Phantastischer Montag: Tante Krähe

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante Käthe, Tante Krähe, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante Käthes Kräuterladen fühlte sie sich von Anfang an zuhause.

Also war sie jetzt den ganzen Tag lang bis in die Dunkelheit hinein einer Krähe gefolgt. Die war nie vor ihr geflüchtet, hatte sogar höflich gewartet, wenn sie mit ihren Armen und Beinen und eben ohne Flügel Dächer und Mauern nicht so schnell hinauf kam. Mancher Sprung von einem Dach zu einem anderen war waghalsig gewesen — aber nie unmöglich. Auch darauf schien die Krähe stets geachtet zu haben. Nun hockte sie auf einer Stange über einer Kneipentür und blinzelte zu ihr hinunter.

Du willst jetzt aber nicht, dass ich da zu dir hochkomme, oder?“ Elyf sah zu dem grau-schwarzen Vogel hinauf. Die Krähe schüttelte leicht ihre Flügel und senkte den Kopf, als wollte sie mit dem Schnabel auf das Namensschild der Bar deuten, das unter ihr an der Stange baumelte. Crow-Bar.

Sehr witzig“, murmelte Elyf. Sie zupfte an ihrer Hose, ihrer Lederjacke, ihrem Hemd, die alle etliche Schrammen und Risse aufwiesen von ihrer Kletterei. An ihren Fingerknöcheln brannten mehrere Abschürfungen. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Die fühlten sich nicht einmal mehr nach Frisur an. Daran war sie allerdings selbst schuld. Insgesamt sah sie sicherlich eher aus wie nach einer durchzechten Nacht in einer Bar, Kneipenschlägerei inklusive, und nicht wie eine, die sich bislang nicht einmal aus ihrem Viertel gewagt hatte.

Wahrscheinlich sah sie auch nicht aus wie eine, die nach genau dieser Bar gesucht hatte. Elyf trat ein paar Schritte zurück. Die Krähe krächzte vorwurfsvoll. Elyf blickte hektisch nach allen Seiten um sich. Aber sie war nach wie vor allein in der Gasse. Zumindest soweit sie das im gelblich-trüben Licht der Laternen erkennen konnte.

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt, die strenggenommen nicht ihre Tante war. Elyfs Eltern hatten sie jedes Mal missmutig aus dem Kräuterladen gezerrt, wenn sie das mitbekamen. Später verzogen sie zwar immer noch missmutig die Miene, wenn sie den Satz hörten, doch Elyf war längst kein Kind mehr, das sich irgendwo wegzerren ließ. Sie seufzte. Offenbar war sie auch nicht Frau genug, einfach diese Bar zu betreten.

Und die Krähe hockt schließlich auch davor und nicht drinnen, argumentierte sie stumm und unter dem heftigen Pochen ihres Herzens.

Die Tür wurde von innen aufgestoßen. Mit dem Licht schwappten Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren hinaus auf die Gasse, dicht gefolgt von zwei eng umschlungenen Gestalten. Und als hätte die Krähe das stumme Argument ihrer Angst gehört, flog sie mit einem lauten Krächzen mitten in das Licht und den Lärm hinein. Hinter ihr schlug die Tür wieder zu. Die zwei eng umschlungenen Gestalten schlenderten durch Stille und Dunkelheit davon, schickten ab und an ein leises Lachen in die Nacht, das verklang, als sie am Ende der Gasse um eine Ecke verschwanden.

Elyf zog die Jacke enger um sich. Wärmer wurde ihr davon nicht.

Folge der Krähe, hörte sie Tante Käthes Stimme in ihrem Kopf. Und es schien ihr schwieriger, als Hauswände hinaufzuklettern und über die Abgründe zwischen Dächern zu springen. Ja, sie würde jetzt lieber diesen gesamten Weg noch einmal auf sich nehmen, statt eine Hand auf den Messinggriff dieser Tür zu legen und sie aufzuziehen. Sie blickte sich sogar nach einer Krähe um. Aber natürlich tat ihr keine den Gefallen, genau jetzt und genau hier zu erscheinen, damit sie ihr anderswohin folgen könnte.

Was wohl die drinnen von der Krähe hielten?

Vielleicht war es für sie gar nicht ungewöhnlich, dass eine Krähe in die Bar flog. Vielleicht war es nur ungewöhnlich, dass die Krähe allein kam. Vielleicht sollte sie ihr endlich folgen und ihr die Peinlichkeit ersparen, ohne Begleitung dort drinnen zu hocken. Elyf strich sich durch die Haare, zog an den Ärmeln ihrer Lederjacke, die immer noch nicht groß genug werden wollte, dass sie sich ganz darin verkriechen könnte.

Sie konnte immer noch umdrehen. Irgendwie würde sie schon einen Weg zurück in bekannte Gefilde der Stadt finden. Sie musste nur lange genug durch die Gassen irren, bis die wieder breiter wurden, bis wieder Droschken und Straßenbahnen fuhren, die sie zurückbringen würden. Zu ihren Eltern. Wo sie das alles vergessen müsste. Die Krähen. Tante Käthe. So tun als ob. Bis als ob alles andere wegdrängte. Tante Käthe. Die Krähen. Sie selbst.

Ihre Kehle fühlte sich wund an und zu eng zum Schlucken. Elyf zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Noch einmal. Und wieder. Und wieder. Elyf legte beide Hände um den Messinggriff. Ihr Herz pochte so laut, als wollte es ihre Ohren von innen sprengen. Atmen, befahl sie sich mit Tante Käthes Stimme. Ihr Brustkorb dehnte sich vor Luft, als könnte ihr ganzer Körper leicht werden und Krähenflügel sie wegtragen. Elyf öffnete die Tür.

… Fortsetzung folgt!

(Im September lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song Crowbar – von Frank Carter & the Rattlesnakes – inspirieren. Was dabei noch entstanden ist, könnt ihr bei Carola Wolff: Braves Mädchen, C.A. Raaven: Future is Now und bei Alexa Pukall: Das Krähennest nachlesen.)

Phantastischer Montag: Die Trösterei

Sie war tatsächlich schon unzählige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entzündeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.

