Phantastischer Montag: Die Trösterei

Sie war tatsächlich schon unzählige Male an der Gasse vorbeigegangen, ohne sie zu bemerken. Ganz wie Drew gesagt hatte. Aja starrte auf den schmalen Durchgang zwischen Post und Rathaus, in den nicht einmal das Licht der vor wenigen Stunden entzündeten Laternen fiel. Sie zuckte zusammen, als die Glocken des Rathausturms zur vollen Stunde schlugen. Mitternacht. Geisterstunde. Aber daran lag es nicht, dass sie jetzt die Gasse sehen konnte.

Es ist ein Zauber, hatte Drew erklärt. Er schlägt dir vor, einfach woanders hinzusehen, wenn du an der Stelle zwischen Rathaus und Post vorbeikommst. Du musst dich nur konzentrieren und genau hinschauen, dann siehst du den Durchgang. Achte nur darauf, dass du allein bist.

Nun, das war sie. Drei Schritte, und sie stand in der Gasse. Nur der Klang der Glocken folgte ihr hinein. Genug Zeit verschwendet. Aja ging schneller. Sie hatte lange vor Mitternacht hier sein wollen, aber einen Moment zu erwischen, in dem der Rathausplatz tatsächlich verlassen dalag, hatte sich als schwierig herausgestellt, selbst in der Nacht.

Der Klang ihrer Schritte hallte die hohen Steinwänden hinauf zu den Sternen. Gerade mal eine Hand breit Luft lag zwischen ihren Schultern und den Gebäuden rechts und links von ihr. Es war dunkel. Finster-dunkel. Doch der erdig-bitter-warme Geruch, der jetzt ihre Nase kitzelte, wies ihr den Weg.

Da, wo er am stärksten ist, findest du den Eingang, hatte Drew gesagt und auf ihren skeptischen Blick hin nur hinzugefügt: Du wirst schon sehen.

Nicht sehr hilfreich, dachte Aja noch immer. Sehen konnte sie gar nichts. Auch der zwölfte Schlag der Glocken war inzwischen verklungen und in der Stille hallten ihre Schritte noch lauter als zuvor durch die Tiefe der Nacht. Der köstliche, verräterische Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen legt sich wie ein wärmender Mantel um sie. Trügerisch, denn es war genau dieser Duft, der schon so vielen Tröstereien zum Verhängnis geworden war. Wer aufflog, wurde wegen Störung der Totenruhe verhaftet. Die Trösterin wanderte für mindestens drei Jahre in den Kerker unter dem Rathaus, ihre Kaffeevorräte wurden beschlagnahmt und vernichtet, ihre Trösterei für immer versiegelt.

In solchen Fällen hing der Geruch der brennenden Kaffeebohnen bitter-sauer-scharf tage- und nächtelang über der Stadt, drang durch alle Tür- und Fensterritzen in die Häuser. Doch er brachte keinen Trost. Das vermochte allein der Trank. In der Stunde, die der Mitternacht folgte, brachte er die Toten zurück. Aja beschleunigte ihre Schritte. Wie lang war diese Gasse? Ihre Stunde war jetzt schon um zu viele Minuten geschrumpft. Wo versteckte sich der Eingang zu dieser Trösterei? Und wie sollte sie ihn in dieser Finsternis finden? Du hättest wirklich etwas präziser sein können, Drew, nörgelte sie und wünschte sich zugleich Drew würde mit ihr hier sein. Die Stille lastete in dieser Gasse so schwer auf ihr, dass sie nicht einmal ein Raunen wagte. Nur der Duft mit seinem Versprechen lockte sie immer weiter.

Ihre Flügel zuckten vor Ungeduld, und sie streckte sie so weit wie möglich nach hinten aus, schüttelte sie durch. Ein bisschen beruhigte sie das. Aja schritt weiter aus. Der Duft verdichtete und erweiterte sich. Schokoladig-nussig-röstig-scharf und ein wenig brennig. Ein Hauch von Zimt mischte sich darunter. Und dann – Aja blinzelte.

War da neben ihr ein Licht aufgeblitzt oder spielte die Dunkelheit ihr Streiche? Sie wandte den Kopf ganz langsam nach links. Keine Täuschung. Noch zwei Mal blitzte das Licht auf, bevor es sich zu einem beständigen Glühen aus tausenden von Lichtfäden entschloss. Sie drehten sich zur einer glitzernden Spirale. Ein Portal. Aja lächelte und griff mitten in das Glitzern hinein. Sofort wurde sie hineingezogen, von den Füßen auf den Kopf gestellt und wieder auf die Füße.

