Phantastischer Montag: Atmen und hoffen

Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer über der Krähenbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich über ihr Fenster, machte den Abend dämmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. Genauso lang wie sie versuchte, die Erinnerung auf Distanz zu halten, hartnäckig wie das Klopfen selbst.

Atmen. Vergessen, befahl sie sich sich. Atmen. Vergessen. Atmen. Vergessen.

Unmöglich. Denn selbst ihre Gedanken folgten dem Rhythmus der Tropfen, und ihre Augen weigerten sich, von dem Glitzern und Funkeln wegzuschauen. Sternenlicht gefangen in Regentropfen – genau wie in jener Nacht. So fern. Andra legte eine Hand an die kühle Fensterscheibe. Kühl aber trocken. Die Tropfen durch das Glas so unerreichbar wie ihre Heimat.

Ihre Finger nahmen den Rhythmus der Tropfen auf, tappten gegen die Scheibe. Atmen. Vergessen.

Sie atmete tief ein und meinte, den Regen, kühl und schwer, erdig und metallisch zu riechen, zu schmecken – als flöge sie wieder zwischen diesem Funkeln hindurch wie in jener Nacht. Sie hatte den Geruch tief in sich eingesogen, hatte ihn auf der Zunge geschmeckt, noch bevor sie den Mund weit aufgerissen hatte, um den Regen und sein Glitzern in sich aufzunehmen. Das Sternenlicht prickelte an ihrem Gaumen, als die Tropfen daran zerplatzten. Es tanzte ihre Kehle hinab und weckte die Funken in ihrem Bauch.

Hatte sie auch nur einen Moment an die Warnungen gedacht? Oder hatte das Glitzern und Funkeln jede Vernunft in ihr ausgelöscht? Sie war jung gewesen, und das Sternenlicht tanzte in ihr – welcher Drache konnte dem schon widerstehen?

Ihr Feuer floss aus ihr heraus, ihre Flammen leuchteten mit den glitzernden Tropfen um die Wette, strahlten hell und immer heller, befreiten das Sternenlicht aus seinem kühl-nassen Gefängnis. Tropfen zerbarsten, zerstoben zu feinstem Staub. Das Sternenlicht aber ballte sich zusammen, brannte heller als ihr Feuer, dehnte sich aus und vertrieb die Nacht. Für einen goldenen Moment war sie ganz in Feuer und Glitzern und Funkeln getaucht – es leuchtete, strahlte, pulsierte, zog sich zusammen, breitete sich aus, zog sich zusammen – und verschwand.

Dunkelheit umgab sie. Regen prasselte auf ihre Schuppen. Schlug auf sie ein. Und die Dunkelheit war so tief, dass sie jedes Feuer erstickte.

Und dann hatte das Klagen der anderen Drachen eingesetzt. Da erst begriff Andra, was sie getan hatte. Sie hatte Feuer und Wasser gemischt und so das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben. Fortan waren die Nächte dunkler als die tiefste Einsamkeit und selbst wenn die Drachen sich noch so eng aneinanderschmiegten, blieb die Weite um sie her unendlich.

Andra lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Sie hatte diese Verbannung mehr als verdient. Sie hatte das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben – und nun war es hier in dieser fremden Welt, verspottete und verlockte sie zu gleichen Teilen, glitzerte und funkelte noch immer, während es sich langsam in die fremde Welt fraß und sie zerstörte. Langsam aber gewiss. Nur mit Magie ließe es sich wieder einfangen. Andra tappte noch immer den Regenrhythmus gegen das Glas. Sie war keine Magierin.

In Nächten wie diesen wünschte sie sich, sie wäre wenigstens eine Geschichtenerzählerin. Dann könnte sie diese ganze Misere aufschreiben, sie wie eines der alten Märchen klingen lassen. Schön und faszinierend und nie geschehen. Worte auf Papier, das sie zerreißen konnte und in eine Feuerschale werfen und anzünden, die Worte von den Flammen auffressen lassen, beobachten, wie sie mit dem Rauch verwehten. Schön und faszinierend und nie geschehen. Und sie würde die Augen schließen und am nächsten Morgen in der ihr vertrauten Welt aufwachen.

Unmöglich.

Andra seufzte. Sie drehte dem Fenster, der Nacht, den funkelnden Regentropfen, ihren Rücken zu. Der Regen schlug weiter gegen das Glas, aber Andra hörte ihm nicht länger zu. Morgen würde sie erneut in dieser fremden Welt aufwachen. Auch morgen würde sie nicht aufgeben. Irgendwo in dieser Welt versteckte sich die Magie, die sie alle retten würde: diese Welt vor dem zerstörerischen Sternenlicht, ihre Drachengeschwister vor der Dunkelheit und sie selbst aus der Verbannung.

Unser Zitat zur Inspiration der Geschichten im März … Was die Kolleg*innen damit gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen: Ungeplant von Carola Wolff und Das Eckige muss ins Runde von C. A. Raaven.

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