Eine Weihnachtsgeschichte im Sommerausklang

Draußen ist es immer noch warm, letztens hat sich Berlin gar nochmal auf knapp 30 Grad hochgeschraubt – und ich muss bis zum 01. Oktober die Geschichte fürs diesjährige Weihnachtsheft schreiben! Thema: Schneeflöckchen, Weißröckchen. Und da draußen sieht es so gar nicht nach Schnee aus. Woher also die Inspiration nehmen? Erich Kästner konnte wenigstens auf die verschneite Zugspitze schauen, als er „Das fliegende Klassenzimmer“ schrieb. Sehr beneidenswert.

Zwar gibt es hier auch manchmal Schnee:

Berliner_Schneemorgen

Aber trotz Wolkenhimmel, sieht es hier & heute beim aus-dem-Fenster-starren-und-auf-eine-zündende-Idee-warten noch lange nicht so aus … Falls also jemand schöne Winterbilder hat: immer her damit!

Back to work!

Eine Reise nach Moritzburg

Am Samstagmorgen war es dann also soweit, es ging auf nach Schloss Moritzburg zur Aschenbrödel-Lesung. Passenderweise schneite es schon in Berlin –

 

was wunderschön aussah, aber natürlich auch bedeutete: “wetterbedingte” Verspätungen bei der Bahn. Nun ja, irgendwann fuhr auch am Hauptbahnhof der Zug ein …

… und wenige Stunden, eine Zug- und eine Busfahrt später, bekam ich die perfekte Kulisse für die Lesung aus dem Märchenroman zu sehen:

 

Im Turm rechts –

 

durfte ich dann auf dem Bühnenthron Platz nehmen und aus “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” lesen. :-)

Nach der Lesung ließen sich dann die Kinder auf dem Thron fotografieren, und ein Vater beschloss, dass am Abend einmal verkehrte Welt gespielt würde: Die Kinder sollten ihn ins Bett bringen und ihm zum Einschlafen die Geschichte vom Aschenbrödel zu Ende erzählen …

… als ich – mit viel Bahnverspätung – am Abend wieder in Berlin eintraf, war aller Schnee geschmolzen, als hätte es ihn nie gegeben – und mir blieb nur die Erinnerung an den verzauberten Berliner Schneemorgen und die wunderbare Lesung auf dem Schloss mit Schneelandschaft.

 

Stadtmagie – Teil 4

Beim Schneefall gestern musste ich an eine Geschichte denken, die ich 2010 für unser Weihnachtsheft geschrieben hab. Das Weihnachtsheft ist inzwischen eine Tradition von ein paar Kolleg*innen, entstanden aus der Not: Zwei Freiberuflerinnen hockten zusammen, Weihnachten stand an, aber es fehlte das Geld für Geschenke. Also überlegten wir uns, was können wir … Geschichten erzählen! Und so finden wir uns nun Jahr um Jahr zusammen, suchen uns als Titel und Thema eine Zeile aus einem Weihnachtslied und schreiben dazu Geschichten mit max. 1000 Wörtern, was immer wieder eine wunderbare Herausforderung ist.

Als ich also so durch den fallenden Schnee spazierte, sah ich, wie die Flocken nicht nur herabfielen sondern an manchen Stellen auch nach oben tanzten. Klar, da gibt es sicher eine furchtbar logische Erklärung für – aber mir gefällt die, die ich in der folgenden Geschichte gefunden habe, wesentlich besser. ;-)

Ankunft in der Wolkenhalle

Betreten auf eigene Gefahr – Zutritt nur für Personal

Neben das Schild hatte jemand das Symbol der Schneeflockenfahrer in die Tür geritzt, und Lana legte ihre Hand darauf, spürte die Rillen in der ansonsten glatten Oberfläche. Ihre Schwester hatte also nicht gelogen, sie hatte wirklich hier gestanden an ihrem ersten Tag der Ausbildung, ein Taschenmesser in der Hand und für ein paar Momente niemand in Sicht, der sie hätte zurückhalten können. »Ich wollte einfach sichergehen, dass eine Spur von mir dort zurückbleibt. Damals hab ich noch Angst gehabt, unsere wutschnaubenden Eltern könnten jeden Augenblick angestürmt kommen und mich nach Hause zerren.« Lenny hatte gelächelt. »Und ein bisschen hab ich es mir gewünscht, hab mir gewünscht, dass sie es doch nicht ernst gemeint hatten mit dem ›du bist nicht mehr unsere Tochter, wenn du dort hingehst‹, aber, na ja, du kennst sie ja.« Es war das letzte ihrer heimlichen Treffen gewesen. Das Nächste, was sie von ihrer Schwester gesehen hatte, war die Todesanzeige im

Wolkenkurier gewesen.

Lana berührte kurz die dunkle Brille, die in der Brusttasche ihrer Jacke steckte und wiegte sich in den Stiefeln vor und zurück, um das Knarren des neuen Leders zu hören. Sie strich noch einmal über die Messerspuren und stieß die Tür auf.

