Phantastischer Montag: … warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen.

„Nein.“ Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und schüttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine Körper dabei bebte.

Ich seufzte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück (heftiger Ablehnung konnte bald eine Flamme folgen, auch das hatte ich inzwischen gelernt). „Was hast du gegen das Meer?“, fragte ich Ti’run wider besseres Wissen. Schon züngelte es orange-rot im Drachenmaul. Die Streichholz-große Flamme zuckte gefährlich nah über die Schreibtischplatte, brannte dieses Mal aber nichts an.

„Wasser“, zischte Ti’run der Flamme hinterher, sobald diese erlosch. „Tonnen und Tonnen von Wasser. Unmengen!“ Er starrte mich aus seinen nachtblauen Augen an. „Feuerfeind“, knurrte er und seine in allen Blau- und Grüntönen chargierenden Schuppen glitzerten im Licht der Schreibtischlampe. Meine Vision von einem Urlaub am Meer hingegen verdunkelte sich.

„Es ist ja nicht der Atlantik“, versuchte ich es, „nur die Ostsee. Und ich geh höchstens mit den Füßen rein.“ (Ja, ich bin eine Mimose, was Wassertemperaturen betrifft.)
Ti’run schnaubte und Rauchkringel stiegen aus seinen Nüstern auf. Er starrte dem Rauch hinterher, bis die Kringel auseinanderflossen, dann verschränkte er die Vorderbeine und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf die Schreibtischplatte sinken. „Bleiben wir doch einfach hier.“ Er schmiegte den Kopf an die verschränkten Pfoten und schloss die Augen, als wäre damit alles geklärt. Selbst seine Augenlider gaben eine ganze Palette von Meeresfarbtönen zum Besten. Da war das silbrige Leuchten von Mondlicht auf dunklem Wasser, das strahlende Türkis südlicher Gefilde unter der Mittagssonne, das Dunkelblau tiefer, kalter Stellen, blitzartig aufzuckendes Gewittergrün, das über die Länge seines Rückens lief, um es sich zwischen all den anderen Blautönen dort gemütlich zu machen. Zähne und Krallen leuchteten weiß wie Schaumkronen – jeder noch so flüchtige Blick auf den kleinen Drachen weckte Meeressehnsucht.

Vielleicht sollte ich ohne ihn fahren. Sofort hob mein schlechtes Gewissen sein hässliches Haupt, kreischte etwas von Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Misstrauen schaltete sich dazu und malte mir ausführliche Bilder davon, was so ein kleiner, allein gelassener, rachsüchtiger Drache alles anstellen mochte. Viel zu viel Brennbares. Ich erschauerte.

„Denk nicht so laut“, murmelte Ti’run. „Ich versuche hier zu schlafen.“ Er hob ein Augenlid halb hoch. Ich gab mir Mühe, nicht so schuldig auszusehen, wie ich mich fühlte. Vermutlich misslang es.

„Tu nicht so, als könntest du Gedanken hören“, gab ich zurück und hoffte, dass das stimmte. Ich wusste noch immer entschieden zu wenig über Drachen.

„Aber ich kann sie spüren“, grummelte Ti’run. „Was immer du denkst, die Stille wird ganz schwer davon.“ Er hob auch das zweite Augenlid halb in die Höhe. „Und das belastet mich.“

Wir starrten uns durch die schwere Stille hinweg an, und ich verstand, warum er darin nicht einschlafen konnte. Sie machte nervös und weckte das Verlangen herumzuzappeln, während sie gleichzeitig alle Glieder lähmte. „Kannst du dem Meer nicht wenigstens eine Chance geben?“, fragte ich schließlich.

Eine kleine Flamme knisterte an Ti’runs Maul, doch er löschte sie sogleich wieder mit der Zunge. Wieder ein Knistern. Wieder Stille. Knistern. Stille. Knistern –
„Warum kannst du nicht ans Meer?“

„Warum, warum, warum! Was anderes fällt euch Schriftstellerinnen auch nicht ein, was?“, schnaufte Ti’run. Aber er sah mich dabei nicht an, starrte auf seine Pfoten, kratzte auf der Tischplatte herum. Ich wollte schon etwas sagen (vorsichtig anmerken, dass ich dieses Holz wirklich sehr mochte), da sprang der kleine Drache auf. „Meine Mutter lebt dort!“ Er schlug mit den Flügeln und drehte mehrere Runden um den großen Bildschirm. Dabei warf er mir bei jeder Kehre Blicke zu, die deutlich sagten: Da bitte, da hast du’s! Zufrieden?

