Phantastischer Montag: Der Gesang der Bäume

Der Gesang stockte. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aber jetzt, da sie das Stocken vernommen hatte, konnte sie es nicht länger ignorieren.

Oder doch?

Es war eine furchtbare Idee, die sich wunderbar anfühlte. Wenn sie sich für den Rest aller Zeit in dieser Idee verkriechen könnte, sich an sie schmiegen wie an Elyfs Körper und alles um sie beide herum vergessen, wie sie es seit diesem ersten Kuss getan hatten, dann könnte sie die Zeit selbst ignorieren und alles, wozu sie drängte. Es war verlockend. Und ein wenig Zeit blieb ihnen sicher noch. Andra drückte ihr Gesicht an Elyfs Halsbeuge. Einfach die Augen schließen und alle Gedanken verscheuchen.

Doch das war leichter gedacht als getan, jetzt, wo sie angefangen hatte, wieder etwas vom Außen zu spüren. Und das, was sie spürte, sagte deutlich: Wenn du dir zu viel Zeit lässt, stirbst du. Und mit dir diese Welt. Und mit dieser Welt stirbt Elyf.

Durch das offene Fenster drang der Gesang der Bäume, ein beruhigendes Summen, das zu dieser Welt gehörte, wie Flügel, Schuppen und Krallen zu Andras Drachengestalt. Ebenso vertraut wie unersetzlich. Andra drückte sich mit der vollen Länge ihrer Menschengestalt an Elyf, meinte die Krähenfedern unter Elyfs Haut zu spüren, weich und stark zugleich.

Sie hätte sich nicht auf sie einlassen dürfen. Jetzt lag ihr etwas an dieser Welt. In der Dunkelheit von Elyfs Halsbeuge erlaubte Andra sich ein leises Seufzen. Nur ein wenig länger noch hier verharren.

Das nächsten Stocken des Gesangs ließ sie frösteln, als ginge ein feiner Eisregen auf ihre von Drachenschuppen ungeschützte Haut nieder. In diesem stummen Bruchteil einer Sekunde sah sie es deutlich vor sich: Alle Bäume erstarrten. Kein Ast rührte sich im Wind, kein Blatt zitterte, und auch die Vögel verstummten. Zu kurz für die menschliche Wahrnehmung und schmerzhaft deutlich für ihre Drachensinne.

Die Bäume setzten ihren Gesang fort und gleichzeitig hob Elyf den Kopf. „Was ist?“ Sie strich mit federleichten Händen über Andras Schultern.

Nichts, hätte Andra zu gern geantwortet. Vielleicht wäre das sogar die beste Antwort. Sie war mit ihrer Suche nach der Magie kein Stück vorangekommen, die Welt würde also ohnehin sterben. Und das nicht einmal sofort. Sicher, nach Drachenmaßstäben schon, aber Drachen lebten so viel länger als – nein, auch daran wollte sie nicht denken. Sie zwang sich zu einem Lächeln und strich Elyf über die kurzen dunklen Haare. Doch die schlang ihre Finger um Andras Handgelenk, stoppte ihre Bewegung.

Elyf zog Andras Hand an ihre Lippen und küsste ihre Finger, einen nach dem anderen. Nach jedem Kuss sah sie ihrer Drachenfreundin in die Augen, lauerte auf den abwesenden Ausdruck darin, der so schnell kam und ging, dass Elyf unsicher war, ob sie ihn gesehen oder sich eingebildet hatte. Sie wand ihre Finger um Andras und legte ihre beiden Hände auf ihre Brust, wandte den Blick keinen Moment lang von ihr ab. Rede mit mir, dachte sie stumm. Denn dass es nichts brachte, einen Drachen zu drängen, hatte sie längst gelernt. Andra konnte länger schweigen als jedes andere Wesen, das sie kannte.

Auch jetzt sagte sie kein Wort, löste nur langsam ihre Finger von Elyfs, schloss die grün-glitzernden Augen. Obwohl sie noch dicht neben ihr lag, schien Andra weit, weit fort, und die Entfernung zwischen ihnen breitete sich schneller aus als ein Donnerhall. Ein schweigender Donner, der sich wie eine steinschwere Decke auf sie legte. So sehr Elyf sich danach sehnte, die Starre abzustreifen, sie konnte nicht einmal einen ihrer kleinen Finger bewegen.

Andra hingegen hob langsam den Kopf, drehte sich von ihr fort, ihre Hände schon geschuppte Tatzen, ihre Wandlung zum Drachen vollendet, als sie ihre Drehung vollendete. Ihre Drachengestalt funkelte wie Sterne in tiefdunkler Nacht. Elyf wollte die Hände nach ihr ausstrecken, doch die Stille lastete noch immer auf ihr, hinderte sie an jeder Bewegung. Drachenatem strich über ihre Schläfen wie sanfte Küsse. Andra blickte sie aus ihren Drachenaugen an – auch sie waren grün: zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtend.

Wieder strich der Drachenatem über ihre Schläfen – kühl wie die letzte Nacht des Sommers vor dem Herbst. Elyf wollte den Kopf schütteln, ihre Handflächen den Drachenkrallen anbieten, wollte spüren, wie sie sich in ihre weiche Haut gruben – alles wäre besser als dieses Gefühl von Abschied. Sie wollte aufspringen, Andras Flügel umschlingen, sie fest an Andras Körper pressen, damit sie sie nicht ausbreiten konnte. Doch noch immer deckte das Schweigen Elyf steinschwer zu. Und Andra wandte ihren zart-blatt-smaragd-schimmernd-sonnendurchdrungen-wasserlilien-grün-leuchtenden Blick von ihr ab, drehte erst ihren Kopf, dann ihren ganzen Körper von ihr fort, sprang vom Bett zum Fenster, blickte sich nicht noch einmal um, drückte sich mit den Tatzen vom Fensterbrett ab, sprang, sprang und breitete die Flügel weit aus, sprang und flog, schwang sich hinauf in den Nachthimmel, verschmolz mit Sternen und Dunkelheit.

Nur das Schweigen ließ sie zurück. Und Elyf lag in der Steinschwere, bis die Nacht noch tiefer wurde, bis die Vögel aufhörten zu singen, bis das erste Licht heraufdämmerte und die Stimmen der Vögel erwachten, bis die Sonne das letzte Grau vertrieb und sich auch zum Fenster hereinstahl, die Steinschwere hinwegwärmte. Elyf blinzelte. Sie zuckte und schüttelte sich. Das Morgenlicht stach ihr in den Augen. Sie setzte sich auf und starrte in das helle Blau.

Irgendwo dort draußen war ihre Drachenfreundin. Elyf berührte das Tattoo an ihrem Handgelenk. Schon griff der Wandel nach ihr, wirbelte sie herum, bog und formte sie neu, ließ ihre Federn sprießen. Sie hockte auf dem Fensterbrett, krächzte das helle Blau an, spreizte ihre Flügel. Irgendwo hier draußen war ihre Drachenfreundin, und sie würde sie finden. Elyf stieß sich ab, flog dem Blau entgegen.

Unter ihr rauschten die Bäume, ein grünes Blättermeer im Wind. Fast schon ein Gesang, dachte Elyf, während sie höher und höher flog und der Gesang leiser und leiser wurde.

 

… ist unser Zitat für die phantastischen Geschichten im Mai. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier lesen:

Wonderland 2.0 von Carola Wolff
Bevor es zu spät ist von C. A. Raaven

Phantastischer Montag: Die Sozietät und andere glitzernde Verlockungen

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Andra starrte das Grafitti auf dem Brückenpfeiler an. Die Schrift glitzerte silbern im Sonnenlicht. Das Glitzern hatte sie überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht. Glitzerdinge waren nun einmal unwiderstehlich – und in dieser Stadt gab es entschieden zu viele davon. Andra schüttelte den Kopf über sich selbst. Nicht das Glitzern war der Punkt, sondern die Worte. Sie war lange genug in dieser Welt, um zu wissen, dass sie hier als phantastisches Halbwesen gelten würde, wenn Menschen von ihrer Drachenseite wüssten.

Und in einer Notlage war sie ohne Zweifel. Wie ihr dieses Grafitti allerdings weiterhelfen sollte, blieb ihr ein Rätsel. Andra umrundete den Brückenpfeiler, aber mehr stand nicht darauf. Sie kehrte zu dem Grafitti zurück. Vielleicht – sie legte eine Hand auf das X. Nichts geschah. Andra lachte leise auf. „Wäre ja auch zu einfach“, murmelte sie und klopfte mit einer Faust an den Brückenpfeiler wie an eine Tür.

Auch das brachte nichts. Wer bitte ließ einen Hinweis auf eine helfende Organisation zurück, ohne eine Kontaktmöglichkeit anzugeben? Das war doch sinnfrei! Andra kniff die Augen zusammen, was natürlich auch keine neuen Erkenntnisse brachte.