Es ist ein Zauber, hatte Drew erklärt. Er schlägt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.

Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tatsächlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.

Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinwänden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Gebäuden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.

Da, wo er am stärksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugefügt: Du wirst schon sehen.

Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zwölfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der köstliche, verräterische Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen legt sich wie ein wärmender Mantel um sie. Trügerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tröstereien zum Verhängnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen Störung der Totenruhe verhaftet. Die Trösterin wanderte für mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorräte wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Trösterei für immer versiegelt.

In solchen Fällen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und nächtelang über der Stadt, drang durch alle Tür- und Fensterritzen in die Häuser. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zurück. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Trösterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du hättest wirklich etwas präziser sein können, Drew, nörgelte sie und wünschte sich zugleich Drew würde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.

Ihre Flügel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie möglich nach hinten aus, schüttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-röstig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann – Aja blinzelte.

War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine Täuschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem beständigen Glühen aus tausenden von Lichtfäden entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja lächelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den Füßen auf den Kopf gestellt und wieder auf die Füße.

Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz saß. Natürlich tat es das. Der willkommene Duft der Trösterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Glühfäden tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen Körper, strich über Hände, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.

In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine rußgeschwärzte Pfanne über die Flammen, in der röstende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu spät. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Trösterin zuschauen konnte, ließ sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.

Die Trösterin blickte sie über das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne näher zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf tönte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Geräusch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte.

Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die Länge. Fast hätte sie die Augen wieder geöffnet. Aber die Trösterin würde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemzügen.

Irgendwann berührten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie ließ zu, dass die Trösterin ihre Hand führte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie spürte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.

Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-heiß über ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begrüßung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr über Wangen und Augenlider.

Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren türkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als müsste sie sich erst einmal davon überzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Tara blinzelte noch einmal, dann lächelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als würde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter Körper davon erfüllt war. Tara breitete Arme und Flügel aus und Aja stürzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, berührten sich, drückten Arme wie Flügel umeinander, hüllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem Rücken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.

Aja drückte sich an Tara, hüllte sie in ihre Flügel, sog das Glühen ihres Körpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit flüsterten sie miteinander, erzählten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Flüstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen – bis Ajas Flügel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. „Ich komme wieder“, wisperte sie in die Stille.

 

(Unsere Geschichten für den phantastischen Montag sind im August von dem Song „Still“ von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: Das Internet der Dinge von Carola Wolff, Karmukation von C.A. Raabe, Himmelsblau von Alexa Pukall. Schönes Lesen!)

Phantastischer Montag: Die Feuerdrach

Ein lautes Räuspern ließ mich zusammenschrecken. „Was?“, murrte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den üblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also würde ich die Helligkeit da draußen einfach ignorieren.

Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti’run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel — etwas verspätet — auf, dass ich sie mit meiner mürrischen Frage zu einem Gespräch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.

Ti’run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht stärker als ich. Sie räusperte sich erneut und ließ von der Decke ab. „Du bist denen da draußen noch eine Geschichte schuldig.“ Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.

Ich schulde niemandem gar nix.“ Und überhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erzählen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was für Ti’run kein Argument sein würde. Also setzte ich nach: „Wer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.“

Falsch.“ Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. „Ich bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererzählen, dann musst du die Geschichte erzählen.“

Ich beschloss, dass ich mich verhört haben musste. Oder ich träumte das alles. Hier unter der Bettdecke war schließlich alles möglich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht — Ti’runs Stimme blieb hartnäckig.

Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte wäre zu Ende erzählt.“

Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti’run mich jetzt schon bis in meine Träume oder ich war doch wach. Das Ergebnis würde dasselbe bleiben. Sie gäbe keine Ruhe, bis ich die Geschichte erzählte, die sie hören wollte. „Du hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt“, versuchte ich es trotzdem. „Nicht welche Geschichte sich damit verbindet.“

Aber jetzt will ich es wissen.“ Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Knäuel auf meiner Brust lag.

Hast du es bequem?“ Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus ließ mich im Stich.

Du doch auch.“ Ti’run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein dürfte. „Und jetzt erzähl.“

Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erzählen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond läge — aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte.

Ich atmete tief durch und hörte Ti’runs empörtem Protest zu, als sich ihre Liegefläche hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erzählen:

 

Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar für unsere Augen. Nichts hält sie auf, nichts schränkt sie ein.

Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.

Sie grüßte den Mond. Doch für ihn war ihr Feuer zu heiß.

Sie grüßte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.

Schließlich grüßte sie die Erde und fand das flüssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie ließ etwas von ihrem Feuer hineinfließen. Die brodelnde Hitze strömte durch die Schichten der Erde, drängte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, versprühte ihr Feuer weit und fern, floss in reißenden Strömen die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.

Die Feuerdrach spürte alles, was ihr Feuer berührte. Wie die Hände einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger über die Berge, liebkoste ihre Hänge und Täler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Grünen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.

Erst die Meere kühlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert über diese nassen, neuen Wesen. Während sie tiefer und tiefer hineinsank, kühlte über ihr das Land allmählich ab, nährte einen neuen Boden.

Aber das kümmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese kühle Flüssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erfüllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.

Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die Töne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die Töne glucksten, brummten, lachten, krächzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.

Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.

Im Wasser geboren, aus flüssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gewärmt, von Sternenstaub geküsst.

Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, spürt auch heute noch alles, was Drachenflammen berühren. Und so ist sie nicht länger einsam.

 

Ein tiefer, wohliger Seufzer ertönte auf meiner Brust. „Na bitte“, brummte Ti’run, „geht doch.“ Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, während ich verwundert weiterträumte.

 

(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song „I Am The Fire“ von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff Die Königin der Welt , C.A. Raaven Don’t , Alexa Pukall … Link folgt nächste Woche. Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!)

Phantastischer Montag: Vielleicht noch nicht

Nasra breitete ihre Flügel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten grün-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Blättern klang wie schäumende Wellen beim Überschlag. Nasra ließ die Flügel sinken, schmiegte sie an ihren Rücken.

