Phantastischer Montag: … warum? Oder: Die Schriftstellerin und der Drache und viele Fragen.

„Nein.“ Der kleine Drache bohrte seine Krallen in meinen Schreibtisch (ich hatte aufgegeben dagegen zu protestieren und die vielen Furchen im Holz mittlerweile schlicht akzeptiert) und schüttelte den Kopf so heftig, dass der ganze kleine Körper dabei bebte.

Ich seufzte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück (heftiger Ablehnung konnte bald eine Flamme folgen, auch das hatte ich inzwischen gelernt). „Was hast du gegen das Meer?“, fragte ich Ti’run wider besseres Wissen. Schon züngelte es orange-rot im Drachenmaul. Die Streichholz-große Flamme zuckte gefährlich nah über die Schreibtischplatte, brannte dieses Mal aber nichts an.

„Wasser“, zischte Ti’run der Flamme hinterher, sobald diese erlosch. „Tonnen und Tonnen von Wasser. Unmengen!“ Er starrte mich aus seinen nachtblauen Augen an. „Feuerfeind“, knurrte er und seine in allen Blau- und Grüntönen chargierenden Schuppen glitzerten im Licht der Schreibtischlampe. Meine Vision von einem Urlaub am Meer hingegen verdunkelte sich.

„Es ist ja nicht der Atlantik“, versuchte ich es, „nur die Ostsee. Und ich geh höchstens mit den Füßen rein.“ (Ja, ich bin eine Mimose, was Wassertemperaturen betrifft.)
Ti’run schnaubte und Rauchkringel stiegen aus seinen Nüstern auf. Er starrte dem Rauch hinterher, bis die Kringel auseinanderflossen, dann verschränkte er die Vorderbeine und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf die Schreibtischplatte sinken. „Bleiben wir doch einfach hier.“ Er schmiegte den Kopf an die verschränkten Pfoten und schloss die Augen, als wäre damit alles geklärt. Selbst seine Augenlider gaben eine ganze Palette von Meeresfarbtönen zum Besten. Da war das silbrige Leuchten von Mondlicht auf dunklem Wasser, das strahlende Türkis südlicher Gefilde unter der Mittagssonne, das Dunkelblau tiefer, kalter Stellen, blitzartig aufzuckendes Gewittergrün, das über die Länge seines Rückens lief, um es sich zwischen all den anderen Blautönen dort gemütlich zu machen. Zähne und Krallen leuchteten weiß wie Schaumkronen – jeder noch so flüchtige Blick auf den kleinen Drachen weckte Meeressehnsucht.

Vielleicht sollte ich ohne ihn fahren. Sofort hob mein schlechtes Gewissen sein hässliches Haupt, kreischte etwas von Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Misstrauen schaltete sich dazu und malte mir ausführliche Bilder davon, was so ein kleiner, allein gelassener, rachsüchtiger Drache alles anstellen mochte. Viel zu viel Brennbares. Ich erschauerte.

„Denk nicht so laut“, murmelte Ti’run. „Ich versuche hier zu schlafen.“ Er hob ein Augenlid halb hoch. Ich gab mir Mühe, nicht so schuldig auszusehen, wie ich mich fühlte. Vermutlich misslang es.

„Tu nicht so, als könntest du Gedanken hören“, gab ich zurück und hoffte, dass das stimmte. Ich wusste noch immer entschieden zu wenig über Drachen.

„Aber ich kann sie spüren“, grummelte Ti’run. „Was immer du denkst, die Stille wird ganz schwer davon.“ Er hob auch das zweite Augenlid halb in die Höhe. „Und das belastet mich.“

Wir starrten uns durch die schwere Stille hinweg an, und ich verstand, warum er darin nicht einschlafen konnte. Sie machte nervös und weckte das Verlangen herumzuzappeln, während sie gleichzeitig alle Glieder lähmte. „Kannst du dem Meer nicht wenigstens eine Chance geben?“, fragte ich schließlich.

