Phantastischer Montag: Krähenschwestern

Sie waren seltener geworden diese Nächte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Geräusch lauschte. Und obwohl sie in diesen selten gewordenen Nächten wusste, dass sie hier sicher war, dass hier kein Geräusch eine Gefahr bedeutete, so hockte Elyf in jenen Nächten doch starr im Bett, bewegungsunfähig, bis endlich der Morgen die Nacht vertrieb, sie einen Finger heben konnte, einen zweiten, eine ganze Hand, die andere, sich schließlich ausstreckte und die Augen im heller werdenden Morgen schloss, einschlief.

Doch während es noch Nacht war, schien der Morgen unerreichbar. Auch dieses Mal. Sie presste die Arme um die Knie und starrte in die Dunkelheit. Die war so absolut, dass sie Schatten darin umherhuschen sah, undefinierbare Gestalten. Noch hielten sie Abstand. Doch die Stimmen in Elyfs Kopf waren ganz nah.

Halte still, wisperten sie.

Wenn du ganz still hältst, wenn du nicht einmal zitterst, wenn dein Atem deine Brust weder hebt noch senkt, wenn du nicht blinzelst, wenn du ganz, ganz, wirklich ganz still hältst, dann wird auch die Nacht stillhalten. Nichts wird geschehen, wenn du nur stillhältst.

Und Elyf hielt still. Kein unerwartetes Knacken ließ sie zusammenzucken, keine Stimme auf dem Flur herumfahren. Der Wind rüttelte am Fensterrahmen, strich ihr mit kalten Fingern über den Nacken. Aber es ist nur der Wind, nur der Wind, weil das Fenster nicht dicht ist, redete Elyf sich zu und rührte sich nicht. Der Wind wirbelte die Schattengestalten durcheinander. Elyf wagte nicht, sich noch enger zusammenzukauern, wagte nicht wegzuschauen.

Sie hielt still und mit ihr erstarrte die Nacht. Sie schloss sich eng um Elyf, die Hand eines Riesen, der seine Finger um sie schloss, bis sie sich gar nicht mehr rühren konnte, selbst wenn sie es gewagt hätte. Es waren kalte, schwere Finger.

Neue Stimmen kamen hinzu. Zischend. Wutbebend. Gewaltversprechend. Gedrängt. Gepresst. Hässlich. Kaum noch möglich, ein Zittern zu unterdrücken.

Meine Tochter wird nie zu denen gehören!

Leise, du weckst sie noch.

Ist die Tür abgeschlossen?

Das Rütteln an der Türklinke ließ die gesamte Tür ihres Kinderzimmers beben. Sie schlug gegen den Rahmen, gleich würde es krachen, die Tür zerbersten — still, halt still — Elyf kämpfte gegen den Schrei in ihrer Kehle, kämpfte gegen das Zittern, kämpfte gegen das Verlangen sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass die Tür hielt, dass dies heute und hier eine andere Tür war. Eine Tür, die weder krachte noch barst. Sie hielt still.

Wenn sie nur stillhielt, würde es vorbeigehen. Die Nacht würde irgendwann vorbeigehen. Auch diese. Die Schattengestalten umkreisten sie. Streiften sie. Stillhalten. Sie musste nur stillhalten. Auch wenn die Gestalten aus Dunkelheit ihr über die Haare strichen, über die Arme, über die Schultern, den Rücken — mit Schattenfingern, die wie Feuer brannten.

Irgendwann war es hell geworden. Elyf hatte sich zitternd ausgestreckt, erleichtert, weil sie jetzt schlafen durfte, weil sie die Nacht lang durchgehalten hatte. Auch im Schlaf zuckten ihre Arme und Beine, ihre Finger, sogar ihre Haarspitzen.

 

Später, Elyf wusste nicht, wann sie aufgewacht war, stolperte sie die Treppen hinunter von ihrem Zimmer in die Crow-Bar, in diesen Raum voller freundlicher Gesichter, die zu viel schienen nach dieser Nacht. Elyf eilte durch die Bar, bevor irgendwer sie ansprechen konnte, setzte sich an den Tresen.

Yra, die heute dahinter Dienst tat, blickte sie nur an, sagte nichts, aber schob ihr einen Becher Kaffee zu. Elyf hielt das Gesicht in den tröstenden Dampf, der daraus aufstieg. Sie atmete tief ein und wieder aus.

Eine dieser Nächte, was?“, fragte Yra ruhig.

Elyf fuhr auf. „Woher weißt du …?“

Yra sah sie nicht an, polierte weiter ein Glas mit einem nicht mehr ganz sauberen Handtuch, hielt es gegen das Licht einer Kerzenflamme, runzelte die Stirn und polierte eine Stelle nach. „Wenn eine mittags mit diesem Blick zum Frühstücken kommt …“ Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Ton blieb genauso ruhig wie ihre Hände, als sie das Glas zurück ins Regal stellte und nach dem nächsten griff. „Jede hier hat ihre Geschichte.“ Sie deutete mit dem Kinn in den Raum voller Krähenschwestern. „Und wir alle kennen diese Nächte.“

Wird es besser?“, fragte Elyf, ohne das Gesicht aus dem Kaffeedampf zu heben. „Gehen sie irgendwann ganz weg?“

Vielleicht.“ Yra warf das Handtuch zielsicher in einen Eimer und nahm sich ein frisches. „Ich kann die Angst in solchen Nächten inzwischen vertreiben, wenn es mir gelingt, mich zu wandeln. Hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich das konnte.“ Sie rieb weiter an dem längst funkelnden Glas herum. „Wenn ich mir lange genug zurede, mir immer wieder sage, dass ich in der sicheren Gegenwart bin, dann kann ich irgendwann die Finger aus dieser Starre lösen, kann mein Tattoo berühren, mich wandeln.“ Yra stellte das Glas weg und zog mit einem Finger einen Kreis um das Krähentattoo an der Unterseite ihres Handgelenks. „Jede kleine Bewegung hilft. Versprochen.“ Sie stützte die Hände auf den Tresen, sah Elyf aus ihren dunklen Augen an. „Du wirst das hinbekommen. Gib dir Zeit.“ Yra machte ein Zeichen Richtung Küche. Gleich darauf stand eine Schüssel voll warmer, dicker Suppe vor Elyf. Yra reichte ihr einen Löffel. „Das beste Frühstück nach einer dieser Nächte“, sagte sie nachdrücklich. „Iss.“

Elyf tauchte den Löffel ein. Es kam ihr gar nicht in den Sinn zu widersprechen. Und eine bessere Suppe hatte sie nie zuvor gekostet. Sie schmeckte nach Zuversicht und nach Zuhause.

(Im November lassen wir uns bei @phantastischermontag von dem Song „Kid Fears“ der Indigo Girls inspirieren. Die anderen Geschichten könnt ihr nachlesen bei: Carola Wolff Bella Ella, bei C. A. Raaven Kinderspiel und nächste Woche dann auch bei Alexa Pukall … Link folgt!)

Phantastischer Montag: Vielleicht

Elyf öffnete die Tür.

