Phantastischer Montag: Der Preis für Magie

Der Raum hinter der Tür war klein und riesig zugleich. Selbst aus ihrer Flughöhe konnte Andra die Ausmaße nicht bestimmen. Ständig musste sie Säulen, überhohen Regalen, Schränken und dazwischen hängenden Schlingpflanzen ausweichen. Schließlich landete sie und wandelte sich von ihrer Drachen- zu ihrer Menschengestalt. Von unten wirkten die Regale voller Bücher und die verschlossenen Schränke wie Hochhausschluchten – und die gewöhnlich großen Sessel, Tische und Sofas zwischen ihnen wie Möbelstücke für ein Puppenhaus. Die weit entfernten Schlingpflanzen bildeten einen grünen Himmel, aus dem einzelne Ranken herabbaumelten, aber den Boden nicht berührten.

Hallo?“, rief Andra in die Stille. Irgendwo musste hier doch wer sein. Warum sonst war die Tür bewacht? Andra blinzelte in das dämmrige Licht, das allein von den wenigen Lampen zu kommen schien, die an den Regalen angebracht waren, auf dem ein oder anderen Tisch standen oder ab und an vom Ende einer Schlingpflanzenranke hingen. Ihre Stimme verklang zwischen den Regalen. Schon die Bücher, die in einem davon wohnte, waren mehr als selbst ein Drache in einer Lebenszeit lesen könnte. Einschüchternd und faszinierend zugleich. Wer lebte hier?

Aus irgendwelchen Lebewesen musste diese Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot) ja bestehen. Hoffte sie zumindest. Denn wenn von ihr erwartet wurde, dass sie in einem der Bücher hier die Antwort fand, war sie verloren. Andra legte den Kopf zurück und versuchte, die Bücher in dem Regal zu zählen, vor dem sie stehengeblieben war. Es war wie Sterne zählen wollen. Andra gab auf und drehte sich um. Irgendwo hier musste sich doch jemand –

Sie zuckte zusammen. Blinzelte. Da stand jemand. Genau ihr gegenüber. Und sie hatte keinerlei Schritte oder sonstige Annäherungen gehört. Sie schluckte. Ihr Gegenüber hatte genau wie sie menschliche Gestalt und Proportionen. Nur die Augen – sie kniff ihre eigenen zusammen, schaute erneut hin. Die Augen waren nicht nur dunkel, sie waren tatsächlich kohlrabenschwarz. Und die Pupille in der Mitte leuchtete silbern.

Du hast also das Rätsel der Sphinx gelöst“, begann die Gestalt ohne jede Begrüßung. „Das wird sie nicht sehr erfreut haben.“ Sie seufzte. „Jetzt werden wir uns wieder wochenlang mit ihrer schlechten Laune herumplagen müssen.“

Der Ausdruck in den ungewohnten Augen blieb undeutbar für Andra. Sie neigte den Kopf leicht, wich dem intensiven Blick aus. Dabei erst fiel ihr auf, dass die Schrift auf allen Buchrücken von demselben leuchtenden Silber war wie die Pupillen der Gestalt vor ihr. Die verschränkte die Arme hinter dem Rücken und räusperte sich.

Nun ja. Da du jetzt also hier bist, was führt dich her?“

Richtig. Richtig. Sie war aus einem Grund hierher gekommen. Einem wichtigen. Andra riss sich zusammen. Sie zwang sich, ihrem Gegenüber wieder in die Augen zu schauen. „Ich habe von euch gelesen.“ Wenn sich ein Grafitti an einem Brückenpfeiler so bezeichnen ließ. „Dass ihr in Notlagen helft. Ich bin auch ein Drache“, fügte sie eilig hinzu, falls die Gestalt vor ihr bezweifelte, dass sie zurecht hier wäre.