Aus ihren Nachforschungen auf der Suche nach Magie hatte sie die Legenden und Erzählungen dieser Welt studiert. Sphinx – soweit sie sich erinnerte ein Wesen mit Löwenkörper und Menschenkopf, manchmal mit, manchmal ohne Flügel. Bewachte Türen und stellte Rätsel. Tötete diejenigen, die ihre Rätsel nicht lösen konnten. Nicht sehr freundlich.

Hinter ihr schnatterten ein paar Enten auf der Spree, Krähen kreuzten den Fluss und unterhielten sich lautstark. Andra drehte sich um, doch keine von ihnen war Elyf. Vermutlich war das besser so. Sie sollte Elyf nicht in ihren Schlamassel hineinziehen. Ha – Elyf würde nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, wenn sie von ihrem Schlamassel wüsste! Weltenzerstörerin, hatten sie sie zuhause genannt. Zuhause würden sie sie nur wieder aufnehmen, wenn sie auch eine Weltenheilerin sein konnte.

Andra starrte wieder auf die glitzernde Schrift. Seit ihrer Verbannung hasste sie die Anziehungskraft, die alles Glitzernde auf sie ausübte.

 

Elyf hatte ein schlechtes Gewissen. Aber das hielt sie nicht davon ab, Andra weiter zu beobachten. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihr. Den einen Moment war ihre Drachenfreundin ausgelassen und offen, im nächsten zog sie sich zurück, geradeso als wären sie einander vollkommen fremd. Elyf hatte noch nie einem Geheimnis widerstehen können, und Andra war eines.

Also war sie ihr gefolgt. In Krähengestalt war das leicht. Bei den vielen Krähen, die sich in der Stadt herumtrieben – einige davon Krähenschwestern so wie sie, andere schlicht Vögel, die die Vorteile des Stadtlebens genossen -, konnte sie sich mühelos in der Menge verbergen.

Scheinbar ziellos lief Andra durch die Straßen, bog von den großen in die Seitengassen ab, blieb kurz stehen, als sie schließlich ans Spreeufer kam, lehnte sich mit dem Oberkörper ans Geländer. Elyf hätte sich fast von dem Sonnenglitzern auf dem Wasser ablenken lassen, den Sonnenflecken, die auf kleinen Wellen schaukelten wie winzige, aus der Nacht in den Tag gefallene Sterne. Doch als Andra schnaubte und sich vom Wasser abwandte, schüttelte sie ihre Faszination ab und folgte ihr weiter das Flussufer entlang.

Bis Andra unter dieser Brücke stoppte. Elyf landete auf einer Strebe des metallenen Unterbaus, trippelte darauf entlang, bis sie sehen konnte, was Andra so gebannt anstarrte.

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Elyf duckte sich auf ihrer Metallstrebe. Natürlich kannte sie die Sozietät. Aber wenn Andra Hilfe brauchte, warum vertraute sie sich dann nicht ihr an? Die Hilfe der Sozietät hatte immer einen Preis. Oh, sie forderten nie Geld, stets nur „einen kleinen Gefallen“, einzulösen bei Bedarf. Elyf schauderte. Sie hatte schon zu viele Geschichten darüber gehört, wie diese Gefallen aussahen. Diebstahl, Spionage, Entführungen, sogar Mord – nur wer wirklich verzweifelt war, wandte sich an die Sozietät.

Oder wer sie nicht kannte.

Elyf neigte den Kopf zur Seite und spähte zu Andra hinab. Sie sollte sie warnen. Allerdings würde sie dann zugeben müssen, ihr gefolgt zu sein. Nicht sehr vertrauensförderlich. Elyf rieb ihre Flügel übereinander.

 

Ich muss hier einmal kurz unterbrechen. Sie erinnern sich sicherlich noch an mich? Die Sphinx, die bei S.P.H.I.N.X Hilfe suchte – und sie auch bekam. Ich weiß, ich weiß, ich habe Sie da etwas im Ungewissen gelassen, als Sie das letzte Mal von mir gehört haben. Aber die Sozietät ist nun wirklich keine gemeine Bande von Verbrecherinnen oder gar Mördern, das kann ich so nicht stehenlassen.

Mir zum Beispiel haben sie einen ganz hervorragenden Deal angeboten: Alle, die bei der Sozietät um Hilfe ersuchen wollen, müssen nun zuerst eines meiner Rätsel lösen, bevor sie Zugang zu S.P.H.I.N.X bekommen. So filtere ich die Unwürdigen heraus und lasse die wirklich der Hilfe Würdigen durch. Ein Gewinn für alle. Nun ja – fast alle.

Entscheidend ist: Ich habe endlich wieder ein Aufgabe. Denn natürlich müssen zunächst alle elektronischen Geräte abgegeben werden. Keine technischen Hilfsmittel mehr bei der Suche nach den richtigen Antworten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Antworten, Plural. Denn es gibt immer mehr als eine Lösung für ein Rätsel. Seien Sie kreativ! Denken Sie nach! Mehr verlange ich nicht.

Was die Sozietät dann im Gegenzug für ihre Hilfe verlangt, das geht mich nichts an. Aber Magie wird nie leichtfertig verschenkt. Das sollte allen klar sein, die hier eintreten wollen.

Das soweit von mir. Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie es da draußen weitergeht. Ich auch, nebenbei bemerkt.

 

Andra runzelte die Stirn und hätte zu gern mit ihrem Schwanz über den Boden gewischt. Das verscheuchte immer etwas von ihrer Unruhe. Und gerade jetzt sagte ihr das Prickeln zwischen ihren Schultern, dass sie beobachtet wurde. In ihrer Drachenform wäre sie herumgewirbelt und hätte die Konfrontation gesucht. In Menschengestalt fühlte sie sich zu verwundbar.

Andra?“

Bei der vertrauten Stimme fuhr sie doch herum. Elyf grinste sie an und kam auf sie zu geschlendert.

Was machst du auf meinem Lieblingsspazierweg?“ Elyf blieb wenige Schritte vor ihr stehen.

Es dauerte ein paar Momente, bis Andra sich soweit gefasst hatte, dass sie antworten konnte. „Reiner Zufall.“ Ihre Stimme klang wackliger als ihr lieb war. Das Grafitti brannte hinter ihrem Rücken. Sie wünschte sich, sie wäre groß genug, es ganz zu verbergen. Sie wollte ganz sicher keine Fragen dazu beantworten müssen.

Ein schöner Zufall.“ Elyf kam näher. Ihr Grinsen wandelte sich zu einem Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht überzog. Ihre dunklen Augen glitzerten.

Andra konnte den Blick nicht von ihr abwenden, konnte sich nicht rühren. Elyfs Atem strich warm über ihr Gesicht. Ihr sonnenwarmer Geruch hüllte sie ein. Ihre Lippen berührten Andras Mund, ganz leicht, Frage und Einladung. Andra stieß den leisesten aller Seufzer aus – sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich hier einließ, aber dieser Einladung konnte sie nicht widerstehen. Sie schloss Elyf in ihre Arme und zog sie an sich.

 

Perfektes Ablenkungsmanöver, das ich muss ich den beiden lassen. Und über die Feinheiten davon, wer da jetzt wen abgelenkt hat – oder beide sich gegenseitig, darüber werde ich die nächste Zeit trefflich nachsinnen können. Immerhin. Aber auch schade, ich hatte schon das perfekte Rätsel für sie.

Nun ja, vielleicht ein anderes Mal.

So lautet unser Zitat für die Geschichten im April. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff

C.A. Raabe

 

Phantastischer Montag: Atmen und hoffen

Andra starrte in den Abend hinaus. Ihr Zimmer über der Krähenbar ging hinaus auf die stets einsame Gasse, und das gelbliche Licht der Laterne gleich neben dem Eingang strich über ihr Fenster, machte den Abend dämmrig statt dunkel, brachte die Regentropfen zum Funkeln, die seit Stunden hinabfielen und an ihre Fensterscheibe klopften. Genauso lang wie sie versuchte, die Erinnerung auf Distanz zu halten, hartnäckig wie das Klopfen selbst.

Atmen. Vergessen, befahl sie sich sich. Atmen. Vergessen. Atmen. Vergessen.

Unmöglich. Denn selbst ihre Gedanken folgten dem Rhythmus der Tropfen, und ihre Augen weigerten sich, von dem Glitzern und Funkeln wegzuschauen. Sternenlicht gefangen in Regentropfen – genau wie in jener Nacht. So fern. Andra legte eine Hand an die kühle Fensterscheibe. Kühl aber trocken. Die Tropfen durch das Glas so unerreichbar wie ihre Heimat.

Ihre Finger nahmen den Rhythmus der Tropfen auf, tappten gegen die Scheibe. Atmen. Vergessen.

Sie atmete tief ein und meinte, den Regen, kühl und schwer, erdig und metallisch zu riechen, zu schmecken – als flöge sie wieder zwischen diesem Funkeln hindurch wie in jener Nacht. Sie hatte den Geruch tief in sich eingesogen, hatte ihn auf der Zunge geschmeckt, noch bevor sie den Mund weit aufgerissen hatte, um den Regen und sein Glitzern in sich aufzunehmen. Das Sternenlicht prickelte an ihrem Gaumen, als die Tropfen daran zerplatzten. Es tanzte ihre Kehle hinab und weckte die Funken in ihrem Bauch.