Der erste Blick hinein war eine Enttäuschung. Nur wenige Schritte hinter der Tür versperrte ein schwerer schwarzer Vorhang die Sicht. Obwohl eben noch den zwei eng umschlungenen Gestalten Licht und Gelächter gefolgt waren, als sie die Bar verließen. Jetzt lag da nichts als Dunkelheit. Elyf zögerte.

Vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet. Vielleicht war sie noch immer zu Hause, eingesperrt für die Nacht. Vielleicht lag sie in ihrem Bett — oder versteckte sich darunter — oder hatte sich in ihren Schrank verkrochen. Vielleicht hatte sie ihren Ausbruch nur geträumt.

Vielleicht hatte sie wie immer die Augen so fest zusammengekniffen, bis sie Dinge sah, die nicht da waren. Eine Krähe zum Beispiel. Auf dem Fensterbrett. Als sie den Vorhang beiseite geschoben hatte, weil da dieses klack-klack-klack war, unaufhörlich tönte.

Und da war die Krähe gewesen, außen an ihrem Fenster, und hatte gegen ihre Scheibe gepickt.

Oder eben auch nicht. Denn sie bildete sich Dinge ein. Sagten ihre Eltern. Dinge, die nicht da waren. Dinge, die nicht sein durften.

Vielleicht hatte sie sich auch Tante Käthe mit ihrem Kräuterladen eingebildet. Vielleicht war sie nie dort gewesen sondern immer nur hier in ihrem Zimmer, in der Dunkelheit. Vielleicht hatte Tante Käthe nie zu ihr gesagt: Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe.

Denn wer sagte so etwas schon. Und wer tat so etwas, einer Krähe folgen.

Vielleicht hatte sie sich also die Krähe eingebildet, war der eingebildeten Krähe nur in Gedanken durch die Stadt gefolgt, denn wer folgte schon einer Krähe, welche Krähe wartete schon höflich, bis ein Mensch ihr auf Dächer hinterherkletterte und über Abgründe zwischen Häusern hinterhersprang.

Vielleicht lag sie also in ihrem Bett und die Fensterscheibe in ihrem Zimmer war nicht gesprungen, nicht zerschlagen, die Haut an ihren Händen nicht aufgerissen, die Krähe ihr nicht vorangeflogen und sie ihr nicht hinterhergeklettert und -gesprungen und -gerannt.

Vielleicht war dieser Luftzug an ihrem Rücken nur einer, der durch die Ritzen neben den Fenstern kroch. Vielleicht schlief sie und träumte. Vielleicht träumte sie und war wach.

Vielleicht

Mach die Tür hinter dir zu, wenn du reinkommen willst“, ertönte eine Stimme vor ihr.

Elyf zog die Tür zu.

Klack. Sie fiel ins Schloss.

Klack. Ein Licht schien vor ihr auf.

In dem Lichtkegel saß eine Frau auf einem Barhocker. Sie saß vor dem schweren schwarzen Vorhang. Haare wie Federn fielen ihr bis auf die Schultern, flossen darüber und verschwanden dahinter.

Klack. Klack. Klack, tappte sie mit einem grau lackierten Fingernagel auf das Holz des Barhockers. „Was willst du hier?“

Wenn sie sprach, tanzten tintenschwarze Federn auf ihren Wangen, auf jeder Seite eine, tief in die Haut geprägt.

Elyf starrte in das Licht, starrte auf die Frau, starrte, während ihre Gedanken sich übereinanderschoben, die Worte sich verhaspelten, bis kein einziges mehr einen Sinn ergab.

Klack. Klack. Klack. „Du bist mir hierher gefolgt. Jemand hat dich also erkannt. Sag einfach, was du willst, und ich lasse dich herein.“ Das Klacken unterlegte ihre Worte und setzte sich in der Stille fort.

Klack. Klack. Klack.

Vielleicht stand sie immer noch in ihrem Zimmer, am Fenster, vielleicht pickte die Krähe immer noch mit ihrem Schnabel gegen die Glasscheibe. Und wenn Elyf lange genug dort stand, würde irgendwann das erste graue Morgenlicht die Dunkelheit vertreiben. Irgendwann würde die Sonne aufgehen, irgendwann würde der Schlüssel im Türschloss quietschend und knackend gedreht, und die Nacht wäre vorbei.

Klack. Klack. Klack.

Die Krähe flöge fort.

Klack. Kla-

Ich will nie wieder zurück!“

Das lässt sich einrichten“, sagte die Krähe.

Wie flatternde Flügel schwang der Vorhang zu beiden Seiten auf. Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren schwappten Elyf entgegen. Der Raum war weit und lag unter der Decke eines hellen Sommerabendhimmels. Links von ihr streckte sich ein langer Tresen, streckte sich und streckte sich und Elyf konnte sein Ende nicht erspähen. Ihre nackten Füße sanken sanft in warmen, weichen Sand. Musik umspülte sie wie leichte Wellen, getragen von Stimmen, rau und nah und fern und vertraut.

Sie wusste, wo sie war, ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein.

Manche tanzten, manche gestikulierten und redeten, manche lachten, manche sahen sich still lächelnd um, manche hüpften in Krähengestalt über den Sand, manche flogen auf, wirbelten herum, schneller und wilder und schneller, bis ihre Gestalt verschwamm, bis ihr Flügelschlagen stoppte und sie taumelnd und lachend in einem Wirbel langer dunkler Federhaare zum Stehen kamen, die Arme wie zur Balance weit ausgestreckt.

Komm.“ Die Krähenfrau, die am Eingang auf sie gewartet hatte, nahm sie bei der Hand. Elyf folgte ihr, wie sie ihr schon durch die ganze Stadt gefolgt war.

Sie blieben erst vor einem hohen, pyramidenförmigen Zelt stehen.

Wellen liefen über den Strand, leckten an Elyfs Zehen, liefen langsam zurück ins Meer. Aus dem Zelt drang ein leises Klack-klack-klack.

Die Krähenfrau hielt sie an einer Schulter fest. „Letzte Möglichkeit umzukehren“, sagte sie so leise, dass das Rauschen der Wellen sie fast übertönte. „Du kannst eine von uns sein. Oder du schließt die Augen, und ich bringe dich zurück.“

Klack. Klack. Klack.

Elyf bohrte die Zehen in den feuchten Sand. Das Wasser floss kühl-warm über ihre Fußrücken, kitzelte ihre Knöchel. Die Salz-getränkte Luft strich über ihre Wangen, prickelte an ihren aufgeschürften Händen. Haare wie Federn streiften ihre Arme. Sie blinzelte nicht einmal. Sie schloss ihre Augen nicht. Sie schlug die Zeltwände zurück und trat hinein. Der Duft getrockneter Kräuter küsste sie auf die Wangen, legte sich um ihre Schultern.

Endlich“, begrüßte sie Tante Käthe. „Ich habe fast schon befürchtet, wir hätten dich verloren. Setz dich.“ Sie klopfte neben sich auf den Boden.

Elyf ließ sich an ihrer Seite nieder. Vor Tante Käthe stand ein Glasbehälter mit dunkler Tinte. Daran lehnte ein Holzstab mit einer scharf abgeknickten Spitze. Tante Käthe schloss eine Hand um einen glatten, runden Stein. „Du gehörst schon jetzt zu den Krähen“, sagte sie. „Du hast bei uns deinen Platz, solange du bleiben willst.“

Für immer, wollte Elyf antworten, doch Tante Käthe hob ihre freie Hand, bedeutete ihr noch kurz zu schweigen und zuzuhören. „Wenn du auch deine Krähengestalt und deine Flügel möchtest, musst du deine Zeichnung annehmen.“ Sie tippte auf den Holzstab.

