Phantastischer Montag: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

„Ich habe schon wieder gewonnen.“ Ranka ließ die zwei vorderen Beine ihres Stuhls auf den Boden knallen und legte ihre Karten eine nach der anderen auf den Tisch. Vier Totenköpfe und eine Sonne.

„Das fängt an zu nerven.“ Tara warf ihre Karten dazu. Zwei Wasserspiralen, ein Sturmhimmel, eine Sonne, eine Blumengirlande.

„Fängt an?“ Lore starrte zu Ranka, als wollte sie ihr mit dem nächsten Atemzug Tricksereien unterstellen. „Das ist das 395. Mal! Hast du einen Handel mit Schicksal abgeschlossen oder was?“

„Bin doch nicht verrückt.“ Ranka packte ihre Füße auf den Tisch, rieb an einem unsichtbaren Fleck am linken, türkisen Stiefel. „Außerdem hat die sich ewig nicht mehr blicken lassen.“

„Hmpf.“ Lore ließ ihre Karten fallen. Eine Sonne, zwei Sturmhimmel, zwei Blumengirlanden. „Nicht mal ein Gnaden-Dreier“, murrte sie. „Wir sollten was anderes spielen.“

Sie schwiegen. Draußen heulte der Wind durch die Bäume. Zweige kratzten an der Hausmauer. Fensterläden klapperten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf mit dem Wind um die Wette.

Ranka sammelte die Karten ein, nahm den Reststapel auf. „Das sagst du seit der ersten Runde.“ Sie klopfte mit dem Kartenstapel auf den Tisch und begann zu mischen.

„Vielleicht meine ich es dieses Mal ja ernst.“

„Ha!“ Tara nahm den Kartenstapel von Ranka. „Wann meinst du schon mal was ernst?“ Sie mischte die Karten noch einmal. „Nur um sicherzugehen.“ Sie blinzelte Lore zu. Die verdrehte ihre grün-funkelnden Augen und streckte eine Hand aus.

„Her damit. Ich gebe.“

Keine von ihnen sprach, während Lore die Karten verteilte. Keine sprach, als sie die Karten umdrehten und das Spiel von neuem begannen. Keine sagte ein Wort, als Ranka wieder gewann. Wieder mit demselben Blatt. Nur Taras leuchtend blaue Augen verdunkelten sich, als zöge in ihnen ein Sturm herauf, heftiger als der Wind draußen, während Lore die Karten mischte.

Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachschindeln. „Sollte das nicht schneien oder hageln?“, brummelte Tara, aber keine von ihnen blickte auf, keine von ihnen sagte ein Wort. Sie spielten.

Immer wieder gewann Ranka.

Immer wieder mit vier Totenköpfen und einer Sonne.

Nach der 573. Runde stand Lore auf und holte den Veilchenschnaps aus dem Schrank. In der Stimmung, in der sie war, hätte sie auch gleich aus der Flasche getrunken – aber da waren noch die beiden anderen, da hieß es Anstand wahren. Sie nahm also drei der kleinen Gläser aus dem Schrank und schob die Tür mit einem Fuß zu. Zurück am Tisch schenkte sie die Gläser randvoll. Schweigend leerten sie sie alle auf einen Zug.

Tara stellte ihr Glas leise ab. „Das ist nicht mehr komisch.“

„Allerdings.“ Lore schubste ihr Glas in einem Zickzackmuster über die Tischplatte. Ranka blockierte es mit einer türkisen Stiefelspitze.

„Kommt schon. Ihr gebt dem doch nicht wirklich irgendeine Bedeutung! Es sind nur Karten.“

Lore goss die Gläser erneut voll. „Wir sollten es zumindest in Betracht ziehen.“

Sie tranken und knallten gleichzeitig die leeren Gläser auf den Tisch. Ranka wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Ihr wisst, was passiert, wenn wir sie zu früh wecken.“

„Aber wenn wir zu lange warten …“ Tara klopfte mit dem Glas auf dem Tisch herum. Tok, tok, tok, tok, mischte sich das Geräusch unter den Regen, der immer noch gegen die Fensterscheiben schlug und auf das Dach prasselte. „Hört sich das da draußen für euch nach Winter an?“

Lore starrte zum Fenster. „Könnte auch eine List sein.“ Sie hob fragend die Flasche. Die anderen beiden nickten. Der Schnaps brannte süßlich-scharf in ihren Kehlen. Tara schlenderte zum Fenster hinüber. Die dicken, welligen Scheiben boten einen verzerrten Blick ins Draußen.