Schon klar. Die Sphinx lässt keine gewöhnlichen Menschen ein. Die finden uns auch nur äußerst selten. Noch seltener geht das gut aus. Für die Menschen.“ Die Gestalt zuckte mit den Schultern. Ihr langer dunkelblauer Mantel wirkte geradezu hell gegen das Schwarz ihrer Augen. Geschwungene Linien in noch dunklerem Blau bildeten wilde Muster auf dem Stoff, formten immer neue Verbindungen, drehten und wanden sich, wirbelten herum, fuhren wie Blitze über die Ärmel, verschwanden über die Schultern. Ein Fingerschnipsen ließ Andra den Kopf heben. „Nicht vom Mantel ablenken lassen“, sagte die Gestalt. „Was ist deine Notlage? Wie können wir helfen?“

Ein wenig seltsam war es schon, wie die Gestalt immer von wir sprach, obwohl sie ihr allein gegenüberstand. Aber so eine Sozietät bestand vermutlich nicht nur aus einer Person. Wieviel von ihrer Situation konnte sie ihr anvertrauen? Andra entschloss sich für so wenig wie möglich. „Die Welt, aus der ich hierher gekommen bin, droht zu sterben. Ein Gift breitet sich in allen ihren Bäumen aus. Ich muss die Magie finden, die der Welt innewohnt, damit ich sie retten kann.“

Und warum willst du sie retten?“ Die silbrigen Pupillen weiteten sich, hielten Andra gefangen. So sehr sie gegen die Worte anschluckte, die mit einem Mal aus ihr herausdrängten, sie konnte kein einziges davon aufhalten. Und so erzählte sie alles. Wie sie in ihrer Welt ihr Drachenfeuer mit den Regentropfen gemischt hatte, weil das so schön funkelte. Wie deswegen das tödliche Gift in die andere Welt gelangt war. Wie die Drachen sie dorthin verbannt hatten. Sie vertraute der Unbekannten an, dass sie nur nach Hause zurückkehren durfte, wenn sie die Magie fand, mit der sie die andere Welt heilen konnte. Sie gestand ihr sogar, dass sie gar nicht mehr sicher war, ob sie nach Hause wollte, seit sie mit Elyf, der Krähenschwester, eine Gefährtin in der sterbenden Welt gefunden hatte. Aber retten wollte sie diese Welt. Unbedingt. „Schließlich will ich nicht, dass Elyf stirbt – oder ihre Welt. Oder ich“, endete Andra und presste die Lippen zusammen. Zu spät.

Ah.“ Die Gestalt nickte. Sie strich über ihren Mantel. Die Muster wirbelten noch schneller darauf umher, lösten sich von dem Stoff, hüllten die Gestalt vollkommen ein, verbargen sie vor Andras Blick. Dann verging das Dunkel in grellen silbrigen Blitzen, vor denen Andra die Augen schließen musste. Als sie die Augen zögernd wieder öffnete, war sie von Gestalten eingekreist, die alle aussahen wie die Erste, der sie begegnet war. Doch welche von ihnen das war, vermochte Andra nicht mehr zu erkennen.

Willkommen bei der Sozietät“, erscholl es überall um sie herum. „Wir haben dein Anliegen vernommen. Du wirst nun schweigen, während wir uns beraten. Du darfst wieder sprechen, wenn wir dir unseren Preis für unsere Hilfe genannt haben.“

Andras Lippen bebten und sie presste sie eilig noch fester zusammen. Von einem Preis hatte das Grafitti nichts gesagt. Vielleicht hätte sie doch erst mehr über diese Sozietät in Erfahrung bringen sollen. Aber auch dafür war es zu spät. Die Gestalten um sie herum schwiegen. Sie standen komplett still, nicht einmal die Säume ihrer Mäntel zitterten, und alle Linien auf dem Stoff waren erstarrt. Einzig ihre silbrigen Pupillen weiteten sich, bis das Schwarz ihrer Augen nur noch einen schmalen Streifen um das Silber bildete. Sie blinzelten nicht. Sie sprachen kein Wort.

