Phantastischer Montag: Wagnisse und rätselhafte Wesen

Es war die dritte einsame Nacht. Andra hatte sich einen Ort gesucht, an dem sie nie zuvor mit Elyf gewesen war. Der Wind brachte die Metallstreben zum Singen, abgerissene Planen schlugen dazu einen wilden Rhythmus. Irgendwann einmal mussten die Planen die Kuppel über ihr geschlossen haben. Das seltsame Gebilde stand auf einem Hügel – Berg, nannten sie den hier. Andra schnaubte. Die hatten doch keine Ahnung von Bergen!

Aber lauschen ließ es sich von hier oben perfekt. Und Andra lauschte. Sicher, es war eine aus Verzweiflung geborene Idee, aber wenigstens war es eine Idee. Ganz offenbar gab es Töne in dieser Welt, die nur Drachen hören konnten. Wie den Gesang der Bäume. Vielleicht hatte auch die Magie einen Klang. Vielleicht musste sie nur lange genug lauschen.

Und so lag sie da und lauschte. Lauschte sich durch die Klangschichten der Stadt. Die nie verstummenden Motoren. Das Rattern und Quietschen der Bahnen, wenn sie sich in Kurven legten, beschleunigten, abbremsten. Sie lauschte dem Stimmgewebe der Menschen, die nie alle zugleich schliefen. Immer waren welche wach, redeten, atmeten, lachten, riefen, sangen, weinten, wüteten, flüsterten, fluchten, stöhnten, wimmerten. Und ab und an verstummte ein Atem im Gewebe für immer.

Andra reckte sich. Für einen Drachen war sie immer noch klein, in Drachengestalt nicht länger als in Menschenform. Trotzdem zog sie sich aus dem Lauschen zurück, vergewisserte sich, dass sie allein hier oben war, kein Mensch sich in ihre Nähe verirrte oder auch nur nah genug kam, um sie zu erspähen. Ihren Drachenaugen machte die Dunkelheit nichts aus. Und sie war nach wie vor allein in dieser verfallenen Kuppel. Auf diesem – Hügel. Sie seufzte und hatte keine Eile, in ihr Lauschen zurückzukehren.

Jedes Geräusch erinnerte sie an Elyf. Und sobald sie an Elyf dachte, wurde sie unruhig. Die Erinnerung an Elyfs Lachen – hell und ein ganz klein wenig rau – ließ sie die Flügel anheben, sie ausstrecken, als könnte sie den Ton einfangen, ihm quer durch die Stadt folgen, durch das offene Fenster hinein zu Elyf schlüpfen, sich neben sie legen, als wäre sie nie von dort geflüchtet. Als könnte sie einfach so zurück. Ohne jede Erklärung.

Unmöglich, mahnte Andra sich. Sie war hier, weil sie eine Aufgabe hatte, nicht wegen irgendwelcher Verliebtheiten. Einfacher gedacht, als sich selbst davon überzeugt. Andra schnaubte und erlaubte sich eine kleine Flamme. Doch nicht einmal die stillte die Unruhe in ihr. Sie schloss die Augen. Und so wenig es ihr gefiel, immer wieder tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf: S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen. X marks the spot

Das hatte auf dem Brückenpfeiler gestanden. Nun, in einer Notlage war sie ganz gewiss. Auch wenn sie sich nicht damit anfreunden konnte, in dieser Welt ein Phantasiewesen zu sein – was kümmerte es sie, ob halb oder ganz. Diese Definitionsbesessenheit war nur ein weiterer Punkt auf der Liste, warum sie diese Welt nicht besonders mochte.

Sofort drängte sich Elyf in ihre Gedanken. Sie war definitiv ein Pluspunkt für diese Welt. Andra schnaubte. Nicht ablenken lassen. Sie kniff die Augen noch fester zusammen. X marks the spot. Eindeutig der Hinweis darauf, wo sie diese Sozietät finden konnte. Aber erwarteten die ernsthaft, dass phantastische Halbwesen in Notlagen sich erst auf eine Suche kreuz und quer durch die Stadt machten, nach einem X?