Eine kleine Flamme knisterte an Ti’runs Maul, doch er löschte sie sogleich wieder mit der Zunge. Wieder ein Knistern. Wieder Stille. Knistern. Stille. Knistern –
„Warum kannst du nicht ans Meer?“

„Warum, warum, warum! Was anderes fällt euch Schriftstellerinnen auch nicht ein, was?“, schnaufte Ti’run. Aber er sah mich dabei nicht an, starrte auf seine Pfoten, kratzte auf der Tischplatte herum. Ich wollte schon etwas sagen (vorsichtig anmerken, dass ich dieses Holz wirklich sehr mochte), da sprang der kleine Drache auf. „Meine Mutter lebt dort!“ Er schlug mit den Flügeln und drehte mehrere Runden um den großen Bildschirm. Dabei warf er mir bei jeder Kehre Blicke zu, die deutlich sagten: Da bitte, da hast du’s! Zufrieden?

War ich natürlich nicht. Wie auch? Natürlich konnte ich mir für das Warum alles mögliche ausmalen. Vielleicht fraßen Drachen ihren Nachwuchs, wenn der bis zu einem bestimmten Alter nicht verschwunden war, vielleicht hatte Ti’run seine Mutter tödlich beleidigt, vielleicht war ein Feuerdrache als Nachwuchs für einen Seedrachen – Moment mal, ich wusste doch gar nicht …

„Ich kann dich schon wieder denken hören.“ Ti’run balancierte auf dem schmalen, oberen Rand des Bildschirms, die Krallen sorgsam darum gebogen, die Flügel ausgestreckt. Ich sagte nichts wegen der Krallen, seufzte nur: „Erklärst du’s mir?“
„Du gibst ja doch keine Ruhe sonst“, grummelte Ti’run. „Meine Mutter lebt am Grunde der Meere“, hob er an.

„Welcher Meere?“

„Aller – Meere – klar? Sie ist groß. Und jetzt unterbrich mich nicht mehr, sonst höre ich auf zu reden und spreche nie wieder davon.“

Ich legte mir eine Hand vor den Mund. Ti’run verdrehte die Augen. Ich ließ die Hand, wo sie war, als Erinnerung für mich, nichts, aber auch wirklich gar nichts mehr zu sagen.

„Also. Meine Mutter lebt am Grunde der Meere.“ Ti’run funkelte mich an. Ich presste hinter der Hand die Lippen aufeinander. „Sie hat sich dorthin zurückgezogen, als ihr Menschen zu aufdringlich geworden seid. Ich meine, ihr seid einfach überall! Für einen großen Drachen, der seine Ruhe haben will, ist es schwer, da noch Raum zu finden. Sie lebt also seit mehreren Jahrhunderten am Meeresgrund und will von der Welt oben nichts mehr wissen.“ Ti’run kippelte auf dem Bildschirmrand vor und zurück. Ich gab keinen Laut von mir.

„Sie will nicht mal sagen, seit wie vielen Jahrhunderten. Jedenfalls sind seitdem einige Generationen von Drachen geschlüpft. Und die meisten sind mit dem Unterwasserleben sehr einverstanden. Nur ein paar von uns eben nicht.“ Ti’run legte eine Pause ein und beobachtete mich unablässig.

Meine Lippen brannten vor ungefragter Fragen (sag nichts, sag nichts, sag nichts).