„List oder nicht – wir müssen eine Entscheidung treffen.“ Sie fuhr die Bahnen der hinab rinnenden Tropfen nach. Als könnte ihr das dabei helfen. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Eisblumen?“

„Keine Ahnung.“ Lore füllte glucksend die Schnapsgläser auf.

Ranka kippte ihres mit geschlossenen Augen. „Können wir nicht erstmal auf Erkundung gehen?“ Sie schob Lore ihr leeres Glas hin.

„Ranka, Liebes, ich weiß, du bist neu – verhältnismäßig neu“, lenkte Lore ein, nachdem Ranka die Füße in den türkisen Stiefeln auf den Boden knallte, „– aber auch du kennst Regel Nummer eins. Wenn wir da zur Tür hinausgehen, gibt es kein Zurück, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.“

„Und um die Schlacht zu gewinnen“, fuhr Tara fort, die inzwischen die Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt hatte, „müssen wir sie wecken.“ Sie drehte sich zu den beiden anderen um. „Also, wer geht dieses Mal?“

„Ranka hat alle Spiele gewonnen.“ Lore blickte auf das letzte siegreiche Blatt, auf die grinsenden Totenköpfe und die hell glänzende Sonne.

„Wäre es nicht fairer, wenn wir jede eine Karte ziehen und die höchste muss –“

„Was jetzt?“, fuhr Lore dazwischen. „Glaubst du plötzlich doch, die Karten könnten eine Bedeutung haben?“

„Quatsch.“ Sie wischte mit einer türkisen Stiefelspitze über den Boden.

„Du bist die Neue, du gehst.“ Tara kam zum Tisch zurück und leerte ihr Glas, grinste, als wäre damit alles entschieden. „Ab mit dir. Ihre miese Laune beim Aufwachen hat noch keine umgebracht.“

„Und meine Vorgängerin?“

Tara und Lore tauschten einen Blick, den Ranka auch nach ein paar hundert Jahren noch immer nicht zu deuten wusste.

„Sollen wir?“

„Wirklich? Ich meine, wir wollten …“

Sie seufzten synchron und sagten dann ebenso synchron: „… wenigstens bis zu deinem 1000. Dienstjubiläum warten.“ Lore kratzte sich am Hinterkopf. Tara übernahm das Auffüllen der Schnapsgläser. „Auf die Wahrheit.“

„Und die ist?“

„Deine Vorgängerin war“, begann Lore, doch dann schüttelte sie den Kopf, gestikulierte Tara, dass sie fortfahren sollte.

„Eine Deserteurin.“ Tara verzog das Gesicht, als hätte das Wort ihren Mund schlimmer verbrannt als der Schnaps. „Daher die miese Laune der Chefin. Hat nix mit dir persönlich zu tun.“

„Ich dachte, das hier wäre ein Job für die Ewigkeit …?“

Lore zuckte mit den Schultern. „So lautet die Dienstbeschreibung. Deswegen hat uns das ja auch alle so aus dem Gleichgewicht geworfen.“

„Immerhin ging es den anderen drei Garden nicht viel besser.“ Tara schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie sonst längst endgültig unterlegen wären. Von der Wintergarde waren sogar zwei desertiert, in zwei aufeinander folgenden Jahrhunderten. Mit dem Ersatz war allerdings nicht zu spaßen. „Genug davon.“ Sie holte das vierte Glas aus dem Schrank. „Du gehst sie wecken, wir polieren die Schwerter und bereiten die Gesänge vor. Mit Winter sind wir noch immer fertig geworden! Das wäre doch gelacht.“ Sie riss die andere Schranktür auf, warf Lore das erste Schwert zu. Die fing es mit leichter Hand.

„Ab nach oben mit dir!“ Lore deutete mit der Schwertspitze auf Ranka und zwinkerte ihr zu. „Wirst sehen, in ein paar tausend Jahren schenkt sie dir nach dem Wecken auch ein Lächeln.“

Ranka hatte da so ihre Zweifel, aber sie stürmte ohne weitere Widerworte die Treppe hinauf.

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