Phantastischer Montag: Blaue Stunde

Seit jenem Abend war sie immer bei Anbruch der Dämmerung auf der Brücke. Die Dunkelheit fiel herab und die erste Laterne flackerte auf. Flackerte, zögerte, leuchtete. Die nächste in der Reihe schloss sich an und die nächste, die gesamte Brücke entlang, bis sie alle ihren Schein unter dem samtenen Abenddunkel ausbreiteten und auf dem Wasser schaukeln ließen. Die Luft war feucht-kühl und roch nach trocknendem Laub.
Abend für Abend beobachtete sie das Lichterschauspiel. „Genau so musst du es machen“, hatte Kalana gesagt. „Konzentriere dich auf einen Schritt nach dem anderen, dann läuft es wie von selbst.“

Kalana hatte leicht reden. Sie hatte jahrelange Übung in diesen Gedanken. Eine der Laternen blinkte. Aus. An. Aus. An. Aus – und wenn das passierte, wenn nur an einem Punkt die Konzentration nachließ, die Energie schwankte, würde sie verlöschen. Lixa schauderte. Die Laterne blinkte erneut. An. Jetzt zitterte ihr Licht nur noch auf dem Wasser. „Du musst einfach anfangen“, hatte Kalana gesagt. Und: „Danach wirst du mich wiedersehen.“ Lixa spürte den Kuss noch auf der Wange, die Hände auf den Schultern. Warm und dann fort, flüchtig wie ein Windhauch.

An den Rändern des Laternenlichts schien das Wasser dunkler als der Himmel. Alle Geräusche der Stadt klangen gedämpft, fern wie eine andere Welt. Als formte das Licht einen transparenten Schild um die Fußgängerbrücke. Als könnte sie hinaussehen aber niemand hinein.

„Tu es nur, wenn du dir ganz sicher bist.“ Das waren Kalanas letzte Worte zu ihr gewesen. Lixa sah einer Atemwolke nach, die sich über das gusseiserne Geländer stahl, zerfledderte. Wenn sie lange genug wartete, würde der Mond den Laternen Konkurrenz machen, das Wasser des Flusses versilbern. Wenn sie lange genug wartete, würde sie die Entscheidung wieder um eine Nacht verschieben. Wenn sie lange genug wartete, konnte sie vielleicht vergessen.

Leises Lachen durchzog die Nacht. Natürlich. Sie wusste ja auch, wie unmöglich das war. Sie hatte hingeschaut. Und das einmal Gesehene ließ sich nicht wieder ungesehen machen. Da spielte es keine Rolle, ob sie den Mut fand, daran zu glauben. Oder nicht.

Schritt eins. Tief durchatmen. Wieder und wieder. Bis die tiefen Atemzüge so natürlich waren, dass sie nicht mehr an sie denken musste. Und das war auch schon Problem eins: wenn sie an etwas nicht denken sollte, dachte sie beständig daran. Atmen. Lixa sog die kühle Luft in sich, ein belebend-kühler Schock bis hinab in die Zehenspitzen. Beim Ausatmen strömte sie warm aus ihr hinaus. Atmen.

Schritt zwei. Stillstehen. Sie spürte den festen Grund unter ihren Füßen. Fest und sich spannte er sich durch die Luft, spannte sich über das glucksende, dunkel dahineilende Wasser. Ein leichter Wind strich über ihre Wangen, floss um sie herum, eilte davon in alle Winkel der Stadt, trug jeden ihrer Atemzüge mit sich fort. Fügte sie dem Pulsieren der Stadt hinzu, einem Pulsieren aus tausenden von Atemzügen, die sich aus Fenstern stahlen, an Häuserwänden emporstiegen, durch Straßenschluchten glitten, im Laub der Bäume raschelten, Gelächter und Stimmen Kraft gaben, auf den weiten Plätzen tanzten, mühelos jeden Graben überwanden.

Schritt drei. Stillstehen, bis stillstehen unmöglich wurde.

Schritt vier. Losrennen. Mit weit geöffneten Augen und noch weiter ausgestreckten Armen. Lixa rannte und jedes Auftreffen ihrer Schritte klang laut durch die Nacht. Sie rannte, bis ihre Schritte zu Sprüngen wurden. Hoch und höher.

Schritt fünf. Mit einem Sprung aufs Brückengeländer. Mit einem Fuß balancierte sie auf dem eisernen Geländer, spürte, wie es sich mit den Steinen der Brücke verband, mit dem Ufer zu beiden Seiten, spürte die Leere vor sich, den Wind, dem sich ihr Körper entgegenreckte.

Schritt sechs. Vertrauen. Springen.

Lixa riss die Augen noch weiter auf. Sie streckte ihren Körper, bis sie mit jedem Atemzug das Pulsieren der Stadt einatmete, mit jedem Ausatmen den Rhythmus formte. Bis sie das Strömen der Luft spürte.
Sie sprang.

Die Strömung fing sie auf, verfing sich in ihren Flügeln, trug. Ihre Flügel reichten weit über ihre Fingerspitzen hinaus, schwangen sich über ihren Rücken. Schuppen schützten ihre Haut, hielten sie sicher und warm, während sie sich höher und höher hinauf schraubte, während sie das Maul aufriss und einen Feuerstrahl über den Himmel schickte, der heller strahlte als jede Laterne und begleitet von ihrem tief rumpelnden Lachen im Fluss verglühte.

Aus den Tiefen der Nacht löste sich ein Schatten, flog ihr entgegen, flog an ihre Seite. Im grün-goldenen Schimmern der vertrauten Augen sah Lixa ihre neue Gestalt zum ersten Mal. Sie streckte ihre Flügel, wollte die ganze Stadt umarmen. Die ganze Welt. Kalana blinzelte ihr zu.
Unter ihnen leuchtete der Fluss silbrig im Mondlicht.

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