Elyf dachte an die wirbelnden Gestalten, dachte an die Krähe, die ihr vorausgeflogen war, dachte an die Dunkelheit in ihrem Zimmer. Ihre Antwort stand längst fest und sie gab sie mit leichter Stimme.

Klack. Klack. Klack. Mit jedem Tropfen Farbe, der unter ihre Haut floss, spürte Elyf ihre Federn wachsen, hörte immer lauter das Rauschen des Windes unter ihren Flügeln.

(Das war die versprochene Fortsetzung zur Geschichte Tante Krähe aus dem letzten Monat. Im Oktober lassen wir uns beim phantastischen Montag inspirieren von dem Song „Alison Hell“ (Annihilator) – und wieder sind dabei ganz unterschiedliche Geschichten entstanden … lest selbst bei: Carola Wolff Untergrund, C. A. Raaven Black Rabbit, Alexa Pukall – folgt noch -)

Phantastischer Montag: Die Trösterei

Sie war tatsächlich schon unzählige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entzündeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.

Es ist ein Zauber, hatte Drew erklärt. Er schlägt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.

Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tatsächlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.

Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinwänden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Gebäuden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.

Da, wo er am stärksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugefügt: Du wirst schon sehen.

Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zwölfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der köstliche, verräterische Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen legt sich wie ein wärmender Mantel um sie. Trügerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tröstereien zum Verhängnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen Störung der Totenruhe verhaftet. Die Trösterin wanderte für mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorräte wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Trösterei für immer versiegelt.

In solchen Fällen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und nächtelang über der Stadt, drang durch alle Tür- und Fensterritzen in die Häuser. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zurück. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Trösterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du hättest wirklich etwas präziser sein können, Drew, nörgelte sie und wünschte sich zugleich Drew würde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.

Ihre Flügel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie möglich nach hinten aus, schüttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-röstig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann – Aja blinzelte.

War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine Täuschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem beständigen Glühen aus tausenden von Lichtfäden entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja lächelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den Füßen auf den Kopf gestellt und wieder auf die Füße.

Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz saß. Natürlich tat es das. Der willkommene Duft der Trösterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Glühfäden tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen Körper, strich über Hände, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.

In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine rußgeschwärzte Pfanne über die Flammen, in der röstende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu spät. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Trösterin zuschauen konnte, ließ sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.

Die Trösterin blickte sie über das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne näher zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf tönte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Geräusch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte.

Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die Länge. Fast hätte sie die Augen wieder geöffnet. Aber die Trösterin würde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemzügen.

Irgendwann berührten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie ließ zu, dass die Trösterin ihre Hand führte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie spürte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.

Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-heiß über ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begrüßung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr über Wangen und Augenlider.

Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren türkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als müsste sie sich erst einmal davon überzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Tara blinzelte noch einmal, dann lächelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als würde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter Körper davon erfüllt war. Tara breitete Arme und Flügel aus und Aja stürzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, berührten sich, drückten Arme wie Flügel umeinander, hüllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem Rücken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.

Aja drückte sich an Tara, hüllte sie in ihre Flügel, sog das Glühen ihres Körpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit flüsterten sie miteinander, erzählten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Flüstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen – bis Ajas Flügel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. „Ich komme wieder“, wisperte sie in die Stille.

 

(Unsere Geschichten für den phantastischen Montag sind im August von dem Song „Still“ von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: Das Internet der Dinge von Carola Wolff, Karmukation von C.A. Raabe, Himmelsblau von Alexa Pukall. Schönes Lesen!)

Phantastischer Montag: Die Feuerdrach

Ein lautes Räuspern ließ mich zusammenschrecken. „Was?“, murrte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den üblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also würde ich die Helligkeit da draußen einfach ignorieren.

Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti’run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel — etwas verspätet — auf, dass ich sie mit meiner mürrischen Frage zu einem Gespräch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.

Ti’run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht stärker als ich. Sie räusperte sich erneut und ließ von der Decke ab. „Du bist denen da draußen noch eine Geschichte schuldig.“ Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.

Ich schulde niemandem gar nix.“ Und überhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erzählen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was für Ti’run kein Argument sein würde. Also setzte ich nach: „Wer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.“

Falsch.“ Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. „Ich bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererzählen, dann musst du die Geschichte erzählen.“

Ich beschloss, dass ich mich verhört haben musste. Oder ich träumte das alles. Hier unter der Bettdecke war schließlich alles möglich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht — Ti’runs Stimme blieb hartnäckig.

Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte wäre zu Ende erzählt.“

Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti’run mich jetzt schon bis in meine Träume oder ich war doch wach. Das Ergebnis würde dasselbe bleiben. Sie gäbe keine Ruhe, bis ich die Geschichte erzählte, die sie hören wollte. „Du hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt“, versuchte ich es trotzdem. „Nicht welche Geschichte sich damit verbindet.“

Aber jetzt will ich es wissen.“ Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Knäuel auf meiner Brust lag.

Hast du es bequem?“ Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus ließ mich im Stich.

Du doch auch.“ Ti’run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein dürfte. „Und jetzt erzähl.“

Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erzählen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond läge — aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte.

Ich atmete tief durch und hörte Ti’runs empörtem Protest zu, als sich ihre Liegefläche hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erzählen:

 

Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar für unsere Augen. Nichts hält sie auf, nichts schränkt sie ein.

Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.

Sie grüßte den Mond. Doch für ihn war ihr Feuer zu heiß.

Sie grüßte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.

Schließlich grüßte sie die Erde und fand das flüssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie ließ etwas von ihrem Feuer hineinfließen. Die brodelnde Hitze strömte durch die Schichten der Erde, drängte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, versprühte ihr Feuer weit und fern, floss in reißenden Strömen die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.

Die Feuerdrach spürte alles, was ihr Feuer berührte. Wie die Hände einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger über die Berge, liebkoste ihre Hänge und Täler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Grünen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.

Erst die Meere kühlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert über diese nassen, neuen Wesen. Während sie tiefer und tiefer hineinsank, kühlte über ihr das Land allmählich ab, nährte einen neuen Boden.

Aber das kümmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese kühle Flüssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erfüllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.

Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die Töne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die Töne glucksten, brummten, lachten, krächzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.

Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.

Im Wasser geboren, aus flüssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gewärmt, von Sternenstaub geküsst.

Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, spürt auch heute noch alles, was Drachenflammen berühren. Und so ist sie nicht länger einsam.

 

Ein tiefer, wohliger Seufzer ertönte auf meiner Brust. „Na bitte“, brummte Ti’run, „geht doch.“ Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, während ich verwundert weiterträumte.

 

(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song „I Am The Fire“ von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff Die Königin der Welt , C.A. Raaven Don’t , Alexa Pukall … Link folgt nächste Woche. Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!)