War ich natürlich nicht. Wie auch? Natürlich konnte ich mir für das Warum alles mögliche ausmalen. Vielleicht fraßen Drachen ihren Nachwuchs, wenn der bis zu einem bestimmten Alter nicht verschwunden war, vielleicht hatte Ti’run seine Mutter tödlich beleidigt, vielleicht war ein Feuerdrache als Nachwuchs für einen Seedrachen – Moment mal, ich wusste doch gar nicht …

„Ich kann dich schon wieder denken hören.“ Ti’run balancierte auf dem schmalen, oberen Rand des Bildschirms, die Krallen sorgsam darum gebogen, die Flügel ausgestreckt. Ich sagte nichts wegen der Krallen, seufzte nur: „Erklärst du’s mir?“
„Du gibst ja doch keine Ruhe sonst“, grummelte Ti’run. „Meine Mutter lebt am Grunde der Meere“, hob er an.

„Welcher Meere?“

„Aller – Meere – klar? Sie ist groß. Und jetzt unterbrich mich nicht mehr, sonst höre ich auf zu reden und spreche nie wieder davon.“

Ich legte mir eine Hand vor den Mund. Ti’run verdrehte die Augen. Ich ließ die Hand, wo sie war, als Erinnerung für mich, nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zu sagen.

„Also. Meine Mutter lebt am Grunde der Meere.“ Ti’run funkelte mich an. Ich presste hinter der Hand die Lippen aufeinander. „Sie hat sich dorthin zurückgezogen, als ihr Menschen zu aufdringlich geworden seid. Ich meine, ihr seid einfach überall! Für einen großen Drachen, der seine Ruhe haben will, ist es schwer, da noch Raum zu finden. Sie lebt also seit mehreren Jahrhunderten am Meeresgrund und will von der Welt oben nichts mehr wissen.“ Ti’run kippelte auf dem Bildschirmrand vor und zurück. Ich gab keinen Laut von mir.

„Sie will nicht mal sagen, seit wie vielen Jahrhunderten. Jedenfalls sind seitdem einige Generationen von Drachen geschlüpft. Und die meisten sind mit dem Unterwasserleben sehr einverstanden. Nur ein paar von uns eben nicht.“ Ti’run legte eine Pause ein und beobachtete mich unablässig.

Meine Lippen brannten vor ungefragter Fragen (sag nichts, sag nichts, sag nichts).

„Ich bin der Jüngste der Rebellen, die an Land gegangen sind. Solange wir noch klein sind, können wir unbemerkt bleiben. Dir bin ich ja auch ewig nicht aufgefallen.“ Er ließ eine Flamme aufzüngeln. Tanzen. Ich biss die Zähne zusammen. Ti’run fing die Flamme wieder ein. „Sie ist nicht sehr begeistert von rebellischen Drachen. Und wenn wir dem Meer nahe kommen, spürt sie unsere Gegenwart. Dann hebt sie eine Pfote. Oder einen Flügel. Den Schwanz. Oder den Kopf. Und das Meer hebt sich mit ihr. Fängt uns wieder ein. Ist Sidun passiert, meiner Schwester. Ich habe sie seit dreiundneunzig Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich lässt Mutter sie keine Sekunde aus dem Blick. Oder hat sie tief in den Gesteinsschichten unter dem Meer vergraben.“ Ti’run nickte mehrmals. „Die Küste ist damals eingestürzt. Mit allen Orten und Menschen und Tieren im Meer ertrunken. Du siehst also, wenn ich ans Meer gehe, würde eine Katastrophe folgen.“ Er stieß sich vom Bildschirm ab, der leicht schwankte, schoss hoch zur Decke, zog eine Runde um den Lampenschirm. „Nie. Ans. Meer. Verstanden?“

Langsam ließ ich die Hand sinken, den Kopf voller riesiger Drachen, die sich in den Weltmeeren herumtrieben. Ich nickte. Ti’run zwinkerte mir zu und zischte davon. In mir flackerte ein neuer Gedanke auf. Hatte der kleine Drache sich diese Geschichte vielleicht nur ausgedacht? Aber warum? Nur, um nicht ans Meer zu müssen?
Warum?

