Phantastischer Montag: Wintersonnenwende

(Eigentlich hatte ich für das Thema „Wald“ eine andere Geschichte angedacht – aber so nach den Entwicklungen der letzten Wochen und Tagen wollte ich doch lieber eine Geschichte, die etwas optimistischer ist … Hier also ein Einblick in das Leben einiger Waldwesen. Viel Vergnügen beim Lesen!)

Es durfte heute nicht regnen. Faunia presste die Augenlider fest zu. Dieses Rauschen musste noch zu ihrem Traum gehören. Sie würde einfach weiterschlafen, bis das Geräusch verschwand. Doch so sehr sie sich den Schlaf zurücksehnte, er verweigerte sich. Faunia stöhnte missmutig. Also gut, also gut. Sie klemmte die Felldecke unter dem Kinn ein und stützte sich auf die Ellbogen.
Erst dann öffnete sie die Augen. Der Boden ihrer Felshöhle hatte sich in einen reißenden Bach verwandelt. Von dem Felsvorsprung, auf dem ihr Bett war, starrte sie hinab in das schäumende Nass.
Nee. Also wirklich nicht. Nicht heute.“ Das Echo ihrer Stimme hallte frostig von den Höhlenwänden wieder. Dort, wo sich das Wasser am rauen Fels verfing, wuchsen Eisranken in die Höhe.
Kälte stahl sich unter ihre warme Decke, legte sich auf Faunias Haut, drang ihr bis auf die Knochen. Wenn Knochen eine Gänsehaut bekommen könnten, würden deren Spitzen sich von innen gegen ihre Haut drücken. Faunia schüttelte sich. Vielleicht war es an der Zeit, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und das Unvermeidliche hinzunehmen. Alles ging einmal zu Ende. Und lieber nahm sie ihr Ende im Warmen hin als in der eisigen Luft.
Langsam sank sie zurück auf ihr Bett aus Moos und Federn. Schon besser. Nur ließen sich jetzt, da sie einmal aufgewacht war, die Gedanken nicht aufhalten. Sie wanderten und hüpften, als wäre längst Frühling, neckten sie mit Ideen und tollten umher wie sie selbst in jungen Jahren auf einer Sommerwiese.
Ich bin aber nicht mehr jung“, sagte Faunia laut und hoffte, der Klang ihrer knarzigen, alten Stimme möge die Gedanken zur Vernunft bringen. Die tollten unbeeindruckt weiter.
Faunia rollte sich auf die Seite. Blinzelte in das schäumende Wasser hinab. Blickte die Eisranken empor, die im dämmrigen Morgenlicht träge glitzerten, das durch den Vorhang aus Farn am Höhleneingang fiel.
Damit wollt ihr mich wohl beeindrucken“, murmelte sie. „Klappt aber nicht.“ Von den Eisranken kam keine Antwort. Die mussten auch gar nichts sagen, schließlich war klar, dass sie am Ende gewinnen würden, wenn Faunia hier liegen blieb. Irgendwann würden sie bis zu ihr hinauf gewandert sein und über ihre Decke kriechen. Sie einschließen. Ein kaltes Grab. Faunia fröstelte und ihre Gedanken schreckten zusammen.
Sie könnte wenigstens versuchen, sich noch ein Mal aufzusetzen. Bis auf die Ellbogen hatte sie es schließlich schon geschafft gehabt, von dort wäre es dann nur ein kleiner Schritt weiter.
Der Frost küsste sie auf den Nacken. Jeder Wirbel in ihrem Rücken knackte. Faunia streckte sich im Sitzen und zog ihren Wollumhang von dem Haken an der Felswand. Sie schlug den Umhang kräftig gegen den Fels, mehrere Male, um ein wenig von der Kälte aus dem Kleidungsstück zu vertreiben. Dann legte sie ihn sich um die Schultern.