Rot schimmerte zwischen den Blättern hervor, wenn der Wind sie auseinanderriss. Dunkles, leuchtendes Rot, das sie samtig auf ihren Wangen spürte. Küsse wie Blütenblätter. Wie Rizas leises Lachen, das mit dem Regen auf sie hinabgetropft war. Das Lachen und die Küsse hatten sie beide vor allem geschützt.

Sie hatten sich betrunken an strahlend blauen Himmeln und den Wolken hinterher gestarrt, sich geschworen, ihnen zu folgen. Eines Tages, hatten sie einander zugeflüstert, irgendeines Tages. Manche Tage hatten sie nichts anderes getan, als hinter den Rosenbüschen im Gras zu liegen, zu beobachten, wie der Tag in die Nacht verschwand, hatten der Dunkelheit gelauscht, die ihre Schwingen ausbreitete und den Mond entblößte, alles weich machte und silbrig-grau. Und wenn der Mond den Himmel den Sternen überließ, hatten sie in das Dunkel zwischen den Lichtfunken geblickt, tiefer und weiter als jedes Meer.

Riza malte Regenbögen auf Häuserwände, zog sie über rissigen Asphalt und trübe Mauern. Sie spiegelten sich in den Pfützen, nachdem sie vom Himmel schon lange wieder verschwunden waren. Und Riza tupfte Farbkleckse auf jede Haut, machte sie alle bunt. Und manche lächelten. Andere wischten die Farbe eilig ab. Manchen malte sie bunte Flügel auf den Rücken, wenn sie geduldig genug dafür waren.

Manche, wenige, lernten zu fliegen.

Manchmal, oft, wollten andere ihnen die Flügel ausreißen.

Und wenn die Angst zu groß wurde, dachte Nasra an ihre Heimat. Irgendwo hinter den Wolken, wo die Schwingen der Nacht sich über den Tag ausbreiteten. Wohin nur sie gehen konnte.

Nasra breitete die Flügel aus. Aber sie flog nicht den Wolken hinterher oder in die Dunkelheit zwischen den Sternen. Sie flog über die Wipfel des Meerwaldes, folgte den roten Tupfen im Grün, folgte den Regenbögen auf dem grauen Asphalt und wusste genau, wen sie an ihrem Ende finden würde. Denn noch war kein Ende, noch konnten Küsse wie Blütenblätter, wie Regen, sie schützen, und noch konnte sie ein wenig länger bleiben. Vielleicht auch lang.

 

(Im Mai lassen wir uns von dem Song „What a Wonderful World“ in der Version von Louis Armstrong inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im Mai findet ihr bei: Carola Wolff mit Wonderful World, C. A. Raaven mit Wahltag und Alexa Pukall mit Der Schneckenbändiger. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Friedhof der Verschwundenen

Die letzte Nacht vor unserem Aufbruch schliefen wir auf unseren Gräbern. Wir alle hatten Lurin mit den Grabsteinen geholfen. Noch heute werden sie an den Kopfseiten unserer leeren Gräber stehen, auf jedem Stein ein Name und ein Datum. Ein Ort. Wo wir geboren wurden. Von wo wir aufbrachen. Das Datum unserer Geburt.

Noch einmal hatten wir Lichter auf die Gräber der Gestorbenen gestellt. Sie leuchteten heller als die Sterne. Sie brannten still, denn in jener Nacht schwieg sogar der Wind. Wir lauschten, hofften auf ein letztes Wispern der Toten, die wir verlassen mussten. Als wir die Stille nicht länger aushielten, flüsterten wir miteinander, erzählten die alten Geschichten. Von dem Meerbaum, den Nary vor zweihundertfünfzig Jahren in der Mitte des Ortes, der damals gerade aus fünf Hütten bestand, gepflanzt hatte und in dem wir alle unsere ersten Klettererfahrungen gemacht hatten. Von dessen Krone aus der Blick in eine Richtung bis zu den Bergen reichte und in eine andere bis zum fernen Meer. Schlossen wir die Augen, klang der Wind in den Blättern wie das Rauschen von Wellen. Das hatten uns die Älteren erzählt, die schon einmal dort gewesen waren. Wir leckten an den Blättern und schmeckten das Salz des Meeres.

Wir erzählten uns von dem Jahr, in dem wir alle unsere Häuser blau strichen, weil das die einzige verfügbare Farbe war. Als spazierten wir durch den Himmel, sagten die ganz Alten in jenem Jahr. Als lebten wir im Meer, sagten die etwas Jüngeren, während Sonne und Wetter die Farbe vom ewig gleichen Blau der Hauswände je nach Standort in Abstufungen ausbleichte, verdunkelte, abblättern ließ.

Von den langen Tagen, in denen alles im Ort nach Feuerflachs roch, weil wir ernteten. Sogar das Wasser, mit dem wir uns spät am Abend wuschen, duftete danach. Das Rascheln der geschnittenen Halme, wenn sie zu Boden fielen, geleitete uns in jenen Nächten in unsere Träume, ihr erdig-rauer Geruch umhüllte unseren Schlaf.

Der Geruch von Asche und Staub begleitete uns lang, als wir am frühen Morgen aufbrachen. Die Flammen der Kerzen auf den Gräbern waren bleich, nur noch als Flackern zu sehen im früh-harschen Licht. Wir trugen kaum etwas mit uns. Ein paar Samen von Feuerflachs, die wir vor den Flammen gerettet hatten. Wir hüllten uns in unsere Erzählungen, dort wo unsere Kleider uns nicht mehr wärmten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rani, Nurin, Flux, Linnis und Yaella kannten nur die alten Erzählungen, als sie zum ersten Mal in den Ort kamen. Die Zerstörung und das Morden waren längst weitergezogen. Sie gingen an dem Friedhof entlang, der sich vor den Ruinen des Ortes ausbreitete. Die Gräber besuchen wir später, sagten sie einander. Der Wind strich durch verlassene Räume, die nackt unter der Sonne lagen. Doch sie hielten die Blicke auf die blauen Ziegel gerichtet, die aus einigen Schutthaufen hervorblitzten. Schau, sagten sie, die müssen aus den Jahren stammen, als sie im Himmel wohnten und durchs Meer spazierten.