Phantastischer Montag: Vielleicht noch nicht

Nasra breitete ihre Flügel aus. Aber dann machte sie den Fehler. Sie drehte sich um. Und dort lag die ganze Welt. Die Baumwipfel neigten sich, schwankten grün-silbrig flirrend wie eine ganzes Meer, und das Rauschen des Windes in den Blättern klang wie schäumende Wellen beim Überschlag. Nasra ließ die Flügel sinken, schmiegte sie an ihren Rücken.

Rot schimmerte zwischen den Blättern hervor, wenn der Wind sie auseinanderriss. Dunkles, leuchtendes Rot, das sie samtig auf ihren Wangen spürte. Küsse wie Blütenblätter. Wie Rizas leises Lachen, das mit dem Regen auf sie hinabgetropft war. Das Lachen und die Küsse hatten sie beide vor allem geschützt.

Sie hatten sich betrunken an strahlend blauen Himmeln und den Wolken hinterher gestarrt, sich geschworen, ihnen zu folgen. Eines Tages, hatten sie einander zugeflüstert, irgendeines Tages. Manche Tage hatten sie nichts anderes getan, als hinter den Rosenbüschen im Gras zu liegen, zu beobachten, wie der Tag in die Nacht verschwand, hatten der Dunkelheit gelauscht, die ihre Schwingen ausbreitete und den Mond entblößte, alles weich machte und silbrig-grau. Und wenn der Mond den Himmel den Sternen überließ, hatten sie in das Dunkel zwischen den Lichtfunken geblickt, tiefer und weiter als jedes Meer.

Riza malte Regenbögen auf Häuserwände, zog sie über rissigen Asphalt und trübe Mauern. Sie spiegelten sich in den Pfützen, nachdem sie vom Himmel schon lange wieder verschwunden waren. Und Riza tupfte Farbkleckse auf jede Haut, machte sie alle bunt. Und manche lächelten. Andere wischten die Farbe eilig ab. Manchen malte sie bunte Flügel auf den Rücken, wenn sie geduldig genug dafür waren.

Manche, wenige, lernten zu fliegen.

Manchmal, oft, wollten andere ihnen die Flügel ausreißen.

Und wenn die Angst zu groß wurde, dachte Nasra an ihre Heimat. Irgendwo hinter den Wolken, wo die Schwingen der Nacht sich über den Tag ausbreiteten. Wohin nur sie gehen konnte.

Nasra breitete die Flügel aus. Aber sie flog nicht den Wolken hinterher oder in die Dunkelheit zwischen den Sternen. Sie flog über die Wipfel des Meerwaldes, folgte den roten Tupfen im Grün, folgte den Regenbögen auf dem grauen Asphalt und wusste genau, wen sie an ihrem Ende finden würde. Denn noch war kein Ende, noch konnten Küsse wie Blütenblätter, wie Regen, sie schützen, und noch konnte sie ein wenig länger bleiben. Vielleicht auch lang.

 

(Im Mai lassen wir uns von dem Song „What a Wonderful World“ in der Version von Louis Armstrong inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im Mai findet ihr bei: Carola Wolff mit Wonderful World, C. A. Raaven mit Wahltag und Alexa Pukall mit Der Schneckenbändiger. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Friedhof der Verschwundenen

Die letzte Nacht vor unserem Aufbruch schliefen wir auf unseren Gräbern. Wir alle hatten Lurin mit den Grabsteinen geholfen. Noch heute werden sie an den Kopfseiten unserer leeren Gräber stehen, auf jedem Stein ein Name und ein Datum. Ein Ort. Wo wir geboren wurden. Von wo wir aufbrachen. Das Datum unserer Geburt.

Noch einmal hatten wir Lichter auf die Gräber der Gestorbenen gestellt. Sie leuchteten heller als die Sterne. Sie brannten still, denn in jener Nacht schwieg sogar der Wind. Wir lauschten, hofften auf ein letztes Wispern der Toten, die wir verlassen mussten. Als wir die Stille nicht länger aushielten, flüsterten wir miteinander, erzählten die alten Geschichten. Von dem Meerbaum, den Nary vor zweihundertfünfzig Jahren in der Mitte des Ortes, der damals gerade aus fünf Hütten bestand, gepflanzt hatte und in dem wir alle unsere ersten Klettererfahrungen gemacht hatten. Von dessen Krone aus der Blick in eine Richtung bis zu den Bergen reichte und in eine andere bis zum fernen Meer. Schlossen wir die Augen, klang der Wind in den Blättern wie das Rauschen von Wellen. Das hatten uns die Älteren erzählt, die schon einmal dort gewesen waren. Wir leckten an den Blättern und schmeckten das Salz des Meeres.

Wir erzählten uns von dem Jahr, in dem wir alle unsere Häuser blau strichen, weil das die einzige verfügbare Farbe war. Als spazierten wir durch den Himmel, sagten die ganz Alten in jenem Jahr. Als lebten wir im Meer, sagten die etwas Jüngeren, während Sonne und Wetter die Farbe vom ewig gleichen Blau der Hauswände je nach Standort in Abstufungen ausbleichte, verdunkelte, abblättern ließ.

Von den langen Tagen, in denen alles im Ort nach Feuerflachs roch, weil wir ernteten. Sogar das Wasser, mit dem wir uns spät am Abend wuschen, duftete danach. Das Rascheln der geschnittenen Halme, wenn sie zu Boden fielen, geleitete uns in jenen Nächten in unsere Träume, ihr erdig-rauer Geruch umhüllte unseren Schlaf.

Der Geruch von Asche und Staub begleitete uns lang, als wir am frühen Morgen aufbrachen. Die Flammen der Kerzen auf den Gräbern waren bleich, nur noch als Flackern zu sehen im früh-harschen Licht. Wir trugen kaum etwas mit uns. Ein paar Samen von Feuerflachs, die wir vor den Flammen gerettet hatten. Wir hüllten uns in unsere Erzählungen, dort wo unsere Kleider uns nicht mehr wärmten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rani, Nurin, Flux, Linnis und Yaella kannten nur die alten Erzählungen, als sie zum ersten Mal in den Ort kamen. Die Zerstörung und das Morden waren längst weitergezogen. Sie gingen an dem Friedhof entlang, der sich vor den Ruinen des Ortes ausbreitete. Die Gräber besuchen wir später, sagten sie einander. Der Wind strich durch verlassene Räume, die nackt unter der Sonne lagen. Doch sie hielten die Blicke auf die blauen Ziegel gerichtet, die aus einigen Schutthaufen hervorblitzten. Schau, sagten sie, die müssen aus den Jahren stammen, als sie im Himmel wohnten und durchs Meer spazierten.

Sie suchten sich einen Pfad durch verloren gegangene Wege, durch Asche und Schutt und die Ranken der Pflanzen, die sich dazwischen hervorschoben, dem Grau weitere Farbtupfer liehen. Durch die Lücken zwischen den Ruinen sahen sie wild wuchernden Feuerflachs, wo früher die Felder gewesen sein mussten. Die tiefsten Wurzeln hatten überlebt und jetzt stand der leuchtend rot-orange Flachs höher als die Reste der Hauswände. Es stimmt, sagten sie einander, hier sind seine Farben kräftiger. Und sie erahnten schon die Gerüche der Ernte, die hier auch kräftiger sein würden, sehnten sich schon jetzt nach den mit frischem Feuerflachs gestopften Matratzen, nach dem erdig-rauen Geruch, der sie in ihren Schlaf geleiten und ihre Träume umhüllen würde.