Jetzt, wo sie schon saß, konnte sie auch eine Kleinigkeit essen, beschloss Faunia. In der Schüssel neben dem Bett fanden sich noch ein paar Nüsse. Während sie eine nach der anderen kaute, hakte sie die Schüssel in den Krummstab ein und tauchte sie in den Bach unter ihr. Auch ein Schluck Wasser konnte nicht schaden.
Die Kälte des eisigen Nass fuhr ihr von den Haar- bis in die Zehenspitzen. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der die Eisranken zum Klirren und Splittern brachte. Faunia lachte. Der dunkle, tiefe Klang hellte ihre Stimmung auf. Sie schob die Decke von sich. Sofort griff die Kälte nach ihren Knien.
Das hättest du wohl gern, das ich jetzt wieder aufgebe“, murrte sie ihr zu und zwang sich auf die Füße. „Pech gehabt.“
Der Wollumhang kitzelte ihre Zehen, ließ sie kichern, auch wenn der Blick zum Höhleneingang eine von Eis überzogene Kletterpartie versprach. Ihre Gedanken hüpften voraus, zeigten ihr den Weg über Felsvorsprünge und entlang schmaler Absätze. Einige Stellen waren sogar frei von Eis. Faunia machte einen Schritt vom Bett und den nächsten von ihrem Schlafpodest hinüber auf die erste Stufe der in den Fels gehauenen Treppe. Doch anstatt wie sonst hinunterzugehen, setzte sie den Fuß auf einen kleinen Felsabsatz, den die Eisranken noch nicht erreicht hatten. Von dort tastete sie sich weiter voran.
Ein Sonnenstrahl fiel durch den Farnvorhang herein. Er schickte Tausende glitzernder Boote über den Bach. Sie tanzten auf seinen Schaumkronen, schienen die Wildheit des Wassers zu verlachen. „Leicht für euch“, brummelte Faunia und konzentrierte sich wieder auf ihren Weg. Das Eis drang selbst durch ihre von Wind und Wetter gegerbten Fußsohlen, wollte sich frostig in ihr festsetzen. Doch Faunia blieb nicht stehen. Solange sie sich bewegte, konnte das Eis keinen Halt in ihr finden.
Endlich erreichte sie den Farnvorhang. Die Ranken aus blassem Wintergrün raschelten, als sie sie behutsam zur Seite strich. Der Morgen draußen war nicht viel wärmer als ihre Höhle. Aber die Sonne schien. Kein Regen. Sie legte die Ranken über einen kleinen Vorsprung neben der Öffnung, damit das Licht bis in den letzten Winkel der Höhle fallen konnte. Dann trat sie hinaus.
Neben dem Eingang lehnte Friss und grinste sie an. „Dachte schon, du würdest heute nie aufstehen.“
Bah, ich doch nicht.“ Faunia versetzte dem kleinen Troll einen Stoß gegen die Schulter. Dazu musste sie sich mächtig strecken. Ihr war, als führen Luft und Sonnenlicht zwischen ihre Knochen und vertrieben die letzten Reste der Wintermüdigkeit. „Gehen wir Holz sammeln, oder was? Wir haben eine Feier vorzubereiten!“
Und das hatten sie wirklich. Der kürzeste Tag stand bevor, es galt, das zurückkehrende Licht zu begrüßen, daher musste vieles hineinpassen in diesen kurzen Tag, wenn sie die Nacht mit ihren Feuern erleuchten und mit allen aus dem Wald feiern wollten.