Sie suchten sich einen Pfad durch verloren gegangene Wege, durch Asche und Schutt und die Ranken der Pflanzen, die sich dazwischen hervorschoben, dem Grau weitere Farbtupfer liehen. Durch die Lücken zwischen den Ruinen sahen sie wild wuchernden Feuerflachs, wo früher die Felder gewesen sein mussten. Die tiefsten Wurzeln hatten überlebt und jetzt stand der leuchtend rot-orange Flachs höher als die Reste der Hauswände. Es stimmt, sagten sie einander, hier sind seine Farben kräftiger. Und sie erahnten schon die Gerüche der Ernte, die hier auch kräftiger sein würden, sehnten sich schon jetzt nach den mit frischem Feuerflachs gestopften Matratzen, nach dem erdig-rauen Geruch, der sie in ihren Schlaf geleiten und ihre Träume umhüllen würde.

Sie fanden den Stumpf des Meerbaums, der den Jüngsten unter ihnen bis zu Schultern und den Älteren bis zu den Hüften reichte. Sie legten ihre Hände auf die von Flammen zerfressene Rinde. Sie strichen über die zarten Blätter der Triebe, die sich aus dem Stumpf emporstreckten. Als sie die Augen schlossen, meinten sie das Rauschen von Wellen zu hören. Vielleicht haben die Alten recht gehabt, sagten sie einander, vielleicht reichen seine Wurzeln bis zum Meer. Ihre Fingerspitzen schmeckten ganz leicht nach Salz.

Sie sammelten die blauen Ziegel auf und trugen sie zum Friedhof. In das Blau ritzten sie all die Namen der Orte, in die sie damals gegangen waren, sowie die Namen der Orte, aus denen sie heute kamen, und sie betteten die Steine in die Erde neben dem Tor. Die Grabsteine, auf denen die Namen der Verschwundenen standen, ließen sie unberührt. Ihre Gräber blieben leer. Nur ihre Erzählungen kehrten zurück.

 

(Im April lassen wir uns von dem Song „Old Churchyard“ von Wailin‘ Jennys inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im April könnt ihr bei Carola Wolff First Date, C. A. Raaven Bevor ich schlafen kann und Alexa Pukall Am Kirchhof lesen.)

Phantastischer Montag: Vom Suchen und vom Finden

(Wenn du dir die Geschichte lieber vorlesen lässt, einfach ganz nach unten scrollen, da gibt es sie zum Anhören. Viel Vergnügen – ob beim Lesen oder Hören!)

 

Es ist vielleicht ein Märchen. Oder auch eine wahre Geschichte. Vielleicht ist es beides. Das entscheidest du.

Es begann mit Verzweiflung, wird sie sagen, solltest du ihr jemals begegnen. Und wenn du dich dann verwundert umschaust und dich fragst, wie irgendwer an diesem Ort verzweifelt sein kann, wird sie sagen: Ich war ja damals nicht von hier. Und bevor du dich jetzt fragst, wie das sein kann, lass mich von vorn anfangen. Keine Fragen mehr. Keine Unterbrechungen. Hör mir einfach zu.

Und du wirst ihr zuhören. Natürlich. Wie könntest du auch anders?

Ich habe das Rezept gefunden. Ich meine, ich wünschte manchmal immer noch, ich könnte sagen, es wäre ein altes Familienrezept. Aber die Art von Familie waren wir nicht. Also nicht in meiner Ursprungsfamilie. Das Rezept lag in einer Truhe eines Drachenhorts. Ich hatte davon gehört. Und es gehört so weit ins Reich des Raunens und Wisperns, dass es nicht einmal in Märchen und Legenden aufgeschrieben war.

Ich meine, über Drachen gibt es immerhin Erzählungen, ganze Bücher. Auch wenn nur noch wenige von uns an ihre Wahrheit glauben. Ich konnte nicht einmal herausbekommen, welches Gericht dieses Rezept beschrieb. Mal hieß es schlicht eine Süßspeise, dann wieder eine Art fruchtiges Brot — oder auch etwas vollkommen anderes. Nur in der Wirkung waren sich all die gewisperten Gerüchte einig. Und deswegen machte ich mich auf die Suche danach, als ich flüchten musste.

Ich wusste ja ohnehin nicht wohin. Nichts wartete auf mich. Keine Person. Keine Aufgabe. Aber da ich irgendwohin musste, konnte ich auch auf die Suche gehen, sagte ich mir. Was passt schließlich besser zu einer Verstoßenen als eine obskure Suche?

Ich dachte mir, wenn ich auf Fragen nach meiner Herkunft und den Grund meines Umherziehens mit dieser Suche antwortete, werden mir keine weiteren Fragen gestellt. Wer spricht schon gern mit Verrückten? Und ich hatte recht. So musste ich nie meine Geschichte erzählen. So blieb ich für mich.

Nun ja, zumindest eine lange Zeit. Als ich genug Gerüchte, halb gemurmelte Wahrheiten, ausschließlich mündlich bewahrte Erinnerungen gesammelt hatte, um wenigstens eine Idee davon zu haben, in welcher Gegend ich nach dem Rezept suchen musste, änderte sich etwas. Ich begriff zunächst nicht wie. Oder warum.

Aber eines späten Abends irrte ich immer noch auf der Suche nach einem Gasthof mit einem freien Zimmer durch einen Ort, da schloss sich eine Katze mir an. Mal lief sie neben mir her, mal verschwand sie auf ein Dach, dann war sie wieder vor mir und fauchte, wenn ich ihrem eingeschlagenen Weg nicht folgte. Also folgte ich ihr.

Irgendwann bog sie in eine Gasse ein, in der nicht einmal mehr Laternen leuchteten. Alle Fenster waren dunkel. Der Wind schlug uns entgegen, als wollte er uns warnen. Die Katze kümmerte das alles nicht. Sie blieb vor einer Tür stehen. Dem einzigen Haus, an dem ein Licht brannte. Das gelbliche Licht der Laterne fiel auf ein Schild, das sachte im nachlassenden Wind quietschte, während es vor und zurück schaukelte. LA CERISE.

Die Katze blickte zu mir hoch, dann kratzte sie an der Tür. Und ich dachte nur, wo ich schon mal hier bin, kann ich auch nach einem Bett fragen.