„Ich bin der Jüngste der Rebellen, die an Land gegangen sind. Solange wir noch klein sind, können wir unbemerkt bleiben. Dir bin ich ja auch ewig nicht aufgefallen.“ Er ließ eine Flamme aufzüngeln. Tanzen. Ich biss die Zähne zusammen. Ti’run fing die Flamme wieder ein. „Sie ist nicht sehr begeistert von rebellischen Drachen. Und wenn wir dem Meer nahe kommen, spürt sie unsere Gegenwart. Dann hebt sie eine Pfote. Oder einen Flügel. Den Schwanz. Oder den Kopf. Und das Meer hebt sich mit ihr. Fängt uns wieder ein. Ist Sidun passiert, meiner Schwester. Ich habe sie seit dreiundneunzig Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich lässt Mutter sie keine Sekunde aus dem Blick. Oder hat sie tief in den Gesteinsschichten unter dem Meer vergraben.“ Ti’run nickte mehrmals. „Die Küste ist damals eingestürzt. Mit allen Orten und Menschen und Tieren im Meer ertrunken. Du siehst also, wenn ich ans Meer gehe, würde eine Katastrophe folgen.“ Er stieß sich vom Bildschirm ab, der leicht schwankte, schoss hoch zur Decke, zog eine Runde um den Lampenschirm. „Nie. Ans. Meer. Verstanden?“

Langsam ließ ich die Hand sinken, den Kopf voller riesiger Drachen, die sich in den Weltmeeren herumtrieben. Ich nickte. Ti’run zwinkerte mir zu und zischte davon. In mir flackerte ein neuer Gedanke auf. Hatte der kleine Drache sich diese Geschichte vielleicht nur ausgedacht? Aber warum? Nur, um nicht ans Meer zu müssen?
Warum?

Phantastischer Montag: Nachtlauf

In der Nacht rannte sie über die Dächer. Den Sternen näher als dem Boden (auch wenn das nicht stimmte, es fühlte sich wenigstens so an). Solange sie sich nicht erwischen ließ, konnte sie sich Freiheit einbilden. Diese Momente halfen beim Erinnern.
Sie rannte über die Dächer. Ihre Arme und Beine schnitten durch den Wind, der gegen ihre Brust drückte, an ihre Stirn schlug, in ihren Ohren rauschte, ihr den Kopf füllte und den ganzen Körper. Bis sie meinte, sich wieder dem Wind entgegen werfen zu können, die Flügel zu spannen, getragen zu werden, hoch hinauf zwischen die Sterne. Fort und fort und fort und fort.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Wenn sie die Flügel aufspannen wollte, war es vorbei. Alles stoppte.
Nur der Wind blieb und rief. Und sie flüchtete wieder durch einen der Luftschächte hinab und zwischen die Mauern, die sie von ihm abschnitten. Dann krümmte sie sich auf der viel zu kleinen Matratze zusammen, zog die kratzige Decke über sich und schloss die Augen vor der Dunkelheit. Es roch noch immer nach dem heißen Öl der Maschinen, nach glühendem Eisen und Kohlefeuer. Die Öfen strahlten auch in der Nacht ihre Hitze ab, die nicht genug war. Falsch war. Trotz der hohen Schlote hing der Rauch beständig zwischen den Mauern, verschwand der zischend aufsteigende Wasserdampf nie aus diesen Hallen, setzte sich in jedem Stück Stoff fest, brachte die Steine zum Schwitzen. In der Nacht standen die großen Maschinen still, aber ihr Stampfen dröhnte weiter durch ihren Kopf. Nur im Wind, auf den Dächern, verschwand es.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie würde nicht zulassen, dass sie aus ihrem Gedächtnis verschwanden. Sie würde nicht werden wie die mit den leeren Augen. Die nicht mehr über die Dächer rannten. Zu ihnen würde sie nie gehören. Dafür würde sie nicht lange genug hier sein.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.

Sie suchten nach ihr. Daran hielt sie sich fest. Irgendwo dort draußen zwischen den Sternen waren sie und würden nie aufgeben, würden sie niemals aufgeben.
Vor jeder Schicht gelang es ihr, etwas von dem Serum auszuspucken, das ihnen allen verabreicht wurde. Es betäubte ihre Flügel. Tötete ihr Feuer. Solange du nie die volle Dosis schluckst, hast du eine Chance, hatte die alte Vida gesagt, und: Hör nie auf zu rennen.