Der Tag verflog mit den Vorbereitungen. Sie trugen Essen und Holz zusammen, und alle brachten mit, was ihre Wintervorräte noch hergaben. Sie gruben die Feuerstellen aus dem Schnee frei, schichteten die Äste und Zweige auf. Mit der ersten Dunkelheit loderten die Flammen auf. Knisternd und knackend vertrieben sie auch die letzte Kälte aus Faunias Knochen. Durch die tanzenden Feuerzungen blickte sie zu Friss und den anderen Waldlebewesen und war froh, dass sie am Morgen doch aufgestanden war. Noch war es nicht Zeit für das Ende.

Phantastischer Montag im Februar: Narrenmond

Im Februar war unser Thema: Narrenmond – früher auch ein anderer Name für ebendiesen Monat, in dem die Winterdämonen ausgetrieben, Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsrituale durchgeführt wurden (und was früher einen ganzen Monat dauerte, wurde mit der Christianisierung auf die Fastnacht zusammengeschrumpft).

Die Geschichten zum Februar findet ihr hier:

Carola Wolff: Opfer

C. A. Raaven: Tanz im blassen Mondlicht

Maike Stein: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

Alexa Pukall: Das Ritual

Viel Spaß beim Lesen! Und wir freuen uns über Rückmeldungen und Kommentare. 🙂

Phantastischer Montag: Wer gewinnt, verliert (manchmal)

„Ich habe schon wieder gewonnen.“ Ranka ließ die zwei vorderen Beine ihres Stuhls auf den Boden knallen und legte ihre Karten eine nach der anderen auf den Tisch. Vier Totenköpfe und eine Sonne.

„Das fängt an zu nerven.“ Tara warf ihre Karten dazu. Zwei Wasserspiralen, ein Sturmhimmel, eine Sonne, eine Blumengirlande.

„Fängt an?“ Lore starrte zu Ranka, als wollte sie ihr mit dem nächsten Atemzug Tricksereien unterstellen. „Das ist das 395. Mal! Hast du einen Handel mit Schicksal abgeschlossen oder was?“

„Bin doch nicht verrückt.“ Ranka packte ihre Füße auf den Tisch, rieb an einem unsichtbaren Fleck am linken, türkisen Stiefel. „Außerdem hat die sich ewig nicht mehr blicken lassen.“

„Hmpf.“ Lore ließ ihre Karten fallen. Eine Sonne, zwei Sturmhimmel, zwei Blumengirlanden. „Nicht mal ein Gnaden-Dreier“, murrte sie. „Wir sollten was anderes spielen.“

Sie schwiegen. Draußen heulte der Wind durch die Bäume. Zweige kratzten an der Hausmauer. Fensterläden klapperten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf mit dem Wind um die Wette.

Ranka sammelte die Karten ein, nahm den Reststapel auf. „Das sagst du seit der ersten Runde.“ Sie klopfte mit dem Kartenstapel auf den Tisch und begann zu mischen.

„Vielleicht meine ich es dieses Mal ja ernst.“

„Ha!“ Tara nahm den Kartenstapel von Ranka. „Wann meinst du schon mal was ernst?“ Sie mischte die Karten noch einmal. „Nur um sicherzugehen.“ Sie blinzelte Lore zu. Die verdrehte ihre grün-funkelnden Augen und streckte eine Hand aus.

„Her damit. Ich gebe.“

Keine von ihnen sprach, während Lore die Karten verteilte. Keine sprach, als sie die Karten umdrehten und das Spiel von neuem begannen. Keine sagte ein Wort, als Ranka wieder gewann. Wieder mit demselben Blatt. Nur Taras leuchtend blaue Augen verdunkelten sich, als zöge in ihnen ein Sturm herauf, heftiger als der Wind draußen, während Lore die Karten mischte.

Regen klopfte gegen die Fensterscheiben, trommelte auf die Dachschindeln. „Sollte das nicht schneien oder hageln?“, brummelte Tara, aber keine von ihnen blickte auf, keine von ihnen sagte ein Wort. Sie spielten.

Immer wieder gewann Ranka.

Immer wieder mit vier Totenköpfen und einer Sonne.