Phantastischer Montag: Nachtlauf

In der Nacht rannte sie über die Dächer. Den Sternen näher als dem Boden (auch wenn das nicht stimmte, es fühlte sich wenigstens so an). Solange sie sich nicht erwischen ließ, konnte sie sich Freiheit einbilden. Diese Momente halfen beim Erinnern.
Sie rannte über die Dächer. Ihre Arme und Beine schnitten durch den Wind, der gegen ihre Brust drückte, an ihre Stirn schlug, in ihren Ohren rauschte, ihr den Kopf füllte und den ganzen Körper. Bis sie meinte, sich wieder dem Wind entgegen werfen zu können, die Flügel zu spannen, getragen zu werden, hoch hinauf zwischen die Sterne. Fort und fort und fort und fort.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Wenn sie die Flügel aufspannen wollte, war es vorbei. Alles stoppte.
Nur der Wind blieb und rief. Und sie flüchtete wieder durch einen der Luftschächte hinab und zwischen die Mauern, die sie von ihm abschnitten. Dann krümmte sie sich auf der viel zu kleinen Matratze zusammen, zog die kratzige Decke über sich und schloss die Augen vor der Dunkelheit. Es roch noch immer nach dem heißen Öl der Maschinen, nach glühendem Eisen und Kohlefeuer. Die Öfen strahlten auch in der Nacht ihre Hitze ab, die nicht genug war. Falsch war. Trotz der hohen Schlote hing der Rauch beständig zwischen den Mauern, verschwand der zischend aufsteigende Wasserdampf nie aus diesen Hallen, setzte sich in jedem Stück Stoff fest, brachte die Steine zum Schwitzen. In der Nacht standen die großen Maschinen still, aber ihr Stampfen dröhnte weiter durch ihren Kopf. Nur im Wind, auf den Dächern, verschwand es.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie würde nicht zulassen, dass sie aus ihrem Gedächtnis verschwanden. Sie würde nicht werden wie die mit den leeren Augen. Die nicht mehr über die Dächer rannten. Zu ihnen würde sie nie gehören. Dafür würde sie nicht lange genug hier sein.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie suchten nach ihr. Daran hielt sie sich fest. Irgendwo dort draußen zwischen den Sternen waren sie und würden nie aufgeben, würden sie niemals aufgeben.
Vor jeder Schicht gelang es ihr, etwas von dem Serum auszuspucken, das ihnen allen verabreicht wurde. Es betäubte ihre Flügel. Tötete ihr Feuer. Solange du nie die volle Dosis schluckst, hast du eine Chance, hatte die alte Vida gesagt, und: Hör nie auf zu rennen.

Das war ganz zu Anfang gewesen. Sie hatte aufgehört, Tage, Wochen, Nächte zu zählen. Nur ein Mal hatte sie das bedauert. Als die alte Vida gestorben war. Sie würde nie ihr Todesdatum wissen. Aber sie würde sich an sie erinnern. Und die Erinnerung an sie würde sie mitnehmen, wenn sie endlich diesem Ort entkam. Bis dahin würde sie weiter ihrem Rat folgen, spucken und rennen. Die Arbeit erledigen, den Kopf gebeugt halten, nicht auffallen. Spucken und rennen.

Unter der kratzigen Decke murmelte sie die Namen ihres Clans vor sich hin, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis sie einschlief, träumte sie, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis am Morgen die Sirenen schrillten, alle auf die Füße rissen. In die Tage nahm sie sie nicht mit.