Hatte sie auch nur einen Moment an die Warnungen gedacht? Oder hatte das Glitzern und Funkeln jede Vernunft in ihr ausgelöscht? Sie war jung gewesen, und das Sternenlicht tanzte in ihr – welcher Drache konnte dem schon widerstehen?

Ihr Feuer floss aus ihr heraus, ihre Flammen leuchteten mit den glitzernden Tropfen um die Wette, strahlten hell und immer heller, befreiten das Sternenlicht aus seinem kühl-nassen Gefängnis. Tropfen zerbarsten, zerstoben zu feinstem Staub. Das Sternenlicht aber ballte sich zusammen, brannte heller als ihr Feuer, dehnte sich aus und vertrieb die Nacht. Für einen goldenen Moment war sie ganz in Feuer und Glitzern und Funkeln getaucht – es leuchtete, strahlte, pulsierte, zog sich zusammen, breitete sich aus, zog sich zusammen – und verschwand.

Dunkelheit umgab sie. Regen prasselte auf ihre Schuppen. Schlug auf sie ein. Und die Dunkelheit war so tief, dass sie jedes Feuer erstickte.

Und dann hatte das Klagen der anderen Drachen eingesetzt. Da erst begriff Andra, was sie getan hatte. Sie hatte Feuer und Wasser gemischt und so das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben. Fortan waren die Nächte dunkler als die tiefste Einsamkeit und selbst wenn die Drachen sich noch so eng aneinanderschmiegten, blieb die Weite um sie her unendlich.

Andra lehnte die Stirn an die Fensterscheibe. Sie hatte diese Verbannung mehr als verdient. Sie hatte das Sternenlicht aus ihrer Welt vertrieben – und nun war es hier in dieser fremden Welt, verspottete und verlockte sie zu gleichen Teilen, glitzerte und funkelte noch immer, während es sich langsam in die fremde Welt fraß und sie zerstörte. Langsam aber gewiss. Nur mit Magie ließe es sich wieder einfangen. Andra tappte noch immer den Regenrhythmus gegen das Glas. Sie war keine Magierin.

In Nächten wie diesen wünschte sie sich, sie wäre wenigstens eine Geschichtenerzählerin. Dann könnte sie diese ganze Misere aufschreiben, sie wie eines der alten Märchen klingen lassen. Schön und faszinierend und nie geschehen. Worte auf Papier, das sie zerreißen konnte und in eine Feuerschale werfen und anzünden, die Worte von den Flammen auffressen lassen, beobachten, wie sie mit dem Rauch verwehten. Schön und faszinierend und nie geschehen. Und sie würde die Augen schließen und am nächsten Morgen in der ihr vertrauten Welt aufwachen.

Unmöglich.

Andra seufzte. Sie drehte dem Fenster, der Nacht, den funkelnden Regentropfen, ihren Rücken zu. Der Regen schlug weiter gegen das Glas, aber Andra hörte ihm nicht länger zu. Morgen würde sie erneut in dieser fremden Welt aufwachen. Auch morgen würde sie nicht aufgeben. Irgendwo in dieser Welt versteckte sich die Magie, die sie alle retten würde: diese Welt vor dem zerstörerischen Sternenlicht, ihre Drachengeschwister vor der Dunkelheit und sie selbst aus der Verbannung.

Unser Zitat zur Inspiration der Geschichten im März … Was die Kolleg*innen damit gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen: Ungeplant von Carola Wolff und Das Eckige muss ins Runde von C. A. Raaven.

Phantastischer Montag: Wagnis

Andra drehte das Whiskyglas in ihren Händen. Manche Dinge hatten diese Menschen schon drauf, das musste sie zugeben. Sie nahm noch einen Schluck, genoss den rauchig-scharfen Geschmack in ihrem Mund. Fast so gut wie der nach einer ordentlichen Flamme. Sie leckte sich die Lippen und blickte in den Spiegel hinter dem Tresen. Es war immer wieder ein Schock, sich selbst in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen. Sie schüttelte sich, vermisste dabei das Gefühl von Flügeln an ihrem Rücken, und trank noch einen Schluck.

Hoffnung zu wagen, war verrückt gewesen. Je schneller sie das einsah, desto eher könnte sie damit beginnen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Immerhin gab es Whisky. Sie sah sich selbst zu, wie sie weitertrank, wie sie die Hand mit dem Glas langsam auf den Tresen senkte, das Glas umklammert hielt, als könnte es ihr Trost spenden, während sie allmählich in Starre versank.

Der Spiegel verriet, dass sie die einzige Gestalt in der Crow-Bar war, die stillhielt. Nur wenige Schritte hinter ihr wogte eine tanzende Masse, Hände reckten sich über Köpfe, Hüften schwangen im Beat, es war ein Wirbel aus Körpern und Lauten und so viel Freude, dass Andra sich nur noch mehr versteifte. Sie ließ die Musik, das Gewusel der Körper zu einem Hintergrundrauschen werden und obwohl sie weiterhin in den Spiegel blickte, nahm sie das Bild darin nicht länger wahr.

Dieser Ort half ihr genauso wenig dabei, die nötige Magie zu finden wie jeder andere dieser elenden Welt. Sicher, es tat gut, unter einer Art von Verwandten zu sein. Obwohl die Gestaltwandlerinnen hier Federn statt Schuppen zeigten in ihrer anderen Form. Immerhin konnten sie fliegen. Aber Drachen waren sie nun wirklich nicht. Woher auch! Andra schnaubte leise. Diese Welt war so rückständig, dass Drachen hier nur in Märchen und Legenden vorkamen. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an einen Himmel voller Drachen, an das Spiel von Flügeln und Flammen, an Rauchwirbel, die sich bis zu einem fernen Mond streckten und weiter zu den Sternen wanderten. Sie seufzte und setzte das Glas wieder an die Lippen. Blinzelte sich in die Gegenwart zurück. Zu den Krähenschwestern.

Die tanzten noch immer. Andra wandte sich vom Spiegel ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen. Manche der Tanzenden wandelten sich mitten in der Bewegung in ihre Krähengestalt, flogen hoch über die Köpfe der anderen hinaus, hoch und höher, drehten sich blitzschnell um, legten die Flügel eng an den Körper und schossen im Sturzflug hinab, nur um im letzten Moment, wenige Zentimeter über den lachenden Gesichtern der Tänzerinnen, die Flügel aufzuspannen, sich abzufangen und wieder in die Höhe zu gleiten.

Eine Krähe landete neben ihr auf dem Tresen und dann stand Elyf an ihrer Seite. „Was schaust du so griesgrämig?“

Andra leerte den Whisky und knallte das Glas auf den Tresen. „Eure Welt geht zugrunde, und ihr tanzt!“

Elyf grinste unbeeindruckt. „Sie geht aber nicht an unserem Tanz zugrunde.“

Darauf fiel Andra nichts ein. Die Menge vor ihnen wogte und wirbelte, Krähen schossen zwischen menschlichen Gestalten umher, streiften mal einen Arm, eine Schulter, eine Wange, aber nie stießen sie zusammen, nie stürzten sie zu Boden. Andra betrachtete das Zusammenspiel von Flug und Tanz und versuchte, sich gegen das Lächeln auf ihrem Gesicht zu wehren. Vergeblich.

Sie könnte sich mitten hineinbegeben, tanzen, alles vergessen. Hier konnte sie sich sogar in ihre Drachengestalt wandeln, vor aller Augen – was sie draußen kaum jemals wagte. Nur, wenn die Nacht wirklich dunkel war, fast so tiefdunkelblau wie ihre Schuppen und ihre Flügel, nur, wenn sie sicher sein konnte, dass kein Mensch sie beobachtete.

Zwei Krähen flogen Kreise um die Köpfe zweier Tanzender, ihre krächzenden Stimmen mischten sich unter die Musik, ein Gesang so seltsam und fremd und doch meinte Andra, den Geruch von Asche und Rauch auf der Zunge zu schmecken, während der Tanz den Boden unter ihren Füßen beben ließ und das Wispern der Flügel sie lockte und lockte.

Nein, an diesem Tanz starb keine Welt. Und so wenig es ihr auch gefiel, sie musste zugeben, dass Elyf recht hatte: Es lag eine gewisse Magie darin. Aber das musste sie ja nicht laut sagen. Andras Lächeln vertiefte sich. Es war nicht die Magie, nach der sie suchte, es war nicht die Magie, die ihr helfen würde, doch was war schon eine weitere nutzlos verbrachte Nacht?

Lass uns tanzen, kleine Krähe“, sagte sie und streckte Elyf eine Hand entgegen. Elyf lachte und packte sie mit beiden Händen, zog sie auf die Tanzfläche.

Sie ließen sich von der Musik tragen, sie stampften den Rhythmus in den Boden, sie streckten ihre Flügel und folgten den Tönen in immer größere Höhen, sanken auf dem warmen Bass wieder hinab, lachten und sangen – und Andra flog hinauf, höher als alle anderen und fügte dem Tanz ihre Flamme hinzu.