Vielleicht dachte sie auch zu kompliziert. Wer so eine Nachricht hinterließ, wollte schließlich, dass sie von Wesen in Notlagen verstanden wurde. Ein Tropfen traf ihre Schnauze. Noch einer. Ein Grollen in der Ferne. Ein grelles Zucken, das sie selbst durch ihre geschlossenen Lider wahrnahm. Ein erneutes Krachen. Näher dieses Mal. Regen schlug auf ihre Schuppen. Andra machte mit ihrem Grollen dem Donner Konkurrenz. Sie hasste Regen. Er war ein Verführer und schuld an ihrer Verbannung. (Die hast du dir selbst zuzuschreiben, merkte eine kleine Stimme an, die sie schnell zum Verstummen brachte.)

Andra blinzelte. Die Gewitterwolken hatten die Sterne ausgelöscht. Blitze zerrissen die Dunkelheit, ließen sie nach ihrem Aufflammen noch tiefer zurück. Der Regen fiel, als wollte er nie wieder aufhören. Er prasselte gegen die Metallstreben, schlug neben ihr auf den Steinboden, prallte an ihren Schuppen ab – und weit und breit keine Höhle in Sicht, die ihr Schutz vor diesem elenden Wasserangriff bieten konnte. Andra sehnte sich nach Feuer, nach wenigstens einer kleinen Flamme. Aber sie wagte es nicht. Regen mit ihrem Feuer mischen, das hatte sie überhaupt erst in ihre Notlage gebracht. Sie schüttelte sich. Der Regen drang zwar nicht durch ihre Schuppen, aber die Rinnsale, die sich zwischen ihnen bildeten, kitzelten. Elend, elend, elend, grollte Andra vor sich hin. Sie grub die Krallen in den Stein unter ihr, kratzte Spuren in den Boden.

Markierte ihn. Andra stockte. Konnte es so einfach sein? Sie fuhr hoch. Der Regen war vergessen, Donner und Blitze nur noch Hintergrundrauschen. Sie entfernte sich ein paar Schritte von den Spuren, die sie bereits in den Stein gekratzt hatte, suchte sich eine unberührte Fläche. Mit den Krallen einer Tatze zog sie erst eine, dann eine zweite lange Linie, die die erste kreuzte, in den harten Boden. Ein perfektes X. Ihr Herz pochte lauter als jedes Donnergrollen. Ihr Feuer brannte in ihr, heller als jeder Blitz. Ihr Atem strich über die Kratzspuren, stieg wie feiner Rauch darüber auf. Der Stein selbst wisperte ihr zu, lockte sie. Andra trat zögerlich einen Schritt vor. Noch einen. Schritt um Schritt näherte sie sich der Stelle, an der die Linien sich kreuzten. Ein Schritt noch.

Sie berührte den Kreuzungspunkt und hatte gerade den kürzesten aller Momente Zeit, sich lächerlich vorzukommen, wie sie darauf stand und vor sich hinstarrte. Dann kippte die Welt. Oder sie. Das Donnern, die Blitze, der Regen – alles blieb hinter ihr zurück. Andra wirbelte herum und herum. Ihr schwindelte. Sie wusste nicht, ob sie die Augen geschlossen hatte oder sie offenhielt, wusste nicht, ob es so grell-hell oder so dunkel war, dass sie nichts sah. Fiel sie? Zerfiel die Welt um sie herum? Ihr Herz raste, als sie wieder festen Boden unter ihren Krallen spürte. Sie grub sie hinein. Langsam ließ der Schwindel nach.

Wärme umgab sie. Das Gewitter mit seiner Nässe war fort. Andra atmete ein, atmete aus. Ihre Augen waren eindeutig geschlossen. Sie öffnete sie.

Ich hoffe, du kannst diese Kratzer auch wieder aus meinem Marmorboden entfernen“, begrüßte sie eine indignierte Stimme. Sie gehörte zu einem Wesen, auf den der Begriff Halbwesen nun wirklich zutraf, befand Andra. Ein menschlicher Kopf, der auf einem Löwenkörper thronte. Ein Funkeln aus grünen Augen, als könnten die Feuer speien.