Chérie!, rief die Wirtin, als wir eintraten. Die Katze rieb sich an ihren Beinen, schnurrte laut, dann lief sie den Tresen entlang zu einem Teller, der offenbar für sie bereitstand. Ich war ebenso abgeschrieben wie die Wirtin.

Sie hatte ein Zimmer frei. Auf ihre Fragen erzählte ich meine übliche Geschichte in Erwartung eines ungestörten Abends. Aber kaum war ich fertig, sagte sie, da müssen Sie mit Leana sprechen. Sie zeigte auf eine einsame Gestalt am Kamin. Bevor ich ablehnen konnte, schob sie mich auch sogleich dorthin, stellte mich neben dem Kamin ab. Hier ist noch so eine wie du, Leana, sagte sie. Und damit ließ sie uns allein.

Sonst wären wir wohl nie miteinander ins Gespräch geraten. Sonst hätten wir am nächsten Morgen niemals diese Suche gemeinsam fortgesetzt.

Und so erlebte ich, dass eine Suche nicht zwingend einsam machen muss. Als hätte dieser erste Zusammenschluss einen Bann gebrochen, schlossen sich uns bald andere an.

Es war eine schleichende Entwicklung. Ich glaube, wir merkten es anfangs alle nicht. Aber wir begannen, unsere Einsamkeit aufzugeben. Eines Tages merkten wir, dass wir einander vertrauten. Wir vertrauten uns Dinge an. Nicht sofort alles — gerade ich brauchte lange, bis ich von meiner größten Scham erzählte. Dem Grund für meine Suche.

Wenn ich kreierte, was dieses Rezept beschrieb, wenn ich mit meiner Familie davon aß, würde ich vielleicht liebenswert für sie. Vielleicht nähmen sie mich zurück.

Niemand von uns Suchenden verlachte mich deswegen. Wir hatten alle unsere Gründe, waren Verstoßene, Verlassene, Vereinsamte. Wir hatten alle eine Hoffnung. Als wir schließlich gemeinsam dem Drachen Eirèhc gegenübertraten, hatten wir alle unsere Gründe geteilt.

Der Drache war gewaltig. Mit einem Tatzenhieb hätte Eirèhc uns alle zusammen aus seiner Höhle und ins Meer fegen können. Es wäre nicht einmal eine Anstrengung für ihn gewesen. In Eirèhcs Nüstern tanzte Feuerschein. Seine großen Augen glitzerten wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Aber alles, was Eirèhc von uns verlangte, war eine Geschichte.

Eine wahre Geschichte, betonte er. Dann könnten wir uns etwas aus all seinen Schätzen aussuchen.

Also erzählten wir ihm davon, wie wir einsam aufgebrochen waren, wie die Suche uns zusammengeführt hatte und schließlich hierher in seine Höhle.

Der Drache seufzte und blickte uns lange an. Wozu braucht ihr noch das Rezept, fragte er schließlich. Wir schwiegen verblüfft. Der Drache schmunzelte. Oh, ihr müsst mir nicht antworten, und ich stehe zu meinem Wort. Mit einer seiner Hintertatzen stemmte er eine Truhe am fernen Ende der Höhle auf. Es liegt da drin. Nehmt es mit, wenn ihr wollt.

Wir sahen einander an. Wir waren so weit gekommen — warum sollten wir so kurz vor dem Ziel aufgeben? Wir nahmen also das Rezept. Der Drache klappte die Truhe wieder zu. Eins noch, sagte Eirèhc, seid so gut und verratet meine Höhle nicht. Und ein Letztes: Kommt gelegentlich wieder und erzählt mir eine neue Geschichte.

Wir versprachen es.

Wir waren ganz aufgeregt, als wir zu unserem Lagerplatz zurückkehrten. Wir lasen das Rezept, wir prägten es uns alle ein, wir lachten, wir planten, was wir jetzt tun, wohin wir nun wieder gehen würden. Der Abend zog herauf. Wir verstummten nach und nach, saßen schweigend um unser Feuer. Manche hatten die Köpfe aneinander gelehnt, manche hielten sich bei den Händen, manche rückten näher zusammen, bis ihre Schultern oder Beine sich berührten. Und am nächsten Morgen traten wir keine getrennten Wege an. Wir kehrten hierher zurück, zu LA CERISE. Die Kirsche, das passte schließlich zu unserem Rezept.

Wie sich herausstellte, freute die Wirtin sich über helfende Hände. Ebenso über die Bäckerei, die wir neben ihrem Gasthof eröffneten. Wir nannten sie LA TARTE. Aber das hast du ja beim Eintreten gesehen.

Am Ende, wird sie dann sagen, haben wir alle das Rezept nicht gebraucht, aber es hat uns zusammengebracht.

Wenn du durch den Ort gehst, wirst du eine Katze sehen, die sie im Gasthof, in der Bäckerei und in der Buchwerkstatt alle Chérie nennen. Sie fühlt sich dort überall zu Hause. Ihre großen Augen glitzern wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Und wenn du länger dort verweilst, wirst du hören, dass manche aus dem Dorf ab und an einen Drachen besuchen, um ihm eine Geschichte zu erzählen.

In der Bäckerei wird sie fragen, ob du den Kirschkuchen möchtest oder vielleicht doch lieber etwas, wonach du suchen kannst. Das entscheidest du.

 

Hier gibt es dir Geschichte auch zum Anhören (von mir selbst eingesprochen):

 

(Für den Februar lassen wir uns beim phantastischen Montag vom Song „Cherry Pie“ von Katzenjammer inspirieren. Den Auftakt machte Carola Wolff mit Sugar and Spice And All Things Nice. Christian Raaven hat die zweite Geschichte geschrieben: Schicksal à la Marta. Die dritte ist dann die oben von mir. Und den Abschluss macht Alexa Pukall mit: Zuckersüß
Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag im Januar 2021: What’s Up?