Sie formten den Stahl zu unzerreißbaren Ketten, zu Stangen für Käfige, die sich nicht brechen ließen. Am schlimmsten waren die Klingen. Die tödlichen Schneiden und Speerspitzen, stark genug, jeden Schuppenpanzer zu durchdringen. In eine davon hatte sich die alte Vida gestürzt, als sie nicht länger rennen konnte. Ich werde selbst über meinen letzten Weg bestimmen, hatte sie an jenem Morgen unter den kreischenden Sirenen gesagt. Sie hatte erst begriffen, als Vida ihr das Versprechen abnahm, sie nie zu vergessen.Wünsche waren gefährlich. Wünsche weckten Sehnsüchte. Trotzdem hatte sie sich gewünscht zu wissen, wie sie Vida hätte aufhalten können. Wünschte sich, sie hätte mehr als die Erinnerung an ihrer Seite, während sie die Öfen fütterte, die Hitze von Flammen spürte, die nicht von innen kamen.

An diesem Ort hatte sie keinen Namen. Sie hatte ihn weder denen verraten, die sie gefangen genommen hatten, noch den Aufsehern, die sie tagsüber zur Arbeit antrieben und deren Geschrei erst verstummte, wenn nachts die schweren Stahltüren hinter ihnen ins Schloss krachten. Nicht einmal Vida hatte sie ihn anvertraut. Ihr Name blieb sicher aufgehoben in ihrem Clan. Sie würden ihn bewahren. Und ihn ihr zurückgeben, wenn sie kamen, um sie zu befreien.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.
Spucken und rennen.

 

Sie sagten ihren Namen jeden Tag. Sie riefen ihn jede Nacht den Sternen zu, wenn sie sich dem Wind entgegenwarfen. Ihre Flügel fingen das Rauschen ein, die Luft strich an ihren Körpern entlang, trug sie weiter und immer weiter. Sie wussten längst nicht mehr, wie fern sie ihrer Heimat waren.
Sie riefen ihren Namen. Sie zählten die Tage und Nächte.
Dreihundertsiebenunddreißig. Und noch einer. Und noch eine.
Sie spuckten ihr Feuer in die Dunkelheit. Ihre Rufe schnitten tiefer in die Nacht als ihre Flammen, eilten ihnen voraus.
„Heute finden wir sie“, sagten sie vor jedem Aufbruch.
„Morgen werden wir sie finden“, sagten sie, wenn sie mit müden Stimmen und Flügeln ihre Suche unterbrechen mussten. Die Hoffnung trieb sie an, hielt sie zusammen.
Ylixanna, hallten ihre Rufe zwischen den Sternen.

Phantastischer Montag im Juli

Auch der Juli war voller phantastischer Montage. Unser Thema war „Freundschaft“ und welche Geschichten dabei entstanden sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Des Rätsels Lösung

C.A. Raaven: Where no man has gone before

Maike Stein: Bis wir uns wiedersehen

Alexa Pukall: Lass uns zu den Sternen reisen

Viel Spaß beim Lesen! 🙂

Phantastischer Montag im Juni

Im Juni haben wir uns für unser Projekt #phantastischermontag als Thema „Sommersonnenwende“ ausgesucht. Welche Geschichten dabei herausgekommen sind, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff: Kleine Teufelei

C.A. Raaven: Wendepunkt

Maike Stein: Drachenwende

Alexa Pukall: Weiße Nacht

… und da der Juni auch einen fünften Montag hatte, gab es dieses Mal auch einen Gastbeitrag und zwar von Christina Löw: Eine Fee auf Menschenbesuch

