Phantastischer Montag: Bis wir uns wiedersehen

Liebe B.,

über mir flirren die Blätter unseres Olivenbaums silbrig-grün im Sonnenlicht. Wenn ich mich an den Stamm lehne und die Augen schließe, meine ich, Deine Stimme zu hören. Es ist immer noch absurd, Dich so weit fort zu denken. Wenn ich in den Nachthimmel schaue, versuche ich, mir die Sterne hinter den Sternen vorzustellen, die Du von Deinem Planeten aus siehst. Ich gestehe, es gelingt mir nicht. Irgendwann …
Gestern habe ich ein Buch aus der Zeit des Aufbruchs gefunden. Wie anders damals alles war! Kaum zu fassen, dass das alles gerade einmal fünfzig Jahre her ist. Vielleicht liegt das an meinem Alter, aber wenn ich die Augen schließe, ist mir, als hätten wir uns gerade erst gestern verabschiedet. Wie untröstlich wir waren! Zwei Zwölfjährige unter einem Olivenbaum, der damals schon achtmal so alt war wie sie. Weißt Du noch? Wir haben das Losverfahren verflucht, das Deine Familie hinauf und hinter die Sterne schicken würde und meine hier an die alte Erde band. Keine von uns dachte, dass diejenigen, die zurückbleiben mussten, eine Chance hatten.
Vergib mir, heute bin ich noch nostalgischer als sonst. Ich wette, das sind die Hormone. Verdammte Wechseljahre! Was wirst Du nur von mir denken, wenn Du in ein paar Monaten diesen Brief liest? Wenn ich ihn noch rechtzeitig vor dem Ende meiner Mittagspause zur nächsten Kapsel bringen will, muss ich mich sputen. Ich verspreche, der nächste Brief wird fröhlicher. Halte mich nicht für traurig – heute sind nur die Erinnerungen besonders stark.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

manchmal – oft – frage ich mich, was uns hier so fern der alten Heimat hält, wo doch bei euch alles wieder gut zu laufen scheint. Aber natürlich kann ich das nicht laut fragen, weil hier ja alles so viel besser ist. Offiziell. Wir, aus der ersten Generation, sehnen uns alle zurück. Da bin ich mir sicher. Für die dritte und vierte Generation ist die alte Heimat nur noch eine Erzählung – so unwirklich wie ein Leben unter einem offenen Himmel. Oder ein Olivenbaum. Meine Nichten und Neffen halten mich für verrückt, wenn ich versuche, ihn zu beschreiben. Sie sagen das nicht, aber ich sehe doch, wie sie die Augen verdrehen und ihren Kindern bedeuten, die Alte nicht auszulachen. Immerhin, so viel Respekt haben sie noch.
Hier ist eine wilde Vermutung: Ich glaube, es schmuggeln mehr Menschen persönliche Briefe in den offiziellen Kapseln hin und her als nur wir beide. Ja, manchmal denke ich, das tun alle der ersten Generation. Nicht, dass irgendwer von uns darüber redet! Aber manchmal meine ich etwas in einem Blick zu sehen, eine wilde, hartnäckige Hoffnung, eine neue Zuversicht. Und dann wächst auch meine wieder.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

was für ein Fest das heute war! Wir haben das neue Olivenöl gekostet, und ich habe Deinen Brief erhalten. Jetzt sitze ich auf dem Hügel, von dem aus ich bis aufs Meer blicken kann. Ein voller Mond wirft sein Licht darüber und ist so hell, dass die Bäume hier oben Schatten haben. Bei so einem Anblick sind die Erinnerungen an grau-verpestete Luft und Plastik-verseuchte Landschaften ebenso unwirklich wie ein offener Himmel für Deine Nichten und Neffen. Wie ich mir wünsche, Du wärst hier! Manchmal, wenn ich ganz früh aufwache – in der noch grauen Dämmerung, wenn der Gesang der Nachtigallen in den der Feldlerchen übergeht -, dann ist da dieser Moment, in dem ich davon überzeugt bin, dass all diese Jahre der Traum waren, und ich gleich in der Wirklichkeit die Augen aufschlagen werde, zehn Jahre alt oder auch elf und noch im Nachthemd über den Hügel zum Haus Deiner Familie laufe, um Dich zu wecken, Du Langschläferin. Wir stehlen uns ein Frühstück in Deiner Küche –
und dann werde ich richtig wach und meine verrosteten Knochen erinnern mich an mein wahres Alter. Ich habe keine Ahnung, ob wir hier inzwischen wieder alle ernähren könnten, wenn tatsächlich die gesamte erste Generation zurückkehren würde … Ich weiß ja nicht einmal, wie ihr das mit einer Rückkehr anstellen würdet …
Für Dich ist immer genug da!
Das Meer schickt eine kühle Brise hinüber. Ich sollte ins Haus gehen. Aber ich werde noch eine Weile hier sitzen bleiben, wo ich das Gefühl habe, meine Wünsche zu Dir schicken zu können, bis Du sie in Deinen alten Knochen spürst.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

Liebe X.,

Du warst also dieser Schmerz tief in meinen Knochen! Und bitte: Wir sind nicht alt, nur gut gereift. Zumindest habe ich beschlossen, Falten und weiße Haare und gelegentliche Gelenkschmerzen als ein Zeichen von Würde zu betrachten. Ein Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind.
Keine Sorge, der Schmerz war nichts Ernstes, nur etwas Überanstrengung, weil ich beweisen musste, dass ich mindestens noch so fit bin wie diese Jungspunde. Die meinten doch tatsächlich, mir etwas über die Reparatur von den Versorgungsmaschinen erzählen zu können. Ha! Also bin ich durch schmale Schächte gekrochen und habe mehr Störungen behoben als sie alle zusammen. Meine Knochen haben mir das dann übel genommen (wobei mir Deine Erklärung besser gefällt). War aber nach drei Tagen auch wieder vorbei.
Noch mal: Keine Sorge! Alle Maschinen schnurren wieder. Und ich habe ein paar Teile mehr. Weißt Du noch, unsere alten Zeichnungen? Ich habe ein paar Anpassungen gemacht, und ich bin sicher, sie wird funktionieren.

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine B.

 

Liebe B.,

wage ich zu hoffen? Wer nicht hofft, kann auch nicht enttäuscht werden, hat meine Großmutter immer gesagt. Aber das waren andere Zeiten. Aussichtslose, wie es schien. Und sie hat ja trotzdem immer weiter gekämpft – ich glaube, sie hat gehofft entgegen allen Ängsten. Wie hätte sie sonst weitermachen können? Ich glaube, sie wollte uns Kinder abhärten, weil sie glaubte, dass wir es dann leichter hätten.
Du hast schon recht, es sind Ehrenabzeichen dafür, dass wir immer noch da sind, Du in meiner Ferne und ich in Deiner.
Weißt Du, dass Olivenbäume über tausend Jahre alt werden?

Ich denke jeden Tag an Dich. Bis wir uns wiedersehen,
Deine X.

 

(Archiv der geheimen Briefe aus der Zeit der großen Trennung. Verfasserinnen sind vermutlich Xila K. und Berit F., erste Rückkehrerin)

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