Das Licht des Feuers liebkoste ihre Gesichter, ließ ihre Flügel schimmern, fachte ihr Lachen an und ihre krächzenden Stimmen glitten über ihre Schuppen, stärkten ihr Feuer.

Vielleicht, dachte Andra, vielleicht ist es doch nicht ganz und gar verrückt zu hoffen.

 

(Unser Zitat für Februar ist von Lewis Carroll „We’re all mad here“ aus Alice in Wonderland. Die Geschichten meiner Kolleg*innen dazu findet ihr hier: Iss mich, trink mich von Carola Wolff und Umwidmung von C. A. Raaven. Am 28.02.2022 lesen wir euch die Stories wieder live auf twitch vor – um 20 Uhr geht es los!)

Phantastischer Montag: Unvorstellbar

Stell es dir vor, und es wird passieren. Von wegen! Wenn Magie wirklich so einfach wäre, würden alle sie beherrschen. Eins war klar, sie würde das mit der Magie niemals hinbekommen. Und deswegen hockte sie auf immer hier fest in dieser verfluchten Welt. Aufgabe verbockt. Heimweg versagt.

Andra starrte auf die Stadt unter ihr. Die Lichter der Straßenlaternen brachten die Regentropfen zum Funkeln und ließen das Gold der Statue glänzen, auf deren linkem Flügel sie saß und mit den Beinen baumelte. Die Höhe machte ihr nichts aus, und der Regen passte zu ihrer Stimmung.

Der Rat hätte sie auch einfach nur verbannen können. Eine Zeitspanne festsetzen und sie fortschicken. Selbst hundert Jahre wären leichter als das hier. Dann hätte ihre Sehnsucht ein konkretes Ende gehabt. Aber nein, sie mussten sie mit einer doppelten Strafe belegen, Verbannung gepaart mit einer Aufgabe. Einer Aufgabe, die ihr Hoffnung gegeben hatte. Denn sicher würde der Rat sie nicht mit etwas Unlösbarem wegschicken. Rette die andere Welt und dir ist vergeben. Rette die andere Welt und du darfst zurückkehren.

Zurückkehren. Das Wort allein hatte sie durch die ersten zehn Jahre in dieser fremden Welt gebracht. Jetzt, nach ein paar weiteren Jahrzehnten, brachte es sie nur noch zur Verzweiflung. Das raue Krächzen einiger Krähen unterstrich ihre trüben Gedanken. Andra kniff die Augen zusammen und blickte den grau-schwarzen Vögeln hinterher, die über den Bäumen des Parks kreisten und krächzten. Sie würde nicht hier sitzen und im Regen heulen. Das war zu pathetisch. Andra zog die Füße hoch auf die schmale obere Kante des Flügels und stand auf, streckte die Arme weit zu beiden Seiten aus. Legte den Kopf zurück. Sog die regenfeuchte Luft ein. Schon besser.

Sicher, sie konnte mit jedem Atemzug das Sterben dieser Welt spüren. Aber da war auch der Regen, der auf ihrer Haut kitzelte, das zufriedene Summen der Bäume, die das Nass aufsaugten, ihren Gesang über das Rauschen des Verkehrs legten. Zumindest für ihre Ohren. Andra streckte sich und blinzelte nach unten, überlegte, ob sie es wagen konnte, sich zu wandeln.

Hallo? Bitte, ich will Sie nicht erschrecken“, klang eine Stimme leise zu ihr hinauf. „Bitte, springen Sie nicht.“

Andra seufzte. Wer kam außer ihr mitten in der Nacht hierher? Der Zugang unten war doch sicherlich versperrt. „Keine Sorge, hab ich nicht vor“, erwiderte sie. Und selbst wenn – sie würde nicht fallen. Das war der Vorteil davon, in Drachengestalt Flügel zu haben. Aber das konnte sie nicht sagen. Andra setzte sich wieder hin – langsam, um wen auch immer da unten nicht weiter zu verschrecken.

Wie sind Sie da überhaupt hoch gekommen?“

Jetzt konnte Andra eine Gestalt auf der Aussichtsplattform erkennen. Sie hielt mit einer Hand die Kapuze eines langen dunklen Mantels fest, während sie zu ihr hinauf sah. Andra fluchte still vor sich hin. Sie hatte einfach nur im Regen hocken und melancholisch über die Stadt starren wollen. Zu ihrer Vorstellung dieser Nacht gehörten weder eine Zufallsbegegnung noch unangenehme Fragen. Sie zwang sich zu einem Lachen. „Würden Sie mir glauben, wenn ich sage, mich hat ein Hubschrauber hier abgesetzt?“

Die Gestalt unten zuckte mit den Schultern. „Holt der Sie auch wieder ab?“

Andra blinzelte in den Nachthimmel. „Sieht nicht so aus.“ Ihr musste dringend etwas einfallen, um diese Person loszuwerden. Sie betrachtete das faltenreiche Gewand der goldenen Statue. „Ich bin ganz gut im Klettern.“ Zumindest wenn sie ihre Krallen ausfuhr. Würde allerdings Spuren im Gold hinterlassen.

Soll ich nicht doch lieber Hilfe holen?“

Das fehlte gerade noch! Menschen neigten zu übertriebener Aufregung in solchen Situationen. Rettungswagen, Polizei, unerträglich laute Sirenen. Womöglich bestünden sie darauf, sie zu untersuchen – Andra schauderte schon bei der Vorstellung. Sie wollte gar nicht erfahren, was Menschen mit ihren Methoden alles über sie herausfinden konnten und vor allem nicht, was sie nach diesen Erkenntnissen mit ihr tun würden. „Ich fühl mich hier oben sehr wohl“, rief sie nach unten und hoffte, ihr Lächeln wirkte überzeugend.

Die Gestalt unter ihr rührte sich nicht vom Fleck. Sah still zu ihr hinauf. In ihrem gemeinsamen Schweigen klang der Regen lauter als zuvor. Andra versuchte, sich die Gestalt auf der Aussichtsplattform weg-vorzustellen. Stell es dir vor, und es wird passieren. Sie biss die Zähne zusammen, fixierte die Gestalt in ihrem dunklen Mantel. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier, wiederholte sie stetig in Gedanken. Natürlich löste die Gestalt sich nicht in Luft auf. Stattdessen räusperte sie sich, schlug die Kapuze zurück und strich sich über stoppelkurze schwarze Haare.

Ich kann Sie nicht einfach so allein lassen.“

War ja klar, dass sie ausgerechnet jetzt einem mitfühlenden Menschen begegnen musste. Andra schloss die Augen. In ihrer Zeit hier hatte sie gleichgültige Menschen erlebt, wütende, abweisende, überhebliche, missmutige – kurz alles, was sie erwartet hatte in einer Welt, die vor sich hinstarb. Aber jetzt stand hier eine offensichtlich mitfühlende Seele und zerrte an ihren Nerven.

Hören Sie, können Sie mir etwas versprechen?“, übertönte die Stimme von unten den Regen.

Widerwillig öffnete Andra die Augen. „Kommt ganz darauf an, was“, grummelte sie. Bei allen Himmeln, das entwickelte sich zu dem längsten Gespräch, das sie je mit einem Menschen geführt hatte.

Versprechen Sie mir nur, nicht vor Schreck runterzufallen, egal, was Sie gleich sehen.“

Solange keine Sirenen, Polizei oder Rettungswagen involviert sind?“

Versprochen.“

Also gut, ich verspreche es.“ Andra ließ die Unbekannte nicht aus den Augen. Sie war sich inzwischen ziemlich sicher, dass sie eine Frau war. „Legen Sie los.“ Vielleicht würde sie danach endlich verschwinden. Jedenfalls würde nichts, was die Unbekannte tat, sie von ihrem Platz hier oben weglocken.

Die schob einen Ärmel ihres Mantels zurück und umfasste ihr Handgelenk. Im nächsten Moment löste sie sich zu einem wirbelnden Nebel auf. Andra starrte. Sie beugte sich vor, bis sie fast die Balance verlor. Sie hieb ihre Krallen in den Goldflügel und fing sich. War das – hatte sie – hatte sie gerade Magie gewirkt? War die Unbekannte wirklich verschwunden? Andra riss den Mund auf, weil sie nicht genug Luft bekam. Sie verschluckte sich. Hustete. Sie flog ohne zu fliegen. Sie klammerte sich an dem metallenen Flügel fest. Sie blinzelte. Der Nebel war fort.

Ein Flattern ließ sie zusammenschrecken. War die Statue lebendig geworden? Aber der Flügel, auf dem sie saß, war immer noch starr und fest. Vorsichtig blickte Andra zur Seite. Neben ihr landete eine Krähe, hüpfte ein paar Mal auf und ab, flatterte noch einmal mit den Flügeln. Krächzte. Andra grinste sie an. Wollte ihr von dem Wunder erzählen, das sich gerade ereignet hatte, brachte aber nicht als ein Krächzen heraus. Ein heiseres Lachen schüttelte sie.