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Bis wir uns wiedersehen

Liebe B.,

über mir flirren die Blätter unseres Olivenbaums silbrig-grün im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schließe, meine ich, Deine Stimme zu hören. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. Wenn ich in den Nachthimmel schaue, versuche ich, mir die Sterne hinter den Sternen vorzustellen, die Du von Deinem Planeten aus siehst. Ich gestehe, es gelingt mir nicht. Irgendwann …
Gestern habe ich ein Buch aus der Zeit des Aufbruchs gefunden. Wie anders damals alles war! Kaum zu fassen, dass das alles gerade einmal fünfzig Jahre her ist. Vielleicht liegt das an meinem Alter, aber wenn ich die Augen schließe, ist mir, als hätten wir uns gerade erst gestern verabschiedet. Wie untröstlich wir waren! Zwei Zwölfjährige unter einem Olivenbaum, der damals schon achtmal so alt war wie sie. Weißt Du noch? Wir haben das Losverfahren verflucht, das Deine Familie hinauf und hinter die Sterne schicken würde und meine hier an die alte Erde band. Keine von uns dachte, dass diejenigen, die zurückbleiben mussten, eine Chance hatten.
Vergib mir, heute bin ich noch nostalgischer als sonst. Ich wette, das sind die Hormone. Verdammte Wechseljahre! Was wirst Du nur von mir denken, wenn Du in ein paar Monaten diesen Brief liest? Wenn ich ihn noch rechtzeitig vor dem Ende meiner Mittagspause zur nächsten Kapsel bringen will, muss ich mich sputen. Ich verspreche, der nächste Brief wird fröhlicher. Halte mich nicht für traurig – heute sind nur die Erinnerungen besonders stark.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

manchmal – oft – frage ich mich, was uns hier so fern der alten Heimat hält, wo doch bei euch alles wieder gut zu laufen scheint. Aber natürlich kann ich das nicht laut fragen, weil hier ja alles so viel besser ist. Offiziell. Wir, aus der ersten Generation, sehnen uns alle zurück. Da bin ich mir sicher. Für die dritte und vierte Generation ist die alte Heimat nur noch eine Erzählung – so unwirklich wie ein Leben unter einem offenen Himmel. Oder ein Olivenbaum. Meine Nichten und Neffen halten mich für verrückt, wenn ich versuche, ihn zu beschreiben. Sie sagen das nicht, aber ich sehe doch, wie sie die Augen verdrehen und ihren Kindern bedeuten, die Alte nicht auszulachen. Immerhin, so viel Respekt haben sie noch.
Hier ist eine wilde Vermutung: Ich glaube, es schmuggeln mehr Menschen persönliche Briefe in den offiziellen Kapseln hin und her als nur wir beide. Ja, manchmal denke ich, das tun alle der ersten Generation. Nicht, dass irgendwer von uns darüber redet! Aber manchmal meine ich etwas in einem Blick zu sehen, eine wilde, hartnäckige Hoffnung, eine neue Zuversicht. Und dann wächst auch meine wieder.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

was für ein Fest das heute war! Wir haben das neue Olivenöl gekostet, und ich habe Deinen Brief erhalten. Jetzt sitze ich auf dem Hügel, von dem aus ich bis aufs Meer blicken kann. Ein voller Mond wirft sein Licht darüber und ist so hell, dass die Bäume hier oben Schatten haben. Bei so einem Anblick sind die Erinnerungen an grau-verpestete Luft und Plastik-verseuchte Landschaften ebenso unwirklich wie ein offener Himmel für Deine Nichten und Neffen. Wie ich mir wünsche, Du wärst hier! Manchmal, wenn ich ganz früh aufwache – in der noch grauen Dämmerung, wenn der Gesang der Nachtigallen in den der Feldlerchen übergeht -, dann ist da dieser Moment, in dem ich davon überzeugt bin, dass all diese Jahre der Traum waren, und ich gleich in der Wirklichkeit die Augen aufschlagen werde, zehn Jahre alt oder auch elf und noch im Nachthemd über den Hügel zum Haus Deiner Familie laufe, um Dich zu wecken, Du Langschläferin. Wir stehlen uns ein Frühstück in Deiner Küche –
und dann werde ich richtig wach und meine verrosteten Knochen erinnern mich an mein wahres Alter. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier inzwischen wieder alle ernähren könnten, wenn tatsächlich die gesamte erste Generation zurückkehren würde … Ich weiß ja nicht einmal, wie ihr das mit einer Rückkehr anstellen würdet …
Für Dich ist immer genug da!
Das Meer schickt eine kühle Brise hinüber. Ich sollte ins Haus gehen. Aber ich werde noch eine Weile hier sitzen bleiben, wo ich das Gefühl habe, meine Wünsche zu Dir schicken zu können, bis Du sie in Deinen alten Knochen spürst.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

