Phantastischer Montag im Mai

Im Mai haben wir uns den „Tag der verschwundenen Socke“ als Thema vorgenommen – und wieder sind dabei die unterschiedlichsten Geschichten herausgekommen. Nachlesen könnt ihr sie hier (in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Seine letzte Masche

C. A. Raaven: Worst Case Scenario

Maike Stein: Sockenfrieden

Alexa Pukall: Ein passendes Paar

#phantastischermontag: Vier Autor*innen, ein Thema, max. 1000 Wörter pro Geschichte (na ja, manchmal legen wir das sehr großzügig aus), Genre: Phantastik – und jeden Montag wird eine neue Geschichte veröffentlicht.

Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂

Phantastischer Montag: … und danke für den Fisch!

„Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?“

„Nee, es werden wirklich mehr.“

Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). „Die will doch nur wieder schnorren“, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.

„Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …“

Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.

Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.

„Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.“

„Die Arme.“

Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)

„Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.“

Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)

Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hin muss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.

Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.

Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, das sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.

„Na, kommst du mit?“

Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tappsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.

Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen‘.

Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.

Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.

Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.

Phantastischer Montag: Talking to Bastet

 

 

 

Dienstag ist auch noch sowas wie Montag – oder? Falls nicht: Die Zeitreise lohnt sich auf jeden Fall und das Lesen von C.A. Raavens Geschichte „Talking to Bastet“ sowieso! Gestern hat er seine Geschichte zu unserem Thema „Beantworte die Fragen deiner Katze“ veröffentlicht. Also: rüberspringen, lesen, kommentieren. 😉

(Und nächsten Montag ist dann meine Geschichte dran …)

Phantastischer Montag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab dem 06.01.2020 geht es los! Jeden Montag findet ihr dann eine phantastische Geschichte zum Wochenstart. Das Prinzip: Ein Thema, vier Autor*innen, vier phantastische Geschichten. Hier erklärt Carola Wolff das nochmal ausführlicher. Von ihr ist dann auch die erste Geschichte. Das Thema im Januar: Beantworte die Fragen deiner Katze. (Der 22. Januar findet sich als Datum zu diesem kuriosen Feiertag, den wir uns als Januar-Thema ausgesucht haben.)
Am zweiten Montag schreibt dazu dann C. A. Raabe, am dritten Montag übernehme ich und am vierten Montag des Monats gibt es eine Geschichte von Alexa Pukall. Und im Februar geht das Spiel dann – mit einem neuen Thema – von vorne los.

Ich bin schon sehr gespannt und wünsche allen viel Spaß beim Schreiben wie beim Lesen!

Drachenrose

(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. Es gibt jedes Mal ein paar wenige Vorgaben: die Zeile eines Weihnachtsliedes als Thema, das sich irgendwie in der Geschichte wiederfinden soll, sowie die Maximalanzahl von 1000 Wörtern, damit es übersichtlich bleibt. Das Thema dieses Jahr hieß: Es ist ein Ros‘ entsprungen. Im nachfolgenden meine Geschichte dazu.)

„Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

„Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

„Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

„Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

„Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

„Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, bunten Splittern überall auf dem Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.