In Andra war es umso lauter. Sie wollte alle ihre Fragen herausschreien. Wer seid ihr? Könnt ihr mir wirklich helfen? Lasst ihr mich gehen, wenn ich euren Preis nicht zahlen will? Nicht zahlen kann? Sie fror unter diesen silbrigen Blicken, die auf sie gerichtet blieben und doch durch sie hindurchgingen, als wäre sie gar nicht da. Sie wollte sich wandeln, wollte ihren Schuppenpanzer um sich spüren statt dieser empfindlichen Haut. Doch sie konnte sich nicht rühren. Immerhin atmete sie noch.

Je länger sie ihrem Atem zuhörte, desto stiller wurde es in ihr. Aber es war keine angenehme Stille. Es war eine, in der sie das Knistern von Eis hörte, das sich in ihr bildete, in tausend Kristalle zersplitterte und sich überall an ihr festsetzte. Eis überzog die Innenwände ihrer Adern, sammelte sich in ihren Ohrmuscheln, wanderte ihre Kehle hinauf und hinab bis in ihre Zehenzwischenräume.

Das feine Knistern verdichtete sich, es wisperte unhörbare Worte, als läse ihr eine unbekannte Stimme in einer fremden Sprache etwas vor. Es knisterte, wisperte, verdichtete sich knisternd-wispernd zu einem Flüstern von Seiten, über die leise ein Finger strich. Hilf uns, hilf uns, bitte, hilf uns. Die leisen Stimmen brachten die Eiskristalle in ihr zum Zerspringen, trieben Eissplitter in ihren Körper.

Die Gestalten neigten ihre Köpfe. „Bring uns eine Krähenschwester“, erklangen ihre Stimmen, übertönten das Flüstern, ließen es Verstummen. Die Gestalten nickten. „Dann verraten wir dir, wo du die Magie findest, die du brauchst.“ Als hätte der Klang sie geweckt, setzten die Muster auf den Mänteln sich erneut in Bewegung. Das Silber in den Augen schmolz auf Pupillengröße zurück.

Andra drückte sich die Arme gegen die Brust. Viel half das nicht. „Was – was wollt ihr mit einer von ihnen?“ Ihre Stimme war rau, rieb sich an den Eissplittern.

Wir wollen sie studieren.“ Die Gestalten blickten sie an. „Von ihnen findet sich noch keine in unserer Bibliothek.“ Eine von ihnen breitete ihren Mantel weit aus – und von einem Moment auf den nächsten stand nur noch eine einzelne da. Sie strich ihren Mantel glatt. „Keine Sorge, wir gehen sehr sorgsam mit unseren Büchern um.“

Büchern? Da war ein Kreischen in Andras Kopf und bevor sie sich in den Griff bekam, schnellten silbrige Blitze auf sie zu, hüllten sie ein. Als sie wieder etwas sehen konnte, war sie zurück unter den Metallstreben der Kuppel, die keine mehr war, auf dem Berg, der nie ein Berg gewesen war. Doch vor ihren Augen sah sie immer noch all diese hochhaushohen Regale mit ihren unzähligen Büchern. Waren die alle einmal Lebewesen? Lebte ihr Bewusstsein in den Büchern weiter? Andra schauderte. Sie vergrub den Kopf unter ihren Tatzen. Sie erinnerte sich nicht daran, sich zurück in einen Drachen gewandelt zu haben. Sie presste die Schnauze auf den Betonboden und wünschte sich das Gewitter zurück. Wünschte sich, sie hätte sich von dieser elenden Sozietät ferngehalten.

Zu spät. Zu spät. Zu spät. Jetzt kannte sie den Preis für die Rettung der Welt. Und sie wusste, dass sie ihn nicht zahlen konnte.

An die noch viel größere Aufgabe wollte sie gar nicht erst denken.

 

… Fortsetzung folgt! Im  August haben wir uns als Thema ein Zitat von Douglas Adams ausgesucht: Eine Lernerfahrung ist eines dieser Dinge, die sagen: Du weißt, diese Sache, die du gerade gemacht hast? Mach das nicht.
Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Frisch gebacken
C. A. Raabe Lebensfunke
Viel Spaß beim Lesen!

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