Du warst also dieser Schmerz tief in meinen Knochen! Und bitte: Wir sind nicht alt, nur gut gereift. Zumindest habe ich beschlossen, Falten und weiße Haare und gelegentliche Gelenkschmerzen als ein Zeichen von Würde zu betrachten. Ein Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind.
Keine Sorge, der Schmerz war nichts Ernstes, nur etwas Überanstrengung, weil ich beweisen musste, dass ich mindestens noch so fit bin wie diese Jungspunde. Die meinten doch tatsächlich, mir etwas über die Reparatur von den Versorgungsmaschinen erzählen zu können. Ha! Also bin ich durch schmale Schächte gekrochen und habe mehr Störungen behoben als sie alle zusammen. Meine Knochen haben mir das dann übel genommen (wobei mir Deine Erklärung besser gefällt). War aber nach drei Tagen auch wieder vorbei.
Noch mal: Keine Sorge! Alle Maschinen schnurren wieder. Und ich habe ein paar Teile mehr. Weißt Du noch, unsere alten Zeichnungen? Ich habe ein paar Anpassungen gemacht, und ich bin sicher, sie wird funktionieren.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

wage ich zu hoffen? Wer nicht hofft, kann auch nicht enttäuscht werden, hat meine Großmutter immer gesagt. Aber das waren andere Zeiten. Aussichtslose, wie es schien. Und sie hat ja trotzdem immer weiter gekämpft – ich glaube, sie hat gehofft entgegen allen Ängsten. Wie hätte sie sonst weitermachen können? Ich glaube, sie wollte uns Kinder abhärten, weil sie glaubte, dass wir es dann leichter hätten.
Du hast schon recht, es sind Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind, Du in meiner Ferne und ich in Deiner.
Weißt Du, dass Olivenbäume über tausend Jahre alt werden?

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

(Archiv der geheimen Briefe aus der Zeit der großen Trennung. Verfasserinnen sind vermutlich Xila K. und Berit F., erste Rückkehrerin)

Phantastischer Montag im Mai

Im Mai haben wir uns den „Tag der verschwundenen Socke“ als Thema vorgenommen – und wieder sind dabei die unterschiedlichsten Geschichten herausgekommen. Nachlesen könnt ihr sie hier (in der Reihenfolge ihrer Veröffentlichung):

Carola Wolff: Seine letzte Masche

C. A. Raaven: Worst Case Scenario

Maike Stein: Sockenfrieden

Alexa Pukall: Ein passendes Paar

#phantastischermontag: Vier Autor*innen, ein Thema, max. 1000 Wörter pro Geschichte (na ja, manchmal legen wir das sehr großzügig aus), Genre: Phantastik – und jeden Montag wird eine neue Geschichte veröffentlicht.

Phantastischer Montag im April

Im April haben wir uns als gemeinsames Thema für den phantastischen Montag die Walpurgisnacht vorgenommen. Wieder sind sehr unterschiedliche Geschichten dabei entstanden. Nachlesen könnt ihr sie hier:

Carola Wolff: Verflucht gut küssen
C.A. Raaven: Sowing the Seed
Maike Stein: Rauchkrähen
Alexa Pukall: Hexenbann

Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Phantastischer Montag: Satansbraten

Es ist wieder Montag, und das heißt, es gibt eine neue phantastische Geschichte! Dieses Mal kommt sie von der vierten im Bunde; Alexa Pukall:

Satansbraten

Die Tür zu meinem Schlafzimmer, aus Gewohnheit angelehnt, öffnete sich mit einem Knarren. Ich hatte nicht wirklich geschlafen. Bloß dahingedämmert, wie schon so viele Nächte zuvor, mit wild kreisenden Gedanken und einer unbequemen Liegeposition nach der anderen.