Sie fanden den Stumpf des Meerbaums, der den Jüngsten unter ihnen bis zu Schultern und den Älteren bis zu den Hüften reichte. Sie legten ihre Hände auf die von Flammen zerfressene Rinde. Sie strichen über die zarten Blätter der Triebe, die sich aus dem Stumpf emporstreckten. Als sie die Augen schlossen, meinten sie das Rauschen von Wellen zu hören. Vielleicht haben die Alten recht gehabt, sagten sie einander, vielleicht reichen seine Wurzeln bis zum Meer. Ihre Fingerspitzen schmeckten ganz leicht nach Salz.

Sie sammelten die blauen Ziegel auf und trugen sie zum Friedhof. In das Blau ritzten sie all die Namen der Orte, in die sie damals gegangen waren, sowie die Namen der Orte, aus denen sie heute kamen, und sie betteten die Steine in die Erde neben dem Tor. Die Grabsteine, auf denen die Namen der Verschwundenen standen, ließen sie unberührt. Ihre Gräber blieben leer. Nur ihre Erzählungen kehrten zurück.

 

(Im April lassen wir uns von dem Song „Old Churchyard“ von Wailin‘ Jennys inspirieren. Die anderen Geschichten zum phantastischen Montag im April könnt ihr bei Carola Wolff First Date, C. A. Raaven Bevor ich schlafen kann und Alexa Pukall Am Kirchhof lesen.)

Phantastischer Montag: Auf dem Heimweg

Sie muss daran glauben, dass Nala da ist, wenn sie heimkommt. Alles andere macht keinen Sinn. Oder: Anders macht alles keinen Sinn. Sie wird den Weg zwischen den alten Kastanienbäumen entlanggehen, wenn die weiß-rosa Blüten im Mondlicht glänzen. Der Wind wird sanft sein und doch einige der Blüten von den Zweigen pflücken, sie durch die Luft wirbeln, bis er sie der Schwerkraft nicht länger entreißen kann. Die Blüten werden zu Boden tanzen und ihr Duft wird sie auf dem Heimweg begleiten.

Noch umgibt sie der Geruch von Erschöpfung, lärmen Gelächter und müde-erleichterte Stimmen in ihren Ohren, während Bierkrüge aneinander klirren – wieder und wieder. Der erdige Geruch des Biers legt sich über den metallischen des trocknenden Blutes, den sauren Schweiß des zu langen Kampfs.

Sie haben überlebt. Aber nur gerade so. Sie streicht sich über die glatte Kopfhaut. Wie ungewohnt diese Form noch immer ist. Ein wenig länger noch. Geduld, Geduld, Geduld. Doch die fällt schwer, wenn zu Hause so nahe liegt.

Kira ihr gegenüber hebt den Bierkrug. „Auf unsere Käpt’n, die im Kampf nie müde wird und jetzt aussieht, als würde sie mit offenen Augen schlafen!“ Gutmütiges Gelächter mischt sich in das Klirren der Krüge. Auch sie hebt ihren, zwingt die Mundwinkel nach oben.

Auf ein langes Ausschlafen!“ Sie prostet Kira zu, stößt mit allen an und wünscht sich, sie könnte jetzt endlich, endlich gehen. Aber sie muss bleiben, bis die Letzten sich zum Aufbruch entschließen. So gehört sich das als Käpt’n. So erwarten sie es von ihr. So wie sie auch diese Gestalt von ihr erwarten. Diese Gestalt, die ihr nach all den Tagen und Nächten längst zu eng ist, unter der alles juckt und kribbelt und hinausdrängt, hinaus, hinaus, hinaus.

Aber noch entschließt sich niemand zum Aufbruch. Nur Sinej schwankt leicht vor und zurück. Sorgsam stellt er seinen Bierkrug ab, als bräuchte er dafür seine volle Konzentration. Er löst die Hand vom Krug und sinkt langsam vornüber. Gerade noch kann er die Arme auf dem Tisch verschränken, den Kopf abfedern, der sonst auf die Holzplatte geknallt wäre. Schon heben und senken sich seine Schultern in tiefen Atemzügen. Xia neben ihm schüttelt den Kopf, aber sie macht keinen Versuch, den Schläfer zu wecken.

Und so untermalt Sinejs leises Schnarchen ihren Umtrunk, von dem sich noch immer niemand verabschieden will. Wenn dieses Kribbeln und Jucken, diese Unruhe nicht in ihr wären, würde sie die Gesellschaft sogar genießen. Wenn, wenn, wenn. Wenn du nicht mehr kannst, dann renn, haben sie ihnen als Kindern eingeprägt. Sie reibt sich über die bloßen Unterarme. Die feinen Härchen, die glatte Haut so irritierend wie zuvor. Die Geste bringt keine Beruhigung.

 

Das Zimmer fühlt sich fremd an ohne Wellis. Das Mondlicht streichelt über das Bett mit der nachtblauen Decke, fällt auf den grün-türkisen Flickenteppich davor. Das Bett mag sie ohne Wellis darin nicht berühren. Die Luft im Zimmer schmeckt still. Staubig. Das ganze, an den Berg geschmiegte Haus schweigt ohne sie.

Nala öffnet die Glastüren weit und hebt ihr Gesicht dem Mond entgegen. Sie schließt die Augen und wünscht sich, sie könnte Wellis entgegen fliegen. Aber Wellis wird in ihrer anderen Gestalt hier ankommen. Also verharrt auch sie in ihr. Sie haben sich bei Wellis’ Aufbruch gemeinsam gewandelt und werden sich bei ihrer Rückkehr gemeinsam wandeln. Das ist ihr Versprechen.

Also wird sie auch zurückkommen. Nala setzt sich in die offenen Glastüren und beobachtet, wie der Wind mit den Blüten der Kastanien spielt. Sie glänzen im Mondlicht.

 

Sie träumt sich ein paar Stunden weiter. Dahin, wo der Mondschein sie hält und die Stille zweier atmender Körper ist. Ein schweres Gewicht legt sich um ihre Schultern und die Stille ist fort. Zine hat ihren muskulösen Arm um sie gelegt und Ulle tut links neben ihr das Gleiche.

Na los, Käpt’n, sing mit!“

Offenbar singen sie schon eine Weile, denn sie sind bereits bei der fünften Strophe. Alle haben die Arme umeinander geschlungen, alle wiegen sich im Takt – sogar Sinej ist wieder wach und stimmt lauthals den Refrain an:

Droht dir Gefahr in der Nacht,
Ruf die Dunkle Wacht,
Denn wir sind wild wie der Wind,
Und wir schützen jedes Kind.

Sie liebt diese Zeilen, seit sie die Worte zum ersten Mal gehört hat. Jedes Kind. Doch heute ist sie älter und weiß es besser. Trotzdem singt sie mit. Auch wenn ihr Mund nach Asche schmeckt. Die nächste Strophe zwingt sie durch die staubig-raue Trockenheit und ist froh, als die Wirtin plötzlich ein Tablett mit vollen Bierkrügen auf den Tisch knallt.