Einen Moment lang musste sie sich sortieren, sich vergewissern, dass alles noch am richtigen Platz saß. Natürlich tat es das. Der willkommene Duft der Trösterei erlaubte ihr ein tiefes Durchatmen. Endlich. Sie ging leise zwischen den im Raum verteilten Sofas und Sesseln hindurch, suchte nach einer Sitzgelegenheit, die noch frei war. Glühfäden tauchten die Anwesenden in ein sanftes Licht, umschmeichelte ihre regungslosen Körper, strich über Hände, die sich um Kaffeebecher schlossen. Der Geruch war jetzt so dicht, dass Aja schon meinte, ihn auf der Zunge zu schmecken. Gleich, gleich, gleich, beruhigte sie sich.

In einer Ecke weit hinten knisterte ein Feuer. Daneben kniete eine Gestalt und hielt eine rußgeschwärzte Pfanne über die Flammen, in der röstende Kaffeebohnen krachten und brutzelten. Aja atmete noch etwas leichter. Sie war nicht zu spät. Als sie einen freien Sessel fand, von dem aus sie der Trösterin zuschauen konnte, ließ sie sich in die weichen Polster sinken und murmelte einen leisen Dank an Drew.

Die Trösterin blickte sie über das Feuer hinweg an und nickte ihr zu. Dann zog sie die Pfanne näher zu sich heran, roch an den Bohnen, nickte wieder. Aja schloss die Augen. Gleich darauf tönte das Krachen des Mahlwerks durch den Raum. Obwohl sie das Geräusch erwartet hatte, zuckte sie kurz zusammen. Wasser blubberte und zischte.

Nur wenige Momente noch warten. Doch der Gedanke beruhigte sie nicht und die Momente zogen sich in die Länge. Fast hätte sie die Augen wieder geöffnet. Aber die Trösterin würde mit der Zubereitung so lange brauchen, wie sie eben brauchte. Aja zwang sich zu tiefen Atemzügen.

Irgendwann berührten unbekannte Finger ihre rechte Hand. Sie ließ zu, dass die Trösterin ihre Hand führte, ihr die Finger um den Henkel des Kaffeebechers schloss. Sobald sie spürte, dass wieder allein war, hob Aja den Becher an ihre Lippen.

Der erste Schluck rollte bitter-zart-schokoladig-weich-heiß über ihre Zunge, wie ein Kuss zur Begrüßung nach zu langer Trennung. Der Dampf stieg aus dem Becher, strich ihr über Wangen und Augenlider.

Und dann war sie da. Tara. Sie zog ihren türkischen Mantel mit den vielen Spitzen ein wenig enger um sich, blinzelte, als müsste sie sich erst einmal davon überzeugen, dass sie wirklich Aja vor sich sah. Aja hielt ganz still. In der Welt der Toten verging die Zeit anders. Und selbst in ihrer Welt, die der Lebenden, waren Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen.

Tara blinzelte noch einmal, dann lächelte sie langsam. Ihre Augen funkelten. Sie grinste, lachte. Laut-kehlig-tief, keine andere Elfe lachte wie sie, als würde sie den Klang aus der Erde selbst aufsaugen, bis ihr gesamter Körper davon erfüllt war. Tara breitete Arme und Flügel aus und Aja stürzte sich hinein. Sie schmiegten sich aneinander, berührten sich, drückten Arme wie Flügel umeinander, hüllten sich ein. Tara hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum und herum und herum, bis der Schwindel sie in die Knie zwang, bis sie beide auf den Boden sanken, Seite an Seite auf dem Rücken lagen und in den Himmel starrten, der sich weiter drehte, die Sterne zu immer neuen Mustern zusammensetzte.

Aja drückte sich an Tara, hüllte sie in ihre Flügel, sog das Glühen ihres Körpers auf, in dem noch immer ein leises Lachen gluckste. In dieser Geborgenheit flüsterten sie miteinander, erzählten sich, was nur sie wussten. Sie atmeten einander ein und miteinander aus. Taras Stimme wurde von einem Flüstern, zu einem Murmeln, zu einem Raunen – bis Ajas Flügel nur noch sie selbst hielten und der Kaffeeduft erkaltet war. „Ich komme wieder“, wisperte sie in die Stille.

 

(Unsere Geschichten für den phantastischen Montag sind im August von dem Song „Still“ von Jupiter Jones inspiriert. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr unter den folgenden Links nachlesen: Das Internet der Dinge von Carola Wolff, Karmukation von C.A. Raabe, Himmelsblau von Alexa Pukall. Schönes Lesen!)

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