Andra duckte sich. Die Kratzer im Marmor waren wirklich tief. Aber ihr war eben auch sehr schwindelig gewesen! Da etwas Feuer sie beruhigen würde, fachte Andra ihre innere Flamme an und ließ sie über den harten Stein streichen, sah zu, wie er schmolz, wie die Ränder der Risse aufeinander zuflossen, neue dunkle Linien im hellen Stein bildeten, wo ihr kühler Atem die erhitzen Stellen wieder erkalten ließ. „Bitte sehr“, grummelte sie und blickte zu der Gestalt, die auf dem obersten Absatz einer Marmortreppe saß und mit einem unergründlichen Lächeln zu ihr hinunterblickte. Andra richtete sich auf und breitete die Flügel aus. „Bin ich hier bei S.P.H.I.N.X?“

Das Lächeln der Gestalt vertiefte sich. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass du dich in einer Notlage befindest?“

Wäre ich sonst hier?, wollte Andra zurückgeben und schluckte gegen die Worte an. Es war sicherlich nicht hilfreich, dieses rätselhafte Wesen gegen sich aufzubringen. „Ja.“ Sie faltete die Flügel wieder an ihre Seiten, ärgerte sich zugleich, dass sie sich unter diesem spöttischen Blick so klein wie möglich machen wollte.

Die Gestalt nickte und schlug gemächlich mit ihrem Schwanz. Hin und her, hin und her – Andra senkte ihren Blick schnell auf den Marmorboden, bevor sie in eine Trance fallen konnte.

Du hast uns gefunden“, klang die Stimme zu ihr hinab. „Aber bevor ich dir Einlass gestatte, musst du eins meiner Rätsel lösen. Nur dann gewährt dir die Sozietät ihre Hilfe. Was sie dafür verlangen, kann ich dir nicht verraten.“

War ja klar. Andra seufzte so leise, wie sie nur konnte. Natürlich war nur der erste Schritt leicht gewesen. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Wesen ganz genau wusste, welchen Preis die Sozietät von ihr verlangen würde. Sehr vermutlich einen, der ihr nicht gefiel. Andra schob ihre zweifelnden Gedanken fort. Da war etwas, das im Moment wichtiger schien. „Was passiert, wenn ich dein Rätsel nicht lösen kann?“

Ah, eine sehr intelligente Frage!“ Die Stimme von oben klang sehr zufrieden. Andra blinzelte vorsichtig hoch. Sie mochte dieses unergründliche Lächeln gar nicht. Die Antwort noch weniger. „Du stirbst.“ Nein, das war so gar keine gute Antwort. Andra spürte nervöse, kleine Flammen um ihre Mundwinkel zucken.

Und wenn ich einfach wieder gehe?“ Sie leckte die Flammen fort, ließ sich von dem Rauchgeschmack auf ihrer Zunge ein wenig beruhigen. Der Tod schien ihr ein sehr hohes Risiko dafür, dass sie nicht einmal wusste, ob diese Sozietät ihr wirklich helfen konnte.

Das Wesen oben auf der Treppe kreuzte die samtigen Vorderpfoten. Bestimmt verbargen sich darunter Krallen! Andra spannte alle Muskeln an, wollte sich in die Luft schwingen und hielt beim Anblick der kuppelartigen Steindecke weit über ihr still.

Jetzt, wo du endlich hergefunden hast, solltest du bleiben.“ Auch die Stimme klang täuschend weich. Aber so sehr sie an ihr zweifelte, konnte Andra sich ihrem Zauber nicht entziehen, spürte, wie ihre Muskeln sich unter dem Klang entspannten. „Sicherlich sind Rätsel für Drachen kein Problem.“

Schmeichlerin, dachte Andra und streckte sich auf dem Marmorboden aus. Irgendetwas hatte sie eben noch misstrauisch gemacht. Aber was? Das Wesen dort oben schlug mit dem Schwanz gelassen hin und her, hin und her, hin und her, dehnte die Pfoten, Krallen blitzten auf, verschwanden, blitzten auf, verschwanden, und ein schnurrendes Geräusch hüllte Andra ein. Sie bettete den Kopf auf ihre Vorderpfoten, spürte, wie ihre Lider sich träge senkten. „Darf ich dir eine Frage stellen?“, murmelte sie mit schwerer Stimme.