Nach der 573. Runde stand Lore auf und holte den Veilchenschnaps aus dem Schrank. In der Stimmung, in der sie war, hätte sie auch gleich aus der Flasche getrunken – aber da waren noch die beiden anderen, da hieß es Anstand wahren. Sie nahm also drei der kleinen Gläser aus dem Schrank und schob die Tür mit einem Fuß zu. Zurück am Tisch schenkte sie die Gläser randvoll. Schweigend leerten sie sie alle auf einen Zug.

Tara stellte ihr Glas leise ab. „Das ist nicht mehr komisch.“

„Allerdings.“ Lore schubste ihr Glas in einem Zickzackmuster über die Tischplatte. Ranka blockierte es mit einer türkisen Stiefelspitze.

„Kommt schon. Ihr gebt dem doch nicht wirklich irgendeine Bedeutung! Es sind nur Karten.“

Lore goss die Gläser erneut voll. „Wir sollten es zumindest in Betracht ziehen.“

Sie tranken und knallten gleichzeitig die leeren Gläser auf den Tisch. Ranka wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Ihr wisst, was passiert, wenn wir sie zu früh wecken.“

„Aber wenn wir zu lange warten …“ Tara klopfte mit dem Glas auf dem Tisch herum. Tok, tok, tok, tok, mischte sich das Geräusch unter den Regen, der immer noch gegen die Fensterscheiben schlug und auf das Dach prasselte. „Hört sich das da draußen für euch nach Winter an?“

Lore starrte zum Fenster. „Könnte auch eine List sein.“ Sie hob fragend die Flasche. Die anderen beiden nickten. Der Schnaps brannte süßlich-scharf in ihren Kehlen. Tara schlenderte zum Fenster hinüber. Die dicken, welligen Scheiben boten einen verzerrten Blick ins Draußen.

„List oder nicht – wir müssen eine Entscheidung treffen.“ Sie fuhr die Bahnen der hinab rinnenden Tropfen nach. Als könnte ihr das dabei helfen. „Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal Eisblumen?“

„Keine Ahnung.“ Lore füllte glucksend die Schnapsgläser auf.

Ranka kippte ihres mit geschlossenen Augen. „Können wir nicht erstmal auf Erkundung gehen?“ Sie schob Lore ihr leeres Glas hin.

„Ranka, Liebes, ich weiß, du bist neu – verhältnismäßig neu“, lenkte Lore ein, nachdem Ranka die Füße in den türkisen Stiefeln auf den Boden knallte, „– aber auch du kennst Regel Nummer eins. Wenn wir da zur Tür hinausgehen, gibt es kein Zurück, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.“

„Und um die Schlacht zu gewinnen“, fuhr Tara fort, die inzwischen die Stirn an die kühle Fensterscheibe gelegt hatte, „müssen wir sie wecken.“ Sie drehte sich zu den beiden anderen um. „Also, wer geht dieses Mal?“

„Ranka hat alle Spiele gewonnen.“ Lore blickte auf das letzte siegreiche Blatt, auf die grinsenden Totenköpfe und die hell glänzende Sonne.

„Wäre es nicht fairer, wenn wir jede eine Karte ziehen und die höchste muss –“

„Was jetzt?“, fuhr Lore dazwischen. „Glaubst du plötzlich doch, die Karten könnten eine Bedeutung haben?“

„Quatsch.“ Sie wischte mit einer türkisen Stiefelspitze über den Boden.

„Du bist die Neue, du gehst.“ Tara kam zum Tisch zurück und leerte ihr Glas, grinste, als wäre damit alles entschieden. „Ab mit dir. Ihre miese Laune beim Aufwachen hat noch keine umgebracht.“

„Und meine Vorgängerin?“

Tara und Lore tauschten einen Blick, den Ranka auch nach ein paar hundert Jahren noch immer nicht zu deuten wusste.

„Sollen wir?“

„Wirklich? Ich meine, wir wollten …“

Sie seufzten synchron und sagten dann ebenso synchron: „… wenigstens bis zu deinem 1000. Dienstjubiläum warten.“ Lore kratzte sich am Hinterkopf. Tara übernahm das Auffüllen der Schnapsgläser. „Auf die Wahrheit.“

„Und die ist?“

„Deine Vorgängerin war“, begann Lore, doch dann schüttelte sie den Kopf, gestikulierte Tara, dass sie fortfahren sollte.