Das war ganz zu Anfang gewesen. Sie hatte aufgehört, Tage, Wochen, Nächte zu zählen. Nur ein Mal hatte sie das bedauert. Als die alte Vida gestorben war. Sie würde nie ihr Todesdatum wissen. Aber sie würde sich an sie erinnern. Und die Erinnerung an sie würde sie mitnehmen, wenn sie endlich diesem Ort entkam. Bis dahin würde sie weiter ihrem Rat folgen, spucken und rennen. Die Arbeit erledigen, den Kopf gebeugt halten, nicht auffallen. Spucken und rennen.

Unter der kratzigen Decke murmelte sie die Namen ihres Clans vor sich hin, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis sie einschlief, träumte sie, Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna, bis am Morgen die Sirenen schrillten, alle auf die Füße rissen. In die Tage nahm sie sie nicht mit.

Sie formten den Stahl zu unzerreißbaren Ketten, zu Stangen für Käfige, die sich nicht brechen ließen. Am schlimmsten waren die Klingen. Die tödlichen Schneiden und Speerspitzen, stark genug, jeden Schuppenpanzer zu durchdringen. In eine davon hatte sich die alte Vida gestürzt, als sie nicht länger rennen konnte. Ich werde selbst über meinen letzten Weg bestimmen, hatte sie an jenem Morgen unter den kreischenden Sirenen gesagt. Sie hatte erst begriffen, als Vida ihr das Versprechen abnahm, sie nie zu vergessen.Wünsche waren gefährlich. Wünsche weckten Sehnsüchte. Trotzdem hatte sie sich gewünscht zu wissen, wie sie Vida hätte aufhalten können. Wünschte sich, sie hätte mehr als die Erinnerung an ihrer Seite, während sie die Öfen fütterte, die Hitze von Flammen spürte, die nicht von innen kamen.

An diesem Ort hatte sie keinen Namen. Sie hatte ihn weder denen verraten, die sie gefangen genommen hatten, noch den Aufsehern, die sie tagsüber zur Arbeit antrieben und deren Geschrei erst verstummte, wenn nachts die schweren Stahltüren hinter ihnen ins Schloss krachten. Nicht einmal Vida hatte sie ihn anvertraut. Ihr Name blieb sicher aufgehoben in ihrem Clan. Sie würden ihn bewahren. Und ihn ihr zurückgeben, wenn sie kamen, um sie zu befreien.
Shia, Lynx, Dirie, Zyda, Uluna.
Spucken und rennen.

 

Sie sagten ihren Namen jeden Tag. Sie riefen ihn jede Nacht den Sternen zu, wenn sie sich dem Wind entgegenwarfen. Ihre Flügel fingen das Rauschen ein, die Luft strich an ihren Körpern entlang, trug sie weiter und immer weiter. Sie wussten längst nicht mehr, wie fern sie ihrer Heimat waren.
Sie riefen ihren Namen. Sie zählten die Tage und Nächte.
Dreihundertsiebenunddreißig. Und noch einer. Und noch eine.
Sie spuckten ihr Feuer in die Dunkelheit. Ihre Rufe schnitten tiefer in die Nacht als ihre Flammen, eilten ihnen voraus.
„Heute finden wir sie“, sagten sie vor jedem Aufbruch.
„Morgen werden wir sie finden“, sagten sie, wenn sie mit müden Stimmen und Flügeln ihre Suche unterbrechen mussten. Die Hoffnung trieb sie an, hielt sie zusammen.
Ylixanna, hallten ihre Rufe zwischen den Sternen.