Und dann kam der Nebel zurück, hüllte die Krähe ein, drehte und wand sich, wirbelte in grau-weiß-schwarzen Schwaden herum, bis Andra ganz schwindelig davon wurde. Sie klammerte sich an den goldenen Flügel. Machte die Magie sich selbständig? Musste sie ab sofort aufpassen, was oder wen sie anschaute? War ihr Blick magisch geworden?

Wie zuvor verschwand der Nebel genauso plötzlich, wie er gekommen war. Anstelle der Krähe saß die Unbekannte in ihrem dunklen Mantel neben ihr.

Wirklich eine schöne Aussicht von hier oben“, sagte sie. „Hätte ich schon längst mal machen sollen.“ Sie ließ die Beine neben Andras baumeln. „Ich bin übrigens Elyf.“

Andra.“ Ihre Stimme klang heiser. Sie saß zwar immer noch, aber innerlich fiel sie. Stürzte. Zitterte wie ihre Stimme. „Dann war das nicht meine Magie.“

Nein, das war meine.“ Elyf zwinkerte ihr zu. „Aber das scheint dich irgendwie zu enttäuschen? Ich meine, ich habe Schock erwartet, aber …“

Andra verkrampfte die Hände zu Fäusten. „Gestaltwandlung ist nicht gerade Magie.“

Nicht? Ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber in meinen Kreisen nennen wir das Magie.“ Elyf zuckte mit den Schultern.

Dann kommst du auch nicht von hier?“ Die Worte waren heraus, bevor Andra sich zusammenreißen und sie hinunterschlucken konnte.

Auch nicht?“

Andra verfluchte sich. Sie hatte sich von der Hoffnung völlig den Verstand und jede Kontrolle rauben lassen. „Vergiss es“, murmelte sie und versank wieder in Schweigen.

Elyf stieß sie leicht an. „Du musst mir deine Geheimnisse nicht verraten. Ehrlich. Ich würde dich nur bitten, meins für dich zu behalten. Ich meine, nicht dass irgendein Mensch dir glauben würde. Eher würden sie dich für verrückt halten. Und das könnte dich in jede Menge Schwierigkeiten bringen. Und wer braucht das schon?“

Ich nicht.“ Andras Kopf fühlte sich zu schwer an, um ihn zu heben. Elyf redete schon wieder weiter, aber sie hörte ihr nicht länger zu. Irgendetwas hatte sie gesagt, etwas wie – „In deinen Kreisen? Heißt das, du bist nicht – nicht allein?“

Ich wohne in einem ganzen Haus voll mit meinen Schwestern.“ Elyf lächelte. „Ich könnte dich dahin mitnehmen. Aber dafür müssten wir hier runter.“

Sind sie dort alle wie du?“

Elyf nickte. „Ein Haus voller Krähen.“

Und -“ Andra schluckte, weil sie nicht hoffen wollte. „Und kennt ihr euch mit Magie aus?“

Dieses Mal brauchte Elyf länger für eine Antwort. Sie knabberte an ihrer Unterlippe, kratzte sich an der linken Augenbraue. „Ich weiß es nicht. Ich bin noch nicht solange dabei. Also, vielleicht?“

Das war genug, beschloss Andra. Für den Moment war das genug. „Dann los!“ Sie sprang auf und warf sich ohne jedes Zögern in die Luft. Hinter ihr ertönte ein Schrei, der abrupt verstummte, als Andra ihre Drachenflügel ausbreitete und sich hoch hinauf in den Nachthimmel schwang. Gleich darauf flog eine Krähe neben ihr. Vielleicht. Andra erlaubte sich einen Anflug von Hoffnung.

(Auch 2022 geht es weiter mit dem phantastischen Montag! Dieses Jahr lassen wir uns von Zitaten aus dem phantastischen Genre inspirieren – im Janaur von N.K. Jemisin mit „If you can imagine something, it will be.“ Die weiteren Geschichten findet ihr bei Carola Wolff Imagine und C.A. Raaven Schönheitswettbewerb. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Drachenrose

Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, roten Splittern überall auf dem hellen, fast schneeweißen Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das rote Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

(Die Dezembergeschichten des phantastischen Montags sind inspiriert von dem Song „White Winter Hymnal“ der Fleet Foxes. Wieder könnt ihr vier Geschichten dazu lesen – diese hier auf meinem Blog und die weiteren hier: Carola Wolff Mikki, C.A. Raaven Destination und Alexa Pukall Gute Freunde)

Phantastischer Montag: Die Feuerdrach

Ein lautes Räuspern ließ mich zusammenschrecken. „Was?“, murrte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Ich wollte mich weder unterhalten noch akzeptieren, dass es Morgen war. Oder Mittag, wenn man den üblichen Definitionen der Tageszeiten folgte. Egal. Ich hatte zu wenig geschlafen, also würde ich die Helligkeit da draußen einfach ignorieren.

Aber das mit dem Ignorieren ist so eine Sache, wenn man mit einem Drachen zusammenlebt. Auch jetzt hatte Ti’run andere Vorstellungen als ich. Und mir fiel — etwas verspätet — auf, dass ich sie mit meiner mürrischen Frage zu einem Gespräch geradezu herausgefordert hatte. Zumindest nach Drachenlogik. Eigentlich sollte ich das inzwischen besser wissen. Aber wie gesagt: Ich hatte zu wenig Schlaf bekommen.

Ti’run zupfte an meiner Bettdecke. Ich hielt dagegen. Wenigstens war sie noch nicht stärker als ich. Sie räusperte sich erneut und ließ von der Decke ab. „Du bist denen da draußen noch eine Geschichte schuldig.“ Kleine Pfoten bohrten sich durch den Stoff in meine Seite, dann stand sie auf meiner Brust.

Ich schulde niemandem gar nix.“ Und überhaupt hatte ich keine Lust, jetzt etwas zu erzählen. Alles, was ich wollte, war schlafen. Was für Ti’run kein Argument sein würde. Also setzte ich nach: „Wer mehr von der Geschichte will, soll sie sich doch selbst weiterdenken. Nicht meine Aufgabe.“

Falsch.“ Zwei kleine Pfoten stemmten sich abwechselnd gegen meine Brust. „Ich bin deine Muse. Und wenn ich sage, du musst die Geschichte weitererzählen, dann musst du die Geschichte erzählen.“

Ich beschloss, dass ich mich verhört haben musste. Oder ich träumte das alles. Hier unter der Bettdecke war schließlich alles möglich. Auch dass noch Nacht war und ich im Tiefschlaf. Aber Traum oder nicht — Ti’runs Stimme blieb hartnäckig.

Du kannst nicht einfach so etwas sagen wie beim letzten Mal und dann behaupten, die Geschichte wäre zu Ende erzählt.“

Ich seufzte. Entweder verfolgte Ti’run mich jetzt schon bis in meine Träume oder ich war doch wach. Das Ergebnis würde dasselbe bleiben. Sie gäbe keine Ruhe, bis ich die Geschichte erzählte, die sie hören wollte. „Du hast nur wissen wollen, was hinter dem Mond liegt“, versuchte ich es trotzdem. „Nicht welche Geschichte sich damit verbindet.“

Aber jetzt will ich es wissen.“ Vier Pfoten trippelten auf mir herum, immer im Kreis, bis die Bewegung stoppte und ein kleines Knäuel auf meiner Brust lag.

Hast du es bequem?“ Die Frage kam viel sanfter heraus, als ich beabsichtigt hatte. Sogar mein Sarkasmus ließ mich im Stich.

Du doch auch.“ Ti’run machte sich extra schwer. Jedenfalls viel schwerer, als so ein kleiner Drache sein dürfte. „Und jetzt erzähl.“

Hatte ich eine Wahl? Nein. Ich hatte nur ein Problem: Ich hatte keine Ahnung, was ich erzählen sollte. Ja, ich hatte eine Antwort gehabt auf die Frage, was wohl hinter dem Mond läge — aber eben nur eine Antwort, keine Geschichte.

Ich atmete tief durch und hörte Ti’runs empörtem Protest zu, als sich ihre Liegefläche hob und senkte und sie ins Schwanken brachte. Ich schloss die Augen und blickte nach innen in die Ferne und begann zu erzählen:

 

Hinter dem Mond, da lebt die Feuerdrach. In ihr lebt das alte, uralte Feuer, aus Zeiten lange bevor die ersten Drachen ihr erstes Feuer spien. Sie streckt und windet sich durch Zeit und Raum, unsichtbar für unsere Augen. Nichts hält sie auf, nichts schränkt sie ein.

Doch manchmal wurde es der Feuerdrach einsam zwischen den Sternen. Und als sie lange genug einsam gewesen war, streckte sie ihre Sinne aus und begann ihre Suche.

Sie grüßte den Mond. Doch für ihn war ihr Feuer zu heiß.

Sie grüßte die Sonne. Doch deren Feuer ertrug selbst die Feuerdrach nicht lange.

