Phantastischer Montag: Des Rätsels Lösung

S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot)

Mehr stand nicht auf dem Zettel. Und es wurde auch nicht mehr, gleichgültig, was ich tat: ihn anstarren, Zitronensaft darauf träufeln, erhitzen, zerknüllen und wieder glattstreichen, Zaubersprüche aufsagen – nichts verriet mir, was ich mit dieser Nachricht anfangen sollte.

War es eine Beleidigung? Ein schlechter Scherz? Eine Marketing-Aktion für, für, für was weiß denn ich? Oder – oder war es doch echt? Ein ernsthaftes Hilfsangebot, das mir irgendwer in die Manteltasche gesteckt hatte, als ich gerade nicht hinsah? Was auch bedeutete, dass mich jemand erkannt hatte trotz des Mantels und der hohen Stiefel, die ich draußen stets trug. Den Menschen präsentierte ich seit Jahrhunderten nur noch meinen Kopf, denn den konnten sie akzeptieren. Allerdings nur solange sie dazu nicht den Rest meines Körpers erblickten.

Einigermaßen frustriert ließ ich mich auf meinen Ohrensessel fallen, legte die Hintertatzen auf die Steinumrandung des Kamins. Ich starrte in die orange-rot-gelb-grün-blau flackernden Flammen und rieb mir mit eingezogenen Krallen den Kopf. So ungern ich es zugab, ich steckte in einer Notlage. Und das nicht erst seit gestern.

Seit der Erfindung des verfluchten Internets schwand der Respekt der Menschen vor mir. Und heutzutage hatte wirklich niemand mehr auch nur ein Fünkchen Angst vor Rätseln. Kaum stellte ich eines, tippten sie auf ihren vermaledeiten Geräten herum und – zack! – kam die Antwort. Es war zum Heulen. Niemand zitterte vor mir, niemand ließ sich auf ein Wortgefecht ein, bei dem ein Argument klüger war als das andere, bei dem wir um Antworten rangen und uns in höchste Sphären des Wortglücks verstrickten, neue Bedeutungen und unwahrscheinlichste Lösungen fanden, alles um uns herum vergessend, weil nur die nächste Wendung, nur dieses Hin und Her, Vor und Zurück, nur das Gespräch zählte mit dieser köstlichen Note der Anspannung, weil es um Leben und Tod ging.

Für den Menschen, versteht sich, nicht für mich.

Ich schubste den Zettel von der Armlehne. Er segelte elegant zu Boden und landete natürlich mit der Schrift nach oben. Ich knurrte ihn an. Halbwesen! Unverschämtheit! Ich war ein ganzes Wesen! Mein Menschenkopf gehörte zu meinem Löwenkörper und umgekehrt. Nichts an meiner Gestalt machte mich halb. Ich sollte den verdammten Zettel den Flammen übergeben und nicht weiter darüber nachdenken.

Aber genau da lag das Problem. Der Zettel bedeutete ein Rätsel. Und Rätseln konnte ich noch nie widerstehen. Zudem hatte sich jemand erdreistet, meinen Namen als Akronym zu verwenden, ohne mich um Erlaubnis zu bitten, ohne mir auch nur den kleinsten konkreten Hinweis darauf zu geben, wie ich mit dieser Sozietät in Kontakt treten konnte. X (marks the spot) – was sollte das schon heißen? Sollte ich jetzt die Stadt danach absuchen, ob irgendwer irgendwo ein großes X hingemalt hatte? Lächerlich!

Das Knistern der Flammen klang wie zustimmendes Gelächter. Ich dehnte und krümmte die Tatzen, genoss die Wärme. Was sonst blieb einem phantastischen Wesen, das ausgedient hatte? Elende Unsterblichkeit. Ich blieb ich, und die Welt veränderte sich, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Ich legte die Vordertatzen übereinander und stützte das Kinn darauf. Wie sollte so eine Sozietät mir schon helfen? Konnte die das Internet auslöschen? Meiner Existenz wieder Sinn verschaffen? Die Flammen tänzelten und knisterten, und ich wischte dazu im Takt mit dem Schwanz über den Steinboden.

Rätsel aufzustellen war eindeutig vergnüglicher, als Rätsel zu lösen.

Ich seufzte eine Weile vor mich hin, während die Flammen spotteten, als wüssten sie die Antwort längst, würden sie aber um keinen Preis der Welt verraten. Ich streckte ihnen die Zunge raus, aber das beeindruckte sie wenig. Also leckte ich mir über die Lippen, als hätte ich ohnehin nichts anderes beabsichtigt. Ein X. Nun, ein X war auch nichts anderes als ein Symbol, das die Elemente miteinander verband. Die Magie lag in der Mitte. Natürlich! Ich sprang auf.

Feuer hatte ich bereits. Weder Wasser noch Erde stellten mich vor ein Problem. Doch wie ließ sich Luft einfangen? Ich lief vor dem Feuer auf und ab, bis ich auch auf diese Frage eine Antwort gefunden hatte.

Fehlte nur noch das X. Ich tunkte eine Tatze in den Ruß des Kamins und zog eine Linie von Feuer zu Wasser, dann eine zweite von Erde zu Luft. Sie kreuzten sich genau in der Mitte. Ich hockte mich zwischen Erde und Wasser und starrte den Kreuzungspunkt an. Dort tat sich nichts. Ganz und gar nichts.

Vermutlich musste ich mich in eben diese Mitte begeben. Wenn es war, wie ich dachte. Was sollte schon schiefgehen?

Entweder war ich das fehlende magische Element, das die Tür zu dieser Sozietät öffnete – oder es würde schlicht gar nichts passieren. Letzteres wäre mehr als enttäuschend. Niederschmetternd.

Das Ganze könnte natürlich auch eine Falle sein. Aufgestellt von Menschen, die Jagd auf phantastische Wesen machten. Mein Schwanz zuckte, und ich wünschte mir, ich könnte dasselbe mit den Ohren tun. Ich tappte mit den Krallen auf den Steinfußboden.

Wer nicht wagt

Ich knurrte den Kreuzungspunkt an. Spannte die Muskeln. Ließ das Knurren zu einem Grollen anschwellen. Dann sprang ich. Mitten hinein in das X.

Ich landete – tja, das würden Sie jetzt gern wissen, nicht wahr? Also, wo ich landete.

Aber das ist ein Rätsel, das Sie selbst lösen müssen. Wenn Sie denn den Mut dazu haben. Was haben Sie denn gedacht? Dass eine Sphinx ihnen alles verrät?

(Immer wenn ein Monat fünf Montage hat, wie dieser Januar 2022, schreiben wir alle vom Team #phantastischermontag eine Geschichte zu einem phantastischen Wesen. Für den Januar haben wir uns auf die Sphinx geeinigt.)

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