„Eine Deserteurin.“ Tara verzog das Gesicht, als hätte das Wort ihren Mund schlimmer verbrannt als der Schnaps. „Daher die miese Laune der Chefin. Hat nix mit dir persönlich zu tun.“

„Ich dachte, das hier wäre ein Job für die Ewigkeit …?“

Lore zuckte mit den Schultern. „So lautet die Dienstbeschreibung. Deswegen hat uns das ja auch alle so aus dem Gleichgewicht geworfen.“

„Immerhin ging es den anderen drei Garden nicht viel besser.“ Tara schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie sie sonst längst endgültig unterlegen wären. Von der Wintergarde waren sogar zwei desertiert, in zwei aufeinander folgenden Jahrhunderten. Mit dem Ersatz war allerdings nicht zu spaßen. „Genug davon.“ Sie holte das vierte Glas aus dem Schrank. „Du gehst sie wecken, wir polieren die Schwerter und bereiten die Gesänge vor. Mit Winter sind wir noch immer fertig geworden! Das wäre doch gelacht.“ Sie riss die andere Schranktür auf, warf Lore das erste Schwert zu. Die fing es mit leichter Hand.

„Ab nach oben mit dir!“ Lore deutete mit der Schwertspitze auf Ranka und zwinkerte ihr zu. „Wirst sehen, in ein paar tausend Jahren schenkt sie dir nach dem Wecken auch ein Lächeln.“

Ranka hatte da so ihre Zweifel, aber sie stürmte ohne weitere Widerworte die Treppe hinauf.

Phantastischer Montag: Opfer

Und wieder ist Montag – phantastischer Montag! Im Februar heißt unser Thema „Narrenmond“, eine alte Bezeichnung für den Monat Februar, wie auch: Hornung, Schmelzmond, Taumond, Rebmond. Vor der Christianisierung wurden im Februar die Dämonen des Winters vertrieben – und das ist natürlich eine wunderbare Inspirationsquelle für ein paar phantastische Stories zum Wochenstart. 😉

Den Anfang macht Carola Wolff mit ihrer Geschichte: Opfer

 

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂

Phantastischer Montag: … und danke für den Fisch!

„Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?“

„Nee, es werden wirklich mehr.“

Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). „Die will doch nur wieder schnorren“, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.

„Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …“

Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.

Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.

„Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.“

„Die Arme.“

Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)

„Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.“

Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)

Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hin muss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.

Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.

Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, das sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.

„Na, kommst du mit?“

Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tappsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.

Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen‘.

Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.

Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.

Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.

Phantastischer Montag: Talking to Bastet

 

 

 

Dienstag ist auch noch sowas wie Montag – oder? Falls nicht: Die Zeitreise lohnt sich auf jeden Fall und das Lesen von C.A. Raavens Geschichte „Talking to Bastet“ sowieso! Gestern hat er seine Geschichte zu unserem Thema „Beantworte die Fragen deiner Katze“ veröffentlicht. Also: rüberspringen, lesen, kommentieren. 😉

(Und nächsten Montag ist dann meine Geschichte dran …)

Phantastischer Montag: Beantworte die Fragen deiner Katze

Und es geht los! #phantastischermontag
Heute gibt es die erste Geschichte: „Das Kätzchen der Apokalypse“ von Carola Wolff – und so fängt sie an:

„Ich bin die Macht, die eure sogenannte Zivilisation auslöschen wird“, sagte das Kätzchen. „In zehn Minuten, um genau zu sein. Willst du noch was erledigen, irgendwelche letzten Telefonate oder so? Dann ist jetzt die beste Gelegenheit.“

Zum Weiterlesen einfach hier klicken. 😉