Schließlich grüßte sie die Erde und fand das flüssige Gestein in ihr, die brodelnde Hitze, die ihrer so sehr glich. Und sie ließ etwas von ihrem Feuer hineinfließen. Die brodelnde Hitze strömte durch die Schichten der Erde, drängte hinauf und schoss hinaus, riss Berge auf, versprühte ihr Feuer weit und fern, floss in reißenden Strömen die Bergflanken hinab, traf zischend und knisternd und rauchend auf die unendlichen Meere.

Die Feuerdrach spürte alles, was ihr Feuer berührte. Wie die Hände einer Riesin streckte sie ihre Feuerfinger über die Berge, liebkoste ihre Hänge und Täler, kostete Fels und den herb-frischen Geschmack alles Grünen, nahm das Rauschen der Baumkronen in sich auf und trug alles mit sich.

Erst die Meere kühlten ihre Feuerfinger. Sie floss in sie hinein, verwundert über diese nassen, neuen Wesen. Während sie tiefer und tiefer hineinsank, kühlte über ihr das Land allmählich ab, nährte einen neuen Boden.

Aber das kümmerte die Feuerdrach schon lange nicht mehr. Sie streckte und dehnte ihre Feuerfinger durch diese kühle Flüssigkeit, schwerer als der Raum zwischen den Sternen und erfüllt von einem ihr unbekannten, lockendem Gesang.

Die Feuerdrach lauschte und lockte ihrerseits die Töne zu sich heran, umschmeichelte sie mit ihren Feuerfingern. Die Töne glucksten, brummten, lachten, krächzten, blubberten, summten und sangen unter ihren Liebkosungen.

Und aus ihrem gemeinsamen Spiel formten sich neue Wesen. Drachen.

Im Wasser geboren, aus flüssigem Gestein geformt, von der Luft getragen, von ihrem inneren Feuer gewärmt, von Sternenstaub geküsst.

Die Feuerdrach in ihrem fernen Zuhause zwischen den Sternen, hinter dem Mond, spürt auch heute noch alles, was Drachenflammen berühren. Und so ist sie nicht länger einsam.

 

Ein tiefer, wohliger Seufzer ertönte auf meiner Brust. „Na bitte“, brummte Ti’run, „geht doch.“ Leise vor sich hinsummend kuschelte sie sich tiefer in die Bettdecke und blieb auf meiner Brust liegen, während ich verwundert weiterträumte.

 

(Im Juli lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song „I Am The Fire“ von Halestorm inspirieren. Was bei den weiteren Autor*innen unseres Projekts dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen: Carola Wolff Die Königin der Welt , C.A. Raaven Don’t , Alexa Pukall … Link folgt nächste Woche. Viel Spaß beim Stöbern und Lesen!)

Phantastischer Montag: Mondverzaubert

Schau mal, der Mond.“

Kleine Flügel fächern mir einen Windhauch zu. Ich öffne die Augen nicht. Den Mond kann ich mir vorstellen und mit geschlossenen Augen dazu auch ein Meer. Und solange ich mich konzentriere, höre ich auch das Meer rauschen und der Windhauch wird zu einer kühlen Brise, die über die Wellen zu mir herangetragen wird, die Tageshitze vertreibt.

Jetzt schau doch mal!“ Drachenkrallen kratzen über meinen nackten Oberarm. Selbst auf dem Balkon ist nachts noch T-Shirt-Wetter. Ich lasse widerwillig von meinen Meeres-Gedanken ab und öffne die Augen. Der Mond hängt dick und rund am dunklen Himmel, leuchtet über Häuserdächer und die dichten Blätterkronen der Bäume.

Und?“, knurre ich, während ich über die feinen Kratzspuren auf meinem Arm fahre. Ja, der Mond ist hübsch. Aber ich kann nichts außergewöhnliches an ihm entdecken. Kein Blutmond, keine Mondfinsternis, nicht einmal ein Supermond oder wenigstens Wolken, die ihn irgendwie geheimnisvoll umranden. Ti’run, silber glitzernd in seinem Licht, hat die Krallen um das Balkongeländer geschlungen — die der Hinterpfoten um die untere Stange, die der Vorderpfoten um die darüber — und starrt das sanft leuchtende Gebilde dort oben an, als gäbe es nichts Faszinierenderes im Universum. Ihre Flügel schwanken leicht in einer nicht vorhandenen Nachtbrise.

Was, meinst du, liegt dahinter?“, fragt sie ungewohnt leise.

Ich krame in meinem Kopf. Aber Sternenkarten sind da nicht abgespeichert. Verläuft die Milchstraße von hier aus gesehen — wenn sie denn zu sehen wäre — hinter dem Mond? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, welcher der Planeten hinter dem Mond liegt. Dabei musste ich die Reihenfolge als Kind mal auswendig lernen. Aber liegen die Planeten überhaupt hinter dem Mond? Da oben steht ja nix still. Meine Gedanken drehen sich, und ich habe schon zu lange geschwiegen. Also zucke ich nur mit den Schultern. „Sterne?“, schlage ich doch noch zögernd vor.

Dieses Mal ist es Ti’run, die knurrt.

Mir reicht’s. „Ich bin keine Astronautin. Oder Sterndeuterin. Oder Astrophysikerin. Oder wer sich sonst mit so Zeug auskennt“, mosere ich.

Aber du bist Autorin.“ Der kleine Drache faltet die Flügel und dreht sich zu mir um, die Augenbrauen eng zusammengezogen. „Also lass dir gefälligst was einfallen.“

Zu warm“, protestiere ich. „Mein Hirn ist Matsch.“

Ti’run seufzt so tief, dass ihr ganzer kleiner Körper von dem Laut bebt. „Du machst es einem Drachen echt nicht leicht.“

Ach ja?“ Wenn mir nicht so warm wäre, würde ich wild gestikulieren vor Empörung. „Du hast es also nicht leicht? Du musst dir die Geschichten nicht ausdenken! Du rennst nicht mit dem Kopf gegen Mauern oder musst zusehen, wie jeder einzelne Einfall unter der Hitze verdampft! Du tust doch nichts als schlafen, fliegen, Dinge in Brand setzen, blöde Bemerkungen machen, wieder schlafen, abhängen, Chaos stiften, faulenzen, nutzlose Fragen stellen.“ Ich stoppe, weil mir als nächstes nur wieder schlafen einfällt und ich Wiederholungen nicht mag.

Ti’run hat den Kopf zur Seite gelegt. „Fertig?“

Für den Moment.“ Ich schaue zum Mond, weil sonst mein Ärger verpuffen würde, weil der kleine Drache an meinem Balkongeländer zu niedlich aussieht. Ein unfairer Vorteil.

Wir schweigen beide. Bestimmt schaut auch Ti’run wieder zum Mond. Ich muss zugeben, er sieht schön aus, wie er da im Dunkeln leuchtet, der Nacht ein sanftes Licht schenkt, in dem Blätter, Äste, Schornsteine und Häuserdächer scharfe Umrisse bekommen. In unserem Schweigen macht sich Ti’runs Frage erneut in meinem Kopf breit. Was, meinst du, liegt dahinter? Vielleicht — nein! Nein, so leicht werde ich es ihr nicht machen und mich verführen lassen, mir eine Antwort zusammenzuphantasieren. Soll sie sich doch selbst was ausdenken. Gibt doch bestimmt Drachenmythen zum Mond und allem, was dahinter liegt.

Hörst du das?“, wispert Ti’run.

Ich halte den Atem an. Lausche. Nicht mal ein Blatt raschelt. Die Fenster in den umliegenden Häusern sind zwar weit geöffnet, aber auch aus ihnen dringt kein Laut. Nicht einmal ein Schnarchen. Ich stoße die angehaltene Luft aus, störe die Stille, atme tief ein. Und dann höre ich sie. Ganz leise.

Eine Melodie, aber keine Stimme, kein Instrument, das ich kenne. Ich lausche. Die Melodie wiegt die Nacht wie ein Meer, zieht Silberfäden durch das Wasser, kribbelt kühl auf meiner Haut und ich folge ihr, drehe mich in ihrem Licht, strecke die Arme, wirbele herum, schaukele auf den Tönen, folge dem Auf und Ab der Wellen. Helles Drachenlachen mischt sich unter die Melodie, schmiegt sich in sie ein, so wie Ti’run geschmeidig um mich herum fliegt und flattert und mit mir tanzt und ich mit ihr und wir mit dem Mond.

Ich stehe still, ich sinke zurück auf meinen Stuhl, vielleicht bin ich nie aufgestanden, nur mein Atem, der laut durch mich strömt, behauptet etwas anderes. Ti’run landet auf meinem linken Unterarm. Ich hebe sie an mein Gesicht, neige den Kopf zu ihr, dorthin, wo sich ihre Ohrmuscheln hinter Schuppen verbergen und flüstere: „Hinter dem Mond, da …“ Ich bewege die Lippen an ihren Schuppen, sodass nur sie mich hören kann und beginne zu erzählen.