Im Januar 2020 haben wir (Alexa Pukall, Carola Wolff, Christian Raaven und ich) mit dem Projekt #phantastischermontag begonnen und hatten so viel Freude daran, dass wir 2021 damit weitermachen. Es gibt also weiterhin jeden Montag eine phantastische Geschichte zum Wochenstart, dieses Mal inspiriert von Songs, die wir mögen. Der Januar hat heute schon seine letzte Geschichte hervorgebracht! Inspiriert hat uns zum Jahresauftakt „What’s Up“ von den 4 Non Blondes. Hier sind die Geschichten (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

Carola Wolff: Die Erfinderin
Christian Raaven: Charme, Schirm und Melone
Maike Stein: Ein Fünkchen Gelassenheit
Alexa Pukall: Der Begleiter

Viel Spaß beim Lesen!
Im Februar geht es weiter mit „Cherry Pie“ von Katzenjammer als Inspiration.

Phantastischer Montag: Ein Fünkchen Gelassenheit

(Wer Geschichten lieber hört, als selber liest, oder ergänzend gerne hört, oder, oder, oder … scrollt einfach schnell zum Ende des Textes: unter dem Bild gibt es die Möglichkeit, sich die Story vorlesen zu lassen. Kleine Warnung: Ich habe keine hochmoderne technische Ausrüstung, kein Studio oder ähnliches – ihr hört die Story einfach so, wie ich sie beim Lesen eingesprochen habe, Versprecher und ähnliches inklusive, wie bei einer Live-Lesung. 😉 Und jetzt wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und / oder Hören!)

 

Sag mal, ich weiß, du bist ein Drache, aber ich weiß nicht, ob du weiblich oder männlich bist …“

Muss ich mich da entscheiden?“

Nö, im Grunde nicht.“

Na prima.“

(Das darauf antwortende, etwas verzweifelte na prima behielt ich für mich und verfluchte meine Muttersprache mit ihrem Beharren auf Artikeln und Pronomen. Wie schrieb ich jetzt bitte über einen Drachen, ohne Gendermarker zu verwenden? Nicht mal diese Frage konnte ich ohne schreiben!)

Ti’run lugte mir über die Schulter und las mit. Natürlich. „Du siehst das zu eng. Nur weil deine Muttersprache darauf beharrt, der Drache zu sagen, muss ich mich ja noch lange nicht dieser Diktatur des Geschlechts unterordnen.“ Damit wandte er sie sich vom Bildschirm ab, schob einige Papiere und Notizbücher zur Seite, bis unter der Schreibtischlampe ein drachengroßer Platz frei war, seufzte und rollte sich im Lichtkreis der Lampe zusammen. Ich strich die zerknitterten Papiere glatt, sortierte sie kommentarlos zurück in die richtige Reihenfolge und fand einen neuen Ort für die Notizbücher.

Du darfst gern der Drache und sie schreiben“, merkte Ti’run an, ohne die Augen zu öffnen. „Das wird zwar manche verwirren, aber mich macht das glücklich.“

Auch eine Lösung, dachte ich und ging schnell die bereits geschriebenen Zeilen durch, um die entsprechenden Korrekturen vorzunehmen – es war nur eine. „Sehr schön“, murmelte ich beim Durchstreichen. Ti’run seufzte nur leise. Sie war eindeutig größer geworden während unseres Ausflugs in den Rauhnächten. Vorsichtig streckte ich meine Hand über dem kleinen Drachen aus.

Geh mir aus der Sonne“, knurrte sie.

Ich maß erst noch zu Ende. Ti’run war mindestens um das Dreifache gewachsen, seit ich sie zum ersten Mal in der Sockenschublade entdeckt hatte. Da hatte sie noch locker auf meine Handfläche gepasst. „Du hattest einen Wachstumsschub.“

Und?“ Ti’run blinzelte träge. „Hast du gedacht, Drachen würden nicht wachsen?“

Hatte ich das? Nicht wirklich. Nur … „Wie oft hast du solche Wachstumsschübe?“ Ich schaute mich in meiner – Entschuldigung: unserer — Wohnung um. Besonders groß war sie nicht.

Der kommt nur alle paar Dekaden.“ Ti’run reckte sich und schob mit den Hinterbeinen die Schreibtischlampe gefährlich nah an die Tischkante. Ich hatte den Lampenhals bereits gepackt, bevor ich auch nur darüber nachdachte — und verspürte nicht einmal den geringsten Groll, während ich die Lampe in Sicherheit brachte. Was war hier los? Ti’run hatte die Augen wieder geschlossen. „Du musst dir keine Sorgen machen, so schnell werde ich nicht zu groß für unsere Höhle.“ Sie ließ eine kleine Flamme vor ihrem Maul tanzen, löschte sie mit der Zunge aus, bevor sie Holz oder Papier oder etwas anderes brennbares erreichen konnte.

Oder auch: bevor ich mich aufregte. Wieso regte mich das nicht auf? Ich wusste genau, dass mich das vor wenigen Wochen noch hätte aufspringen und losschimpfen lassen. Aber jetzt? Jetzt war da nichts. Kein Schrecken. Kein Fünkchen Ärger über die drachische Sorglosigkeit. Keine Spur von Angst um meine Notizen. Letzteres machte mich dann doch — fast — besorgt.

Du tippst gar nicht mehr“, bemerkte Ti’run.

Ich denke.“

Aha.“

In unserem Schweigen klickten Ti’runs Krallen einen geruhsamen Rhythmus aufs Schreibtischholz. Ich tappte dazu mit den Fingerkuppen. Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick, tapp … Draußen schepperten Deckel auf Mülltonnen, ganz und gar unrhythmisch. Mussten die wirklich jetzt — klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick fing mich unser Rhythmus wieder ein. Tapp-tapp, klick, tapp — ich räkelte mich wohlig und erinnerte mich an meine schuppige Haut, die mich in den Rauhnächten vor der Kälte geschützt hatte, während wir zwischen den Sternen durch den dunklen Himmel geglitten waren. Ich war ein Winzling in dieser Weite gewesen und zugleich hatten meine Flügel allen Raum umspannt.

Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp — ich hatte keine Ahnung, wie weit wir geflogen waren. Wir wurden nie müde. Die Sterne raunten uns eine Melodie zu — oder vielleicht war das der Klang unserer Schwingen, der uns da etwas zusang, uns einhüllte, uns trug und beflügelte.

Ich atmete Nacht ein. Und als ich ausatmete, war es Tag.

Eine dichte Wolkendecke schirmte uns von der Welt ab. Die Sonne wärmte unsere Schuppen. Mich überkam wieder dieses Gefühl aus meiner Kindheit, als ich das allererste Mal Wolken von oben gesehen hatte (aus einem Flugzeug) und überzeugt war, dass dort Berge aus Zuckerwatte unter mir lägen, über die ich hüpfen könnte, wenn man mich nur ließe (natürlich ließ mich niemand). Vorsichtig streckte ich eine Pfote aus, um an einer Wolke zu kratzen. Sie war kühl — und ganz und gar nicht klebrig, nur ein Gewebe aus Luft und Wasser. Und noch mehr Gesang. Ich blickte auf.

Wir waren nicht mehr allein. Um uns herum war ein grün-golden-rot-blaues-silbrig-schwarz-türkises Funkeln und Blitzen und Glitzern. Flammen tanzten orange-gelb-rot aus Nüstern und Mäulern. Drachen, von kleiner als ein Füller bis groß wie ein Hochhaus umflogen uns, glitten über den Wolken dahin und unsere Flügel und Flammen bildeten ein Orchester. Wir besangen das Licht und sangen die Nacht herbei. Wir schickten den Sternen unsere Lieder und umkreisten den Mond.

Wir glänzten unter der Sonne und tauchten in den Wolken, um mit Eiskristallen und Tautropfen benetzt wieder aufzusteigen und unser Farbenmeer noch intensiver leuchten zu lassen. Ich wollte nie wieder umkehren.

Aber irgendwann erinnerte Ti’run mich sanft an die Schwerkraft, der ich hier oben bestimmt nicht ohne Flügel begegnen wollte. So sangen wir mit allen ein letztes gemeinsames Lied und stoben dann in alle Richtungen davon — aber nicht, ohne uns vorher zu versprechen: nächstes Jahr wieder. Ganz bestimmt.

 

(Im Januar lassen wir uns von dem Song WHAT’S UP von den 4 Non Blondes inspirieren. Die erste Story Die Erfinderin kommt von Carola Wolff, die zweite Schirm, Charme und Melone hat C. A. Raaven geschrieben, die dritte ist von mir, die vierte Story des Januars Der Begleiter stammt aus der Feder von Alexa Pukall.)

Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, kann das jetzt auch tun, genau hier:

Phantastischer Montag im Dezember

Im Dezember hieß unser Thema: Rauhnächte – und auch die letzten vier phantastischen Stories zum Wochenstart sind wieder so unterschiedlich geworden wie die  beteiligten Autor*innen sind. Nachlesen könnt ihr sie hier (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

 

 

 

 

 

Carola Wolff: Die wilde Jagd
C.A. Raaven: Rauyas erste Nacht
Maike Stein: Wenn der Winter beginnt
Alexa Pukall: Der Leuchtturm am Ende der Welt

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen – und einen guten Start ins neue Jahr! Eins kann ich jetzt schon versprechen: 2021 geht es weiter mit dem phantastischen Montag. 🙂

Phantastischer Montag: Wenn der Winter beginnt

„Ich hasse Weihnachten“, murmelte ich vor mich hin. Natürlich nicht leise genug für Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. „Kannst du damit mal aufhören?“, fragte ich – etwas lauter und ohne große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde. Zu meiner Überraschung landete der kleine blaue Drache, den ich vor einigen Monaten in meiner Sockenschublade (meiner Wohnhöhle, meinst du) entdeckt hatte, vor mir auf dem Schreibtisch. Genauer gesagt: meiner Tastatur. Was mich effektiv am Weiterarbeiten hinderte. Ti’run interessierte sich nicht für Deadlines. (Pausen sind wichtig. Du solltest mehr Pausen machen. Weißt du selbst.) Der kleine Drache machte es sich auf der Tastatur bequem. Ich konnte gerade noch Strg-S drücken, bevor Ti’run meine Finger sanft aus dem Weg schob.
„Was ist das mit diesem Weihnachten?“

„Religiöse Feiertage, die mit kapitalistischem Konsumterror einhergehen, der spätestens im Oktober startet und mit den Wochen immer nervtötender wird.“
„Aha.“ Ti’run strich mit einer Flügelspitze über die Tasten. yyyxxfffffffnnnnnnnnnnnnnn – ich stoppte ihn mit einem Finger. Statt mit der üblichen Empörung zu reagieren, wickelte Ti’run den Flügel um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Kraft. „Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte er, „aber es klingt, als könntest du eine Auszeit brauchen.“

Manchmal ist es schwer, kleinen Drachen zu widersprechen. Ich seufzte. Eine Auszeit klang zu verlockend. Vorsichtig hob ich meine Hand. Ti’run gab meinen Finger nicht frei und baumelte daran, schaukelte hin und her. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Gewicht. „Du solltest mal weniger Feuersteine essen“, sagte ich zu dem vor meinem Gesicht hin und her schwingenden Drachen.

„Ganz und gar nicht!“ Da war sie, die Empörung. „Dann würde ich ja auch weniger Feuer spucken!“

Ich betrachtete die angesengten Enden meiner Bleistifte, die schwarzen Löcher auf der Schreibtischplatte. So schlimm wäre das gar nicht. Aber das sagte ich nicht laut — dafür war Ti’run zu nah an meinen Haaren. Und mir gefielen auch die Blicke nicht, mit denen er die überall verstreut herumliegenden Papiere musterte. Rechnungen, Verträge, Bankauszüge, Manuskriptanfänge, halb geschriebene Briefe, Notizen zu noch mehr Geschichten als ich angefangene wie fertige Manuskripte hatte, Ideen, die einfach keine Ruhe geben wollten und mich genauso vorwurfsvoll anblickten wie die Mahnung für die GEZ-Gebühr. „Ja, ja“, murrte ich, „ihr kommt alle noch dran. Geduld.“

Ti’run stieß einen Seufzer aus – ohne Feuer – und gab meinen Finger frei. Ich starrte wieder auf den Bildschirm, versuchte nicht zu sehen, wie Ti’run auf dem gefährlich schwankenden Stapel Notizbücher neben meinem Laptop landete. Ich tippte vor mich hin, während er mit ausgestreckten Flügeln auf dem Notizbuchturm balancierte, bis der stillstand. Immerhin. Das war nochmal gutgegangen.

Ich tippte.
Es war verdächtig ruhig neben mir.
Ich tippte.

Immer noch kein Mucks. Ich tippte weiter und schielte kurz zur Seite. Keine Flammen. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Bildschirm zu. Wenn ich diese Stelle richtig hinbekam, konnte ich für heute beruhigt Schluss machen.
Ich tippte. Zögerte. Löschte. Fing von vorn an. Tippte. Besser. Etwas zumindest. Vielleicht. Na ja, oder –

Ein Windhauch streifte mein Ohr. „So kannst du das nicht schreiben.“
Toll. Ein Drache, der meiner inneren kritischen Stimme recht gab. Genau, was ich brauchte. Ti’run stieß sich von dem Notizbuchstapel ab, die Notizbücher ergossen sich über die Tastatur. Ti’run landete auf meiner Schulter.

Ich saß einfach da, die Finger unter Notizbüchern begraben und fragte mich, ob ich mir ein Büro leisten konnte. Oder wenigstens eine Wohnung mit einem abschließbaren Arbeitszimmer.

„So fühlt sich das nicht an“, schnaufte Ti’run an meinem Ohr.
Ich verschränkte die Arme. „Und wie fühlt es sich dann an?“
„Unbeschreiblich.“ Ti’run hob und senkte die Flügel. „Das musst du selbst erleben.“
Ich gab keine Antwort. Schließlich machte es keinen Sinn, sich das Unmögliche zu wünschen. Ich konnte allerdings auch nicht stillschweigen. Immerhin hatte ich hier ein Wesen auf meiner Schulter, das aus eigener Erfahrung wusste, wie sich das anfühlte. „Versuch es doch wenigstens mal, ja?“ Ich kraulte Ti’run am Hals, dort, wo der einen Knick machte. „Beschreib es mir.“

Der kleine Drache reckte den Hals und seufzte wohlig. Schnurrte. Und schüttelte dann meine Finger ab. Räusperte sich. „Ich kann es dir nur zeigen.“ Ti’run flog von meiner Schulter zurück auf den Schreibtisch, begann mit der Schnauze die Notizbücher von der Tastatur zu schubsen. Hastig räumte ich sie außer Reichweite von potentiellen Drachenflammen. „Du hast nämlich Glück“, fuhr Ti’run unbeeindruckt fort. „Heute beginnen die Rauhnächte.“
„Ich weiß.“

Der kleine Drache musterte mich mit schräg gelegtem Kopf. „Das bezweifle ich.“ Ti’run kratzte sich mit einer Kralle die Schuppen über den Augen. „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“

Ernsthaft? Ich bewahrte seit Monaten die Existenz eines kleinen Drachens in meiner Wohnung – wobei besagter Drache nicht gerade half (ich sage nur: Halloween). Und dann kam diese Frage?

Ich atmete tief durch und nickte. Ti’run starrte mich aus dunklen Augen an, bis die Stille mich zappelig machte. Kam jetzt die Ankündigung des Weltuntergangs? Nach diesem Jahr hielt ich das nicht einmal für absurd.

„Die Rauhnächte sind Drachennächte“, flüsterte Ti’run. Und schaute mich dann an, als wäre damit alles gesagt. Als müsste ich wissen, was das bedeutete. Ich schaute zurück.

Ein Seufzer, der den ganzen kleinen Drachenkörper erschütterte, hallte über den Schreibtisch. „Hast du ein Glück, dass ich Geduld mit dir habe. Also. Du musst dich für die nächsten zwölf Tage und Nächte bei allen abmelden, die dich womöglich treffen möchten. Dann musst du unsere gesamte Wohnhöhle für unsere Abwesenheit bereit machen. Und -“ Ti’run hob warnend eine Kralle, und ich schloss den Mund, schluckte meine Fragen. „Und du musst ein Fenster öffnen, damit wir hinaus und später wieder hinein kommen.“

„Weißt du, wie weit oben wir sind? Wo wollen wir überhaupt hin? Du weißt schon, dass das mit dem Reisen gerade nicht ange-“

„Wir fliegen“, unterbrach mich Ti’run und breitete die blau glänzenden Flügel aus. „Denn in den Drachennächten können Drachen, die mit Menschen zusammenleben, ihrem Menschen Drachengestalt geben.“

Ich schluckte. Und schluckte noch einmal. Zupfte an den Ärmeln meines Hemds. Schluckte. „Was? … wie?“

„Es klappt nur, wenn der Drache dem Menschen vertraut.“ Ti’run rollte sich neben meiner Tastatur zusammen. „Vorwärts. Du hast eine Menge zu tun.“

Ich musste erst noch ein paar Mal schlucken, bevor ich mich rühren konnte. Ein Autoresponder war schnell eingerichtet (Keine Sorge, wenn ich in den nächsten Tagen nicht antworte, befinde mich bis Anfang Januar im Schreibexil und bin daher offline). Zum ersten Mal überhaupt sprach ich einen Text für meine Mailbox ein (Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren kreativ und bin daher nicht erreichbar. Melde mich ab Januar zurück). Dann schaltete ich das Handy aus und fuhr den Computer hinunter.

Schon kam mir die Wohnung viel ruhiger vor. Ich drehte eine Runde, zog Stecker aus Steckdosen, versicherte mich, dass alle Wasserhähne zugedreht waren. Stellte die Heizung ab. Draußen dunkelte es bereits, aber hier drinnen brauchten wir kein Licht, weil vom S-Bahnhof gegenüber genug Helligkeit in die Wohnung strahlte.

Am Fenster zögerte ich. Wenn ich das jetzt öffnete, dann glaubte ich ernsthaft, dass ich die nächsten zwölf Tage und Nächte als Drache verbringen würde. Herzrasen reichte da als Wort gar nicht. Ich drehte den Fenstergriff und ließ die kühle Luft hinein.

Da draußen wartete die längste Nacht des Jahres auf uns.