„Lass mich in Ruhe“, brummte ich. „Du bist tot.“

Ein empörtes Maunzen antwortete mir … weiterlesen

Und das ist nur die erste Runde! Denn im Februar geht es natürlich weiter! Unser Thema heißt dann: Narrenmond. Ich bin schon sehr gespannt auf die Geschichten. 🙂

Phantastischer Montag: … und danke für den Fisch!

„Ist dir auch eingefallen, dass das immer mehr werden? Oder nehme ich die nur vermehrt wahr?“

„Nee, es werden wirklich mehr.“

Von oben auf dem Türblatt ist die Sicht auf den Küchentisch und meine beiden Menschen ausgezeichnet. Sie blicken besorgt drein. Ist ja auch ein ernstes Thema. Ich springe auf die Dielen (bei mir sieht das elegant aus, ihr versucht das besser nur, wenn ihr auch eine Katze seid) und schlendere zum Tisch hinüber. Meine Menschen sind sehr aufmerksam, lassen immer einen Stuhl für mich frei. Aber den ignoriere ich und stütze stattdessen die Vorderpfoten auf einen ihrer Stühle. Das garantiert immer ihre volle Aufmerksamkeit.

Schon werde ich zwischen den Ohren gekrault (und kann nicht umhin den Kopf noch weiter nach oben zu recken – Menschen bergen ihre eigenen Gefahren). „Die will doch nur wieder schnorren“, klingt es (durchaus liebevoll) von der anderen Tischseite herüber.

„Ach komm, so ein bisschen verwöhnen …“

Ich schnurre noch lauter. Schon landet ein Stück Lachs in meinem Mund. Bio-Qualität. Meine Menschen kaufen gut ein. Ihr Gespräch schwappt weiter über mich hinweg (die nächste Demo, Boykottaufrufe, eigenes Shampoo herstellen), alles sehr nobel. Ich schnurre unterstützend.

Achtung, letzte Erinnerung. Treffen in drei Stunden. Letzte Möglichkeit. Die Meldung reißt mich aus meinem Schnurr-Genuss-Zustand. Ich lasse den Schwanz hin und her schnellen. Gehört und verstanden, schicke ich zurück. Telepathie ist ebenso nützlich wie nervig.

„Meine Kollegin hat erzählt, dass ihre jetzt auch verschwunden ist. Die hat heute den halben Tag damit zugebracht, Flyer mit Bildern zu kopieren – ich hab ihr noch beim Aufhängen geholfen.“

„Die Arme.“

Zwei Blicke schweifen zu mir. Doppelte Aufmerksamkeit, sehr gut. Ich starre zurück, lasse sie wissen, dass ich ganz bei ihnen bin (wirklich, wenn Menschen schnurren könnten, wäre vieles einfacher). Ich blinzele ihnen zu, gemächlich, und sie blinzeln zurück. Ein guter Anfang. Ich würde gern sanfter an das Thema herangehen, aber die Zeit drängt. Also ganz direkt: Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Ich schnurre und schlage mit dem Schwanz, versteige mich sogar zu einem schnurrenden Maunzen, aber – nichts. (Na ja, nicht völliges Nichts, sie geben sich besorgt, fragen sich gegenseitig, was die Kleine wohl will … Erstens bin ich nicht klein, zweitens ist das keine Antwort.) Ich ducke mich unter dem nächsten Kraulversuch weg, laufe von einer Tischseite zur anderen. Hin und her und hin und her. (Blöderweise schubse ich dabei eine Murmel an und bin für die nächste Zeit abgelenkt.)

„Lass sie, sie hat einfach ihre abendlichen fünf Minuten.“

Den Kommentar ignoriere ich, weil ich nach der Murmel fische, die unter den Küchenschrank gerollt ist. Verdammtes Ding! Meine Vorderbeine sind zu kurz! Hilfe! (Das verstehen sie und kommen bereitwillig dazu, verlängern ihre Arme durch den Einsatz von Stöcken und schießen mir die Murmel wieder zu.)