Letzte Runde“, verkündet sie in den verstummenden Gesang. „Ich bin froh, dass ihr meinen Gasthof von den Dämonen befreit habt, aber irgendwann muss ich auch mal schlafen. Und ihr seht auch nicht mehr frisch aus.“

Sie nehmen das Bier, ohne zu murren. Schließlich hat die Wirtin recht. Der Kampf hat länger gedauert, als er sollte. Sie waren auf einen letzten gemeinsamen Abend eingestellt gewesen, bevor sie alle ihrer getrennten Wege zogen — nicht auf noch einen Kampf. Sie sollte längst zu Hause sein. Sie kratzt sich die Handgelenke, was nicht hilft. Also zwingt sie die Finger um den Henkel des Bierkrugs. Nur noch ein paar Schluck, dann werden die Ersten aufbrechen. Nicht mehr lang jetzt, nicht mehr lang.

Es ist viel zu still um sie herum. Wellis blickt auf.

Nur Sinej erwidert ihren Blick. „Wir wissen, dass —“

Kira stößt ihm einen Ellbogen in die Seite. „Wir müssen etwas mit dir besprechen, Käpt’n.“ Sie schiebt ihren Stuhl zurück. „Draußen.“

Plötzlich ist der ganze Raum erfüllt von Stuhlbeinen, die über Holzdielen scharren. Alle stehen — nur sie sitzt, klammert sich so fest an ihren Bierkrug, dass ihre Finger schmerzen. Wie hat sie sich verraten? Die Frage hat keinen Sinn. Nicht jetzt. Jetzt muss sie rennen. Nur dass das auch keinen Sinn hat. Wellis zwingt sich, die Finger von dem Bierkrug zu lösen. Zwingt sich, ganz ruhig aufzustehen. Ihr ist kalt wie einem in Eisenketten gelegten Dämon. Aber sie zittert nicht. Sie ist kein Dämon. Auch wenn die Welt das anders sieht. Auch wenn die Wacht das anders sieht.

Wellis sieht sie schaut an, als sie, von ihnen umringt, auf die Tür zugeht. Wenige Stunden zuvor haben sie Seite an Seite mit ihr gekämpft. Sie hat Ulle das Leben gerettet und Zine davor bewahrt, einen Fuß zu verlieren. Kira hat einen der Dämonen getötet, bevor der sich in ihren Arm verbeißen konnte. Sinej und Xia haben mit ihr die magische Barriere aufgebaut, die sie alle vor dem letzten Fluch des letzten Dämons bewahrt hat.

Renn! Flieh! Flieg!, überschreit ein ganzer Chor ihre Gedanken, schreit gegen ihre langsamen Schritte an, mit denen sie sich der Tür nähert. Vielleicht hat sie draußen eine Chance. Wenn es ihr gelingt zu entkommen, darf sie nicht aufhören zu rennen. Sie muss alles hinter sich lassen. Das an den Berg geschmiegte Haus mit der Höhle dahinter, die weit in den Fels reicht. Nala. Wellis hebt den Kopf ein wenig höher. Sie kann Nala nur schützen, wenn sie ohne Abschied flieht. Nala und alle, die in der Höhle hinter dem Haus ihre Zuflucht gefunden haben.

Wellis geht an Kira vorbei, die die Tür aufhält. Das Mondlicht fällt auf die Pfützen vor dem Gasthof, lässt das dunkle Wasser glitzern. Der Wind knarrt und rauscht durch die Zweige der Bäume. Sonst ist es still. Alle haben sich längst in ihre Häuser zurückgezogen und die Lichter gelöscht. Die Tür des Gasthofs klickt leise ins Schloss. Der Schlüssel klackert darin, wird zwei Mal herumgedreht. Kiras Stiefel knallen auf die Pflastersteine.

Jetzt muss sie rennen. Doch Wellis kann sich nicht rühren. Sie steht da, umrundet von ihrer Truppe, festgefroren in der Stille, die auf Kiras letzten Schritt folgt.

 

Es dauert zu lang. Nala geht zwischen den offenen Türen auf und ab. Warten, warten, warten — sie hasst warten. Ihr ist, als würde der Mond sie verlachen. Was weiß der schon! Nala bleibt stehen und starrt den Weg zwischen den Kastanienbäumen entlang, als könnte ihr Starren allein die vertraute Gestalt dort auftauchen lassen. Stumm verflucht sie Wellis und ihre Sturheit, mit der sie an der Dunklen Wacht festhält.

Es ist unser Land, genauso wie ihres, Nala. Wir haben ein Recht, es zu schützen. Gemeinsam.
Nur, dass sie dich töten werden, wenn sie wissen, wer du bist. Wer wir sind.
Wir sind keine Dämonen, Nala. Irgendwann werden sie das begreifen.

Das ist der Punkt, an dem Nala den Streit jedes Mal aufgibt. Sie wird Wellis nicht von ihrem Irrtum überzeugen können. Genauso wenig wie Wellis sie von ihrer Hoffnung überzeugen kann. Nala wischt sich über die Augen, die vom Starren tränen. Doch sie starrt weiter. Der Mond kann lachen, so viel er will, in der Luft hat sich etwas verändert. Der Wind reißt an den Zweigen, als wollte er sie zum Schreien bringen.

 

Es ist Kira, die es ausspricht. Leise. Als fürchte selbst sie sich vor den Worten. „Wir wissen es, Wellis.“

Wellis. Nicht Käpt’n. Ihr eigener Name trifft sie wie ein Schlag mit der Eisenkette. Aber sie hält sich aufrecht. Noch hat niemand eine Waffe gezogen. Oder gefordert, dass sie ihre ablegt. Wellis lauscht auf den stärker werdenden Wind. Vielleicht. Unter ihrer Haut brodelt es jetzt. Wenn sie sich schnell genug wandelt, kann sie hoch oben am Himmel sein, außer Reichweite für jede Waffe, jede Magie, sich dem Wind anvertrauen, der sie forttragen wird, sie ihnen entreißen, bevor —

Wenn, wenn, wenn. Sie weiß genau, wie schnell sie sind. Hat sie trainiert, herausgefordert, Seite an Seite mit ihnen gekämpft. Flucht ist nur ein Traum. Wie Hoffnung. Nala hat recht gehabt. Verzeih mir. Der Wind reißt ihre Gedanken mit sich.

Sie will noch immer nicht gegen sie kämpfen. Wie kann sie diejenigen töten, mit denen sie so lange alles geteilt hat? Fast alles, flüstert Nalas Stimme in ihrem Inneren. Und das Flüstern durchbricht Wellis’ Starre. Wenn das ihre letzten Augenblicke sind, wird sie ihnen wenigstens in ihrer wahren Gestalt begegnen. Wellis schließt die Augen und lässt ihr inneres Brodeln in Flammen umschlagen.

Gebt ihr mehr Raum“, hört sie Kira durch das Brüllen des Feuers. Doch der Wandel ergreift von ihr Besitz, sie hat keine Zeit, sich über die Worte zu wundern. Sie streckt sich, schmiedet ihre Schuppen neu in der Hitze der Flammen, formt ihre Flügel aus dem Wind, trinkt das Mondlicht und den Glanz der Sterne, genießt die kühle Luft auf ihren nachtblauen Flanken. Ein tiefer Atemzug. Wellis schlägt die Augen auf.