(Im Juni lassen wir uns beim phantastischen Montag von dem Song „Bella Luna“ von Jason Mraz inspirieren. Wozu das so geführt hat, könnt ihr auch hier nachlesen bei Carola Wolff, C. A. Raaven und nächsten Montag dann auch bei Alexa Pukall – viel Spaß mit dem schönen Mond und der Lektüre!)

Phantastischer Montag: Vom Suchen und vom Finden

(Wenn du dir die Geschichte lieber vorlesen lässt, einfach ganz nach unten scrollen, da gibt es sie zum Anhören. Viel Vergnügen – ob beim Lesen oder Hören!)

 

Es ist vielleicht ein Märchen. Oder auch eine wahre Geschichte. Vielleicht ist es beides. Das entscheidest du.

Es begann mit Verzweiflung, wird sie sagen, solltest du ihr jemals begegnen. Und wenn du dich dann verwundert umschaust und dich fragst, wie irgendwer an diesem Ort verzweifelt sein kann, wird sie sagen: Ich war ja damals nicht von hier. Und bevor du dich jetzt fragst, wie das sein kann, lass mich von vorn anfangen. Keine Fragen mehr. Keine Unterbrechungen. Hör mir einfach zu.

Und du wirst ihr zuhören. Natürlich. Wie könntest du auch anders?

Ich habe das Rezept gefunden. Ich meine, ich wünschte manchmal immer noch, ich könnte sagen, es wäre ein altes Familienrezept. Aber die Art von Familie waren wir nicht. Also nicht in meiner Ursprungsfamilie. Das Rezept lag in einer Truhe eines Drachenhorts. Ich hatte davon gehört. Und es gehört so weit ins Reich des Raunens und Wisperns, dass es nicht einmal in Märchen und Legenden aufgeschrieben war.

Ich meine, über Drachen gibt es immerhin Erzählungen, ganze Bücher. Auch wenn nur noch wenige von uns an ihre Wahrheit glauben. Ich konnte nicht einmal herausbekommen, welches Gericht dieses Rezept beschrieb. Mal hieß es schlicht eine Süßspeise, dann wieder eine Art fruchtiges Brot — oder auch etwas vollkommen anderes. Nur in der Wirkung waren sich all die gewisperten Gerüchte einig. Und deswegen machte ich mich auf die Suche danach, als ich flüchten musste.

Ich wusste ja ohnehin nicht wohin. Nichts wartete auf mich. Keine Person. Keine Aufgabe. Aber da ich irgendwohin musste, konnte ich auch auf die Suche gehen, sagte ich mir. Was passt schließlich besser zu einer Verstoßenen als eine obskure Suche?

Ich dachte mir, wenn ich auf Fragen nach meiner Herkunft und den Grund meines Umherziehens mit dieser Suche antwortete, werden mir keine weiteren Fragen gestellt. Wer spricht schon gern mit Verrückten? Und ich hatte recht. So musste ich nie meine Geschichte erzählen. So blieb ich für mich.

Nun ja, zumindest eine lange Zeit. Als ich genug Gerüchte, halb gemurmelte Wahrheiten, ausschließlich mündlich bewahrte Erinnerungen gesammelt hatte, um wenigstens eine Idee davon zu haben, in welcher Gegend ich nach dem Rezept suchen musste, änderte sich etwas. Ich begriff zunächst nicht wie. Oder warum.

Aber eines späten Abends irrte ich immer noch auf der Suche nach einem Gasthof mit einem freien Zimmer durch einen Ort, da schloss sich eine Katze mir an. Mal lief sie neben mir her, mal verschwand sie auf ein Dach, dann war sie wieder vor mir und fauchte, wenn ich ihrem eingeschlagenen Weg nicht folgte. Also folgte ich ihr.

Irgendwann bog sie in eine Gasse ein, in der nicht einmal mehr Laternen leuchteten. Alle Fenster waren dunkel. Der Wind schlug uns entgegen, als wollte er uns warnen. Die Katze kümmerte das alles nicht. Sie blieb vor einer Tür stehen. Dem einzigen Haus, an dem ein Licht brannte. Das gelbliche Licht der Laterne fiel auf ein Schild, das sachte im nachlassenden Wind quietschte, während es vor und zurück schaukelte. LA CERISE.

Die Katze blickte zu mir hoch, dann kratzte sie an der Tür. Und ich dachte nur, wo ich schon mal hier bin, kann ich auch nach einem Bett fragen.

Chérie!, rief die Wirtin, als wir eintraten. Die Katze rieb sich an ihren Beinen, schnurrte laut, dann lief sie den Tresen entlang zu einem Teller, der offenbar für sie bereitstand. Ich war ebenso abgeschrieben wie die Wirtin.

Sie hatte ein Zimmer frei. Auf ihre Fragen erzählte ich meine übliche Geschichte in Erwartung eines ungestörten Abends. Aber kaum war ich fertig, sagte sie, da müssen Sie mit Leana sprechen. Sie zeigte auf eine einsame Gestalt am Kamin. Bevor ich ablehnen konnte, schob sie mich auch sogleich dorthin, stellte mich neben dem Kamin ab. Hier ist noch so eine wie du, Leana, sagte sie. Und damit ließ sie uns allein.

Sonst wären wir wohl nie miteinander ins Gespräch geraten. Sonst hätten wir am nächsten Morgen niemals diese Suche gemeinsam fortgesetzt.

Und so erlebte ich, dass eine Suche nicht zwingend einsam machen muss. Als hätte dieser erste Zusammenschluss einen Bann gebrochen, schlossen sich uns bald andere an.

Es war eine schleichende Entwicklung. Ich glaube, wir merkten es anfangs alle nicht. Aber wir begannen, unsere Einsamkeit aufzugeben. Eines Tages merkten wir, dass wir einander vertrauten. Wir vertrauten uns Dinge an. Nicht sofort alles — gerade ich brauchte lange, bis ich von meiner größten Scham erzählte. Dem Grund für meine Suche.

Wenn ich kreierte, was dieses Rezept beschrieb, wenn ich mit meiner Familie davon aß, würde ich vielleicht liebenswert für sie. Vielleicht nähmen sie mich zurück.

Niemand von uns Suchenden verlachte mich deswegen. Wir hatten alle unsere Gründe, waren Verstoßene, Verlassene, Vereinsamte. Wir hatten alle eine Hoffnung. Als wir schließlich gemeinsam dem Drachen Eirèhc gegenübertraten, hatten wir alle unsere Gründe geteilt.

Der Drache war gewaltig. Mit einem Tatzenhieb hätte Eirèhc uns alle zusammen aus seiner Höhle und ins Meer fegen können. Es wäre nicht einmal eine Anstrengung für ihn gewesen. In Eirèhcs Nüstern tanzte Feuerschein. Seine großen Augen glitzerten wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Aber alles, was Eirèhc von uns verlangte, war eine Geschichte.

Eine wahre Geschichte, betonte er. Dann könnten wir uns etwas aus all seinen Schätzen aussuchen.

Also erzählten wir ihm davon, wie wir einsam aufgebrochen waren, wie die Suche uns zusammengeführt hatte und schließlich hierher in seine Höhle.

Der Drache seufzte und blickte uns lange an. Wozu braucht ihr noch das Rezept, fragte er schließlich. Wir schwiegen verblüfft. Der Drache schmunzelte. Oh, ihr müsst mir nicht antworten, und ich stehe zu meinem Wort. Mit einer seiner Hintertatzen stemmte er eine Truhe am fernen Ende der Höhle auf. Es liegt da drin. Nehmt es mit, wenn ihr wollt.

Wir sahen einander an. Wir waren so weit gekommen — warum sollten wir so kurz vor dem Ziel aufgeben? Wir nahmen also das Rezept. Der Drache klappte die Truhe wieder zu. Eins noch, sagte Eirèhc, seid so gut und verratet meine Höhle nicht. Und ein Letztes: Kommt gelegentlich wieder und erzählt mir eine neue Geschichte.

Wir versprachen es.

Wir waren ganz aufgeregt, als wir zu unserem Lagerplatz zurückkehrten. Wir lasen das Rezept, wir prägten es uns alle ein, wir lachten, wir planten, was wir jetzt tun, wohin wir nun wieder gehen würden. Der Abend zog herauf. Wir verstummten nach und nach, saßen schweigend um unser Feuer. Manche hatten die Köpfe aneinander gelehnt, manche hielten sich bei den Händen, manche rückten näher zusammen, bis ihre Schultern oder Beine sich berührten. Und am nächsten Morgen traten wir keine getrennten Wege an. Wir kehrten hierher zurück, zu LA CERISE. Die Kirsche, das passte schließlich zu unserem Rezept.

Wie sich herausstellte, freute die Wirtin sich über helfende Hände. Ebenso über die Bäckerei, die wir neben ihrem Gasthof eröffneten. Wir nannten sie LA TARTE. Aber das hast du ja beim Eintreten gesehen.

Am Ende, wird sie dann sagen, haben wir alle das Rezept nicht gebraucht, aber es hat uns zusammengebracht.