Die Wolkenhalle war voller Stimmen, ein Wort überlagerte das andere, und sie verstand kein Einziges, sie nahm nur das Lächeln auf all diesen Gesichtern wahr. Frauen und Männer gingen

aufeinander zu, Hände klopften auf Schultern, Küsse wurden auf Wangen gedrückt, Oberarme ge-tätschelt, manche zogen sich spielerisch an den Jackenaufschlägen, manche umarmten einander, andere winkten sich quer durch die Halle zu. Lana riss ihre Augen so weit wie möglich auf, wollte nichts von diesem ersten Anblick verpassen. Sie stand wirklich hier. Lenny hatte hier gestanden. Hatte diese kühle Luft an Lippen und Wangen gespürt, das Glitzern der Kristalle durch offen stehende Startluken gesehen.

»Name?«

Sie fuhr herum. Ein Mann mit einem Klemmbrett in der einen und einem Stift in der anderen Hand blickte sie abwartend an.

»Lana Grey.« Ihr Herz schlug so schnell, dass es weh tat. Lenny hätte hier sein sollen, so war es geplant gewesen, sie hätte hier sein und ihr alles erklären sollen. »Wenn du erst alt genug bist, kommst du zur Wolkenhalle, und ich bringe dir das Flockenfahren bei.« Worte, in ihr Ohr gewispert, vor zwei Jahren. »Und du wirst sie alle kennenlernen, wirst sie mögen.« Lenny hatte sie fest an sich gedrückt und ihr von Keena erzählt, die mit nur einem Salto eine ganze Herde Flocken in eine neue Richtung wirbeln konnte, von Red, der während der Wartezeiten strickte. Von Raubeins ansteckendem Lachen, »so tief und glucksend, dass selbst die schlechtesten Witze gut werden«, von Pen, die jede Schneeflocke, der sie begegnete, zeichnete und noch keins ihrer Bilder glich dem

anderen, von jeder einzelnen Falte auf Jorricks Gesicht. Von Yrma und Yna, den waghalsigen Zwillingen, die ihre Steigschirme immer erst im allerletzten Moment öffneten und für das Kitzeln in der Magengrube lebten, das dieser Stunt auslöste. »Aber weißt du, was wirklich das Beste am

Flockenfahren ist? Zu fliegen, und dabei zu wissen, dass du immer wieder zu all ihnen zurückkehren wirst.« Damals hatte Lenny ihr die Brille geschenkt.

»Grey, hm?« Der Mann mit dem Klemmbrett ließ den Stift fallen und steckte zwei Finger in den Mund, stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Die Gespräche in der Halle verebbten. Lana schluckte, noch nie zuvor hatte sie so viele Blicke gleichzeitig auf sich gespürt.

»Leute, sie ist hier! Begrüßt unsere neueste Schneeflockenfahrerin – Lana Grey!« Er schob sie ein

Stück weiter in die Halle hinein.

Hätte sie doch bloß die Brille aufgesetzt! Der losbrechende Sturm an Willkommensrufen, -pfiffen und -klatschen trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie drückte eine Hand gegen die Brust und verbeugte sich, wischte schnell mit dem Handrücken über ihr Gesicht. Eine Hand umfasste ihre Schulter, richtete sie auf.

Der Mann mit dem Klemmbrett blinzelte ihr zu. »Mach dir nichts draus, die meisten heulen, wenn sie zum ersten Mal hier reinkommen. Lenny auch.« Er grinste. »Und ich, aber verrat mich nicht, sonst schmilzt mein Ruf als coolster Türsteher der Wolkenhalle schneller als Schnee auf Hawaii.«

»Mach der Kleinen nichts vor, Jerry, wir wissen alle, dass du Rotz und Wasser geheult hast.« Eine weißhaarige Frau war zu ihnen getreten und lächelte ihr zu. »Ich bin Keena und werd dir alles übers Flockenfahren beibringen. Du hast dir einen guten Tag für deinen Anfang ausgesucht, der 24. ist der beste.«

»Das hat Lenny auch gesagt.«

»Ich weiß.« Keena zog sie an der Hand mit sich in die Menge.

Wenn wir am 24. Schneeflocken runtertreiben, hatte Lenny ihr in einem ihrer Brief geschrieben, dann sehen die Menschen sie sich wirklich an – und ein paar wenige von ihnen bemerken sogar uns, wenn wir unsere Steigschirme öffnen und inmitten der Schneewirbel wieder nach oben fliegen. Und dann siehst du das glückliche Staunen in den Augen dieser Riesen, und das ist – bezaubernd.

Immer wieder wurden sie gestoppt und begrüßt, Namen und Gesichter prasselten auf Lana ein, und alle hatten sie etwas über Lenny zu sagen.

»Ihr habt sie wirklich gemocht, oder?«

Keena drückte ihre Hand. »Lenny war eine von uns.« Sie waren an einer Startluke angelangt, und Keena sah sie an. »Also, bereit für deinen ersten Flug?«

Lana nahm die dunkle Brille aus der Brusttasche ihrer Jacke und berührte dabei mit den Fingerkuppen das mit der Zeit samtweich gewordene Papier, das ebenfalls dort steckte.

Lenny Grey, hoch geschätzte und geliebte Freundin, Schwester, Tochter, Tante, Nichte, Enkelin, Cousine, Kollegin und verwegenste Fahrerin von allen. Wir vermissen dich.

»Ja.«