Sie haben sich alle hinter Kira zurückgezogen. Die steht hoch aufgerichtet da. Hat noch immer keine Waffe in der Hand. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Und darin liegt — keine Furcht. Aber auch keine Verachtung. Der Wind ist nur noch ein Wispern. Sie könnte ihn mit wenigen Flügelschlägen neu entfachen. Die Flucht wenigstens versuchen. Wellis streckt zögernd die Flügel. Und stoppt. Vor ihr sinkt Kira auf die Knie. Und hinter ihr folgen die anderen. Ihre Waffen klirren leise, als Metall auf Pflasterstein trifft.

Kira wendet ihre leeren Handflächen nach oben. „Verzeih, Wellis. Käpt’n. Ich hätte das anders anfangen müssen. Wir wissen, dass du kein Dämon bist. Du bist eine von uns.“

Wellis ist, als schwanke die Welt. Ist das eine List? Sollen die Worte sie in Sicherheit wiegen, während sie von anderen umstellt wird? Haben sie das alles geplant? Haben sie drinnen mit ihr getrunken, während hier draußen längst die Verstärkung im Hinterhalt gelauert hat? Aber sie spürt keine anderen Wesen in ihrer Nähe, bis auf die, die vor ihr knien.

Bitte.“ Sinej senkt den Kopf. „Lass uns weiter an deiner Seite sein. Lass uns mit dir kämpfen, bis alle verstehen, was wir längst wissen.“

Xia lehnt sich vor, so langsam, dass Wellis darüber lachen würde, wenn die Vorsicht ihr nicht noch immer die Kehle verschlösse. „Käpt’n.“ Xias Stimme klingt laut und sicher durch die Nacht. „Wir brauchen dich.“

Ulle und Zine, die beide nie viele Worte machen, nicken. Zine stößt Ulle an, und Ulle stößt zurück. Zine gibt sich nicht geschlagen und wäre alles wie sonst, würde Wellis jetzt dazwischen gehen, die beiden Geschwister auf Abstand halten, sie schelten, weil das hier kein Spiel ist sondern Ernst. Aber sie weiß noch immer nicht, wem sie glauben darf — den Worten oder der Furcht. Ulle packt Zines Arm. „Stopp mal.“

Zine verdreht die Augen. Aber stoppt. Ulle seufzt so tief, als müsse sie den Atem dafür vom Grund ihrer Seele holen. „Niemand von uns will dich töten, Käpt’n. Weder dich noch andere wie dich. Wir wollen nur, dass du weißt, dass wir wissen, wer du bist und an deiner Seite sein wollen.“ Ulle gestikuliert so wild, dass Zine ins Schwanken gerät. „Ich meine, wir wissen es schon eine Weile und niemand ist schreiend weggerannt.“

Oder hat dich verraten.“ Zine befreit ihren Arm aus Ulles Griff. „Wir stehen an deiner Seite, Käpt’n.“ Sie verzieht den Mund. „Das heißt, wenn wir jetzt wieder aufstehen dürfen?“

Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann.“ Ulle stützt einen Arm ins Kreuz und stöhnt.

Kira grinst. „Wer hat euch denn Plapperwasser ins Bier gekippt?“ Sie blickt zu Wellis. „Käpt’n? Sagst du auch was?“

Die Hoffnung zupft an dem Seil um ihre Kehle. Wellis setzt eine Tatze nach vorn. Niemand von ihrer Truppe weicht zurück. Sie geht langsam auf sie zu. Der Wind streichelt über ihre Flügel. Sie streckt sie unter den sanften Berührungen weit aus. Noch immer knien sie still vor ihr. Kira, Sinej, Xia, Ulle, Zine. Wellis umspannt sie mit ihren Flügeln. „Hoch mit euch“, sagt sie leise und blinzelt ihnen zu, als sie vor ihr stehen. „Aber glaubt jetzt bloß nicht, dass ich euch nach Hause fliege. Ich bin eure Käpt’n, nicht euer fliegender Untersatz.“

Kira lacht als Erste los und steckt sie alle an. Wie immer. Wellis öffnet die Flügel und entlässt ihr frohes Gelächter in die Nacht.

 

Nala runzelt die Stirn und saugt die Luft tief in sich ein. Etwas hat sich verändert. Es ist der Wind. Er klingt — froh.

 

(Für den März lassen wir uns beim phantastischen Montag von dem Song „Come To My Window“ von Melissa Etheridge inspirieren. Den Anfang hat Carola Wolff gemacht mit Love Fantastic. C. A. Raaven folgte mit Was es ist. Am dritten Montag habe wie immer ich die Ehre, siehe oben. Und am vierten Montag vom März folgt Alexa Pukall mit Das Haus des Magiers. Gutes Lesevergnügen!)

Phantastischer Montag im Januar 2021: What’s Up?

Im Januar 2020 haben wir (Alexa Pukall, Carola Wolff, Christian Raaven und ich) mit dem Projekt #phantastischermontag begonnen und hatten so viel Freude daran, dass wir 2021 damit weitermachen. Es gibt also weiterhin jeden Montag eine phantastische Geschichte zum Wochenstart, dieses Mal inspiriert von Songs, die wir mögen. Der Januar hat heute schon seine letzte Geschichte hervorgebracht! Inspiriert hat uns zum Jahresauftakt „What’s Up“ von den 4 Non Blondes. Hier sind die Geschichten (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

Carola Wolff: Die Erfinderin
Christian Raaven: Charme, Schirm und Melone
Maike Stein: Ein Fünkchen Gelassenheit
Alexa Pukall: Der Begleiter

Viel Spaß beim Lesen!
Im Februar geht es weiter mit „Cherry Pie“ von Katzenjammer als Inspiration.

Phantastischer Montag: Ein Fünkchen Gelassenheit

(Wer Geschichten lieber hört, als selber liest, oder ergänzend gerne hört, oder, oder, oder … scrollt einfach schnell zum Ende des Textes: unter dem Bild gibt es die Möglichkeit, sich die Story vorlesen zu lassen. Kleine Warnung: Ich habe keine hochmoderne technische Ausrüstung, kein Studio oder ähnliches – ihr hört die Story einfach so, wie ich sie beim Lesen eingesprochen habe, Versprecher und ähnliches inklusive, wie bei einer Live-Lesung. 😉 Und jetzt wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und / oder Hören!)

 

Sag mal, ich weiß, du bist ein Drache, aber ich weiß nicht, ob du weiblich oder männlich bist …“

Muss ich mich da entscheiden?“

Nö, im Grunde nicht.“

Na prima.“

(Das darauf antwortende, etwas verzweifelte na prima behielt ich für mich und verfluchte meine Muttersprache mit ihrem Beharren auf Artikeln und Pronomen. Wie schrieb ich jetzt bitte über einen Drachen, ohne Gendermarker zu verwenden? Nicht mal diese Frage konnte ich ohne schreiben!)