Phantastischer Montag: Drachenwende

„Wir müssen feiern!“
Ich beachtete weder die aufgeregt hervorgestoßenen Worte noch die hektisch flatternden Drachenflügel des kleinen Unholds, der meinen Kopf umschwirrte. Dabei sollte ich schon nach diesen wenigen Wochen mit meinem neuen Mitbewohner wissen, dass diese Strategie bei einem Drachen nutzlos war (der im Übrigen mich als die neue Mitbewohnerin betrachtete, aber das war nur sein Standpunkt). Ich beugte den Kopf etwas tiefer über den Schreibtisch und außerhalb der Drachen-Fluglinie, ganz nah über die Fotos. T. hätte gewusst, in welche chronologische Reihenfolge sie gehörten. So viel Lachen darauf. So viel Leben. Winzige Krallen bohrten sich durch mein Hemd in meine linke Schulter.
„Hörst du mir überhaupt zu?“ Er packte mein Ohrläppchen und zog daran.
„Au! Lass das! Ohrläppchen sind nicht zum -“
„Hast du schon oft genug gesagt.“ Er gab das schmerzende Teil frei, und ich schielte – mit hoffentlich verärgertem Blick – zu ihm hinunter. Der kleine Drache hatte die Vorderpfoten verschränkt. „Aber wenn ich nur so deine Aufmerksamkeit bekomme, kannst du nicht erwarten, dass ich damit aufhöre.“
Drachenlogik. Ich stöhnte. Aber nur innerlich, so viel hatte ich bereits gelernt. „Mir ist nicht nach feiern.“
„Tja, blöd für dich. Aber die Sonnenwende richtet sich nicht nach deinen Launen.“
„Ist mir egal.“ Ich schob die Fotos auf meinem Schreibtisch herum, arrangierte sie neu und fing wieder von vorne an. Aber es spielte keine Rolle. Egal, wie ich sie hinlegte, sie würden doch kein vollständiges Bild ergeben. Ein leichter Schlag auf meinen Hinterkopf – ein Flügelschlag – riss mich aus meiner Versunkenheit. „Hey!“
„Hast du mir überhaupt zugehört? Du hast mir nicht zugehört!“ Ein empörter blau-grüner Drache flatterte vor meinem Gesicht herum. „Ich erzähle dir die gesamte Geschichte, die Legende, das geheime Wissen der Drachen um die Sommersonnenwende, und du hörst mir nicht einmal zu!“ Er flatterte so wild mit den Flügeln, dass ich den Wind an meinen Wangen spürte. „Menschen!“ Eine kleine Flamme, die sich schnell vergrößerte, ließ mich zurückzucken. Na gut, sie war nicht größer als die Flamme eines Feuerzeugs (nicht auf maximalem Volumen eingestellt), aber trotzdem schien mir der Rückzug angebracht. „Pah!“ Die Flamme erlosch, und der kleine Drache sauste durch die Luft, drehte Pirouetten, schraubte sich höher und höher hinauf, kam im Sturzflug wieder hinunter – mir schwindelte schon vom Zusehen. Den Kleinen schien das nichts auszumachen. Er raste über die Fotos hinweg, wirbelte sie auf.
„Hey!“ Ich griff nach ihm, aber er war zu schnell. Einen Moment lang wirkte es, als würden die Bilder nicht fallen, sondern still in der Luft hängen, während ein blau-grüner Blitz zwischen ihnen umher schwirrte. „Stopp!“ Ich umklammerte die Sitzfläche meines Stuhls, weil ich nicht zwischen den Bildern herumfuchteln und sie beschädigen wollte. Oder den verdammten Drachen verletzen. Der landete auf der Oberkante meines ausgeschalteten Bildschirms und sah zu, wie die Fotos zurück auf den Schreibtisch sanken. Alle mit der Rückseite nach oben, als wären sie beleidigt.
Der kleine blau-grüne Drache balancierte auf der Bildschirmkante und spähte zu ihnen hinunter. „Was ist so verdammt interessant an denen?“
„Geht dich nichts an.“ Ich ertrug den Anblick der nackten Rückseiten nicht und funkelte stattdessen den Drachen an. „Wie heißt du überhaupt? Du schwirrst seit Wochen hier in der Wohnung herum (die Formulierung ‘in meiner Wohnung’ hatte ich zu meiden gelernt), und ich kenne nicht einmal deinen Namen! Soll ich dich ewig kleiner Drache nennen?“
