Phantastischer Montag: Vielleicht noch nicht

Nasra breitete ihre Flügel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten grün-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Blättern klang wie schäumende Wellen beim Überschlag. Nasra ließ die Flügel sinken, schmiegte sie an ihren Rücken.

Rot schimmerte zwischen den Blättern hervor, wenn der Wind sie auseinanderriss. Dunkles, leuchtendes Rot, das sie samtig auf ihren Wangen spürte. Küsse wie Blütenblätter. Wie Rizas leises Lachen, das mit dem Regen auf sie hinabgetropft war. Das Lachen und die Küsse hatten sie beide vor allem geschützt.

Sie hatten sich betrunken an strahlend blauen Himmeln und den Wolken hinterher gestarrt, sich geschworen, ihnen zu folgen. Eines Tages, hatten sie einander zugeflüstert, irgendeines Tages. Manche Tage hatten sie nichts anderes getan, als hinter den Rosenbüschen im Gras zu liegen, zu beobachten, wie der Tag in die Nacht verschwand, hatten der Dunkelheit gelauscht, die ihre Schwingen ausbreitete und den Mond entblößte, alles weich machte und silbrig-grau. Und wenn der Mond den Himmel den Sternen überließ, hatten sie in das Dunkel zwischen den Lichtfunken geblickt, tiefer und weiter als jedes Meer.

Riza malte Regenbögen auf Häuserwände, zog sie über rissigen Asphalt und trübe Mauern. Sie spiegelten sich in den Pfützen, nachdem sie vom Himmel schon lange wieder verschwunden waren. Und Riza tupfte Farbkleckse auf jede Haut, machte sie alle bunt. Und manche lächelten. Andere wischten die Farbe eilig ab. Manchen malte sie bunte Flügel auf den Rücken, wenn sie geduldig genug dafür waren.

Manche, wenige, lernten zu fliegen.

Manchmal, oft, wollten andere ihnen die Flügel ausreißen.

Und wenn die Angst zu groß wurde, dachte Nasra an ihre Heimat. Irgendwo hinter den Wolken, wo die Schwingen der Nacht sich über den Tag ausbreiteten. Wohin nur sie gehen konnte.

Nasra breitete die Flügel aus. Aber sie flog nicht den Wolken hinterher oder in die Dunkelheit zwischen den Sternen. Sie flog über die Wipfel des Meerwaldes, folgte den roten Tupfen im Grün, folgte den Regenbögen auf dem grauen Asphalt und wusste genau, wen sie an ihrem Ende finden würde. Denn noch war kein Ende, noch konnten Küsse wie Blütenblätter, wie Regen, sie schützen, und noch konnte sie ein wenig länger bleiben. Vielleicht auch lang.

 

(Im Mai lassen wir uns von dem Song „What a Wonderful World“ in der Version von Louis Armstrong inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im Mai findet ihr bei: Carola Wolff mit Wonderful World, C. A. Raaven mit Wahltag und Alexa Pukall mit Der Schneckenbändiger. Viel Spaß beim Lesen!)

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