Wenn du durch den Ort gehst, wirst du eine Katze sehen, die sie im Gasthof, in der Bäckerei und in der Buchwerkstatt alle Chérie nennen. Sie fühlt sich dort überall zu Hause. Ihre großen Augen glitzern wie Sonnenstrahlen auf klarem Wasser. Und wenn du länger dort verweilst, wirst du hören, dass manche aus dem Dorf ab und an einen Drachen besuchen, um ihm eine Geschichte zu erzählen.

In der Bäckerei wird sie fragen, ob du den Kirschkuchen möchtest oder vielleicht doch lieber etwas, wonach du suchen kannst. Das entscheidest du.

 

Hier gibt es dir Geschichte auch zum Anhören (von mir selbst eingesprochen):

 

(Für den Februar lassen wir uns beim phantastischen Montag vom Song „Cherry Pie“ von Katzenjammer inspirieren. Den Auftakt machte Carola Wolff mit Sugar and Spice And All Things Nice. Christian Raaven hat die zweite Geschichte geschrieben: Schicksal à la Marta. Die dritte ist dann die oben von mir. Und den Abschluss macht Alexa Pukall mit: Zuckersüß
Viel Spaß beim Lesen!

Phantastischer Montag: Ein Fünkchen Gelassenheit

(Wer Geschichten lieber hört, als selber liest, oder ergänzend gerne hört, oder, oder, oder … scrollt einfach schnell zum Ende des Textes: unter dem Bild gibt es die Möglichkeit, sich die Story vorlesen zu lassen. Kleine Warnung: Ich habe keine hochmoderne technische Ausrüstung, kein Studio oder ähnliches – ihr hört die Story einfach so, wie ich sie beim Lesen eingesprochen habe, Versprecher und ähnliches inklusive, wie bei einer Live-Lesung. 😉 Und jetzt wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und / oder Hören!)

 

Sag mal, ich weiß, du bist ein Drache, aber ich weiß nicht, ob du weiblich oder männlich bist …“

Muss ich mich da entscheiden?“

Nö, im Grunde nicht.“

Na prima.“

(Das darauf antwortende, etwas verzweifelte na prima behielt ich für mich und verfluchte meine Muttersprache mit ihrem Beharren auf Artikeln und Pronomen. Wie schrieb ich jetzt bitte über einen Drachen, ohne Gendermarker zu verwenden? Nicht mal diese Frage konnte ich ohne schreiben!)

Ti’run lugte mir über die Schulter und las mit. Natürlich. „Du siehst das zu eng. Nur weil deine Muttersprache darauf beharrt, der Drache zu sagen, muss ich mich ja noch lange nicht dieser Diktatur des Geschlechts unterordnen.“ Damit wandte er sie sich vom Bildschirm ab, schob einige Papiere und Notizbücher zur Seite, bis unter der Schreibtischlampe ein drachengroßer Platz frei war, seufzte und rollte sich im Lichtkreis der Lampe zusammen. Ich strich die zerknitterten Papiere glatt, sortierte sie kommentarlos zurück in die richtige Reihenfolge und fand einen neuen Ort für die Notizbücher.

Du darfst gern der Drache und sie schreiben“, merkte Ti’run an, ohne die Augen zu öffnen. „Das wird zwar manche verwirren, aber mich macht das glücklich.“

Auch eine Lösung, dachte ich und ging schnell die bereits geschriebenen Zeilen durch, um die entsprechenden Korrekturen vorzunehmen – es war nur eine. „Sehr schön“, murmelte ich beim Durchstreichen. Ti’run seufzte nur leise. Sie war eindeutig größer geworden während unseres Ausflugs in den Rauhnächten. Vorsichtig streckte ich meine Hand über dem kleinen Drachen aus.

Geh mir aus der Sonne“, knurrte sie.

Ich maß erst noch zu Ende. Ti’run war mindestens um das Dreifache gewachsen, seit ich sie zum ersten Mal in der Sockenschublade entdeckt hatte. Da hatte sie noch locker auf meine Handfläche gepasst. „Du hattest einen Wachstumsschub.“

Und?“ Ti’run blinzelte träge. „Hast du gedacht, Drachen würden nicht wachsen?“

Hatte ich das? Nicht wirklich. Nur … „Wie oft hast du solche Wachstumsschübe?“ Ich schaute mich in meiner – Entschuldigung: unserer — Wohnung um. Besonders groß war sie nicht.

Der kommt nur alle paar Dekaden.“ Ti’run reckte sich und schob mit den Hinterbeinen die Schreibtischlampe gefährlich nah an die Tischkante. Ich hatte den Lampenhals bereits gepackt, bevor ich auch nur darüber nachdachte — und verspürte nicht einmal den geringsten Groll, während ich die Lampe in Sicherheit brachte. Was war hier los? Ti’run hatte die Augen wieder geschlossen. „Du musst dir keine Sorgen machen, so schnell werde ich nicht zu groß für unsere Höhle.“ Sie ließ eine kleine Flamme vor ihrem Maul tanzen, löschte sie mit der Zunge aus, bevor sie Holz oder Papier oder etwas anderes brennbares erreichen konnte.

Oder auch: bevor ich mich aufregte. Wieso regte mich das nicht auf? Ich wusste genau, dass mich das vor wenigen Wochen noch hätte aufspringen und losschimpfen lassen. Aber jetzt? Jetzt war da nichts. Kein Schrecken. Kein Fünkchen Ärger über die drachische Sorglosigkeit. Keine Spur von Angst um meine Notizen. Letzteres machte mich dann doch — fast — besorgt.

Du tippst gar nicht mehr“, bemerkte Ti’run.

Ich denke.“

Aha.“

In unserem Schweigen klickten Ti’runs Krallen einen geruhsamen Rhythmus aufs Schreibtischholz. Ich tappte dazu mit den Fingerkuppen. Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick, tapp … Draußen schepperten Deckel auf Mülltonnen, ganz und gar unrhythmisch. Mussten die wirklich jetzt — klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp, klick, tapp, klick-klick fing mich unser Rhythmus wieder ein. Tapp-tapp, klick, tapp — ich räkelte mich wohlig und erinnerte mich an meine schuppige Haut, die mich in den Rauhnächten vor der Kälte geschützt hatte, während wir zwischen den Sternen durch den dunklen Himmel geglitten waren. Ich war ein Winzling in dieser Weite gewesen und zugleich hatten meine Flügel allen Raum umspannt.

Klick-klick, tapp, klick, tapp-tapp — ich hatte keine Ahnung, wie weit wir geflogen waren. Wir wurden nie müde. Die Sterne raunten uns eine Melodie zu — oder vielleicht war das der Klang unserer Schwingen, der uns da etwas zusang, uns einhüllte, uns trug und beflügelte.

Ich atmete Nacht ein. Und als ich ausatmete, war es Tag.

Eine dichte Wolkendecke schirmte uns von der Welt ab. Die Sonne wärmte unsere Schuppen. Mich überkam wieder dieses Gefühl aus meiner Kindheit, als ich das allererste Mal Wolken von oben gesehen hatte (aus einem Flugzeug) und überzeugt war, dass dort Berge aus Zuckerwatte unter mir lägen, über die ich hüpfen könnte, wenn man mich nur ließe (natürlich ließ mich niemand). Vorsichtig streckte ich eine Pfote aus, um an einer Wolke zu kratzen. Sie war kühl — und ganz und gar nicht klebrig, nur ein Gewebe aus Luft und Wasser. Und noch mehr Gesang. Ich blickte auf.

Wir waren nicht mehr allein. Um uns herum war ein grün-golden-rot-blaues-silbrig-schwarz-türkises Funkeln und Blitzen und Glitzern. Flammen tanzten orange-gelb-rot aus Nüstern und Mäulern. Drachen, von kleiner als ein Füller bis groß wie ein Hochhaus umflogen uns, glitten über den Wolken dahin und unsere Flügel und Flammen bildeten ein Orchester. Wir besangen das Licht und sangen die Nacht herbei. Wir schickten den Sternen unsere Lieder und umkreisten den Mond.

Wir glänzten unter der Sonne und tauchten in den Wolken, um mit Eiskristallen und Tautropfen benetzt wieder aufzusteigen und unser Farbenmeer noch intensiver leuchten zu lassen. Ich wollte nie wieder umkehren.

Aber irgendwann erinnerte Ti’run mich sanft an die Schwerkraft, der ich hier oben bestimmt nicht ohne Flügel begegnen wollte. So sangen wir mit allen ein letztes gemeinsames Lied und stoben dann in alle Richtungen davon — aber nicht, ohne uns vorher zu versprechen: nächstes Jahr wieder. Ganz bestimmt.

 

(Im Januar lassen wir uns von dem Song WHAT’S UP von den 4 Non Blondes inspirieren. Die erste Story Die Erfinderin kommt von Carola Wolff, die zweite Schirm, Charme und Melone hat C. A. Raaven geschrieben, die dritte ist von mir, die vierte Story des Januars Der Begleiter stammt aus der Feder von Alexa Pukall.)

Wer sich die Geschichte lieber anhören möchte, kann das jetzt auch tun, genau hier: