Die Nacht würde irgendwann vorbeigehen. Auch diese. Die Schattengestalten umkreisten sie. Streiften sie. Stillhalten. Sie musste nur stillhalten. Auch wenn die Gestalten aus Dunkelheit ihr über die Haare strichen, über die Arme, über die Schultern, den Rücken — mit Schattenfingern, die wie Feuer brannten.

Irgendwann war es hell geworden. Elyf hatte sich zitternd ausgestreckt, erleichtert, weil sie jetzt schlafen durfte, weil sie die Nacht lang durchgehalten hatte. Auch im Schlaf zuckten ihre Arme und Beine, ihre Finger, sogar ihre Haarspitzen.

 

Später, Elyf wusste nicht, wann sie aufgewacht war, stolperte sie die Treppen hinunter von ihrem Zimmer in die Crow-Bar, in diesen Raum voller freundlicher Gesichter, die zu viel schienen nach dieser Nacht. Elyf eilte durch die Bar, bevor irgendwer sie ansprechen konnte, setzte sich an den Tresen.

Yra, die heute dahinter Dienst tat, blickte sie nur an, sagte nichts, aber schob ihr einen Becher Kaffee zu. Elyf hielt das Gesicht in den tröstenden Dampf, der daraus aufstieg. Sie atmete tief ein und wieder aus.

Eine dieser Nächte, was?“, fragte Yra ruhig.

Elyf fuhr auf. „Woher weißt du …?“

Yra sah sie nicht an, polierte weiter ein Glas mit einem nicht mehr ganz sauberen Handtuch, hielt es gegen das Licht einer Kerzenflamme, runzelte die Stirn und polierte eine Stelle nach. „Wenn eine mittags mit diesem Blick zum Frühstücken kommt …“ Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Ton blieb genauso ruhig wie ihre Hände, als sie das Glas zurück ins Regal stellte und nach dem nächsten griff. „Jede hier hat ihre Geschichte.“ Sie deutete mit dem Kinn in den Raum voller Krähenschwestern. „Und wir alle kennen diese Nächte.“

Wird es besser?“, fragte Elyf, ohne das Gesicht aus dem Kaffeedampf zu heben. „Gehen sie irgendwann ganz weg?“

Vielleicht.“ Yra warf das Handtuch zielsicher in einen Eimer und nahm sich ein frisches. „Ich kann die Angst in solchen Nächten inzwischen vertreiben, wenn es mir gelingt, mich zu wandeln. Hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich das konnte.“ Sie rieb weiter an dem längst funkelnden Glas herum. „Wenn ich mir lange genug zurede, mir immer wieder sage, dass ich in der sicheren Gegenwart bin, dann kann ich irgendwann die Finger aus dieser Starre lösen, kann mein Tattoo berühren, mich wandeln.“ Yra stellte das Glas weg und zog mit einem Finger einen Kreis um das Krähentattoo an der Unterseite ihres Handgelenks. „Jede kleine Bewegung hilft. Versprochen.“ Sie stützte die Hände auf den Tresen, sah Elyf aus ihren dunklen Augen an. „Du wirst das hinbekommen. Gib dir Zeit.“ Yra machte ein Zeichen Richtung Küche. Gleich darauf stand eine Schüssel voll warmer, dicker Suppe vor Elyf. Yra reichte ihr einen Löffel. „Das beste Frühstück nach einer dieser Nächte“, sagte sie nachdrücklich. „Iss.“

Elyf tauchte den Löffel ein. Es kam ihr gar nicht in den Sinn zu widersprechen. Und eine bessere Suppe hatte sie nie zuvor gekostet. Sie schmeckte nach Zuversicht und nach Zuhause.

(Im November lassen wir uns bei @phantastischermontag von dem Song „Kid Fears“ der Indigo Girls inspirieren. Die anderen Geschichten könnt ihr nachlesen bei: Carola Wolff Bella Ella, bei C. A. Raaven Kinderspiel, Alexa Pukall Kohlefresser.)