Erst musst du mein Rätsel lösen“, klang die Antwort wie auf Wattewolken schwebend zu ihr vor.

Richtig, ein Rätsel. Da war etwas, das sie zurückhalten sollte. Doch was das war, fiel ihr nicht mehr ein. Ein Rätsel konnte sie nicht schrecken. Schließlich war sie ein Drache. Andra ließ eine Flamme um ihre Lippen zucken. „Lass hören.“

 

… Fortsetzung folgt im Juli! Im Juni haben wir uns als Thema für die Geschichten zum phantastischen Montag ein Zitat von Cornelia Funke vorgenommen: Wir sind alle Lügner, wenn es uns nützt. (Tintenherz)
Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Ihr Freund Fred
C.A. Raaven Scrabble für Fortgeschrittene
Das „rätselhafte Wesen“ ist bei mir zum ersten Mal im Januar aufgetaucht: Des Rätsels Lösung

Phantastischer Montag: Die Feuerdrach

Ein lautes Räuspern ließ mich zusammenschrecken. „Was?“, murrte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den üblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also würde ich die Helligkeit da draußen einfach ignorieren.

Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti’run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel — etwas verspätet — auf, dass ich sie mit meiner mürrischen Frage zu einem Gespräch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.

Ti’run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht stärker als ich. Sie räusperte sich erneut und ließ von der Decke ab. „Du bist denen da draußen noch eine Geschichte schuldig.“ Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.

Ich schulde niemandem gar nix.“ Und überhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erzählen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was für Ti’run kein Argument sein würde. Also setzte ich nach: „Wer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.“

Falsch.“ Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. „Ich bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererzählen, dann musst du die Geschichte erzählen.“

Ich beschloss, dass ich mich verhört haben musste. Oder ich träumte das alles. Hier unter der Bettdecke war schließlich alles möglich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht — Ti’runs Stimme blieb hartnäckig.

Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte wäre zu Ende erzählt.“

Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti’run mich jetzt schon bis in meine Träume oder ich war doch wach. Das Ergebnis würde dasselbe bleiben. Sie gäbe keine Ruhe, bis ich die Geschichte erzählte, die sie hören wollte. „Du hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt“, versuchte ich es trotzdem. „Nicht welche Geschichte sich damit verbindet.“

Aber jetzt will ich es wissen.“ Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Knäuel auf meiner Brust lag.

Hast du es bequem?“ Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus ließ mich im Stich.

Du doch auch.“ Ti’run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein dürfte. „Und jetzt erzähl.“

Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erzählen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond läge — aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte.

Ich atmete tief durch und hörte Ti’runs empörtem Protest zu, als sich ihre Liegefläche hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erzählen:

 

Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar für unsere Augen. Nichts hält sie auf, nichts schränkt sie ein.

Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.

Sie grüßte den Mond. Doch für ihn war ihr Feuer zu heiß.

Sie grüßte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.

Schließlich grüßte sie die Erde und fand das flüssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie ließ etwas von ihrem Feuer hineinfließen. Die brodelnde Hitze strömte durch die Schichten der Erde, drängte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, versprühte ihr Feuer weit und fern, floss in reißenden Strömen die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.

Die Feuerdrach spürte alles, was ihr Feuer berührte. Wie die Hände einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger über die Berge, liebkoste ihre Hänge und Täler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Grünen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.

Erst die Meere kühlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert über diese nassen, neuen Wesen. Während sie tiefer und tiefer hineinsank, kühlte über ihr das Land allmählich ab, nährte einen neuen Boden.

Aber das kümmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese kühle Flüssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erfüllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.

Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die Töne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die Töne glucksten, brummten, lachten, krächzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.

Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.

Im Wasser geboren, aus flüssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gewärmt, von Sternenstaub geküsst.

Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, spürt auch heute noch alles, was Drachenflammen berühren. Und so ist sie nicht länger einsam.

 

Ein tiefer, wohliger Seufzer ertönte auf meiner Brust. „Na bitte“, brummte Ti’run, „geht doch.“ Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, während ich verwundert weiterträumte.

 

(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song „I Am The Fire“ von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff Die Königin der Welt , C.A. Raaven Don’t , Alexa Pukall … Link folgt nächste Woche. Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!)

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.