Ti’run lugte mir über die Schulter und las mit. Natürlich. „Du siehst das zu eng. Nur weil deine Muttersprache darauf beharrt, der Drache zu sagen, muss ich mich ja noch lange nicht dieser Diktatur des Geschlechts unterordnen.“ Damit wandte er sie sich vom Bildschirm ab, schob einige Papiere und Notizbücher zur Seite, bis unter der Schreibtischlampe ein drachengroßer Platz frei war, seufzte und rollte sich im Lichtkreis der Lampe zusammen. Ich strich die zerknitterten Papiere glatt, sortierte sie kommentarlos zurück in die richtige Reihenfolge und fand einen neuen Ort für die Notizbücher.

Du darfst gern der Drache und sie schreiben“, merkte Ti’run an, ohne die Augen zu öffnen. „Das wird zwar manche verwirren, aber mich macht das glücklich.“

Auch eine Lösung, dachte ich und ging schnell die bereits geschriebenen Zeilen durch, um die entsprechenden Korrekturen vorzunehmen – es war nur eine. „Sehr schön“, murmelte ich beim Durchstreichen. Ti’run seufzte nur leise. Sie war eindeutig größer geworden während unseres Ausflugs in den Rauhnächten. Vorsichtig streckte ich meine Hand über dem kleinen Drachen aus.

Geh mir aus der Sonne“, knurrte sie.

Ich maß erst noch zu Ende. Ti’run war mindestens um das Dreifache gewachsen, seit ich sie zum ersten Mal in der Sockenschublade entdeckt hatte. Da hatte sie noch locker auf meine Handfläche gepasst. „Du hattest einen Wachstumsschub.“

Und?“ Ti’run blinzelte träge. „Hast du gedacht, Drachen würden nicht wachsen?“

Hatte ich das? Nicht wirklich. Nur … „Wie oft hast du solche Wachstumsschübe?“ Ich schaute mich in meiner – Entschuldigung: unserer — Wohnung um. Besonders groß war sie nicht.

Der kommt nur alle paar Dekaden.“ Ti’run reckte sich und schob mit den Hinterbeinen die Schreibtischlampe gefährlich nah an die Tischkante. Ich hatte den Lampenhals bereits gepackt, bevor ich auch nur darüber nachdachte — und verspürte nicht einmal den geringsten Groll, während ich die Lampe in Sicherheit brachte. Was war hier los? Ti’run hatte die Augen wieder geschlossen. „Du musst dir keine Sorgen machen, so schnell werde ich nicht zu groß für unsere Höhle.“ Sie ließ eine kleine Flamme vor ihrem Maul tanzen, löschte sie mit der Zunge aus, bevor sie Holz oder Papier oder etwas anderes brennbares erreichen konnte.

Oder auch: bevor ich mich aufregte. Wieso regte mich das nicht auf? Ich wusste genau, dass mich das vor wenigen Wochen noch hätte aufspringen und losschimpfen lassen. Aber jetzt? Jetzt war da nichts. Kein Schrecken. Kein Fünkchen Ärger über die drachische Sorglosigkeit. Keine Spur von Angst um meine Notizen. Letzteres machte mich dann doch — fast — besorgt.

Du tippst gar nicht mehr“, bemerkte Ti’run.

Ich denke.“

Aha.“

In unserem Schweigen klickten Ti’runs Krallen einen geruhsamen Rhythmus aufs Schreibtischholz. Ich tappte dazu mit den Fingerkuppen. Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick, tapp … Draußen schepperten Deckel auf Mülltonnen, ganz und gar unrhythmisch. Mussten die wirklich jetzt — klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick fing mich unser Rhythmus wieder ein. Tapp-tapp, klick, tapp — ich räkelte mich wohlig und erinnerte mich an meine schuppige Haut, die mich in den Rauhnächten vor der Kälte geschützt hatte, während wir zwischen den Sternen durch den dunklen Himmel geglitten waren. Ich war ein Winzling in dieser Weite gewesen und zugleich hatten meine Flügel allen Raum umspannt.

Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp — ich hatte keine Ahnung, wie weit wir geflogen waren. Wir wurden nie müde. Die Sterne raunten uns eine Melodie zu — oder vielleicht war das der Klang unserer Schwingen, der uns da etwas zusang, uns einhüllte, uns trug und beflügelte.

Ich atmete Nacht ein. Und als ich ausatmete, war es Tag.

Eine dichte Wolkendecke schirmte uns von der Welt ab. Die Sonne wärmte unsere Schuppen. Mich überkam wieder dieses Gefühl aus meiner Kindheit, als ich das allererste Mal Wolken von oben gesehen hatte (aus einem Flugzeug) und überzeugt war, dass dort Berge aus Zuckerwatte unter mir lägen, über die ich hüpfen könnte, wenn man mich nur ließe (natürlich ließ mich niemand). Vorsichtig streckte ich eine Pfote aus, um an einer Wolke zu kratzen. Sie war kühl — und ganz und gar nicht klebrig, nur ein Gewebe aus Luft und Wasser. Und noch mehr Gesang. Ich blickte auf.

Wir waren nicht mehr allein. Um uns herum war ein grün-golden-rot-blaues-silbrig-schwarz-türkises Funkeln und Blitzen und Glitzern. Flammen tanzten orange-gelb-rot aus Nüstern und Mäulern. Drachen, von kleiner als ein Füller bis groß wie ein Hochhaus umflogen uns, glitten über den Wolken dahin und unsere Flügel und Flammen bildeten ein Orchester. Wir besangen das Licht und sangen die Nacht herbei. Wir schickten den Sternen unsere Lieder und umkreisten den Mond.

Wir glänzten unter der Sonne und tauchten in den Wolken, um mit Eiskristallen und Tautropfen benetzt wieder aufzusteigen und unser Farbenmeer noch intensiver leuchten zu lassen. Ich wollte nie wieder umkehren.

Aber irgendwann erinnerte Ti’run mich sanft an die Schwerkraft, der ich hier oben bestimmt nicht ohne Flügel begegnen wollte. So sangen wir mit allen ein letztes gemeinsames Lied und stoben dann in alle Richtungen davon — aber nicht, ohne uns vorher zu versprechen: nächstes Jahr wieder. Ganz bestimmt.

 

(Im Januar lassen wir uns von dem Song WHAT’S UP von den 4 Non Blondes inspirieren. Die erste Story Die Erfinderin kommt von Carola Wolff, die zweite Schirm, Charme und Melone hat C. A. Raaven geschrieben, die dritte ist von mir, die vierte Story des Januars Der Begleiter stammt aus der Feder von Alexa Pukall.)

Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, kann das jetzt auch tun, genau hier:

Phantastischer Montag im Dezember

Im Dezember hieß unser Thema: Rauhnächte – und auch die letzten vier phantastischen Stories zum Wochenstart sind wieder so unterschiedlich geworden wie die  beteiligten Autor*innen sind. Nachlesen könnt ihr sie hier (in Reihenfolge der Veröffentlichung):

 

 

 

 

 

Carola Wolff: Die wilde Jagd
C.A. Raaven: Rauyas erste Nacht
Maike Stein: Wenn der Winter beginnt
Alexa Pukall: Der Leuchtturm am Ende der Welt

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen – und einen guten Start ins neue Jahr! Eins kann ich jetzt schon versprechen: 2021 geht es weiter mit dem phantastischen Montag. 🙂