Der kleine Drache (!) richtete sich auf, hielt mit den gespreizten Flügeln mühelos sein Gleichgewicht, und musterte mich. Dabei vermittelte er ebenso mühelos das Gefühl, mindestens das 100fache seiner eigentlichen Größe zu haben. „Du hast bisher nicht gefragt“, sagte er schließlich.
Er hatte recht. (Was ich unter keinen Umständen laut aussprechen würde.) „Ich dachte, ihr Drachen habt da so ein Ding mit euren Namen. Also, dass ihr, ähm, es heißt doch, dass ihr eure Namen nicht verratet – also, sie Menschen nicht verratet.“ Ja, ich fand mich auch nicht sonderlich eloquent. Der kleine Drache legte den Kopf zur Seite und schwieg. „Ich wollte höflich sein“, setzte ich nach und machte es damit kein Stück besser.
„Du glaubst also dem, was Menschen sich über Drachen ausdenken, aber wenn dir ein echter, ein leibhaftiger Drache grundlegende Wahrheiten über Drachen erzählt, dann hörst du nicht zu?“ Der kleine Drache, der immer noch viel größer wirkte, als er war (sehr verwirrend, zumal er mit der scheinbaren Größe meinen Bildschirm schlicht zerquetscht hätte), seufzte lange und ausführlich.
Ich ließ den Kopf hängen. „Ich war abgelenkt.“
„Ich weiß.“ Und dann hüllten blau-grüne Flügel mich ganz und gar ein und hielten mich, und mir war egal, wie der kleine Drache das fertigbrachte. Es fühlte sich einfach nur gut an. Als wäre ich an einem Ort fern von allem. Warmer Drachenatem strich an meinem Ohr entlang. „Es ist okay, sie zu vermissen.“
„Das geht nie wieder weg“, flüsterte ich. Und ich war nicht bereit für noch eines dieser Löcher in meinem Leben.
„Ich weiß.“ Die Flügel hielten mich noch ein wenig fester. In dieser Umarmung konnte ich zittern, ohne zu fallen. „Ich weiß.“ Vielleicht sagte er das ein Mal, vielleicht hunderte Male. Und irgendwann sagte er: „Erzähl mir von ihr.“ Zeit ballte sich zusammen und dehnte sich aus. Irgendwann kamen die ersten Worte. Vermutlich ergab nichts von dem, was ich erzählte, viel Sinn. Die Erinnerungen kamen aus mir hervor wie ungeordnete Fotos, deren Zusammenhang nur Eingeweihte verstanden. Ich redete und verstummte und redete weiter. Bis die Worte aufgebraucht waren. Bis die Stille gut tat.
Eine feuchte Schnauze stupste mich an. „Genau deswegen müssen wir feiern. Für die Erinnerungen. Und weil es schwer ist. Und weil es schöner ist, sich gemeinsam zu erinnern.“
Ich nickte und vertraute darauf, dass er diese Bestätigung auch ohne Worte verstand. Ich schluckte einige Male, bis ich mir meiner Stimme wieder sicher war. „Ich weiß immer noch nicht, wie du heißt.“
Ein leises Kichern ließ den Raum zwischen seinen Flügeln sanft beben. „Ich heiße Ti’run – mit einer Pause zwischen den Silben, lang genug für eine kurze Flamme.“

Drachenrose

(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. Es gibt jedes Mal ein paar wenige Vorgaben: die Zeile eines Weihnachtsliedes als Thema, das sich irgendwie in der Geschichte wiederfinden soll, sowie die Maximalanzahl von 1000 Wörtern, damit es übersichtlich bleibt. Das Thema dieses Jahr hieß: Es ist ein Ros‘ entsprungen. Im nachfolgenden meine Geschichte dazu.)

„Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

„Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

„Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

„Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

„Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

„Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, bunten Splittern überall auf dem Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.