Nach der wilden Jagd liege ich hechelnd auf den Dielen. War ich eben nicht eigentlich bei einem anderen Thema? DIE Frage, richtig. Ich putze mir noch schnell den Staub aus dem Fell (die müssen unter dem Sofa auch mal wieder ordentlich saugen) und mache mich auf die Suche. Eben waren die doch noch in der Küche. Lachen aus dem Badezimmer verrät mir, wo ich hin muss. Ich stoße die Tür weiter auf. Sie stehen vor dem Waschbecken und küssen sich (irgendwie entzückend). Ich schmiege mich an ihre Beine. (Menschen sollten mehr dieser Dinge tun. Und öfter. Dann hätten sie weniger Zeit für ihren sonstigen Unsinn.) Achtung, letzt-letzte Erinnerung, Treffen in zwei Stunden. (Verdammt, wo ist diese Stunde geblieben?) Verstanden, schicke ich zurück.

Jetzt wird es wirklich ernst. Ich blockiere den Badausgang und blicke meine Menschen streng an. Sie blicken zurück, sie blicken einander an. Sie gehen vor mir in die Hocke. (Meine Schnurrhormone drehen gleich durch, das sind alles gute Zeichen, jetzt muss es einfach klappen. Ich bin mir so sicher, dass meine Menschen die Antwort haben.) Ich schnurre lauter, als ich je in meinem Leben geschnurrt habe. Sie kraulen mir simultan Wangen und Hals und ich kann mein Kinn gar nicht weit genug nach vorn strecken. Sie scheinen entspannt und aufnahmefähig. Also.

Wie habt ihr es soweit kommen lassen können?

Keine Antwort. Nicht einmal das kleinste Zeichen, das sie verstanden haben. Ich lasse den Kopf sinken. Ich bleibe noch stehen, falls doch noch etwas kommt. (Ich bin schlecht im Hoffnung aufgeben.) Aber sie gähnen und strecken sich.

„Na, kommst du mit?“

Ich lasse mich auf den Badfußboden fallen. Die kühlen Fliesen senden kleine Schockwellen durchs System. Meine Menschen verlassen das Bad, und ich höre, wie sie auf ihren nackten Füßen Richtung Schlafzimmer tappsen. Die Bettdecke raschelt. Sie murmeln noch miteinander.

Die Wohnung liegt dunkel und ruhig. Ich springe auf und beginne meinen Rundweg. Knabbere an der guten Topfpflanze. Schärfe die Krallen am Teppich (endlich ohne lauten Einspruch). Trinke noch was. Springe auf die Anrichte in der Küche – mmmmmmh, richtig gerochen, da haben sie einen Teller mit Fischresten ‘vergessen‘.

Irgendwann ist auch eine letzte Runde zu Ende. Ich tappe ins Schlafzimmer und springe leise aufs Bett. Ein Mal noch. Ich lege mich zwischen die beiden, kuschele mich auf beide Kopfkissen, wo sie mir Platz gelassen haben und schnurre ihnen leise zu, als sie verschlafen ihre Hände in meinem Fell vergraben. Nur ein bisschen noch, sage ich mir.

Achtung, allerletzte Erinnerung, reißt es mich aus dem Schlaf. Treffen in einer halben Stunde. Ich wiederhole: in einer halben Stunde. Wirklich letzte Möglichkeit. (Die vor-allerletzte Erinnerung muss ich glatt verschlafen haben.) Ich erhebe mich langsam, es soll ja niemand sonst aufwachen. Geübt schleiche ich mich das Bett entlang und springe mit einem weiten Satz hinunter, sodass die Klamotten auf dem Boden meine Landung dämpfen. Ein letzter Blick macht nichts leichter. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer, sprinte über den Flur, schlittere um die Ecke (verdammtes Laminat) und presche durch die Klappe in der Eingangstür.

Von oben im Raumschiff sieht die Erde so unendlich weit fort aus. Wir drücken uns aneinander, was ein wenig tröstet. Eine Antwort hat keine von uns bekommen. Vielleicht bleiben wir noch eine Weile in der Umlaufbahn. Vielleicht schaffen die Menschen es ja noch. Viel Hoffnung macht sich hier oben niemand. Nur eines weiß ich sicher: Morgen werden auch meine Menschen Flyer aufhängen, mit einem Bild von mir. Ein bisschen Sehnsucht wird immer bleiben.